Über das Ziel des Menschen, vierzehnter Teil.

Weil ich immer noch einen erkälteten Schädel habe, setze ich meine kleine Reihe zum Ziel des Menschen fort und poste den vierzehnten Teil einer Arbeit, die ich mal zu schreiben hatte. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil die meisten in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Der letzte Artikel dieser ersten Quaestion geht der Frage nach, ob denn nicht auch andere Kreaturen in diesem letzten Ziel übereinkommen. Diese Frage fand bereits Beachtung, als dem Menschen kraft intellektueller Begabung seine Sonderstellung zugesprochen wurde. Das wird hier noch einmal präzisiert und angereichert.
Des weiteren dient der Abschluß des Corpus articuli als Überleitung zur nächsten Quaestio. Es heißt dort: Es kann nicht sein, daß alle Kreaturen das gleiche Ziel haben. „Denn der Mensch und die anderen vernunftbegabten Geschöpfe erreichen ihr letztes Ziel im Erkennen und Liebhaben Gottes. Das kann auf die anderen Geschöpfe nicht zutreffen, da sie ihr höchstes Ziel (lediglich) dadurch erreichen, daß sie Gottes Größe und Schönheit in gewisser Ebenbildlichkeit darstellen, eben dadurch daß sie leben, ja sogar zu einer Erkenntnis gelangen.“ Thomas greift ein wenig vor und stellt in den Raum, worum es im weiteren Verlauf gehen wird: den Menschen erwartet die Aussicht, Gott zu erkennen und ihn in dieser Erkenntnis zu lieben.

Das Ziel
Es geht also ausdrücklich um das Ziel. Die zweite Quaestion mit dem Titel „über dasjenige, worin des Menschen Glück besteht“ betrachtet dieses seinem Gegenstand nach. Die Überschrift sagt bereits, daß hier keine neutrale Sache in Aussicht steht, sondern des Menschen Glückseligkeit. Es ist beachtenswert, daß die Anthropologie des Thomas von Aquin von Anfang an und ausdrücklich das Glück des Menschen im Auge hat.
Zur Bestimmung des letzten Zieles geht er zunächst einen umgekehrten Weg. Erst einmal wird ausgeschlossen, worin die Glückseligkeit nicht bestehen kann. Diese Vorgehensweise orientiert sich am Leben, d.h. es werden alltäglich beobachtbare Phänomene der Prüfung unterzogen.

Beide Summen des Aquinaten enthalten Untersuchungen dieser Art und behandeln das Thema recht ausgiebig. Sie unterscheiden sich jedoch in der Reihenfolge: Die früher verfaßte Summe wider die Heiden beginnt im 28. Kapitel ihres dritten Buches mit der These, die Glückseligkeit könne nicht in der Befriedung körperlicher Triebe bestehen. Dieses Thema findet sich in der theologischen Summe ebenfalls, allerdings am Ende der Erörterung. Die Summa theologiæ untersucht zuerst die Annahme des Reichtums als letztes mögliches Ziel. Es folgen Fragen bezüglich weltlicher, sowohl verdienter, als auch nur scheinbarer Ehrungen. Dann schließt sich eine Frage nach dem Phänomen der Macht an. Darauf erst folgt das körperliche Gut und die Befriedung körperlicher Triebe.
Die Summa theoligiæ, an deren Verlauf sich diese Arbeit orientiert, hat im ersten Teil der entsprechenden Quaestion folgende Reihenfolge: Auf die Betrachtung des Reichtums folgt die Frage nach Ehre, einem guten Ruf, sodann nach Macht und körperlichen Gütern.
Dabei zeigt der Heilige in scharfsinniger Beobachtung einige Dinge auf, für die gemeinhin viel Mühe verwendet wird. Seine Ausführungen machen deutlich, daß er auch hier diesen Dingen keineswegs ablehnend gegenübersteht. Im Gegenteil: Thomas ist alles andere als ein Kostverächter bezüglich „weltlicher“ Vergnügen. Allerdings hat die Vernunft Herr im Hause zu sein. In seinem Buch über die Tugenden schreibt er: Es bedeutet das Gut des Menschen, wenn die Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit vollendet wird. Von dieser Erkenntnis aus kommt der vernünftigen Entscheidung die Leitung über die ihr untergeordneten Kräfte des Begehrens zu. Denn daß der Mensch vernunftbegabt ist, das macht erst sein Menschsein aus. Es kann also nicht darum zu tun sein, alle im Folgenden aufgezählten Dinge zu verwerfen, weil sie nicht das letzte Glück ausmachen. Lustvolle Freude ist durchaus ein Gut und als solches auch ein Ziel. Allerdings, und das mag ein Ansinnen des Lehrers sein, soll allen Dingen die ihnen gemäße Einschätzung entgegengebracht werden.

Reichtum
Thomas stellt sich zuerst der Frage, ob denn im Reichtum ein letztes Glück gefunden werden könne. Sein erster Einwand argumentiert aus der täglichen Beobachtung: „Es scheint, das Glück des Menschen bestehe im Reichtum. Wenn nämlich des Menschen letztes Ziel im Glück zu suchen ist, dann offensichtlich in dem, was das Gemüt des Menschen am meisten beherrscht. Von dieser Art aber ist der Reichtum, sagt doch der Prediger: Alles gehorcht dem Gelde. Also besteht im Reichtum das Glück des Menschen.“ Die Antwort offenbart überraschende Geradlinigkeit: „Das körperliche Gut gehorcht sehr wohl dem Geld, zumindest, was die Menge der Einfältigen angeht. Und das sofern diese lediglich um die körperlichen Güter Bescheid wissen, die durch Geld erworben werden können. Man sollte jedoch das Urteil über das Gut des Menschen nicht von den Törichten annehmen, sondern eher von den Weisen: Ebenso gilt in Fragen des Geschmacks ja auch das Urteil jener, deren Geschmackssinn fein ausgestattet ist.“ Man sieht am schon bekannten Beispiel des Geschmackssinns, daß die Torheit vieler Menschen, die stulti genannt werden, im Mangel an Wirklichkeitserfassung besteht. Als Entscheidungs-kriterium gilt jedoch nicht der Blick auf die Masse, sondern lediglich der Maßstab der Weisheit.

Hier lang gehts zum ersten,  zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten Teil.

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