Der Irrtum des Stephen Hawking

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Achtung, heute zwei Texte.

Darf ich Dir einen Tip geben? Lass Dich nicht ins Bockshorn jagen und lass Dir nicht gefallen, wenn man Dich an der Nase herum führen und für dumm verkaufen will. Mir ist das einmal mit in einer Frage passiert, die ich für meinen Teil sehr entschieden beantwortet habe, und die ich mit der gleichen Entschiedenheit am Schluss meines letzten Kapitels beschrieben habe: Die Welt kann nicht aus eigener Kraft entstanden sein, und sie kann sich auch nicht aus eigener Kraft erhalten.

Erlaube mir, dass ich im heutigen Kapitel etwas für die philosophischen Feinschmecker und in deren Sprache schreibe. Anders kann ich meine Behauptung nicht erklären. Wenn Du an philosophischen Fragen nicht näher interessiert bist, wenn Dich die Frage nach dem Sein und Nichtsein der Dinge nicht berührt, dann kannst Du dieses Kapitel einfach übergehen. Es wird Dir im Leben nichts von Wert fehlen.

Meine Behauptung: Die Welt kann viel aus sich heraus. Sie kann Maikäfer und Dinosaurier hervorbringen, sie kann aus unglaublich großer Energie langweilige Atome zusammen setzen, sie kann planetengroße Eisenklumpen zerbersten lassen und schwarze Löcher produzieren. So kann sie auch Affen zaubern, deren Verhalten uns immer ähnlicher wird, und von mir aus kann sie auch eine gewisse Vernunft entstehen lassen. Das alles sind Sachen, die ich ohne weiteres zugestehen will. Darin verstecken sich zwar noch viele Fragen, die ich dazu noch hätte, aber geschenkt, wir können interessiert abwarten. Was ich aber nicht glaube und vermutlich nie glauben werde, das ist eine Behauptung, die mir vor kurzem ein Gesprächspartner in die Tasche schieben wollte, und zwar mit einem verbotenen Argument. Er sagte, Stephen Hawking hätte dargelegt, dass die Welt ohne Gott aus dem Nichts entstanden sei.
Liebe Freundin, mit Verlaub, mit allem Respekt und einer tiefen Verbeugung vor einem der klügsten Köpfe der Welt: Das kann nicht sein, und das Argument, das verboten ist, lautet: Stephen Hawking hat es herausgefunden. Etwas Unmögliches wird nicht möglich, weil Stephan Hawking es sagt, und dass ohne eine Gottheit etwas aus dem Nichts entsteht, ist genau so unmöglich, wie die Behauptung, ein Kuchenstück sei größer als der ganze Kuchen.

Weißt Du, mein Schreiben ist sehr einfach. Das bedeutet, was ich hier anstelle, kann eigentlich jeder. Einzige Voraussetzung: Er muss Thomas lesen. Es ist nicht schwer, Latein zu lernen. Es ist auch nicht schwer, Klavierspieler zu werden. Die Leute nennen schon mal schwer, was eigentlich nur lange dauern würde, wenn man sich die Mühe machte. So ist es auch nicht schwer, ein Thomasleser zu sein. Das Latein des Meisters ist das leichteste, was es gibt. Gegen das Latein eines heiligen Bernhard ist das des Thomas wie die Musik im Stadion. Die Gedanken des Thomas sind auch von größtmöglicher Schlichtheit.

Schwer dürfte es dagegen sein, ein guter Lateiner zu werden und ein guter Thomaskenner zu sein. Für beides braucht es Talente, die ich nicht habe. Die Frau, die Gott mir an die Seite gestellt hat, kann wahrlich gut kochen, ich mache essen. Mein Freund kann fotografieren, mir reicht das Knipsen. Auch für das, was ich hier mache, braucht es nicht mehr Talent, wie für das Lesen meiner schlichten Überlegungen.

Was ich hier also mache, erfordert keinen besonderen Verstand, nur ein bisschen Thomas lesen, und wieder in allem Respekt gesagt: Wenn Stephen Hawking das so gesagt hat und mit dem Nichts wirklich Nichts gemeint hat, dann hat er Unsinn geredet, und um das besser verstehen zu können, als ich hier darlegen kann, empfehle ich, kurz in jenen Bücher zu schmökern, in denen lange lesen mir so lieb geworden ist; und zwar in den Kapiteln, in denen Thomas das Sein von den Wesenheiten trennt.
Warte, ich muss es etwas anders sagen: Thomas trennt das Sein gar nicht von den Wesenheiten, er erkennt nur, dass da in der Welt eine Trennung besteht, die man nicht auflösen kann, ohne unvernünftig zu werden.

Wenn wir in die Welt schauen und die ganzen Entwicklungen betrachten, dann sehen wir immer nur, wie sich die Wesenheiten der Dinge, also wesentliche Eigenschaften verändern. Feuer hat ein anderes Wesen als Asche, und Wasser hat andere Wesensmerkmale als die Atome, die es bilden. Wir können stunden- tage- und jahrelang über die Wesenheiten der Welt sprechen, von denen Thomas übrigens sagt, auch die seien dem Menschen im Grunde gar nicht wirklich zugänglich. Wenn wir aber über das Sein reden, dann von etwas, was völlig unveränderlich, immer vollkommen und immer ganz fertig ist. “Die Schöpfung geschieht ohne Bewegung”, schreibt Thomas. Das Sein kann sich nicht entwickeln. Was da ist, das ist da oder es ist nicht da, ein bisschen da sein geht nicht, und mehr da sein geht auch nicht.

Weißt Du, was ich glaube? Wer sagt, aus dem Nichts könne von selbst etwas entstehen, der hat noch nicht verstanden, was Nichts meint oder er mogelt. Das Sein und das Nichts teilen sich keine wirkliche Grenze, und weil das so ist, dürfte das Wort “Nichts” im Werkzeugkasten der Naturwissenschaftler eigentlich gar nicht zu finden sein.

Ein Computer kann sich selbst ausstellen, man muss ihn nur hinreichend programmieren. Aber kein Computer stellt sich wieder an, ohne, dass ihm jemand den Befehl dafür geschrieben hat. Pinocchio kann sich selber seine Beinchen abschrauben. Mit seinen Armen wird es schwierig. Wie soll er ohne Arme an seinen Armen hantieren? Es gibt so etwas wie absolute Grenzen; Grenzen die unüberschreitbar sind, und zwar grundsätzlich. Die “Grenze” zwischen Sein und Nichts ist so eine. Entweder die Welt ist eine Schöpfung aus Gott, dann haben wir allen Grund ihn zu preisen, oder die Welt ist nicht aus ihm, dann ist sie ewig und hat keinen Grund, sich zu erhalten. Übrigens: Thomas sagt, auch wenn die Welt ewig wäre, spräche nichts dagegen, dass sie Gottes Schöpfung sei. Das kann nur sagen, wenn ein bisschen verstanden hat, dass man Sein und Wesen getrennt betrachten sollte.

Sth I, 45, 2, ad 3: “Unde, cum creatio sit sine motu, simul aliquid creatur et creatum est.” – Da Schöpfung ohne Bewegung geschieht, ist Schaffen und Geschaffensein zugleich.

Wunder und wunderbare Sachen

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Weißt Du noch, was ich sagte, als wir über Wunder sprachen? Ich wüsste nicht, wann ein Wunder beginnt, also wann etwas ein Wunder ist und wann nicht. Ich würde gern kurz über diese Frage sprechen, aber lass uns erst einmal sehen, was überhaupt mit dem Wort Wunder gemeint ist. Da gibt es einen strengen Sinn und einen weiteren.

Ein Wunder im strengen Sinn ist ein Geschehen, das normalerweise nicht vorkommen kann. Thomas sagt das übrigens auch, allerdings genauer. Er teilt es gleich in aktiv und passiv: Auf der einen Seite werde Wunder genannt, was die Welt aus ihren eigenen Kräften nicht (aktiv) zustande bringen könne. Auf der anderen Seite sei ein Wunder etwas, was mit der Welt normalerweise nicht (passiv) geschehe, und ein Wunder sei, wenn eine Wirkung über das hinaus geht, was man gewohnt ist. Im strengen Sinn heißt Wunder also, dass das jemand etwas in der Welt veranstaltet, was von sich aus nicht geschehen kann. Im strengen Sinn heißt Wunder also, dass ein übernatürlicher Geist in die Welt eingreift, eine Gottheit also oder ein Engel in deren Auftrag etwa.

Im weniger strengen Sinn nennen wir Wunder, wenn etwas eigentlich ganz normales geschieht, worüber sich dennoch alle Welt wundert. Wir nennen es ein Wunder, wenn sich zwei ganz verschiedene Lebenswege kreuzen und an einem Punkt ganz anders werden. Man sagt, es grenze an ein Wunder, wenn Bergleute aus aus einem Stollen gerettet werden, die alle Welt schon verloren gesehen hat. Dass Deutschland 1954 die Weltmeisterschaft gegen Ungarn gewonnen hat, heißt bis heute das Wunder von Bern. Das alles können ganz normale Vorgänge sein, in die man nicht unbedingt eine göttliche Hand mit einrechnen muss. Alles kann sich auch in einer Reihe glücklicher Zufälle ergeben haben, wie es sich ergab.

Zu meiner Frage, nach der nicht immer klar ist, wann ein Wunder beginnt und wann nicht. Ich bin, wie Du weißt, ein gläubiger Mensch. Das bedeutet, ich glaube an beide Sorten von Wundern. Mein ungläubiger Freund würde sicher sagen, die strenge Sorte Wunder könne es nicht geben. Wo kein Gott ist, da kann kein Gott in die Welt eingreifen. Für mich gilt das nicht. Meine Welt ist viel märchenhafter. Sie hat einen Gott, der sie kennt, der sie sieht und der in unserem Sinn mit ihr spielen kann.
Das “in unserem Sinn” ist für den Begriff des Wunders übrigens notwendig, denn Wunder müssen, um als wirkliche Wunder gelten zu können, auch wunderbar sein. Wenn einem einbeinigen Mann ein zweites Bein wachsen würde, wäre das eine wunderbare, eine herrliche Sache. Wüchsen ihm Hörner, wäre das wohl auch ein Wunder im strikten Sinn, es wäre aber nicht wunderbar. Zum Wunder gehört, dass wir es wunderbar nennen können, und gläubige Leute im christlichen Sinn glauben an einen Gott, der niemals Wunder tun würde, die uns erschrecken, verängstigen oder an der Nase herum führen würden. Was von Gott kommt, das ist nicht unheimlich, wusste der Pfarrer von Ars zu sagen. Wer also “in unserem Sinn” an Wunder glaubt, der glaubt an einen gütigen und väterlichen Gott, der seinen Kindern nichts böses will und nie tun würde. Ich glaube, das ist voraus gesetzt.

Schauen wir uns das erste Wunder Jesu an. Er verwandelt auf einer Hochzeit sechhundert Liter Wasser in Wein der besten Sorte. Wein kann normalerweise nicht aus Wasser werden. Das geht nur über den langen Prozess des Vergehrens von Trauben. Wenn das so geschah, dann war es ein Wunder im strikten Sinn des Wortes.
Viele andere Wunder, die Jesus tat, waren weniger zwingend streng. Wenn er Lepra heilte, dann tat er im Grunde, was Ärzte heute auch können, nur schneller. Als er den Sturm auf dem See bändigte, tat er eigentlich auch, was die Natur selbst am frühen Morgen erledigt hätte. Jeder Sturm legt sich irgendwann. Das Wunder war der Zeitpunkt und das prompte Gehorchen. Der Evangelist, der das Wunder berichtet, will zeigen, dass hier der Chef der Welt seine Bühne betreten hatte, und mein Problem, dass ich nicht weiß, wo die Wunder beginnen, meint nicht diese Grenze der Eindeutigkeit. Sie ist viel allgemeiner.
Bischof Augustinus hat sie angedeutet, als er schrieb, wir würden uns wundern, wenn der Herr zu Kana Wein aus Wasser machte, niemand wundere sich, wenn das in jedem Jahr in den Weintrauben geschehe. Ich kann mein Problem auch in einem Satz andeuten, der über die Erklärung des heiligen Thomas läuft: Ein Wunder ist, was die Welt aus eigenen Kräften nicht zustande bringt. Wir wissen, sie kann viel, sie kann Stürme entstehen lassen und Stürme stillen. Sie kann Krankheiten entstehen lassen und Krankheiten heilen. Eines aber kann sie nicht: Sie kann nicht aus eigener Kraft entstanden sein und sich nicht aus eigener Kraft erhalten.

Quellen: 
Sent 4,17,5,1 co:
 De ratione miraculi secundum se sumpti tria sunt: quorum primum est, quod illud quod fit per miraculum, fit supra virtutem naturae creatae agentis; secundum, ut in natura recipiente non sit ordo naturalis ad illius susceptionem, sed solum potentia obedientiae ad Deum; tertium, ut praeter modum consuetum tali effectui ipse effectus inducatur. 

Augustinus, Vorträge zum Johannesevangelium, 8,1: „Das Wunder unseres Herrn Jesu Christi, wodurch er aus Wasser Wein machte, ist für jene nicht erstaunlich, welche wissen, dass Gott es wirkte. Der nämlich machte an jenem Tage bei der Hochzeit den Wein in sechs Krügen, die er mit Wasser zu füllen befahl, der dies jedes Jahr in den Weinstöcken tut.”

-” Miraculum quidem Domini nostri Iesu Christi, quo de aqua vinum fecit, non est mirum eis qui noverunt quia Deus fecit. Ipse enim fecit vinum illo die in nuptiis in sex illis hydriis, quas impleri aqua praecepit qui omni anno facit hoc in vitibus.”

Wohlgefallen

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Darf ich noch ein altes Wort gebrauchen? Es ist alt, die Sache aber, die es meint, ist zugleich immer neu. Das Wort heißt “wohlgefallen” und meint ziemlich genau, was es wörtlich sagt, nämlich, dass etwas jemandem wohl gefällt.

Mein Nachbar hat ein Töchterchen. Wann immer ich ihn beobachte, wie er sein Kind beim Spielen betrachtet, she ich, wie wohl es ihm gefällt. er betrachtet es mit einem Entzücken, wie nur Eltern es haben können. Sein Blick zeigt ein helles Entzücken und reinste, unberührte Freude. Es kann allerdings auch sein, dass ein Kind seinen Eltern gar nicht mehr gefällt, etwa wenn es schlimme Dinge tut und dadurch selber schlimm und schädlich wird. Menschen können das Wohlgefallen ihrer Mitmenschen auch verlieren.

Ich war einmal dabei, als jemand einen Priester fragte, wie es sein könne, dass die Heiligen im Himmel glücklich seien, wenn eins ihrer Kinder in der schrecklichen Hölle gelandet und nicht mehr bei ihnen sein könne. Eine Frage, die man sich unwillkürlich stellt, wenn man über diese Dinge nachdenkt. Der Geistliche antwortete ziemlich klug und sagte, auf Erden gebe es so etwas auch. Es könne doch sein, dass ein Mensch durch seine Entscheidungen und sein Handeln derart herabkommt, dass die guten Leute sagen, er solle ihnen aus den Augen und am besten ganz aus dem Leben treten. Es gibt leider Menschen, mit denen die Gesellschaft nichts zu tun haben möchte. Es gibt leider auch Leute, von denen man hofft, unsere Kinder mögen ihnen nie begegnen.
In der Gnade, von der wir gerade reden, gibt es eine besondere Sorte. Sie sorgt dafür, dass die Menschen, die sie bekommen, ihrem himmlischen Vater wohl gefallen. Wenn ein Mensch, der mehr oder weniger aus dem Wohlgefallen heraus gefallen ist, diese Gnade bekommt, dann verzaubert sie ihn und macht ihn in den Augen des Schöpfers wieder schön.

Leserin Mantha bat mich, wenigstens schon mal Fragmente zu posten, wenn die ganzen Kapitel nicht recht fertig werden wollen. Das hier ist so eins.