Verzicht, Zölibat und andere, unverstandene Dinge

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Überholen ist nicht gleich Überholen. Autos überholen sich gegenseitig, Fußgänger ziehen aneinander vorbei und Rollschuhfahrer übertreffen sich auf den Promenaden. Alle überholen einander, und es geht um Geschwindigkeit.
Ein anderes Überholen meint den übertragenen Sinn. Die Mode von gestern ist überholt. Ein Gesetz, das nicht mehr greift, auch. Wer an Dingen hängt, die als längst überholt sind, der ist von gestern. Hier geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Heute und Davor.

Manchmal ist es aber einigermaßen dumm, wenn von „heutigentags“ oder „wir leben doch im einundzwanzigsten Jahrhundert“ gesprochen werden soll. Nämlich immer dann, wenn man Sachen für überholt hält, die nicht überholt werden können.
Die Befürworter des Zölibates halten ein Leben im Verzicht auf eine eigene Familie für das, das am meisten zur Besonderheit der Messe passt.
Nun haben wir es in der christlichen Moderne mit einer starken Strömung zu tun bekommen, in der man nicht mehr verstehen kann, dass man um der Messe willen oder überhaupt um der Religion oder um Gottes Willen auf etwas verzichten soll.
Es gibt einen neuen Begriff von der Liebe, der meint, sie könne nur geben und nichts fordern. Eine Liebe, die Forderungen stellt, sei eine Liebe, die nicht lieb ist.
Ein anderer Grund ist, dass die Welt nicht mehr vom Himmel unterschieden werden kann. In der klassischen Vorstellung von Religion steht die Welt dem Himmel schon mal feindlich gegenüber. In der Welt kann es eben passieren, dass der Gerechte am Kreuz landet. Es kann auch passieren, dass der Gerechte seine Leute bittet, ihm auf seinem Weg zu folgen, auch wenn es weh tut.
In dieser Weise, die Liebe und die Welt zu sehen, ist der Zölibat erklärbar und kann verstanden werden. In einer Welt aber, die ganz anders von der Liebe und sich selbst denkt, gehen die Rechnungen nicht mehr auf. So ziemlich alles, was zuvor gesagt wurde, gilt nun als überholt, und die Messe ist überhaupt nichts Besonderes mehr.
Die Geister scheiden sich in der Fragen, ob etwas überholbar ist oder nicht. Wenn der Zölibat einzig an der Messe hängt, was ich glaube und noch erklären möchte, dann kann er nicht überholbar sein, weil man an der Messe auch nicht vorbeiziehen kann. Der Zölibat kann nicht heute überholt sein, wenn er gestern angemessen war. Wenn er heute falsch ist, dann war er es immer, und wenn er heute richtig ist, dann war auch das nie anders. Der Satz: „Wir leben doch im einundzwanzigsten Jahrhundert“, passt hier so wenig, wie ein Zollstock zum Messen der Temperatur.
Wir handeln mit Computerspielen, die einen schneller überholen, als man zur Kasse laufen kann. So lange es aber Menschenkinder gibt, werden sie nichts auf der Welt mehr lieben, als mit einem einfachen, bunten Ball auf den Straßen zu spielen. Es gibt tausend Dinge, die nicht überholbar sind.

In unserer Frage nach der sogenannten Erbschuld heißt es, Gott hat dem Menschen in den Sakramenten eine Hilfe und Heilung an die Hand gegeben, die er unbedingt braucht. Ohne diese Hilfe durch Gottes Hand kann der Mensch ihm nicht unter die Augen treten, sondern versteckt sich vor ihm, wie Adam, hinter der nächsten Hecke. Der Mensch von gestern und von heute braucht die Sakramente, damit ihm geholfen werde, wenn er sich auf den Himmel und überhaupt auf die Begegnung mit Gott vorbereitet. Dem Ganzen liegt nun jener Gedanke zu Grunde, keineswegs überholt ist: Nämlich, dass der Mensch unüberholbar an einer Art vererbten Problematik leidet, die in der Lehre von der Schuld Adams am besten erklärt werden kann.

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Der Priester und sein schwieriger Stand

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Thomas war eine der besonderen Persönlichkeiten seines Jahrhunderts, das haben die Leute damals schon erahnt und gewusst. Er wurde keine fünfzig Jahre alt, war aber schon Berater von Päpsten und Herrschern.
Heute wissen seine Leser, dass er weit mehr war, nämlich eine prägende Größe für das gesamte, abendländische Denken, die sich für immer ihren Platz in den Büchern aller Zeiten gesichert hat.
Thomas war aber eben auch „nur“ ein Kind seiner Zeit, was gewisse Fragen angeht. Er wusste noch nichts von der Vererbungslehre der Genetik. Die wurde ja erst vor kurzer Zeit aufgespürt und ist bislang kaum den Kinderschuhen entwachsen. Wenn Thomas also in seinen Beispielen vom Entstehen des Lebens spricht, dann greift er auf das Wissen zurück, das man damals hatte, und das wir heute zu guten Teilen hinter uns lassen.
Thomas wusste noch nicht, dass die Naturgesetze der irdischen Welt auch auf dem Mond, dem Mars und allen Körpern gelten. Um das wissen zu können, brauchte es einen Newton, der Jahrhunderte Nach Thomas lebte. Wenn er also von den Sternen sprach, dann vermittelte er auch hier die antiken Annahmen, nach deren Auffassung die Himmelskörper von ganz anderer Art waren als alles bei uns. Auch da können wir getrost eine Menge hinter uns und den Historikern überlassen.
Die oberflächliche Sprache unserer gewohnten Streitereien bezeichnet das mehr oder weniger überholte Wissen schon mal als mittelalterlich; ein Ausdruck, der mir in diesem Zusammenhang nicht gefällt. Aber sei‘s drum, viel weniger gefällt mir, wenn bleibende Wahrheiten mit in diese Schublade des ewig Gestrigen befördert werden.
Da, wo der heilige Thomas in seiner großen Summe die eigentliche Abhandlung zum Sakrament der Eucharistie beginnt, klärt er in wenigen Sätzen und wunderbar kurzen Strichen ganz wesentliche Dinge. Es geht um die Frage, ob die Eucharistie überhaupt ein Sakrament ist, und Thomas beginnt seine Antwort mit dem Gedanken, die Sakramente der Kirche seien dazu da, dem Menschen in seinem geistlichen Leben als Hilfe zur Seite zu stehen.
Dann sagt er, geistliches und leibliches Leben seien mit einander verbunden, insofern das leibliche Leben gewisse Ähnlichkeiten mit dem geistlichen Leben offenbare. Das sagt er, um mit dem einen das andere erklären zu können. So klärt er mit Bildern aus dem leiblichen Leben, was das geistliche braucht.
Das leibliche Leben, sagt er, bräuchte eine Abstammung, eine Zeugung, um überhaupt zustande zu kommen. Zudem habe es ein weiteres Wachstum nötig, um vollkommener werden zu können. Es brauche ebenso Nahrung. Das alles sei mit dem geistlichen Leben eben sehr ähnlich aufzufassen.
Der Beginn, die „geistliche Geburt“ des eigentlichen Lebens sei die Taufe, das Sakrament der Firmung sorge für weiteres Wachstum. So bräuchte es auch die entsprechende, bleibende Nahrung, und die sei die Eucharistie, die somit zu den Sakramenten zu zählen sei.
Als mittelalterlich im abwertenden Sinn wird sicher nicht die Annahme zählten, dass die Eucharistie eine Seelennahrung ist, wohl auch weniger, dass das Sakrament der Firmung dem geistigen Aufbau dient. Der Stein des Anstoßes auch dort noch nicht kantig, wo Thomas die Tauf als Beginn des geistlichen Lebens schildert. Schwer verdaulich wird es erst, wenn behauptet wird, die Taufe sei der Anfang, die Firmung das Wachstum und die Eucharistie die Nahrung, und zwar im Sinne eine einzigartigen Angebotes Gottes.
Jeder Christ unserer Tage wird einem Getauften bestätigen, es sei gut, getauft zu sein. Keiner aber würde sagen, es sei schlecht, ungetauft durchs Leben zu gehen. Es scheint eigentlich egal zu sein, ob jemand getauft ist oder nicht. Wenn Thomas sagt, die Taufe erst sei der Beginn des geistlichen Lebens, dann wirkt er wie ein Fremder.
Jeder würde sagen, es sei gut, die Nahrung der Eucharistie zu bekommen. Aber niemand würde zu sagen wagen, sie nicht zu bekommen, bedeute eine permanente, geistige Untererhährung. Thomas meint das alles aber, und würde sich da sicher nichts ausreden lassen: Gott hat der Welt in Christus sein einmaliges und einzigartiges Angebot gemacht. Ein Angebot, das eigentlich keine Alternativen kennt. Die Kirche hat nun das offenkundige Problem, dass sie in ihren offiziellen Büchern dasselbe wie Thomas sagt und nie zurückgenommen hat. In der Sprache ihrer derzeitigen Lebenswirklichkeit gilt das aber als eher ungültig und wird offen als mittelalterlich, und somit falsch abgetan. Wenn wir über den Wert und die Würde des katholischen Priestertums sprechen, dann immer in dieser Spannung: „Eigentlich“, also von der schlichten, alten, wie neuen Lehre her, steht das Tun und Handeln der Priester schicksalshaft am gesamten geistlichen Leben der Kirche. Vom Empfinden derer her, denen sie dienen, machen sie Sachen, die sie eigentlich auch lassen könnten. Für den konkreten, geweihten Menschen am Ort dürfte es ungemein schwierig sein, den eigenen Stand zu finden.

Der Zölibat und die komische Figur

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Mit unserem Griechischlehrer an der Abiturschule hatten wir damals wahrhaft einen großen Fang gemacht. Er war zwar äußerst klein von Gestalt, aber groß in seinem Wissen und vor allem in seiner Fähigkeit, es uns zu vermitteln. Man hätte meinen können, wir lernten zu wenig Griechisch, denn irgendwann in jeder Stunde lehnte er sich genüsslich an seinem Pult zurück, zog sich an den Hosenträgern und ließ uns in die Welt der Antike eintauchen, in dem er uns Geschichten von damals erzählte und die Lebenswelt beschrieb. Eines Tages lehrte er uns, die frühen Christen seien im Alten Rom durchaus aufgefallen. Sie nannten ihre Sklaven plötzlich Brüder, sie verweigerten den Wehrdienst und gingen vor allem nicht zu den Spielen. Unser Lehrer erzählte uns das nicht ohne Stolz, denn er war ein aufrichtiger Katholik, der Lust hatte, sich auf intelligente Weise von der breiten Masse zu unterscheiden. 
Die Christen müssen damals eine Art Paradiesvögel gewesen sein. Sie verweigerten den gesamten Götterkult und hielten bis zum Tode an ihrem ganz neuen Glauben fest.
Bei einem Blick auf die heutigen Zeiten und auf die vergangener Tage, macht deutlich, dass sich die ernsthaften Christen nach wie vor etwas komisch ausmachen müssen und immer irgendwie gemacht haben. Zu jeder Zeit gab es Moden, die ein aufrichtiger Christ nicht mitmachen kann. Zu allen Zeiten gibt es Strömungen, die dem Christen verwehrt sind. Wenn heute in den Arenen Menschen und Tiere zum Spaß getötet würden, müsste ein Christ wieder sagen, er könne da nicht hingehen, das widerspreche der Würde der Geschöpfe. Heute wird in den Arenen eher Fußball gespielt, getötet wird aber nicht weniger in den stillen Winkeln der Krankenhäuser. Auch hier gehen aufrichtige Christen gegen vor und weisen auf die offenbarten Gebote hin, auch wenn sie von unverständigen Leuten Ärger dafür bekommen.
Hier ist allerdings ein Trend zu beobachten, von dem ich nicht weiß, wie stark er in vergangenen Tagen war: Dieser Wunsch sich geschmeidig zu machen, sich wenn möglich nicht zu sehr zu unterscheiden. Unser Griechischpauker mochte das nicht, er konnte nicht leiden, wenn die Christen weich und biegsam in ihrer Haltung wurden. Er hatte ja diese Lust, gegen den Strom zu predigen, und er schärfte uns ein, den Verstand zu gebrauchen und mutig zu sein. Es sei das Schicksal Christi, das die Christen teilen müssten, immer etwas anders und manchmal etwas komisch zu sein. Sankt Martin fiel halt auf. Mutter Teresa tat es und der heilige Johannes Paul eben auch.
Auf dieser Linie ist der Zölibat der Priester ein regelrechtes Bollwerk der Auffälligkeit und ein Felsen, an dem sich in allen Generationen die Leute die Köpfe wundreiben. Besonders krass wird es, wenn junge Priester sogar noch auf die Idee kommen, das alte Standeskleid, die lange Soutane zu tragen. Ich kenne so einen Kerl. Die Leute sagen, der gehe doch gar nicht mit der Zeit und sei dem Heute nicht mehr angemessen. Damit haben sie Recht. Aber in gleichem Maß, wie im Geringschätzung entgegengebracht wird, erntet er auch Hochachtung von denen, die verstanden haben. Aber das sind nicht die Kriterien. Es reicht nicht, wenn mein Bekannter sein Kleid aus jener Lust am Auffallen trägt, die unser Lehrer an den Tag legte. Es muss etwas anderes sein, was ihn viel eigentlicher motiviert. Der heilige Thomas würde sagen, es müsse schon eine starke und tragfähige Liebe sein, die ihn das sein Leben lang fröhlich durchstehen lässt. Diese Liebe kann nichts sein, die sich aus negativen Dingen speist, aus der Ablehnung irgendwelcher, gesellschaftlicher Trends etwa. Diese Kraft muss aus einer Zustimmung, aus einer freudigen Zusage her leben, die in sich eine Quelle der Erneuerung bereit hält. Ich weiß wohl, man hört solche Sachen nicht mehr besonders gern, aber ein Priester, der durch seine Gemeinde marschiert, ist etwas ganz Besonderes. Er ist etwas ganz Besonderes, weil Christus ganz persönlich einen ganz besonderen Bund mit ihm eingegangen ist. Das ist das Größte, was ein Mensch auf Erden haben kann und die ganze Sache wert. Man muss es allerdings können, und nur der kann es fassen, der es fassen kann.

Ein Argument gegen den Zölibat

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Wer schreibt, der stellt sich, auch gegen Kritik, die nicht sonderlich schlau daher kommt. Wer schreibt, der sollte sich also darauf gefasst machen, kritisiert zu werden und so gut es geht, zu erwidern.
Heute morgen kam allerdings ein Argument ins Haus, das so alt ist wie der Kampf gegen den Zölibat. Und übrigens: Was wir hier tun, das ist alles nicht neu, im Gegenteil. Sämtliche Argumente, sowohl gegen, als auch für den Zölibat sind mehrere Jahrhunderte alt. Auf diesem Markt gibt es wahrhaft keine neuen Angebote. Wenn ich hier antrete, um für den Zölibat Partei zu ergreifen, dann versuche ich nicht, etwas Neues zu finden. Im Gegenteil soll meine Rede lediglich einige Punkte in Erinnerung bringen, die leicht in Vergessenheit geraten. Auch meine Gegner können eigentlich gar nichts anderes tun. Das Argument aber, dem ich mich heute zu stellen habe, das ist nicht nur alt, sondern unzulässig. Es lautet, die Kirche habe den Zölibat eingerichtet, um irgendwelche Machtinteressen zu stützen. Etwas Ähnliches hört man auch schon mal gegen die Beichte: Die Priester hätten sich die Beichte ausgedacht, um Macht über die Menschen zu bekommen und zu behalten. Über keinen Menschen hat man mehr Macht, als über einen, der einem das Herz ausgeschüttet hat. Somit sei die Beichte eine Erfindung von Leuten, die die Menschen beherrschen wollen.
Das sind Argumente aus einem Lager, in dem man alle Katholiken entweder für Betrüger, für Betrogene oder für betrogene Betrüger hält. Die Betrüger sind die, die sich die Beichte und den Zölibat ausgedacht haben. Die Beichte, damit die Priester die einfachen Menschen beherrschen, und den Zölibat, damit man die Priester im Griff hat. Die Betrogenen sind die armen Schafe, die von nichts etwas ahnen und die Wölfe für gutmeinende Hirten halten. Die betrogenen Betrüger sind die, die nichts merken und zugleich am bösen Spiel mit gestalten. Ganz oben sitzt der Papst, der geifernd sammelt, was ihm gebracht wird und Freude an der Unterdrückung von einer Milliarde Katholiken hat. Wer so oder in diese Richtung denkt, der stellt die Kirche oder Teile von ihr in eine Reihe mit dem organisierten Verbrechen.
Ich fühle mich an unsere Pubertät erinnert, in der wir viele Feinde hatten. Die Alten machten ihre Sachen „ja sowieso nur“ aus irgendwelchen unguten Gründen gegen uns. Ein Teil der Zeit unseres Heranwachsens war eine Zeit allgemeiner Verdächtigungen. Alle Autoritäten standen unter Verdacht, eigentlich gegen uns zu sein. Später, als wieder etwas Ruhe einkehrte und die Vernunft sich ihren Platz wieder erobert hatte, sah man das alles genauer und man unterschied gerechter.
Die Verdächtigung der Kirche scheint mir eine ganz ähnliche Form zu haben, wie die Stimmung unserer Jugend. Deshalb halte ich sie für einigeraßen pubertär und nicht für erwachsen genug, um ernst genommen werden zu können. 
Weil es gegen die Kirche geht, ist der Zölibat des Dalai Lama zum Beispiel kein Problem, sondern eher eine guter intellektueller und moralischer Status. Der Dalai Lama wird geehrt, während er den Zölibat für die Mönche anordnet, der Papst wird verdächtigt. Der Zölibat der Tiefseeforscher, der Polargänger und Entwicklungshelfer steht nicht in der Kritik. „Der ist freiwillig“, wird gesagt und jedem soll zugestanden werden, welches Leben er wählt. 
Beim genaueren Hinschauen aber ist der Zölibat auch eine ziemlich freiwillige Angelegenheit. Jeder wählt ihn für sich, wenn er das Priesteramt anstrebt. Es gehört nicht zu den Aufgaben der Schweizer Gardisten, in aller Welt junge Männer aus den Häusern zu treiben, um sie in die zölibatäre Lebensform zu zwingen. Die Klöster der strengen Sortierungen haben viele Regeln und Verbote. Die Mönche dürfen in bestimmten Räumen nicht sprechen. Sie müssen Fastengebote einhalten, nachts zum Gebet antreten und hart arbeiten. Wenn man so möchte, ähnelt das dem Leben im Gefängnis. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Die Türen stehen offen. Die Leute im Knast werden auf die Frage, ob sie ihre Verbote lieben wahrscheinlich eher nein sagen. Die Mönche aber stehen unter dem Anspruch, ihre Gebote zu lieben, um der noch größeren Liebe willen zu dem, dem sie mit ihrem Leben dienen wollen. Um aber eine fruchtbare Diskussion überhaupt beginnen zu können, müssen die gegnerischen Parteien sich gegenseitig einen guten Willen unterstellen, und das ist in einer Stimmung der Verdächtigung nicht möglich.

Die Kirche und ihre feierliche Ansage

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Als ich religiös gesehen sozusagen ein zweites Mal heranwuchs, stellte sich mir irgendwann eine logische Frage, die für einen Christen, der über seine Religion versucht nachzudenken, irgendwann in den Weg stellt: Man sagt, Christus hat in seinem Leiden den Tod überwunden. Sein Leiden ist aber zweitausend Jahre her, und – ehrlich gesagt – ging es mir in meinem religiösen Leben nicht ganz unwesentlich um mich. Wie kann es sein, dass Christus mit seinem Tod den meinen überwunden hat?
Ich muss sagen, als sich die Frage vor mir auftürmte, war ich schon reif genug, die kirchlichen Antworten auf die Weise des Glaubens zu nehmen. Das heißt, ich ahnte, innerhalb der theologischen Väter und Denker des Glaubens war die Frage beantwortet. Ich hatte damals aber noch keine bekommen. Wenn mir jemand sagte, ich müsse da was einfach glauben, war ich wohl schon bereit, das zu tun. Das Problem stand aber auf der Liste der Fragen, „die man doch wohl mal stellen darf.“
Ein evangelischer Christ gab mir eine erste, plausible Antwort. Er sagte, mit der Taufe sei der Mensch mit Christus verbunden. Die Taufe sei das Band der Zugehörigkeit zu Christus. Wer mit ihm verbunden sei, der sei in gewisser Weise neu und eins mit ihm geworden. Deshalb stünde in der Schrift, wir würden „mit ihm“ auferstehen. Das warf schon ein Licht auf die Frage und war eine Antwort, die es wert war, im Herzen erwogen zu werden.
Als ich später gelernt hatte, beim heiligen Thomas nachzuschlagen, stieß ich auf eine seiner Antworten. In der Summe stellt er sich einmal der Frage, ob Christus uns sein Heil auf die Weise des Verdienstes gegeben habe, oder nicht. Der erste Satz der Antwort ließ mein Drängen schlagartig ruhen, für mich war die Frage umfassend beantwortet. Der Meister sagt dort, Christus habe die Gnade nicht für sich, als Einzelperson, sondern insofern er das Haupt der Kirche sei.
Mein evangelischer Freund hatte also nicht ganz Unrecht, der erlöste ist mit Christus verbunden. Aber die Antwort, die er mir gab, die war verständlicherweise  tendenziell evangelisch. Die Kirche fehlte.
Die Ankündigung Jesu bei Cäsarea Philippi, die er dem verdutzten Petrus gegenüber macht, klingt einem Katholiken feierlich in den Ohren. Es ist die Ankündigung, die in mannshohen Buchstaben die Kuppel des Petersdomes schmückt: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ In den lutherischen Bibeln steht dort nicht das Wort Kirche. Dort steht „Gemeinde“, eine Übersetzung, die einem Katholik nicht herunter will, und die aus einem Sturm ein Lüftchen macht. Gemeinden gibt es überall zu tausenden. Gemeinden sind nicht sonderlich bedeutsam. Eine Gemeinde ist mein westfälisches Heimatdörfchen auch. Die Kirche aber ist eine feierliche Gründung. Sie ist eine goldene Stadt, die große, himmlische Gabe und Gottes große Gründung auf Erden.
An dieser Stelle gehen die Mentalitäten des Protestantischen und Katholischen wie kaum je sonst auseinander. Für den Katholiken ist der Augenblick der Ansage von höchster Feierlichkeit. Jesus offenbart der Welt, dass er die Kirche will, nicht eine beiläufige Gemeinde. Jesus offenbart der Welt, dass seine Kirche einen Felsen braucht, das sichtbare Haupt der sichtbaren Gemeinschaft. Simon, der erste, bekommt eigens einen neuen Namen. Er wird der biblische Wortführer und wird fortan immer als erstes genannt. Die Gründung einer Gemeinde zu erwähnen, hätte der Evangelist sich in katholischen Augen dagegen fast sparen können. Im protestantischen Verständnis gibt es die Kirche wohl auch. Sie ist aber eher eine unsichtbare Sache, die wohl im Wort und Sakrament aufscheint. Sie hat aber nicht mehr die Bedeutung wie in der klassischen Lehre. In der katholischen Geisteswelt ist die Kirche die Braut Christi, und ihre Gründung steht unter dem Stern des Abendmahles, wo Jesus sagt, er habe diese Stunde sehnlichst herbeigesehnt. Wir glauben, dass Christus in dieser feierlichen Stunde der Kirche ihre Priester und die Eucharistie geschenkt hat. Wir glauben, dass er unter dem Kreuz der Kirche in Maria eine Mutter geschenkt hat. Evangelisch und Katholisch gehen hier ziemlich weit auseinander.
Was nun den Zölibat angeht, so glaube ich, wie gesagt, dass ihn nicht tief genug verstehen kann, wer vom katholischen Entwurf der Kirche nichts weiß. In diesem Sinn ist vielleicht nicht ganz verwunderlich, dass mit der theologischen Veränderung des Kirchenbildes im protestantischen Raum, sogleich auch der Zölibat aufgegeben wurde.

Zölibat: Das alte Bild von der Kirche

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Wenn meine Rede von der Kirche in irgendwelchen Vorträgen vorkam, die ich zu halten hatte, regte sich nicht selten Einspruch und die Zuhörer rutschten unruhig auf ihren Sitzen. Es gab zum Beispiel recht bibeltreue Christen, die ihren gesamten Glauben einzig von der Bibel gestützt wissen wollen. Sie sagten verständlicherweise, die Bibel, auf keinen Fall eine Kirche sei das, was Christus uns hinterlassen habe. Bei Matthäus sechzehn achtzehn sagt Christus aber nicht, er werde auf den Felsen Petrus seine Bibel, sondern seine Kirche bauen, und die Apostelgeschichte beschreibt nicht das Abenteuer der Bibel- sondern der Kirchenbildung. Das braucht jetzt gar nicht den Wert der heiligen Schrift mindern. Die Schrift bleibt ganz im Zentrum, es ist nur die Kirche der Raum, in dem sie gehütet, betrachtet und behandelt wird.
Manche sagen, die Eucharistie sei doch das große Geschenk im Zentrum des Katholischen. Auch dem muss nicht widersprochen werden. Die Kirche bekennt ja, dass sie ganz von der Eucharistie her lebt, dass sie aus ihr wächst und aus ihr gedeiht.
Vielleicht ein Bild dazu. Wenn wir früher große, gotische Kathedralen besichtigten, meinten die Führer meistens, der Plan der Bauten sei wie ein Streben der Menschen nach oben hin aufgebaut, wie wenn die Leute ihren Blick nach oben, in die Lichtfülle des Fensterwerkes recken sollten. In mir regte sich Widerstand, und mir kam immer vor, dass da nichts von unten nach oben streben sollte, sondern, dass da etwas von oben nach unten herabgelassen worden war. Die Grundrisse der ehrwürdigen Bauten waren nach den Vorstellungen der alten Meister von der Vollkommenheit des Kosmos entworfen. Alles sollte ideale und harmonische Verhältnisse haben. In den Kirchen selbst fand sich allerlei Getier auf den Bildern, Sträucherwerk war in Stein gemeißelt. Engel schwebten im Raum und die Heiligen schauten uns von den Wänden her an. Was hier dargestellt war, das war Gottes neue Stadt, die vom Himmel her auf die Erde herniedersank! Die Kirchen symbolisierten für mich immer das neue, himmlische Jerusalem.
Jetzt erklärten sich die dicken Enden der Säulen auf dem Boden. Sie gleichen plötzlich den Dicken Enden der Gürtelbänder, die sich die Priester umlegten. Wie wenn die Quasten von Gewändern sanft herabkamen und die Erde berührten. Die großen Türen öffneten sich in die verschiedenen Himmelsrichtungen. An den Eingängen und an den Wänden standen die Beichtstühle, in denen die Pilger ihre seelischen Lasten ablegen und in die Dunkelheit des Nichts versenken konnten. Auf den Bänken knieten Reiche und Arme ohne Unterschiede nebeneinander und sangen die gleichen Lieder.
Im Zentrum aber dieser Welt stand, leicht erhöht, der Altar, über dem ein Kreuz schwebte. Das war der Opferstein, auf Himmel und Erde sich endgültig trafen und ihre Ehe eingingen. Der Altar ist die Schnittstelle der großen Weltversöhnung. Hier wird das eine und ewige Opfer Jesu gegenwärtig und in unsere Zeit getragen, und die Leute, die das tun, sind die Priester. Menschen, die das alles verstanden und lieben gelernt haben, Leute, die wissen, dass es sich lohnt und eine Freude ist, ein ganzes Leben in diesen Dienst zu stellen. Das ist die Kirche.
Die Riten, das Singen und Beten der Kirche hat, wie ihre Bauten auch, ein heiliges Zentrum. Das ist das Hochgebet, das auf der ganze Erde gleich ist, weil ja das Allerheiligste, das hier verwandelt erscheint, auch immer das selbe ist. Dieses Hochgebet beginnt in seiner römischen Form so:

„Dich, gütiger Vater, bitten wir durch deinen Sohn, 
unseren Herrn Jesus Christus: 
Nimm diese heiligen, makellosen Opfergaben an und segne sie. 
Wir bringen sie dar 
vor allem für deine heilige katholische Kirche 
in Gemeinschaft mit deinem Diener, 
unserem Papst, mit unserem Bischof und mit allen,
die Sorge tragen für den rechten,
katholischen und apostolischen Glauben.
Schenke deiner Kirche Frieden und Einheit,
behüte und leite sie auf der ganzen Erde.“

Die Kirche ist der Ort für die Gaben Gottes, die nach einem solchen Raum und seiner Ordnung und Ruhe verlangen. Kardinal Bellarmin hat zu reformatorischen Zeiten gesagt, die Kirche sei so sichtbar, wie die Republik Venedig. Damit hat er eine große Wahrheit des Katholischen ausgesprochen. Wer also den Zölibat verstehen möchte, der sollte also auch die Bilder von der Kirche betrachten.

Der Zölibat und die Kirche, Teil 1

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Ich habe drei junge, muslimische Freunde, mit denen ich so ziemlich jeden Tag über Religion, Politik und allgemeine Sachen spreche, was mir immer eine Freude ist. Gestern sagte einer, sein Vater hätte von ihm verlangt, die Bibel mit der gleichen Hochachtung zu behandeln, wie ein Muslim den Koran. Das hat mich sehr beeindruckt und ich bat, den Herrn Papa daheim schön von mir zu grüßen, und ihm meine Hochachtung auszusprechen.
Ich würde aber gern etwas dazu sagen, das für muslimische Ohren zunächst vielleicht schwer zu verstehen sein dürfte und was die Katholiken scheinbar vergessen haben.
Was für die Muslime der Koran ist, das ist für einen Katholiken die Kirche. Zumindest, wenn man bedenkt, dass Mohammed den Koran als das große Geschenk vom Himmel an die Welt hinterlassen hat. In ganz ähnlicher Weise hat Gott der Welt die Kirche geschenkt.
Wenn man aber bedenkt, dass für die Muslime der Koran das ungeschaffene Wort Gottes ist, dann entspricht Jesus, der Christus dem Bild am ehesten. Christus wird auch das ungeschaffene Wort Gottes genannt, gezeugt, nicht geschaffen, wie die Konzilien sagen. Dieser Christus aber war es, der uns vor allem die Kirche geschenkt hat.
Wenn ich das alles meinen Freunden erklären sollte, bis sie es verstehen, ich glaube, ich bräuchte ziemlich lange. Die Muslime kennen keine Vermittlung zwischen Gott und dem Menschen. Sie haben weder Priester, noch kennen sie so etwas wie eine Kirche, als Raum der Vermittlung. In der muslimischen Glaubenswelt steht der Mensch ganz schlicht vor Gott, dem er sich unterwirft und von dem er gerichtet wird. Da ist gar kein Raum für eine priesterliche Vermittlung, und dass da etwas fehlt, wird auch gar nicht empfunden.
Das ist im Christentum immer schon ganz anders, und zwar schon von den frühen, jüdischen Wurzeln her. Das jüdische Volk hatte seinen Tempel und entwickelte eine feste Priesterschar. Aber schon beim Marsch durch die Wüste wurden auf priesterliche, rituelle Weise Tiere geopfert, um für die Sünden und Frevel des Volkes zu sühnen. In dieser Tradition ist Christus das neue und endgültige Opferlamm, für die Sünden der ganzen Welt.
Ich würde an dieser Stelle gern die Betonung auf das Wort „neu“ legen. Christus steht ganz in der jüdischen Tradition, und alle Opfer des Volkes Gottes deuten, wie Thomas und die Tradition beschreibt, auf das eine und letzte Opfer hin. Insofern greift Christus die altehrwürdigen Bilder des jüdischen Ritus auf. Er zitiert oft die Schrift und gut biblisch geschieht alles um Christus, „damit sich die Schrift erfüllt.“
Unter einem anderen Blickwinkel aber ist alles neu, was in Christus geschieht, was er tut und vollbringt. Gott hat in Marias Jawort, das dem Nein der Eva entgegensteht, noch mal ganz neu angefangen mit den Menschen. Die Berufungen der Jünger in der Bibel sind eigenartig spontan. Sie sehen Jesus in ihrem Alltagsleben kurz und zum ersten Mal. Jesus sagt nur sein „Folge mir nach“, und lassen alles liegen und stehen, um sich ihm anzuschließen. Wenn man das theologisch ein bisschen durchdenkt, dann erinnert das an die spontane Schöpfung Gottes, der nur ein Wort sprechen braucht und alles geschieht ohne Zögern; wie und was immer er will: Es ist der Gott Abrahams, Isaacs und Jakobs, aber dieser Gott hat etwas Neues vor!
Dass der Menschensohn ganz Gott und ganz Mensch war, das war etwas ganz Neues, dass die Engel entzücken und den bösen Bruder bis ins Mark erschaudern ließ. Mitten dazwischen geschieht etwas Feierliches. Christus erwählt den Petrus und gibt ihm seinen neuen Namen, der mehr Bezeichnung seines neuen Lebens, als ein Name ist. Simon heißt jetzt Petrus, und Christus sagt: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Auch die Kirche ist etwas ganz Neues, ein neues Volk Gottes und das große Geschenk, das Christus den Menschen auf der Erde hinterließ. Darüber wird noch etwas mehr zu sagen sein. Ohne eine gediegene Lehre von der Kirche ist der Zölibat nämlich nicht verstehbar. Auch er ist nämlich in gewisser Weise etwas ganz Neues.

Der Zölibat und die Liebe

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Es soll von der einen Liebe in den drei Ausfaltungen, Gott, Sakrament, Kirche die Rede sein, um den Zölibat verstehen zu können. Zur Erklärung ein Beispiel aus einer ganz anderen Welt.
Der Mafiaboss Carmine Galante versorgte ganz Nordamerika mit tonnenweise Heroin. Er gehörte zu einer italienischstämmigen Mafiafamilie in New York. Die Leute seiner Gang nennen sich gern ehrenwerte Herren. Das sind sie aber nicht, sie kleiden sich nur so. In Wahrheit sind sie das genaue Gegenteil. Sie sind Schurken, und das lässt sich erklären. Die Leute von der Mafia tragen teure Anzüge, sie fahren große Autos und gehen gern mit feinen Leuten fein essen. Sie sind liebevolle Familienväter, sie handeln wie verlässliche Freunde und sie verdienen jede Menge Geld. Nach außen hin stimmt das Bild, aber das Geld, das sie verdienen, das bekommen sie auf Kosten armer Leute, die immer ärmer werden, damit sie reich sein können. Sie bekommen es auf Kosten junger Leute, die sie mit ihren Drogen in die Abhängigkeit führen, und ihre Familien vernichten. Wüssten sie das nicht, dann wären sie unschuldig, aber sie wissen es, und es belastet ihr Gewissen. Das aber muss abgestumpft werden, indem sie die Wahrheit verdrängen. Darin liegt ihre Sünde.
Die Sache ist nun die: Der Mensch hat die Fähigkeit, derartige Wahrheiten zu erkennen und zu wissen. Damit hat er auch die Pflicht, sie sich vor Augen zu halten, das Gewissen wach zu halten, damit sie nicht werden wie Carmine Galante. Es gibt eine Pflicht zur Wahrheit, was nicht immer gesehen wird, und diese Pflicht ist von intellektueller Natur.
Dazu ein Wort, anhand der Freude als Beispiel. Wer gern Geige spielt, der hat unmittelbare Freude beim Geigespielen. Die Freude entsteht direkt, beim Spielen, wie die Freude am Essen direkt beim Kauen, Schmecken und Verschlingen entsteht. Sinnliche Genüsse sind direkte Genüsse, sie stellen sich sogleich ein, wenn der Sinn gereizt wird.
Wenn ein Geigenspieler Freude ein Konzert gibt und Freude daran hat, dann hat er das auch. Weiß er aber, dass seine Mutter in der ersten Reihe hat und die gleiche Freude genießt, dann hat er eine doppelte Freude. Die Freude, der Mutter eine Freude zu machen, kommt über einen Umweg daher. Sie kommt aus dem Wissen um die Umstände und aus dem gedanklichen Kombinieren. Man weiß es, wenn jemand zuschaut und man freut sich an seiner Freude. Das kann schon jedes Kind, wenn es Purzelbäume schlägt. Dennoch geht diese Art Freude über den, wenn auch noch kleinen Verstand. Später, wenn es mehr wissen kann, nehmen die Möglichkeiten, solche Freuden zu haben, zu.
Die Liebe zur Eucharistie ist eine Verstandestugend. Sie kann der nicht haben, der nicht weiß, woher sie kommt, was sie ist und was sie bedeutet. Sie schmeckt wie Brot und sieht aus wie Brot. Sie riecht wie Brot und wird wie solches trocken. Die Kirche verlangt daher, dass nur der sie bekommen darf, der mit seinem Verstand bereits fähig ist, zu wissen, dass es Christus, und somit Gott ist. Wer zur Kommunion geht, sollte wissen, dass sie sich dem liebevollen Opfer Jesu für uns verdankt. Bevor man die übergroßen Freuden der Eucharistie empfinden kann, muss man nicht nur unterrichtet sein. Man muss die Dinge auch im Herzen erwägen, um ein biblisches Wort zu gebrauchen. Auch da gibt es eine Pflicht zur Wahrheit.
Manchmal schlagen Leute, die kurz in die Werke des heilige Thomas über Gott schauen, die Bücher zu und sagen, das sei doch alles gar nicht nötig. So weit müsse man doch nicht gehen, so genau bräuchte man doch nicht drüber nachzudenken. Dem kann ordentlich widersprochen werden. Thomas liefert Stoff zum Nachdenken, und zwar so viel wie Menschen überhaupt liefern können. Das tut er aus der Überzeugung, man könne Gott viel besser lieben, wenn man möglichst viel über ihn wisse.
Als Katholik sollte man also wissen, wer Gott ist, was das Sakrament ist und was die Kirche ist. Das eröffnet die Möglichkeit, zur Liebe zu gelangen, die letztlich nur eins ist: Dankbare Liebe zu Gott. Im Buch der Apokalypse gibt es einen Vorwurf von Gottes Seite, der mich immer erschaudern ließ: „Ich werfe dir vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“ Das ist möglich, wenn man die Wahrheiten vergisst, weil man sie nicht mehr bedenkt. Ein Zölibatärer, der seine Liebe nicht erwägt, hat mit seinem Leben vermutlich kaum eine Chance, wie eine Ehe keine Chance hat, wenn in ihr die erste Liebe vergessen wird.

Der Zölibat und seine Angemessenheit

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Meine letzte Behauptung lautete, wer Priester werden will, der muss er drei Dinge lieb haben, und zwar Gott, die Kirche und die Sakramente. Davon muss gesprochen werden. Wann immer man irgendwo vom Zölibat reden hört, kommen gleich die Worte Zwang, Auflage, „nicht dürfen“ vor, und alles hat die Stimmung, wie wenn sich die Kandidaten mit der Weihe ins Straflager des Lebens zu begeben hätten. Dahinter steht wie selbstverständlich eine Annahme, die ganze Sache hätte eine gute und eine böse Seite. Der Liebe Gott ist die gute und die Kirche ist die böse Hexe, die sich schlimme Dinge ausdenkt, um ihre Kinder zu quälen.
Als ich studierte, herrschte in ziemlich weiten Kreisen eine solche Meinung, nach der der Liebe Gott in der Kirche geradezu einen bösen Gegner hatte, wie wenn die Guten im Märchen die Angriffe des Bösen abwehren müssen.
Das erinnerte deutlich an die Stimmung der schlechten Laune, in der die Sätze mit „Das machen die ja sowieso nur, weil“ anfangen. Schlechte Laune macht aber ungerecht, und die Annahme von der bösen Kirche werden der Sache ebenso nicht gerecht. Um zum Begreifen der Wirklichkeit vorzudringen muss man erst eine Wolkenschicht der Verdächtigung durchdringen, was oft gar nicht leicht ist. In den Streitereien zwischen den Konfessionen gibt es das auch. Die Protestanten sagen, die Katholiken seien „ja sowieso nur“ und die Katholiken sagen das gleiche in die Gegenrichtung. Wann immer das so ist, verbaut man sich jede Möglichkeit, den jeweils anderen wirklich kennen zu lernen und seine Wirklichkeit zu verstehen.
Vielleicht sollte zuerst gesehen werden, dass Christus, der Gründer und Herr der Kirche nicht so denkt. Er ist Gott und Mensch zugleich, und in der kleinen Summe hat der heilige Thomas ein eigenes Kapitel, in dem er zeigt, dass Gott nicht hassen kann. Jesus sagt bei Matthäus, er werde „seine Kirche“ auf den Felsen Petri bauen. Er verspricht seiner Gründung, dass er sie niemals verlassen werde. Nicht mal die Höllenkräfte würden sie überwinden können. Die Kirche ist bleibend im Herzen ihres Gründers. Sie hat von der menschlichen Seite her wohl ihre Flecken, Runzeln und dunklen Kanten. Sie ist von ihrem Wesen her aber immer eine wurzeltief heilige Sache, weil sie sich aus Gott ernährt, wie wir noch sehen werden. Unsere Rede vom Zölibat hat das Verständnis dieser Dinge zur Voraussetzung. Er kann anders im Ansatz schon nicht verstanden werden.
Vor Tagen hat ein schätzenswerter Freund gesagt, der Zölibat sei historisch gesehen eine eher fragwürdige Angelegenheit. Der Gedanke geht vermutlich etwa so: Die Forschung der Geschichte hat herausgefunden, dass der Zölibat sich zum einen erst im Laufe der Kirchengeschichte geformt hat, und zweitens hat man gesehen, dass die Leute, die an ihm gearbeitet haben, zum Teil eher windige Gestalten waren. Vielleicht vergleichbar mit den Leuten, die mit der Annahme, der Wald in Europa würde sterben oder Kohlendioxid sei schädlich für das Klima, die Leute an der Nase herumführen. Wenn das alles für den Zölibat zutrifft und er ist vom Menschen gemacht, dann wäre es in der Tat an der Zeit, ihn endlich zu kippen. Ich vermute hier aber wieder eine Stimmung, in der man die Dinge nicht mehr richtig sehen kann. Ein Gedanke dazu. 
Der heilige Thomas geht oft mit ziemlich strengen Beweisen zur Sache, etwa, wenn er zeigt, dass man bei wachem Verstand dieses oder jenes eigentlich nicht anders sehen kann. Es gibt aber auch einen großen Strang seines Denkens, der ganz anders sieht, nämlich mit sogenannten Argumenten für die Angemessenheit. Ein Argument für Angemessenheit sagt, dass eine Sache zur anderen passt. Es ist angemessen, sich beim Besuch der Oper höflich zu kleiden. Es ist angemessen, sich vor dem Essen die Hände zu waschen und es ist angemessen, sich zum Schlafe die Kammer zu verdunkeln.
Der feine Anzug ist einfach die richtige Kleidung für die Oper. Saubere Hände sind das einzig Wahre zum Essen und „man“ schläft im Dunkeln. Ausnahmen bestätigen die Regeln, aber es sind Regeln. In der gleichen Stimmung ist zu fragen, ob der Zölibat der Eucharistie angemessen ist. Wohlgemerkt, geht es hier zunächst gar nicht um das Leben und Wohlfühlen der Priester, sondern um die Frage, wie man dem Sakrament der Eucharistie gerecht wird.

Der Zölibat und seine negativen Argumente

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Wenn es darum geht, die Ehelosigkeit der Priester  zu verteidigen, habe ich, formell gesehen, mein Pulver schon verschossen. Es gibt viele Gründe, die seitens der Verteidiger angebracht, zum Beispiel etwa, ein unverheirateter Mann sei vielseitiger einsetzbar und sozusagen freier für den Dienst an Gott. Das Argument ist biblisch. Paulus schreibt, ein unverheirateter Mensch könne sich prinzipieller um das Himmelreich sorgen, als einer mit Familie. Einem verantwortlichen Familienvater muss die Familie vor allem gehen, sonst dürfte er kaum ein besonders guter Vater genannt werden.
Thomas kennt das Argument auch, etwa wenn er schreibt, die Mönche in den Klöstern seien einfach „freier für Gott“, was wohl eine schlichte Tatsache ist. Man kann das Argument wohl bringen, ich versuche es allerdings eher zu meiden, weil ich es nicht für stark genug halte. Wenn ein junger Bekehrter beim Bischof klopft, um sich in den Dienst rufen zu lassen, dann wird dieser ihn kaum zur Weihe schicken, wenn er den Zölibat aus nur diesem Motiv halten will. Frei zu bleiben ist ein praktischer Grund. Er ist stichhaltig, aber zu wenig für einen Lebensentwurf. Das Argument ist ein zu negatives Argument, was ich gern erklären würde. Hin und wieder hört man schon mal, früher sei das eine oder andere Mädchen aus enttäuschter Liebe ins Kloster gegangen. Diese oder jene hätte ihre eine, große Liebe nicht abbekommen. Da sie einen anderen nicht wollte, hätte sie genau so gut ins Kloster gehen können. Ich weiß nicht, ob derlei Geschichten stimmen, aber weder früher, noch heute hätte ein guter Verantwortlicher im Kloster sie genommen. Der heilige Benedikt schreibt, das erste, was die Brüder an einem Kandidaten erkennen müssen, um ihn aufnehmen zu können, ist seine aufrichtige Gottsuche. Man sucht Gott nicht, nur weil man in der Welt nichts mehr zu verlieren hat. Ich würde eher meinen, man sucht Gott, weil man in der Welt von ihm gefunden wurde. Das Argument, in der Welt nichts zu haben, ist negativ, weil es nicht positiv irgendwohin zeigt. 
In ähnlcher Weise negativ ist das Argument der Praxis: Nicht heiraten zu wollen, um frei für Gott sein zu können. Wenn ein Bräutigam um die Hand seiner Prinzessin anhält und kein anderes Argument hat, als für sie sorgen zu wollen, dann ist das zu wenig. Das erste sollte schon sein, dass er sie lieb hat, wie keine andere.
Ein weiteres, häufiges Argument für den Zölibat ist unchristlich und wird von den Gegnern häufig angeführt. Es ist das Argument der kultischen Reinheit. Die Römer hatten ihre Tempeljungfrauen, die für die Zeit ihres Dienstes am Heiligtum allem Werben aus der Männerwelt gefälligst einen Korb zu geben hatten. Auf Verstoß stand die Todesstrafe. Aus ähnlichen Erwägungen sei in der Kirche der Gedanke aufgekommen, die Priester müssten für die Zeit ihres Dienstes geschlechtlich enthaltsam leben, um sozusagen rein am Altar stehen zu können. Das Argument ist unchristlich, weil es dem Geschlechtsleben etwas Verunreinigendes unterstellt. Es mag Christen geben, die Ähnliches denken. Sie dürften allerdings unter Verdacht stehen, ihren eigenen Glauben nicht zu kennen und einer schlechten Dogmatik nachzulaufen. Auch dieses Argument ist, so schlecht es daher kommt, eher negativ. Im Mittelalter gab es große Sekten und Bewegungen, in denen man solches verkündete, und zur Forderung erhob, die Erlösten und Erleuchteten müssten sich dem Sex verweigern. Solche Sachen wurde von der lateinischen Großkirche immer mit der Vehemenz eines Drachen zurück gewiesen, der seine Schätze verteidigt.
Der Grund, ein Leben ohne Familie führen zu wollen, muss durch und durch positiv und somit aus einer Liebe motiviert sein. Formell habe ich ihn schon genannt: Der Priester kann den Liebesbund der Ehe nicht eingehen, weil er seinen Bund schon mit dem Altar geschlossen hat. Formell kann man das ganz gut herleiten. Von Seiten der Liebe aber, die gefordert ist, lässt sich nichts mehr gut erklären. Die Liebe ist eine mystische Angelegenheit, und die Mystik passt nunmal in kein Lehrbuch. Wieder formeller werdend lässt sich aber sagen, es muss beim Kandidaten schon eine Art heilige Dreifaltigkeit der Liebe sein, in der Gott, die Kirche und die Sakramente in einer einzigen Liebe geliebt werden.