Was für ein Fest!!

Fra'_Angelico_-_Incoronazione_della_Vergine_-_Google_Art_Project

Advertisements

Der Name und der gute Blick

Bildschirmfoto 2016-07-01 um 08.58.08

Briefe zur Firmung, Teil 5

Erinnerst Du Dich, was der Bischof als erstes tat, als er in der Kirche vor Dir stand? Er hat Dich angelächelt und wollte wissen, wie Du heißt. Dann hat er laut und für alle vernehmlich Deinen Namen gesagt. Das scheint ganz gewöhnlich. Schließlich kann es sein, dass man tagtäglich und überall nach seinem Namen gefragt wird. In den Riten der Kirche gibt es aber nichts beiläufiges. Alles macht Sinn und alles ist von Bedeutung.

Ein Name ist mehr als nur ein Name. Auf den ersten Blick könnte man meinen, ein Name ist nur dazu da, uns von anderen zu unterscheiden. Wenn zehn Mädchen an der Bushaltestelle steht und jemand einen Namen ruft, dann meldet sich nur die eine, die diesen Namen hat. Es ist wie wenn man „die dritte von links“ ruft, nur kann man sich beim Nennen des Namens das Durchzählen sparen. Namen sind Kennzeichen zur schnelleren Unterscheidung. Namen sind aber noch viel mehr.

Früher gab es Gegenden, in denen man den Tieren im Stall keine Namen geben durfte, die auch Menschen hatten, weil Menschen keine Tiere sind und Tiere keine Menschen. Menschen sind etwas Besonderes, weil jeder Mensch besonders ist. Menschen sind völlig unverwechselbar. Es gibt Milliarden von Menschen auf der Erde, aber keiner ist wie Du. Wäre das nicht so, dann könntest Du keine allerbeste Freundin haben. Wenn die Menschen austauschbar wären, dann könntest Du nich zu einem Menschen sagen, dass Du nur ihn am allerliebsten hast. Aber genau darin erst kann man einem Menschen wirklich gerecht werden, indem man das ganz Besondere schätzt, das, was nur ihn ausmacht.

Wenn den Menschen in den Gefängnissen ihre Namen genommen werden und nur noch Nummern sind, dann nimmt man ihnen das Allerwichtigste, ihr Personsein, ihr ganz besonders sein, ihre Unverwechselbarkeit. Teile mit Nummern kann man austauschen. Wenn man den Menschen ihre Namen nimmt, dann spricht man ihnen ihr Menschsein ab. Das genaue Gegenteil ist in der Kirche der Fall. Hier wirst Du bei ganz wichtigen Ereignissen bei Deinem Namen gerufen und ganz ernst genommen, mit Deiner ganzen Geschichte, Deinem Herkommen und Deinem Schicksal, das im Licht Gottes steht.
Apropos: Der Bischof spricht in der Kirche im Namen Gottes, der ja, wie gesagt, das Eigentliche tut. Wenn der Bischof Dich ruft, dann kannst Du wissen, er ruft Dich im Namen Gottes. Wenn sein Blick Dich trifft, dann soll das ein Zeichen dafür sein, dass Gottes Blick auf Dir ruht, und das ganz persönlich.

Es gibt allerdings solche Blicke und solche. Es gibt Blicke, die verstören einen. Es gibt Blicke, die lächeln und Blicke, die Angst machen. Man kann angeblickt werden und gleich spüren, dass uns da jemand verachtet. Man kann aber auch einem Blick begegnen, der es gut mit uns meint. Der Blick Gottes in der Kirche ist ein guter Blick. Da schaut jemand, der Dich ganz persönlich sieht, kennt und will. Da blickt Dich jemand an, in dem die Liebenswürdigkeit und Macht zusammentreffen. Weißt Du, in unserer Welt ist die Liebe oft nicht mächtig und die Macht oft nicht lieb. Bei Gott kommt beides zusammen, die Liebe und die Fülle der Macht. Deshalb brauchen die Menschen guten Willens sich nicht fürchten, im Gegenteil: Der Tag der Firmung ist der Tag, an dem der König Geschenke verteilt. Welche das sind, darüber sollten wir noch einmal nachdenken.

Die Kirche ist kein Bauernhof

Bildschirmfoto 2014-11-08 um 11.17.19

Als Papst Benedikt sich anschickte, unser Land zu besuchen und eine Rede im Bundestag zu halten, gab es die in Deutschland pflichtgemäße Auseinandersetzung. Meiner lieben Gewohnheit folgend beobachtete ich die Diskussionen aus sicherem Abstand. Als aber der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche sagte, es sei doch bedenklich, wenn die katholische Kirche als Staat auftrete, platzte mir der Kragen. Ich schrieb sogleich einen längeren Artikel zur Frage von Trennung von Religion und Staat. Der war aber zugegebenermaßen etwas böse. Deshalb bin ich heute eigentlich ganz froh, dass ich ihn für mich behielt. Der Kerngedanke lautete: Wenn die Kirche einen Staat hat, dann bedeutet das doch nicht, dass sie einer ist. Mein Vater wurde auch kein Auto, als er sich eins kaufte. Weil die Kirche einen Bauernhof in den Albaner Bergen unterhält, ohne dadurch selbst einer zu werden, deshalb trug der Artikel obigen Namen, den mein heutiger, der weit weniger zornig ist, im Gedenken an das geschilderte Ereignis übernommen hat.

Die Trennung von Religion und Staat ist sehr bedeutsam. Wenn sie von den Wurzeln her diskutiert wird, dann kann man sicher sein, dass Johannes achtzehn zu Wort kommt. Jesus steht dort vor Pilatus und sagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Es ist wohl sehr richtig, diese Passage zu zitieren, doch fällt auf, dass in aller Regel nur die eine Hälfte dabei bedacht wird. Wir unterschlagen gern, dass das, was da nicht von dieser Welt ist, wirklich ein Reich, und zwar das eines Königs ist. Christus führt gerade da, wo er geschunden von dem Statthalter steht, seinen Königstitel im Munde. Es ist also nicht nur die Trennung der Religion vom Staat von Bedeutung, sondern ebenso das Königtum seiner Majestät. Etwas salopp gesagt, könnte die Trennung von Staat für den modernen Katholiken bedeuten, dass er in aller Ruhe sowohl ein Demokrat, als auch ein Monarchist sein kann. Genau damit aber hat er ein Problem. der moderne Christ, weil er nicht gewohnt ist, seinen Glauben zu bedenken.
Das Christkönigsfest ist noch jung. Es wurde 1925 ausgerufen, in einer Zeit, da in Europa die Königshäuser gefallen waren. Nur die Höfe sind geblieben, deren Könige alles Mögliche haben dürfen, außer königliche Macht.
Man könnte jetzt vermuten, die Ausrufung des hohen Festes sei als kleiner Trost gemeint gewesen, für die vielen Monarchisten, die ihren Höfen nachtrauerten. Das ist heute anders. Heute trauert niemand mehr den Königen und Kaisern nach, die noch etwas zu sagen hatten, und weil das so ist, scheint auch kaum einer mehr Wert auf das Christkönigsfest zu legen.
Diese Parallele aber ist nicht rechtens. Es besteht nämlich ein großer und nie bedachter Unterschied zwischen den Königen der Welt und dem des Himmels. An den Höfen der Welt gibt es die Königsfamilie, den Adelsstand und das Volk. Am Hof des Himmels gibt es nur die Familie. In den Königreichen auf Erden wird man als Untertan geboren, in der Taufe werden wir gesalbt und in den Stand von Prinzen und Prinzessinnen erhoben. Das ist schon ein Unterschied, und die Kirche in Rom wird immer dann gründlich missverstanden, wenn aus dem Blick gerät, was sie auf Erden alles zu tun hat. Sie hat nämlich die Aufgabe, die Lehre zu bewahren, die Sakramente zu verwalten und, so weit ihr das im vernünftigen Rahmen möglich ist, ein irdisches Abbild für den himmlischen Hof darzustellen.
Es wird schon seine Richrtigkeit haben, die Diener des Altares könnten hier und da wohl etwas bescheidener daher kommen. Aber wenn sie ihre liturgischen Kleider anlegen, dann kleiden sie sich in Königsgewänder. Sie mögen zum Bäcker schlendern und zum Bus laufen, in der Kirche aber sollten sie schreiten. Wenn die Ministranten vor der Messe in den Kirchenraum blicken, dann sehen sie Herrn Schmitz und Frau Schulte. Aber wenn sie im Gottesdienst die Gemeinde beweihräuchern, dann verneigen sie sich vor einem königlichen Geschlecht. Die Kirche ist kein Bauernhof, sie ist auch kein Staat. Sie ist aber der Hof des dreifaltigen, milden Weltenherrschers, und wenn sie betet, dann klinkt sie sich ein in das Lob der Engel, die den König umstehen.

Die Kirche in einer banalen Welt

Bildschirmfoto 2014-11-03 um 09.01.22

Gestern gab es sie wieder, diese eigentümliche Begegnung mit der Beiläufigkeit: Es fragte jemand, woran ich denn schreibe, ohne eigentlich wissen zu wollen, ob ich überhaupt etwas mache. Das ist wie mit den Damen der österreichischen Gesellschaft. Wenn sie eine schmackhafte Torte verzehren, wollen sie unbedingt das Rezept haben. Dabei betonen sie das „unbedingt“ mit dieser ganz eigenen Inbrunst, die man nur in Österreich in ein Wort legen kann. Aber wenn man das Rezept mühevoll aufgetrieben, vervielfältigt und herbei getragen hat, dann erinnern sie sich nicht einmal mehr daran, dass sie Kuchen gegessen haben.
Ich wusste das gestern, man bekommt ein Auge dafür. Deshalb erlaubte ich mir eine kleine Unverschämtheit, von der ich wusste, sie verfliegt wieder, mit dem kompletten Gespräch sozusagen: „Was ich schreibe, wird Sie nicht interessieren. Es ist nur die wichtigste Sache der Welt.“ Damit meinte ich in der Tat die Kirche, oder wenn man genauer fragen würde, die grundsätzliche Zugehörigkeit zu ihr.
Wie gesagt, das Gespräch war eigentlich gar keins, weil es verging, ohne etwas zu berühren. Eine Medizin, die niemand nimmt ist irgendwie auch keine Medizin.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Beiläufige Gespräche gehören zur Menschenwelt und das hat schon seine Richtigkeit. Die Welt ist Gott sei Dank ja kein Kloster (auch wenn der Taliban aller Orten sie in eins verwandeln wollen). Allein die Mönche verzichten auf jede Beiläufigkeit. Sie reden nicht, wo nicht geredet werden muss und sie halten sich nicht mit unnötigen Dingen auf. Damit sind ihre Klöster Orte von größter Wichtigkeit und wie ein Licht in der Welt. Sie beleuchten nämlich das Wesentliche und für die Kinder der Alltäglichkeit die banale Tatsache, dass es überhaupt etwas wirklich Wichtiges gibt.
Wenn wir den Spruch vom Licht in der Welt ernst nehmen, dann hat das schon seine Richtigkeit, wenn nicht die ganze Welt im Licht ertrinkt, sondern immer noch von der Art bleibt, dass man sie beleuchten kann.
Jesu wird in seinem Spruch vom „Salz der Erde“ nicht bedauert haben, dass nicht die ganze Welt im Salz erstarrt. Die Würze lebt davon, dass die Speise eine Speise bleibt und dass nicht zu viel Würze in ihr verarbeitet wird, schon gar nicht, dass sie sich in Salz verwandle.
So ist das auch mit der Kirche. Sie ist von größter Bedeutung und von geradezu absoluter Wichtigkeit. Sie steht in der Welt und bezeugt die banale Tatsache, dass nicht alles banal ist. Oder anders gesagt, sie legt Zeugnis davon ab, dass der Mensch seine Vollkommenheit nicht schon erreicht hat, wenn er sich nicht prügelt, die Tiere leben lässt und mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt.
Die Kirche hat aber eine Außen- und eine Innenseite. Das haben wir schon angedeutet und es ist wichtig, darum zu wissen. Sie steht mit ihrer äußerlichen Gewandung mitten in der Welt voller Beiläufigkeiten. Oft fällt sie kaum auf, ihre Diener bedienen als Söhne und Töchter ihrer Zeit schließlich auch beiläufige Dinge. Ihr eigentümliches Tun allerdings, das ist alles andere als beiläufig! Man kann in ihr geistigerweise im Nu vom Tod zum Leben gelangen. Das hat sie jedenfalls immer gesagt, ihr Herr sagte schließlich das selbe.
Ein Dorfdoktor verteilt Hustenmittel, er schreibt die Kranken krank und die Faulpelze ebenso. Er mildert die üblichen, beiläufigen Krankheiten und begleitet das Leben seiner Patienten. Aber wird mal einer von einem tödlichen Insekt gebissen, dann hat er auch dazu das lebensrettende Serum. Insofern man also ihren Glauben teilt, dass man geistigerweise nicht nur leben, sondern auch irgendwie ableben kann, sollte man sie nicht als nur beiläufig ansehen, sondern der Außenseite auch die innere glauben.

 

Die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit, Fortsetzung

Bildschirmfoto 2014-11-02 um 11.27.21

Die Liebe ist übrigens immer von der Art, dass man sie sich nicht ausreden lassen sollte. Das war schon im Paradies so, und es lag gerade darin die Katastrophe der beiden ersten Sünder in der Bibel. Ich habe den Baum im Paradies lange nicht verstanden. Ich hatte allen Ernstes meine liebe Not damit und niemand konnte mir eine beruhigende Antwort auf meine Frage geben. Musste ein Gott, der seinen Kindern einen Baum mit schmackhaften, verbotenen Früchten vor die Nase stellt, nicht grausam sein? Das musste doch schief gehen!
Bei uns herrschte in der Fastenzeit vor Ostern der Brauch, in der Küche Süßigkeiten zu sammeln. Jeder hatte auf einem unerreichbar hohen Schrank ein bauchiges Glas, in dem er über sechs Wochen die Leckereien sammelte, um am Karsamstag in kürzester Zeit über sie her zu fallen. Wenn Gott den beiden im Paradies für immer den Baum vor die Nase stellte, dann hatte er für immer eine Fastenzeit eingerichtet, ohne Ostern! Das erkläre mal einer einem Kind. Niemand konnte das, bis mir der heilige Thomas sein Compendium der Theologie vorlegte. Da steht in größter Schlichtheit, der Baum habe da gestanden, damit die Menschen etwas tun, bzw. etwas lassen konnten, nur weil Gott es gesagt hatte. Das war endlich die ersehnte Antwort und es drängten ebenfalls wieder jede Menge Bilder aus der Kindheit in den Zeugenstand.

Wir hatten hinter dem Garten unseres Hauses einen Strauch mit leuchtend roten Früchten, die ebenfalls schön anzusehen waren.  Die Eltern hatten aber gesagt, wir würden krank, wenn wir die äßen. Das haben wir tunlichst gelassen, und wenn ich mich erinnere, dann mit einer Freude, die ich im Nachhinein wirklich eine Freude im Gehorsam nenne. Wir verlangten keine weitere Erklärung, und ich vermute, unsere Eltern hätten auch keine ausführliche geben können. Es reichte, wenn sie das gesagt hatten, und es war eine Freude, an den Früchten vorbei zu gehen und neben dem Busch zu spielen, ohne sie anzurühren.
Adam und Eva brauchten nur bleiben wie die Kinder und hatten vor allem diese Pflicht, sich die Liebe und das Vertrauen zu ihrem Vater nicht ausreden zu lassen. Das Verbot war nicht schwer zu halten, nicht jedenfalls in jenem kindlichen Vertrauen, das die Liebe auch von Erwachsenen zu allen Zeiten fordert.

Wenn ich über die Neigung zur Kirche nachdenke, dann würde ich meinen, sie steht dem Katholiken gut zu Gesicht. Ich glaube wohl aber auch, dass er sie sich nicht ausreden lassen sollte, und paradoxer Weise am wenigsten von der Kirche selbst.
Der heilige Bellarmin hatte seinerzeit gesagt, die katholische Kirche sei so konkret wie das französische Königreich und die Republik Venedig. Das war zu Zeiten der Glaubenskämpfe zwischen katholischen und evangelischen Lagern. Es war zugleich ein deutliches Wort gegen die Auffassung, die Kirche habe vor allem eine rein geistige Angelegenheit zu sein. Sein Statement bringt Gottes Vorliebe für das Konkrete auf den Punkt, und die ist zugleich der Stein, den die Bauleute gern verwerfen würden.
Gott hätte die Welt ohne Probleme unter Verzicht auf die Menschwerdung loskaufen können, die Mittel dazu hatte er. Er hätte aus der Erlösung auch eine rein geistige Angelegenheit machen  können. Auch das tat er nicht. Er beschloss vielmehr, ein Mensch zu werden und unterzog sich dadurch sogleich der Wahl des Geschlechts. Er entschied sich ein Junge zu werden, und damit dürfte er sich bei allen, für die Gerechtigkeit Gleichbehandlung bedeutet, schon nicht gerade beliebt gemacht haben.
Es ist immer das Konkrete, das Probleme macht, weil man sich nur daran reiben kann. Gegen eine Gottheit die hübsch im Himmel bleibt, hat niemand etwas einzuwenden. Aber hinter der Vorliebe, konkret zu handeln, könnte man fast eine Neigung erahnen, sich bei seinen Feinden endgültig unbeliebt zu machen. Der Schöpfer treibt es jedenfalls mit seiner Vorgehensweise dauernd auf die Spitze. Er hat sich nicht beliebt gemacht, als er sich persönlich bei seinem Volk hat sehen lassen. Er hat seine Jünger auf die Glaubensprobe gestellt, so sehr, dass ein Petrus durchfiel. So braucht sich ein Katholik nicht wundern, wenn auch sein mittelmäßiges und halbherziges Glauben seine Anfechtungen vorgesetzt bekommt.

Die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit, Anfang

Bildschirmfoto 2014-11-01 um 12.46.01

Irgendwann muss ich wohl einmal geäußert haben, ich würde der Kirche vertrauen wie einer Freundin. Ich weiß jetzt nicht, ob ich das schrieb oder sagte, stimmen tut es allemal. Ein besonders liebenswerter meiner Leser wandte ein, er könne das nicht. Die Kirche sei eigentlich immer in einem Zustand, der es ihm nicht erlaube, eine solche Haltung einzunehmen. Ich teile seine Einschätzung und erhebe nicht den geringsten Einspruch. Die Kirche macht häufig alles andere als einen sonderlich glaubwürdigen Eindruck, schon gar nicht den einer Freundin, der man in die Arme laufen will. Das hindert mich aber nicht, ihr in der oben skizzierten Haltung meinen Glauben zu schenken. Ich tue das nämlich nicht wegen ihres Aussehens. Ich tue das, weil ein anderer mich darum bittet. Dieser andere ist wahrhaft mein guter Freund, wobei ich gleich sagen muss, dass ich ihm umgekehrt längst nicht so ein guter bin.
Ein Gedanke dazu. Im Evangelium gibt es eine Situationen, in der Gott Vater vom Himmel her seine Stimme ertönen lässt. Beide male zeigt die Szene auf Christus, und die Stimme sagt: „Das ist mein Sohn, den ich lieb habe. Auf ihn sollt ihr hören.“ Man kann hier aus zwei Gründen auf Christus hören, einmal wegen seiner selbst, und ein anderes mal, weil der Vater darum bittet. Es kann also sein, dass man auf Christus hört, weil man tut, um was der Vater bittet. Das sind zwei verschiedene Zugänge, die zum gleichen führen. 
Mit der Kirche ist es ähnlich. Nach dem biblischen Zeugnis und dem der Überlieferung ist sie die geliebte Braut Christi. Man kann sich nun bei allen möglichen Bräuten die alte Frage stellen, wieso der Bräutigam gerade dieser Dame verfallen ist. Manchmal kann man sich auch umgekehrt nur schwer vorstellen, wie eine hübsche Braut sich gerade einen Mann angelt, der überhaupt nicht passend daher kommt. Das tut aber nichts zur Sache und liegt eigentlich nicht im Interessenbereich der Hochzeitsgäste. Niemand kennt die Gründe der Liebe, aber jeder weiß, wo sie hinschlägt, da wächst kein Gras mehr, weil dort Blumen sprießen.
Mit der Liebe und Zuneigung zur Kirche empfinde ich es auf lange Strecken entsprechend. Christus hat sie gestiftet und ihr die feste Zusage gegeben, sie nie mehr zu verlassen. Zudem hat er ihr sein Liebstes, ja sogar sich selber in die Hände gegeben. Das ist Grund genug, über die Runzeln der Kirche so gut es geht hinweg zu sehen, und das Fundamentum auf den zu gründen, der sie schuf, de sie erhält und der darum bittet.
Es ist mit der Liebe nun so, dass sie den Blick verändert. Ich weiß von einer verheirateten Frau, deren Mann einen äußerlichen Makel hat, der jedem sofort in den Blick gerät. Die Frau bezeugt, dass sie genau diesen gar nicht mehr sieht. So tut die Liebe. Es ist nun allerdings so, dass alle Welt ihre Augen gerade nur auf das richtet, was die Braut nicht mehr sieht, aber damit lebt sie gern, eben weil die Liebe die Augen führt. Mit der Kirche geht es ähnlich. Wenn man sie einmal im Herzen hat, dann verschiebt sich auch hier der Blick auf die goldene, innere Seite. Damit wird die Liebe zur Kirche auch gleich zur Aufgabe, sich die Liebe nicht ausreden zu lassen.

Die Kirche und die Selbstverständlichkeiten der alten Philosophie

Bildschirmfoto 2014-10-29 um 09.18.10

Ich habe es schon angedeutet. Zum Lernen und aus Gründen der Allgemeinbildung versuche ich hier und da, mich auch in den neueren Philosophien umzusehen, auch wenn sie mir irgendwie keine Heimat bieten können. Als ich einmal darüber sprach, kam die logische und berechtigte Frage, wann denn die neuen Philosophien angefangen und wann die alten, meiner Ansicht nach, aufgehört haben. Das „meiner Ansicht nach“ war wichtig, denn jeder scheint da seine eigenen Eckdaten zu haben, wenn er einteilt, ab wann etwas neu und ab wann etwas alt zu nennen sei.
Was mich persönlich angeht, kann ich sagen, dass ich eine Grenze schon in dem Nebensatz mit der Heimat angedeutet habe. Ich liege dort vor Anker, wo mir die Philosophie noch so etwas wie eine geistige Heimat in der Welt ermöglicht. Ich habe nämlich, und das ist wohlgemerkt, sehr persönlich gesprochen, immer irgendwie schon eine Sehnsucht nach Heimat verspürt; sozusagen nach einer Welt, in der die Dinge ihre Ordnung und ihren Platz haben. Heimat heißt in diesem Fall, dass die Dinge einem nicht fremd sind und nicht befremdlich werden, ich meine auch auf großer Fahrt. Kolumbus fuhr los, ganz neue Welten zu entdecken und wusste nicht, wohin ihn die Reise führen würde. Aber wenn er ein Mann der alten Philosophie war, dann hängte er sich auch im fernen Indien seine Hose immer irgendwie gleich über den Stuhl.
Ich bin zum Beispiel ein großer Fan der unbedingt stabilen Beziehung, wobei ich nichts meine, in was man unbedacht hineinspringen sollte. Auf die Dauer zeigt sich wohl aber, die Ziege heiratet stets den Bock und der Bock immer die Ziege. Aber es ist gut, und wohl der Spruch aus einer alten Philosophie, dass es sowohl den Böcken, als auch den Ziegen am wohlsten tut, wenn sie beieinander und auf ihrer Wiese bleiben. Die der Nachbarn scheinen zwar immer etwas grüner, aber wenn man erst rüber gesprungen ist, findet man, wieder auf die Dauer, doch nur dasselbe Zeug zum Fraße.
Vermutlich zeichnet sich die alte Philosophie dadurch aus, dass sie gottgläubig war. Damit meine ich jetzt erst einmal nur, dass man annahm, die ganze Welt habe einen schöpferischen Grund, aus dem sie kommt. Irgendwo wird alles verantwortet. Ob man sich mit Muselmanen oder mit den Juden unterhielt, alle glaubten ganz verschiedene Sachen von Gott und man konnte streiten wie die Kesselflicker. Aber niemand nahm an, es gäbe überhaupt keinen.
Man konnte die dicksten Bücher über alle möglichen, göttlichen Vorstellungen schreiben und die Freiheit der Wissenschaft war irgendwie viel freier als heute. Mir kommt es aber immer so vor, als hätten alle einen feinen Riecher für einen gemeinsamen Nenner gehabt: Ohne den letzten Grund für alles gibt es keine Wahrheit mehr, jedenfalls keine letzte, und an der hängt doch alles! Ohne den Schöpfer keine Wahrheit und ohne Wahrheit keine Heimat.
Meine Rede wird jetzt wie eine ziemliche, vor allem aber haltlose Spinnerei daher kommen. Ich würde aber mit großem Vergnügen ein ganzes Buch darüber schreiben. Das würde vermutlich zwar genau so eine chaotische Blumenpflückerei wie dieses hier (sofern es überhaupt eins wird), es sollte im Titel aber das Wort Heimat führen.

Ich wollte wieder auf die Kirche zu sprechen kommen, und die alte, jetzt katholische, Philosophie zeichnet sich gegenüber der neueren dadurch aus, dass sie, wie in Sachen Gott, der festen Meinung ist, dass die Welt unbedingt eine braucht. Das ist heute ganz anders. Man hat schon immer, früher wie heute, leidenschaftlich über die Kirche gestritten. Ein großer Unterschied scheint mir aber in einer Art Grundauffassung, in einer Art kirchlichem Lebensgefühl zu liegen: Früher stritt man über die Gestaltung von etwas Überlebenswichtigen, wie über die Frucht vom Baum des Lebens. Heute streitet man genau so leidenschaftlich über etwas, was eigentlich schon lange keiner mehr braucht, wie über einen überreifen Apfel, der ohnehin bald ins Gras plumpst.
Um bei den Bildern der alten und neuen Philosophie zu bleiben: Früher stand alles, und besonders die Gründung der Kirche, knietief in der Wahrheit des Schöpfers. Die Kirche war vor allem eine göttliche Gründung, das Ergebnis eines Beschlusses, der persönlich als die Wahrheit des Kosmos die Welt betreten und etwas für immer Bleibendes gestiftet hatte.
Bei Thomas, dem Meister der alten Bilder, besteht die Kirche so selbstverständlich aus drei Stockwerken, dass er kaum noch drüber reden brauchte. Die Kirche, das war vor allem das größte Stockwerk, der schon längst in der Seligkeit triumphierende Teil im Himmel. Im katholischen Lebensgefühl des heiligen Thomas kann es die Kirche auf Erden irgendwie nur geben, weil sie aus der himmlischen kommt. Heute kann man sein Leben in der Kirche verbringen, ohne dass einem jemand überhaupt einmal von der himmlischen erzählt.
Über Selbstverständlichkeiten spricht man nicht. Thomas bespricht wohl ausführlich, wie man das Gebet „Dein heiliger Engel möge dieses Opfer zu deinem himmlischen Altar emportragen“ verstehen könnte. Er bespricht aber nirgends, ob die Engel bei der Messe überhaupt dabei sind. Sie sind es einfach. Thomas spricht über die triumphierende Kirche mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie meine Großmutter über ihre Töpfe in der Küche. Niemand hätte je darüber diskutiert, ob sie welche besaß. Wir müssen uns ein Kapitel länger drüber unterhalten.

 

Demokratie und Kirche

Bildschirmfoto 2014-10-21 um 13.57.32

Vorab: Wenn im Folgenden von Philosophien die Rede ist, dann muss der Leser sie nicht kennen, um verstehen zu können, was der Artikel meint. Ich fürchte, ich verstehe sie auch nicht ganz.

In den letzten Wochen und Tagen habe ich recht viel meiner wenigen Zeit damit verbracht, mich wieder in verschiedene, moderne Philosophien einzulesen. Ich mache das eigentlich ganz gern, weil ich es mag, etwas zu lernen. Auf der anderen Seite erinnert es mich an das Wandern durch Gegenden, in denen kein Gefühl von Heimat aufkommt.
Wenn ich sage, ich habe mich dort eingelesen, dann meint das nicht gleich, dass ich verstehen konnte, was ich las. Man kann nie wirklich wissen, ob man alles begreift. Das zeigt sich, wenn man Leuten begegnet, die nicht den blassesten Schimmer haben und doch behaupten alles zu kennen. Um nicht als solcher aufzufallen, gebe ich lieber gleich zu, dass mir wahrscheinlich das Rüstzeug fehlt, als Kenner aufzutreten. Aber, um etwas abzulehnen, muss man es nicht ganz kennen. Man muss von Fallschirmen keine Ahnung haben, um sagen zu können, dass man das Springen lieber bleiben lässt. Eine einzige Information kann völlig reichen, zum Beispiel das Wissen, wie steil und schnell es bergab geht.
Die modernen Philosophien sind sehr verschieden, so verschieden wie die Leute, die sie sich ausdenken. Aber auch da reicht mir schon die Information, dass sie ausgedacht sind.
Vater Abraham hat sich nicht ausgedacht, dass er mit Gott gesprochen hat. Der Schöpfer hat einfach damit angefangen, und Abraham hatte es gefälligst zur Kenntnis zu nehmen. Der Glaube, den uns das jüdische Volk geschenkt hat, der war nicht von ihm erdacht, es haben ihn empfangen.
Nun wird auch Arthur Schopenhauer behaupten, er habe sich nicht ausgedacht, die Welt sei nichts anderes als Vorstellung und Wille. Auch er wird vermutlich sagen, er habe das Wissen empfangen; zwar nicht von Gott, an den er nicht glaubte, wohl aber irgendwie von der Welt selbst, die ihm das gezeigt hat. Nur, wenn er das sagt, dann glaube ich ihm nicht. Abraham glaube ich wohl, Schopenhauer nicht. Allein deshalb schon kann seine Philosophie mir keine Heimat bieten.
Auch wenn Hegel sagt, Gott habe eine Geschichte, die er mit der Welt durchleben müsse, um zu sich zu kommen, dann glaube ich ihm das nicht. Der Thron, auf dem mein Glaube sitzt, ist schon besetzt, und zwei Hinterteile passen da nicht drauf.
Bei aller Verschiedenheit der Philosophien, denen ich begegnet sind. Wenn ich recht verstanden habe, sind sie sich in einem einig: Nämlich darin, dass alles, an was ich glaube, ganz falsch ist, und das immer schon. Der Wiener Kreis und die Frankfurter Schule sind so verschieden wie Montag und Mittwoch, sie sind sich aber darin einig, meine sei so falsch, dass sie nicht mal zu den Wochentagen zählen könne.
Hier muss ein Anhänger der alten Schule etwas Mut beweisen. Nicht wenige der neuen Denker finden was wir meinen, nämlich nicht nur falsch, sondern auch lustig. Je nach dem, wo man landet, erntet man mitleidiges Lachen, wenn man sagt, man glaube an Gott und eine Wahrheit, die aus ihm komme. Da wird schon mal gelacht wie über jemanden, der zur Zeit der Gürtel noch Hosenträger an hat. Das muss man aushalten, und sollte etwas im Hinterkopf bewahren: Manchmal dient das laute Lachen zum Beenden einer Diskussion, die sonst peinlich würde. Wenn man etwas nicht weiß und jemand fragt einen danach, dann ist ein beliebtes Mittel, laut und im Tone der Entrüstung: „Wie, das weißt du etwa nicht?!“ zu rufen. Dann herrscht meistens Ruhe, und niemand traut sich, weiter zu bohren. So ist das mit dem Lachen auch nicht selten. Es wird eingesetzt, damit man sich nicht erklären muss.

Wie immer auch, es braucht etwas Mut, notorisch aus der Mode zu sein. Auf der anderen Seite braucht es hohe Geschwindigkeiten, immer mit der Mode zu laufen. Ich finde das zu anstrengend.
Es bleibt noch zu bemerken, manche Philosophie findet ihre Anhänger auch im Leben der Kirchen. Nicht etwa, dass man dort nicht an Gott glaubt. Wohl aber werden oft die Forderungen, manchmal auch derer, die das nicht tun, in den Kirchen übernommen. Eine davon ist zum Beispiel jene der Demokratie, nämlich, alle Macht müsse vom Volke ausgehen. In meiner Religion, die auch die des heiligen Thomas war, geht alle Macht von dem aus, der sie immer schon hat. Der hört es gar nicht gern, wenn man sie ihm aus der Hand nehmen will, weil es dann nicht gut ausgeht mit seinen Kindern. Wenn es zum Beispiel heißt, die Kirche habe Macht, dann ist dazu zu sagen, dass es gar nicht ihre ist.
Aber auch davon abgesehen: Ein kluger Schüler sagte einmal, es sei schwierig, in der Kirche die Demokratie einzuführen. Dazu müsse man ja im Himmel Stimmzettel verteilen können. Das aber sei nicht möglich. Wie gesagt, das war ziemlich klug bemerkt, und warum, darüber sollten wir nachdenken, dass nämlich der Himmel zur Kirche gehört. Aber vielleicht sollte man zunächst einmal über die Trennung von Staat und Religion nachdenken.