Schreibhemmung

Wie gesagt, es gibt zwei Gründe, warum ein Schreiber mit dem Schreiben nicht weiter kommt: Entweder es fällt ihm zu wenig ein oder zu viel. Zu wenig geht beim Theologenkönig kaum. Man steht vor seinem Werk schon mal da wie auf der Kölner Domplatte. Wo soll man jetzt anfangen das Riesending hinauf zu klettern? Aber na warte, es gibt einen kleinen Seiteneingang: Das Compendium !

brain

Über die Unsichtbarkeit der Engel, Teil eins.

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Wenn man schlauen Leuten widerspricht, setzt man sich dem Verdacht aus, dass man sie nicht verstanden hat. Das Risiko gehe ich ein. Ludwig Wittgensteins berühmtester Satz lautet: „Worüber man nicht reden könne, darüber solle man schweigen.“ Ich widerspreche und gebe gleich zu, dass ich Wittgenstein nie ganz verstanden konnte, und wann immer ich in seinen Büchern gelesen habe, wurde ich den Zweifel nie ganz los, dass er sich am Ende selbst so wenig verstand, wie ich ihn von Beginn an.
Dem letzten Teil des genannten Zitates würde ich von Herzen zustimmen. Was für eine herrliche Welt, auf der viel weniger geredet würde! Aber dass man vor allem von den Dingen schweigen soll, von denen man nicht viel sagen kann, dagegen habe ich mich immer schon aufgelehnt.
Solcherlei Ratschläge hört man immer dort, wo ich mich am liebsten unauffällig aus dem Staub mache. Wo immer mir der Islam zum Problem wird, da herrscht dieses unsägliche Verbot, sich über den Propheten und über die Entstehung des Koran Gedanken zu machen.
Dem Luther war ich eigentlich noch nie wirklich böse. Hätte er die Kirche nicht in die Krise gestürzt, es hätte sich ein anderer gefunden. Auch die katholischste aller Kirchen bekommt die Krisen, die sie verdient. Aber als ich bei ihm lesen musste, Aristoteles sei ein ranziger Philosophen und Thomas ein Quatschkopf, da wollte ich gleich auf die Palme und mit Nüssen werfen.
Ich werde wild, wenn ich mit Christen diskutieren soll, die nicht bereit sind, sich mit mir über Dinge Gedanken zu machen, die mal nicht in ihrer Bibelübersetzung stehen. Sie dürften sich im Klassenzimmer der Thomisten auch sichtlich unwohl fühlen. Da wird nämlich den lieben langen Tag über gerade die Sachen nachgedacht, die nicht in der Bibel stehen, und von denen auch keine Aussicht besteht, dass sie auf Erden je ganz verstanden werden.

Was die Engel angeht, heißt es gleich erst mal, in diesem Leben könnten wir nicht wissen, was sie wirklich sind. Das haben wir nicht gern. Es lässt sich aber nicht anders sagen, und das hat aber mit der Tatsache zu tun, nach der wir unsere Augen brauchen, um sehen zu können. Auch im Dunklen übrigens. Auch da brauchen in gewisser Weise unsere Augen, um weiter mit reden zu können. Wenn wir nicht sehen können, dann lassen wir uns beschreiben, wie die Dinge sind; und zwar von denen, die sehen. Wir sind dann darauf angewiesen, uns die Dinge für die geistigen Augen beschreiben zu lassen. Auch blinde Leute machen sich Bilder. Der Mensch ist nunmal ein Sinnenwesen. Thomas sagt es tausende Male: Menschen begreifen alles über ihre fünf Sinne. Das bedeutet mehr, als das wir gerade nur mit unseren Augen sehen, mit der Nase riechen und mit den Ohren hören. Auch wenn wir die Beethovens Fünfte gerade nicht hören, können wir über sie reden. Wir reden dann aber über etwas, was wir sozusagen als gehörte Bilder im Kopf haben. Hat jemand die Fünfte noch nie gehört, können wir sie beschreiben. Er mag sie sich dann vorstellen, aber aus Hörbildern, die er irgendwo her hat.
Wenn wir über das versunkene Atlantis reden, also über ein Land, das von noch niemand von uns gesehen hat, dann arbeiten wir im Kopf mit Bildern, die wir sehen, ohne sie wirklich zu sehen. Wir sehen aber etwas, wenn auch nur im Kopf. Wir können reden, weil Atlantis ein sichtbares Land war, und weil wir andere Länder schon kennen. Wir können uns also mit Fug und Recht ein Bild von der versunkenen Stadt machen. Wenn einer von uns verlangen würde, über ein „Land“ zu reden, das in Wirklichkeit aber kein Land ist, wir würden ihm den nächst besten Vogel zeigen. So ähnlich ist es aber mit den Engeln. Wenn sie nicht zufällig gerade erscheinen, dann liefern sie keine Bilder.
Engel sind unsichtbar, und zwar schlechthin. Der Engel Gabriel erschien der Maria sichtbar als junger Mann, wie man allgemein annimmt. Näheres wissen wir natürlich nicht. Was wir aber wissen ist: Er kam als Bote Gottes. Das ist sein Amt und alles, was fest steht. Es ging um die Botschaft, und Maria konnte im Nachhinein nicht darauf bestehen, dass Gabriel blonde Haare oder schwarze hat. Gabriel hat in Wirklichkeit keine Haare! Er hat auch keinen Kopf. Aber er ist ein Botschafter Gottes, der als solcher kurz sichtbar wurde. Mehr gibt es nicht zu sagen. Wenn er als blonder Jüngling erschien, dann eher nur, weil „unsere“ Jünglinge alle Köpfe haben, aus denen in aller Regel irgendwelche Haare sprießen. Der Körper des jungen Boten Gabriel gehörte nicht so zu ihm, wie unsere Körper zu uns gehören. Es war nicht seiner, sondern einer, den er nur kurz annahm, damit Maria überhaupt etwas sehen und hören konnte. Wie immer auch, wir reden in Sachen Engel von Dingen, über die Wittgensteins Freunde ohnehin immer schweigen. Wir können reden, ich fürchte aber, wir kommen damit nicht weiter, ohne doch noch kurz auf die Frage mit der Form und der Materie zu kommen.

Quellen:
Quol, III, 3, 2, co: “Modus autem naturae angelicae est nobis ignotus secundum quod in se est: non enim in hac vita scire possumus de eis quid sunt.” – “Die Art der Natur, die die Engel besitzen ist uns ihrer Sache nach unbekannt. In diesem Leben können wir von ihnen nicht wissen, was sie sind.”

Sth I, 51, 2, ad 2: Ad secundum dicendum quod corpus assumptum unitur Angelo, non quidem ut formae, neque solum ut motori; sed sicut motori repraesentato per corpus mobile assumptum. Sicut enim in sacra Scriptura proprietates rerum intelligibilium sub similitudinibus rerum sensibilium describuntur, ita corpora sensibilia divina virtute sic formantur ab Angelis, ut congruant ad repraesentandum Angeli intelligibiles proprietates.
Der angenommene Körper des Engels gehört nicht zu ihm als seine Form, ebensowenig braucht er ihn zur Bewegung seiner selbst. In der heiligen Schrift werden die Dinge für das Verstehen mit Bildern aus der sinnlichen Welt dargelegt. So werden die Körper von den Engeln in der Kraft Gottes auch derart geformt, dass sie mit dem übereinstimmen, was wir Verstehbares von ihnen wissen müssen.