Über das Ziel des Menschen, fünfzehnter Teil.

Weil ich wegen viel Arbeit derzeit nicht zum Schreiben komme, setze ich meine kleine Reihe zum Ziel des Menschen fort und poste den fünfzehnten Teil einer Arbeit, die ich mal zu schreiben hatte. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil die meisten in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Es klingt wieder durch, daß der Weise als derjenige, dem das beste Fassungsvermögen eignet, den Ton angibt. Er ist ja der, der die Dinge zu ordnen versteht. Bernhard von Clairvaux trifft das Gemeinte, wenn er sagt: „Du hast die Weisheit gefunden, wenn dir die einzelnen Dinge so im Geschmack liegen, wie sie sind.“ Diese durchaus pragmatische Aussage offenbart das hohe Ansehen der Weisheit zur damaligen Zeit.
Die Antwort des Thomas hebt sich hinweg über die empirisch alltäglichen Feststellungen. Er nimmt diese wohl zur Kenntnis, distanziert sich jedoch, sobald sie zum Kriterium der Wahrheitsfindung dienen sollen.
Im corpus articuli wird folgendermaßen argumentiert: Es gibt zweierlei Arten von Reichtümern. Da sind zum einen die sogenannten natürlichen (divitiæ naturales), mit deren Hilfe die Schwächen menschlicher Befindlichkeiten ausgeglichen werden. Thomas nennt: Speise und Trank, Kleidung, Fahrzeuge und anderes dieser Art.
Der Mensch wird also als Mangelwesen erkannt, das zum Überleben und zur Erleichterung seines Wandels gewisser Hilfsmittel bedarf. Durch diese Nennung wird das Phänomen Reichtum durchaus weit gefaßt, er beschränkt sich keineswegs auf Geldmittel. Spätestens hier zeigt sich, daß die Befragung dieser Gegenstände nicht um deren Herabsetzung oder gar einer Geringschätzung willen durchgeführt wird, sondern daß vielmehr auch schlichte Notwendigkeiten in Betracht kommen.
Die zweite Art wird künstlich genannt (divitiæ artificiales). Diese Reichtümer unterstützen nicht als solches die Natur, „sondern des Menschen Kunstfertigkeit ersann sie, um den Austausch von Gütern zu erleichtern; damit er gleichsam ein gewisses Maß für Verkaufsgegenstände darstelle.“
Aus diesem Bedenken kann kein Reichtum, gleich welcher Art, ein letztes Ziel sein, denn er wird stets um eines anderen willen gewollt, nämlich dem Menschen zu helfen. Daher können sie nicht selbst Ziel sein, vielmehr sind sie auf den Menschen hingeordnet, der ja dann mit ihnen sein Ziel verfolgt.
In einem zweiten Schritt heißt es, die artifiziellen Reichtümer werden um der natürlichen willen gewollt. Niemand will sie, es sei denn, um mit ihnen für das Leben nötige Dinge zu erwerben. Daher haben diese am wenigsten den Charakter eines letzten Zieles.
Es gibt also eine Art hierarchische Ordnung in dieser Aufzählung: Das eine ist jeweils um des anderen willen da: der künstliche Reichtum um des natürlichen willen und dieser zur Hilfe für den Menschen.
„Reichtum (allgemein) wird nur um eines anderen willen erstrebt. An sich bringt er nicht Gutes, sondern nur, wenn wir ihn verwenden zur Erhaltung des Körpers oder zu etwas anderem dieser Art. Das höchste Gut aber wird um seiner selbst willen erstrebt und nicht um eines anderen willen. Also ist der Reichtum nicht das höchste Gut des Menschen.“
Was bisher zur Sprache kam, etwa, daß kein Reichtum um seiner selbst willen erstrebt wird, schildert sozusagen den Normalfall. Der aufmerksame Blick ins Leben zeigt aber noch eine andere Seite, die im dritten Einwand Erwähnung findet: nämlich die unersättliche Suche des geizigen Menschen nach Reichtümern.
Die Argumentation des Einwandes lautet folgendermaßen:
„Die Sehnsucht nach dem letzten Glück scheint, da dieses nie weniger wird, ohne Ende zu sein.  Und das trifft im höchsten Maß auf den Reichtum zu, da ja der Geizige nie genug bekommen kann vom Geld, wie es im Buch des Predigers heißt. Also besteht das höchste Gut im Reichtum.“
Thomas antwortet in gewohnter Klarheit: Zunächst einmal heißt es, das Begehren nach natürlichen Reichtümern kann nicht ohne Grenzen sein, da es bestimmten Vorgaben folgt, die sich aus der Natur ergeben. Wer beispielsweise gesättigt ist, hat kein Bedürfnis mehr, Speise zu sich zu nehmen. Unersättliches Streben nach Reichtum kann sich also lediglich auf artifizielle Güter beziehen. Ein unendliches Sehnen nach letztem Glück ist aber von anderer Art. Beim Sehnen nach letztem Glück nämlich wächst die Liebe zu diesem, je vollkommener man es besitzt. Und da es das höchst Erstrebenswerte ist, wird dem, der es hat, alles andere weniger wichtig. Genau umgekehrt verhält es sich mit dem ungeordneten und grenzenlosen Begehren nach Reichtum: Das, was der Geizige bereits besitzt, wird ihm in seiner Gier unwichtig, da er stets nach mehr und somit nach anderem Ausschau hält. Das bedeutet, der nach Reichtümern Unersättliche streckt sich stets nach dem aus, was er nicht hat, wobei der Blick seiner Liebe nicht mehr gerichtet ist auf das schon Vorhandene. Das unersättliche Begehren dieser Art ist sozusagen ständig suchend nach außen gerichtet, ohne sich recht an dem freuen zu können, was bereits vorhanden ist.
In ähnlicher Weise wurde dieser Unterschied schon einmal kurz bedacht, als die Schau des Wahren mit dem Spiel verglichen wurde. Es hieß, das Spiel und die contemplatio veritatis genügen sich selbst, haben bereits in sich, wessen sie bedürfen, fördern Ruhe und Erholung. Des weiteren gibt es in ihnen keine Angst unerfüllter Erwartung. Anders der Geizige. Sein Sehnen ist alles andere als ruhig und erholsam, vielmehr bedauernswert getrieben zu einem stets äußeren, nicht vorhandenen Gut. Thomas schreibt: Dieser Sachverhalt „zeigt die Unvollkommenheit zeitlicher Güter und daß in ihnen das letzte Glück nicht besteht.“
Der These von der Unendlichkeit des Sehnens nach letztem Glück widerspricht der Heilige übrigens nicht, wenngleich zuvor gesagt wurde, ein Gang ins Unendliche sei nicht zu denken. Was Thomas hier meint, ist kein ewig suchendes Verlangen, sondern ewiges Haben, genauer gesagt, ewiges Liebhaben. Das Lieben nun gehört als Vermögen der Seele in den Bereich des Wollens. Liebend will der Mensch sein letztes Glück immerzu, auch wenn er es schon und in Ewigkeit besitzt. Es ist also ein dauerndes und zugleich erfülltes Sehnen, wie es einem Liebenden zukommt, der hat, was er liebt und nicht aufhört, nach ihm zu verlangen.
Den Abschluß mag die Antwort auf den zweiten Einwand in der theologischen Summe bilden. Sie entspricht ganz der Auffassung des Heiligen, die bereits ausgiebig geschildert wurde und zeigt seine Wertschätzung gegenüber geistlichem Gut: „Zum zweiten Einwand ist zu sagen, daß man mit Geld alle käuflichen Güter erwerben kann, nicht aber die spirituellen, denn diese lassen sich nicht kaufen. Daher sagt das Buch der Sprüche: ‚Was nützt es dem Toren, wenn er Reichtümer besitzt, da er doch Weisheit nicht kaufen kann?'“

Hier lang gehts zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten, vierzehnten Teil.

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