Von der Richtung der Aufgabe

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Achtung, bitte um Geduld mit mir. Heute gleich drei Kapitel. Nachdem eine ganze Weile Schweigen war, hatte ich heute Zeit und Laune, gleich etwas mehr zu Papier zu bringen. Und wenn ich nicht gleich veröffentliche, wird das wieder nichts. 

Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ich glaube, wir müssen doch noch mal etwas genauer von der Sünde im Allgemeinen reden, damit nicht wieder alles in die falschen Hälse gerät. Das ist nämlich sehr oft der Fall. Die einen regen sich auf, wenn das Wort Sünde fällt, wie Kinder, denen man die Spielzeuge wegnehmen will. Andere machen den Eindruck, Sünde sei alles was Spaß macht, und man kann kaum über eine Blumenwiese laufen, ohne gleich den Beigeschmack des schlechten Gewissens haben zu müssen. Dann gibt es noch die Dummköpfe, die die Welt in ein Kloster verwandeln wollen, wo sogar das schlichte Musikhören als verboten gilt. Die nennen das „haram“, einfach verboten, um nicht erklären zu müssen, was man nicht erklären kann. Allen gemeinsam ist das Moralische, der erhobene Zeigefinger und das Lied der Anklage, allerdings einigermaßen wenig bei sich selbst, das wäre so schwer auszuhalten.

Thomas macht das ganz anders. Er redet völlig unaufgeregt von der Sünde, gern allgemein, sachlich und vor allem ohne diese dauernden Emotionen, die unschuldig daher kommen, aber immer für Streit sorgen.

Sünde gibt es auch ohne Schuld, aber es gibt keine Schuld ohne Sünde. Sünde ohne Schuld ist zum Beispiel die Erbsünde, die wir haben, für die wir aber nichts können. Sie ist uns zu einer Aufgabe geworden, die wir uns nicht selbst gegeben haben, die uns aber das Leben aufgibt. Wer zum Zorn neigt und als Morgenmuffel die Küche betritt, der hat die Aufgabe sich am Riemen zu reißen, um seine Leute nicht dauernd zu nerven und ihnen die Welt zu verleiden. Jesus hat uns mit seinem „seid vollkommen!“ eine Aufgabe gegeben, die wir auf Erden nie ganz erledigen können. Wir sollten sie aber auch nie ganz aus den Augen verlieren.

Um es gleich zu sagen: Wir sind hier in der Schule des heiligen Thomas, und hier kann man einen Grundsatz formulieren. Die Sünde loszuwerden ist wohl eine Aufgabe. Aber die kleinsten Schritte in die Richtung schenkt immer Freiheit und jeweils größte Freude. Wir sind gewohnt, es anders herum zu betrachten und glauben nicht immer an die Schönheit unserer Ziele. Wie ein Drogenabhängiger, der vor dem Entzug nur die Schmerzen sieht. Besser und viel motivierender wäre, er würde die Freude, die Freiheit und das lohnenswerte Leben danach vor Augen haben. Bei Thomas ist der Kampf gegen die Sünde immer zugleich das Erlangen der sogenannten Tugenden, und die zu erwerben und zu haben macht leichtfüßig, freudevoll und frei. Das ist die Richtung und offenbart den Irrtum der oben genannten Dummköpfe. Die Welt in ein Schweigekloster zu verwandeln macht nicht nur am Anfang schon keine Freude. Das Ergebnis ist ebenso Grauen erregend. Auch die Welt, die irgendwelche moralischen Betschwestern errichten wollen, dürfte am Ende in keiner Weise erstrebenswert sein. Ich will weder die Medizin, noch den Zustand, den sie Gesundheit nennen. Thomas, der immer über die Betrachtung der Ziele an die Dinge geht, hat eine freudevolle Lehre, weil die Ziele in der Arbeit an ihnen schon anfangen, sich zu verwirklichen.

Ich habe den so oft daher geleierten Satz vom Weg, der das Ziel ist, lange nicht verstanden. Wie kann ein Weg erstrebenswert sein, der ohne Ziel sein kann? Ich habe das immer für die Parole eines bemitleidenswerten Atheismus gehalten, der traurig auf den Himmel verzichten muss und sich deshalb den Weg schön redet. Anfreunden kann ich mich erst in der Schule des Meisters: Wer zum Beispiel anfängt, sich die guten Eigenschaften, die Tugenden genannt werden, aufzuspielen, der beginnt sie gleich vom ersten Tag an zu haben, noch nicht fertig, aber schon wirklich. Das heißt, das Ziel schiebt sich beim Gehen und vom ersten Schritt an bereits unter die Füße. Ein bekannter Therapeut hat mir einmal nicht ohne Stolz erzählt, er arbeite so: Gleich auf das leuchtende Ergebnis und auf die vorhandenen Ressourcen blickend, freudevoller anfangen. Das sei viel besser, als immer in der Vergangenheit zu graben und sich damit die Energie zu nehmen. Auch nicht ganz ohne Stolz konnte ich auf mein Bücherregal zeigen, wo das alles schon in achthundert Jahre alten Schinken zu lesen steht.

An der Sünde arbeiten bedeutet nach diesem Schema also eher, sich guten Mutes und an die Fehler im eigenen Getriebe machen. Das also vorab nochmal.

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Engel sind Draufgänger

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Der Mensch ist ein faules Wesen. Das meine ich jetzt überhaupt nicht abwertend, im Gegenteil. Die Faulheit steht nur an den Arbeitsplätzen im schlechten Ansehen. Überall, wo es darauf ankommt, möglichst durch Leistung zu glänzen, hat der, der nicht viel zustande bringt den Ruf eines Faulpelzes oder Nichtkönners, was nicht weniger unangenehm ist. Überall aber, wo Leistung nicht interessiert, ist es schick, faul zu sein oder wenigstens faul sein zu können. An den feinen Hotels der reichen Leute wird gerade der am meisten bewundert, der am faulsten herumliegt, weil er sich von Leuten, die das nicht können, bedienen lassen kann.

Ein Blick in die Welt scheint uns zu zeigen, dass die Faulheit auch in der Natur eher eine Tugend, denn ein Laster ist. Gute Pferde springen nicht höher, als sie müssen, und der Löwe läuft nur hinter der Gazelle her, wenn er Hunger hat. Er liegt sicher viel lieber gesättigt im Schatten der Savanne als dass er in der Hitze seine Kalorien verbrennt. Ich mache übrigens auch lieber Ferien, als dass ich tagaus tagein hinter den ständig knappen Kohlen herlaufe.
Faulheit ist nichts Schlechtes, wenn man sie sich leisten kann, deshalb kann ich mir vorstellen, dass man im Himmel wohl den Rasen mähen kann, aber nicht muss.  Letzteres würde nicht passen, arbeiten müssen ist eine Folge des allgemeinen Mangels, und wo Überfluss herrscht, ist auch das überflüssig.

Es gibt noch ein größeres Feld, auf dem die Faulheit fehl am Platze ist, nämlich überall da, wo man sich nicht gehen lassen sollte. Wie ich hörte, gibt es Hunde, die sich beim Futtern gehen lassen, und solche, die nur so viel fressen, wie ihnen gut tut. Denjenigen, die sich gehen lassen, sollte man vermutlich nur so viel geben, wie gut für sie ist. Wer sich zurückhalten kann, dem braucht man nichts zuteilen, weil er das selber macht.
Leider verstehen wir unter sexueller Aufklärung offenbar nur eine Erklärung, wie man Kinder macht und wie man sie verhütet. Kaum einer bedenkt, dass sexuelle Aufklärung vor allem eine Schule der Klugheit sein sollte. Kluge Vögel bauen Nester, bevor sie Eier legen. Gerade die Sexualität ist ein Feld der menschlichen Befindlichkeit, auf dem eher kurzweilige Dinge für das ganze Dasein bedenkenswerte Folgen haben können. Das gilt für die Frage, wie man sich selber im Spiegel ansehen kann, und das gilt für die ganze Chemie des Zusammenlebens. Die Sexualität birgt das tiefste Geheimnis des Menschen, sie berührt auf mysteriöse Weise viel tiefer unsere Seelenschichten als alles andere, was wir mit dem Körper anstellen können. Auf keinem anderen Feld der Welt kann man sich größere Wertschätzung entgegenbringen und tieferes Leid verursachen. Was am empfindlichsten ist, das bedarf am meisten des Schutzes, deshalb sollte man vor das Tor der Sexualität als Wächter die schöne Tugend der Klugheit stellen. Was die allgemeine Schönheit des Menschen angeht, hat das sich gehen lassen also seine Grenze, und schön meint jetzt viel weniger schlank und reich, sondern einen Glanz, die vom inneren Adel her kommt.

Ich bin auf das alles gekommen, weil ich auf einen Satz gestoßen bin, der sagt, die Engel hätten keine Werkzeuge, sich in irgendwas zurück zu halten. Das heißt, worauf immer sie sich richten, darauf stürzen sie sich mit ihrem gesamten Engelsein. In ihnen ist nichts, das sie aus Gründen der Vorsicht oder sonst der Klugheit bremsen müsste. Das liegt an ihrer Einfachheit. Engel sind nicht kompliziert, wie wir, die wir in einer komplizierten Welt leben. Sofern Engel denken, tun sie das nicht durch einen komplizierten Apparat, wie wir, die abwägen, vergleichen und Schlüsse ziehen müssen, um klar zu sehen. Engel sehen und sie sehen gleich alles ganz, was sie sehen. Da braucht es das Hin und Her der menschlichen Welt nicht. Wenn Engel lieben, dann lieben sie ganz und gar, wenn sie hassen, dann hassen sie ganz und gar. Das letztere, das kann ihnen zum Problem werden, aus dem sie nicht mehr heraus steigen. Wer ganz und gar liebt, der hasst nicht. Das ist gut und das große Ziel. Wer aber ganz und gar hasst, in dem regt sich auch nicht mehr die kleine Glut der Liebe. Das beschreibt das Geheimnis, warum die Hölle der Engel einen Ausgang hat, der weit aufsteht, durch den aber niemals jemand heraus marschiert – weil er überhaupt nicht will.

Quelle:
Sth I, 63, 8, ad 3: „Ad tertium dicendum quod, sicut supra dictum est, Angelus non habet aliquid retardans, sed secundum suam totam virtutem movetur in illud ad quod movetur, sive in bonum sive in malum. – „Zum dritten ist zu sagen, dass der Engel nichts hat, was ihn zurückhält. Vielmehr bewegt er sich mit seiner ganzen Kraft zu dem, was ihn bewegt, sowohl zm Guten, wie zum Schlechten,“

Ein Adel, der von innen kommt

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Wie gesagt, wir sprechen gerade über etwas, was die Engel nicht nötig haben. Engel müssen sich nicht bemühen, gerecht zu sein. Engel brauchen sich für die Klugheit nicht anstrengen. Sie haben es nicht nötig, tapfer zu werden. Maßhalten heißt, nicht aus dem inneren Gleichgewicht fallen. Auch das brauchen die Engel nicht.
Es mag vielleicht uns am Anfang etwas komisch klingen, aber mit den Worten des heiligen Thomas sind die Engel schon immer alles, was sie sein können. Das macht den großen Unterschied. Alle Wesen auf Erden können von innen her etwas aus sich machen, Engel nicht.

Bäume können sich ins Licht strecken, Löwen können das Jagen üben. Engel sind vom ersten Augenblick ihrer Erschaffung innerlich ganz fertig. Sie wachsen und reifen nicht, sie pflanzen sich nicht fort. Jeder Engel ist ganz einzeln geschaffen. Aber: Auch sie können etwas werden, und zwar glücklich oder auch nicht. Bei aller Verschiedenheit brauchen auch die Engel, wie wir, jemanden zum glücklich sein, der sie nicht selbst sind. Aber weil sie schon immer zur Reife gekommen sind, brauchen sie quasi nur noch den Lieben Gott. Wenn man so möchte, stehen die Engel nur noch vor ihrem letzten, großen Ziel.
Das ist bei uns zugleich ganz ähnlich, zugleich ganz anders. Um das ganze Glück zu bekommen muss man dort hin gehen, wo alles Glück sich bündelt. Das ist gleich: Die Christen nennen das Ankommen an der Quelle ihr großes Glück. Kinder bekommen heißt im Grunde den Himmel bevölkern. Da wir aber Erdenwesen sind, brauchen wir Erdenwesen zu unserer sozusagen vorgeschalteten Vollendung. Das Unterscheidende in der Tugendlehre ist nun, dass eigentlich nicht das Einhalten von Geboten den Himmel sichert, sondern ein den Menschen gemäßes Reifen und hinein wachsen. Wenn man die Gebote unbedingt mit hinzunehmen will, dann sind es die Tugenden, die uns überhaupt geneigt und fähig machen, sie zu halten.

Tugenden können nur Menschen haben. Jeder gesunde Windhund mit vier Beinen kann laufen. Damit aber Windhunde an Hunderennen teilnehmen können, müssen sie ihre natürliche Vorgabe besonders trainieren, und es gibt vermutlich nur einen einzigen, der sich den Titel „Schnellster Windhund der Welt“ um den Hals hängen kann.
Nun werde ich mich mit Tierschützern vermutlich den lieben langen Tag über die Frage streiten können, ob es für Windhunde gut ist, sie um das menschliche Vergnügen oder um der Wetten willen, die wir bei Rennveranstaltungen abschließen, zum Laufen zu bewegen. Dem Streit aber mit Tierschützern würde ich genau so entschieden aus dem Weg gehen wollen, wie einem Streit mit Vegetariern, wenn es sein muss, mit dem Tempo eines Windhundes. Das rennen können, kann keine Tugend sein, weil rennen können einen nur äußerlich schneller macht.

Die Tugenden, so sagt es die klassische Schule, sind innerliche Fähigkeiten, die man ausbauen kann, um den Menschen zum allgemeinen Guten hin verbessern. Thomas sieht sogar, dass man die Tugenden gar nicht zum schlechten missbrauchen kann. Man kann die Fähigkeit, gerecht zu sein, nicht für zur Ungerechtigkeit gebrauchen, denn dann ist man ja nicht mehr gerecht. Man kann seine Fähigkeit, tapfer zu sein nicht zur Feigheit einsetzen. Wer sich im Maßhalten geübt hat, ist innerlich irgendwie kräftiger geworden. Diese Kraft braucht man nicht, um sich gehen zu lassen. Ein Läufer kann seine Fähigkeit, 
schnell zu laufen,
nicht dazu missbrauchen, 
hinterm Ofen zu liegen.

Wenn der Mensch sich in den Tugenden bemüht, dann macht er was aus sich. Er lässt sich nicht gehen, sondern müht sich, ein Guter zu werden und zu bleiben: Klug eben, gerecht, bereit, für seine Ideale einzustehen und nicht aus einer gewissen Harmonie zu fallen. Das entspricht etwa dem klassischen Ideal vom Menschen, und heute wird man wohl sagen können, verlangen die Chefs florierender Unternehmen das alles von ihren leitenden Angestellten. Aber auch das ist nur äußerlich.
So ein Typ Mensch ist der heilige Thomas beileibe nicht. Er war sehr dick, wie es heißt, und ein ausgesprochener Freund von Lebensmitteln. Man hätte den Herrn Professor wohl kaum in bunter Kleidung in den Wäldern schwitzen sehen, um eine gute Figur zu machen. Aber Thomas war von adeliger Herkunft, und so wie er auch als Mönch das gute Leben zu schätzen wusste, so stimmte er in seiner Tugendlehre das Lied einer Art inneren, seelischen Adels an.

Gute Eigenschaften

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Was wir heute besprechen, brauchen die Engel nicht. Angeschoben ist das ganze von einer kritischen Frage, die gestellt wurde: Ob man ohne Gottes extra Licht im Herzen sein eigenes Tun nicht beurteilen könne. Ich hatte gesagt, Intellitgenz allein reiche nicht. Sie müsse auch irgendwie vom Licht beschienen werden. Es ist klar, dass da die Frage herabsteigt, was das denn für ein Licht sein könne und woher es komme. Ich habe gleich den Schöpfer ins Spiel gerufen und ihn als den Erleuchter sozusagen markiert. Heute trete ich an, um diese Karte zwar nicht wieder aus dem Spiel zu nehmen, wohl aber, um eine weitere dazu zu legen.

In allen möglichen Religionen und ähnlichen Systemen gibt es Kataloge, wie man sich zu benehmen hat. Manche haben Bücher, in denen die Frage geklärt wird, ob man Hühnchen mit Messer und Gabel essen soll. Andere schreiben vor, dass man tolerant zu sein hat, wenn man in Ordnung sein will. Weil die Toleranzgrenze so schwammig ist, schreiben sie meistens gleich auch irgendwo dazu, gegen wen man tolerant sein muss und gegen wen nicht. Andere Systeme haben Gesetzbücher, wieder andere haben nur ein Gesetz, nämlich dass man sich eigentlich benehmen soll, wie man will. Das führt manchmal zu skurrilen Situationen, etwa wenn Kinder fragen, ob sie heute wieder tun müssten, was sie wollen. Bei den Religionen gibt es häufig Gebote, an die man sich zu halten hat, wenn man in der Spur bleiben will. Thomas und die Schule, aus der er kommt, präsentiert etwas ganz anderes. Er beginnt mit Eigenschaften, die man erwirbt, um gerne gut zu leben.

Beides ist hier von Bedeutung: Das Gut und das Gerne. Wichtig ist auch, nicht aus dem Kopf zu verlieren, dass es sich um Eigenschaften handelt. Wenn jemand über ein paar Jahre geübt hat, Posaune zu spielen, dann hat er die Eigenschaft, ein Posaunespieler zu sein. Die Grundlagen hat jeder. Jeder kann in ein Horn pusten, jeder kann Luft holen und die Töne bedienen. Um aber ein Posaunespieler zu werden, dazu braucht es Übung. Wer aber gelernt hat, der spielt im Schlaf und spielt in aller Regel seinen Leuten auch gern etwas vor. Die nervige Blockflöte der kleinen Tochter des Nachbarn möchte schließlich irgendwann zum Einsatz kommen. 
Musiker spielen gern ihre Instrumente, weil sie es gelernt haben und weil es Freude macht, das Gelernte zu präsentieren. So ist es auch mit den Eigenschaften, von denen die alte Schule spricht. Nur sind es da keine Instrumente zum Musik machen, sondern Eigenschaften, die einen zum guten Menschen werden lassen, wie es heißt.
Ich nenne die Eigenschaften kurz. Sie heißen Klugheit, Gerehtigkeit, Tapferkeit und Maßhaltung. Um es gleich zu sagen, Thomas nennt sie zwar und gibt ihnen einen besonders hohen Platz in seinem System. Sie sind aber nicht von ihm, und eigentlich nicht mal von Christen. Der Römer Cicero hat bereits in höchten Tönen von ihnen gesprochen und die alten Griechen kannten sie auch. Thomas erkennt ihren Wert. Er ordnet sie sinnvoll und baut sie in sein System ein. Damit ist seine Lehre vom Benehmen des Menschen zunächst einmal keine von Geboten, sondern von Eigenschaften, die dem Musizieren gleichen.

Das heißt, wer gelernt hat, klug zu sein, der ist gerne klug und ist es wie von selbst. Das gleiche gilt von den anderen drei Tugenden. Der Gerechte ist gern gerecht, wer tapfer ist, mag das Tapfersein und wer gelernt hat, sein gutes Maß zu halten, der fält nicht mehr gern heraus. Wenigstens nicht auf Dauer.

Um zur Frage zu kommen: Das ist die zweite Karte, die auf dem Tisch liegt. Die Klugheit ist die eigentliche Fähigkeit, in der man sein Handeln beurteilen kann. So kann unser Kritiker mit einigem Recht sagen, dass der Liebe Gott zum Erkennen seiner selbst gar nicht genannt werden muss. Schließlich kommt dieses Wissen über den Menschen von den alten Philosophen. Das stimmt wohl. Auch der Christ Thomas kommt hier zunächst ganz gut ohne aus.
Nebenbei gesagt, hat mir immer ganz gut gefallen, dass wir in Sachen Benehmen Gott erst einmal nicht nennen müssen. Eine allgemeine Lehre vom Menschen können alle Menschen diskutieren. Wenn wir als Christen mit unseren Geboten kommen (über die wir wohl jetzt auch sprechen müssen), dann kommen wir bei denen nicht weiter, die keine Christen sind. Jeder Muslim, jeder Jude und alle Atheisten können uns jerderzeit mit einem lapidaren „was geht mich das an?“ stehen lassen. Aber dass vielleicht jeder sich in Gerechtigkeit üben sollte, darüber können wir mit allen reden. Die genannte vier Eigenschaften tragen übrigens den oft leider missverstandenen Namen Tugenden.

Die Wurzel des guten Benehmens

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Ich habe schon zu vielen Anlässen gesagt und geschrieben, dass ich nicht weiß, wie es ist, ein Atheist zu sein. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt und ich weiß nicht, was in meinem Fall alles anders wäre. Das Religiöse nämlich, wie ich es verstehe, ist nicht nur etwas, was man hat, wie ein Auto oder ein Stück Garten. Es trägt und prägt das Dasein, und hier weiß ich nicht, was mich prägen würde, wenn ich ein Atheist wäre.
Keiner kann sich in ein anderes Wesen hinein denken und seine Empfindungen haben. Thomas Nagel hat in diesem Sinn sicher Recht: Keiner weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.
Wenn wir müde sind, haben wir das Bedürfnis zu schlafen. Hängt sich eine Fledermaus in ihrer Höhle neben ihre Kameraden, dann denken wir vermutlich, sie hat das gleiche, wie das, was wir haben, wenn wir müde sind. Wir können aber nicht empfinden, was sie empfindet. Wir wissen, wie es ist, zu Bett zu gehen, aber keiner von uns weiß, wie es sich anfühlt, die Nacht lang kopfüber in einer Höhle zu baumeln und Fledermausaugen zu schließen.

Ich will auf etwas hinaus. Nämlich auf die Behauptung, dass man für die Frage nach dem guten Leben die Religion erst einmal nicht braucht. Sokrates hat ohne nennenswerten, religiösen Glauben die Frage gestellt, für die er berühmt wurde und die ihn zum Vater der Philosophen machte: „Was ist das Gute und wie wird man ein guter Kerl?“ Das heißt, man braucht den Glauben offenbar nicht, um auf die Frage zu kommen. Man braucht den Glauben auch nicht, um den Wunsch zu haben, irgendwie anders gut zu werden, als wie ein Schachspieler ein guter Schachspieler oder ein Bankräuber ein guter Bankräuber wird.
Wenn man am Grab über den Verstorbenen sagt, er war ein guter Mensch, dann meint man mehr als nur eine Sache. Man meint irgendwie alles an ihm. Selbst wenn er ein schlechter Geschäftsmann und kein besonders guter Fußballer war, kann er doch ein einfach nur guter Mensch gewesen sein. Um dieses Gutsein, das ein gewisses Gutsein schlechthin bedeutet, hat Sokrates sich als erster in der Philosophie Gedanken gemacht, und das aus dem Naturwuchs heraus, als Heide eben.
Ein paar Jahrhunderte später kam der Glaube in die Welt und wieder ein paar Jahrhunderte darauf war er allen bekannt, allerdings oft nur äußerlich. Das Christentum war wohl bekannt, aber nicht alle waren Christen. Ich will jetzt nicht das tiefe Fass mit der Frage aufmachen, in wie weit alle Welt christlich sein sollte. Die Diskussion darum gleitet heutzutage zu schnell ins Blöde ab. Die Dummköpfe aus den Reihen der Atheisten sagen, die Welt würde besser, wenn man die Religionen abschaffte. Das macht ihre Gegner mit ihrer nicht weniger törichten Ansicht nervös, einzig die Religion sei heilsam für die Belange der Welt. Dummheit und Nervosität aber machen Gespräche nicht gerade besser.

Der heilige Thomas, und lange vor ihm die aufgeklärten unter den Glaubensvätern diskutieren die Frage des Gut- oder weniger Gutseins nicht über ihre Religion und schon gar nicht über deren Abschaffung. Um hier weiter zu kommen begaben sie sich vielmehr in die Schule von Athen, um den Philosophen zu lauschen. Hier fanden sie dann auch die Antworten, nach denen sie suchten. Sie setzten sich sogar dem Verdacht der Fundamentalisten aus, hier eigentlich gar nicht mehr christlich zu sein. Hatte Christus dem jungen Manne doch gesagt, er solle die Gebote halten. Bleibt man dabei und nur dabei, dann kommt man aus der Schleife nicht heraus: Wer überhaupt gut sein will, der muss zuerst die Religion annehmen.
Die Alten machten es umgekehrt: Eigentlich muss man irgendwie erst ein guter Kerl im Sinn des Sokrates sein, um sich die Religion irgendwie überhaupt erst wünschen zu können. Auf den Punkt gebracht: Die Lehre vom Menschen und was sein Gutsein angeht, ist beim heiligen Thomas keine Lehre von Geboten und deren Einhaltung, sondern eine Tugendlehre, die der alte Cicero zur Zeit Cäsars bereits formuliert hatte. Das hat für jemanden, der sich in den Atheismus nicht hinein denken kann einen entscheidenden Vorteil: Er muss es gar nicht können, um mit Leuten, die weniger verbohrt sind als die neuen Atheisten und ihre gegnerischen Raufbolde ein Gespräch über das Gute führen zu können.

Thomas und die schlechten Priester

Bildschirmfoto 2013-12-27 um 11.58.40Ein Kommentar zu einigen Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie, Teil 2.

Ich habe mit dem Problem der Moral in der Kirche begonnen und muss wohl jetzt damit fortfahren. Mein Problem mit der Moral ist nicht, dass die Kirche eine Morallehre hat. Mein Problem mit der Moral ist eher zweierlei. Erstens, dass man allgemein zu glauben meint, die Kirche sei eigentlich um der Moral willen da und zweitens, dass man offenbar annimmt, die Morallehre der Kirche komme aus ihr. Zuerst zum zweiten: Die Morallehre des heiligen Thomas, um dessen Schätze es mir hier ja geht, ist im Grunde eine Tugendlehre. Den gesamten Teil der praktischen Tugenden übernimmt er aber aus der griechischen Antike, die Jahrhunderte vor Christus ihre Blüten trieb.
Thomas beschreibt und lobt die alten Kardinaltugenden, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und praktische Maßhaltung. Die haben bereits Sokrates, Platon und Aristoteles zum Thema gehabt und hinreichend behandelt. Thomas muss hier gar nichts dazu erfinden. Die Tugendlehre der Kirche gibt es lange vor ihr und ist kein Eigentum der Christen.
Der Anteil der sogenannten, theologischen Tugenden, die wir aus der Bibel haben, also Glaube, Hoffnung und Liebe, sind keine moralischen Veranstaltungen, wie man es übrigens von der Tugendlehre überhaupt kaum sagen kann. Dass man die Tugendlehre für eine Lehre vom brav gezähmten Bürgertum hält, verdankt sich gewissen Verbiegungen der Neuzeit.  Bei Thomas ist die Lehre von den Kardinaltugenden, wie in der Antike, keine Lehre vom guten Betragen, sondern eine vom gekräftigten und lebenstauglichen Menschen. Auch die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe sind keine Benimmregeln, sondern Geschenke, mit deren Hilfe wir in der Erkenntnis der offenbarten Wahrheit unserem Ziel näher kommen und nicht aus der Schiene gleiten.
Die Tugendlehre der Kirche ist eigentlich gar nicht ihr Werk und ihr Eigentum. Sie ist eine Lehre der praktischen Vernunft, um es einmal in der Sprache der Thomasleser zu sagen. Die Christen fordern den Schutz des Lebens an dessen Grenzen nicht, weil es zum Missionsauftrag der Kirche gehört, sondern, weil er vernünftig ist. Natürlich wollen wir das Leben schützen, weil es heilig ist. Das ist aber kein Argument im Gespräch mit denen, die nicht an Heiligkeit glauben.
Wenn die Morallehre der Kirche ihr Eigentum wäre, dann hätten wir kein Recht, Nichtchristen zu bitten, ihr zu folgen. Für den Schutz des Lebens kann man mit Sokrates und Aristoteles eigentlich besser plädieren, als mit dem heiligen Paulus, dem zu folgen die Gegner nicht verpflichtet sind. Auch dass man die Ehe nicht brechen soll, sollte man nach außen hin wohl besser mit der Vernunft verantwortlichen Denkens verteidigen. Ich weiß auch nicht, wie ich die Anerkennung behinderter Menschen als vollwertige Personen mit der Bibel rechtfertigen sollte.
Wenn man Politiker zur Aufgabe der Kirche befragt, kommt in aller Regel die hilflose Leier von der Vermittlung gewisser Werte. Das sind aber gar keine, die spezifisch kirchlich sind. Die Politiker fordern doch, dass wir die Werte der bürgerlichen Korrektheit verkünden. Die spezifischen Werte der Kirche wären solche wie Gottesliebe und Frömmigkeit. Dass wir die vermitteln, verlangt keiner von uns.
Frömmigkeit und Gottesliebe aber gründen nicht in der Moral, sondern in der Wahrheit, und die sollte in der Kirche eher zum Thema werden. Unsere gängigen Predigten verkündigen hilflos einen Glauben, insofern er gut für das Leben und nützlich für die Welt ist. Man sollte ihm aber doch eher anhängen und nachgehen, weil man ihn für richtig hält. Deshalb sollten unsere Amtsträger nicht immer nur daran gemessen werden, ob sie uns auch brav das gute Leben vorleben. Man sollte sie vielmehr danach abklopfen, ob sie mutig die Wahrheiten des Glaubens verkünden und ordentlich die Sakramente unter die Leute bringen.
Im zweiundachtzigsten Kapitel des dritten Buches der theologischen Summe stellt Thomas sich der Frage, ob ein schlechter Priester die Eucharistie konsekrieren, also die Messe feiern könne. Nach heutiger Laune jagt man die Bischöfe empört durch die Straßen, wenn sie nur im Verdacht stehen, die moralischen Standarts nicht zu erfüllen.
Thomas antwortet ganz anders und folgt der Lehre der Kirche, die diese Frage im vierten Jahrhundert bereits entschieden hatte: Ein Priester feiert die Messe nicht aus eigenem Vermögen, sondern als Diener Christi, in dessen Person er die Messe feiert. Es höre aber jemand nicht auf, ein Diener Christi zu sein, wenn er ein schlechter Diener wird. Vielmehr gehöre es zur Erhabenheit Christi, der Gott ist, dass er sich das Gute und das Schlechte dienstbar machen könne.
In meiner Familie hieß es immer, man muss die schlechten Pfarrer überleben, aber nie ist einer wegen einem nicht mehr zu den Gottesdiensten gelaufen. Sie wollten die Beichte und die Eucharistie, und die gibt es immer noch bei jedem Priester.

Die Kräfte des Guten in Gott

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,93: “In Gott gibt es moralische Tugenden.”

In Gott gibt es also keine Leidenschaften. Das bedeutet, nichts und niemand kann mit Gott etwas tun oder anstellen. Es gibt nichts, was ihn verändert, nichts, was ihn hinreißt und nichts, was ihn manipulieren könnte. Mit Gott also tut niemand etwas, er selbst aber tut jede Menge. Das darzulegen ist Thomas im dreiundneunzigsten Kapitel angetreten. Es gibt Leitungskräfte im menschlichen Leben, die sich auf passiven Vorgängen beruhen. Wenn wir essen müssen, hat uns der Hunger erwischt. Der Hunger stellt etwas mit uns an, nämlich, dass wir uns aufmachen und auf Nahrungssuche gehen. Wir nehmen das passiv hin. So etwas kann es in Gott nicht geben, haben wir gesagt, nichts wirkt auf ihn ein.
Es gibt allerdings auch Tugenden, die man haben kann, ohne etwas dafür erleiden zu müssen. Thomas nennt die Wahrhaftigkeit, die Gerechtigkeit, das freigebig und großzügig sein, die Klugheit und die Kunst. Thomas sagt, wenn diese Dinge in Gott sind, dann beeinträchtige das nicht seine Vollkommenheit.
Tugenden, hatten wir gesehen, machen den Tugendhaften besser. In diesem Sinn sagt Thomas, die Tugenden seien Vollkommenheiten des Verstehens und des Willens. Wenn jemand bespielsweise klug ist, dann versteht er die Welt besonders gut und will das Richtige in ihr tun. Ist jemand besonders klug, dann versteht er besonders gut und hat einen besonders festen Willen zum Guten. Da nun Gott in allem der Vollkommene ist, deshalb sind auch die oben genannten Tugenden vollkommen in ihm.
Thomas geht die Tugenden kurz durch und betrachtet die Kunst. Sie sei das ins Sein bringen eines Bildes, das zuvor nur im Verstand war. Der Künstler hat ein Bild im Kopf, das er in Stein oder Holz ausfertigt. Was Gott in der Schöpfung macht, ist demnach eigentlich nichts anderes. So stehe denn auch im biblischen Buch der Weisheit, der künstlerische Schöpfer aller Dinge habe Weisheit gelehrt.
Klugheit bedeute ein Erkennen, das den Willen auf ein bestimmtes Tun hin ausrichte. In Gott sei also Klugheit.
Mit der Gerechtigkeit verhält es sich ganz ähnlich, und hier gebraucht Thomas die klassische Formel für die Definition: Gerechtigkeit bedeute, jedem zu gewähren, was ihm zustehe. Gott wolle nämlich nicht nur das Ziel, sondern auch die Dinge, die es für das Erreichen brauche. Gott gibt, was man braucht, also ist er auch der höchste Gerechte.
Schöpfung heißt bei Gott, den Dingen sein eigenes Gutsein mitteilen. Das geschieht aber nicht, damit Gott etwas davon hätte, sondern eher, weil ihm, der Quelle alles Gutseins das Mitteilen der Güte sozusagen gut zu Gesichte steht. Die Schöpfung ist also eine reine, freie Gabe. Deshalb kann Gott mit Fug und Recht freigebig genannt werden.
So geht Thomas die Tugenden durch. Man müsse allerdings beachten, das ganze sei nicht auf die menschlichen Belange beschränkt. Das Beurteilen der Dinge komme nämlich nicht nur dem Menschen zu, sondern jedem Wesen, das Verstand hat. Thomas erkennt die menschliche Versuchung, alles von der eigenen Warte her zu sehen. Die genannten Tugenden könnten in dieser Einschränkung allerdings nicht in Gott vorkommen. Beim Menschen gehe es immer um das eigene Haus, um den Staat oder sonstiges. Dem Schöpfer aber gehe es um das Gutsein des gesamten Universums. So könne man die Tugenden Gottes sozusagen als Urbilder für unsere Tugenden nennen.

Gibt es Tugend in Gott?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,92: “Wie man in Gott Tugenden annehmen kann.”

Für das Kapitel zweiundneunzig müssen wir wieder den Habitus erklären, denn das müssen wir immer, wenn von ihm die Rede ist. Der Habitus ist beim heiligen Thomas ein sehr wichtiger Begriff, bei uns ist er gar keiner. Niemand spricht von seinem Habitus oder vom Habitus anderer Leute, oder er tut es, ohne zu wissen, dass der Habitus gemeint ist. Der Habitus ist eine Qualität, die man besitzen kann, die man aber nicht haben muss. Wenn wir eine Bank rot gestrichen haben, dann könnte sie auch weiß sein. Sie hat jetzt aber die Qualität, rot zu sein. Jemand kann etwas wissen, und was er weiß, das kann er sagen. Das ähnelt dem Habitus, ebenso wie das schon irgendwo genannte Klavierspielenkönnen. Wenn einer genug geübt hat und gut im Klavierspielen ist, dann hat er sich die Qualität eines Pianisten angeeignet, das Klavierspielenkönnen ist sein Habitus.
In der Lehre vom Menschen ist nun jede Tugend ein Habitus, und zwar ein Habitus, der den Betreffenden besser macht. Darauf kommt es aber gar nicht an. Wichtig ist hier, dass die Tugend aus dem Menschen in gewisser Weise etwas anderes macht, als er vorher war. Wenn aus einem unklugen Menschen ein kluger wird, dann eignet er sich den Habitus des Klugseins an. Am Ende ist er jedenfalls etwas, was er vorher nicht war, nämlich klug. Genau das, sagt Thomas natürlich, geht bei Gott nicht. Aus Gott kann nichts werden, weil Gott schon immer alles ist, was er sein kann. Deshalb kann es in Gott keine Tugenden im Sinn eines Habitus geben. In ihm ist keine Veränderung möglich.
Wenn wir jetzt aber sagen, die Tugend mache den Menschen besser, dann können wir etwas hinzudenken, was früher längst gesagt wurde:Alle Gutheiten der Welt sind auch in Gott. Es gibt kein Gutsein und keine Gutheit, die nicht in ihm wäre. Wenn das alles so ist, dann sind auch die Tugenden, die den Menschen gut machen, in Gott, und Gott schaut sie in sich mit Entzücken.

Was meint theologische Tugend?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Exkurs über die Hoffnung, Teil 6″.

Wer betont, dass die Hoffnung eine theologische Tugend ist, der sollte erläutern können, was das bedeutet. Nun weiß ich nicht, wo und in wie weit ich das im Rahmen meines Kommentars schon getan habe, also beginne ich in kurzen Strichen von vorn. Die Tugenden sind nicht das, wofür man sie hält. Im Allgemeinen glaubt man wohl, mit einem tugendhaften Mädchen könne man nicht viel anfangen und mit einem tugendhaften Jungen sei nicht gut Pferde stehlen. Mit dem Tugendhaften ist nicht viel los und sein Leben wird recht langweilig sein. In der klassischen Theologie ist das glatte Gegenteil der Fall. Tugendhaft ist, wer was aus sich gemacht hat, und zwar das beste, was er aus sich machen konnte.
Das Konzept von den Tugenden wurde übrigens nicht erst von den Christen erfunden. Es bestand in seinen Grundzügen lange, bevor es den neuen Weg der Christen überhaupt gab. Die Jünger Jesu fanden das Tugendkonzept vor und entdeckten mit ihm eine Sprache, die vorzüglich ausdrückte, was sie, vielleicht noch ganz ohne ein Konzept zu haben, in ihrem Glauben vom Menschen dachten.
Wo ich das gerade schreibe, erinnern mich das gerade an einen Gedanken, den ich liebe. Mein Glaube lehrt mich, dass ich eines Tages nach einer gehörigen Zeit im Fegefeuer glücklich in den Armen meines himmlischen Vaters landen kann. Ich weiß noch überhaupt nicht, wie das sein wird. Es wird alle kühnsten Träume bei weitem übersteigen. Es wird wahrscheinlich alles irgendwie ganz anders sein. Dennoch bin ich mir sicher, auch bei einem ganz neuen Erleben sagen zu können, dass ich mir genau das eigentlich immer gewünscht habe. Unsere Heimat ist der Himmel, schreibt der Apostel, und etwas völlig Unbekanntes kann keine Heimat sein.
So ähnlich werden die Christen empfunden haben, als sie der Tugendlehre der alten Griechen begegneten. Die Sprache und die Weise, die Dinge zu sehen muss ihnen sehr fremd gewesen sein. Sie müssen aber etwas gefunden haben, was sie irgendwie auch immer schon meinten: Ein tugendhafter Mensch ist gut und ein guter Mensch ist tugendhaft.
Das „Gut“ ist hier übrigens sehr allgemein zu verstehen. Im Allgemeinen meinen wir „gut“ immer in bestimmten Hinsichten, wie wir schon gesehen haben. Es gibt gute Kartenspieler, gute Pizzabäcker, gute Heiratsschwindler und gute Taxifahrer. Alle sind sie gut in ihrem Handwerk, die Güte in ihrem Spezialgebiet allerdings sagt nichts über den Menschen an sich. Genau das aber geschieht im Konzept der Tugend. Die Tugenden machen aus einem Menschen schlicht einen guten Menschen im allgemeinen Sinn, und die Tugenden können nicht zum Schlechten hin missbraucht werden.
Ein Beispiel. Die zweite Tugend aus dem bekanntesten Katalog ist die Gerechtigkeit, von der es eine ausgleichende und eine austeilende gibt. Ein gerechter Mensch hat den Wunsch und die Fähigkeit, die Güter der Welt entweder auszuteilen oder auszugleichen, bis jeder schlicht das erhält, was ihm zukommt. Wer die Tugend der Gerechtigkeit hat, der kann sie nicht zu ihrem Gegenteil missbrauchen. Wenn der Gerechtigkeitssinn sich verkehrt, ist er nicht mehr gerecht.
Wer nun den Blick wieder zur Hoffnung schwenkt und nur kurz hinsieht, dem wird wahrscheinlich aufgehen, dass hier was nicht stimmt. Wenn die Tugenden nicht verkehrt werden können, dann kann das, was wir als Hoffnung bezeichnen schwerlich eine Tugend sein. Die Tunichtgute dieser Welt hoffen nicht weniger inständig, ihre Pläne mögen aufgehen, wie ihre heiligen Gegenspieler.
Die Hoffnung im allgemein gedachten Sinn ist offenbar eher etwas Neutrales und lange nicht immer auf das Gute aus. Also ist sie keine Tugend. Hier würde der heilige Thomas sicher zustimmen. Er bleibt aber dabei, die Hoffnung ist eine Tugend, allerdings nur, wenn sie eine theologische Tugend ist.
In seiner theologischen Summe stellt der Meister sich einmal die Frage, ob sich die theologischen Tugenden von den anderen grundsätzlich unterscheiden. Er bejaht das, und  gibt seinen Grund an: Das Objekt der theologischen Tugenden, also das, worum sie sich drehen und worauf sie aus sind, sei Gott selbst, und das, insofern er das Ziel aller Dinge sei. Gott wird als das Gute schlechthin gedacht wird, wie wir gesehen haben. Also ist die Hoffnung sehr wohl eine Tugend, die keinerlei Missbrauch gestattet. Sobald sie nicht mehr auf Gott aus wäre, wäre sie gar nicht mehr.

Der Satanist und die Gottesliebe

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin:
Ein Exkurs zur Frage des Glaubens. Teil 12.

Wenn es ein Erlebnis gibt, das mir in Erinnerung bleibt, dann ist es das mit dem Satanisten, der sich taufen ließ. Ein junger Mann mit einschlägigen Erfahrungen bei den Teufelsanbetern. Er hatte es mit der Angst zu tun bekommen und war weggelaufen, als es daran ging, nicht mehr nur vom Tod zu sprechen, sondern ihn auch herbei zu führen. Die ganze Gruppe war, wie er berichtete, nur von einem blankem Hass zusammen gehalten worden; von einem Hass, den jeder, wer weiß aus welchen Gründen, in sich trug. Es war der Hass gewesen, der sie in die Gruppe trieb und es war dieser Hass, der sie zuletzt auch Gott hassen ließ. Sie glaubten an Gott. Sie verachteten ihn aber und waren von einem heißen Willen beseelt, gegen ihn auszuschlagen. Das jedenfalls war die Aussage des Burschen, der mir sozusagen in die Arme lief und um eine Unterweisung in christlichen Dingen ansuchte.
Wenn ich hier nun sage, dass er vom Satanismus zum Glauben kam, dann könnte jemand einwenden, dass er doch längst ein Gläubiger war, auch in seiner Zeit bei den Teufelsbrüdern. Die glaubten ja an ihren Herrn und sie glaubten an Gott, auch wenn sie ihn hassen.
Man kann also sagen, dass die Satanisten gar nicht ungläubig sind, und der Jakobusbrief scheint der Meinung Recht zu geben. Dort steht ja, dass auch die Dämonen an Gott glauben, auch wenn sie zittern.
In der Schule des heiligen Thomas würde man allerdings lieber sagen, dass der Glaube der Satanisten und der Zitterglaube der Dämonen eigentlich gar kein Glaube ist. Der Glaube ist hier nämlich eine Tugend, und eine Tugend ist erst dann eine Tugend, wenn sie Richtung Güte geht.
Über Wörter kann man natürlich so lange streiten, wie man möchte. Jede Schule wird auch ihr Recht haben, die Begriffe zu definieren, mit denen sie hantiert. Wenn einer die reine Annahme, dass es Gott gibt, schon Glauben nennen möchte, dann soll er das tun.
In der Thomistenschule allerdings geht das nicht. Hier wird, wie gesagt, erst als Glaube akzeptiert, was eine Tugend ist. Der Glaube der Satanisten würde hier eher ein Laster sein.
In diesem Sinn definiert der heilige Thomas in seiner theologischen Summe, dass der Glaube erst dann eine Tugend sein kann, wenn er von der Gottesliebe her seine Form bekommt. Ich würde meinen, es ist ungewöhnlich, in dieser Weise vom Glauben zu sprechen. Und um zeigen zu können, dass das Glauben überhaupt irgendwoher so etwas wie eine Form bekommen kann, geht der Meister über den Willen. Eine willentliche Handlung, sagt er, bekommt eine Form von dem Ziel her, das der Wille will. So würde es durchaus einen ziemlichen Unterschied und verschiedene Formen ausmachen, ob jemand mit dem Geld, was er ausgibt, einen Armen beschenken will, oder ob er Sprengstoff kaufen möchte, um Unschuldige zu verletzen.Thomas redet so und spricht den willentlichen Handlungen mit seiner Rede von ihrer Form eine Art Charakter zu. An sich ist so etwas aus dem normalen, täglichen Leben durchaus nicht unbekannt.
Wir sind gewohnt, einem Kind eine schlechte Sache nicht übel zu nehmen, wenn es eigentlich etwas Gutes bezwecken wollte. Wir sind gewohnt, den guten Willen so zu werten, als sei daraus eine gute Tat entstanden. Bei Thomas kann man ganz in diesem Sinn lesen, dass der gute Wille einen Menschen schlechthin gut macht. In Sachen Glauben sagt er hier, der Glaubende sei mit seinem glaubenden Willen darauf aus, irgendwie die Güte Gottes zu erreichen. Wörtlich sagt er: „Das göttliche Gut aber, das das Ziel des Glaubens ist, ist der eigentliche Gegenstand der Gottesliebe. Darum wird die Liebe zu Gott die Form des Glaubens genannt, insofern durch die Gottesliebe das Glauben vollendet und geformt wird.“

Zum Kapitel bei Thomas.