Über das Ziel des Menschen – sechster Teil

Weil ich heute nicht zum Schreiben komme, setze ich meine kleine Reihe fort und poste den fünften Teil einer alten Arbeit, die mir mal aufgegeben war. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil sie zum großen Teil in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Die erkannten Dinge sind nun gewissermaßen zweimal erkannt. Denn von der Seite Gottes existieren sie auch als Erkannte und eben nur, weil sie erkannt sind. Thomas nennt sie gemessen im göttlichen Verstand, wie Kunstwerke im Verstand eines Künstlers (sicut omnia artificiata in intellectu artificis). Somit wird ein Ding der Natur, das zwischen diesen beiden Verstandesvermögen steht, gemäß der Angleichung an jedes der beiden ‚wahr‘ genannt.“51 Erkennen ist in diesem Sinne Nachdenken dessen, was Gott bereits denkt.
Und hier eröffnet sich Wesentliches: Die Dinge sagen etwas, sie sind Träger von Bedeutung. Alles Sein ist lichtvolle Wirklichkeit und Träger von Wahrheit, von sich Kunde gebendes Existieren, das sich im Prozeß des Daseins veranschaulicht und als solches auch beschrieben werden kann. Die Dinge erzählen von sich durch die Weise ihres Existierens. Sie sind keinesfalls statisch und stumm, vielmehr müssen sie sich mitteilen, um überhaupt als Gut erkannt werden zu können. Gemäß der Ontologie des heiligen Thomas heißt Substanzialität, also eigenständiges Sein, dynamisches, redendes, sich vollziehendes Tätigsein.

Hier findet sich ein Denken von der Schöpfung und von der Stellung des erkennenden Geistes in ihr, welchem jeder Gedanke von Fremdheit der Welt fernsteht. Durch die Fähigkeit, Gedanken Gottes nachdenken und auf diese Weise unverbrüchliche Wahrheit wahrnehmen zu können, wird die Welt dem Menschen im besten Sinn des Wortes sein Zuhause.
Diese Sehweise bleibt durch die Geistesgeschichte keineswegs selbstverständlich. Spinoza etwa wird sagen, die Dinge seien „stumm“ und in der Romantik findet sich die Rede vom Schweigen der Natur „als Zeichen ihrer fast unheimlich gewordenen Fremdheit“.
Thomas dagegen lebt in einer durchlichteten Welt. Seine gesamte Lehre ist geprägt von dieser hoffnungsvollen Sicht und von Freude am Erkennen alles Wahren.

Über das Erkennen
Diese Auffassung vom Stand des Intellektes in der Welt schlägt also eine Brücke vom Denken zum Sein, vom Subjekt zum Objekt. Der geistigen Vorstellung entspricht eine Wirklichkeit außerhalb des Gedachtseins und umgekehrt. Das bedeutet, die Denkkraft des Menschen erfaßt objektive Wirklichkeit, die über den Kreis seiner Subjektivität hinausgeht. Thomas richtet sich vehement gegen jede Isolierung des Wahrnehmens gegenüber der geschauten Dinge, etwa wenn er schreibt: „Manche haben die Ansicht vertreten, daß unsere Erkenntniskräfte nur ihre eigenen Modifikationen erkennen, daß zum Beispiel die Sinne nichts weiter als ihre eigene Alteration, den Reiz ihres Organs wahrnehmen. Demgemäß erkenne auch der Intellekt nur seine eigene subjektive Modifikation, nämlich das in ihn aufgenommene Erkenntnisbild. Folglich ist Objekt und Inhalt der geistigen Erkenntnis dieses Erkenntnisbild [also eine subjektive Bestimmtheit des Intellekts].“
Was hier abgelehnt wird, ist eine bisweilen vertretene Auffassung, der Verstand begreife lediglich Phänomene seiner eigenen Innerlichkeit, die in der äußeren, greifbaren Wirklichkeit nicht zwingend eine Entsprechung haben müßten.
Thomas antwortet mit zwei Argumenten:
Er sagt erstens, „das, was wir mit unserem Intellekt erkennen, ist dasselbe wie das, was die Wissenschaften behandeln.“ Würden wir einzig Erkenntnisbilder erkennen, die in der Seele sind, so müßten die Wissenschaften jeder realen Grundlage entbehren.
Zum zweiten würde aus jener subjektivistisch reduzierten Erkenntnis folgen, daß zwei sich widersprechende Meinungen einer Sache zugleich wahr wären. Es würde folglich jedes  Urteil Anspruch auf Wahrheit erheben können. Das müßte bedeuten, „jedes Urteil würde wahr sein.“ Der Mensch wäre isoliert in seinem eigenen Urteil und könne in seiner Rede lediglich auf das Bezug nehmen, was nur er empfindet. Diese unannehmbaren Konsequenzen zwingen den Heiligen, an der Objektivität unseres Erkennens und Denkens festzuhalten.

Ding- und Selbsterkenntnis
Beim etwas vertieften Blick auf die menschliche Erkenntnis ist zunächst festzuhalten, daß denkendes Erkennen zweierlei bedeutet: einerseits unmittelbares Bei-dem-Erkannten-Gegenstand-Sein des erkennenden Verstandes und andererseits vom Gegenstand abstrahierendes Bei-sich-selbst-Sein des Intellekts. Diese beiden Komponenten bedingen einander.
Zunächst wurde gesagt, sind es die Dinge, die Kunde von sich geben. Es gehört zum Selbstvollzug eines jeden Seienden, sich durch seine species sensibilis (gemeint ist das Phänomen, das die Dinge von sich geben) sozusagen vorzustellen. Durch seine sinnliche Erfassungskraft nun berührt der Mensch diese Wirklichkeit der Dinge und erfaßt sie in sich durch eine Art Gedankenbild. Dieses wird species intelligibilis genannt.
In einem zweiten Schritt zeichnet sich der Intellekt dadurch aus, daß er sich selbst diesem sinnlich Erfaßten gegenüber gestellt zu sehen vermag, daß er die Dinge in Frage stellen und beurteilen kann. So kann er sich überhaupt erst als Subjekt begreifen und damit wissend bei sich selbst sein.

Hier lang gehts zum ersten Teil,
hier lang zum zweiten,
hier zum dritten,
hier zum vierten,
hier zum fünften.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s