Über das Ziel des Menschen, vierter Teil

Weil ich heute nicht zum Schreiben komme, setze ich meine kleine Reihe fort und poste den vierten Teil einer alten Arbeit, die mir mal aufgegeben war. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil sie zum großen Teil in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Parallel zum weisen Menschen, dem das Ordnen zukommt, weil er die Dinge überschaut und in ihren Zusammenhängen  zu sehen vermag, bekommt die Metaphysik das Prädikat, diejenige zu sein, welche unter den Wissenschaften um diese Zusammenhänge weiß. Sie ist die weiseste, die sapientia rectrix, die Führende.
Thomas nennt drei Gründe für die besondere Stellung der Metaphysik:
Der erste geht von der Tiefe der Erkenntnis aus. Hier gibt es verschiedene Stufen. Ein Astronom etwa vermag eine Sonnenfinsternis tiefer zu erkennen als ein Laie auf diesem Gebiet. Denn der Fachmann weiß um die Ursachen des Phänomens. Es kann ein und dieselbe Sache also mehr oder weniger tief erkannt werden. Vernünftiges Erkennen aber ist grundsätzlich Erkennen von Gründen und Ursachen. Am meisten vernünftig ist also jene Wissenschaft, die auf die letzten Gründe vorzustoßen vermag und nach den ersten Ursachen forscht. Das ist die Metaphysik.
Der zweite Grund unterscheidet das Erkennen von Einzeldingen und vom Allgemeinen. Diese Unterscheidung trifft zu auf sinnliches Erkennen als solches und dem Erkennen abstrahierender Vernunft. Unsere Sinne begreifen stets das konkrete Einzelding. Die Sinne für sich genommen abstrahieren nicht. Dagegen richtet sich der Intellekt durchaus auf Allgemeines. Wenn sich also die Vernunft auf Allgemeines zu beziehen vermag, so ist die am meisten vernünftige Wissenschaft die, welche das Allgemeinste betrachtet. Es ist nun allen Dingen gemeinsam, daß sie am Sein partizipieren. Und gerade dieses ist Gegenstand der Metaphysik. Daher steht sie allen Wissenschaften sozusagen gegenüber, insofern sie das ens commune und wiederum dessen Grund vor Augen hat.
Das dritte Argument fußt auf der Annahme, daß der Intellekt von geistiger Art ist. Sein Wesen besteht gerade darin, daß er, wie oben deutlich wurde, vom Materiellen abstrahieren kann.
Im intellektuellen Erkennen liegt die oberste Spitze menschlicher Tätigkeit, welche im Erkennen übermaterieller Gegenstände besteht. Es ist also das höchst Verstehbare das, was nicht an Materie gebunden ist. Und das sind die getrennten Substanzen (Engel genannt) und Gott. Die höchste Wissenschaft also muß diejenige sein, welcher es um diese Dinge zu tun ist. Das ist die Metaphysik.
„Unter allen (derart) hingeordneten Wissenschaften und Künsten aber scheint  das letzte Ziel in jener (Wissenschaft) zu liegen, die für die anderen Maß und Regel gibt: So gibt die Steuermannskunst, in der das Ziel des Schiffes, nämlich sein Gebrauch, liegt, Maß und Regel im Hinblick auf die Schiffbaukunst. In dieser Weise aber verhält sich die erste Philosophie [die Metaphysik] zu den anderen theoretischen Wissenschaften, denn von ihr hängen alle anderen ab….“

Die Metaphysik ist also eine spekulative, d.h. theoretisch-reflektierende Wissenschaft, der eine Führungsrolle zukommt.  Was damit genauer gemeint ist, wird erst bei einem Blick auf den ihr eigenen Gegenstand deutlich. Innerhalb der Philosophie ist sie nämlich diejenige Disziplin, welche den letztmöglichen Blick auf die Dinge wirft. In der Metaphysik geht es in der Tat an das zuletzt Fragbare, um die tiefsten Gründe des Wahren.
Damit hat sie einen alle Wissenschaften übergreifenden, ganz allgemeinen Gegenstand. Im Buch über die Metaphysik kennzeichnet Aristoteles diesen Sachverhalt folgendermaßen:
„Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende, insofern es seiend ist, betrachtet und das, was ihm an sich zukommt. Diese ist aber mit keiner der sogenannten Einzelwissenschaften identisch; denn keine der anderen Wissenschaften betrachtet allgemein das Seiende, insofern es seiend ist, sondern, indem sie sich einen Teil vom Seienden herausschneiden, betrachten sie diesen hinsichtlich seines Akzidens, wie das etwa die mathematischen Wissenschaften tun: Da wir aber die Prinzipien und die höchsten Ursachen suchen, so ist es klar, daß diese Ursachen einer an sich existierenden Natur sein müssen.“
Es geht um „Seiendes, insofern es seiend ist“. Näher besehen offenbart dieser geheimnisvolle Gegenstand, daß er nicht auf gleiche Weise befragt werden kann, wie es die Partikularwissenschaften mit ihren Gegenständen tun. Denn das Sein haben schließlich alle Dinge gemeinsam, eben insofern sie sind. Aristoteles erwähnt oben, am Beispiel der Mathematik, andere Wissenschaften behandelten die Dinge im Hinblick auf akzidentelle Aussagemöglichkeiten. Das Akzidens nun ist ein Begriff seiner zehnpunktigen Kategorientafel, deren erster Begriff die ousia bezeichnet. Gerade sie steht den folgenden neun Bestimmungsmöglichkeiten in der Weise gegenüber, daß diese auf jene hin ausgesagt werden.
Die metaphysische Frage erhebt sich allerdings stets am konkret gegebenen Gegenstand. Dieser verweist den schauenden und vom Wunsch nach Wissen getragenen Betrachter zunächst auf die Tatsache des Seins. Aristoteles weiß nun, daß die Suche nach den letzten Gründen dieses Seins in den Bereich des Göttlichen führt. Ihm bleibt die Frage aporetisch. Thomas kann bezüglich einer Lösung zuversichtlicher sein, obwohl auch er festhält an der Aussage, daß der kreatürliche Verstand seiner natürlichen Anlage nach das von der Materie Getrennte in seinem Wesen nicht schauen kann. Wie seine Lösung ausfällt, davon soll im Weiteren die Rede sein.

Hier lang gehts zum ersten Teil,
hier lang zum zweiten,
hier zum dritten.

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