Islam und Christentum, Teil 13

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Die Religion und ihre dumme Seite.

Unser Gespräch gestern erinnerte mich an eine Unterhaltung, die Mahmoud mit einem Atheisten hatte. Mahmoud regt sich immer herrlich auf, wenn er dem offenen Atheismus begegnet. Man sieht seine innere Erregung, die er nach außen nicht verbergen kann, was manchmal besser für ihn wäre. Mahmoud hasst den Atheismus geradezu, und damit ist er nicht der einzige, wie Du weißt, und wie ich mit einem Augenzwinkern bemerken möchte. Erlaube mir dazu einen Gedanken zu schreiben.

Ich weiß, Du magst die Leute nicht, die jetzt überall Salafisten genannt werden. Meine Meinung dazu kennst Du auch. Ich will jetzt hier nichts über irgendwelche Leute sagen, aber es gibt viel Dummheit in der Welt, hier wie da. Und dumm wird man im Sinn meines Lehrers Thomas, wenn man die Dinge, die einen berühren müssten, nicht an sich heran kommen lässt, wenn man sozusagen geistige Springerstiefel an hat und über die feinen Nuancen im Leben hinweg trampelt. Dumm wird man, wenn man sich Dingen gegenüber verweigert, denen man sich nicht verweigern sollte. Wenn man Berührungen und Begegnungen gegenüber die Augen und Ohren verschließt, die man wahrnehmen sollte.

Ein Blick in flehende Kinderaugen sollte unser Herz berühren und dazu führen, dass wir uns benehmen, wie man sich wehrlosen Geschöpfen gegenüber gefälligst zu benehmen hat. Wer eine solche Berührung verweigert, der wird stumpf und grob. Die Dummheit ist eine Art Stumpfheit des Herzens und der Sinne, und das Dumme an der Dummheit ist wohl, dass sie sich in der Welt so viel zu sagen hat.
Wenn wir das alles jetzt so nehmen, dann ist das Gegenmittel zur Dummheit nicht unbedingt irgendwelche Bildung und das Lesen von Büchern. Wer viele Bücher liest, der wird schlau. Es gibt aber Leute, die sind schlau und dumm zugleich. Die Medizin gegen die Dummheit läge in der Bereitschaft, sensibel zu werden für die Dinge, die uns begegnen. Das Leben wieder lesen lernen, das wäre das Mittel der Wahl. Intelligente Fußballspieler ballern nicht drauf los. Intelligente Spieler lesen das Spiel, sagt man heute ja auch.
Gott hat die Welt nicht nur gemacht, dass wir in ihre essen, trinken und uns in ihr austoben. Er hat sie  uns auch geschenkt, dass wir sie verstehen lernen. Dazu braucht es eine Bereitschaft anzuerkennen, dass Er auch durch die Welt und das Leben zu uns sprechen möchte.

Aber es gibt nichts Blödes auf der Welt,
das nicht am Ende dem Guten zu dienen hat.

Der Vorteil an der offenkundigen Dummheit ist schon mal, dass sie ihre viel zu grobe Meinung platt ausspricht, in diesem Sinn posaunt der sogenannte Salafismus schon mal daher, alle Atheisten würden für immer in die ewige Hölle fahren. Ich würde meinen, wer so spricht, der wird sich eines schönen Tages einem großen Irrtum gegenüber sehen. Der liegt der Meinung, ihr Gott sei so stumpf wie sie, oder gar, Gott habe die Stumpfheit der Sinne befohlen. Dagegen hängt uns der Prophet einen goldenen Satz übers Bett, an dem wir nicht vorbei kommen werden:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege,
Spruch des Herrn.“ (Jesaja 55,8)

Die dumme Seite der Religion prustet in die Welt, man müsse die Ungläubigen bekämpfen, um den Unglauben zu besiegen. Mahmoud sollte sich dadurch nicht leiten lassen. Wenn er aus seinen edlen Motiven heraus meint, den Unglauben bekämpfen zu müssen, dann sollte er unterscheiden. Man kann man das nicht, in dem man gegen die Ungläubigen Abneigungen hegt und gegen sie vorrückt. Das ist dumm und nicht hilfreich.

Bärte hören nicht auf zu sprießen, wenn man sie rasiert und ein Rasen hört nicht auf zu wachsen, wenn man ihn mäht, im Gegenteil. Ein Rasen hört auf, ein Rasen zu sein, wenn man an seiner Statt etwas Neues pflanzt und Bärte muss man pflegen, wenn sie gut aussehen sollen. Wenn Du gegen den Unglauben vorrücken möchtest, dann muss Du die Ungläubigen gewinnen, und das geht nur auf der Basis aufrichtiger Freundschaft. Oder hast Du schon mal einen Menschen von irgendetwas überzeugt, der Dein Feind war? Für Christen sollte das alles eigentlich klar sein. Ihnen hängt ihr Glaube ja diese Schilder übers Bett, und auf einem steht der Satz Jesu:

„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15)

Christus ist nicht gekommen um einen Krieg anzuzetteln, sondern um die Herzen für seine Liebe und damit für die Liebe Gottes zu gewinnen. Wir können uns ja mal über die Frage unterhalten, ob die Religion Deiner Väter nicht auch die eine oder andere Quelle sprudeln lässt, aus der heraus solche Gedanken entwickelt werden können. Nun aber zum Thema, über das Mahmoud sich damals gestritten hat, ob es Gott eigentlich geben müsse oder nicht.

Anm:
Thomas hat in Sth II-II ein eigenes kleines Kapitel über die Dummheit geschrieben, um ein der Weisheit entgegengesetztes Laster zu beschreiben. Hier vielleicht der für uns gerade prägnanteste Satz daraus: „Wie gesagt, sofern die Dummheit Sünde ist, kommt sie daher, dass der geistige Sinn stumpf und nicht in der Lage ist, sich an geistigen Dingen zu erfreuen.”
– „Sicut iam dictum est, stultitia, secundum quod est peccatum, provenit ex hoc quod sensus spiritualis hebetatus est, ut non sit aptus ad spiritualia diiudicanda.”
Sth, II-II,46,3,co.

Islam und Christentum, Teil 12

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Briefe an meinen muslimischen Freund

Gott oder Götter?

Einigen wir uns also beim Gebrauch des Wortes Gott auf den Einen. Aber wie gesagt, es gibt Leute und ganze Kulturen, die glauben an viele Götter und Gottheiten, und was ich jetzt sage, wird Dich wundern: Man kann durchaus sowohl an den Einen und zugleich an viele andere glauben. Lass mich das kurz erklären, dann wird auch klarer, was es bedeutet, den Einen zu bekennen.
Den Gott, den Du und ich bekennen, ist, wie gesagt, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Das bedeutet, wie schon gesehen, alles, was nicht Er ist, das ist seine Schöpfung. Der Schöpfer hat Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen und Engel geschaffen. Er hat ein Universum und eine Welt ins Leben gerufen, auf der alle anderen Geschöpfe Platz und Raum haben. Die Erde ist für den Menschen eine Lebenswelt. Er lebt auf ihr, ist aus ihren Materialien gebaut, er ist an sie gebunden und bedient sich der Dinge, die sie hervorbringt. Die Geschöpfe der Erde entstehen, sie sind eine Zeit lang da und sie vergehen wieder. Aber wenn wir von Engeln zum Beispiel sprechen, dann ist das ein erster Hinweis, dass es auch Geschöpfe gibt, von denen wir annehmen, dass sie nicht mehr vergehen. Engel sind Geister, Geister haben keine Körper und Geister vergehen deshalb nicht in gleicher Weise, wie die körperlichen Wesen es tun. Körper werden alt, weil sie aus körperlicher Materie bestehen, an der der Zahn der Zeit nagen kann. In einem ähnlichen Sinn haben die alten Kulturen geglaubt, es gebe nicht nur Geister, die nicht vergehen, sondern auch andere Geschöpfe, die ebenfalls immer am Leben bleiben. Diese nannten sie Götter.

Von unserem Standpunkt aus, die wir an den Schöpfer glauben gesehen, würden die Götter genannten Wesen genau so zum Weltganzen gehören, wie die Tiere, die Engel und die unsterblichen Seelen der Menschen. Und wenn man Leute fragen würde, die an Götter und zugleich an eine Schöpfung glauben, sie würden sagen können, der eine Gott habe Tiere, Menschen, Engel und unsterbliche Götter geschaffen. Die Götter wären dann nur so etwas wie Kollegen der Engel, die auch unsterblich sind und einen Leib haben.

Ich will auf etwas hinaus. Wenn die Leute vom Götterglauben von ihren Göttern sprachen, dann meinten sie im Grunde etwas, was zur Schöpfung gehört. Die Götter waren genau so im ganzen der Schöpfung eingebunden, wie alle anderen Geschöpfe auch. Wenn wir dagegen Gott sagen, dann meinen wir ein Wesen, das ganz anders ist, das nicht zur Welt gehört und nicht in der Welt ist.

Wenn man so möchte, ist Gott der Erfinder der Schöpfung, und Erfinder sind nie selbst in den Dingen, die sie erfunden haben. Die Uhr eines Uhrmachers trägt zwar seine Handschrift. Er Uhrmacher ist aber in keiner Weise selbst in der Uhr, er ist ihr vielmehr über. Die Uhr trägt seine Gedanken. Er hatte die Ideen, er dachte sich aus, wie alle Teile aussehen müssten, wie sie zusammen gehören und am Ende zusammen ticken. Er selbst, als Mensch und Erfinder, bleibt aber immer außerhalb. Deshalb kann man sagen, der Uhrmacher ist ganz anders als seine Uhr, so ist Gott auch ganz anders als seine Schöpfung. Er ist ihr über, er hat sie sich ausgedacht und wirkt in ihr, was er möchte. Er ist aber niemals ein Teil seiner Schöpfung, die angenommenen Götter der Griechen und Römer wären das aber, auch wenn sie noch so mächtig gewesen wären. Wenn es sie gäbe, dann wären sie Geschöpfe, wie Du und ich. Die Schöpfung gehört also dem Schöpfer, sie gehört aber nicht zu ihm, wie Fische zum Aquarium oder Tiere zur Welt gehören. Wenn die Welt also einen Schöpfer hat, wie wir annehmen, dann ist die Welt kein Teil von ihm. Warum das so ist, darüber würde ich gern noch ein paar Worte verlieren.