Die Wertungen in Glaubenssachen

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Briefe an unseren Bufdi

Es gibt das Glauben so und es gibt das Glauben so. Ein Richter, der einem unsympathischen Zeugen seine Story abnimmt, ist sozusagen gezwungen sie zu glauben. Sein Glaube geht wohl aber nicht auf die Person, die mag er nicht. Er glaubt nicht dem Zeugen, sondern er nimmt die Wahrheit seiner Geschichte an und ihm seine Version ab. Richter und Zeuge haben keine Gemeinschaft, auch wenn sie gemeinsam im selben Raum sind. Was wir Gemeinschaft nennen, ist vom räumlichen Zusammensein nicht unbedingt abhängig. Knastbrüder können lebenslang auf der gleichen Zelle hocken und doch trennt sie womöglich alles, was Menschen trennen kann. Auf der anderen Seite können echte Freunde ihr halbes Leben lang getrennt sein. Treffen sie sich, dann empfinden sie ihre Freundschaft, wie sie immer war, weil sie nie aufgehört hat.
Das sich glauben unter Freunden hat eine Lust bei sich, nämlich die Lust der Freunde an ihrer Gemeinschaft. Das Glauben geht gar nicht nur auf das, was sie sagen, sondern immer auch auf die Person, der geglaubt wird. Man ehrt seinen Freund, wenn man ihm seinen Glauben schenkt, und die Freude dreht sich um die Ehre und das Ehren.

Der Volksmund ist gewohnt, die Dinge zu bewerten, man spricht auch gern von Werten überhaupt. Manchmal hört man auf hohen Geburtstagen die Leute sagen, das wichtigste sei doch die Gesundheit. „Hauptsache gesund“, heißt es in Kurzform. Das sind hübsche Sprüche, sie sind aber falsch. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“, schreibt Schiller dagegen, und ich finde, er hat Recht. Die Gesundheit ist ein hoher Wert, aber sie ist eher nur wie ein Werkzeug, das man hat. Man ist gesund genug, irgendetwas zu tun. Man lebt nicht einfach um zu leben, sondern man lebt um höhere Dinge zu verwirklichen. Mein Opa wollte nicht lange leben, damit sein Leben lang sei. Er wollte lange leben, um lange etwas von seinen Kindern und Enkeln zu haben. Nicht das Leben war die Hauptsache, sondern die Kinder. Professor Splett pflegt das in die Worte zu kleiden: „Das Leben ist uns nichts mehr wert, wenn wir nichts haben, was uns mehr wert ist als das Leben.“ Ich finde, dem kann man nicht gut widersprechen, und die höchsten Dinge dürften die sein, die man liebt und für die man sogar zu sterben bereit wäre.
Wenn man jetzt sagt, da liebt jemand aber sein Fahrrad, dann würde wohl jeder sagen, eine solche Liebe reiche nicht. Wer geht für einen Drahtesel in den Tod? Es müssten schon so Sachen sein wie Familie, Heimat, Freunde oder eine Religion.

Nebenbei bemerkt: Das zuletzt genannte macht das ganze noch einmal besonders.
Einzig die Religionen sprechen davon, dass und wie das Leben nach dem Sterben weiter geht. Ein Märtyrer, der fest und freudig im Glauben an sein Paradies zum Sterben geht, hat der Qualität nach ein ganz anderes Motiv für seine Hingabe. Jemand, der glaubt, mit dem letzten Atemzug werden einfach die Stecker gezogen und aus ist’s mit dem Dasein, der hat weniger auf der Habenseite, was seine Hingabe angeht.
Werten können wir auch das mit dem Glauben. Der am höchsten wertige, der reichere Glaube dürfte der zwischen Personen sein, also zwischen Wesen, die von allen bekannten als höchste eingestuft werden. Nun sind natürlich sowohl Richter, also auch Bankräuber Personen. Als höher werden hier allerdings solche geschätzt, die im klassischen Sprachgebraucht die tugendhaften genannt wurden. Tugenden sind, Aristoteles nach, ausgebaute Fähigkeiten, die Menschen zu guten Menschen machen. Schlechte Menschen führen deshalb schon mal das Etikett von herabgekommenen Wesen. Im Evangelium heißt es, Gott lasse seine Sonne über Gute und Böse scheinen, er ist also auch mit den Bankräubern. Dazu wäre allerdings zu sagen, die Guten sind dann die, die sich in Richtung Licht entwickeln suchen und die bösen sind die, welche die Dunkelheit von Spelunken vorziehen. Wie gesagt, der Volksmund macht das so, und ich muss sagen, ich halte viel von ihm, bei allem Widerspruch, der schon mal dahin gehört.

Glauben und Glauben sind zweierlei

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Briefe an unseren Bufdi

Glaub mir, ich habe mich schon oft mit Gläubigen und Ungläubigen aller Sorten  mit Worten und Argumenten herumgeschlagen, weil mich diese Grenze schon immer interessiert hat und weil ich Lust am Streiten habe. Um nicht in falsches Licht zu geraten, der Streit gehört ebenso kultiviert, wie das ganze Leben kultiviert gehört, und die Lust geht nicht auf den Schaden des Gegners, sondern auf das Darstellen der eigenen Fähigkeiten.

Fußball zum Beispiel ist ein Streit, ein Kampfsport sozusagen. Man legt sich gegen seinen Gegner ins Zeug und hat Lust mit ihm und gegen ihn zu spielen. Dabei hat die Lust nicht auf den Schaden des Gegners zu gehen, sondern auf den Spaß am eigenen Spiel. Fabian spielt unbändig gern. Er spielt aber, damit seine Eltern, Freunde und am besten die ganze Welt sieht, wie er spielen kann. Wenn er seinen Spaß darin suchen würde, den Gegner verletzt am Boden liegen zu sehen, dann müsste man wohl das Gespräch mit ihm suchen.

In jedem kultivierten Streit sind die Waffen genau definiert. Im Fußball ist es verboten, mit Armen und Händen zu spielen. Beim Streit mit Worten ist es verboten, Keulen und andere, marzialische Waffen einzusetzen. Lediglich Worte und Gedanken sind erlaubt.

Es gibt eine weitere Lust am spielerischen Kampf, und die liegt darin, einer Sache zu dienen. In den Wirtschaftsunternehmen unserer Gegenden gilt jemand als guter Arbeiter, wenn er bei seiner Arbeit nicht nur an seine eigenen Taschen, sondern auch an die Sache der Firma denkt. Um das zu ermöglichen teilen geschickte Unternehmer mit ihren Arbeitern. Sie zahlen gewisse Beteiligungen an Gewinnen, um ihre eigene Firma ein bisschen zur Firma ihrer Mitarbeiter zu machen. Was einem gehört, dafür arbeitet man gern, lautet die Devise. Es macht einfach Spaß, seine eigene Mannschaft nach vorn zu spielen. Es macht den Missionaren Spaß, ihrer Kirche Raum auf der Welt zu verschaffen, weil sie sie für eine gute Sache halten, und hier können wir einsetzen.

Wenn man jetzt den Begriff der Ungläubigen in unsere Bilder übertragen wollte, dann wären für einen Fan des EfZe die Ungläubigen die Fans der anderen Mannschaften. Die wären zu bekehren oder zu bekämpfen. Für die verrückten sunnitischen Muslime sind die Ungläubigen die Muslime der Shia, für die Shiiten sind die Ungläubigen die Gläubigen der Sunna. Alle Menschen die nicht dem Propheten folgen, zählen bei beiden natürlich dazu.

Als die christlichen Konfessionen noch stritten, rutschten vor allem die Gläubigen der jeweils anderen Kirche in die Schublade der Ungläubigen, auch hier alle Nichtchristen natürlich mit. Vor allem aber kämpfte man über die Gräben der Konfessionen hinweg, und auch das mit Lust für die eigene Sache. Heute kämpft man nicht mehr, oder besser gesagt, nur noch wenig. Aus kultivierten Kämpfen sind all zu oft unkultivierte geworden, die sich zu Raubzügen und Kriegen ausgewachsen haben, und um das zu verhindern hat man den Streitenden die Waffen abgenommen. Die Waffenkammern lagen und liegen auf Seiten des Staates. Je klarer und besser die Religionen und die Belange der Staaten von einander getrennt sind, desto besser wird garantiert, dass niemand mehr für die Religion zu Felde zieht. Der Streit wird dahin zurück geführt, wo er hin gehört, ins rein Geistliche.

Ein Einwand. Unsere Wörter Glaube und Unglaube zu definieren, wie wir es bisher getan haben, ist einseitig, weil das eien ganz bestimmte Weise des Glaubens meint. Es gibt auch andere. Denk Dir mal einen Menschen vor die Augen, den Du nicht leiden kannst. Stell Dir weiter vor, er liegt mit einem anderen im Streit und Du wirst zum Schiedsrichter gerufen. Der, den Du nicht magst, erzählt Dir seine Version der Geschichte und es stellt sich heraus, er erzählt die Wahrheit und Du glaubst sie ihm. Du glaubst also dem, den Du nicht leiden kannst. Hier gibt es aber Unterschiede. Würde ich Dich fragen, ob Du bereit bist, diesem Menschen überhaupt Deinen Glauben zu schenken, dann würdest Du sicher ablehnen. Wenn wir jemanden nicht mögen, dann schenken wir ihm gar nichts, schon gar nicht unseren Glauben, was mit Vertrauen zu tun hat. Die Geschichte aber, die er erzählt hat, die nimmst Du ihm ab, wie man sagt. Glaube ist nicht Glaube.

Stell Dir ein zweites Bild vor. Dein allerbester Freund erzählt Dir eine Geschichte, die sehr unwahrscheinlich und richtig schwer zu glauben ist. An der Geschichte wirst Du zweifeln wollen, Deinem Freund aber glaubst Du im Prinzip alles, weil er Dein Freund ist. Freunden glaubt man, weil man Freunden vertraut. Wollte man hier von einem Ungläubigen sprechen, dann wäre es einer, der nicht der Freundschaft fähig ist, weil er dort keinen Glauben aufbringt, wo er ihn dringend bräuchte.

Die Ungläubigen

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Briefe an unseren Bufdi

Seit diese ausgeflippten Muslime überall dieses mörderische Theater veranstalten, hat ein Wort nebeliges Wort „Unglauben“ Konjunktur, über das ich schon lange mit Dir reden wollte. Das Wort ist nebelig, weil man es in einer präzisen Rede eigentlich gar nicht benutzen kann, ohne jedesmal erklären zu müssen, was man jetzt gerade meint.
Jeder, der zehn Sekunden nachdenkt, eine seltene Investition übrigens, kann sehen, dass Unglaube nicht gleich Unglaube ist.
Mir scheint, jeder der andere Leute Ungläubige nennt, meint immer die, von denen er gerade am wenigsten hält. Wenn ich von Ungläubigen rede, dann meine ich in aller Regel Atheisten, also Leute, die behaupten, die Welt und vor allem sie selbst hätten keinen Schöpfer. Dass ich vom Atheismus nicht viel halte, weißt Du bereits, und dass mir Spaß macht, mich an dieser Front abzuarbeiten und den einen oder anderen Witz zu reißen, das weißt Du auch. Als Kind der westlichen Welt, deren Atemluft nunmal christlich ist, habe ich den Grundsatz des alten Augustinus mit der Muttermilch getrunken, man solle den Sünder lieben, seine Sünde dagegen nicht. Das bedeutet, die liebenswertesten Menschen können den verrücktesten Ideen nachlaufen und was immer einer glaubt oder denkt, ein gutes Gespräch, ein gutes Essen und einen guten Schluck Wein muss jeder bekommen.

Wenn die Terroristen von den Ungläubigen sprechen, dann meinen sie alle, die man ohne schlechtes Gewissen umbringen darf. Eine Variante, die man nach weit weniger als zehn Sekunden Investition für einigermaßen dumm halten wird. Allein schon: Wer einen Ungläubigen umbringt, und das im Namen einer Gottheit, der raubt genau dem gemeinten Gotte die Zeit, aus dem Ungläubigen einen Gläubigen zu machen. Aber genug davon. Es gibt Sachen, die sind so blöd, dass man irgendwie gar nicht drüber schreiben kann. Karl Kraus fällt mir ein, der zu allem was zu sagen wusste. In Sachen Adolf Hitler konnte er nur anmerken, da falle ihm nichts mehr ein. Aristoteles schreibt in seiner Topik, wer nicht sehe, dass der Schnee weiß ist, der brauche bessere Augen und wer nicht wisse, dass man die Götter verehren soll, der bräuchte Zurechtweisung. In beiden Fällen wären Diskussionen jedenfalls nicht zielführend. Menschen, die nicht lesen können, schreibt man keine Briefe, und wie will man Leute, die nicht denken können oder wollen, zum Nachdenken anregen?

Übrigens, die Muslime, mit denen wir es in unserem Job täglich zu tun haben, die meinen mit den Ungläubigen in aller Regel auch die Atheisten. Alle Muslime, mit denen ich bisher sprechen konnten, respektierten mich besonders, weil ich einen Glauben habe, den ich beschreiben kann und lebe. Sie haben ein Glaubensbekenntnis, das zwar nur einen Satz lang ist, aber sie haben eins. Der christliche Glaube gibt mehr zu denken und braucht ein ganzes Glaubensbekenntnis. Aber der Glaube ist beschreibbar und das macht ihn aus.
Mit allen Andersgläubigen, bei denen ich Gelegenheit hatte, etwas tiefer gehend zu sprechen, konnte ich mich auf die Formel einigen, unser Glaube ist verschieden und Gott wird am Ende sagen, wer sich wo geirrt hat. Aber dass jemand annimmt, am Ende sei da nichts und niemand, der die offenen Fragen klärt, das hat noch kein Gläubiger verstehen können.

Kennst Du den Spaemannschen Gottesbeweis? Er geht so: Dass ich jetzt gerade schreibe, ist wahr. Morgen ist wahr, dass ich gestern hier geschrieben habe. In fünftausend Jahren ist das selbe wahr, ebenso in unausdenklichen Zeiten. Gewesene Tatsachen vergehen nicht. Was ist aber, wenn eines letzten Tages die Welt vergeht? Ist die Tatsache, dass ich hier geschrieben habe, dann nirgends aufgehoben, nirgends bewahrt? Wir stoßen an die Grenze des Undenkbaren. Dass mit der Welt die Wahrheit vergeht, kann ich nicht denken. Aussprechen kann ich es, aber nicht denken. Ich kann sagen, dass ein Kreis vier Ecken hat, denken kann ich es nicht. Viel leichter fällt mir da mit zu gehen, wenn da einer sagte, er selbst sei die Wahrheit und das Leben. Mit anderen Worten, es gibt eine Gottheit einen Ort, an dem alles Wahre wahr bleibt und aufgehoben ist.
Ich liebe Gottesbeweise. Sie beweisen nichts, aber sie legen nahe. Und wenn ich mich mit meinen gläubigen Freunden zu einigen hätte, was ein Ungläubiger sei, dann würde ich einen ersten Vorschlag machen. Ein Ungläubiger ist vielleicht einer, der nicht bereit oder imstande ist, das Naheliegende auf die Weise des Glaubens auszuprobieren.