Über das Ziel des Menschen, elfter Teil

Heute setze ich meine kleine Reihe zum Ziel des Mensche fort und poste den elften Teil einer Arbeit, die mir mal aufgegeben worden ist. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil sie zum großen Teil in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Es ist dem Aquinaten, wie bereits gesagt wurde, eigentümlich, das Ganze ins Auge zu fassen. Wenn also vom Menschen die Rede ist, so gilt es erst einmal, mit einem gewagten Ausblick die Weite des Horizontes abzuschreiten, vor dem sich das zu Betrachtende abzeichnet. Und so beginnt die anthropologische Abhandlung mit dem eigentlichen Ursprung, der Ebenbildlichkeit und dann mit dem letzten Ziel des Menschen. Hier liegen zwei Dinge unmittelbar beieinander: Zum einen eine Aussage im Vorwort zur prima secundæ, nach welcher zunächst von Gott die Rede sein mußte, um nun den Blick auf den Menschen richten zu können.109 Zum zweiten ist dann gleich die Rede vom Ziel des Menschen als solchem. Dieses Nahe-beieinander-liegen hat seinen Grund in der Tatsache, daß für Thomas Herkunft und Ziel ineins fallen.
Vom Ziel einer jeden Sache, vom Um-willen seines Existierens her läßt sich dieses erst in rechter Weise verstehen, denn „in allen Dingen stellen wir fest, daß, wenn jemand etwas von seinem Ursprung her anschaut, er die Wahrheit auf vollkommenere Weise betrachten kann.“
Thomas beginnt also seine Lehre vom Menschen weder mit moralischen Erwägungen, noch mit einer Lehre von Sünde und Erlösung, sondern zunächst mit dem Ursprünglichen, dem Herkommen. In diesem Sinne läßt sich dieser Ansatz durchaus als sozusagen vormoralische Untersuchung ansehen.
In der theologischen Summe hebt die Anthropologie an mit der Quæstio de ultimo fine hominis, deren erster Artikel sich der Frage stellt, ob es dem Menschen überhaupt zukomme, zielhaft zu handeln.

Hier skizziert der heilige Thomas wieder eine grundlegende Unterscheidung. In seiner Vorliebe, gleich Klarheit zu schaffen, kommt als erstes die Handlung als solche zur Sprache. Es gibt da zwei Arten von Handlungen, die ein Mensch vollbringen kann. Und von beiden kommt es nur einer zu, den Menschen wirklich als den einen Menschen zu zeigen. Diese Art der Handlung wird actus humanus genannt. Auf der Annahme fußend, ein jedes Ding sei lediglich im Akt erkennbar, bietet sich auch der Mensch als der, der er ist, erst und eigentlich im Vollzug jener Akte, die ihn als ihn zeigen. Dazu gehört wesentlich der actus humanus.  Er nun ist stets geleitet von einem klaren Willen der einen Person, die da handelt.
Die andere Art der Tätigkeiten des Menschen ist der actus hominis. Dieser steht nicht unter der Führung von Vernunft und Willen. Man kann sagen, den actus hominis tut jeder. Er hat nicht das Unverwechselbare einer frei gewollten Vernunfthandlung. Thomas nennt als Beispiele das Kraulen des Bartes und das unbewußte Bewegen von Händen und Füßen im Hinblick auf andere Ziele. Der Mensch „unterscheidet sich nun von den Kreaturen ohne Vernunftbegabung dadurch, daß er der Herr über seine Werke ist.“
Thomas hebt am Menschen zuerst einmal das wesentlich Unterscheidende hervor, um dann eine Skizze seiner Befindlichkeit umreißen zu können. Er läßt die naturgegebene Teleologie hinter sich und richtet seinen Blick auf das Reich der Vernunft. Auf dieser Basis ist dann die Antwort zur eingangs gestellte Frage nach dem eigentümlichen Ziel des Menschen möglich. Überall dort, wo der Mensch sich zeigt als der, der er ist, vernünftig und klar gewollt handelt, überall dort kann sich nun der Blick auf seine Ziele richten. Das zielhafte Handeln ist also kein Nebenbei, sondern dem Menschen zuinnerst wesentlich und konstitutiv, auch für seine Erkennbarkeit.

Die erste Kontur des Menschlichen ist gezeichnet.
Ein auf klarer Erkenntnis fußender Wille, die Selbstverfügung und die Herrschaft über die eigenen Werke offenbaren und sichern seine Freiheit. „Jene also, welche über die Gabe der Vernunft verfügen, bewegen sich selbst zum Ziele. Denn ihnen eignet die Herrschaft über ihr Handeln durch ihren freien Willen“, denn „wo immer geistige Erkenntnis ist, da ist auch freier Wille.“

Actus humanus und Moral
Im dritten Artikel der Quaestion über das letzte Ziel verschärft sich das Profil des Menschlichen. Es geht um die Frage, ob das Ziel einer Handlung dieser ihre Gestalt gibt. Das corpus articuli endet mit der Behauptung, „Menschliches Handeln und moralisches Handeln sind identisch.“ Damit ist zum ersten Mal ausgesprochen, daß der Mensch ein moralisches Wesen ist, d.h. er ist frei, hat Ursächlichkeit und steht in Verantwortung. Zum Verständnis der für diese Arbeit relevanten Aussage werden der erste Einwand des Artikels und dessen Antwort ins Auge gefaßt.
Es heißt dort im Einwand, das Ziel sei äußeres Prinzip des Handelns, weil dieses ja nach Vollendung des Tuns erreicht wird. Ein jedes Ding aber empfange seine Gestalt von einem inneren Prinzipgrund. Also erhalte das menschliche Handeln seine Gestalt nicht vom Ziele her, da das Ziel erst durch das entsprechende Tun erreicht werden kann.
Thomas antwortet, das Ziel sei einer Tat eben nicht ganz und gar äußerlich. Es verhalte sich zum Akt der Tat wie ein inneres Prinzip und bilde dessen Begrenzung. Das bedeutet, ein ins Auge gefaßtes Ziel menschlichen Handelns ist für das Tun von innerlich formgebender Natur. Das äußere Erscheinungsbild einer Tat oder deren Ergebnis allein sind nicht hinreichend, die Natur und Gestalt einer menschlichen Handlung ihrem Wesen nach zu erfassen.
Moralisch sein heißt, als Konsequenz dieses Gedankens, eine Vision haben. Denn die moralische Qualität einer Handlung hat ja ihren Grund im Ausblick auf ein Ziel. Hier kommt zur Sprache, daß motivlose Moralität dem Menschen nicht zukommt.

Hier lang gehts zum ersten Teil,
hier lang zum zweiten,
hier zum dritten,
hier zum vierten,
hier zum fünften,
hier zum sechsten,
hier zum siebten,
hier zum achten,
hier zum neunten,
hier zum zehnten.

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