Über das Ziel des Menschen

In Kürze werden wir in unserer Pfarrgemeinde eine Vortrags- und Diskussionsreihe starten, in der es, soweit ich der Referent sein werde, um das Menschenbild des heiligen Thomas gehen wird. Für Interessenten und zur Vorbereitung hier schon mal eine Arbeit in Auszügen, die ich vor einigen Jahren mal zu schreiben hatte. Sie heißt „remanebit inane“. Der Titel erklärt sich in der Arbeit selbst. Viel Freude.

Einleitung

Der heilige Thomas von Aquin bekleidet sowohl als Person, als auch mit seiner Lehre in der katholischen Tradition einen besonderen Rang. Er trägt den Titel eines allgemeinen Lehrers (doctor communis). 1879 gibt Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Aeterni Patris seinem Wunsch Ausdruck, es möge den Theologen angelegen sein, die „goldene Weisheit des heiligen Thomas wiederherzustellen und möglichst weit zu verbreiten.“
Pius XI. verfaßt 1923, zum Jubeljahr der Heiligsprechung des Aquinaten, eine Enzyklika mit Namen studiorum ducem, in der zu lesen steht, es sei wünschenswert, wenn alle Dozenten höherer Fächer dahin gelangten, „den Lehrer von Aquin durch lange und vielfache Beschäftigung mit seinen Schriften liebzugewinnen….“
Ganz in diesem Sinne ordnet der 1983 neu verfaßte Kodex des Kirchenrechts an, die Auszubildenden für das priesterliche Amt mögen „vor allem unter Anleitung des hl. Thomas als Lehrer“ die Heilsgeheimnisse tiefer zu durchdringen suchen.
Wenn ein einzelner Mensch eine solche Würdigung erfährt, mag das bereits reges Interesse wecken. Aber noch ein weiterer Grund kann einen Studierenden veranlassen, sich eindringlicher mit dem Werk des Thomas von Aquin zu beschäftigen: Nämlich die Tatsache, daß der so gewürdigte „Riese im Reich der Gedanken“ fast gänzlich von den Kathedern der Hochschulen verschwunden ist. Der Ausspruch Karl Rahners, um den heiligen Thomas sei es „unheimlich still“ geworden, trifft sicher immer noch die Situation. Es mag also dieser zweifache Befund einen besonderen Reiz darstellen, dem Denken dieses Meisters nachzugehen. Doch man merkt bald: Die ernsthafte Begegnung mit dem Werk des allgemeinen Lehrers fordert den berühmten „entschlossenen Leser, sich nach und nach in ein System hineinzudenken“.
Eine Arbeit zur Seinsauffassung des Aquinaten bedarf also eines gediegenen und langwierigen Studiums, bevor man behaupten kann, den Geist dieses umfangreichen Werkes wirklich zu treffen. Diese Arbeit möchte und kann einen solchen Anspruch nicht erheben.
Wenn das vorliegende Thema dennoch in Angriff genommen wurde, mag das an diesem besonderen Reiz liegen, der von Thomas ausgeht. Wer sich in das Werk dieses Kirchenlehrers ein wenig vertieft, dem geht auf, daß die Verbindlichkeit, mit der Thomas den Theologen empfohlen wird, nicht allein auf der zeitlosen Gültigkeit vieler seiner Hauptaussagen ruht, sondern ebenso ihren Grund hat in seiner Weise, wie er Dingen begegnet. Hinter seinem distanziert-vornehmen Stil schimmert große Zuneigung, und an nichts scheint ihm mehr zu liegen, als an der Klarheit des Denkens. Das macht es sehr reizvoll, „seine Sprache in Gebrauch zu nehmen, weil sie wie kaum eine andere nichts von der immensen denkerischen Arbeit erkennen läßt, der sie entstammt.“

Die vorliegende Arbeit umfaßt sechs Hauptkapitel, in deren Verlauf  anhand einiger Gedanken des heiligen Thomas ein Bild vom Menschen, von seinem Stand in der Welt und seinem Ziel nachgezeichnet werden soll.
Das erste Kapitel versucht, eine kurze Skizze des Heiligen in seiner Funktion als Lehrer zu entwerfen. Dabei sollen kurz einige Voraussetzungen für seine Anthropologie zur Sprache kommen. Dazu gehört sein Denken von der Stellung der Metaphysik ebenso wie seine Lehre von der endlichen Erkenntnis in der Welt.
Im zweiten Kapitel richtet sich der Blick dann auf die Schöpfung. Denn das gesamte Unternehmen philosophischer Gotteserkenntnis und Menschenlehre ruht beim heiligen Thomas wesentlich auf der Annahme der Geschöpflichkeit. Es ist zudem eine Grundauffassung des Aquinaten, daß alles Existieren aus dem Schöpfungsakt zugleich zielhaftes Dasein bedeutet. Deshalb soll ebenso die Lehre von der teleologischen Seinsverfassung der Welt zur Sprache kommen.
Das dritte Kapitel wendet sich dem Menschen zu. Und das unter dem Aspekt seiner grundsätzlichen Befindlichkeit, die seine Intellektbegabung mit sich bringt. Was im Zusam-menhang der gesamten Schöpfungstatsache Berücksichtigung fand, bekommt im Falle des Menschen also eine besondere Bedeutung.
Das vierte Kapitel geht dann, nachdem zuvor die erste Quaestion der prima secundæ Gegenstand war, der zweiten nach. Hier nähert sich Thomas der Bestimmung des einzig möglichen Zieles menschlichen Daseins. Dabei betrachtet er zunächst allerlei im täglichen Leben beobachtbare Phänomene, bevor er mit zwingender Logik das letzte Ziel vor den Blick bekommt.
Im folgenden fünften Kapitel wird vom Ergebnis des bisherigen Befundes, nämlich von Gott selbst, die Rede sein. Es enthält eine kurze Untersuchung von der Unbegreiflichkeit Gottes und betrachtet die Auffassung des Heiligen, wie denn der Mensch über seinen Schöpfer reden kann.
Nachdem hier bereits das eigentliche Ziel des Menschen gefunden wurde, steht der letzte Abschnitt im Bemühen, einige Aspekte des irdischen Daseins zu betrachten, die als Voraussetzung angesehen werden können, dieses letzte Ziel zu erreichen.

Fortsetzung folgt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s