Über das Ziel des Menschen, zwölfter Teil

Heute setze ich meine kleine Reihe zum Ziel des Mensche fort und poste den zwölften Teil einer Arbeit, die ich mal zu schreiben hatte. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil sie zum großen Teil in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Ob es ein letztes Ziel gibt
Nachdem im bisherigen Verlauf der Quæstio ein erstes Bild vom Menschen gezeichnet wurde, kommt nun mit der nächsten Frage erstmals das Ziel als solches und sein Charakter vor den Blick.
Der vierte Artikel untersucht, ob viele Ziele, die ein Mensch sich steckt, ins Unendliche fortschreiten können, oder ob man nicht dagegen einen Endpunkt annehmen muß, auf den hin alle ihre Ausrichtung haben.
Ähnlich wie in den Gottesbeweisen, wo aufgezeigt wird, daß die Gründe des Daseins nicht ins Unendliche gehen können, wird auch hier deutlich gemacht, daß menschliches Handeln ebenso Anfang und Ende haben muß, um überhaupt sinnvoll gedacht werden zu können.
Thomas argumentiert logisch: „In allen Dingen, welche  zueinander hingeordnet sind, muß man annehmen, wenn das erste entfernt wird, fallen auch die anderen weg, die auf das erste hin sind.“ Zum Verständnis dieses Sachverhaltes bemüht Thomas wieder das für ihn einsichtigste Beispiel vom ersten Beweger aus der aristotelischen Physik: Würde kein erster Grund aller Bewegungen existieren, könnten auch die späteren Bewegungen nicht stattfinden, da sie, wenn auch vermittelt, sich doch einer ersten verdanken.
Thomas konstatiert also zunächst einmal nicht das letzte, sondern das erste Notwendige der Bewegung, die Notwendigkeit, einen Anfang anzunehmen.
Ist nun vom Ziel einer Handlungsreihe die Rede, läßt sich eine zweifache Ordnung beobachten: eine der Absicht und eine der Ausführung. Bei beiden muß es ein erstes geben. Denn in der Absicht, also im sich Ausstrecken auf das, was überhaupt und letztlich erreicht werden soll, liegt das Prinzip des ganzen Strebens. Mit anderen Worten, eine Handlung überhaupt beginnen zu wollen, setzt eine klare und letzte Zielvorstellung voraus. Jede Handlungsreihe existiert in dieser Spannung. Wäre dieser intentionale Anfang nicht, käme das Strebevermögen nicht in Gang. So bildet die Intentio, das Erfassen eines gewollten Zieles und das willentliche Ausstrecken nach ihm, den ersten Beweggrund in dieser Reihe der Absicht.
Das nun, welches in der Reihe der Ausführung Prinzip ist, ist das, worauf die erste der Tätigkeiten sich richtet. Im Falle des Wegfalls dieses ersten käme ebenfalls keine Handlung in Gang.
Nun sagt Thomas etwas Entscheidendes: Prinzip der Intentio ist das letzte in der Reihe der Ziele und das Prinzip der Ausführung ist das erste. Das heißt, liegen mehrere Ziele vor, erstrebt der Tätige jeweils das nächstliegende Ziel an, wobei das letzte die eigentliche Motivation für alle bildet.
In beiden Ordnungen, sowohl in der der Intentio, als auch in der der Ausführungen ist also ein Regreß ins Unendliche nicht zu denken. Das Fehlen eines letzten Zieles würde bedeuten, die intentionale Spannung des Menschen würde nie ganz zur Ruhe kommen können, auch wenn verschiedene Ziele vorhanden wären und angestrebt würden. Fehlte andererseits in der Reihe der Ausführungen die Begrenzung des Strebens auf das erste Zwischenziel, dann könnte der Gang, auch in Richtung auf das letzte Ziel nicht beginnen.
Den Slogan „der Weg ist das Ziel“ hätte Thomas von Aquin sicherlich nicht ohne Erstaunen zur Kenntnis genommen.
Man muß jedoch annehmen, daß nicht jedem Menschen das letzte Ziel seines Lebens im Bewußtsein steht. Und doch hat die menschliche Befindlichkeit vom Schöpfungsakt her auf das Gute hin seine Ausrichtung. Daraus resultiert eine hinter jedem angestrebten Teilgut stehende Ausrichtung auf ein letztes und endgültiges Gut.

Einheit des letzten  Zieles
Bisher wurde klargestellt, daß der Mensch um eines letzten Zieles willen zur Handlung kommt.
Nun steht zur Frage, ob ein einziger Mensch mehrere letzte Ziele zugleich haben könne.
Vom ersten Einwand aus scheint das der Fall zu sein. Augustinus heranziehend wird die Tatsache ins Feld geführt, daß sich offensichtlich „einige Ziele des Menschen vierfach aufgliedern: nämlich in sinnliche und geistliche Freuden, in die Stillung des Bedürfnisses nach Ruhe, in der Versorgung primärer Grundbedürfnisse und schließlich in ein Leben gemäß der Tugenden. Das sind offensichtlich mehrere. Also kann ein einziger Mensch das letzte Ziel seines Willens in mehrere verlegen.“
Thomas antwortet kurz: Wenngleich manche mehrere Dinge als letzte Ziele vorlegen, tun sie dies unter der Voraussetzung, daß diese als Ganzes einen einzigen letzten und gewollten Zustand ausmachen. Mögen im Erreichen des letzten Zieles auch mehrere Wünsche zugleich zur Ruhe kommen, läßt sich doch sagen, es geschehe in einem einzigen Zustand der Verwirklichung.
Er begründet seine Vorstellung von der Einheit des letzten Zieles mit der Einheit der menschlichen Natur. Sie kann, eben weil sie eine ist, auch nur auf ein einziges seine Ausrichtung haben. Und das ist die höchst mögliche Vollkommenheit. Thomas schreibt: „Wie im Prozeß rationellen Vorgehens das naturhaft Erkannte prinzipieller Ausgangspunkt ist, so ist das Prinzip im Prozeß der rationellen Strebekraft, welcher der Wille ist, das, was naturhaft ersehnt wird. Dieses aber muß ein einziges sein, weil die Natur selbst stets auf ein einziges hinstrebt.“
Grundsätzlich tendiert jede Natur dahin, in größtmöglicher Fülle sie selbst zu werden. Und da der Mensch als Person unteilbar ist, so liegen alle Vorstellungen eines letzten Zieles in einem einzigen Zustand. Dem liegt das scholastische Axiom zugrunde, nach dem es heißt: ens et unum convertuntur.
Die Lehre des Thomas von Aquin hält unbedingt fest an dieser Einheit des Menschen. Der Mensch ist eine individuelle Substanz, auf welche die Begriffe der thomanischen Transzendentalienlehre zutreffen. Der Mensch ist einer, der zur Welt kommt und er stirbt als einer. Wenn wir ihn Seiend nennen oder Einen, so sind das zwei verschiedene Aussagen von ein- und derselben Natur.

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