Über das Ziel des Meschen, sechzehnter Teil.

Weil ich derzeit nicht zum Schreiben komme, setze ich meine kleine Reihe zum Ziel des Menschen fort und poste den sechzehnten Teil einer Arbeit, die ich mal zu schreiben hatte. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil die meisten in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Ehre
Nachdem der Reichtum ins Auge gefaßt wurde, fährt Thomas fort mit der Frage, „ob des Menschen Glück in Ehrungen zu finden sein könnte.“
Zunächst scheint das wieder der Fall zu sein, und die gewählten Argumente gegen die eigentliche Meinung des Magisters geben die Richtung vor.
Zum einen wird die Glückseligkeit Lohn der Tugend genannt. Offensichtlich jedoch scheint gerade eine jemandem zukommende Ehre ebenso Lohn der Tugend zu sein. Also kann die Glückseligkeit durchaus in erwiesener Ehre bestehen. Diesem Einwand gemäß fallen Ehre und Glück gleichsam ineins.
Der zweite Einwand meint, „was Gott und den zu höchst Exzellenten zukommt, scheint doch am meisten Glückseligkeit zu sein, welche ja im vollkommenen Gut besteht. Sagt doch der Apostel im ersten Korintherbrief, allein Gott kommt Ehre und Glorie zu.“
Das dritte Argument stützt sich auf empirische Beobachtung und geht auf das Streben des Menschen: Das am meisten Begehrte macht das Glück des Menschen aus. Das stimmt in der Tat überein mit der Meinung des Heiligen: Das letzte Ziel ist das von jedem zuhöchst gewollte. Und ein Blick auf das Bemühen der Menschen zeigt entsprechend auch, daß man sich um kaum etwas so sehr müht, wie um seine Ehre. Sie zu erlangen und zu wahren nimmt jedermann allerlei Nachteile in Kauf. Selbst der tugendhafte Mensch fürchtet kaum etwas mehr, als den Schaden seiner Ehre. Somit scheint geehrt zu werden das größte Glück des Menschen zu sein.
Es werden also einige Gründe angeführt, die zeigen, daß eine gesunde Ehre dem Menschen sehr lieb und teuer ist. Ein Blick auf die abendländische Geistesgeschichte und die antiken Kulturen bestätigt das. Es war stets ein sehr hohes Gut, sich im Leben mit recht begründeter Ehre innerhalb des Sozialwesens schmücken zu können.
Das sed contra  jedoch offenbart die Richtung, in die der Meister weisen möchte: „Die Glückseligkeit ist im Glücklichen. Die Ehre aber ist nicht im Geehrten, sondern mehr in jenem, welcher dem Geehrten die Ehre erweist.“ Es ist wieder der schon erwartete zweite und genauere Blick auf die Sache, der das Gemeinte an den Tag legt. Geehrt zu werden ist ein Phänomen, das Gemeinschaft voraussetzt. Ehre zu erweisen fordert den, der sie erweist. Notwendig ist also ein dem Geehrten Äußeres. Und genau das kann für die Glückseligkeit nicht hinreichen. Ist sie doch wesentlich dem Glückseligen innerlich zu eigen. Also besteht die Glückseligkeit nicht im Empfang von Ehre.
Sie ist allenfalls Zeichen und Zeugnis von Vortrefflichkeit. „Und daher kann zwar die Ehre dem Glück folgen, prinzipiell in ihr bestehen kann aber die Glückseligkeit nicht.“

Anerkennung und guter Ruf
Der folgende dritte Artikel ähnelt beim ersten Hinsehen dem vorigen. Es steht zur Frage, ob das letzte Glück denn in gutem Ruf und Anerkennung bzw. im Ruhm (fama, sive gloria) bestehen könne.168 Es ist dem Leser bereits klar, worauf es geht, nämlich auf eine Ablehnung dieser Dinge im Hinblick auf das letzte Glück des Menschen.
Im corpus articuli beginnt der Meister mit einem Zitat des Ambrosius von Mailand: Das Phänomen des Ruhms (gloria) kommt kurz zur Definition. Sie sei offenbar nichts anderes als klare Kenntnisnahme von Tatsachen, die lobenswert bemerkt werden. Es gibt aber nicht nur den menschlichen Maßstab, sondern ebenso den Gottes. Menschliche Erkenntnis hat ja seinen Grund an den erkannten Dingen selbst, göttliches Erkennen dagegen ist der Grund, auf dem die erkannten Dinge überhaupt zustande kommen. Das bedeutet, menschliches Erkennen hat die Existenz der Dinge zur Voraussetzung, wogegen das göttliche Erkennen sie hervorruft und im Sein hält. Daher hängt das Gut des Menschen in seiner Ursache letztlich am Maß der Erkenntnis Gottes.
Auch hier findet ein schon bekannter Begriff seine Anwendung. Es geht um das Stehen der Dinge in der letzten Wahrheit. Im Gegensatz zum Phänomen empfangener Ehre können guter Ruf und Anerkennung durchaus etwas fadenscheiniger sein oder auch auf Dinge gründen, die jemandem ohne ehrenvolle Tätigkeiten zufallen. Und dahinein spricht der Heilige: Erst was der Mensch vor Gott ist, das ist er in unverbrüchlicher Wahrheit.

Macht
Mit scharfem Blick nimmt der Aquinate ein weiteres, häufig angestrebtes Phänomen vor den Blick seiner Analyse: das Bedürfnis nach Macht. Seine Begründung, daß diese nicht des Menschen Glückseligkeit ausmachen kann, ist schlicht und in zweierlei Hinsicht belegt.
Zum einen hat Macht den Charakter eines Prinzips. Das bedeutet, Macht als solche bekommt ihren Sinn erst, wenn mit ihrer Hilfe etwas geschieht, d.h. wenn von ihr etwas ausgeht, wenn sie zu Nutzen kommt. Für sich genommen hat Machtbesitz, ebenso wie Reichtum, keinen Wert. Die Glückseligkeit selbst aber hat Zielcharakter. Daher können beide nicht identisch sein.
Der zweite Grund ist ebenso einfach: Macht läßt sich in gutem wie in bösem Sinn ausüben. Wenn aber die Glückseligkeit das eigentliche und vollkommenste Gut des Menschen genannt wird, dann müßte die Glückseligkeit sich auf einem guten Einsatz von Macht beschränken. Es wird also deutlich, daß die Macht selbst und für sich genommen keinen eigenständigen Wert hat.

Erklärende Zusammenfassung
Zum Schluß des corpus articuli faßt der Heilige die bisherigen Artikel noch einmal zusammen. Demnach können vier gute und allgemeine Gründe ins Feld geführt werden, welche die Unmöglichkeit aufzeigen, daß die oben genannten Dinge Glückseligkeit bedeuten.
Erstens: Alle genannten Güter können bei guten und bei bösen Menschen gefunden werden. Die Glückseligkeit des Menschen hingegen bedeutet sein höchstes Gut, welches sich ja nicht mit dem Bösem verträgt.
Zweitens: Die Glückseligkeit genügt sich selbst. Hat ein Mensch sie einmal erreicht, fehlt ihm nichts mehr zu seinem Glück. Im Besitz der oben genannten Güter aber kann ihm immer noch sehr Wichtiges fehlen, wie Weisheit, körperliche Gesundheit und ähnliches.
Drittens: Die Glückseligkeit des Menschen ist von der Art, daß aus ihr für niemanden etwas Schlechtes hervorgehen kann. Das ist von den oben gesagten Dingen nicht zu behaupten. Die schlichte Beobachtung des Lebens zeigt ja, daß Reichtümer nicht selten zum Schaden desjenigen gehortet werden, der sie besitzt. Und dieses Argument läßt sich auf alle genannten Güter anwenden.
Viertens: Die Glückseligkeit entstammt Prinzipien, die dem Menschen innerlich sind, da er ja von Natur aus auf sie hin seine Ordnung hat. Die vier oben genannten Güter haben hingegen mehr äußerliche Ursachen, und es bedarf zumeist glücklicher Umstände, sie zu erlangen.
Diese Dinge also können nicht das Glück des Menschen ausmachen.

Hier lang gehts zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Teil.

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