Über das Ziel des Menschen, siebzehnter Teil.

Weil ich wieder mal nicht zum Schreiben komme, setze ich meine kleine Reihe zum Ziel des Menschen fort und poste den siebzehnten Teil einer Arbeit, die ich mal zu schreiben hatte. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil die meisten in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Innere Güter
Bisher also wurden vier sozusagen äußerliche Güter befragt. Das Glück des Menschen jedoch soll, wie gesagt, eher innerer Art sein. So nähert sich der Heilige nun seinem Ziel, indem er den Blick auf den Menschen selbst richtet. Zur Frage stehen körperliche Gesundheit, die Befriedung der natürlichen Triebe (diese können auf Grund der Kürze dieser Arbeit nicht eigens behandelt werden) und das Gut der Seele selbst. Vorweg gesagt konstatiert Thomas auch hier, daß diese Dinge das Glück des Menschen nicht ausmachen können. Den Abschluß der Quaestion bildet dann die Untersuchung, ob denn des Menschen Glück überhaupt in einem geschaffenen Gut bestehen könne.
Zu den Artikeln in ihrer Reihenfolge:
Im fünften ist die Rede vom körperlichen Gut. Im entsprechenden Artikel der Summa contra Gentiles erklärt der Heilige, was mit körperlichem Gut gemeint ist. Er nennt Gesundheit, Schönheit und Kraft.  In dieser früher verfaßten philosophischen Summe nennt Thomas ebenfalls jenes oben bereits herangezogene Argument: Das körperliche Gut ist durchaus Bösen und Guten gemeinsam, des weiteren ist es unbeständig und unterliegt nicht dem Willen. All das ist bereits Grund genug, das letzte und ewige Glück hier nicht suchen zu können.
Im sed contra der theologischen Summe gibt er in liebenswürdiger Schlichtheit eine weitere Antwort: Ein Tier kann, im Gegensatz zum Menschen nicht glückselig werden. Was aber das körperliche Gut angeht, wird der Mensch von vielen Tieren übertroffen: „…vom Elefanten durch die Länge seines Lebens, vom Löwen durch seine Kraft, vom Hirschen durch die Schnelligkeit seines Laufes. Also besteht die Glückseligkeit nicht in körperlichem Gut.“
Das respondeo dann weist wieder in zweifache Richtung.
Sie hat die Kenntnis der fünfundsiebzigsten Quaestion der prima pars zur Voraussetzung, in der die ontologische Grundverfassung des Menschen vor Augen geführt und näher befragt wird.  Diese recht umfangreiche Lehre kann an dieser Stelle nicht eingehender betrachtet werden. Doch wurde bereits gesagt, daß Körper und Seele im strikten Sinn eine Einheit sind. Der Mensch ist, mit Körper und Geist ausgestattet, nicht zusammengesetzt aus zwei Teilen, sondern ontologische Einheit im strengen Sinn. „Weder die Seele ist der Mensch, noch der Leib ist der Mensch, sondern das Kompositum aus beiden.“ Dennoch besteht eine hierarchische Ordnung innerhalb dieses Gefüges. Für Thomas von Aquin ist es eine klare Sache, daß die Seele dem Körper seine Form gibt.
Die Glückseligkeit des Menschen wurde bisher beschrieben als derjenige Zustand, in welchem kein Begehren mehr verbleibt. Das bedeutet, des Menschen höchstes Vermögen muß in der Glückseligkeit, im Erreichen des letzten Zieles, vollkommen befriedet werden. Dieses höchste Vermögen ist aber das der Seele. Das Körperliche ist auf die Verwirklichung des Ganzen hin gerichtet und somit auch auf dessen höchste Tätigkeit, allerdings ohne der niederen entbehren zu wollen. Es kann also konstatiert werden, daß der Körper seine Ausrichtung auf die Seele hat. Nun ist es unmöglich, daß die Erhaltung dessen, was um eines anderen willen ist, den Charakter des letzten Zieles haben kann.
Thomas nennt wieder ein schlichtes Beispiel: Ein Seemann, dem man ein Schiff anvertraut, wird sich nicht als letztes Ziel setzen, dieses zu erhalten, denn es ist um eines anderen willen da, nämlich zum Segeln.
„Und wie dem Seemann nun sein Schiff übergeben wurde, so wurde dem Menschen sein Wille und seine Vernunft anvertraut.“ Es kann also nicht das eigentliche Ziel des Menschen sein, daß er seinen Willen und seine Vernunft lediglich dazu benutzt, sein körperliches Befinden zu erhalten.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Körper um der Seele willen ist, analog zur Materie, die ebenfalls nur in ihrer Form und ihretwillen existiert. Denn die Seele ist ja Form und Akt des Leibes. „Der Körper ist um der Seele willen da, wie die Materie wegen der Form und die Werkzeuge um dessentwillen, der sie bewegt, damit er durch sie seine Arbeiten ausführen kann.“ Das letzte Ziel geht über die Körperlichkeit hinaus.

Seelisches Gut
Es wird des weiteren zu zeigen sein, daß das letzte Ziel des Menschen diesen selbst und seine gesamte natürliche Anlage völlig übersteigt, daß es seiner Natur wohl gemäß ist, dieses zu wollen und zu erstreben. Es zu erreichen jedoch und zu genießen, das kann seine Natur von sich aus nicht leisten.
In diesem Sinne muß der Heilige auch die folgende Frage verneinen, ob denn die Glückseligkeit in einem seelischen Gut bestehen kann. Er macht deutlich, daß das letzte Ziel in einem Objekt besteht; und das kann der Mensch selbst nicht sein: „Wenn wir also über das letzte Ziel hinsichtlich einer Sache sprechen, die wir eben als das letzte Ziel ersehnen, kann die Seele unmöglich selbst dieses Ziel sein, oder etwas von ihr. (…) Daher ist es nicht möglich, daß die Seele selbst ihr eigenes letztes Ziel sei.“
Es gilt also wieder, gut zu unterscheiden. Dasjenige, das ein Ziel anstrebt, kann dieses selbst nicht darstellen. Will man also das Ziel als solches im Blick behalten, reicht es nicht hin, lediglich das Subjekt zu betrachten, welches auf dieses aus ist. Gänzlich selbstlos kann die Betrachtung allerdings auch nicht vonstatten gehen, denn dann fehlte der Blick auf die Erfüllung dessen, für den das Ziel vorgesehen ist. Schließlich ist es ja die Seele, die in Erwartung steht. Wenn sie selbst auch nicht ihr eigenes Ziel sein kann, so ist sie doch die Betroffene.

Als Ergebnis liegt also vor: Das letzte Ziel des Menschen kann einerseits kein äußerliches Gut, wie Geld, Macht, Ehre und dergl. sein, es kann ebensowenig ein menschlich inneres Gut bedeuten, wie körperliches Wohlbefinden oder eine Befriedung körperlicher Triebe. Auch in der Seele selbst kann es nicht liegen, wohl aber eine ihr zukommende Sache sein, der gegenüber der ganze Mensch in Erwartung steht (ut in potentia existens).
Es bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten: Den Abschluß der vorliegenden Quaestion bildet die Frage, ob die Glückseligkeit des Menschen denn überhaupt in einem geschaffenen Gut bestehe.
Das respondeo wiederholt noch einmal die Bedingungen: Die Glückseligkeit ist jenes vollkommene Gut, welches alles Begehren ganz und gar zu stillen vermag. Andererseits wäre es kein letztes Ziel, wenn noch etwas in Erwartung verbliebe. Das Entscheidende ist: „Das Objekt des Willens, welches das menschliche Streben ausmacht, ist das universale Gute, ebenso wie das Objekt des Intellekts das universale Wahre ist. Daraus folgt, daß nichts den Willen des Menschen zu befrieden vermag, außer das universale Gute. Das aber findet sich in keinem Geschöpf, sondern nur in Gott.“

Hier lang gehts zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Teil.

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