Die Engel, die ich nicht mag

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Grob gesehen gibt es zwei Vorstellungen von Engeln, mit denen ich nichts anfangen kann. Von der einen haben wir schon am Anfang unserer Überlegungen gesprochen: Es sind die Engel aus den vielen esoterischen Engelbüchern, die sich  haufenweise finden lassen. Diesen „Engeln“ begegnet man auch in den sozialen Netzwerken. Man bekommt irgendwelche Nachrichten, in denen zum Beispiel steht, „ein Engel möchte dich umarmen“, oder „ein Engel lächelt dich an“, oder sonstige Mitteilungen, bei denen der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Das mag ja alles ganz tröstlich sein, es dürfte aber nicht lange vorhalten.
Ich habe diese Sorte „Engel“ heimatlose Gesellen genannt. Das sollte nicht abschätzig gemeint sein, sondern auf einen Umstand aufmerksam machen. Ich weiß nicht, ob diese „Engel“ eher harmlose Bilder aus der Phantasie sind, ich möchte auch nicht beurteilen, ob da wirklich irgendwelchen spirituellen Wesen hinter stehen. Ich will nur sagen, dass diese Wesen nichts mit jenen Engeln zu tun haben, von denen der heilige Thomas und überhaupt das Chrstentum spricht. „Irgendwelche Geister“ sind noch lange keine Engel, auch wenn sie im Zusammenhang mit Licht und einer Art allgemeinem Wohlfühlen und positivem Denken daher kommen.

Richtigen Engeln sieht man gleich an, dass sie von Gott abstammen, sie sind stets in seinem Namen unterwegs und würden vor lauter, heller Begeisterung nie von etwas anderem sprechen wollen, als von der Größe, dem Licht und der Liebenswürdigkeit ihres Herrn. Ein Engel, der nicht sogleich den Lobpreis des Schöpfers anstimmt, kann kein Engel Gottes sein, und vor allen anderen spirituellen Wesen wäre eher abzuraten bis zu warnen. Die geistige Welt ist sicher wunderbar und märchenhaft, wie am Ende auch der Himmel beides sein wird. Die geistige Welt hat wohlgemerkt aber auch den heiligen Ernst, den auch die Märchen haben.
In einer verwöhnten Gesellschaft, wie der unsrigen, erliegen die religiösen Gedanken schon mal der Versuchung, ins seichte Becken der Nichtschwimmer abzugleiten. Der allgemeine Trend geht offenbar immer in Richtung Gesundheit und allgemeinem Wohlfühlen, wo man nicht mehr ums Überleben kämpfen muss. Das aber ist nicht wirklich religiös. Christus ist nicht gekommen, um uns Fitnessinseln und isotonische Drinks zu organisieren. Er ist vielmehr gekommen, um uns das Überleben des Todes zu sichern. So sehr uns das schom mal schockieren mag, eine Religion, die ernst genommen werden will, sollte das nicht vergessen haben. Natürlich singen die Heiligen den leichten Lobpreis der Erlösten, sie vergessen den Preis aber nicht, den es gekostet hat. Die eine Sorte Engel, die mir also nicht liegen, sind die, die von der Erlösung nichts zu wissen scheinen.

Die zweite Sorte sind die Putten, diese pausbackigen Babyengel, die auf den großen Bildern der Barockzeit immer in den Himmeln umher schweben und um die Köpfe der Heiligen kreisen, wie Bienen um Honigtöpfe. Mich würde das nerven. Solche Bilder hatten in der Zeit, in der sie gemalt wurden, sicher ihren Sinn und ihre tiefe Bedeutung. Das Zeitalter des Barock ist aber vorbei und ich gestehe, dass mir der Zugang zu dieser Welt bislang immer verschlossen blieb. Die Freunde der Prunkwelten mögen mir nicht böse sein, aber ich bin immer froh in der Annahme gewesen, dass der Himmel nicht so sein wird, wie die Bilder es verheißen. Die Luft müsste den ganzen Tag und überall von Babystimmen erfüllt sein. Dass mir das auf die Dauer gefallen würde, glaube ich eher nicht. Für die Kindergärtnerinnen bestünde der Himmel schließlich im Versprechen, dass sie nie Feierabend bekämen.
Was mir aber noch mehr an den Babyengeln missfällt, das ist das gleiche, wie bei den heimatlosen Gesellen. Sie strahlen keine Würde aus, nicht jedenfalls die, die ich meine, die königliche Würde, die von der vornehmen und liebevollen, aber unbezwingbaren Macht dessen Kunde bringen, der seine Welt eines Tages gedenkt, persönlich in Ornung zu bringen.

Huuu, hoffentlich habe ich mir jetzt nicht die letzten Sympathiepunkte der ehr- und hochwürdigen Blogozese verspielt, aber es musste mal gesagt werden… 😉

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Zugegeben

Wie gesagt, die Fantasie ist gefragt, will man die Dinge, wie es heißt, ganzheitlich verstehen. Je schöner die Geheimnisse, desto anspruchsvoller werden sie und desto eingehender wollen sie betrachtet werden. Wenn es einem aber erst einmal aufgeht, dann hat man alle Schätze in den Händen. Kardinal Ratzinger sagte: „Die Wahrheit ist schön!“ Am meisten ist es die Eucharistie.

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Eine unbekannte Seite der Maria

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 11.

In meiner Kindheit gab es übrigens noch ein weiteres Wort, dass ich mir nicht erklären konnte, und worum ich aus irgendeinem Grund niemanden gefragt hatte. Das Wort wurde in einem frommen Lied in alter Sprache gesungen und erzählte von einem „englischen Gruss“ des himmlischen Boten an Maria. Ich wusste damals schon: die Kirchensprache war eindeutig das Lateinische, und mir wollte nicht klar werden, warum der Gruss an Maria plötzlich in englisch ausgesprochen werden sollte, und das zur damaligen Zeit! Später wurde dann klar, dass zum richtigen Verständnis nur der Buchstabe ‚e‘ gefehlt hatte. Der Gruss war in engelisch, also von einem Engel gesprochen worden. Die Sprache der Angelsachsen war gar nicht gemeint, das war schon das ganze Geheimnis.
Mir kommt die Geschichte in den Sinn, da der heilige Thomas schon länger vom engelischen Gruß an Maria handelt und ihn in seiner typischen Manier in seine Einzelteile zerlegt.
In der Erklärung des Thomas geht am Schluss des Kapitels allerdings nicht um das Besondere des Engelischen, sondern um das Besondere der Person, der das Engelische gilt.
Thomas schildert dabei zwischen den Zeilen die heilige Ordnung, die der Schöpfer seiner Welt gegeben hat: Ganz oben steht natürlich die allerheiligste Dreifaltigkeit, darunter die Engel, die untereinander wiederum eine heilige Ordnung in der Rangfolge nach oben haben. Unter der Engelssphäre steht dann die übrige, wohl geordnete Welt. Thomas beschreibt nun die eine, grosse Ausnahme, also die Person, die ihren Platz viel höher in der Ordnung hat, als ihr von ihrer Menschennatur her zukommt: Maria, und einzig sie, ordnet sich wegen der Tatsache, die Mutter Gottes zu sein, ganz oben ein. Sie zählt zum königlichen Hausstand Gottes. Wenn man so möchte, wird dieses eine Menschenkind wegen ihrer Mutterschaft in den Adel Gottes erhoben und aufgenommen.
Thomas benutzt in der Tat das lateinische Wort ‚familiaris‘, was in alter Bedeutung  allerdings etwas weiter gefasst wurde als heute. Die gesamte Dienerschaft eines Hauses gehörte ebenso zum Hausstand wie die weitere Blutsverwandschaft. Das bedeutet, auf unser Bild gedeutet, die Engel als Diener und Boten Gottes können zum Hausstand Gottes gezählt werden.
Mit dem Menschen ist es nun so, dass er seinen Schöpfer wegen seines Standes der Sünde gar nicht mehr kennt. Er hat sich in seinen Stammeltern sozusagen von Gott verabschiedet und das Dienstverhältnis gekündigt. Damit ist er raus.
Der Engel begrüsst Maria hier aber als die, die im familiaren Rang weit über ihm steht. Maria, die von der göttlichen Vorsehung auf wunderbare Weise vor der Ansteckung durch die Sünde bewahrt worden war, hat wieder die volle Würde, zum Hausstand zu gehören. Der Engel begrüßt sie als solche, wo er ihr sein „voll der Gnade“ zuspricht. In der Deutung des Thomas begrüßt er sie allerdings als die, die um Längen über ihm, dem königlichen Erzengel steht. Dieser höchste, mögliche Stand ist durch die Mutterschaft begründet. Die Mutter des Herrn hat nunmal den Rang der Herrschaft. So ist Maria, Dienerin Gottes, Mutter und Herrin zugleich.
Hier würde ich gern kurz innehalten, um einen Gedanken einzuschieben. Mein italienischer Freund betreibt ein hübsches Eiskaffee. Eines Tages kam die reiche junge Dame der Stadt mit einer kleinen Gesellschaft und konsummierte. Irgendwann richtete sie sich mit der Frage an eines der ahnungslosen Mädchen der Bedienung, ob man ihr auch ein Paket Zigaretten verkaufen könne. „Nein“, sagte die Gefragte, „es gibt aber gleich um die Ecke einen Automaten an der Strasse.“ Es sei gar nicht weit, sagte sie. Darauf folgte etwas nachdrücklich die Frage der jungen Wohlhabenden, ob das Mädchen denn nicht wisse, mit wem sie rede und wen sie vor sich habe?! Hier wurden schnell mal die Ränge klargestellt, um deutlich zu machen, wer wem prompt zu dienen habe.
So zu sprechen und so angeredet zu werden ist üblich in der Welt. Den Grossen ist nicht nur wichtig, dass sie gross sind und gross gelten. Nicht viel weniger bedeutsam ist es, dass auch die Kleinen wissen, wie klein sie sind.
Beim Gespräch mit Maria war das anders. Hier wusste die Grosse nicht, wie gross sie war, und als sie es erfahren hatte, wollte sie die Grösse viel lieber verbergen als ausleben. Der bedeutende Unterschied scheint darin zu liegen, dass die arroganten Grossen nicht wissen und nicht empfinden, dass sie den viel Grösseren noch über sich haben.
In der Hierarchie eines Bauernhofes mag das Pferd weit über der Kuh und dem Esel stehen. Wenn man aber mal, etwa mit einem Ballon, hoch über dem Hofe schwebt und die Perspektive ändert, erscheinen einem alle Viecher plötzlich gleich klein, auf keinen Fall aber gleich gross.
Maria besass die heute eher unbekannte Tugend der Demut. In dieser schien sie die Perpektive des Ballonfahrers eingenommen zu haben, ohne allerdings selbst oben zu schweben. In ihrem Blick sind die Grössenunterschiede einfach verschwunden, und Maria sieht nicht den geringsten Grund, sich als etwas Grosses unter den Menschen aufzuspielen. Sie weiß sicher wohl um ihre Größe, sie kommt aber nicht auf den Gedanken, die Leute um sich herum klein zu reden. Der Demütige weiß um seinen hohen Rang, wenn er ihn bekleidet. Zugleich weiß er aber darum, dass alleine Dasein schon ein Adel von Gott her bedeutet. Der Demütige behandelt Putzkräfte wie Prinzessinnen und Bettler wie Barone.

Zum Text beim heiligen Thomas.

Wo die Marienverehrung herkommt

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 10.

Die Wissenschaft hat in vielen Köpfen eine besondere Vorrangstellung, was ihr Bild von der Welt angeht. Die Törichten unter den Atheisten sagen beispielsweise, es könne eigentlich keinen Gott geben, weil die Wissenschaft ihn mehr oder weniger ausschlösse. Wenn man die Leute etwas glauben machen will, braucht man nur zur guten Sendezeit jemanden sagen lassen, „Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden“, und man kann den größten Unsinn verankern. Und das, obwohl „Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden“ überhaupt nichts sagt.
Bei einem zweiten, noch oberflächlichen Blick wird wohl aber jedem klar, dass die Wissenschaft der Sache nach immer erst als zweites auftaucht. Es ist wie beim Kommissar, der stets erscheint, wenn es schon eine Leiche gibt. Im Stil des heiligen Thomas kann man sagen, die Wissenschaft folgt dem Sein. Erst muss es da etwas geben, dann kann daran geforscht werden.
Wir haben im Biologieunterricht von den Körperzellen gehört, die sich am liebsten exakt verdoppeln. Zugleich brachte man uns bei, dass hierbei nicht selten Überraschungen vorkommen, ganz zufällige Veränderungen, die Mutationen heißen. Niemand könne wissen, wann sie auftauchen, niemand könne wissen, wie sie die Zelle verändern. Um im Bilde zu bleiben, liegt die Wissenschaft auf der Lauer, wann und wo eine Veränderung auftritt, dann eilt sie zum Tatort und beginnt ihre Ermittlungen. Das ganz Neue, sein Wann, Wo und Wie bleibt eine Überraschung.
Wir kreisen mit unseren Gedanken um die katholische Verehrung der Mutter Jesu. Auch die steht in einer solchen Reihenfolge. Manchmal sieht es so aus, als sei die Verehrung der Mutter eine Angelegenheit, die kirchlicher Überlegung folge. Es scheint, als komme sie aus theologischer Logik, wie wenn einer sagt, jetzt sei in der Schrift von der Mutter die Rede, jetzt müsse man ihr auch die geschuldete Ehre erweisen.
Das ganze verhält sich aber anders. Die Mutter ist wohl da, das sagt die Schrift und das sagen ja auch die Protestanten. Die haben allerdings Recht, wenn sie sagen, die Anwesenheit der Person fordere noch lange nicht den katholischen Aufwand um sie. Schließlich geht es auch anders.
Ich kannte vor Zeiten einen Priester, der sich mir als ein glühender Verehrer Mariens darstellte. Er war verliebt wie ein Kind, gestand mir aber, das sei lange nicht immer so gewesen. Noch als junger Priester habe er mit Jesu Mutter eher nicht viel am Hut haben wollen. Er habe sich wohl als ergebener Katholik gefühlt und die Verehrung nicht falsch gefunden und schon gar nichts gegen sie gehabt. Er selbst habe aber nie einen besonderen Grund empfunden, sich da anzuschließen. „Einfach keine Beziehung“, wie er sagte. Dann war er einmal krank und schlief sehr lange, ganz tief und ohne jeden Traum. Beim Aufwachen war sie da; nicht die Mutter als theologische Vorgabe, sondern eine irgendwie ganz neue Liebe zu ihr als Mensch. Er schrieb ihr damals sogar spontan ein Gedicht vor Freude, was eigentlich gar nicht seiner Art entsprach.
Das war, als ich ihn traf, schon viele Jahre her gewesen und deutete an, dass es sich hier verhielt, wie mit dem Mord und dem Kommissar und den Dingen und der Wissenschaft.
Wenn man so möchte, folgt die gesamte Heilsgeschichte dieser Ordnung. Zuerst taucht Gott im Leben Abrahams auf, dann erst macht er sich Gedanken. Zuerst erscheint der Seiende dem Mose, dann folgt die ganze Geschichte. Auch im Leben Mariens erscheint der Engel wie eine Mutation, dann erst macht sie sich Gedanken und unterhält sich mit der Erscheinung.
Ich erwähnte an anderer Stelle, wie man sich in meiner Familie von den Marienliedern erzählte, die unsere Oma früh morgens aus dem Kuhstall ihres Hofes sang. Auch ohne groß drüber nachzudenken, war allen klar, dass da eine Art Liebe in Omas Herzen gesprossen war, und die wird kaum eine gewesen sein, die aus theologischen Erwägungen erwuchs, oder aus den Anweisungen eines Pfarrers im Dorf. Irgendwann hatte diese Verehrung etwas Spontanes gehabt.
Ich lege mich sicher etwas weit aus dem theologischen Fenster, wenn ich meinen Glauben bekunde, dass die Marienverehrung nichts Spätes und nichts Nachträgliches ist. Die ersten Marienverehrer waren naturgemäß Josef und der Menschensohn. Die zweite Generation waren sicher bereits die Apostel, die dabei eher ihrem Herzen, denn ihrem Schädel folgten. Und sofern die Kirche der mystische Leib Jesu ist, sofern entspringt die Verehrung Mariens ihrem Herzen, ob man da jetzt persönlich mittun kann oder nicht.

Zum Text beim heiligen Thomas.

Die Mittlerin, ein nicht ganz unumstrittenes Bild

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 9.

Wenn jemand einen Menschen tauft, dann tut er drei Dinge: Er gießt dem Täufling etwas Wasser über den Kopf und sagt den Spruch zur Taufe. Das dritte, was er tut, ist taufen wollen. Taufen kann jeder, aber nur der, der will. Auch einer, der keine Ahnung von der Kirche hat, kann taufen. Aber auch er muss, wenn er tauft, taufen wollen.
In der Taufe geschieht Großes. Der Getaufte bekommt ein neues Leben in Gott, und das ist ganz ernst und so gemeint, wie es da steht. Was immer ihn bis dahin von seinem Schöpfer getrennt hat, das ist nun weg und ausgeräumt, der Täufling wird ein Kind Gottes.
Man muss nicht lange hinschauen um zu sehen, dass ein bisschen Wasser, ein Spruch und ein menschlicher Wille das alles nicht vermag. Gott muss der sein, der das Eigentliche tut. Kein Mensch kann neues Leben schaffen. Der Schöpfer muss etwas erschaffen, und der Mensch muss etwas tun, so ist es eingerichtet.
Als Christus den heiligen Franz Xaver berief, fremde Menschen für ihn zu gewinnen und zu taufen, wollte er selbst das Wunder der Bekehrung wirken. Franz aber sollte die Botschaft bringen und den Ritus vollziehen. Auch hier hat das Wesentliche Gott getan, sein Bote war der Überbringer und Vermittler, nicht mehr.
Wenn die Heiligen Wunder tun, erliegen die Leute schon mal der Versuchung, den Boten das Große zuzuschreiben. Genau genommen ist es aber immer der Schöpfer, der das eigentliche Wunder will und tut, nicht der Heilige, so groß kann er nicht sein. Deshalb wehren sich die Boten mit Zähnen und Klauen vor der Verehrung ihrer Person und immer sagen sie, Gott allein gehöre der Ruhm.
Gott gebührt alle Ehre, der Mensch aber hat die Würde, an seiner Seite der Vermittler zu sein.
Pater Pio hat einmal erzählt, der heilige Petrus sei im Himmel etwas wütend heim gekommen, habe die Schlüssel auf den Tisch geworfen und sich beklagt, immer wenn er abends das Himmelstor verriegele, schliche sich die Mutter ans Fenster und lasse schnell die Leute herein.
Das ist wohl ein kindliches Bild, es will aber zeigen, dass die Mutter dem Himmelsleben der neu Hereingekommenen ihre mütterliche Farbe gibt. Die ganze Gnade ist von Gott, aber sie soll eine gewisse, gütige Grundfarbe auch von den Menschen her haben, die sie vermitteln. Der heilige Nikolaus gibt seinem Fest seine ganz eigene, besondere Wärme, der heilige Philipp seinem Tun, die kleine Theresia hat wieder ihren ganz eigenen Duft und Franz von Assisi ebenso.
Nun verkündet das Weltbild des heiligen Thomas, alle Gnade sei in dieser Weise vermittelt. Gott tut zwar alles und will alles tun, aber was er gibt, das soll den Geschmack seiner Kinder bekommen.
Thomas entdeckt nun wieder diese heilige Ordnung in den Dingen. Der Missionar am Ort gibt seinen Stempel, allerdings viel wenigeren Leuten als ein heiliger Franz oder eine heilige Hildegard. Der Papst leistet seinen Beitrag für die Kirche, die Apostelfürsten haben sie in gewisser Weise erst zu dem gemacht, was sie ist. Über allem aber steht die Mutter Jesu. Sie zählte in der Welt zu den Kleinen, hat aber der ganzen Schöpfung gewissermaßen alles gebracht, und so sollte es bleiben. Wie gesagt, es ist immer Gottes Tun und allein von Gott gewirkt, das uns an Gnade erreicht, immer aber hat sie schon irgendwie eine mütterliche Farbe vom schönsten aller Geschöpfe. In diesem Sinn kann die Mutter Jesu in der vorliegenden Predigt des heiligen Thomas mit Fug und Recht als eine Vermittlerin aller Gnaden gedeutet werden.
Ich weiß wohl, es gibt viele, die den Menschen ganz aus dem göttlichen Geschäft mit der Gnade heraus halten wollen. Viele sagen, nur Gott allein und niemand sonst! Gott bräuchte keine Priester, keine Bringer, keine Vermittler und keine Leute, die beteiligt sind. Vielleicht beunruhigt manche das ganze Menschliche im Gnadenplan, vermutlich, wenn sie gewohnt sind, alles allein göttlich zu denken. Manche sagen, das Menschliche im Gnadenleben grenze an Götzendienst und sei menschlich hinein gepackt und von Gott her nicht vorgesehen. Das mögen die Leute alles so sehen. Die katholische Kirche aber hat das von Anfang an anders betrachtet, nämlich dass Gott seine Kinder in der Tat so tief in sein Werk einbauen möchte. Thomas liefert gute Gründe, das Seine zu schildern. Was er sieht, das ist eigentlich das Katholische, das er nicht macht und formt, sondern lediglich zu beschreiben sucht. Und für einen marianischen Gläubigen sind diese Bilder neben der Eucharistie die schönsten und liebsten.

Ohrfeigenheiliger

Bischof Nikolaus von Myra ist ein großer Volklsheiliger wegen seiner Güte. Was aber gar nicht mehr verstanden wird: Es geht viel weniger um die Güte des Menschen Nikolaus, als viel mehr um die Tatsache, dass seine Güte die Güte des Schöpfers auf Erden spiegelt. „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“. Das ist der Zusammenhang und so steht er in der Schrift.
Als Nikolaus auf dem ersten Konzil von Nicäa war, spiegelte er eine weitere Eigenschaft des Schöpfers, nämlich die des heiligen Zorns. Es ist entweder der Zorn des Vaters, der sieht wie man seinen Kindern schaden will, oder es ist der Zorn des Sohnes, der mitbekommt, wie man die Ehre seines Vaters angreift. Jesus flocht eine Geißel und trieb die Händler aus dem Tempel. Nikolaus verpasste seinem theologischen Gegner eine Ohrfeige auf dem Konzil, wo die Wahrheit der Theologie auf den Spiel stand.
Wer heute was gelten will, der verkündet am besten nur den halben Gott, den es nicht gibt, nämlich den, der nicht zornig sein kann. Nikolaus spiegelt den ganzen, also auch den, dessen Zorn entbrennt, wenn man seinen Kindern weh tun oder die Theologie verbiegen will.
Heiliger Nikolaus, bitte für uns.

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Nikolaus holt aus, Kaiser Konstantin schaut zu.

Die unverstandenen Tränen der Heiligen

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
ScG II,1: “Die Weiterführung des Vorigen zu dem, was folgt.”

Die Heidensumme hat bekanntlich vier Bücher, und vom zweiten sagt man im Allgemeinen, es handele von der Schöpfung, während das erste eins über Gott war. Das stimmt wohl, wer aber weiß, wie vernarrt der heilige Thomas in den Schöpfer war, der weiß auch, dass er nie ein großes Werk angehen würde, das nicht irgendwie ganz und gar von Gott handelt.
Wenn ein kleiner Sohn eines Architekten seinem Freund von seinem Vater schwärmen will, dann beschreibt er die riesigen Brücken und Häuser, die er gebaut hat. Er führt ihn zu einem der großen Hotels aus dessen Feder. Er beschreibt, wie viel Arbeit darin steckt, wie genau alles geplant werden musste, wie viele Arbeiter beteiligt waren und welch immense Gelder der kostbare Bau verschlungen hat. Der Junge beschreibt eigentlich nur das Haus, in Wirklichkeit aber spricht er von seinem Vater. So macht es der heilige Thomas in seinen Werken. Er beschreibt die Werke Gottes und setzt diesem damit ein Denkmal.
Das erste Kapitel des zweiten Buches ist eine Klammer zum ersten. Thomas schreibt, eine vollständige Erkenntnis einer Sache sei nur möglich, wenn man auch dessen Wirkungen kenne. Wenn man einen Architekten beschreibt, kommt man in der Tat nicht umhin, sich auch seine Pläne und Häuser anzusehen.
Das erste Buch hat das Bild des Aquinaten von Gott beschrieben, und dabei war zu guten Teilen die Rede von dessen Erkennen, von dessen Wissen und Wollen. Thomas sagt nun, das seien im Grunde Beschreibungen vom Tun Gottes, allerdings von solchen, die sozusagen in Gott selbst verbleiben. Wenn Gott sich selbst betrachtet, dann bleibt die Betrachtung in ihm und hat keine Wirkung nach außen. Auch wenn Gott die Welt sieht, dann sieht er sie in sich selbst, wie Thomas sagt. Das ist auch eine Tätigkeit, die in ihm ist und in ihm bleibt.
Als getreuer Schüler des Aristoteles will Thomas sich jetzt daran begeben, die zweite Möglichkeit des Göttlichen Tuns zu beschreiben, und das ist die, die nicht ganz in ihm bleibt, sondern die sich sozusagen nach außen hin auswirkt. Diese Art des Wirkens könne Schaffen genannt werden.
Das lateinische Wort facere ist nicht ganz leicht, oder besser gesagt nicht ganz gut mit einem einzigen, deutschen Wort zu übersetzen. Hervorbringen würde ebenso gut passen. Man könnte vom allzu wörtlichen Klang aus eine Meditation schreiben, die davon handelt, in wie fern der Schöpfer mit seiner Welt eine ganz neue Weise Fakten schafft. Schöpfung bedeutet ja zweierlei: Einerseits, dass etwas aus Gott hervorgeht und zweitens, dass dabei etwas ganz Neues, Eigenes entsteht, das ganz konkret ist, im gemeinen Sinn des Wortes. Aber davon wird noch ausgiebig zu reden sein.
Für jetzt wäre es passend, den ersten Gedanken noch einmal aufzunehmen. Ich hatte gesagt, der heilige Thomas sei vernarrt in Gott. Das ist so, weil Thomas ein Heiliger ist. Alle Heiligen sind vernarrt in Gott, und den gar nicht oder weniger Gläubigen wird selten klar, dass viel weniger irgendwelche guten Werke die Heiligen zu Heiligen machen, als ihre Vernarrtheit. Die nicht oder wenig Gläubigen sehen in aller Regel nicht, dass der Glaube der Heiligen deren ganzes Leben verändert hat. Ein profaner Umweltschützer schützt die Umwelt, weil man die Umwelt schützen muss. Ein heiliger Umweltschützer läuft wahrscheinlich mit dem selben Beutel durch die Wälder, um Plastik zu sammeln. Er tut es aber, weil die Welt Gottes Schöpfung ist und von daher ihre Würde hat. Ein profaner Krankenpfleger pflegt die Kranken, weil man die Kranken pflegen muss. Der heilige Kamillus pflegte die Kranken natürlich auch um der Kranken willen. Sein erstes Motiv war aber immer Gott die Ehre zu geben und Jesu Mutter und den heiligen Engeln eine Freude zu machen.
Thomas beendete den ersten Band seiner Summe mit dem priesterlichen Satz: „Dem einzigartig Glücklichen sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit.“ Ein wenig Unterwiesener wird ihn mit der gleichen Lässigkeit übergehen, wie ein wenig heiliger Priester ihn in jedem Gottesdienst daher sagt. Wenn ihn aber ein Heiliger schreibt oder sagt, dann beschreibt das sein komplettes Motiv seines ganzen Lebens. Jeder Priester wird irgendwann mal erwähnen, dass Gott im Tabernakel auf uns wartet. Der heilige Pfarrer von Ars sagte das auch, er weinte dabei aber. Ein Mann wie der heilige Franzisksus hätte sich vor Reue die Rute gegeben, wenn er sich dabei ertappt hätte, sich die Schuhe zuzubinden, ohne dabei dem Lieben Gott zu danken.  Das ist verrückt, aber die Heiligen sind so. Sie sind aber nicht so, weil sie irgendeinen Spleen haben, sondern, weil sie die schlichte Wahrheit der Welt ernst nehmen. Ein solch heiliges Herz steht jedenfalls hinter den trockenen Abhandlungen des heiligen Thomas von Aquin. Das sei noch einmal gesagt, bevor es an den Kommentar seines zweiten Bandes geht.