Verschiedene Verhältnisse

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Briefe an unseren Bufdi

Ich glaube, es wäre ganz passend, wenn wir mal über Verhältnisse reden und was es da so alles gibt. Naheliegend ist zum Beispiel Folgendes: Wenn mein Freund ein Verhältnis hätte, dann würde ich ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden haben. Das gehört sich nicht seiner Frau gegenüber. Aber genauer gesprochen hat er natürlich viele Verhältnisse, auch wenn er neben seiner Gattin keine heimliche Geliebte hat. Er hat ein Verhältnis zu seinen Kindern, eins zu dem Stuhl, auf dem er immer sitzt, eins zu seiner Badewanne und ein Verhältnis zur Welt als ganzes, in der er lebt. Nilpferde haben ein Verhältnis zu dem Gras, das sie fressen und zu dem Wasser, das sie verdrängen.

Der Philosoph Wittgenstein meint, ein Rad, das sich dreht, und bei dem sich nichts mit dreht, das gehöre nicht zur Machine. Aber wenn es in ihr eingebaut ist, denn hat es doch irgendwie ein Verhältnis mit ihr, denn irgendwo drinnen sein beschreibt schon ein Verhältnis. Das klingt jetzt alles etwas spitzfindig, aber Spitzen finden gehört nunmal zum Handwerk der Philosophen. Wenn ein Arbeiter kein Verhältnis mit seiner Kollegin hat, so doch das kollegiale des Kollegenseins. Wenn Gott denken und etwas wollen kann, dann hat er ein anderes Verhältnis zu seiner Welt, wie das überpersonelle „Eine“ des Plotin, aus dem alles kommt, das aber nichts wollen kann. Wenn die Gottheit überhaupt etwas wollen kann, dann will es die Welt und Dich und mich. Wollte sie sie nicht, dann wäre sie nicht da. Wenn Plotin Recht hat, dann ist die Welt automatisch da, und wir sind nicht gewollt, sondern passiert.

Wir haben mit dem Denker Augustin schon gesehen, etwas lieben heißt, sein Dasein wollen. Wir können aber auch in aller Vorsicht sagen, das reicht noch nicht ganz für das, was wir für gewöhnlich Liebe nennen. Jemanden in unserem Sinne lieben heißt sicher auch so etwas wie mit ihm zusammen sein, zusammen leben, nahe sein wollen. „Ich will nicht nur, dass es Dich gibt, und dass es Dir gut geht, ich will auch immer bei Dir sein.“ So etwas meinen wir doch, wenn wir von der Liebe sprechen und es wäre zu fragen, ob solches aus dem Mund der Gottheit zu vernehmen wäre. Viele moderne Gelehrte des Islam würden uns sicher sagen, das gehe jetzt alles schon viel zu weit und würden Verbote aussprechen. Ich sage „moderne“ Gelehrte und meine damit, die von heutzutage. Im frühen Mittelalter haben die muslimischen Gelehrten sich viele Gedanken über Gott und seine Verhältnisse gemacht und es gab einen regen Austausch zwischen den Religionen. Irgendwann haben sich aber Leute durchgesetzt, die zu sagen hatten und die hier die berühmten Verbote ausgesprochen haben. Es heißt, in der Frage, was man mit den eroberten Bibliotheken anstellen sollte, habe es geheißen: Wenn in den Büchern steht, was auch im Koran zu finden ist, dann sind sie unnötig. Lehren sie etwas anderes als im Koran, dann sind sie gefährlich. Also in jedem Fall verbrennen. Christen zu allen Zeiten nicht viel anders gedacht und gehandelt, das sollten wir nicht unterschlagen. Auch hier denken nicht wenige bis heute, neben der Bibel seien andere Bücher nicht brauchbar. Es gebe so etwas wie zwei Wahrheiten, eine der Philosophen und eine der Religion. Der Religion sei immer der Vorzug einzuräumen. Im katholischen Christentum hat sich allerdings ein Gedanke durchgesetzt, den der heilige Thomas etwa ins Wort gebracht hat: Der Glaube kommt von Gott, die Vernunft ebenfalls. Beides richtig gesehen, kann sich eigentlich nicht widersprechen. Das führte zur mutigen, manchmal kühnen, philosophischen Betrachtung dessen, was wir über Gott denken können und von ihm wissen. Die Gottheit habe uns etwas von seinem Wissen mitgeteilt, gerade damit wir drüber nachdenken. Der Mensch bekommt hier eine Würde der Verantwortung, am Ganzen mit zu tun.
Wie immer auch, aus dieser Mischung von informiert worden sein und nachdenken erhalten wir die Information, nach der Gott ein Verhältnis zur Welt und zu uns hat, die wir mit unsren schönsten Gedanken der Liebe beschreiben können.

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Was nicht sein muss, muss manchmal irgendwie doch sein

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Briefe an unseren Bufdi

Deine Kritik steht noch im Raum, und es war hilfreich, dass Du sie noch mal präziser gefasst hast. Sie besteht nun sogar aus zwei Fragen. Auf die sollten wir auch einzeln eingehen. Zum einen die schon genannte: Warum sollte der Allerhöchste die Instanz des Priesters zwischen sich und den Menschen einziehen, wo doch jeder Mensch schon immer unmittelbar vor ihm steht, vielleicht sogar viel näher als der nächstbeste Geweihte? Das ganze muss doch auch ohne gehen! Zum zweiten: Wenn die Priester sein sollen, dann stehen sie eine Stufe höher zu Gott als die anderen Menschen. Damit ist doch dann Tür und Tor dafür geöffnet, sich etwas einzubilden und sich besser zu fühlen oder behandeln zu lassen.

Zum ersten: Grundsätzlich müssen Priester nicht sein, das hatten wir schon gesagt. Es wird auch kein Priester an meiner statt an den Hammelbeinen gegriffen und kein Priester wird an meiner statt für irgendetwas gelobt, was ich getan habe. Den ganzen Tag bete ich direkt zu Gott, ohne dass ein Priester helfen muss. Warum also gibt es Themen, in denen etwas ohne Priester nicht zu haben ist? Zunächst: Warum weiß ich auch nicht. Ich glaube nur, dass es so ist und habe meine guten Gründe es zu glauben.

Angenommen, Du willst nach Amerika. Die Rockys sind Dein Ziel. Dein Freund sagt: „Nimm den Flieger, das geht am schnellsten“, und Recht hat er. Erklärst Du ihm, Du würdest aber lieber mit dem Schiff übersetzen, dann wird er Dir sagen, die Zeit zu verschwenden sei nicht nötig, womit er wieder Recht hat. Du entscheidest Dich dennoch für den Dampfer, aber nicht, weil Du zu den Rocky Mountains willst, sondern, weil Du auch das Vergnügen der Seefahrt in die Reise einbauen möchtest. Für eine Reise in die Berge ist das nicht nötig. Für die Reise aber, die Dir vorschwebt, muss das sein. Die Schifffahrt muss auf die eine Weise also nicht sein; für das, was Dir vorschwebt, aber doch.
Der heilige Thomas sagt einmal, der allmächtige Gott hätte die Welt auch ganz ohne das Opfer Jesu erlösen können. Für das alles aber, was er damit erreichen wollte, hatte das Ganze sein gewisses Müssen. Also war das Opfer notwendig und auch wieder irgendwie nicht.
Ein reicher Mann kann seiner Tochter mal eben zwanzigtausend Taler überweisen, wenn sie was braucht. Er kann sie aber auch persönlich vorbei bringen, um es schöner zu gestalten. Wenn er wegen irgendetwas ihre Verzeihung erbitten will, bringt er das Geld am besten zu Fuß über die Berge. Das kann bei völliger Unnötigkeit durchaus seine innere Notwendigkeit haben.

Ich habe einen bekehrten Christenfreund, der ganz anders zur Sache gefunden hat, als wir hier unsere Wege bestreiten. Er war eher mystisch vorgegangen und erzählte mir später: „Da gibt es dieses Gerücht, dass jemand für mein persönliches ewiges Glück mit meinen Lieben einen schrecklichen Tod gestorben ist. Daran war zwar noch viel völlig unverständlich. Aber ich wollte um jeden Preis wissen, ob das wahr ist!“ Also hat er sich auf den Weg gemacht, die Frage zu klären. Für sich ganz persönlich, darin liegt der Kern der Mystik, denn die ist ihrem Inneren nach immer ganz persönlich und ganz privat. Wenn Gott uns den Himmel baut und schenkt, dann ist das schon etwas großes. Wenn aber sein Sohn ein schweres Opfer dafür gebracht hat, dann fundiert das noch einmal eine ganz andere, emotionale Ebene, auf der das ganze Verhältnis am Ende und für immer ruhen wird.
Im Gespräch mit Muslimen über die Religion wirst Du feststellen können, dass ihre emotionale Beziehung zur Gottheit immer irgendwie ganz anders gestrickt ist, als die der Christen. Das liegt an der Tatsache, dass ihr Prophet verkündete, das Opfer Jesu habe es nie gegeben. Wenn man so möchte: Nur das Opfer Christi für uns erlaubt uns genau diese emotionale Basis, auf die der Glaube der Christen aller Zeiten ruht. Das ist übrigens ein Argument des heiligen Thomas: Das Opfer musste sein, insofern Gott unserer Liebe zu ihm eine neue Basis geben wollte.
Du wunderst Dich vielleicht, dass ich vom Thema abgekommen bin. Die Frage ging ja nicht ums Opfer, sondern um die Priester. Unser Thema ist nur scheinbar verfehlt. Denn wir reden die ganze Zeit über den einzigen Priester, den es überhaupt gibt. Der, der das Opfer gebracht hat, ist der einzige wirkliche Priester für immer und ewig. Alle anderen, die sich „seine Priester“ nennen dürfen, sind es nur insofern sie das auf den Altären vollziehen, was allein er tut. Aber darüber später, wenn Du möchtest. Die Verkündigung lautet auf jeden Fall so: Er allein ist der Priester, das Opfer und sogar der Altar, auf dem es gebracht wird.

Was man immer mit sieht

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Briefe an unseren Bufdi, Nr. 5

Wenn aus nichts nichts werden kann, dann kann es eigentlich nur zwei Lösungen geben. Wie gesagt, „nichts“ meint hier wirklich nichts, und sagt deshalb, es gibt auch keine Möglichkeit, etwas zu werden. Ohne Möglichkeit kein Geschehen, oder? Erst ein solches Nichts wäre wirklich nichts. Das alles heißt: Entweder es gab schon immer irgendetwas oder es gab nie was. Da es aber ganz offensichtlich etwas gibt, deshalb kann es das wirkliche Nichts nicht geben und nie gegeben haben. Vermutlich waren es solche oder ähnliche Gedanken, die den Philosophen Nietzsche veranlassten, von der ewigen Wiederkehr des gleichen zu sprechen.

Gestatte mir, werter Bufdi, das Bild noch einmal zu bemühen, das ich Dir in unserem kurzen Gespräch schon einmal vorgelegt habe. Zwei Leute stehen im Nebel. Von weit weg nähert sich der Nachbar des einen. Beide sagen zuerst: „Da ist was.“ Dann: „Es bewegt sich und kommt auf uns zu.“ Erst später erkennen sie einen Menschen, dann einen Mann mit Hut und dass nur der Nachbar einen solchen Hut hat. Ist er angekommen, löst sich das Rätsel und er ist es. Was aber zuerst gesehen wird, das ist: „Da ist was.“
Philosophisch könnte man, erstens, sagen, das erste was gesehen wurde, war das Vorkommen, das Existieren von etwas. Zweitens können wir behaupten, dieses reine Existieren wird immer mit gesehen. Bei jedem Ding, das man sehen kann, können wir „da ist was“, sagen. Wir bemerken – unausgesprochen natürlich – immer die Existenz, das Dasein, das Sein der Dinge mit.
In unserer Frage nach den Dingen und dem Nichts, geht es eigentlich erst einmal nur um dieses Sein. Wenn jemand sagt, die Sachen, die den Urknall ermöglichten, muss es irgendwie gegeben haben, dann kann er nicht sagen, was genau. Er kann nur sagen, dass da etwas gewesen sein muss.

Aristoteles meinte bereits, allen Dingen ist das Sein gemeinsam. Sie können so verschieden sein, wie sie wollen, ob ein Gedanke, ein Buch, ein Mensch oder eine Bushaltestelle, allen ist ihr Sein gemeinsam und allen ist gemeinsam, dass sie dieses Sein haben. Sein allein gibt es aber nicht. Sein ist immer so oder so sein. Menschen sind so, dieser eine Mensch nochmal so. Kühe sind so und Pferde so, aber alle sind. Es geht um dieses Sein und zu fragen wäre als nächstes, woher es kommen könnte.
Alle Dinge haben es und sie haben es nicht aus sich selber. Sie haben es einfach.
Wir haben unser Leben und wir können was draus machen. Gemacht haben wir es nicht. Kein Ding kann für sein eigenes Dasein gesorgt haben. Ebensowenig können die Dinge sich selbst vernichten. Pinocchio kann sich mit etwas Geschick Füße, Arme und Beine abschrauben. Er kann am Ende aber nicht allein dafür sorgen, dass nichts mehr von ihm da ist. Das Letzte und Einfachste, das Sein, ist irgendwie von außen. Deshalb sagen wir von allen Dingen, sie verdanken sich irgendetwas. Meister Gepetto hat die Puppe geschnitzt und er allein kann sie zerstören.

Als nächstes folgt eine Glaubensfrage. Du erinnerst Dich an Plotin: Der nahm an, allen Dingen der Welt ist gemeinsam, dass sie indirekt oder direkt aus einem Einzigen herausfließen. Dieses Eine muss irgendwie ganz anders sein als alle Dinge. Aus ihm fließt das Geistige, also ist es selbst nicht geistig. Aus dem Geistigen fließt das Materielle, also ist das Eine nicht materiell. Dieser philosophische Gedanke half schon immer den gläubigen Philosophen, anzunehmen, das Sein der Dinge verdanke sich auch einem ganz anderen Dasein, das selbst sein Sein nicht bekommen haben kann, sondern irgendwie schon immer ist und alles irgendwie aus sich heraus zustande bringt. Dieses, nennen wir es oberstes Prinzip, hat nicht sein Sein, es muss selbst sein Sein schon immer sein. Der Denkerkönig Thomas von Aquin sagt dazu: Das ist das, was alle Gott nennen. Aber wie gesagt, ob es das gibt oder nicht, ist eine Glaubensfrage. Deren Antworten haben verschieden große Wahrscheinlichkeiten, sie werden aber von manchen geteilt, von manchen nicht.

Das dauernde betroffen sein

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Islam und Christentum 51

Jetzt ist die Liebe an der Reihe. Und bevor ich mit ihr loslege, würde ich gern eine kleine Meditation über eine Sache einschieben, über die hin und wieder nachzudenken ich lohnenswert finde. Es ist die Sache mit dem herausgefordert werden des Menschen. Wir können mit einer Formel beginnen:

Wer von etwas getroffen wird,
der muss irgendwie reagieren.

Du kennst das Spiel  noch aus unserer Zeit in der Schule. Dauernd kamen die Kinder (und auch die schon etwas älteren) zu mir mit der Beschwerde, irgendwie von ihren Mitschülern beleidigt worden zu sein. Es ging dann immer um die Frage, wie man angemessen reagiert. Wer beleidigt wird, hat das Recht, die Pflicht oder ganz allgemein gesagt, die Möglichkeit, zu reagieren. Gar nicht reagieren geht gar nicht. Eine Beleidigung, die uns nicht trifft, ist keine. Ein getroffenes Tier aber reagiert immer, und wenn es im Lauf auch nur kurz zuckt. Eine Beleidigung ist also immer eine Herausforderung, und damit spielt derjenige, der uns beleidigt. Er weiß, dass er uns treffen kann und erwartet, dass wir mit unserer Reaktion einen Fehler machen.

Man kann das menschliche Leben jetzt auch einmal betrachten, wie eine Sache, die uns dauernd mit etwas herausfordert. Wenn plötzlich ein Kind entsteht, dann ist das für das Leben auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Eltern müssen darauf reagieren, und was wir die Ethik nennen, stellt uns immer ganze Kataloge auf, wie man mehr oder weniger falsch reagieren kann.

Nicht umsonst haben die alten Geschichten die Liebe schon mal als einen kleinen, dicken Engel dargestellt, der mit einem kleinen Bogen spitze Pfeile auf die Menschen abschießt. Das Verliebtsein trifft uns wie ein Pfeil. Wir haben vielleicht lange Zeit in ziemlicher Ruhe vor uns hin gelebt; plötzlich tritt da ein Mensch in unser Leben, der alles in Wallung bringt und uns nicht in Ruhe lässt. Man ist plötzlich ganz außer sich, heißt es im Volksmund und bei den Philosophen. Es ist aber wie mit dem Tier auf der Wiese. Wenn es getroffen wird, dann kann es gar nicht anders, als reagieren.

Um den Gedanken etwas vollständiger zu machen: Es gibt auch Dinge, die uns  ganz grundsätzlich und immer herausfordern. Für sie braucht es keine Pfeile und keine Ereignisse oder Begegnungen, die auf uns abgeschossen werden. Das Gute, das Böse und die Wahrheit sind Dinge, von denen wir immer herausgefordert werden und von denen jeder ganz allgemein und automatisch sagt, dass es ein richtig und falsch gibt. Solche Dinge sind etwa das Gute, das Böse und die Wahrheit. Wir brauchen hier jetzt gar nicht über diese Dinge zu philosophieren. Es reicht, wenn wir sagen, jeder normale Mensch weiß, das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen, und der Wahrheit ist immer die Ehre zu geben. Diese drei Dinge sind immer irgendwie in allem, was uns anspricht und trifft. Wir sehen jemanden einen Raubmord begehen, und alle sagen, das ist böse und verboten.

Jeder Dieb beschwert sich,
wenn er beklaut wird.

Dass der heilige Martin dem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gab, weil diesem so kalt war, wird von allen als große und gute Tat gepriesen. Viele würden das nicht machen und lieber schweigend weiter ziehen, bevor sie ihren Luxus teilen. Aber keiner sagt, das sei besser. Der Satz „du sollst nicht lügen“ hätte bei den Zehn Geboten fast gar nicht dabei sein müssen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Jeder Mensch  weiß eigentlich, es gehört sich nicht, die Wahrheit zu verbiegen.
Der Philosoph Nietzsche hat schon mal gewagt, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Als ich Gedanken wie „warum soll ich keine Frau vergewaltigen?“ zu lesen hatte, war ich in meiner Unschuld tief getroffen und entsetzt. Allein die Frage zu stellen, um ernsthaft über sie nachzudenken, kam mir wie ein Verrat am Gefüge des ganzen Universums vor. Aber Philosophen dürfen und müssen das: Sich in verbotene Zimmer wagen und Pfade beschreiten, die nicht ausgetreten werden dürfen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, gute oder schlechte Antworten zu geben.

Wie immer auch, wenn wir von der Liebe sprechen, dann meinen wir im alltäglichen Denken so etwas, wie ein positives getroffen werden. Die Summe fängt auch mit diesem Gedanken an: „Die Liebe ist eine passio, eine Leidenschaft“, also etwas, was uns trifft. Dann aber kommt der eigentliche Gedanke: Gott aber kann in seiner Gottheit von nichts getroffen und erschüttert werden. Also können wir nicht sagen, in Gott sei Liebe. Thomas widerspricht dem natürlich nicht. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Es gibt aber nicht nur leidenschaftliche Liebe. Der Meister setzt tiefer an: Bei allem, was man will, ist immer irgendeine Liebe der eigentliche Motor. Darüber sollten wir noch mal ein Wort verlieren.

Keiner weiß, was Leben ist

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Islam und Christentum, 44

Es gibt Leute in der Zunft der Schreiber, die können immer schreiben, und es gibt solche, die müssen auf ihre Eingebung warten, sonst wird das nichts. Ich gehöre zur zweiten Sorte, die schlechter dran ist. Wer auf den Zug warten muss, hat es weit weniger komfortabel als wer ein Fahrzeug sein eigen nennt, in der er nur einsteigen braucht. Aber was soll’s, es nützt nicht viel, seine schlechte Laune zu pflegen. Schließlich hört es auch nicht auf zu regnen, wenn man ihn nicht mag und schimpft. Ich sollte noch ein paar Gedanken zur Erläuterung einschieben, was das Innenleben Gottes angeht, und beginnen würde ich mit dem Leben selbst.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Vortrag eines Professors aus der Biologie angehört. Ich finde das Thema „Leben“ als solches interessant, und auch ohne selber von der Biologie sonderlich viel zu kennen, dachte es in mir:

„Oh, der Herr Professor nimmt sich viel heraus,
er lehnt sich vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster.“

Er hatte nämlich gesagt, wenn er eins wisse, dann, was Leben heiße. 
Wie gesagt, ich kenne nicht viel von der Biologie, ich weiß aber, dass man das nicht sagen kann. Keiner kann sagen, was das Leben ist und bedeutet, das Leben ist nämlich ein Mysterium.
Weißt Du schon, was ein Mysterium ist? Ein Mysterium ist  wie ein Geheimnis. Man kennt es nicht. Nur hat ist das Geheimnis etwas, das sich auflösen lässt. Hat man es gelöst, dann ist es kein Geheimnis mehr, weil man die Lösung kennt.
Es ist ein bisschen wir mit dem Unterschied zwischen einem Problem und einer Schwierigkeit. Hat jemand das Problem der Armut, dann ist die grundsätzlich lösbar. Wenn ihm ein anderer genügend Geld gibt, dann existiert das Problem nicht mehr. Es ist gelöst. Hat jemand die Schwierigkeit einer Behinderung, dann kann er nichts daran ändern. Schwierigkeiten sind nicht lösbar, man hat sie und sollte sich mit ihnen arrangieren, so weit es geht.
Mit dem Mysterium verhält sich das auch so. Es hat ein Geheimnis, hinter das man nicht kommen kann, jedenfalls nicht zu Lebzeiten auf der Erde. Mit Mysterien sollte man sich anfreunden. Man steht staunend davor, und wer an den Himmel der Christen glaubt, der kann sich auf seine feierliche Auflösung dort freuen. Im Himmel öffnen die Mysterien nämlich ihre Tore, und man kann schauend hinein marschieren. Wer nicht an den Himmel glaubt, der hat in dieser Sache Pech gehabt. Ihm geht es wie Gottfried Benn mit seinen letzten, berühmten Zeilen aus seinem Gedicht „Menschen getroffen“:

„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

Für den Christen besteht die Freude auf den Himmel gerade in der Auflösung und Begehbarkeit der Mysterien. Wenn man so möchte: Gott öffnet für seine Kinder sein Herz und lässt sie hinein schauen und hinein wandern sozusagen. Sie dürfen sein Innerstes betreten und erleben. Genau darin wird der große Genuss des Himmels bestehen. Aber davon mehr gegen Ende unseres Vorhabens, wenn wir den Himmel mit dem Paradies vergleichen.
Das Leben als solches ist also ein Mysterium. Es ist da, wir stehen staunend davor und können nicht sagen, was es ist. Wir können nicht sagen, wann genau es anfängt, wir können nicht sagen, wann genau es endet und schon gar nicht wie. Wir können wohl sagen, der Opa lebt, dann lebt er eben. Wir können auch sagen, ein Tier ist verendet, dann lebt es eben nicht mehr. Wie aber genau das Ableben geschah, das können wir nicht sagen, wir können auch nicht sagen, aus welchem Stoff es gewoben ist. Was lebt, das lebt eben, und auch der große Gelehrte Thomas kann nicht mehr sagen. Das Leben bedeutet, dass das Lebende sich aus sich selbst heraus bewegen kann. Das macht das Leben aus.
Ein kleiner Gedanke, bevor wir auf das Innenleben Gottes kommen: Der Anwalt des Thomas, Aristoteles, hatte einen Gedanken geäußert, der so schlicht, wie interessant ist und den sein Schüler Thomas öfter nennt:

„Das Leben ist das Sein des Lebewesens.“

Das heißt, ein Lebewesen hat sein Leben nicht, wie ein Schlosser seinen Schraubenschlüssel hat. Den kann er zur Seite legen und hört dabei nicht auf, ein Schlosser zu sein. Das Lebewesen hat nicht sein Leben, es ist sein Leben, oder besser gesagt, das Leben macht das Sein des Lebewesens aus. Wenn ein Hund etwa stirbt, dann ist er am Ende kein Hund mehr, denn ein Hund kann nur ein Hund sein, wenn er lebt. Ein Hund, der tot ist, ist ein ehemaliger Hund. So jedenfalls Aristoteles und mit ihm der heilige Thomas.
Das selbe sagen die Christen von Gott, auch wenn er über alles völlig erhaben ist. Auch für ihn muss eigentlich gelten, sein Leben ist seine Weise zu sein, und Leben bedeutet so etwas wie Bewegung von innen her und aus sich selbst, ohne etwas von außen dazu zu brauchen. Aber wie gesagt, wir stehen hier vor einem Mysterium.

Anm:
Sent. De anima 1,14,11: „Unde et vivere dupliciter accipitur. Uno modo accipitur vivere, quod est esse viventis, sicut dicit philosophus, quod vivere est esse viventibus. Alio modo vivere est operatio.“

– „Von daher versteht man unter Leben zweierlei. Zum einen das Leben selbst, das das Sein des Lebewesens bedeutet, wie der Philosoph sagt: Leben heißt Sein für das Lebendige.
Aristoteles schreibt sein Zitat in seinen zweiten Kapitel des Buches Über die Seele.

Sth I, 18,1,co: „Primo autem dicimus animal vivere, quando incipit ex se motum habere.“
– „Zunächst sagen wir ein Tier lebt, wenn es anfängt aus sich selbst heraus eine Bewegung zu entwickeln.“

 

Die Menschwerdung hat Gott nicht berührt

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Islam und Christentum, 41

Mohammed war kein Theologe. Er diktierte: „Gott hat keinen Sohn“, und fertig. Das reichte fürs erste. Wäre er ein Theologe gewesen, hätte er dazu sagen müssen, warum er keinen hatte, warum er keinen haben konnte. Er hätte wenigstens sagen müssen, wie sich seine Verkündigung möglichst gut begründen lässt.
Unsere beiden Schlachtschiffe der biblischen Verkündigung, die heiligen Petrus und Paulus, waren auch keine Theologen. Auch sie waren eher Verkünder, und keine Erklärer des Glaubens. Auch sie predigten lediglich, was sie gesehen und gehört hatten. Sie predigten die große Überraschung des dreifaltigen Gottes, der die Erde betreten hatte, um ihre Kinder von ihrem unlösbaren Problem zu erlösen. Sie predigten einen Gott, der die Eucharistie auf die Erde pflanzte. Sie predigten, den, der in seinem Tod den Planeten wieder verließ, um allen, die ihm folgen, den Himmel zu bauen und dort Wohnung zu bereiten.
Prediger sind nicht unbedingt Theologen und Theologen müssen keine guten Prediger sein. Der Prediger verkündet, was er glaubt, und der Theologe denkt darüber nach. Das sind zwei ziemlich verschiedene Dinge. Wenn Theologen predigen, schlafen die Leute ein, wenn Prediger Theologie betreiben, laufen sie am besten davon. Viele sind beides, aber nur wenige können das eine vom anderen trennen.

Was wir hier machen, ist eher Theologie, oder wenigstens ein aufrichtiger Versuch.  Deshalb gehört am Anfang des Kapitels von der Menschwerdung eine Sache noch einmal betont:

Die Menschwerdung Gottes
hat seine Gottheit weder verändert,
noch sonst wie berührt.

Gott als Gott ist immer schon ganz fertig. Seine Gottheit und sein Gottsein können sich nicht ändern, sie können auch nicht verändert werden. Wenn ich mir mal erlauben darf, so zu reden: Das „Allahu akbar“, das „Gott ist der immer Erhabenere“, wird nicht angetastet. Der Unveränderliche ändert sich nicht. Was wir über seine Dreifaltigkeit gesagt haben und noch sagen werden, ist auch nichts, was in ihn hineingedacht- oder gerechnet werden müsste. Wenn Gott ein Innenleben hat, das um sich selber weiß und das innerlich ganz Liebe ist, dann ist das nichts Zusätzliches, sondern es macht ihn schon immer aus. Das Neue ist nur, dass wir darum wissen.

Was wir die Menschwerdung nennen, das hat, wenn es wahr ist, wohl die ganze Welt verändert. Wenn, dann muss es ein Ereignis in der Geschichte gewesen sein, das die Geschichte über den Haufen warf. In Gott aber hat es gar nichts geworfen, weil Gott keine Geschichte hat. Es gibt einen Satz in den Büchern des Thomas, den man nicht predigen sollte, ohne hinterher bereit zu sein, mit den Hörern ziemlich lange Theologie zu betreiben. Man bekommt nämlich immer erst einmal Ärger. Der Satz stimmt aber. Thomas hat ihn vom Philosophen Dionysius Areopagita, und er lautet:

„Gott existiert nicht,
weil Gott über alle Existenz ist.“

Der erste Teil lässt die Hörer schon mal denken, man meine, es gebe keinen Gott, weil alles, was es gibt existiert doch und alles was existiert, das gibt es auch. Hier müssen die Theologen genauer sein als die Prediger. Das stimmt nämlich nicht. Natürlich gibt es ihn, und wie sogar! Er ist aber irgendwie so anders, oder religiös gesagt, erhaben in seinem Dasein, dass er mit seiner Welt nicht einmal die Art ihrer Existenz gemeinsam hat. Es ist wichtig, das hin und wieder zu betonen. Es gibt nämlich Leute, die sagen, sie hätten irgendwas Göttliches an oder in sich. Es gibt Leute, die sagen, das Göttliche sei in die Welt und das Universum hinein verteilt. Es gibt Herzen, die glauben, Gott sei irgendwie wie sie und sie seien irgendwie wie er, nur weniger. Gegen das alles lässt der heilige Thomas die Fahne seiner Predigt wehen, auf der sein christliches „Gott ist erhaben“ flattert. In der Kammer seiner Theologie muss er klären: „Mensch geworden ist Gott vor zweitausend Jahren, dreifaltig war er schon immer.“ Wie er das tut, das können wir uns ansehen.

 

Anm:
Sth I,12,1,arg 3: „Sed deus non est existens, sed supra existentia. Ut dicit Dionysius.“ 

Das ist doch gerade der Trick! Die Welt hat ihr Sein aus ihm und er ist sein Sein persönlich. Gott ist der einzige, der aus nichts etwas hat. Existieren heißt aber „aus“ etwas sein, aus etwas kommen. „Ex“ heißt nunmal „aus“, und das „istieren“ kommt von „stare“, was so viel wie „stehen“ heißt. Was existiert, das hat seinen Stand, sein in der Welt sein und Leben aus etwas anderem. Existieren heißt, ein Geschenk an die Welt sein. Es heißt aber immer, „aus“ etwas anderem sein. Sein Wie- und Wassein haben die Dinge aus ihrer Entwicklung, aus ihrer Zeugung, aus einer Evolution oder wo immer her. Das alles können wir von ihm nicht sagen, denn alles ist, was das reine Dasein angeht, aus ihm, und nur er ist aus sich selber. 

Die Ewigkeit des Ewigen

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Islam und Christentum, Teil 34

Seit ich mit dem Lesen angefangen habe, wurde ich Zeuge von gleich zwei Erfindungen, die den Forschenden das Leben erleichterten, wie den Reisenden die Erfindung des Autos oder das Einführen von Flugzeugen. Das erste war die Erfindung der mobilen Datenspeicher. Als ich zum ersten Mal einen mit allen Büchern vom heiligen Thomas in die Hand bekam, gab es nichts wichtigeres, als zu meinem Lehrer zu rennen. Ich wollte sein Gesicht sehen.

Der hielt das kleine Ding in den Händen und fragte, erstaunt wie ein Kind: „Auf diesem kleinen Stück Plastik sind wirklich alle Bücher des heiligen Thomas enthalten?“ Er brauchte nicht mehr in die Bibliotheken laufen, um an die Bücher zu kommen. „Ab heute kommen die Bücher zu ihnen!“ Er schaute mich an, wie wenn eine Kuh durch die Luft fliegt. Es stockte ihm der Atem und er konnte erst gar nicht glauben, wie diese vielen tausend Seiten auf einem kleinen Stück Plastik untergebracht werden konnten.

Die zweite große Erleichterung war das Internet. Eigentlich muss man erlebt haben, wie das Leben ohne war, um zu empfinden, wie das die Welt veränderte. Man konnte plötzlich vom Schreibtisch aus in allen möglichen Büchern alles mögliche nachschlagen! Früher musste man sich in die großen Bücherstuben begeben, die Wälzer aus dem Regal ziehen und brauchte Glück, dass nicht irgendein Student gerade die passende Seite heraus gerissen hatte.

Vor der Zeit des Internet und der Speichermedien hatten wir gegenüber den Zeiten des Mittelalters einen weiteren, großen Vorteil: Es gabt den Buchdruck! Der war im sechzehnten Jahrhundert erfunden worden, also drei Jahrhunderte nach Thomas. Erst jetzt konnten die Bücher schnell und in großen Stückzahlen produziert werden. Zuvor waren alle fein säuberlich abgeschrieben worden. Die Bücher im allgemeinen hatten früher viel größeren Seltenheitswert gehabt. Heute werfen sie einem die Dinger nach.

Weil das alles so war und ist, habe ich immer schon eine große Bewunderung für meinen Lehrer. Er konnte nicht nur besonders gut denken, er konnte scheinbar alles im Kopf behalten, was immer er je gelesen hatte. Als man ihn gegen Ende seines Lebens fragte, wofür er besonders dankbar gewesen sei, sagte er, er habe alle Bücher sofort verstehen können. Das war schon viel. Wenn man aber in seine Bücher schaut, dann sieht man überall, dass er mit den Zitaten anderer Schreiber zu spielen versteht, wie ein Jongleur mit seinen Kegeln. Thomas kannte alle wichtigen Autoren vor ihm und konnte aus ihren Aussagen die schönsten Sträuße binden, so üppig, wie er sie brauchte.

Heute zitiert er einen Denker, der siebenhundert Jahre vor ihm geschrieben hatte. Aus dessen bekanntesten Buch zitiert er einen Satz, um den allein er seinen Schreiber verehrte. Der Autor hieß Anicius Manlius Severinus Boëtius, wurde aber nur mit seinem letzten Namen genannt.  Boëtius hatte am Ende seines bekanntesten Buches die Ewigkeit mit einem kurzen Satz beschrieben: „Ewigkeit bedeutet der vollkommene Besitz endlosen Lebens. Ein Besitz, der dieses Leben ganz und zugleich in sich einschließt.“ Thomas zitiert diesen Satz oft und erklärt, wo immer er kann, dass er die Sache genau trifft.

Wenn von der Ewigkeit die Rede ist, dann wird eigentlich immer über Zeit gesprochen. Schließlich heißt ewig sein, keinen Anfang und kein Ende haben. Anfang, Ende und Ewigkeit sind nunmal Wörter, die aus jener Kiste genommen sind, die alle Zeitwörter enthält. „Am Anfang war das so oder so“, meint einen Zeitpunkt. „Wenn das hier zu Ende ist“, ebenfalls. Auch wenn gesagt wird, die Ewigkeit sei irgendwie „ohne Zeit“, so ist doch von ihr die Rede. Boëtius ändert das. Er spricht ganz anders vom Ewigen und führt das Wort „Leben“ ein. Wenn man so möchte, bedeutet Ewigkeit also eher ewig leben, als „nur“ ewig irgendetwas sein.

Leben ist das Größte. Ein Stein kann noch so groß und noch so reich und fein behauen sein. Er ist immer weniger wie das kleinste Ding, das lebt.

Boëtius sagt nun von der Ewigkeit, sie bedeute Leben ohne Ende und Anfang. Sie bedeute, die absolute Fülle des Lebens und sie bedeute alles Leben auf einmal. Mehr geht nicht. In der Ewigkeit gibt es kein Mehr und kein Weniger. Es gibt kein Hintereinander, kein gestern und heute. Es gibt nur alles zugleich und alles in der vollsten Fülle, und das wird hier gesagt, gilt für das Größte, das Leben. Thomas sagt in den nächsten beiden Kapiteln, Gott sei ewig, und nur er könne ewig sein. So vollkommen kann nur einer sein. Alles andere, alles, was nicht er ist, ist viel weniger als er.

Feindesliebe

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Die Frage lautet, ob man nicht mal stöbern könne, was der Meisterdenker zur Feindesliebe zu sagen hatte.

Er spricht gleich an mehreren Stellen drüber und gerne mal unter verschiedenen Perspektiven. Der prominenteste Ort ist natürlich die große Summe, das reifste seiner Werke. Da müssen wir uns jetzt mitten hinein begeben. In den zweiten Teil des zweiten Buches nämlich. Ins fünfundzwanzigste Oberkapitel, wo von der caritas gesprochen wird, also von der Liebe Gottes zu uns und unserer zu ihm. Die Kapitel acht und neun von zwölf behandeln die besondere Liebe zu den Feinden. Das zweite der beiden bespricht die innere Haltung, und das erste sollten wir uns ansehen.

Es tut mir leid, wenn ich enttäuschen muss, anders ist es hier nicht zu kriegen. Es geht nur so, wir müssen von Gott sprechen. Thomas sagt nämlich, ohne könne überhaupt nicht im eigentlichsen Sinn von der Feindesliebe gesprochen werden. Thomas ist übrigens kein Friemelfranz. Er duselt nicht gefühlig darum, sondern kommt zur Sache, und das immer in der Erwartung, wer es besser weiß, der soll es besser sagen.

Ohne Gott also keine Liebe zu den Feinden. Deshalb steht das Kapitel zur Feindesliebe ja auch im Kapitel über das Verhältnis mit Gott. Aber warum gleich so religiös? Der Grund ist ganz einfach, wenn man den Thomas einmal kennt.

Zunächst sagt er in seiner Antwort, den Feind zu lieben, insofern er ein Feind ist, sei verkehrt. Das ist leicht zu erklären, eine Mutter, die an ihrem verkommenen Sohn hängt, lieb ihn nicht, weil er Drogen nimmt. Die sollte sie eher hassen, also vernichtet wissen wollen, sie machen ihn ja schließlich kaputt. Sie liebt ihren Sohn, weil er ihr Sohn ist, basta. Feindschaft im Sinn des Thomas ist eben etwas, was den anderen kaputt machen will. Deshalb wäre es verkehrt und sicher eher komisch, auch das meinen lieben zu müssen.

Dann sagt der Meister, die Feinde lieben, weil sie ein Teil der menschlichen Gemeinschaft sind, das gehöre freilich zur heiligen Liebe dazu. Die Feindesliebe sei hier ja als eine Unterart der Liebe zum Nächsten einzustufen. Mag der Feind sich daneben benehmen wie er will, er ist einer von den Nächsten.

Jetzt wird es interessant: Thomas schreibt, die heilige Liebe schließe nicht unbedingt mit ein, dass man dem konkreten Feind etwas konkretes Gutes tun müsse. Das allgemeine Gebot zur Nächstenliebe bleibt allgemein. Es schreibe nicht vor, dass man sich zu jedem konkret hingezogen fühlen müsse, um ihm Gutes zu tun. Das ginge schließlich gar nicht. Es müsse allerdings jeder in seinem Herzen die Bereitwilligkeit mitbringen, derart Gutes zu tun, wenn die Situation es fordere.

Thomas macht sich nichts vor. Was hier gesagt sei, gehöre bereits zur Vollkommenheit der Liebe. Und jetzt kommt der Punkt: Je mehr einer nämlich Gott liebe, desto mehr liebe er in dieser Liebe auch in seinem eigenen Feind. Auch die feindlichen Akte würden ihn von dieser Liebe, die eigentlich eine Liebe zu Gott ist, nicht abbringen lassen. Dann schreibt er, jemand, der seinen Freund liebt, der liebt auch dessen Kinder, mögen sie ihm auch feindlich gesinnt sein. Nicht viele, aber große Worte, würde ich meinen.

 

Anm:
Die Stelle in der Summe:  Sth II-II,25,8.
Bei näherem Interesse: Im Sentenzenkommentar: Sent 3,30. In der Summe interessant wäre auch die Frage, ob man für seine Feinde beten soll: Sth II-II,83,8. In der Abhandlung zu den Tugenden steht zur Frage, in wie weit sie zu den eigentlichen Geboten zu rechnen sei: De virt 2,8.

 

Der ewig Unbewegte und seine Märchenwelt

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Islam und Christentum, Teil 33

Mir gefällt der Umstand, dass wir nie aufhören, unsere Kindersprache zu sprechen. Wir wissen, dass die Erde sich dreht, und dass sie deshalb ein wechselndes Verhältnis zum Mond hat. Trotzdem hören wir nicht auf zu sagen, der Mond gehe auf und unter, obwohl das wissenschaftlich gesehen überhaupt nicht stimmt. Es gibt viele solcher Beispiele.

Eigentlich gefällt mir weniger die Sprache selbst und die Tatsache, dass wir sie sprechen. Mir gefällt eher, dass wir der Wissenschaft nicht gestatten, unsere Sprache, und damit unsere Gefühlswelt zu erobern. Eine Katze ist immer noch eine Katze und kein Stoffwechselpaket mit irgendeinem Fell. Ein Schluck Wasser bleibt ein Schluck Wasser, und der Klang des Wortes weckt herrliche Erinnerungen an schlimmen Durst und die kühle Erfrischung, die danach die Kehle herunterfließt. Hätte die Wissenschaft unsere Sprache erobert, dann würden wir ein Glas H2O bestellen, kein Wasser. Die Katze wäre eine Unterart der Säugetiere mit einem bestimmten Wert beim Metzger. Unsere Sprache bleibt die von der Straße und unsere Vorstellungen bleiben die von Kindern. Die Wissenschaft hat ihre eigene Weise, sich auszudrücken. Das ist gut so, und das soll sie behalten. Es gibt nämlich, wenn man so möchte, zwei Welten auf der einen Welt. Die eher dröge Welt der Wissenschaft und die märchenhafte Welt der Kinder. Eine Katze ist wirklich beides. Sie ist wirklich, was die Biologen sagen und sie ist wirklich, was das Kind meint, dem sie gehört. Ein Glas Wasser ist auch beides. Es ist wirklich das chemische Element und wirklich ein Produkt von zwei Teilen Wasser- und einem Teil Sauerstoff.

Es gibt bei uns Menschen offenbar eine Tendenz, die beiden Welten nicht gut nebeneinander ertragen zu können. Wir würden lieber die eine als Hauptwelt haben und die andere in sie aufsaugen. So gibt es schon mal Wissenschaftler, die es gern hätten, wir würden nicht mehr an wirkliche Sonnenaufgänge glauben. Wasser sei „in Wirklichkeit“ nur ein chemisches Element und alle anderen Vorstellungen seien „nur“ Märchen. Ich würde mich heftig dagegen wehren wollen, und müsste ich mich für eine Welt entscheiden, es wäre sicher nicht die der Wissenschaft. Es gibt auch Leute, die nicht wahrhaben wollen, was die Biologen sagen.

Wie gesagt würde mir nicht gefallen, wenn die Märchenwelt von der anderen erobert würde. Ich lebe viel lieber weiter unter der Herrschaft der Bezauberung. Schließlich wird der Himmel am Ende ja auch vor allem eins sein: Ein Märchenland, in dem die Kinder mit Löwen spielen können, in dem es Kühlschränke gibt, die keinen Strom brauchen und wo man den Rasen nicht mehr mähen braucht, weil die Engel das voller Entzücken erledigen. Es lohnt sich, das zu wählen, das am Ende gewinnen wird. Dann braucht man nicht umziehen.
Für uns hier heißt das ganze allerdings, dass wir beim heiligen Thomas jede Menge Übersetzungsarbeit leisten müssen. Er ist nämlich in seiner Arbeit ein ausgesprochener Wissenschaftler. Er schreibt zwar, der Genuss sei die vornehmste Tätigkeit im Himmel, aber wenn er ihn beschreibt, dann hat das den Charme eines Brückenpfeilers.

Die Behauptung, auf die wir heute stoßen, lautet, Gott sei ganz und gar unbeweglich. Das will dem Prinzen aus der Märchenwelt nicht gefallen. In seiner Welt hat Gott sich nämlich sehr wohl bewegt, und zwar auf ihn zu und in sein Herz, um dort liebevoll und unaufdringlich zu wohnen, um ihm Trost zu spenden und sanft zuzureden, dass er ein Kind Gottes ist. Thomas widerspricht natürlich nicht, im Gegenteil, er beschreibt es sogar, wenn auch mit wenig märchenhaften Worten. Er hält aber mit der Sturheit eines Esels an der Behauptung fest: Die Gottheit, insofern sie göttlich ist, muss ganz und gar unbeweglich und total unveränderlich sein und immer bleiben. Genau wie sie das schon immer war. Und jetzt kommt die Behauptung, die erst einmal schwierig zu verstehen ist, die aber stimmen muss, ebenso, wie das Wasser aus zwei Elementen besteht: Auch die Menschwerdung in Christus hat Gott weder klein gemacht, noch bewegt. Sie hat ihn in seinem Inneren nicht verändert und ihm schon gar nicht seiner absolute Erhabenheit beraubt. Beide Reiche müssen gehalten werden, und Thomas zu lesen wird erst schön, wenn man seine Worte in märchenhafte Bilder überträgt. Man macht aus Kochrezepten ja schließlich auch leckere Gerichte.

Anm:
Sth I,9,1: Deus est immutabilis.
Sent II,10,1,1, arg 3: „Sed inter omnes actus patriae, fruitio est nobilissima.“

Sehnsucht nach dem Unbegreiflichen

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Islam und Christentum, Teil 32

Wie gesagt, in der Antwort auf unsere Frage werden einige Punkte dabei sein, die wir sicher gemeinsam und vor allem gleich beantworten. Ich denke, wir werden beide behaupten, dass Gott nicht nur allmächtig ist, sondern, dass er auch alles mitbekommt. Schlicht gesagt: Gott bekommt alles mit. Thomas sagt dazu sinngemäß: Wer alles sieht, der ist auch überall. Deshalb kann er sagen, Gott sei überall und es gibt keinen Ort, von dem man sagen müsste, Gott komme da nicht hin oder sei nicht schon immer irgendwie vor uns am Ort.

Thomas nennt ein hübsches Beispiel. Ein König, sagt er, ist an jedem Fleck seines Reiches. Er kann natürlich nicht körperlich zugleich an jedem Ort sein. Seine Macht aber, die reicht überall hin, und – im Fall Gottes – sein Blick auch. Auch das ist eine Form der Anwesenheit. Also ist Gott nicht nur überall, sondern auch überall wirkend.

Der Meister nennt allerdings noch eine ganz andere Weise der Anwesenheit Gottes, die es geben kann. Es ist die Anwesenheit in der Seele. Die Christen behaupten sie, und ich wüsste gern, in wie weit ein Muslim da mit gehen kann. Am besten beschreibe ich kurz einen Gedanken des Thomas dazu.
Wenn wir etwas erkennen, dann ist das Erkannte in uns. Wir behaupten es und es ist auch so. Sehnst Du Dich nach Deiner Freundin, dann sagst Du, dass sie in Deinem Herzen ist, und sie ist es. Wenn Du die Augen schließt und Dich an ein Auto erinnerst, das Du am Tag zuvor gesehen hast und was Dir besonders gefiel, dann ist das Auto längst irgendwo anders. Du hast es als Bild aber noch im Kopf. Wenn Du es gern besitzen würdest, dann drängt sich das Bild als Wunsch nach vorn.

Thomas sagt nun, Gott sei als ein erkannter Gegenstand in den Herzen seiner Heiligen und als Gegenstand ihrer Sehnsucht da. Die Heiligen sehnen sich nach ihm, sie sehnen sich danach, bei ihm nach Haus zu finden und sie sehnen sich nach dem Frieden, den er allein schenken kann.

Aus meinen Gesprächen mit Muslimen weiß ich, dass Gott auch für sie ein Gegenstand der Sehnsucht sein kann und nach der Meinung vieler auch sein sollte. Mit anderen Worten, auch Muslime sehnen sich nach Gott und seinem Reich. Wir teilen da etwas. Es gibt da allerdings einen Unterschied, den die Christen predigen und von dem ich denke, dass er muslimischerseits eher abgelehnt werden muss: Die Behauptung nämlich, nach der Gott als erster die Initiative ergriffen und sich zu den Menschen sozusagen herunter begeben hat.
Für sich genommen ist Gott unbegreiflich und immer eine Nummer zu groß für unseren Verstand und für unser Herz. Darin sind wir uns sicher einig. Das bedeutet also: Dass wir von ihm begreifen können, was wir begreifen, dazu muss er sich in die Bedingungen unseres Begreifens begeben haben. Wir können nichts von ihm wissen, wenn er sich nicht für uns begreifbar macht. Wir können ihn nicht lieben, wenn wir vorher nichts von ihm erkannt haben. Kein Mensch hätte je etwas von ihm gewusst, hätte er, der Unbegreifliche, sich nicht zu uns herab begeben hätte. Gott ist groß, der Mensch ist klein. Um ein Wort von Kardinal Meisner zu bemühen.

„Der Mensch ist schon mal ein kleiner Gernegroß.
Die Gottheit der Christen hat sich als ein großer Gerneklein gezeigt.“

Wenn Gott will, dass der Mensch etwas von ihm versteht, dann muss er sich irgendwie in die Kleinheit des menschlichen Herzens begeben.  Wie gesagt, ich wüsste gern, in wie weit wir da zusammen gehen. Vielleicht wäre es auch mal ganz gut, sich mal Zeit zu nehmen, unser Buch hier einem Muslimischen Gelehrten zu geben, um es einmal in Ruhe mit ihm zu besprechen. Vorausgesetzt natürlich, er hat Lust dazu.
Aber: Wir tun an dieser Stelle gerade einen Schritt zu weit. Was wir hier gerade besprechen, gehört nämlich in das Kapitel von der Gnade, und das kommt erst etwas später. Im Moment sind wir noch bei den Fragen nach der Gottheit allgemein. Damit sollten wir als nächstes weitermachen.

Anm:
Sth I,8,2,co: „Deus est in omni loco, quod est esse ubique.“
– „Gott ist an jedem Ort, das heißt, er ist überall.“

Sth I,8,3,co: „Deus est in omnibus rebus per essentiam, potentiam et praesentiam.“
– „Gott ist in allen Dingen seinem Wesen, seiner Mächtigkeit und seiner Präsenz nach.“