Über das Ziel des Menschen, siebter Teil

Weil ich heute wegen meines Besuchs nicht zum Schreiben komme, setze ich meine kleine Reihe fort und poste den sechsten Teil einer Arbeit, die mir mal aufgegeben worden ist. Sie heißt „remenebit inane“, was das bedeutet, erschließt sich später, in der Arbeit selbst.
Sie hat im Original an die zweihundertfünfzig Fußnoten. Die lasse ich weg, weil sie zum großen Teil in Latein sind. Wer Fragen zu irgendwelchen Quellen hat, einfach melden.

Viel Freude beim Lesen!

Die Fähigkeit „dieser Vergegenständlichung in Gegensetzung von Erkennen und Erkanntem“ nennt Karl Rahner Denken.59 Der Mensch kann erst zu einem Wissen von sich selbst gelangen, indem er denkend „ein anderes sich begegnen läßt“.
Der Mensch zeichnet sich gegenüber aller Kreatur also besonders durch diese reditio completa in seipsum aus, vom Erkannten abstrahierend zu sich selbst finden zu können.
Dieser Gedanke macht die Wichtigkeit objektiver und wahrer Erfahrung noch einmal deutlich.
Der Mensch kann nicht nur Wahrheit erkennen, sondern er bedarf dieser Erkenntnis, um überhaupt zu sich selbst zu gelangen.

Grenze der Erkenntniskraft
Die Dinge stehen also in ihrer Erkennbarkeit gleichsam zwischen dem Denken Gottes und dem des Menschen und sind in ihrer Wahrheit erkennbar.
Im folgenden Kapitel soll ein Aspekt der thomanischen Erkenntnislehre angesprochen werden, der im Zusammenhang dieser Arbeit von großer Bedeutung ist. Es wurde bereits festgestellt, daß der menschliche Verstand wirkliche Wahrheit an den Dingen vernimmt. Das bedeutet jedoch nicht, daß er sie zur Gänze verstehend zu durchdringen vermag. Vielmehr bleibt aller Kreatur ein tiefes Geheimnis. Thomas spricht den bekannten Satz aus, das Wesen der Dinge sei uns unbekannt.
Damit nimmt er eine Mittelposition ein zwischen Agnostizismus und einem Rationalismus, welcher sich anmaßen würde, die Dinge durch und durch begreifen zu können. Die Position des Thomas, die den Geschöpfen trotz aller Erkennbarkeit dennoch ihr Mysterium zugesteht, wahrt eine ehrfürchtig-verehrende Haltung gegenüber allem, was ist.
Josef Pieper deutet das Verstummen des heiligen Thomas zum Ende seines Lebens, sowie den Fragmentcharakter seines Werkes (gerade den seiner theologischen Summe) als „äußerste existentielle Realisierung“ dieser Haltung, die „Thomas immer schon, und mit den fortschreitenden Lebensjahren immer deutlicher, theoretisch formuliert und begründet hat“. In der Tat findet sich bei Thomas ein eigentümlicher Gedanke: Je tiefer ein erkennender Geist einzudringen vermag in die Wahrheit der Dinge, desto sicherer und klarer wird ihm, daß er sie gerade nicht vollends erkennen kann. Der Daseinsgrund aller Dinge offenbart mit fortschreitender Erkenntnis erst seine Unergründlichkeit und seinen Geheimnischarakter. Mit anderen Worten, erst der reife Verstand weiß wirklich, welch Geheimnis ihn umgibt.
Der Grund für die letzte Unbegreiflichkeit der Dinge liegt in der Tatsache, daß sie Entwürfe Gottes sind. Von da aus empfangen sie ihr Maß. Die geistige Erkenntniskraft dringt  sehr wohl vor zum Wesen der Dinge. Doch ist sie nicht imstande, dieses ganz und gar zu begreifen, denn das hieße, Gottes Gedanken ausschöpfen zu können. Thomas schreibt: „Unser erkennender Geist spannt sich, indem er etwas erkennt, ins Grenzenlose aus.“
Als Ergebnis bietet sich also zweierlei an: Angesichts der Tatsache, daß dem Menschen eine natürliche Sehnsucht innewohnt, die Dinge zu verstehen, bleiben Hoffnung oder Resignation. Thomas schlägt sich entschieden auf die Seite der Hoffnung.  Er betrachtet den Menschen in der Welt als einen, der unterwegs ist. Das bedeutet, es steht noch etwas in Erwartung. Doch ist der Mensch allein durch die Tatsache wahren Erkennens bereits dem Ja näher als dem Nein, „seine Schritte haben Sinn, sie sind nicht prinzipiell vergeblich, sie nähern sich dem Ziel.“ Die philosophische Frage, die sich ja auf das Ganze der Wahrheit richtet, ist nur in dieser Spannung denkbar.
Bekanntermaßen beginnt die Philosophie im Erstaunen.  Thomas nennt das Erstaunen eine Sehnsucht nach Wissen. Er erklärt, dem Staunen sei es wesentlich, daß „die Gründe dessen, was wir bewundern, im Unbekannten liegen.“ Gegenüber gänzlich Bekanntem staunt niemand wirklich. Es ist jedoch stets ein Erstaunen freudiger und ermutigender Art, und es liegt in ihm ein Hinweis auf Höheres. Denn „die Hingewiesenheit des Geistes ins Unendliche wäre allerdings vergeblich und ohne Sinn, gäbe es keinen grenzenlosen Gegenstand der Erkenntnis.“
Dieser letztzitierte Satz mag klingen, als sei gerade ein Gang ins Unendliche gefordert oder gar angestrebt. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, daß genau das nicht der Fall ist. Es kann nicht gewollt sein, daß der Gang ins Unendliche führen muß. Vielmehr soll gerade der Geist im Erkennen des Unendlichen zur Ruhe kommen. Davon soll noch eingehender die Rede sein.

Schöpfung
Es wurde bereits angesprochen, die Wirklichkeit sei dem Menschen primär nichts feindliches und fremdes, sondern Grund genug, mutig den Blick auf sie zu richten.  Wenn hinter allem geschaffenen Existieren ein erschaffender Grund steht, so kann das nicht anders gedacht werden, als daß die Dinge im Willen eines Schöpfers stehen. Kleinster gemeinsamer Nenner alles Geschöpflichen ist also zunächst das Sein-Sollen im schöpferischen Willen gemäß dem Weisheitsbuch (1, 14): „Zum Dasein hat er alles geschaffen.“
Das Existieren eines jeden Geschöpfes ist aus dieser Annahme keineswegs wertfreie Selbstverständlichkeit. Schöpfung ist auch mehr als lediglich beginnende Setzung von Dasein im Sinne deistischer Weltsicht. Vielmehr heißt Geschöpf-Sein bleibendes, erkanntes Gehaltenwerden im Sein und zielhaft ausgerichtetes Existieren. „Notwendig ist die Ursache eines Dinges dasselbe wie die Ursache seiner Erhaltung: denn die Erhaltung eines Dinges ist nichts anderes als die Fortdauer seines Seins“, schreibt Thomas. Jedes Geschöpf steht bleibend im Schöpfungsakt und somit in göttlichem Gewollt-Sein. Schöpfung ist begleitendes Halten im Sein und stets auf etwas hin.
Zwei Dinge sind als gewollt zu denken:  Das Existieren selbst und näherhin die Fülle dessen, was in der jeweiligen Natur des Geschöpfes angelegt ist. Erst im zweiten, also in der höchst möglichen Verwirklichung seiner selbst, erreicht das Geschöpf sein eigentliches Gut, nämlich die Fülle seines Seins. Ein jedes Geschöpf ist darauf aus, seine eigene mögliche Ver-vollkommnung zu erlangen. Bei den Dingen der Natur besteht diese zunächst einmal in der Erhaltung des Daseins und der Fortpflanzung der eigenen Art.
Im Falle intellektuell begabter Geschöpfe tritt in der Fähigkeit abstrahierender Erkenntnis notwendig etwas hinzu: Es muß nämlich die Erkenntnis selbst auch ihren höchsten Gegenstand erreichen. Und das soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit der eigentliche Gegenstand sein. Festzuhalten ist hier allerdings schon, daß auch diese Vollendung, sollte sie denn möglich sein, ebenso wie die Tatsache der Existenz von Gottes schöpferischem Akt getragen und gewollt ist.
Was den Menschen angeht, ist also die Wissenschaft, im weitesten Sinn genommen, eine ihm zuinnerst zukommende Tätigkeit. Es wurde ja gesagt, analog zu den Geschöpfen ohne Vernunftbegabung, deren Ziel Verwirklichung im Vollkommen-Werden des ihnen Gegebenen ist, muß die Erfüllung vernünftigen Daseins im möglichst vollkommenen Erkennen gedacht werden.  Und es ist ja eine natürliche Sehnsucht im Menschen, die Gründe für all das zu entdecken, was er sieht, wie Thomas häufig ausführt. Der Mensch kommt erst zu sich in der ihm eigenen Tätigkeit des Erkennens. In diesem Sinne war ja das Lehren als ein Dienst am Menschen bestimmt worden.

Hier lang gehts zum ersten Teil,
hier lang zum zweiten,
hier zum dritten,
hier zum vierten,
hier zum fünften,
hier zum sechsten.

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