Der Blinde und die Kirchenspaltung

In meiner Kindheit gab es einen typischen Spruch für eine typische Situation: Es gibt immer mal irgendwelche Dinge, die man partout nicht wahrhaben will und die man am liebsten verschweigt. Man tut so, als gebe es sie nicht; entweder, weil man glaubt, bevor alles öffentlich wird, gibt sich das Problem; entweder weil man die Sache lieber aussitzt oder man glaubt, es bringt nichts, wenn man sie an die Oberfläche befördert. Vielleicht auch, weil man sich nicht mit der Wahrheit überlasten will. 
Sobald man aber hinschaut, ist sonnenklar, dass es ein ziemliches Problem gibt, dass man irgendwann bei den Hörnern greifen muss. Über solche Dinge hieß es damals, sie sehe ein Blinder mit seinem Krückstock.
Was die katholische Kirche angeht, gibt es eine solche Situation. Kaum ein Prediger will es wahr haben, kein Verantwortlicher will das heiße Eisen angreifen, und niemand spricht gern drüber, aber jedem, der ein bisschen genauer hinsieht, ist sonnenklar: Der Blinde entdeckt mit seinem Krückstock längst, dass die katholische Kirche des deutschen Sprachraumes bis auf die Grundfesten ihres Bekenntnisses gespalten ist.

Diese Spaltung geht, wie gesagt bis auf das ureigenste Bekenntnis, und die Streitigkeiten werden, wie mein psychotherapeutischer Freund sagen würde, eher neurotisch geführt, weil das eigentliche Problem fast nie zur Sprache kommt.
Man tut auf der einen Seite, als ob das Problem der Weihe von Frauen zu Priestern ein Heilmittel für die Kirche wäre. Man tut so, als ob die Aufhebung des Zölibates die Kirchenkrise beenden könnte. 
Auf der anderen Seite müht man sich, diese einzelnen Burgen unter großen Verlusten zu halten. Wenn der Zölibat schon mal nicht fällt und die Weihe nur Männern vorbehalten bleibt, kommt man vielleicht über die Krise hinweg und alles andere löst sich mit der Zeit von selbst.
Auf der Seite der Angreifer scheint man spiegelverkehrt zu meinen, diese beiden Burgen müssten auf jeden Fall schon mal kippen. Mit ihnen würde der Gegner hinreichend geschwächt.

Wahrscheinlich müssen solche Burgenkämpfe sein und ich habe mich, wie jeder lesen kann, längst als Freiwilliger auf die Burgen gemeldet, um gegen die Argumente jener zu kämpfen, die sie schleifen wollen. 
Es wäre aber zu fragen, was denn das eigentliche Ziel der Kämpfe ist. Der Krückstock hat längst ertastet, dass die Spaltung im Grunde von einer einzigen Frage ausgeht: Wie soll die Weltkirche eigentlich geleitet werden?

Man könnte für eine vorsichtige Erklärung das Zweiparteiensystem der USA als Bild bemühen. Das gesamte politische Lager spaltet sich in Demokraten und Republikaner. Die Demokraten kämpfen immer im Sinn ihrer grundsätzlichen Ausrichtung, und die Republikaner tun das gleiche. Beide möchten, dass der nächste Präsident um jeden Preis einer aus ihren Reihen wird, weil der ihre grundsätzlichen Ziele vordringlicher im Auge hat; auch wenn er sie wegen der allgemeinen Lage nicht punktgenau verfolgen kann. Mein Vergleich hinkt schon nach dem ersten Satz. Die Demokraten in der Kirche wollen nämlich viel demokratischer sein als die in den USA, und die Republikaner in der Kirche wollen eigentlich keine republikanischen Ziele verfolgen, sondern nur die Demokratiebewegung der Demokraten unterbinden.
Vielleicht taugt ein Blick auf England als zweiter, ebenfalls hinkender Vergleich. In England erfreuen sich die Menschen seit vielen Jahrhunderten einer paradoxen Situation: Sie haben Königinnen und Könige, die nichts zu sagen haben. Das dürfte ungefähr einem Traum der Demokraten in der Kirche entsprechen: Ein glänzender Papst, der die Kirche der Welt repräsentiert, der aber keine politischen Sorgen haben sollte. Er würde fürstlich gehalten und gekleidet, würde hochrangige Menschen aus aller Welt empfangen, um mit ihnen zu speisen. Er sollte die Kirche repräsentieren und kluge Reden halten, die man ihm vorlegt. Seine Sorgen sollten sich im Grunde aber auf seinen Hofstaat beschränken, und die Politik würden andere für ihn erledigen. Wenn er Bücher schreibt, tut er das nicht als Papst, sondern als Professor, und in seinen Rundbriefen dürfte nur die Anrede wirklich wichtig sein. Das Problem der Demokraten in der Kirche ist keineswegs, dass der Papst da ist. Das Problem ist, dass er zu sagen hat, und zwar alles.
Hier zeigt sich nun, dass die Frage noch tiefer reicht. Und wenn ich sagte, es gehe bis auf die Grundfesten des Bekenntnisses, so ist genau das gemeint: Die tiefste Wurzel der Spaltung liegt in der Gottesfrage und könnte, um in den Bildern zu bleiben lauten: Ist Gott ein Demokrat oder ist er ein Republikaner? Will Gott, dass der König nur hübsch winkt, oder will er, dass er die Politik bestimmt? Mit anderen Worten: Will Gott seinen Willen durch den Papst oder will er ihn durch sein Volk kundtun? Hand aufs Herz: Genau darauf schlägt der Stock des Blinden!
Ich schreibe das alles im Zusammenhang mit dem mir gestellten Thema „Engel und Teufel“, als Einleitung sozusagen. Für die Demokraten der Kirche ist ein solcher Traktat nämlich eine Sünde gegen den Volkeswillen, für die Republikaner ein Muss. Der regierende Papst wünscht, dass drüber geschrieben wird, die Demokraten meinen, das Thema sollte eher nicht mehr auf die Agenda. Weil ich mich aber, wie gesagt, als Freiwilliger auf die Burgen gemeldet habe, schreibe ich drüber.

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8 Kommentare zu “Der Blinde und die Kirchenspaltung

  1. Bei aller Kritik am Papst, die ich früher gedankenlos mitgeplappert und geglaubt hab – Gottes Willen durch das Volk kundtun? Da wird mir aber anders.

  2. Bingo! Ich glaube aber in der Tat, dass sich genau hier die Lager spalten. In meiner Zeit der von Dir angesprochenen Gedankenlosigkeit ging es mir genau so: Der Papst ist ein veraltetes System, das in Zeiten der Demokratie eigentlich entmachtet gehört. Dahinter stand, jetzt im Nachhinein glaube ich das sehen zu können, eine Art überzogener Demokratieenthusiasmus: Christus hat gesagt, dass die Kirche nicht zugrunde gehen wird, deshalb brauchen wir uns auch nicht sorgen, wenn wir sie demokratisieren. Das würde ich vielleicht heute noch glauben, wenn nicht anhand der protestantischen Glaubenswelt offensichtlich geworden wäre, dass der protestantische Kirchenversuch ohne regierenden Papst in dreißigtausend total verschiedene Kirchen zerfallen ist.

  3. „Will Gott seinen Willen durch den Papst oder will er ihn durch sein Volk kundtun?“

    Ich bin mal ganz idealistisch: Will Gott seine Willen nicht durch beides kundtun? Ist es nicht das eigentliche Defizit, dass wir überhaupt die Frage nach dem entweder oder stellen müssen. Denken wir an die seligen Zeiten zurück, als es über die Urgemeinde hieß: Sie waren ein Herz und eine Seele.

    Des weiteren denke ich an einen Satz des Kirchenvaters Augustinus: Securus judicat orbis terrarum: Sicher entscheidet der Erdkreis. Haben die Demokraten – wie sie meinen – wirklich das Volk des ganzen Erdkreises hinter sich oder nur ein paar Milionen deutscher Katholiken?
    Ich denke da an einen Satz einer Fernsehtalkshow im Zuge des Papstbesuches- lasst mich ausreden – bei der Richard David Precht – den ich am besten fand auch wenn er Agnostiker ist – folgenden klugen Satz gesagt hat (paraphrasiert): Mit Themen wie Zölibatsabaschaffen, Frauenpriestertum und Kommunion für alle käme der Papst in Deutschland an. In der Weltkirche sähe das aber anders aus. Da müsste die Kirche Kante zeigen und ihre Hardskills positionieren, um auf dem Markt der Religionen zu bestehen. Und wenn Demokratie, dann aber nicht nur das deutsche Omatorium (Konzilsgeistvernarrte 60+), sondern auch der 25 jährige afrikanische Konvertit.

  4. Ähnliche Gedanken waren auch mir der erste Anstoß, mein demokratisches Anliegen nicht länger auf die Kirche anwenden zu können. Ebenso paraphrasiert: Wenn die Kirche per technischer Superleistung plebiszitäre Meinungen aller lebenden Katholiken einholen könnte, wäre auf diesem Wege dennoch kein judicium securum erreichbar. Man müsste auch im Himmel und im Purgatorium Wahlzettel austeilen und wieder einsammeln! Doch selbst wenn man das könnte, hätte die Kirche immer noch mit dem völlig überraschenden Beschluss des Gütigen zu rechnen, der ex nihilo sozusagen immer Lösungen aus dem Hut zaubern könnte. Je länger ich über Demokratie und Kirche nachdachte, desto weniger war das alles in Einklang zu bringen. Für mich galt jedenfalls irgendwann: Die Kirche kann nur dogmatisch und felsenmäßig über die petrinische Organisation regiert werden…

  5. Die gleiche Position vertritt auf der Sl. Kardinal Newman in seinem Essay of Development: Für ihn basiert jede Religion (auch) auf Autorität und Gehorsam, weswegen auch jede Religion ihren Papst hat. Die Frage ist nur, wie kleinteilig diese organisierten Religionen dann sind, ob eine Hauskirche a la Evangelikale oder eine Milliardenkirche wie die Katholische.

    Aber bevor hier das Missverständnis aufkommt, Newman hätte alle Religionen gleich angesehen (die Meinung gibt es ja auch): Für Newman kommt dem Christentum im Unterschied zu den übrigen Religionen der Vorzug zu, dass hier ein göttlicher Impuls, die Offenbarung, das Menschenwerk ergänzt und vollendet. Diese Offenbarung aber wird durch das Lehramt tradiert/bewahrt und dieses Lehramt kann nach Meinung Newmans nur das Papsttum sein, weil es als einzige Institution seine Geschichte auf die apostolische Zeit zurückführen kann, in der es durch Petrus bereits zum Vorsteher der Kirche eingesetzt wurde.

    Man merkt: Sehr lesenswert das Buch. Leider ziemlich dick und etwas umständlich geschrieben. Eine gute Zusammenfassung gibts in Siebenrock: Glaube, Gewissen, Geschichte.
    (Ja, der Memorandums-Siebenrock, aber das merkt man kaum)

  6. Ich glaube, in diesem Sinne bin ich einigermaßen Newmanianer.
    In seiner Apologia, die ich seinerzeit einmal durchgearbeitet habe, fand sich das auch schon einigermaßen! Schön, dass wir hier sozusagen in seliger Gesellschaft sind 😉

  7. es muß wohl einen gegenpapst geben. damit wir endlich wieder katholisch leben können. wer nicht aufräumt muss weggeräumt werden.

  8. Hu, das sind aber harte Worte…Aber abgesehen davon glaube ich von mir sagen zu können, dass ich einigermaßen katholisch lebe. Gehindert sehe ich mich da eigenltich eher nicht, jedenfalls insofern ich mir nicht selbst im Wege stehe.

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