Über das Ziel des Menschen, achter Teil.

Weil wieder viel zu viel zu tun ist, komme ich nicht zum Schreiben und kaum zum Bloggen. Deshalb setze ich meine kleine Reihe fort und poste den achten Teil einer Arbeit, die mir mal aufgegeben worden ist. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil sie zum großen Teil in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Teleologie
Zum Sein also sind alle Dinge gemacht. Darüber hinaus hat, wie bereits angedeutet wurde, ein jedes Geschöpf selbst sein eigenes Um-Willen.
Die von Thomas geschilderte teleologische Weltsicht steht in der Form der bereits angesprochenen Ordnung des Schemas vom Aus- und Rückgang, verbunden mit dem  biblischen Schöpfungsgedanken. Alle Dinge sind mit spielerischer Leichtigkeit, d. h. in Erkenntnis, aus Gottes freiem Willen geschaffen, in ihm gehalten und auf ihn hin existierend. Er schafft und hält die Dinge im Blick auf seine ewigen Ideen,77 und das Gesamte hat Richtung und Ziel. Es ist in diesem Sinn sichtbare „Darstellung der göttlichen Liebe und Allmacht.“
Teleologisches Denken als naturimmanente Befindlichkeit der Dinge wird bereits von Aristoteles ausgiebig thematisiert. Dieser Weltsicht bleibt Thomas treu, auch wenn er sie vom Schöpfungsgedanken her im Blick hat: Die natürlichen Dinge tragen ihre Zwecke und Ziele in sich und besitzen durchaus Eigenstand und Ursächlichkeit. Jedoch ist Gott hier, im Gegensatz zum aristotelischen Entwurf, nicht nur Zielursache, sondern ebenso wirkend-ursächlich. Gott ist Wirkursache des eigenständigen Strebens der Dinge.
Das dritte Buch der philosophischen Summe beginnt mit der Sicherung der Tatsache, jedes Tätige sei um eines Zieles willen tätig. Und er unterscheidet gleich, manche Tätigkeit finde ihr Ende in einem vollbrachten Werk, wie etwa das Bauen eines Hauses; manche Tätigkeit hingegen strebe lediglich nach der Tätigkeit selbst, was etwa beim geistigen Erkennen und der sinnlichen Wahrnehmung der Fall ist.
Darauf folgt dann die bekannte Definition dessen, was überhaupt letztes Ziel genannt wird: „Bei allem, was um eines Zieles willen tätig ist, sagen wir, das sei das letzte Ziel, über welches hinaus das Tätige nichts erstrebt.“
Wann immer und in welchem Zusammenhang von einem letzten Ziel die Rede ist, steht das unter dieser Vorgabe. Über das Ziel hinaus bleibt nichts mehr zu wünschen übrig.
Thomas bietet in gewohnter Schlichtheit das Beispiel des Arztes, welcher seine Tätigkeit um der Gesundheit seines Patienten willen ausübt. Hat er sie erreicht, bemüht er sich um nichts darüber hinaus; die Tätigkeit hat ihr Ziel gefunden.
Mit diesem Beispiel leitet der Heilige eine seiner Grundpositionen ein, die für das gesamte Verständnis thomanischen Denkens von fundamentaler Bedeutung ist: die kategorische Ablehnung, einen Gang ins Unendliche zu denken. „Es läßt sich aber bei der Tätigkeit jedes beliebigen Tätigen etwas finden, über das hinaus das Tätige nichts zu erreichen sucht, sonst würde nämlich die Tätigkeit ins Unendliche streben. Das allerdings ist nicht möglich.“
Was hier von den Tätigkeiten gesagt ist, findet sich an vielen Stellen im Werk des Heiligen. Diese Verneinung des Gangs ins Unendliche ist eine der alles tragenden Grundaussagen vorneuzeitlicher Weltsicht. Eine exponierte Stelle, an der das aufgezeigt wird, bilden die bekannten Gottesbeweise des ersten Buches der theologischen Summe. Alle hier angeführten Beweise ruhen auf der Annahme, nicht ins Unendliche fortschreiten zu können bei der Betrachtung der geschöpflichen Wirklichkeit.
In der Summe wider die Heiden, welche die „Gründe, um zu beweisen, daß Gott ist“, ausführlicher darlegt und untersucht, investiert der Aquinate ebenfalls einige Gedanken, diese Grundthese zu stützen. Es mag ein solcher Wert auf dieses Axiom gelegt worden sein, weil diese Voraussetzung das Dasein der Welt vor dem Gedanken der Absurdität schützt. Denn der Gang ins Unendliche würde es nicht mehr erlauben, mit Berechtigung zu sagen, irgend etwas sei von einem letzten Sinn verantwortet und getragen. Ob es sich um den selbst nicht bewegten Beweger handelt, ob um die logische Konstatierung eines absolut Notwendigen vor dem Hintergrund kontingenter Dinge oder um die Zielhaftigkeit eines jeden Tuns, stets findet das Denken seinen Grund, einen Boden, auf dem alles zu stehen kommen kann.
Die Welt des Thomas von Aquin ruht auf einem sicheren und verläßlichen Fundament. Er hat sich noch nicht mit Thesen auseinandersetzen müssen, wie sie im Verlauf der späteren Geistesgeschichte aufkamen.
Wenn gesichert ist, daß Handlungen nicht ziellos, sondern erst von ihrem telos her Sinn und Gestalt bekommen, dann stellt sich die Frage, woher denn die Geschöpfe, die nicht über genügend Verstand verfügen, ihre Ziele als solche zu erkennen, Richtung bekommen. Thomas hat eine schlichte Antwort, die nichts anderes ist als logische Konsequenz seines Denkens. Wenn die Geschöpfe Ziele haben und diese erreicht werden sollen, dann müssen alle, welche selbst keinen Verstand besitzen, von einem anderen Verstand geleitet werden.
Auch seine Begründung ist einfach: „Wer nämlich ein Ziel zuerst und vor allem will, der will auf Grund des Zieles auch alles, was zu dem Ziel führt“. Gott hat die Dinge um eines klaren Zieles willen gemacht. So will er auch, daß sie ihr Ziel erreichen. Daher leitet er alle Dinge, die sich selbst nicht zu leiten vermögen.
Hier zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zu einem später in die Geistesgeschichte tretenden Denken, das es ermöglicht, die natürliche Teleologie fallen zu lassen. Der Grund dieser Annahme liegt in der Tatsache, daß außer der menschlichen Vernunft in der Welt keine andere zwingend wahrnehmbar ist. In Beharrung auf dem Schluß, man müsse nicht auf eine göttliche Vernunft rekurieren, fällt die Teleologie einer Nicht-Beweisbarkeit zum Opfer.

Hier lang gehts zum ersten Teil,
hier lang zum zweiten,
hier zum dritten,
hier zum vierten,
hier zum fünften,
hier zum sechsten,
hier zum siebten.

2 Kommentare zu “Über das Ziel des Menschen, achter Teil.

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