Ein Gedanke als Vorwort

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Klärende Gedanken zur Eucharistie

Starten wir also. Ich gehe wieder vor, wie in unserem ersten Projekt über die Firmung und folge, meistens ohne es hier eigens zu erwähnen, den Vorgaben meines Lehrers, des heiligen Thomas von Aquin. Das gibt mir Sicherheit, auf dem sichersten Weg zu laufen.

Zunächst aber eine Art Vorwort. Nehmen wir an, jemand will Dir eine Gemäldesammlung zeigen, die ihm sehr am Herzen liegt. Jedes Stück ist ihm wertvoll wie Gold und an jedem hängt sein Herz auf besondere Weise. Was wird er Dir als letztes zeigen? Sicher das allerliebste Stück, das mit dem größten Wert und das, worum der meiste Aufwand zur Pflege und zum Schutz getrieben wird. Das Allerschönste, das Allerwichtigste, das was absolut im Zentrum steht, das man nur ansehen, nicht anfassen darf, das wird er besonders umschwärmen und Dir mit Liedern besingen, was es ihm bedeutet.

Wenn jemand die katholische Kirche bitten würde, ihm ihre Schätze vorzuführen, dann würde sie, wie der Kunstliebhaber alles mögliche besingen, umschmeicheln und preisen. Als letztes aber würde sie feierlich zu den sieben Sakramenten schreiten. Sie sind der Gegenstand aller Pflege, allen Schutzes und jeder Verehrung und der ganzen Liebe. Unter ihnen aber, die ganz besondere Mona Lisa sozusagen, das ist das Sakrament der Eucharistie.

Wir werden hier sicher das eine oder andere Mal ziemlich nüchtern, ja fast trocken drüber reden. Wir sollten aber immer im Hinterkopf bewahren: Die Eucharistie ist das Herz der Kirche, dasjenige aus dem sie wächst und gedeiht und dasjenige, um dessentwillen sie überhaupt auf der Welt ist. Die Katholiken selbst gehen, sogar bis hinauf in die höchsten Gremien und Posten der Kirche mit der Eucharistie schon mal um, wie wenn man Würstchen auf den Grill legt. Das ist bedauerlich und sollte uns nicht zu lange betrüben. Die Menschen haben nunmal den Hang, sogar vor dem Allerschönsten gelangweilt zu sein und nicht mehr zu erkennen, was ihnen eigentlich in die Hände gegeben ist. Geheult und gesungen wird oft erst, wenn wir die Dinge vermissen. Aber wie gesagt, wir sollten uns davon nicht aufhalten lassen, sondern das Lied hin und wieder anstimmen.
Ich kündige an, zunächst kurz anzureizen, was überhaupt ein Sakrament ist.

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Die Menschwerdung und die Mitte der Religion

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Islam und Christentum 40

Wie gesagt: Wir besprechen hier die Geschichte einer atemberaubenden Überraschung. Es ist bedauerlich, dass uns Christen nicht tagtäglich die Kinnlade vor Staunen herunter hängt. Als ich einmal in unserer Kirche war, um kurzes, gewohntes Gebet zu verrichten, hörte ich ein leises Schluchzen im Dunkel der letzten Bänke. Da hockte ein Mann, so groß wie ein Baum in einer Ecke und weinte leise. Ich kannte ihn und ging deshalb nicht hin. Der Hühne hatte sich vor kurzem taufen lassen und b besaß sie noch: Diese Nähe zum Alten, was er abgelegt hatte und die Freude, endlich heimgekehrt zu sein.

Bei den Christen der grauen Gewohnheit ist das anders. Wenn einer Senf zum Käse nimmt, wundert uns das. Sagt uns einer, Gott habe mit menschlichen Füßen die Welt betreten, um bei uns sein zu können, dann ist das ungefähr so interessant, wie die Fußballergebnisse vom letzten Samstag. Deshalb nützt es eigentlich unserer Sache, wenn Ihr Muslime uns vorwerft, wir würden undenkbare und unglaubliche Dinge verkünden. Es nützt uns, wenn die Philosophen sich über die Märchen lustig machen, die die Christen verkünden. Es stimmt nämlich, wir reden hier von der größtmöglichen aller Überraschungen, und wir werden es im Himmel wieder erlangen, diesen abenteuerlichen Schauder sein über das ganze Geschehen sein das unser Leben gerettet hat. In den Gebeten der Bibel steht: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst!“, und Recht hat der Beter.

Aber gestatte mir, mit einer weiteren Überraschung aufzuwarten. Bevor Jesus starb, wusste er, was die Menschen Grausames mit ihm anstellen würden. Er wusste so genau um seinen Schmerz im Voraus, dass sein Angstschweiß ihm beim Gebet wie Blut zu Boden rann. Das macht um so erstaunlicher, dass er ein paar Stunden zuvor zu seinen Jüngern sagte: „Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, dieses Paschamahl mit euch zu feiern, bevor ich leide.“

Ich verrate Dir ein Geheimnis, mein Freund. Das, was Jesus an diesem Abend feierte und in die Welt pflanzte, bildet das absolute Zentrum meiner Religion. Mich hat schon immer geschaudert und beeindruckt, wie sich in den Tagen Eurer Wallfahrt die Menschenmassen langsam um die Kaaba wälzen. Mir ist dann immer, wie sich die gesamte Weltreligion mit um diesen einen Punkt dreht. Ähnlich geht meine Religion in konzentrischen Kreisen um diesen einen Punkt, den wir die Eucharistie nennen. Wir werden getauft, um sie bekommen zu können, wir gehen um ihretwegen beichten, damit wir sie so würdig wir können zu nehmen. Unsere Priester verzichten um ihretwegen auf ihre Erfüllung in einer Familie, und ihr Verzicht ist ein lebendes Zeugnis für die Größe und Erhabenheit dieser Sache, um die zu bringen. Und schließlich: Gott in seinem Sohn selbst die Welt und nahm den schwersten aller Tode auf sich, um uns diese Sache, dieses ganz neue Paschamahl zu hinterlassen.

Ja, es ist gut, wenn ihr sagt, das sei alles ganz unmöglich. Wir glauben das Unglaubliche. Es ist gut, wenn ihr sagt, es sei töricht, solche Sachen zu sagen. Diese Torheit in Gott ist die Weisheit und der Adel der Christen. Es ist gut, wenn die Philosophen lächeln. Ihre Weisheit wird sich als engstirnig erweisen, denn bei Gott ist nichts unmöglich.

Ich möchte unser Nachdenken über die Menschwerdung mit diesen Gedanken beginnen, damit unser Bild gleich von Beginn an auf der rechten Grundfarbe gemalt wird.

Das Schwarz der Priester

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Es steht also eine gewaltige Behauptung im Raum: Gott verändert im Ritus der Priesterweihe die Herzen seiner Kandidaten. Er verändert sie ein für alle mal und er verändert sie für immer. Die Kandidaten sind am Ende des Ritus also nicht mehr ganz die selben, die sie vorher waren. Es ist eine Änderung bis hinein in die Ewigkeit.
Das Wort „ändern“ scheint nun etwas unangemessen. Hosen werden geändert, wenn sie zu kurz oder zu lang sind. Fahrpläne werden geändert, wenn die Busse anders fahren sollen. Jetzt in Sachen Menschenherzen von „Veränderung“ zu sprechen, klingt nicht besonders schön.

Das Wort „Verzaubern“ ist da schon etwas anderes. Es wird sofort märchenhaft, und ich würde meinen, das fügt der Sache gleich eine neue, angemessene Seite bei. Das Wort „Verzaubern“ meint also gleich etwas anderes als jemanden, der mit der Nähmaschine Hosen enger macht oder am Schreibtisch Fahrpläne umschreibt.
Das Wort „Zauber“ muss nur erklingen, schon trägt es unser Empfinden in die Welten der Kindheit, wo es feierliche Zeremonien an festlichen Höfen gibt, wo Magier heimlich Tränke mischen und Ritter gegen Drachen kämpfen.
Es könnte nun sein, dass jemand hier mit einigem Ernst seinen Einwand vorträgt: „Wir sprechen von der heiligen, strengen Wirklichkeit und ihr kommt mir hier mit Märchen und unwahren Fabeleien aus der Kinderwelt.“
Da ist dann aber etwas zu bedenken. Wer sagt eigentlich, Märchen seien unwirklich und nicht wahr? Es ist natürlich unwirklich, wenn Prinzen auf riesigen Schimmeln gegen Drachen mit feurigen Klauen kämpfen. Aber es ist die Spitze aller Wirklichkeit, dass das Gute das Böse zu besiegen hat. Unwirklich sind nur die Kostüme.

Das erinnert mich an einen Gedanken aus unserer Kindheit. Der alte Priester in unserem Dorf lief öfter in einem schwarzen, bodenlangen Kleid durch die Gemeinde. Er war ein hochgewachsener, alter Herr und die riesige Gestalt in seinem Gewand war irgendwie nur schwarz, aber ich hatte da eine Ahnung, dass das nicht alles an ihm war. Ich war mir sicher, wenn ich mal nahe heran hätte gehen können, um an seinem Schwarz zu kratzen, es wären darunter sicher silberne und goldene Fäden mit glitzernden Edelsteinen zum Vorschein gekommen. Mit der Sicherheit eines Detektivs habe ich gewusst: Das Gewand ist nur außen schwarz! Von innen ist es mit feinstem Gold beschlagen, und heraus kommen die kostbarsten Gaben, wenn man nur lange genug dran kratzt.
Das Schwarz ist eine Tarnung! Die guten Gaben müssen geheim gehalten werden. Vermutlich geht es nicht an, wenn die kostbaren Perlen einfach draußen verteilt und gezeigt werden. Die Frage nach den Märchen- und wahren Welten wäre klar gewesen. Die Innenwelt des Priesters ist die eigentlichere und wahrere Welt. Sie ist nämlich die des großen Erfinders aller Welten.

Die Bilder kommen zusammen: Unsere Priester sind diejenigen, die am engsten mit dem Priestertum Jesu verbunden sind, und aus dessen Seitenwunde am Kreuz flossen die kostbarsten Gaben: Blut und Wasser. Sie sind, wie die Väter sagen, die Sakramente, aus denen die Kirche errichtet ist. Auch dem Herrn kratzte die Lanze, wenn man so will, am äußeren Gewand. Nur war das nicht schwarz, sondern blutig und geschunden. Aber wer will uns sagen, dass nicht gerade er als der Priester, von reinstem Gold und Silber war? Wer will uns sagen, dass aus ihm nicht die kostbarsten Preziosen fließen?
Die Weihe verzaubert die Kandidaten, die Wandlung verzaubert die Gaben, und wenn überhaupt von irgendeiner großen Verwandlung gesprochen werden soll, dann müsste unsere äußere, nüchterne Welt verzaubert werden, um seiner inneren, goldenen  irgendwie ähnlich zu werden. Märchen- und Kinderphantasien hin oder her. Das Schwarz der Priesterkleider ist eine Tarnung, und es ist gar keine schlechte.

Die Stellung der Priester

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Das Bild mit dem Kirchenraum hat etwas Feierliches. Mir geht es jedenfalls so, wann immer ich drüber nachdenke, rede oder schreibe: Die Worte werden pompöser, die Wendungen möchten offizieller klingen und die Stimmung eher wie wenn man an hohen Höfen zu sprechen hat. In der Schule des heiligen Thomas würde man wahrscheinlich hören, das sei etwas ganz Selbstverständliches. Die Feierlichkeit eines Ortes richtet sich danach, wer ihn bewohnt. Im Palast eines Königs geht es eben feierlicher zu, als in den Wohnungen seiner Bediensteten. Und wenn man den Raum der Kirche beschreibt, dann hat alles auf der höchsten Stufe der Feierlichkeit zu geschehen. Schließlich ist der Kirchenraum der einzige Ort, in dem die große Begegnung, nämlich die zwischen Gott und Welt vorgesehen und möglich ist.
In der Messe kommt wirklich alles zusammen. In der Messe steigt, um im Bild zu bleiben, Gott höchstpersönlich zu uns hernieder. Wenn der Priester die verwandelte Hostie in die Höhe streckt und dem Volk zeigt, dann hält er im wahrsten und konkretesten Sinn der Worte Gott selbst in den Händen. Für Muslime und Juden dürfte das wie eine anmaßende Gotteslästerei klingen. Die Atheisten dieser neuen, nervösen Bewegung würden das als den Gipfel der Spinnerei einschätzen, und doch, die Katholiken und orthodoxen Christen aller Zeiten bleiben dabei: Gott gibt sich täglich in die Hände seiner Kinder.

Das zweite, das hier zugegen ist, das ist das Opfer Christi. Was wir in den Händen halten ist nicht einfach verzaubert. Wenn wir einen Lichtschalter bedienen, machen wir es hell und aus einem dunklen Raum einen hellen. Das Lichtanzünden kann allerdings mit Lust und Laune, es kann im Zorn oder aus Liebe geschehen. Der Vorgang selbst bleibt neutral. Würde Gott die Gaben auf dem Altar nur so verwandeln, dann könnte das auch ein Akt ziemlich kalter Gleichgültigkeit sein. Das ist er aber nicht. Die Messe steht immer im Zeichen der Hingabewilligkeit des Wortes Gottes an den Vater und des liebevollen Gehorsams ihm gegenüber. Sie steht immer unter dem Stern, den Christus vor dem letzten Abendmahl ausgesprochen hat: „Wie sehr habe ich mich danach gesehnt“. Jede freiwillige Hingabe aus Liebe bezeichnen wir als Opfer, und ein solches war Jesu ganzes Leben, sein Sterben und sein sich Hingeben in der Messe.

Die Theologen sprechen hier von einer dritten Sache, nämlich von einer Bewegung nach oben und einer nach unten. Die Kirche, die die Messe feiert, gibt (und opfert) ihr Beten, ihr Sehnen, ihren Ritus und die Zeit, die man schenkt, die Priester und Ordensleute geben ihr Leben in gewisser Weise. Das ist die Bewegung nach oben. In der nach unten erreichen uns die Wohltaten, die der Schöpfer seiner Kirche und durch sie der Welt zukommen lassen möchte: Sich selbst und die Hilfe, die wir Gnade nennen.

Um das alles herum ist die Kirche gebaut, sowohl geistig, als auch konkret aus Stein. Das ist gemeint, wenn gessagt wird, alles in der Kirche drehe sich um die Messe.
Hier hinein müssen wir auch die Priester gestellt wissen. Sie nennt der Aquinate die „Diener dieses Sakramentes“, und wenn Thomas das sagt, dann kann man wieder sowohl das „Wie“, als auch das „Wo“ seines Satzes beim Wort nehmen. Das erste, was er im Traktat über die Eucharistie über die Priester sagt ist dieses: Sie sind zunächst und immer zuerst die Diener der Eucharistie und der Messe.
Man nennt das größte immer zuerst, wenn man jemanden bezeichnet. Wer den Nobelpreis bekommt, der kann alles mögliche sein, er wird aber immer der Nobelpreisträger genannt werden. Wer den Präsidenten fährt, der ist, was immer er sonst tut, zuerst der Fahrer des Staatsoberhauptes. Deshalb ist auch eine Mutter, was immer sonst zu tun hat, zuerst die Mutter ihres Kindes. In diesem Sinn ist der Priester, wenn man ihn durch die Brille des heiligen Thomas anschaut, immer zuerst der Diener der Eucharistie und der, der an die feierliche Schnittstelle zwischen Himmel und Erde und direkt am Brandherd des großen Opfers gestellt ist.

Der Mythos und das Opfer

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Ich bin nicht ganz sicher, ob man in einem Buch ohne Fremdwörter von Mythen reden kann, ohne zuerst den Begriff zu klären. Was Märchen sind, weiß jeder, was Sagen sind, sicher auch. Mythen haben mit beidem zu tun. Wie Märchen und Sagen erzählen auch die Mythen von alten Bildern, Vorstellungen, Fragen und Sehnsüchten, die im Menschen sind. Es gibt alte Bilder vom Durchgang durch den Tod zu neuem Leben. Es gibt alte Motive, die vom Verlorengehen und Wiedergewinnen der Liebe handeln. Es gibt solche, die vom Vertreiben aus dem Paradies erzählen und viele andere Bilder, die immer wieder ihre Geschichten finden. Solche Mythen finden sich immer schon bei den Menschen und ihren Erzählungen.

Als ich mit dem Studieren anfing, ging gerade eine Zeit zu Ende, in der sich bedeutende Gelehrte heftig gegen alles Mythische gewehrt hatten. Man hatte die mythischen Bilder aus dem Glauben entfernen wollen. Die Mythen standen vermutlich im Ruf, etwas an sich zu haben, was man nicht sicher genug ergreifen konnte. Der Glauben sollte wohl wieder mal in einer Art Aufklärungsbad gereinigt und nüchtern gemacht werden.
Mein Erinnern ist gerade nicht sonderlich präzise, aber ich glaube damals schon irgendwie gewusst zu haben, dass die Leute etwas Unmögliches versuchten. Man kann wohl die Mythen aus der Bibel schneiden oder unbeachtet lassen. Damit hat man sie aber nicht aus den Menschen genommen. Oberflächliche Leute denken schon mal, die Menschen würden an die Mythen glauben, weil sie in der Bibel stehen. Ich würde eher meinen, sie stehen in der Bibel, weil die Menschen schon immer an sie geglaubt haben. Mythen gehören zum Menschen und sind älter als die Geschichten, die sie erzählen. Wenn die Alten den Jungen erzählen, dann geben sie urmenschlichen Bildern Ausdruck.
Man kann einem Pferd das Zaumzeug vom Kopf nehmen. Dadurch wird es irgendwie ein freieres Pferd ohne die Last, die es vorher trug. Man kann ihm aber nicht den Kopf abschrauben, ohne dass es aufhört ein Pferd zu sein. Man könnte die Menschen nur dann von ihren Mythen befreien, wenn diese nicht zum Menschen gehören würden, wie ihre Natur und das lachen Können zum Beispiel. Die Menschen lachen nicht nur, weil sie Witze hören. Sie lachen auch, weil sie lachen möchten, und das aus ihrer tieferen Natur heraus. Man mag dem Menschen das Lustige und die Witze nehmen. Seinen Humor aber wird er behalten. So werden die Leute immer die selben Mythen haben, ganz gleich, ob man sie pflegt oder verachtet.

Wir stehen mit unseren Gedanken beim religiösen Opfern, und ich leite hier so lange ein, weil dem Opfergedanken etwas tief Mythisches anhaftet, das zum Menschen gehört.
Vermutlich gibt es grundsätzlich zwei Weisen des Opferns. Das eine geschieht, um ein Gegenüber gnädig zu stimmen, um ein Verhältnis mit ihm in Ordnung zu bringen, oder weil um eine Gabe gebeten werden soll. Der berühmte Sündenbock, der geopfert wurde, sollte die Gottheit zur Verzeihung veranlassen. Man brachte schon immer Opfer, um irgendwelchen Göttern zu schmeicheln oder um gute Ernten zu erbitten. Es ist an dieser Stelle nicht relevant, in wie weit es die Götter genauer gibt oder gab, oder auch nicht. Hier geht es um den mythischen Antrieb des Menschen.
Die zweite Weise der Opfer kommt aus einem ganz anderen Motiv. Sie geschieht aus Freude oder einer Art Dankbarkeit. Verliebte haben eine herrliche Lust, einander Geschenke zu machen, die irgendwie was kosten. Für einen frischen Bräutigam kann der Blumenstrauß nicht groß genug sein, den er seiner Angebeteten bringt. Als der heilige Thomas von einer Krankheit genesen war, lud er zum Dank an die heilige Agnes seine Studenten zum Essen ein. Auch das kann als eine Art Dankopfer angesehen werden.

Im Mythos vom heilen Paradies nun konnte es die erste Weise des Opferns nicht gegeben haben. Alles war noch in Ordnung, die Menschen wussten, die Zuneigung der Gottheit war ihnen sicher. Sie brauchten nichts herbei opfern. Keine Sünde trübte das Verhältnis zum Schöpfer, so war auch kein Sündenbock vonnöten. Alles war reine Gabe im Überfluss, es brauchte keine Opfer für gute Gaben und reiche Ernten. Einzig der reine Dank und der Baum der Erkenntnis waren Möglichkeiten, dem Herrn seine Zuneigung zu zeigen. Mit dem Baum der Erkenntnis war eine Art Gebot ausgesprochen: Es durfte nicht von ihm gegessen werden. Es war eine Ehrensache und eine Möglichkeit, hier zu tun und zu lassen, was der schöpferische, liebe Vater angeordnet hatte. Wie es auch eine Lust für kleine Kinder ist, zu tun, was die Eltern gesagt haben, nur weil sie es gesagt haben.
Später, nach der Sünde und der mythischen Vertreibung aus dem Paradies, eröffnete sich erst die andere Weise, Opfer darbringen zu können. Mit ihr ergab sich zugleich dieses Wechselspiel von „weiß nicht recht“ und „es muss sein“. Hier eröffnete sich mit dem Opfer die bange Ahnung, dass Gott solcherlei Opfer doch gar nicht nötig hatte, und dass man aber doch ein Bedürfnis danach verspürte. Mit dem Opferkult entstand also auch seine Krise und Kritik an ihm.
An dieser Stelle beendete das Opfer Christi ein für alle mal alles bittende Opfern. Mit seiner Tat eröffnete er wieder die Grundlagen des alten Paradieses. In diesem neuen Zustand gibt es keinen Grund mehr, sich die Gottheit gnädig zu stimmen, denn „nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“, wie Paulus schreibt. Die Verzeihung ist ein für alle Mal erledigt und das Himmelreich ist ebenfalls eröffnet. Es bleibt, wie im Paradies damals, einzig das Opfer des Lobes und des Dankes. So heißt denn auch das Opfer des Altares nurmehr „Eucharistia“, Danksagung.

Der Opferkult, Ahnen und Wissen

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Offensichtlich ist der Mensch ein Wesen, das grundsätzlich wissen kann, woran es ist. Wenn die Alten Recht haben, dann kommt aus dieser Fähigkeit, wissen zu können irgendwie automatisch ein Wunsch, auch möglichst alles wissen zu wollen.
Kleine Kinder fragen ihren Eltern Löcher in den Bauch, weil sie ihre kleine Welt erklärt haben möchten. Sie würden nicht fragen, wenn in ihnen nicht eine Ahnung schlummerte, dass sie die Antworten auch verstehen können.
Otto Liliental baute seine ersten Fluggeräte nicht nur, weil er unbedingt fliegen wollte. Er baute sie auch, weil in ihm eine Ahnung war, dass er es irgendwann einmal können würde.
Heute basteln wir an der Idee, ins Weltall zu rasen und die Grenzen der Geschwindigkeit zu überwinden. Wir würden diesen Aufwand gar nicht erst treiben, wenn sie keine Ahnung befeuerte, dass da später mal was möglich wird. Die Ahnung kann sich täuschen, sie ist ja nur eine Ahnung. Aber wie realistisch sie auch sein mag, sie ist eine enorme Triebkraft, die ganze Batterien voll laufen lässt zum Aufstehen nach jedem Fall. Der Mensch ist also nicht nur einer, der aus Wissen handelt. Er tut es auch aus seinen Ahnungen heraus, und die sind immer irgendwie dunkel.

Ich schreibe das alles, weil ich im Zusammenhang mit dem religiösen Opfer auf etwas hinaus will, was selten bedacht wird. Die alten Lehrer der Christenheit aber haben es sehr deutlich gesehen, und es ist nicht ganz unwichtig, es zu erwägen. Die ganze Sache der Menschen mit den religiösen Opfern scheint mir nämlich ein Treffen von Wissen und Ahnen, vom Gehen auf guten Pfaden und auf gewaltigen Holzwegen zu sein.
Die Ahnungen sind von anderer Art als das Wissen. Ahnungen sind weniger konkret und noch weniger sicher, was zum Beispiel Einzelheiten angeht. Man kommt nach Hause, irgendwas ist gewesen, man weiß aber noch nicht was, ahnt aber mit Sicherheit: Hier stimmt was nicht. Man erkundigt sich aus der Sicherheit der noch unsicheren Ahnung. Diese treibt zum konkreten Handeln, und weil die Ahnung unsicher ist, kann das Handeln einen auf den Holzweg führen. Das Ahnen geht dem Wissen voraus. Vorsichtige Leute würden vermutlich vom Handeln abraten, man ist ja noch nicht sicher.

Ein Blick in die Funde der Wissenschaft zeigt, die Menschen haben in Sachen religiösen Opfern schon immer was geahnt. Die ältesten Funde zeigen Beilagen in Gräbern. Man gibt den Toten nichts zu Essen auf dem Weg, wenn man nicht zumindestens ahnt, dass sie auch nach dem Ableben noch etwas damit anfangen können. Kritiker werden sagen, das waren die großen, frühen Holzwege, auf denen die Menschen sich tummelten. Dass da aber so etwas wie eine sichere Ahnung war, lässt sich kaum leugnen.
Auch später haben die Menschen immer irgendwelche Altäre gehabt, sie hatten wohl immer auch so etwas wie Priester, die zwischen einer sichtbaren und unsichtbaren Welt zu vermitteln suchten. Ich will hier jetzt gar nicht sagen, ob und wie weit das alles richtig war oder daneben lag. Vermutlich war immer von beidem etwas dabei, und so ging es den Leuten offenbar immer.

Übrigens: Die primitive Religionskritik, der wir in diesem neuen, nervösen Atheismus begegnen, macht den Leuten weis, die Religionen verlangten immer ein kritikloses Hinnehmen der Opferkulte. Der Glaube sei blind, ohne Kritik und ohne Widerspruch. Den verlangten die Religionen. Sie unterschlagen eine Seite der Wirklichkeit, nämlich die Kritik, die lange vor ihnen da war. Und das ist die Kritik aus den Religionen selbst. Sie müssen diese Unterschlagungen machen. Schließlich haben sie sich herabgelassen, eine Art Kriegspropaganda für ihre Sache zu machen. Kriegspropaganda muss den Gegner schlechter lügen, als er ist. Das Fußvolk kämpft schließlich ja nicht gern gegen Feinde, die es irgendwie noch in Ordnung findet.
Die Wirklichkeit schaut aber stehts anders aus als die Propaganda, und die große Kritik an den Opfern kam schon immer aus den Religionen selbst. Es war schon immer ein tastendes Hin und Her. Auf der einen Seite stand der große Opferkult, der sich aus der Ahnung entwickelt hatte. Auf der anderen Seite sprach der große Strang der Kritik, und es waren die großen Propheten und Denker, die in die Kulte riefen, Gott habe kein Gefallen an Schlacht- und Brandopfern.
Eigentümlich ist, dass die innerreligiöse Aufklärung offenbar dafür gesorgt hat, dass die großen Kulte des Opferns ein allgemeines Ende gefunden hat. Weder bei den Juden, noch bei den Christen werden noch Tiere geschlachtet und der Gottheit Gaben aus den Ernten dargebracht.

Hier setzt der heilige Thomas an, wenn er das Opfer Christi zum Thema macht. Er sieht in den Opfern der Vorzeit wohl das Ahnen, und in den Kulten Zeichen, die aus der Dunkelheit der Ahnung wohl wirkliche Zeichen für etwas gewesen war, was man noch nicht hatte wissen können. Erst mit Christus sei das letzte und endgültige Wissen auf die Welt gekommen, nämlich dadurch, dass Gott selbst seine Kinder aufgeklärt hat. Die Kulte waren nie ganz richtig und nie ganz falsch. Die christliche Gelehrsamkeit nannte sie sogar in gewisser Weise „Sakramente“, sofern sie nämlich äußere Zeichen für innere, heilige Zusammenhänge waren. Die Sündenböcke konnten zwar nicht wirklich Sünden wegnehmen. Sie konnten aber Zeichen für das sein, was einst würde wahr werden können. Gott hat immer schon mit Freuden verziehen, aber erst das Lamm Gottes, auf das Johannes, der letzte der Propheten zeigte, trug wirklich aus der Welt, was in ihr nie etwas zu suchen hatte.

Quellen:

Sth III, 8, 3 arg 3: „Praeterea, sacramenta veteris legis comparantur ad Christum sicut umbra ad corpus.“

Sth III 61, 4, co: „Respondeo dicendum quod, sicut antiqui patres salvati sunt per fidem Christi venturi, ita et nos salvamur per fidem Christi iam nati et passi. Sunt autem sacramenta quaedam signa protestantia fidem qua homo iustificatur. Oportet autem aliis signis significari futura, praeterita seu praesentia, ut enim Augustinus dicit, XIX contra Faust., eadem res aliter annuntiatur facienda, aliter facta, sicut ipsa verba passurus et passus non similiter sonant. Et ideo oportet quaedam alia sacramenta in nova lege esse, quibus significentur ea quae praecesserunt in Christo, praeter sacramenta veteris legis, quibus praenuntiabantur futura.“

Was macht den Weisen aus?

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Ich würde eine Wette machen: Man stelle sich in einen willkürlich gewählten Kreis von deutschen Mitbürgern und schlage vor, kurz über die katholischen Priester zu sprechen. Innerhalb der ersten Minute kommt die Frage, warum sie nicht heiraten dürfen.
Genau so ist es mit dem Empfang der Kommunion. Auch da wird in kürzester Frist gefragt, warum die Leute, die mit zwei Personen verheiratet sind, nicht zur Kommunion gehen können. Die zuerst gestellten Fragen scheinen besonders dringlich zu sein. Aber ist das wirklich so?
Ich arbeite an einer Schule und bin auch jetzt wieder so gut wie auf dem Weg dorthin. Einer der Schüler hat gerade ein besonders dringliches Problem: Er braucht unbedingt ein neues Telefon für die Tasche, und das muss dringend ein ganz bestimmtes sein. Die Dringlichkeit ist so groß, dass man den Eindruck gewinnt, es hänge sein Leben daran. Die Lehrer und Eltern sind anderer Meinung. Sie sind sich einig, viel dringlicher als ein Handy braucht der Junge einen Schulabschluss. Der aber scheint ihm ziemlich egal zu sein. Jetzt ist die Frage, was ist wirklich dringend?

Einem Thomasleser fällt hier vermutlich ziemlich schnell das Wort „Weisheit“ ein, und das lohnt sich, kurz angesprochen zu werden. Wer mit Jugendlichen zu tun hat, der ahnt gleich, in der Frage der Dringlichkeit wird es Streit geben. Der Junge wird auf seinem Wunsch bestehen und die Eltern werden ihm vergeblich die größere Wahrheit sagen: Der Schulabschluss ist entscheidender. Es wird nicht lange dauern, dann ist das Handy so unwichtig wie das Pausenbrot, das er heute verputzt. Wir sagen, die Eltern haben einfach den größeren Überblick. Sie sehen das Ganze und kommen von daher zu einer anderen Einschätzung. Dem gesunden Menschenverstand folgend werden wir sagen, der Junge tut gut daran, auf die Alten zu hören. Er selbst kann die Dinge noch nicht richtig einordnen und er weiß noch nicht, was wirklich wichtig ist.
Unsere Denkgewohnheit stößt hier auf gewisse Schwierigkeiten, weil wir in Mehrheiten denken. Es gibt eine naive Auffassung von der Demokratie, in der die höheren und weiteren Wahrheiten nichts zu sagen haben. Geht es nach Grönemeyers „Kinder an die Macht“, dann gibt es keine Schulabschlüsse, sondern es wird Handys regnen.

Wenn wir aber erst einmal beim Aquinaten bleiben wollen, dann klingen die Dinge etwas anders. Er hält sich an zwei seiner Grundsätze. Er versucht zum einen das Ganze im Blick zu haben und definiert ein Ziel, um überhaupt sagen zu können, wohin die ganze Reise geht.
Ein klassisches Beispiel. Gibt jemand ein Haus in Auftrag, dann braucht er zunächst einen, der den ganzen Plan versteht, der sich mit den verschiedenen Handwerken auskennt und der zur rechten Zeit die richtigen Leute einstellt. Der Maurer muss nur mauern können und braucht nicht unbedingt wissen, wann der Dachdecker bestellt werden muss. Der Chef am Bau aber muss über das ganze den Überblick haben und wissen, worauf es hinaus soll. Er wird die Dinge koordinieren. Genau den nennt Thomas den Weisen. Dem Weisen kommt es zu, die Dinge zu ordnen, schreibt er.

Wenn wir uns die Sache mit den Priestern vornehmen, dann ist die Frage, ob sie heiraten sollen, natürlich von gewisser Bedeutung. Erst einmal sollte es vielleicht aber um die Frage gehen, wozu sie überhaupt da sind, wo sie im Gefüge des Ganzen ihren Platz haben und was ihre Bedeutung ist.
Thomas spricht in seinem Kapitel über die Eucharistie freilich auch über die Priester und nennt sie dort die „Diener dieses Sakramentes“. Das tut er aber, nachdem er lange vorher und an ganz anderer Stelle bereits über das Priestertum als solches geschrieben hat, und dieses macht sich zunächst nicht an den Menschen allein fest, sondern dort, wo die Gottheit und die Menschheit sich begegnen.
Das Phänomen Begegnung in den Focus der Überlegungen zu stellen, ist eigentlich ein ziemlich moderner Gedanke. Man spricht gern über das dialogische Geschehen, also von der Begegnung, in dem das Leben sozusagen erst beginnen und Bedeutung gewinnen kann.
Dem Mittelalter wird da schon mal vorgeworfen, es habe sich um diese Dinge zu wenig gekümmert. Wenn ich aber richtig sehe, stimmt das nicht. Beim heiligen Thomas ist sehr wohl die Begegnung zwischen Mensch und Gott die entscheidende Sache. Er unterlässt es allerdings nicht, zuvor die Fragen gründlich in den Mittelpunkt zu stellen, wer es denn ist und sein soll, der sich da begegnet. Wenn man so möchte, schreibt er zunächst einmal ein ganzes Buch über die Gottheit, dann eins über den Menschen, und am Beginn des dritten Werkes führt er die Dinge zusammen, und das an einem ganz konkreten, geradezu winzig kleinen Punkt, bei Christus nämlich, bei dem sich in einem einzigen Entwurf die ganze Gottheit und die ganze Menschheit zusammenfinden; in einer Person, die von den Christen der Welt als Mensch und Gott zugleich verehrt wird. Dieser Gottmensch ist – unter anderem – der Priester schlechthin, und was das bedeutet, sollte sich jeder ansehen, wer über die Eucharistie Bescheid wissen möchte.

Quelle:
ScG 1,1,2: „Sapientis est ordinare.“ Thomas beruft sich auf den Philosophen Aristoteles, der das bereits gesagt hatte.
Sth III,82,pr.: „Deinde considerandum est de ministro huius sacramenti…“

Was die Eucharistie kann und was nicht

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Wir sind bei der Frage, was man am Altar denn eigentlich bekommt. Dass viel mehr zu holen ist, als bei gewöhnlichen Speisen, das dürfte klar geworden sein. Wenn man zum Chinesen geht, dann gibt es chinesisches Essen. Man bekommt das Vergnügen für den Gaumen, den Geschmack und für den Körper die Vitamine. Im besten Fall gibt es das Vergnügen einer guten Gesellschaft dazu und auch sonst alles, was man erhofft. Der große Unterschied aber ist: Die Speise macht sonst nichts mit uns, wie denn auch? Reis und Fisch kann nur geben, was Reis und Fisch zu geben haben.
Mit der Gabe des Altares ist das anders. Sie tut etwas, sie gibt etwas und kann aus dem, der sie bekommt, etwas machen. In ihr wirken nämlich Kräfte, die sonst keine Speise haben kann. Das liegt daran, dass sie etwas ganz anderes ist, als man ihr ansieht. Auf dem Altar verwandelt der Heilige Geist Gottes die Speise in Christus persönlich. Das bedeutet, die Speise kann, was Christus wirken kann. Die Speise wirkt, was Christus wirken will. Er hat sie überhaupt erst eingesetzt und der Welt geschenkt, wegen dieser Wirkungen. Das wird in den Kirchen schon mal vergessen, weil vom Wichtigsten oft nicht mehr gesprochen wird. Wenn die Menschen das mit Christus und seinem wirken Wollen nicht wissen können, dann sehen sie in der Messe nicht viel mehr, als essen zu gehen. Dann geht man eben nicht zum Chinesen, sondern zum Nazarener.

Christus ist aber als der Gnadenspender schlechthin zur Erde gekommen. Weil er sterben und die Welt verlassen musste, hat er sich etwas einfallen lassen, damit die Nachkommen nach seinem Tod die gleichen Gaben würden bekommen können, wie seine Zeitgenossen. Also setzte er die Kirche ein, um in ihr die Messe zu installieren. In der Messe sollte es die Gaben geben, die sonst nur die Jünger bekommen hätten. Die hatten nun den Auftrag, alles an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. Also vermittelt diese Speise die Gnade Jesu, und wir sind gerade dabei zu sehen, welche das denn sein könnten. Die erste war die „Glorie“, wie das Lateinische sagt, ein Anteil an der Herrlichkeit des Herrn und des ganzen Himmels.

Als nächstes nennt Thomas eine Gabe, über die wir genauer reden müssen. Christus hätte am liebsten alle Menschen an seinem Tisch. Er hat seinen Glauben innerhalb seines Volkes vorbereitet, damit über die Jahrhunderte hindurch alles langsam verstehbar wurde. Als er aber endgültig auf die Welt sollte, öffnete er das ganze für die ganze Welt. Seit dem gibt es keine Unterschiede mehr. Es kann aber Umstände geben, unter denen man zwar eingeladen ist, unter denen man aber nicht hin darf und die Herrlichkeit nicht empfangen kann. Ein Gedanke dazu.

Am Tisch einer Familie meines Kulturkreises musste man sich vorher die Hände waschen. Wir gehörten selbstverständlich zur Tischgemeinschaft, auch wenn wir Dummheiten gemacht hatten. Aber mit schmutzigen Pfoten kam nicht in Frage, genau so wenig wie mit unbekleidetem Oberkörper. Man mochte das spießig finden, aber irgendwie stand alles unter der Idee, der Tisch einer Familie habe etwas Heiliges. Das verlangt nach einem Mindestmaß an Kultur, ansonsten ist irgendwie alles nichts mehr wert. Es gab also einen kleinen, äußeren Kodex. Der verlangte nicht viel, er verlangte aber auch nicht nichts.
Ein sonntägliches, gemeinsames Essen machte irgendwie die Familie aus und war eine herrliche Freude. Es konnte aber sein, dass man am Tisch saß und doch gerade mit irgendwas nicht einverstanden war. Wegen irgendetwas mochte man sich noch böse sein und gar nicht so harmonisch. So ist das bei den Menschen. Ganz genau genommen wären auch kleinere Widerstände groß genug, um „klärt das erst einmal und dann kommt wieder“ sagen zu können. Auf der anderen Seite waren solche Sachen zu gering, und sie lösten sich oft schon beim Essen wieder auf, und am Ende war wieder alles gut.

Etwas Ähnliches schildert Thomas in der Frage, ob zu den Wirkungen der Eucharistie die Nachlassung jener Sünden gehört, die das geistige Leben beenden. Auf der einen Seite sagt er Ja. Christus kann alles wieder gut machen. So kann er auch alle Hindernisse am Tisch wieder hinbekommen.
Auf der anderen Seite heiß es nun aber: Es gibt Gründe, die einem verbieten, die Füße überhaupt unter den Tisch zu stellen. Wieder etwas banal gesagt: Wer seine schmutzigen Pfoten behalten will, der kann gar nicht erscheinen. Also kann er auch nicht die Segnungen bekommen, die es an der Tafel gibt. Die Eucharistie kann das nicht heilen, was einem verbietet, überhaupt zur Eucharistie zu kommen. Dazu sind andere Sakramente da, die einen eben für die Tafel bereiten.

Quelle: Sth III,79,3.

Das größte aller Geschenke

Bildschirmfoto 2014-09-10 um 11.23.31 Es geht also um die Gnade und zuerst einmal um die Frage, was hier mit Gnade gemeint ist. Das Wort kennen wir alle, es ist zwar irgendwie altmodisch, es ist aber im Gebrauch und allgemein bekannt. Gnädig sind Leute, die es sich leisten können. Ein Bettelmann kann zwar eine gnädige Gesinnung haben, er hat aber nichts zu geben. Also kann er keine Gnade verteilen. Gnädig sein ist eine Sache der Mächtigen, und zwar den weniger Mächtigen gegenüber.
Nie hört man, ein Knecht sei seinem Herren gegenüber gnädig. Es sei denn, er hat ihn entführt und überraschend die Macht über ihn. Dann kann auch er mal gnädig sein. Für die, die Lust haben, sich an die Sprache des heiligen Thomas zu gewöhnen: „Gnade ist Sache der Mächtigen, also kommt es Gott am meisten zu, gnädig zu sein, denn er ist der Mächtigste und der, in dem alle Gnade ihren Anfang hat.“ Das ist jetzt zwar nicht aus einem seiner Bücher genommen, aber so ungefähr spricht der Meister.
Jetzt sagt er, in Sachen Eucharistie und Gnade sei als erstes zu bedenken, was sie enthält, nämlich Christus selbst. Wenn das alles so ist, dann kommt in der Eucharistie der Allermächtigste höchstpersönlich zu uns, und damit der, dem es am meisten zukommt, gnädig zu sein. Und er will es sein, das ist die Botschaft.
Jetzt muss allerdings noch eine zweite Sache bedacht werden. Der König ist gnädig, aber was er konkret in seiner Gnade gibt, das kann tausendfach verschieden sein. Angenommen, der König hat einen gnädigen Tag, und es kommen hundert Schuldner zu ihm, dann verteilt er hundert verschiedene Dinge. Dem einen erlässt er die Steuerschuld, dem anderen erlässt er die Strafe für den letzten Diebstahl. Wieder einem anderen schenkt er ein Stück Land, einem nächsten gewährt er die Heirat seiner Geliebten.
Die Haltung der Gnade ist eine Sache, die Dinge, die gnädig verteilt werden, eine andere. Das ist in der Eucharistie auch so, und doch hat sie einen Aspekt, der immer gleich ist und ein Geschenk, das für alle dasselbe ist, nämlich er selbst. Mit anderen Worten: In der Eucharistie bekommen alle ihn persönlich, und das ist erst einmal das Allerhöchste und von unvorstellbarer Größe. Dann aber gibt es noch ein ganzes Paket verschiedener, anderer Gaben, die ebenfalls aus der Gnade kommen und wichtig für die Empfänger sind. Diese Gaben werden in einem Fachausdruck zusammengefasst, der „heiligmachende Gnade“ genannt wird.
Denken wir uns den König der Gegend. Wenn der sich bei uns zu einem überraschenden Besuch anmelden lässt, dann bringt er allerlei Geschenke mit, was bei Königen üblich ist. Könige kommen nie ohne Gnadengaben, aber wenn wir tags drauf begeistert unseren Freunden berichten, dann lautet der erste Ruf nicht: „Ich habe Geschenke bekommen“, sondern: „Der König war bei mir!“
Die eigentliche Gnade ist seine Anwesenheit, und das kann in der Eucharistie nicht oft genug bedacht werden. Christus kommt! Er kommt zu jedem ganz persönlich, und man wagt angesichts dieser Größe kaum, seine eigene zu bedenken, die dagegen schrumpft wie Gulliver im Riesenland.
Christus kommt zu uns! Das ist der, von dem Johannes sagte, er war das Wort, das Wort war Gott und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. Das ist der König, der um unserer Rettung willen Mensch geworden ist. Der König, der zum Knecht wurde, ohne je aufzuhören, König zu sein. Er ist der, der im Triumph zum Vater fuhr und der wieder kommen wird in Herrlichkeit. Genau der will das arme Herz des kleinen Jungen besuchen, sich Zeit nehmen und mit ihm zu Tisch sitzen. Unvorstellbar, aber wahr!

In der Gewohnheit des Menschlichen könnte einem leise die Frage der Verdächtigung aufkommen: „Was will er eigentlich wirklich?“ Bei den Menschen können hinter den Taten nämlich verschiedene Schichten des Willens walten. Thomas zitiert zur Erklärung schon mal den Philosophen, der gesagt hatte: „Wer klaut um fremdgehen zu können, der ist eher ein Fremdgeher als ein Dieb.“ In de malo gibt es eine hübsche Erklärung dazu. Wir können bei den Dingen, die wir tun, schon mal unterscheiden zwischen dem äußeren Tun und dem inneren Wollen. Es kann zum Beispiel jemand ein Almosen geben, nur um eigentlich den Menschen zu gefallen. Dabei ist das äußere Ziel edel, das innere Wollen dagegen weniger.
Unser Freund ist zu Recht beleidigt, wenn wir ihn im Krankenhaus nicht besuchen, um ihm ein guter Freund zu sein, sondern eigentlich nur, um irgendwelche Gebote zu erfüllen. Beim Menschen gibt es diese Brüche, bei Gott nicht, weil es bei Gott nie irgendwelche Brüche geben kann. In der Gotteslehre heißt es zwar, die Liebe Gottes richte sich natürlich immer erst auf die eigene Herrlichkeit. Es heißt sogar, er liebe die Welt auch irgendwie um seiner selbst willen, was logisch auch gar nicht anders geht. Bei Gott bedeutet das aber nicht, dass dadurch seine Zuneigung zu uns irgendwelche Risse bekommt. Im Gegenteil, hier ist alles immer echt und immer ganz. Ein Bräutigam muss sich auch nicht sorgen, wenn seine Braut nicht aufhört, ihre Eltern zu lieben. Hier gibt es keine Konkurrenz. Die größte aller Gnaden in der Eucharistie ist also erst einmal, dass der König zu uns kommt.

Quellen:

Sth III,79,1.

De malo, 6,7,Co: Unde philosophus dicit in V Ethic. quod ille qui ut moechetur furatur, magis est moechus quam fur.

Kann man Gnade definieren?

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Mein Bedenken der Liebe war kurz und unvollständig. Das wäre es auch gewesen, wenn es viel länger gedauert hätte. Jedes christliche Bedenken der Liebe kann nur unvollständig sein, und das aus dem schon genannten Grund: Unser Glaube sagt uns, dass Gott Liebe ist.
Allein das ist ein Satz, den man eigentlich nicht wie ein Rezept zum Kuchenbacken lesen kann. Das ist eine Auskunft von ganz besonderer Art. Ein Zitat aus dem Werk von Bernanos trifft es wohl am besten. In seinem „Tagebuch“ lässt er den armen Landpfarrer von seinem erfahrenen Kollegen belehren. In der Mitte seiner temperamentvollen Rede sagt er: „Gottes Wort, das ist glühendes Eisen“, und der Satz „Gott ist Liebe“, das ist so eine Information. „Gott ist Liebe“ kann man eigentlich gar nicht wirklich aussprechen, ohne ein Leben lang darüber nachdenken zu müssen.
Wir sind nun gewohnt, den ganzen Tag Lieder zu hören, in denen vom schönen Gefühl der Liebe gesungen wird, wie wenn es früher auf der Kirmes Zuckerwatte gab. Da ist von der Liebe die Rede, die kommt und die wieder geht. Das mag ja alles ganz schön sein. Für ein Nachdenken über den Schöpfer, der Liebe ist, taugt das aber wenig. In den Schlagern ist die Liebe vor allem unbeständig und ein Abenteuer, das nicht nur kommt. Es ist ein Abenteuer, das vor allem wieder geht, und genau das läuft in Sachen Schöpfer nicht.
Wir können unseren Schlagerdichtern nicht vorwerfen, dass sie keine Theologen sind. Sie haben nur Schlager zu dichten und das machen sie offenbar ganz gut.
Ihre Lieder dürfen von dem schweigen, von dem wir zu reden haben. Nämlich dass die Liebe, wenn sie echt und stark ist, immer dann auf dem Weg der Treue geht, wenn es schwierig mit ihr wird. Für den Untreuen, der immer noch und nie weniger geliebt wird, mag das ein hübscher Umstand sein, der aber gefährlich werden kann, denn auf die Dauer lässt auch die Liebe ihrer nicht spotten.
Wie immer auch, der Gedanke an die Liebe im Zusammenhang mit dem Leiden Christi und der Eucharistie sollte einen Blick auf ihre Wurzeln werfen, und der hat mit der Treue in der Liebe zu tun. Am Kreuz zeigt Christus nicht nur den Christen und den Jüngern, dass er sie in der am schwersten denkbaren Treue liebt, sondern vor allem auch der Welt in ihren tausend Verwirrungen. Schließlich sind die Jünger mit der gefährlichen Aufgabe betraut, eben dieser Welt davon Kunde zu geben.

Unter diesem Stern steht nun auch die anstehende Frage nach der Gnade, die wir in der Eucharistie empfangen können. Die Quaestio neunundsiebzig widmet sich genau diesem Thema und die Frage lautet gleich: Ob in dem Sakrament der Eucharistie überhaupt Gnade vermittelt wird.
Wer es liebt, den Dingen auf den Grund zu gehen und gewohnt ist, wache Fragen zu stellen, der wird vielleicht erst einmal darum bitten, klären zu dürfen, was Gnade denn überhaupt sei. Thomas gibt in seinem Werk an vielen Stellen Antworten, aber genau das macht es schwierig, und es ist wie mit der Liebe, aus der die Gnade schließlich kommt: Wir können tausend kleine Antworten geben, die sicher alle irgendwie richtig sind, nie aber eine einzige, die alles meint.
Wo es möglich und nötig ist, schenkt Thomas immer eine kurze Definition, wie wir schon gesehen haben. Hier aber lässt er auch das, wahrscheinlich im Wissen, dass man die Gnade nicht schnell mal definieren kann. Dennoch gibt er unmissverständlich zu verstehen, dass wir hier sowohl an deren Fülle und Wurzel stehen. Die drei Einwände sprechen wie gewohnt von der Gnade, nämlich, als wüssten wir alle, was sie ist. Die Antwort aber beginnt sensationell: „Die Wirkung dieses Sakramentes gehört bedacht, und das in erster Linie und grundsätzlich von dem her, was es enthält, und zwar, dass es Christus ist.“
Der Gläubige hat gelernt, Christus ist Gottes- und Menschensohn zugleich. Er hat gelernt, dass Gott die Liebe ist, die durchhält und nicht kleiner werden kann. Er hat gehört, wie Christus im Abendmahl sagte, wie sehr es ihn danach gesehnt habe, diese Stunde mit seinen Jüngern zu begehen. Er hat gelernt, in diesem Sakrament wird ihm die Frucht des leidenden Christus mitgeteilt. Jetzt hört er noch das Größte, was er allerdings längst wissen sollte: Es kommt der ganze Christus auf geheimnisvolle Weise höchstpersönlich zu ihm.
Die Könige der Welt können ihre Launen haben. Sie sind heute gnädig und morgen verzichten sie drauf es zu sein. Hier ist es anders. Hier kommt der Herr persönlich, und zwar als der, der nie anders wird. Thomas nimmt sich Zeit, so fein es geht auszubreiten, was über die Gnade in der Eucharistie gesagt werden kann. Hier aber schlägt er erst einmal den Pfahl in die Erde, und wenn wir es richtig bedenken, hat die Gnade hier lange nicht nur die Süße vom Kirmesplatz. Sie ist auch das glühende Eisen, über das der Pfarrer belehrt wurde.

Quelle: Sth III,79Respondeo dicendum quod effectus huius sacramenti debet considerari, primo quidem et principaliter, ex eo quod in hoc sacramento continetur, quod est Christus.

Bild von hier.