Der Mensch in Verantwortung

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Manchmal stehen die religiösen Leute mit ihren Geboten im Ruf, den Menschen das Leben eher schwer als leicht zu machen. „Alles, was Spaß macht, wollen sie einem verbieten und erklären es einfach zur Sünde“, heißt es da schon mal. Aber in dem Zusammenhang, wie wir das hier angegangen haben, geht es um etwas ganz anderes. Es geht in der Tat um die Erhaltung der Freiheit.
Wenn ein Nichtraucher eine gute Zigarre auf dem Tisch liegen sieht, berührt ihn das nicht mehr, wie der Aschenbecher daneben. Ein Raucher kann der Anblick schon mal nervös machen. Als ein Freund sich das Rauchen abgewöhnte, nannte er ein gutes Argument: „Ich möchte mir von einer Schachtel Zigaretten nicht länger vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu lassen habe.“ Er wollte frei von seiner Sucht sein und dahin gelangen, dass ihn der Anblick einer Zigarre nicht länger unruhig macht.
Viele Leute möchten am liebsten reiche Leute sein. Man sollte dazu nicht ganz vergessen, dass reiche Leute oft nicht leicht zwischen Freunden und Interessenten untscheiden können. Viele, die als Freunde daher kommen, sind heimlich geleitet von der Vorstellung vom Vermögen etwas abzubekommen. Wenn sie es haben, interessiert der Freund nicht mehr sonderlich. Als der heilige Franziskus seinen Reichtum verschenkte und zu den Armen ging, tat er das, um erst einmal frei zu werden vom Wunsch zu haben, was anderen gehört.
Wenn wir mit einander reden, dann solltest Du Dich darauf verlassen können, dass ich mich für Deine Probleme, Freuden und Leiden interessiere, nicht für Dein Geld, Dein hübsches Aussehen oder sonstige Vorteile, die ich durch Dich erhoffen könnte.
Als Philippo Neri seinen Schützlingen vergnügt beim Spielen zuschaute, wurde er einmal gefragt, ob ihm das Toben denn nicht auf die Nerven falle. Er sagte, wie immer mit einem verschmitzten Lächeln: „Von mir aus können sie auf meinem Rücken Holz hacken, wenn sie nur nicht sündigen.“ Der Satz aus dem Mund des großen Pädagogen ist nicht zu verstehen, wenn man nicht an den Wunsch des Heiligen denkt, seine Kinder mögen frei bleiben von manchen Fesseln, in die man im Leben steigen kann.

Worauf ich in unserem Zusammenhang hinaus will ist, dass der Schöpfer sich in der Mutter Jesu einen Menschen bewahren wollte, der auf die Frage des Engels ganz frei sein Ja oder Nein antworten konnte, frei von Nebeninteressen und frei von manchem, was der Liebe Kratzer verpasst und den Blick ablenkt.
Aber es hat Bedenken gegeben. Eine, die mich an meinen kurdischen Freund Jimi erinnert, der gleich mal mit schwerer Faust auf den Tisch gedonnert hättes: „Wie kannst Du glauben, dass der Erhabene einen Menschen zu Rate zieht?“ Sein Einwand hat gute Gründe. Im Koran wird die Verkündigung des Engels an Maria nämlich auch erzählt. Nur steht dort nicht, was Maria in der Bibel sagt. In beiden Büchern fragt die Jungfrau, wie das mit der Schwangerschaft möglich sein soll. Bei Lukas in der Bibel gibt sie nach dem kurzen Gespräch mit dem berühmten Satz: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“, ihre Zustimmung, jedenfalls nach unserer Art zu lesen. Im Koran lässt Gott den Engel Maria lediglich wissen, dass es sich um eine beschlossene Sache handelt.
Auch von christlicher Seite müssen wir mit ähnlichen Einwänden rechnen. Gott kann sein Unternehmen doch nicht von der Entscheidung eines Menschen, noch dazu von dem eines jungen Mädchens abhängig machen! Wir müssen das aushalten und dabei bleiben: Doch er kann und er wollte sogar. Das gibt der ganzen Geschichte eine Riesenspannung, und wenn ich mich richtig erinnere, war es der heilige Bernhard von Clairvaux, der sich in einer Predigt ausmalte, wie alle Engel im Universum im Augenblick der Frage erstarren und voller Spannung hoffen, sie möge endlich ja sagen!
Unserer Lesart der Geschichte nach, begibt sich der Schöpfer in der Tat ein gewisses Stück in unsere Hände, genau das ist ja das Spannende. Er gibt nichts aus der Hand, aber er gibt etwas in unsere. Wenn wir ein Kind taufen, veranlassen wir Gott etwas zu tun. Wasser über den Kopf gießen und einen Spruch dazu sagen, das kann jeder. Taufen, also aus einem Kind Adams ein Kind Gottes machen, das kann nur der Erhabene, und er will es tun. Was aber tut er, wenn niemand von uns möchte?

Quellen:

Koran, Sure 19, 20 – 22: „Sie sagte: „“Wie sollte ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mann berührt hat und ich keine Hure bin?“““
„Er sagte: „“So (ist es, wie dir verkündet wurde). Dein Herr sagt: Es fällt mir leicht (dies zu bewerkstelligen). Und (wir schenken ihn dir) damit wir ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen, und weil wir (den Menschen) Barmherzigkeit erweisen wollen. Es ist eine beschlossene Sache.“““
Da war sie nun schwanger mit ihm. Und sie zog sich mit ihm an einen fernen Ort zurück. Übersetzung Rudi Paret.

Lk 1, 34-38Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

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Die Würde der Freiheit

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Wir haben noch gar nicht besprochen, was es mit dem etwas dramatischen Wort Sünde überhaupt auf sich hat. Meine Wortwahl im letzten Kapitel war dennoch gut überlegt, als ich von Jesu Mutter sagte, sie habe sie in ihrem Leben gar nicht gekannt. Ich hätte auch sagen können, sie habe nie eine getan oder nie eine begangen. Auch ohne schon genauer gesagt zu haben, was im einzelnen überhaupt gemeint sein könnte, ist es bei Maria gerade nicht nur eine Frage des Tuns, sondern besonders auch eine Sache des Kennenlernens.
Bei den Dingen, die man tun kann, gibt es solche und solche. Wenn ein Schüler in der ersten Klasse noch nie eine Geteiltaufgabe gelöst hat, würden wir nicht auf den Gedanken kommen und sagen, er weiß noch nicht, wie das ist, eine Zahl schriftlich zu teilen. Es ist nichts Besonderes, das zu tun, man fühlt sich nicht viel anders, ob man malnimmt, teilt oder eine Wurzel zieht.
Beim Fliegen ist das schon anders. Jemand, der noch nie geflogen ist, der weiß nicht, wie das Fliegen ist. Man kann es nicht so lange beschreiben, bis man es kennt, man muss es erleben, und nur wer es kennt, der kann, wie man sagt, mitreden.

Von den Sachen, die man erleben „muss“, um sie kennen zu können, gibt es auch solche, die man wahrscheinlich besser gar nicht erst erlebt. Mit den Drogen, würde ich meinen, ist es so. Ich werde jedem Konsumenten von Heroin beispielsweise sofort glauben, dass der Rausch an sich ganz herrlich ist. Aber gerade deshalb würde ich sagen, will ich ihn gar nicht erst kennenlernen, um dieser Versuchung nie ausgesetzt sein zu müssen. Der Abenteurer Odysseus ließ sich von seinen Leuten am Mast seines Schiffes festbinden und alle außer er mussten sich die Ohren verstopfen, dass sie nichts hörten, als er an den berühten Sirenen vorbei musste, deren schönem Gesang kein Mensch widerstehen konnte. Odysseus wollte es einfach wissen, aber als er es wusste, hatte er wohl das Problem, dass etwas in ihm sein Leben lang wieder zu den Sirenen wollte.
Es gibt Dinge, von denen sagen die Leute, die muss man einfach kennenlernen, um sein Leben überhaupt gelebt zu haben. In wieweit das stimmt, darüber könnte man jetzt lange reden. Ich würde mich mehr für die Liste interessieren, auf der zu lesen steht, was man besser lässt, um einigermaßen gut leben zu können. Hier setzen meine ersten Überlegungen zur Mutter aus Nazareth an. Ich glaube, sie und ihr Sohn bräuchten kein großes Blatt. Sie bräuchten nur eine Zeile, auf der sie „die Sünde“ schreiben können.

Nach dem reinen Lesen der Bibel her gibt es einen Menschen, der nie gesündigt hat, nämlich Jesus, der als die große, einmalige Ausnahme Gott und Mensch zugleich auf Erden war. Nach der Überlieferung der alten Kirchen tritt ein zweiter Mensch hinzu, und das ist Maria, seine Mutter. In einem Nebensatz sei gesagt, es gibt viele Protestanten, die außer der Bibel allein nichts gelten lassen möchten. Die sagen schon mal, das mit der Sündenlosigkeit der Mutter Jesu stehe nicht ausdrücklich da und deshalb sei sie eher zurück zu weisen. Das ist eine Diskussion, für die wir hier keine Zeit haben. Lassen wir stehen, nach katholischer Lehre bleibt es dabei: Die Mutter Jesu hat die Sünde nie kennengelernt, und das nicht, weil sie so großer Leistungen fähig gewesen wäre, sondern einzig, weil Gott für sein Abenteuer einen sündenlosen Menschen auf Erden brauchte. Um es also gleich zu sagen, dass Maria nie gesündigt hat, ist nicht ihr Verdienst, sondern einfach das, was unsere Fachsprache ein „Werk der Vorsehung“ nennt.
Hier brauchen wir nun den Gedanken des Kennenlernens und müssen wieder einen Blick in das erste Buch der Bibel tun. Nach jüdisch-christlicher Lehre vom Menschen begann das Elend der Welt mit dem Vergehen eines einzigen Menschen. Auch hier wieder ohne lange Erklärungen machen zu können: Der Mensch hat es sich mit Gott verspielt und gesündigt, seit dem ist es aus mit seiner inneren Harmonie und mit der seiner Welt. „Der Mensch“ meint in der Bibel Adam und Eva, wobei der Geschichte nach Eva zuerst begonnen hat um dann den Adam mit hinein zu ziehen. Gott hat sich, wenn man so möchte, jede Menge Zeit genommen und sich einen Plan ausgedacht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Er hat sich ein Volk auf Erden geschaffen, um aus ihm den Messias, den Gesalbten hervorbringen zu können. Dieser ist Jesus, der Christus, den wir den Erlöser nennen. Dieser eigentlichen Erlösungsgeschichte hat er noch einmal einen Rahmen gegeben. Er hat sich noch einmal eine Eva geschaffen, um dem Menschen die Würde der Verantwortung wieder zu schenken. Das Nein der ersten Eva gegenüber Gottes Planung holte die Sünde in die Welt, das Ja der zweiten ermöglichte das Kommen des Messias, der die Wirkung der Sünde für alle, die wollen, wieder ins Leere laufen lässt.
Damit die neue Eva auch wirklich die neue Eva sein konnte, brauchte sie die gleiche, völlig reine, erwachsene Freiheit mit der die erste Eva ihr Nein gesagt hatte. Die konnte nur ein Mensch haben, deren Blick von keiner noch so kleinen Fehlleistung getrübt sein durfte. Deshalb, so jedenfalls der katholische Glaube, hat Gott sich die Maria geschaffen und sündenrein erhalten: Damit es wieder einen Menschen geben konnte, mit dem alle noch mal von vorn beginnen würde. Nicht auszudenken übrigens, wenn auch die wieder nein gesagt hätte! Jetzt wissen wir, wie groß die Würde der Freiheit auf ihrem Gipfel sein kann.

Über das Lesen, und warum wir über Maria reden sollten

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Unser Büchlein wird dicker, und wenn wir nicht aufpassen wird ein ausgewachsenes Buch draus. Viele Leute fürchten sich vor dicken Büchern, wenn sie überhaupt welche lesen sollen. Bei großen Torten oder üppigen Schweinebraten ist das nicht so. Da haut man gerade rein, wenn die Protionen groß sind. Aber bei Büchern ist das anders. Schweinebraten kann man halb gegessen liegen lassen und hatte doch den vollen Genuss. Bei Büchern geht das oft nicht. Die muss man meistens ganz und bis zum Ende lesen, um an den vollen Genuss zu kommen.
Mit dem Lesen ist es überhaupt anders als mit dem Essen und dem Trinken. Lesen ist immer auch ein Stück Arbeit, da gibt es keinen Zweifel. Man muss eben Lesen, um am Ende gelesen zu haben. Der Genuss ist geistig, und geistige Genüsse hat man immer über Umwege. Den Genuss beim Essen hat man sofort, wie wenn man sich am Arm kratzt, wenn er juckt. Der Effekt liegt schon im Kratzen selbst und beim Essen gleich, wenn man kaut und schluckt. Geistige Genüsse stellen sich immer über einen Umweg ein, den man nehmen muss, und dieser Umweg geht mindestens über den Geist. Wenn ein Kind einen Purzelbaum übt und endlich vorführt, dann ist der Salto vermutlich schon für sich ein Vergnügen. Aber das Wissen, die Eltern sehen zu und erfreuen sich an der Leistung, das ist die tiefere, die geistige Freude. Die nimmt dem Umweg über das Üben und das Wissen, das verarbeitet wird.

„Geistige Freude ist die tiefere Freude“, da sind sich alle Menschen einig, die ihre Freude an geistigen Freuden gefunden haben.

Das Lesen selbst ist kein Vergnügen, sondern eine Art notwendige Arbeit. Aber von Leuten, die gern und viel lesen, kann man lernen, das Vergnügen ist immer größer, als die Arbeit, die man aufwendet: Lesen lohnt sich, sagen alle wirklichen Leser, und alle wirklichen Leser empfehlen das Lesen und können am Ende nicht verstehen, wie man sein Leben ohne Lesen leben kann. Mit „wirklichen“ Lesern meine ich „literarische Menschen“, nämlich solche, die wissen, wovon sie reden, wenn sie vom Lesen reden. Literarische Menschen sind Leute, die schlicht und einfach das Lesen für sich entdeckt haben, dabei ist egal, ob sie eher preiswerte Krimis am Bahnhof kaufen, ob sie sich in die Abenteuer der großen Klassiker stürzen oder gar in der Philosophie beheimatet sind. Jeder lese, was er gerne liest, aber wer es lässt, der verschenkt am Ende geradezu ein Stück möglicher Lebensqualität. Das sagen jedenfalls die Leser dieser Welt.

Du hast Recht, unser Buch wird dicker, vor allem aber, weil ich immer so lange einleite und spät zur eigentlichen Sache komme. In diesem Fall wird es allerdings auch dicker, weil wir eine Art Buch im Buch schreiben müssen. Wir müssen nämlich etwas ausführlicher über die Sünde reden, damit nicht alles am Ende missverstanden wird. Das Wort Sünde kennt jeder und jeder hat gleich eine ganze Vorstellungswelt, wenn er es hört. Ich würde aber eine Wette machen, dass kaum einer weiß, was unser Lehrer Thomas dabei denkt, und weil unser Buch vom Denken des Thomas handeln soll, müssen wir das Kapitel wohl oder übel einschieben.

Ich fange meine Überlegungen zur Sünde mit dem einzigen Exemplar der Menschheitsgeschichte an, das sie überhaupt nicht kannte, mit Maria, der Mutter Jesu nämlich. Du bist Protestantin und dazu eine, die, wie sie selber sagt, ihren Glauben kaum kennt. Deshalb wirst Du vermutlich nicht wissen, dass bei meiner Behauptung, Maria hätte die Sünde nicht gekannt, in der protestantischen Welt schon mal die Wogen hochschlagen. Dass Maria von jeder Sünde völlig unberührt war, das ist eine Behauptung der sogenannten großen, alten Kirchen. Die orthodoxen Kirchen des Ostens behaupten das und die westliche, römisch katholische auch. In der evangelischen Glaubenswelt glauben das, wenn ich richtig sehe, nur wenige, die meisten eher nicht. Aber hier sollten wir die Protestanten lieber selbst zu sprechen hören. Es ist kein guter Stil, über anderer Leute Glauben zu sprechen, wenn sie es viel besser selber könnten. Ich möchte nur dass Du es schon mal gehört hast: Die Sündenlosigkeit Mariens ist innerhalb der christlichen Welt ein umstrittener Satz, und weil das so ist, möchte ich ihn kurz erklären. Es gibt, genauer genommen also drei Gründe, warum ich dieses Fass aufmache: Weil man sich drüber steritet, weil er für uns sehr wichtig ist und besonders, weil er mit dem Teufel zu tun hat, der am Ende ja doch ein Engel war.

Die Höflichkeit der Engel

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„Wenn Engel keine Körper haben, wie kommt es dann, dass man sie sehen kann?“ So etwa lautete der übliche Einwand. Meine Antwort, dass ich noch nie einen gesehen habe, und meine Frage, ob jemandem der Anwesenden schon mal einen zu Gesicht gekommen ist, nützt dann nicht viel. Die Kritik hat die Autorität der Bibel auf ihrer Seite. Dem Abraham sind Engel erschienen, dem Tobit, der Jungfrau Maria, den Hirten auf dem Feld, den Jüngern am Grabe und vielen Leuten mehr. Insgesamt machen die heiligen Schriften den Eindruck, als sei es geradezu selbstverständlich, dass Engel irgendwo auftauchen.

Aber meine Antwort ist doch doch nicht ganz von der Hand zu weisen, und ich habe sie mir nicht ganz ohne Überlegung zurecht gelegt: Normalerweise sieht niemand die Engel. Die Bibel sagt nicht nur, dass die Engel erscheinen. Sie sagt auch, dass jeder von uns einen, den Schutzengel nämlich, an der Seite hat. Wenn das stimmt, dann sind die Engel sehr wesentlich unsichtbar, denn normalerweise sieht sie niemand. Ein lieber, alter Priester pflegte seinem Schutzengel zu sagen, er solle sich bitte zum Fenster begeben, dann wisse er wenigstens, wo er sei und in welche Richtung er zu sprechen habe. Das sagt man nur zu unsichtbaren Geistern.

Wenn man der Schrift glaubt, dann gibt es also beides: Engel, die erscheinen und solche, die es nicht tun. Dazu ist zu sagen, dass die Bibel meistens ganz und gar ungewöhnliche Begebenheiten erzählt. Ihre Berichte heben an, wenn das Göttliche in die Welt tritt. Abraham war ein schlichter Hirte, bis da plötzlich zu lesen steht, Gott habe mit ihm gesprochen. Wie aus dem Nichts erscheint da der Herr der Heerscharen und nimmt Kontakt mit einem Menschen auf. Das sind höchst ungewöhnliche Situationen, und ihnen stehen die Engel zur Seite, die als Boten und Erklärer auftreten.

Als der Engel Gabriel der Maria erschien, tat er das, um der Jungfrau das Kommen des göttlichen Wortes auf die Erde anzukündigen und zu erläutern. Die Weihnachtsengel auf dem Felde erschienen den Hirten, um ihnen die Ankunft des Menschensohnes und dessen Gnade für die Menschen guten Willens kund zu tun. Auch da brach sich die Gottheit Bahn. Die Jünger am Grab hätten die Auferstehung nie verstanden, hätten die Engel nichts alles erklärt. Wenn man so möchte, sind die Engel der Bibel zu guten Teilen die Übersetzer des Göttlichen in die Sprache und Lebenswelt der Menschen. Das Kind in der Krippe sah eben doch aus wie ein gewöhnliches Baby. Dass es der Messias sei, das bedurfte der himmlischen Erläuterung. Die Engel begleiten, beschirmen, polstern und erklären den Einbruch der göttlichen Anwesenheit auf Erden. Sie kommen nicht einfach so, wie wenn eine Schwalbe sich im Zimmer verirrt.

Ich kann meine vorläufige Antwort also aufrecht erhalten: Normalerweise sind die Engel unsichtbar, so unsichtbar, wie das Wirken des Schöpfers auch. Das führt uns zur Antwort der theologischen Summe. Sie widmet der Frage ein kleines Kapitel und dort heißt es, die Engel bedürften der Körper weder zur Formung eines Leibes, noch zur eigenen Bewegung. Sie bräuchten sie überhaupt nicht für sich selbst, sondern lediglich um unseretwillen. Die Engel bräuchten ihre Körper eigentlich nur, damit wir vertraulicher mit ihnen umgehen könnten und damit sichtbar werde, welchen Umgang wir im Himmel haben. Diese Antwort ist mir schon immer sehr lieb: Normalerweise haben die Engel keinen Körper. Sie nehmen aber welche an, um den Eintritt des Göttlichen in unsere Welt zu erläutern und um uns zu zeigen, welch vornehme Gesellschaft uns im Himmel erwartet. Ich würde meinen, aus der Antwort kann man einen Ratschlag formulieren: Sollte uns einmal ein Bote des Himmels besuchen, dann lohnt sich ein Blick auf sein Betragen, und es empfiehlt sich, genauer hin zu sehen, wie er spricht und sich benimmt.

Es war zwar kein Engel, der in Lourdes erschien, sondern die Mutter Jesu, und das Mädchen, das sie sah, war eine fünfzehnjährige, lungenkranke Göre aus den Kreisen der ärmsten Bevölkerung. Mit dieser Sorte Mensch pflegt man für gewöhnlich nicht besonders höflich umzugehen. Als aber die Mutter ihr erschien, fragte sie in feinster Wahl ihrer Worte, ob das Mädchen die Freundlichkeit besitze, noch einmal wieder zu kommen. Im Himmel geht es anständig zu, und es ist damit zu rechnen, dass unsere dämlichen Standesunterschiede keinen Heller mehr wert sind. „Wahre Größe misst man nicht in Zentimetern“, sagte neulich ein Mann von kleinem Wuchs. Recht hat er, und der grundsätzlich Adel menschlicher Würde, der ist auf Eden auch nicht immer sichtbar. Aber sobald wir es mit dem Himmel zu tun haben, sollten wir wissen, dass es höfisch zugeht, und wohl dem, der sich zu benehmen weiß.

Quelle:
Sth I, 51, 2, ad 2: Ad secundum dicendum quod corpus assumptum unitur Angelo, non quidem ut formae, neque solum ut motori; sed sicut motori repraesentato per corpus mobile assumptum.

Sth I, 51, 2, ad 1: Ad primum ergo dicendum quod Angeli non indigent corpore assumpto propter seipsos, sed propter nos; ut familiariter cum hominibus conversando, demonstrent intelligibilem societatem quam homines expectant cum eis habendam in futura vita.

Eine unbekannte Seite der Maria

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 11.

In meiner Kindheit gab es übrigens noch ein weiteres Wort, dass ich mir nicht erklären konnte, und worum ich aus irgendeinem Grund niemanden gefragt hatte. Das Wort wurde in einem frommen Lied in alter Sprache gesungen und erzählte von einem „englischen Gruss“ des himmlischen Boten an Maria. Ich wusste damals schon: die Kirchensprache war eindeutig das Lateinische, und mir wollte nicht klar werden, warum der Gruss an Maria plötzlich in englisch ausgesprochen werden sollte, und das zur damaligen Zeit! Später wurde dann klar, dass zum richtigen Verständnis nur der Buchstabe ‚e‘ gefehlt hatte. Der Gruss war in engelisch, also von einem Engel gesprochen worden. Die Sprache der Angelsachsen war gar nicht gemeint, das war schon das ganze Geheimnis.
Mir kommt die Geschichte in den Sinn, da der heilige Thomas schon länger vom engelischen Gruß an Maria handelt und ihn in seiner typischen Manier in seine Einzelteile zerlegt.
In der Erklärung des Thomas geht am Schluss des Kapitels allerdings nicht um das Besondere des Engelischen, sondern um das Besondere der Person, der das Engelische gilt.
Thomas schildert dabei zwischen den Zeilen die heilige Ordnung, die der Schöpfer seiner Welt gegeben hat: Ganz oben steht natürlich die allerheiligste Dreifaltigkeit, darunter die Engel, die untereinander wiederum eine heilige Ordnung in der Rangfolge nach oben haben. Unter der Engelssphäre steht dann die übrige, wohl geordnete Welt. Thomas beschreibt nun die eine, grosse Ausnahme, also die Person, die ihren Platz viel höher in der Ordnung hat, als ihr von ihrer Menschennatur her zukommt: Maria, und einzig sie, ordnet sich wegen der Tatsache, die Mutter Gottes zu sein, ganz oben ein. Sie zählt zum königlichen Hausstand Gottes. Wenn man so möchte, wird dieses eine Menschenkind wegen ihrer Mutterschaft in den Adel Gottes erhoben und aufgenommen.
Thomas benutzt in der Tat das lateinische Wort ‚familiaris‘, was in alter Bedeutung  allerdings etwas weiter gefasst wurde als heute. Die gesamte Dienerschaft eines Hauses gehörte ebenso zum Hausstand wie die weitere Blutsverwandschaft. Das bedeutet, auf unser Bild gedeutet, die Engel als Diener und Boten Gottes können zum Hausstand Gottes gezählt werden.
Mit dem Menschen ist es nun so, dass er seinen Schöpfer wegen seines Standes der Sünde gar nicht mehr kennt. Er hat sich in seinen Stammeltern sozusagen von Gott verabschiedet und das Dienstverhältnis gekündigt. Damit ist er raus.
Der Engel begrüsst Maria hier aber als die, die im familiaren Rang weit über ihm steht. Maria, die von der göttlichen Vorsehung auf wunderbare Weise vor der Ansteckung durch die Sünde bewahrt worden war, hat wieder die volle Würde, zum Hausstand zu gehören. Der Engel begrüßt sie als solche, wo er ihr sein „voll der Gnade“ zuspricht. In der Deutung des Thomas begrüßt er sie allerdings als die, die um Längen über ihm, dem königlichen Erzengel steht. Dieser höchste, mögliche Stand ist durch die Mutterschaft begründet. Die Mutter des Herrn hat nunmal den Rang der Herrschaft. So ist Maria, Dienerin Gottes, Mutter und Herrin zugleich.
Hier würde ich gern kurz innehalten, um einen Gedanken einzuschieben. Mein italienischer Freund betreibt ein hübsches Eiskaffee. Eines Tages kam die reiche junge Dame der Stadt mit einer kleinen Gesellschaft und konsummierte. Irgendwann richtete sie sich mit der Frage an eines der ahnungslosen Mädchen der Bedienung, ob man ihr auch ein Paket Zigaretten verkaufen könne. „Nein“, sagte die Gefragte, „es gibt aber gleich um die Ecke einen Automaten an der Strasse.“ Es sei gar nicht weit, sagte sie. Darauf folgte etwas nachdrücklich die Frage der jungen Wohlhabenden, ob das Mädchen denn nicht wisse, mit wem sie rede und wen sie vor sich habe?! Hier wurden schnell mal die Ränge klargestellt, um deutlich zu machen, wer wem prompt zu dienen habe.
So zu sprechen und so angeredet zu werden ist üblich in der Welt. Den Grossen ist nicht nur wichtig, dass sie gross sind und gross gelten. Nicht viel weniger bedeutsam ist es, dass auch die Kleinen wissen, wie klein sie sind.
Beim Gespräch mit Maria war das anders. Hier wusste die Grosse nicht, wie gross sie war, und als sie es erfahren hatte, wollte sie die Grösse viel lieber verbergen als ausleben. Der bedeutende Unterschied scheint darin zu liegen, dass die arroganten Grossen nicht wissen und nicht empfinden, dass sie den viel Grösseren noch über sich haben.
In der Hierarchie eines Bauernhofes mag das Pferd weit über der Kuh und dem Esel stehen. Wenn man aber mal, etwa mit einem Ballon, hoch über dem Hofe schwebt und die Perspektive ändert, erscheinen einem alle Viecher plötzlich gleich klein, auf keinen Fall aber gleich gross.
Maria besass die heute eher unbekannte Tugend der Demut. In dieser schien sie die Perpektive des Ballonfahrers eingenommen zu haben, ohne allerdings selbst oben zu schweben. In ihrem Blick sind die Grössenunterschiede einfach verschwunden, und Maria sieht nicht den geringsten Grund, sich als etwas Grosses unter den Menschen aufzuspielen. Sie weiß sicher wohl um ihre Größe, sie kommt aber nicht auf den Gedanken, die Leute um sich herum klein zu reden. Der Demütige weiß um seinen hohen Rang, wenn er ihn bekleidet. Zugleich weiß er aber darum, dass alleine Dasein schon ein Adel von Gott her bedeutet. Der Demütige behandelt Putzkräfte wie Prinzessinnen und Bettler wie Barone.

Zum Text beim heiligen Thomas.

Wo die Marienverehrung herkommt

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 10.

Die Wissenschaft hat in vielen Köpfen eine besondere Vorrangstellung, was ihr Bild von der Welt angeht. Die Törichten unter den Atheisten sagen beispielsweise, es könne eigentlich keinen Gott geben, weil die Wissenschaft ihn mehr oder weniger ausschlösse. Wenn man die Leute etwas glauben machen will, braucht man nur zur guten Sendezeit jemanden sagen lassen, „Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden“, und man kann den größten Unsinn verankern. Und das, obwohl „Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden“ überhaupt nichts sagt.
Bei einem zweiten, noch oberflächlichen Blick wird wohl aber jedem klar, dass die Wissenschaft der Sache nach immer erst als zweites auftaucht. Es ist wie beim Kommissar, der stets erscheint, wenn es schon eine Leiche gibt. Im Stil des heiligen Thomas kann man sagen, die Wissenschaft folgt dem Sein. Erst muss es da etwas geben, dann kann daran geforscht werden.
Wir haben im Biologieunterricht von den Körperzellen gehört, die sich am liebsten exakt verdoppeln. Zugleich brachte man uns bei, dass hierbei nicht selten Überraschungen vorkommen, ganz zufällige Veränderungen, die Mutationen heißen. Niemand könne wissen, wann sie auftauchen, niemand könne wissen, wie sie die Zelle verändern. Um im Bilde zu bleiben, liegt die Wissenschaft auf der Lauer, wann und wo eine Veränderung auftritt, dann eilt sie zum Tatort und beginnt ihre Ermittlungen. Das ganz Neue, sein Wann, Wo und Wie bleibt eine Überraschung.
Wir kreisen mit unseren Gedanken um die katholische Verehrung der Mutter Jesu. Auch die steht in einer solchen Reihenfolge. Manchmal sieht es so aus, als sei die Verehrung der Mutter eine Angelegenheit, die kirchlicher Überlegung folge. Es scheint, als komme sie aus theologischer Logik, wie wenn einer sagt, jetzt sei in der Schrift von der Mutter die Rede, jetzt müsse man ihr auch die geschuldete Ehre erweisen.
Das ganze verhält sich aber anders. Die Mutter ist wohl da, das sagt die Schrift und das sagen ja auch die Protestanten. Die haben allerdings Recht, wenn sie sagen, die Anwesenheit der Person fordere noch lange nicht den katholischen Aufwand um sie. Schließlich geht es auch anders.
Ich kannte vor Zeiten einen Priester, der sich mir als ein glühender Verehrer Mariens darstellte. Er war verliebt wie ein Kind, gestand mir aber, das sei lange nicht immer so gewesen. Noch als junger Priester habe er mit Jesu Mutter eher nicht viel am Hut haben wollen. Er habe sich wohl als ergebener Katholik gefühlt und die Verehrung nicht falsch gefunden und schon gar nichts gegen sie gehabt. Er selbst habe aber nie einen besonderen Grund empfunden, sich da anzuschließen. „Einfach keine Beziehung“, wie er sagte. Dann war er einmal krank und schlief sehr lange, ganz tief und ohne jeden Traum. Beim Aufwachen war sie da; nicht die Mutter als theologische Vorgabe, sondern eine irgendwie ganz neue Liebe zu ihr als Mensch. Er schrieb ihr damals sogar spontan ein Gedicht vor Freude, was eigentlich gar nicht seiner Art entsprach.
Das war, als ich ihn traf, schon viele Jahre her gewesen und deutete an, dass es sich hier verhielt, wie mit dem Mord und dem Kommissar und den Dingen und der Wissenschaft.
Wenn man so möchte, folgt die gesamte Heilsgeschichte dieser Ordnung. Zuerst taucht Gott im Leben Abrahams auf, dann erst macht er sich Gedanken. Zuerst erscheint der Seiende dem Mose, dann folgt die ganze Geschichte. Auch im Leben Mariens erscheint der Engel wie eine Mutation, dann erst macht sie sich Gedanken und unterhält sich mit der Erscheinung.
Ich erwähnte an anderer Stelle, wie man sich in meiner Familie von den Marienliedern erzählte, die unsere Oma früh morgens aus dem Kuhstall ihres Hofes sang. Auch ohne groß drüber nachzudenken, war allen klar, dass da eine Art Liebe in Omas Herzen gesprossen war, und die wird kaum eine gewesen sein, die aus theologischen Erwägungen erwuchs, oder aus den Anweisungen eines Pfarrers im Dorf. Irgendwann hatte diese Verehrung etwas Spontanes gehabt.
Ich lege mich sicher etwas weit aus dem theologischen Fenster, wenn ich meinen Glauben bekunde, dass die Marienverehrung nichts Spätes und nichts Nachträgliches ist. Die ersten Marienverehrer waren naturgemäß Josef und der Menschensohn. Die zweite Generation waren sicher bereits die Apostel, die dabei eher ihrem Herzen, denn ihrem Schädel folgten. Und sofern die Kirche der mystische Leib Jesu ist, sofern entspringt die Verehrung Mariens ihrem Herzen, ob man da jetzt persönlich mittun kann oder nicht.

Zum Text beim heiligen Thomas.

Die Mittlerin, ein nicht ganz unumstrittenes Bild

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 9.

Wenn jemand einen Menschen tauft, dann tut er drei Dinge: Er gießt dem Täufling etwas Wasser über den Kopf und sagt den Spruch zur Taufe. Das dritte, was er tut, ist taufen wollen. Taufen kann jeder, aber nur der, der will. Auch einer, der keine Ahnung von der Kirche hat, kann taufen. Aber auch er muss, wenn er tauft, taufen wollen.
In der Taufe geschieht Großes. Der Getaufte bekommt ein neues Leben in Gott, und das ist ganz ernst und so gemeint, wie es da steht. Was immer ihn bis dahin von seinem Schöpfer getrennt hat, das ist nun weg und ausgeräumt, der Täufling wird ein Kind Gottes.
Man muss nicht lange hinschauen um zu sehen, dass ein bisschen Wasser, ein Spruch und ein menschlicher Wille das alles nicht vermag. Gott muss der sein, der das Eigentliche tut. Kein Mensch kann neues Leben schaffen. Der Schöpfer muss etwas erschaffen, und der Mensch muss etwas tun, so ist es eingerichtet.
Als Christus den heiligen Franz Xaver berief, fremde Menschen für ihn zu gewinnen und zu taufen, wollte er selbst das Wunder der Bekehrung wirken. Franz aber sollte die Botschaft bringen und den Ritus vollziehen. Auch hier hat das Wesentliche Gott getan, sein Bote war der Überbringer und Vermittler, nicht mehr.
Wenn die Heiligen Wunder tun, erliegen die Leute schon mal der Versuchung, den Boten das Große zuzuschreiben. Genau genommen ist es aber immer der Schöpfer, der das eigentliche Wunder will und tut, nicht der Heilige, so groß kann er nicht sein. Deshalb wehren sich die Boten mit Zähnen und Klauen vor der Verehrung ihrer Person und immer sagen sie, Gott allein gehöre der Ruhm.
Gott gebührt alle Ehre, der Mensch aber hat die Würde, an seiner Seite der Vermittler zu sein.
Pater Pio hat einmal erzählt, der heilige Petrus sei im Himmel etwas wütend heim gekommen, habe die Schlüssel auf den Tisch geworfen und sich beklagt, immer wenn er abends das Himmelstor verriegele, schliche sich die Mutter ans Fenster und lasse schnell die Leute herein.
Das ist wohl ein kindliches Bild, es will aber zeigen, dass die Mutter dem Himmelsleben der neu Hereingekommenen ihre mütterliche Farbe gibt. Die ganze Gnade ist von Gott, aber sie soll eine gewisse, gütige Grundfarbe auch von den Menschen her haben, die sie vermitteln. Der heilige Nikolaus gibt seinem Fest seine ganz eigene, besondere Wärme, der heilige Philipp seinem Tun, die kleine Theresia hat wieder ihren ganz eigenen Duft und Franz von Assisi ebenso.
Nun verkündet das Weltbild des heiligen Thomas, alle Gnade sei in dieser Weise vermittelt. Gott tut zwar alles und will alles tun, aber was er gibt, das soll den Geschmack seiner Kinder bekommen.
Thomas entdeckt nun wieder diese heilige Ordnung in den Dingen. Der Missionar am Ort gibt seinen Stempel, allerdings viel wenigeren Leuten als ein heiliger Franz oder eine heilige Hildegard. Der Papst leistet seinen Beitrag für die Kirche, die Apostelfürsten haben sie in gewisser Weise erst zu dem gemacht, was sie ist. Über allem aber steht die Mutter Jesu. Sie zählte in der Welt zu den Kleinen, hat aber der ganzen Schöpfung gewissermaßen alles gebracht, und so sollte es bleiben. Wie gesagt, es ist immer Gottes Tun und allein von Gott gewirkt, das uns an Gnade erreicht, immer aber hat sie schon irgendwie eine mütterliche Farbe vom schönsten aller Geschöpfe. In diesem Sinn kann die Mutter Jesu in der vorliegenden Predigt des heiligen Thomas mit Fug und Recht als eine Vermittlerin aller Gnaden gedeutet werden.
Ich weiß wohl, es gibt viele, die den Menschen ganz aus dem göttlichen Geschäft mit der Gnade heraus halten wollen. Viele sagen, nur Gott allein und niemand sonst! Gott bräuchte keine Priester, keine Bringer, keine Vermittler und keine Leute, die beteiligt sind. Vielleicht beunruhigt manche das ganze Menschliche im Gnadenplan, vermutlich, wenn sie gewohnt sind, alles allein göttlich zu denken. Manche sagen, das Menschliche im Gnadenleben grenze an Götzendienst und sei menschlich hinein gepackt und von Gott her nicht vorgesehen. Das mögen die Leute alles so sehen. Die katholische Kirche aber hat das von Anfang an anders betrachtet, nämlich dass Gott seine Kinder in der Tat so tief in sein Werk einbauen möchte. Thomas liefert gute Gründe, das Seine zu schildern. Was er sieht, das ist eigentlich das Katholische, das er nicht macht und formt, sondern lediglich zu beschreiben sucht. Und für einen marianischen Gläubigen sind diese Bilder neben der Eucharistie die schönsten und liebsten.

Die Angemessenheit der Ankündigung

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 8.

Wenn sich einmal ein Kenner des heiligen Thomas über meine Kommentare hermacht, dann wird er in meinen ersten Gedanken zur Gottesmutter einen Haken einschlagen können. Der Gedanke der Maria als neue Eva ist zwar katholisch geläufig. Er ist häufig zu finden und von größten Autoritäten ausgefaltet worden. Ein genuin thomanischer Gedanke ist es wahrscheinlich aber nicht. Oder bescheidener gesagt, ich habe ihn so, wie ich ihn niedergeschrieben habe, im Kommentar zum AveMaria nicht gefunden. Ich entschuldige mich mit einer Rechtfertigung: Die mittelalterlichen Kommentare mache es nicht viel anders. Sie benutzen das Material, das sie kommentieren wollen, um am Ende sagen zu können, was sie sagen wollen. Das macht es so schön, Kommentare zu schreiben. Man sollte wohl das Kommentierte kommentieren. Dazu aber kann man schreiben, was man schreiben will, um das Thema zu erhellen.
In der theologischen Summe gibt es einen hübschen Artikel, in dem Thomas sich der Frage stellt, ob es nötig gewesen sei, Maria die Menschwerdung überhaupt anzukündigen. Im ersten Einwand der Frage wird das Problem angesprochen: Gott hätte genau so gut in Maria Mensch werden können, ohne ihr das vorher anzukündigen. Die Zustimmung Mariens sei also nicht notwendig gewesen.
Das kann man offenbar so sagen, der Koran macht das ja auch. Dort wird die Zustimmung Mariens nicht erbeten.
Angesichts der Allmacht Gottes ist es überhaupt schwer von einer notwendigen Voraussetzung eines Menschen zu sprechen. Gott hat niemanden fragen brauchen, ob er die Welt schaffen sollte oder nicht.
Dass etwas notwendig, das ist selten absolut. Fragt einer, ob es notwendig sei, dass es gerade jetzt regnet, dann kann man darauf nur antworten, indem man auf bestimmte Gebiete verweist. Wenn die Gerste wachsen soll, dann mag es notwendig sein, wenn aber die Regentonnen voll sind, scheint es eher unnötig.
Es ist nicht notwendig, dass jedes Kind das Abitur macht. Will aber eins studieren, dann wohl.
In diesem Sinne ist auch das Notwendigsein beim heiligen Thomas aufzufassen, außer es geht um Gott. Dann spricht er von absoluter Notwendigkeit, die hier aber nicht erörtert werden muss.
Thomas sagt oft, die Würde der Geschöpfe liege darin begründet, dass sie selbst wirkliche Ursachen sein könnten. Eine erste Ursache eines Menschen ist der Schöpfer. Der schenkt ihm das Sein und ermöglicht ihm damit überhaupt sein Leben. Wenn ein Mensch aber einen Sohn zeugt, dann ist lange nicht nur Gott die Ursache. Es liegt in des Menschen Verantwortung zu entscheiden, wann er seinem Kind einen Platz auf Erden bereiten will. Er hat damit eine große Würde, Verursacher für etwas Großes zu sein.
In einem ähnlichen Sinn ist Maria eine Ursache für die Menschwerdung. Gott verursacht sie, da er sie wünscht, beschließt und ins Werk setzt. Indem aber die Mutter gefragt wird, ob sie einverstanden ist, bekommt sie die besondere Würde der Entscheidung, ob es an ihr geschehen soll oder nicht.
Hier zählt Thomas nun einige Gründe auf, die Notwendigkeit erklären. Er spricht in seiner Antwort allerdings gar nicht mehr von Notwendigkeit. Vielmehr spricht er passender von Angemessenheit. Die Ankündigung sei aus vier Gründen angemessen gewesen.
Erstens wegen der passenden Ordnung. Maria sollte erst im Geist und im Herzen unterrichtet sein, bevor das Geschehen in ihrem Leib statthaben würde. Thomas zitiert den heiligen Augustinus, der gesagt hatte, die Menschwerdung allein im Leibe hätte Maria nichts genützt, wenn Gott nicht auch in ihrem Herzen Mensch geworden wäre.
Zweitens war die Verkündigung angemessen, damit die Welt eine verlässliche Zeugin der Göttlichkeit der Sache bekommen würde. Thomas nennt sie hier übrigens bereits ein Sakrament.
Im dritten Argument kommt nun doch die Freiwilligkeit der neuen Eva ins Spiel. Es sei angemessen gewesen, dass Maria ihren Dienst Gott aus freiem Willen darbiete, was ja dann mit den Worten „siehe ich bin die Magd des Herrn“ geschah. Diese Angemessenheit gestatte ich mir nun mit der Freiheit der neuen Eva zu kommentieren. Natürlich ist die Verkündigung erst einmal angemessen, weil Gott freie Menschen wünscht, die wirklich frei und damit verantwortlich sind. Die gleiche Freiheit Mariens von jeder Sünde, die ja die Eva bis zu ihrem Nein auch hatte, ist ein großer, katholischer Gedanke.
Der vierte Punkt öffnet das Bedenken für die ganze Menschheit: Es sei angemessen gewesen zu zeigen, dass das Geschehen eine geistige Hochzeit zwischen göttlicher und menschlicher Natur gewesen sei. Insofern sei die Zustimmung Mariens eine Zustimmung im Namen der gesamten Menschheit. Schließlich ist es ja so, dass ab diesem Zeitpunkt der Verkündigung an an der Menschheit das gleiche geschehen sollte, wie jetzt an Maria, dem fünfzehnjährigen Mädchen.

Der AveMariakommentar bei Thomas,
das Kapitel in der Summe.