Zugegeben

Wie gesagt, die Fantasie ist gefragt, will man die Dinge, wie es heißt, ganzheitlich verstehen. Je schöner die Geheimnisse, desto anspruchsvoller werden sie und desto eingehender wollen sie betrachtet werden. Wenn es einem aber erst einmal aufgeht, dann hat man alle Schätze in den Händen. Kardinal Ratzinger sagte: „Die Wahrheit ist schön!“ Am meisten ist es die Eucharistie.

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Gründonnerstag

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Die Messe am Gründonnerstag ist der funkelnde Diamant im tristen Grau der Leidenswoche. Einmal noch blitzt alle Freude, alle Hingabe, all die tiefe Liebe auf, aus der heraus Christus sich seinem Volk zum letzte aller Opfer dargebracht hat. So sehr hat es ihn danach verlagt, diese Stunde mit seinen Aposteln zu feiern, steht in der Schrift zu lesen, bevor er in das hinnehmende Schweigen des Leidens ging.
Christus schenkt mit der Messe der Kirche und der Welt das Größte, was er geben konnte und das Größte, was es je geben kann: Sich selbst ganz und gar und für alle Zeiten auf ewig junge und neue Weise. Alle, die das halbwegs begreifen – und mehr als halbwegs geht nicht – haben in ihrem Leben nicht genug Zeit, dafür Dank zu sagen und den Schöpfer zu preisen. Und nebenbei gesagt, freue ich mich besonders, dass der neue Papst ausdrücklich davon spricht.

Die Atmosphäre vor dem Sakrament

Meditation zum Hymnus Gottheit tief verborgen von Thomas von Aquin.
Fortsetzung zur ersten Strophe:
“Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.

Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.
Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.”

Dem Leser wird aufgefallen sein, dass ich in meiner kleinen Meditation eine Änderung vorgenommen habe. Sie sollte ursprünglich eine Meditation des Hymnus „adoro te devote“ sein. Jetzt ist daraus eine Meditation zum Lied „Gottheit tief verborgen“, also von der Übersetzung ins Deutsche geworden. Genau genommen wurde aus der Meditation zum Lateinischen Text eine zu der Übersetzung, die üblicherweise in den Kirchen gesungen wird. Das Neue daran soll sein, dass es am Ende um etwas wohl Bekanntes handelt, und nicht um etwas, was dem Leser am Anfang wahrscheinlich eher fremd ist. Wer kennt schon das lateinische Original?

Ich kannte einen lebenserfahrenen Mönch, der schon seit einem halben Jahrhundert gewohnt gewesen war, jeden Tag mit seinen Brüdern in der Kirche den Lobpreis Gottes zu singen. Die Mönche sangen dabei ausschließlich Texte aus der Bibel. Die waren dem Bruder dabei in gesungener Form in Fleisch und Blut übergegangen. Seine Augen leuchteten, als er sagte, es sei ihm ein besonders lieber Gedanke, dass ihm die Bibel zur Musik geworden sei. Man konnte ihm bestimmte, markante Stellen vorlesen; er kannte sie gleich, und dazu die feierliche Melodie, in der die Mönche sie immer sangen.

Mit dem Hymnus „Gottheit tief verborgen“ sollte es einem eigentlich ganz ähnlich gehen: Wenn die Katholiken nur die Worte vernehmen, dann sollte in ihnen gleich etwas eine wundervolle, einfache Melodie anschlagen. Der gewohnte Text und die Musik bilden eine Art heimatliches Gebäude, das allein Worte oder nur eine Melodie nie zustande bringen könnten. Schon gar nicht ein Text, den man nie gehört hat.
Vielleicht ist das ein bisschen, wie wenn jemand nach wer weiß wie vielen Jahren seine alte Kirche wieder betritt: Der Duft nach Weihrauch und Gebet riecht immer noch genau gleich und man muss nur kurz da sein, um zu wissen, dass hier sogar die Möbel beten.
Es soll also eine Meditation zu etwas sein, was dem Katholiken seit Kindertagen in den Ohren und im Herzen klingt. Dennoch ist der deutsche, gesungene Text eine Übersetzung aus einem lateinischen Original, und alle, die schon einmal etwas übersetzt haben, wissen, dass ein Text bei jeder Übersetzung leidet, wie ein Wäschestück bei jeder Wäsche. Es bleibt immer etwas zurück, was nicht mitgekommen ist, und am Ende kommt oft ein etwas anderer Sinn heraus. Das ist unvermeidbar und weil das so ist, gibt es keine Übersetzung, bei der man nicht hin und wieder einen Blick auf sein Original werfen sollte, um auszugleichen. Das ist auch hier so.
Am Ende der ersten Strophe singt das Lied:

Sieh mit ganzem Herzen schenk ich Dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.

Das lateinische Original lautet:

Tibi se cor meum totum subiicit,
Quia te contemplans totum deficit.

Etwas wörtlicher übersetzt steht da weder etwas von einem Wunder, noch taucht da das Wort Armut auf. Vielmehr heißt es eher: „Dir unterwirft sich mein ganzes Herz, weil es, Dich betrachtend, schwach wird, bzw. versagt.“ Das kann man in einem Lied nicht gut in Strophen gießen. Wenn wir aber sehen wollen, was der heilige Thomas geschrieben hat, dann reicht die gängige Übersetzung nicht. Es sollte in der Kirche also hin und wieder eine Predigt zum Original zu hören sein.

Es ist nun so, dass niemand in der freien Wirtschaft oder im Leben sich leisten kann, von seinen Schwächen zu reden. Immer muss man den Sieger und den Könner mit dem Durchblick geben. Die große und allen liebe Ausnahme ist das Leben der Liebe. Auch die Macher und Regler der Welt lieben es, einen Ort zu haben, wo sie wieder das Kind sein können, das sie einmal waren: Schwach, klein, bedürftig, beschützt und in Wärme geborgen. Das ist die Atmosphäre, die das Lied vor dem Allerheiligsten umschreibt, weil das Allerheiligste der Ort ist, an dem sich der Katholik wie ein Kind geborgen weiß. Von daher passt die Übersetzung wieder ganz genau, wenn die Worte auch etwas freier gewählt sind.
Es ist, wie wenn Jesus seinen Jüngern nach deren langer Reise sagte: „Kommt mit mir an einen einsamen Ort und ruht euch ein wenig aus.“ Das Allerheiligste möchte ein Ort dieser Ruhe sein, an der die Gläubigen sich behütet wissen und wo sie in den Armen des Allmächtigen das sein dürfen, was sie in seinen Augen immer une besonders gerne sind: Geliebte und erlöste Kinder Gottes.