Sonne und Halbmond

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Wenn Du mal in eine katholische Kirche kommst, dann wirf doch mal einen Blick auf die Marienfigur. So ziemlich jede katholische Kirche hat eine. Schau doch mal, ob man ihr einen Halbmond unter die Füße geschnitzt oder gemalt hat. Sehr viele Darstellungen der Mutter Jesu haben nämlich einen Mond zu ihren Füßen. Im letzten Buch der Bibel, in dem das große Spektakel am Ende der Zeiten, das große Finale geschildert wird steht zu lesen:

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel:
Eine Frau, mit der Sonne bekleidet;
der Mond war unter ihren Füßen
und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“

Für viele Christen reicht die Tatsache, dass etwas in der Bibel steht. Manche aber denken gern einen Schritt weiter und fragen, warum eigentlich. Warum hat die Frau einen Mond unter ihren Füßen und nicht nur eine Wolke oder Blumen oder ein Wagenrad? Es gibt viele Antworten. Mir ist die liebste die aus der alten Philosophie. Da heißt es: Das Unveränderliche schützt und bewegt das Veränderliche. Kinder springen beim Spiel hin und her, der Opa, der am Rande sitzt, hat den Überblick und passt auf.
Ein solcher Grundsatz könnte hinter dem Halbmond zu Füßen Mariens stehen. Der Mond ist derjenige Stern am Himmel. der sich dauernd ändert. Mal ist er eine runde Scheibe, die den Leuten schlechte Laune macht, mal ist er eine Sichel und hübsch anzusehen; dauernd muss er sich ändern und bewegen. Für die Alten der Philosophie konnte das kein Vorbild sein. Sie bedachten, dass der Mensch Orientierung braucht, und Orientierung bedeutet einen festen Punkt haben. Das Feststehende galt, und wer es nicht mehr nötig hatte, in der Welt herum zu reisen, der hatte schon genug gesehen und kannte sich aus.
Diese ganze Philosophie speist sich aus dem Gedanken an die Ewigkeit. Ewig kann nur sein, was nicht nötig hat, anzufangen und aufzuhören. Erst was ewig ist, das ist endgültig, fest und verlässlich. Wenn es überhaupt ein letztes, großes Ziel geben konnte, dann musste das ein ewiges sein. Alles andere kann irgendwann wieder vorbei sein. Im lateinischen Westen hätte sich eine Religionsgemeinschaft, die eine Philosophie hat, nie einen Halbmond zum Zeichen gemacht.

Die Mutter Jesu im Himmel wurde vom heiligen Bernhard als der Stern des Meeres besungen. Der Stern des Meeres bedeutete für die Seeleute einen festen Punkt, an der sie sich orientieren konnten, um den Kurs zu bestimmen. Ohne einen solche Punkt in der Wüste oder auf dem Meer fand niemand heim.
Beim Sterben Jesu am Kreuz heißt es in der Bibel, die Sonne verfinsterte sich mitten am Tag. Die Alten wussten, was gemeint war: Hier hatten sich die Menschen mit dem Tod des Herrn ihre eigene Orientierung aus der Welt gekreuzigt! Finsternis und Unsicherheit würde jetzt ihr Los sein. Weil das nicht so bleiben sollte, erstand der Menschensohn am Sonnenaufgang des übernächsten Tages. Deshalb sind unsere Kirchen nach Osten gebaut und alle Gottesdienste wurden symbolisch nach Osten hin gefeiert, der Sonne entgegen.
Jesus hatte Maria bei seinem Sterben zur Mutter des Apostels Johannes und damit zur Mutter der ganzen Kirche erklärt. Dann holte er sie später zu sich in den Himmel, und jetzt hatte sie als großes Zeichen und erster Mensch Teil an seiner ewigen Sicherheit. Das gehörte sozusagen zum Fundament der alten, christlichen Philosophie, die mit Menschen und Vorbildern gefüllt ist.
Ich erwähne das alles, weil Thomas in seiner Erklärung zu den Schutzengeln diesen Grundsatz in Anschlag bringt. In seiner ersten Antwort schreibt er: „Ich antworte, der Art der göttlichen Vorsehung gemäß wird in allen Dingen das Bewegliche und Wechselvolle durch das Feststehende geführt und bestimmt. (…) Also war es naheliegend, dass uns Menschen Engel zum Schutz an die Seite gestellt wurden, die unsere Wege leiten und zum Guten führen.“
Die Lehre von den Schutzengeln vermittelt uns also zunächst den Wunsch des Schöpfers, dem gemäß die Menschen Halt bekommen sollen und Festigkeit auf dem Weg durch ihr Leben.

Quellen:
Offb 12,1: „Et signum magnum apparuit in caelo: mulier amicta sole, et luna sub pedibus eius, et super caput eius corona stellarum duodecim.“

Bernard v. Clarivaux, de laudibus virginis matris serm II, in Luc I,26,27: “Si insurgant venti tentationum, si incurras scopulos tribulationum, respice stellam, voca Mariam.” – “Wenn Stürme der Versuchung sich erheben, wenn Du zwischen die Klippen der Trübsal gerätst, schau auf den Stern, rufe Maria.”

Sth I, 113, 1, co: Respondeo dicendum quod, secundum rationem divinae providentiae, hoc in rebus omnibus invenitur, quod mobilia et variabilia per immobilia et invariabilia moventur et regulantur. (…) Et ideo necessarium fuit quod hominibus Angeli ad custodiam deputarentur, per quos regularentur et moverentur ad bonum.

Hierarchie

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Du kennst sicher das Wort, nach dem jemand „aber ansonsten ganz in Ordnung“ ist. Man hört es und man sagt es so daher. Aber wenn jemand „ansonsten“ ganz in Ordnung ist, dann hat er mindestens eine Macke. Macken können sehr sympathisch sein, und aufs Ganze gesehen wird wohl so ziemlich jeder seine haben. Es aber wohl auch Macken, die einem schrecklich auf die Nerven gehen oder gar gefährlich sind. Einen Typen, der „ansonsten ganz in Ordnung“ ist und nur bei jeder kleinsten Wut den nächst besten Gegenstand zertrümmern muss, möchte ich nicht in meiner Wohnung haben. Deshalb sagt das „ansonsten ganz in Ordnung“ eigentlich nicht viel.
Bei gewalttätigen Leuten sagen, es sei aber nur eine kleine Minderheit, zählt nur für die Statistik. Wenn Dir diese kleine Minderheit im Bus begegnet, nützt es gar nichts, wenn draußen neunundneunzig Prozent friedliebende Leute leben.

Ich hatte eine Zeit lang eine „ansonsten“ ganz liebe Kollegin. Sie hatte nur die Macke, mehr oder weniger durchzudrehen, wenn sie bestimmte Worte hörte. Wenn wir ihr damals unser kleines Buch hier geschenkt hätten, sie hätte es eher zum fressen, als zum Lesen bekommen und es in der Luft zerrissen. Eins der Worte, das jedes Gespräch beendete, hieß „Hierarchie“. Das Dumme aus ihrer Sicht war nun, man kann kein gutes Buch über das Denken des heiligen Thomas schreiben, ohne von Hierarchien zu sprechen und das Wort zu besprechen. Seine Welt ist nämlich immer hierarchisch, und wenn ich richtig sehe, ist die Welt aller Menschen hierarchisch in gewissem Sinn.

Hierarchie bedeutet zunächst nichts anderes als was wir schon besprochen haben: Die Welt ist in Stockwerke eingeteilt. Der König steht höher als sein Diener und die Kanzlerin steht über dem Hausmeister. Wir können gar nichts machen, wir sehen die Welt so, wir beschreiben sie so, und wenn wir eine neue bauen sollten, wäre das nicht viel anders.
Es hat zu allen Zeiten Leute gegeben, die gegen alle bestehenden Hierarchien anrannten und zerschlagen wollten. Sie taten das aber stets, um gleich ihre eigenen, neuen zu errichten. Sie köpften ihren König und führten sich dabei wie Könige auf. Die Toleranten fordern Milde gegen Andersdenkende und Gefängnisse für solche, deren Denken wirklich anders ist.
Ich würde meinen, es ist gar nicht schlimm, wenn in der Welt der eine über dem anderen steht, solange man sich nicht von oben herab behandelt. Was das angeht, lässt sich oft beobachten, dass es bei weitem nicht immer die ganz oben sind, die von oben herab sehen. Am meisten Lust, die von unten zu schänden haben eher die aus dem zweiten Stock von unten.

Wer mit dem Schlüssel klappert
und pöbelt,
ist nur der Verwalter,
selten der Besitzer.

Wir haben gesehen, die Engel erleuchten einander von oben nach unten und sie erleuchten die Menschen. Dabei sind es – gut hierarchisch betrachtet – nur die untersten Engel auf der Leiter, die mit uns in direkten Kontakt treten. Schließlich steht die gesamte Engelspyramide über uns Menschen in der Hierarchie.

Aus der untersten Stufe der Engel kommen auch diejenigen, die der Volksmund die Schutzengel nennt. Wenn man so möchte, sind die Schutzengel das Verbindungsglied zwischen der Engel- und der Menschenwelt. Ähnlich, wie die gesamte Engelwelt ein Verbindungsglied zwischen Gott und den Menschen ist. Hier fällt wieder etwas auf: Wenn wir beten und mit Gott sprechen, dann interessiert uns die Hierarchie nicht, wir wandern direkt in die Halle des Königs. Der Erzengel Gabriel war kein Wesen aus der untersten Schublade, sondern ein – standesgemäß – königlicherer Engel aus der ein Stockwerk höheren Charge. Die Hierarchien gibt es zwar, aber sie sind nicht hölzern. Sie müssen auch nicht in allem eingehalten werden. Der Himmel ist kein preußisches Verwaltungsamt. Der Herr ist auch kein Engel, sondern Mensch geworden, um der Welt ihr Problem zu nehmen.
Quelle:
Sth 113, 3, co: “Sicut supra dictum est, homini custodia dupliciter adhibetur. Uno modo custodia particularis, secundum quod singulis hominibus singuli Angeli ad custodiam deputantur. Et talis custodia pertinet ad infimum ordinem Angelorum, quorum, secundum Gregorium, est minima nuntiare.”
– “Wie oben bereits gesagt, gibt es den Schutz auf zweifache Weise: Zum einen den Schutz in Einzelheiten, dem gemäß den jeweils einzelnen Menschen ein einzelner Engel zugeteilt wird. Ein solcher Schutz ist Sache der untersten Engelsornung. Deren Amt ist es ja, das jeweils Geringere zu verkünden.