Die Liebe und ihr Leiden

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Brief an einen Doktor, 2

Sehr geehrter Herr,

„etwas zu viel Gott für meinen Geschmack“, lautete gestern der Einwand eines Lesers, der nach kurzem Gespräch um den Text gebeten hatte, den ich Ihnen zugesandt habe. Ich fürchte, ich kann der Neigung, „lieber etwas weniger Gott im Ganzen“ nicht sonderlich weit entgegen kommen. Wer ein Haus betritt, über dessen Tür das Wort „Borussia“ zu lesen steht, der wird damit zu rechnen haben, dass sich darinnen so ziemlich alles um Fußball, und zwar um den einer ganz bestimmten Mannschaft dreht.

Über meinem Tun hier steht das Wort „Thomismus“. Wer sich kurz kundig macht, kann wissen, dass sich da im weiten Sinn so ziemlich alles um das Thema „Gott und die Welt“ dreht, und das auf eine bestimmte Weise.
Wir haben uns dann noch kurz unterhalten können. Es stellte sich heraus, mein Leser hatte die Gottesfrage irgendwann mehr oder weniger als „Agnostiker mit Tendenz zum Atheismus“ beantwortet. Und das – so schien mir dabei – in der die Zukunft prägenden Stimmung, wenn möglich nicht weiter behelligt werden zu wollen. Über unser Thema, die Liebe, haben wir uns dann allerdings doch noch angenehm und angeregt unterhalten. Da musste der Schöpfer dann auch nicht weiter vorkommen. Der Gottesgedanke hat im Erwägen der Liebe christlicherseits oft eher nur den Charakter einer wohl stets, aber mehr oder weniger unbewusst wahrgenommenen Grundierung, zu einer Art Grundstimmung der Dankbarkeit führt sozusagen.
Als unser Vater meinem Bruder in desse Kindheit einmal eine Angel geschenkt hat, da ging es mit seinen Freunden am See fürderhin ums Angeln, nicht um den Vater. So kann es durchaus auch mit der Liebe zugehen. Es dreht sich um sie, und nicht um ihren Geber. Es gibt da allerdings einen Unterschied. Für ein Geschenk kann man sich bedanken. Im Glauben aber, die Liebe sei mit der Welt aus dem Würfelbecher der Evolution gekugelt, hat man keine Adresse.

Aus unserem Dialog wurde ein Gespräch zu dritt, als eine Dame hinzu kam, die an einer Sache interessiert war, die man vielleicht die dunkle Seite der Liebe nennen kann. Ihr war es plötzlich um den Verlust und die darauf folgende Trauer zu tun. Vielleicht können wir uns auf eine kurze Formel einigen, nach der auch die Trauer eine Form der Liebe ist. Man kann wohl nicht traurig sein, wenn man das Verlorene nicht lieb hatte, oder besser gesagt, immer noch lieb hat.
Jetzt ging das Gespräch also um die Frage, ob man den Schmerz der Trauer, wie freilich jeden Schmerz, nicht am liebsten los sein möchte, und es herrschte eine Dissonanz im Gespräch. Ich schlug eine Art Deal vor, um einer Lösung entgegen zu kommen. Der lautete etwa so: Wer würde auf einen Vorschlag eingehen, der die Möglichkeit enthielte, den Schmerz um den Preis des Verlustes der Liebe loszuwerden? Mit anderen Worten: „Der Schmerz hört sofort und für immer auf, für den Preis, dass du den verlorenen Menschen nicht mehr lieb hast. Siehst du zukünftig sein Bild irgendwo, dann wird es wie das Erblicken eines ganz Fremden sein. Bist du dazu bereit?“ Der Vorschlag hätte von Mephisto kommen können, und beide verneinten mit einigem Nachdruck. Sie gaben eindeutig der Liebe den Zuschlag, auch wenn diese leiden müsse. Das geschah, wie Sie wissen, allerdings in der Neutralität der momentanen Freiheit vom lediglich gedachten Schmerz. Einen solchen kann man nur vorher und nachher wollen. Stellt er sich ein, dann werden die Karten von harter Hand noch einmal neu gemischt, und dieser Ernstfall lässt sich nicht proben.

Schnelle Nudeln

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Spargel klein schneiden und bissfest kochen. Olivenöl in die Pfanne, Knoblauch leicht andünsten. Tomaten und Zucchini mit dünsten. Pfeffer und Salz. Eine Dose geschälte Tomatenstücke dazu, ein Becher Sahne. Mit Gemüsebrühe verfeinern. Thymian, Majoran und ein bisschen Chili dazu. Zur Bindung etwas Tomatenmark. Kurz köcheln lassen. Nudeln kochen und in der Soße mit dem Spargel schwenken. Ein paar Blätter Basilikum on Top und gut iss.

Der Grund des Liebens

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Brief an einen Doktor 1

Der Liebe ist einfach nicht auf den Grund zu kommen. Man kann auch sagen, sie ist unergründlich. Kierkegaard hat sie, wenn ich mich recht erinnere, mit einem Gewässer verglichen, in dessen Tiefen ein Taucher nie die Quelle erreichen kann, weil sie sich mit jedem Meter vermeintlicher Näherung stets weiter von ihm entfernt. Wie wenn ein Grund vor dem Forschenden davon läuft.

Das ist auch meine erste These: Die Liebe verliert sich ins Unendliche, und doch: Sie verliert sich und vor allem uns nie. Sie umgibt uns vielmehr und birgt uns in sich. Sie trägt unser Dasein, sie lässt es uns spüren und so gibt es kein einziges Geschöpf im weiten All, das ihr nicht bis zur totalen Erschöpfung nachliefe.

Ein allzu schneller Blick könnte meinen, was man hat, das braucht man nicht suchen. Dem ist aber nicht so, nicht in diesem Fall. Wir suchen mit Lust und unter Tränen, was wir haben und wollen irgendwie immer mehr davon. Nicht wie ein Forschender, der am Schreibtisch über seinen Formeln nachsinnt. Vielmehr wie ein Hungernder, der das Gefühl einer Sättigung sucht, ohne je ganz satt werden zu wollen.

Sie haben die Gottheit angesprochen. Sie ist der Grund, der die Grundlosigkeit der Liebe ausmacht, denn nur eine Gottheit kann überhaupt und ohne jede Ermüdung wirklich unendlich sein. Wir sollten an dieser Stelle ein wenig aufpassen. Ist von Unendlichkeiten die Rede, dann schleicht sich ein Gefühl von wachsender Oberflächlichkeit ein. Ein Hirte mit nur zwei Schafen kann beiden seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Ein Hirte mit hundert muss seine Kräfte so lange teilen, bis auf jedes seiner Tiere kaum etwas abfällt. Das kann und muss bei der Gottheit anders sein. Ihre Unendlichkeit bedeutet kein Ende in der Betrachtung und Behandlung des einzelnen. Für eine unendliche Mächtigkeit ist es nicht schwerer, mit einem Mal ein ganzes Universum zu schaffen und zu tragen, wie ein einziges, einsames Körnchen. Eine unendliche Macht kennt keine Mühe. Schwitzen tun wir, weil wir an unsere Grenzen kommen. Wer keine Grenzen hat, schwitzt nie. Wir können es auf eine kurze Formel bringen. Die Gottheit kann jeden Herzschlag einzeln genehmigen, und weil sie liebevoll ist, tut sie das auch in einer Haltung, die Zuneigung heißt. Die Liebe ist den Dingen zugeneigt, und sobald wir sie in ihrer Unendlichkeit denken, können wir sagen, sie sagt zu allen Dingen du, und sie sagt, zu allem, was ist, dass es sein soll.

Wenn ein Kind geboren wird; sprechen die entzückten Eltern da nicht in jeder Geste und mit jedem Wort ein „wie schön, dass du da bist“? Bezeugt nicht jedes gute Werk, das sie ihren Kindern angedeihen lassen, diese Freude, allein, dass sie auf der Welt sind? Ist es umgekehrt nicht genau so? Spricht nicht aus dem Lächeln des Kindes, das noch um nichts mit Bewusstsein weiß, ebenso das „wie schön, dass ihr da seid, und wie schön, dass gerade ihr es seid“? Es ist genau das gleiche Wort, das der Schöpfer immerzu zu allem sagt. Die Gottheit, die unmerklich zwar, aber mit ungeteilter Aufmerksamkeit ein jedes Ding im All über dem Nichts im Dasein hält, spricht die Worte leise mit. Aber leise heißt nicht ohne Macht.