Der Freispruch Gottes

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Der Ewigkeit kann man nicht auf den Grund kommen. Sie hat nämlich keinen. Allein das können wir uns nicht vorstellen, weil alle Dinge, die wir kennen, ihre Gründe haben. So jedenfalls sehen wir alles und denken wir alles. Wenn ich gleich einkaufen gehe, dann hat das seinen guten Grund im Hunger, der mich antreibt. Wir brauchen jetzt nicht überlegen, ob das Ei oder das Huhn zuerst auf der Welt war. Aber dass sich das erste aus irgendetwas entwickelt haben muss, darüber wird nicht gestritten. Alles hat seinen Anfang und alles hat sein Ende in unserer Welt. Wenn jemand meint, die Berge halten ewig, dann hat er nur zu wenig Zeit zum Zuschauen. Irgendwann fallen auch sie und irgendwann sind sie entstanden.

Zwischen dem griechischen Philosophen Aristoteles und Thomas liegen tausendsechshundert Jahre Zeit und Denken. Aber in einer Sache sind sie wirkliche Freunde geworden: In der Meinung, dass man etwas, was keine Gründe hat, nicht erklären kann. Wer einen Unfall erklären will, der muss wissen, wie er geschah, was war, was wie zusammenkam und wer was wollte. Die Polizei versucht die Dinge zu ermitteln, damit die Richter und Anwälte später wissen und beurteilen können, wovon gesprochen wird. Beide großen Denker nun behaupten von der Welt, dass man sie erklären kann. Vielleicht kein einzelner, vielleicht nicht alle Menschen, aber grundsätzlich sind die Dinge in der Welt erklärbar, man muss ihnen nur auf die Schliche kommen, und die Wissenschaft arbeitet ja daran.

Erklären heißt die Gründe kennen. Deshalb ist Gott unerklärlich, weil er keine Gründe hat. Das meint das Wort ewig jedenfalls: Keine Gründe haben und keine Grenze. Das ist für den menschlichen Verstand unvorstellbar, er kann es aber behaupten. Er muss es behaupten, sonst kann er nicht von der Ewigkeit sprechen.
Wenn wir Gott nun von der Sünde freisprechen wollen, dann brauchen wir nur seine Ewigkeit bedenken und dann den Gegensatz zur Welt betrachten.
Was ewig ist, das hat, wie gesagt, keine Gründe und keine Grenzen. Das bedeutet aber, es kann auch in sich keine Anfänge und keine Enden haben. Es wäre ja nicht als ganzes ewig. Was ewig ist, das muss alles, was es  sein kann, immer schon ganz und gar sein, immer schon fertig, immer vollkommen. Gott kann keine Geschichte haben, wenn er denn ewig ist. Deshalb sind die Götter der Griechen, der Römer und Germanen keine wirklichen Götter gewesen. Sie sind über die Erde gelaufen oder haben sich in irgendwelchen Himmeln getummelt. Auch wenn sie nie würden sterben müssen, so wären sie nicht ewig gewesen, sondern nur ohne Tod. Man sagt, unsterbliche Götter hätten „ewig Zeit“. Das ist genau genommen aber ein Widerspruch in sich. Ewig meint, keine Zeit zu brauchen und keine Zeit zu spüren. Was wir Zeit nennen, taucht nämlich immer nur dort auf, wo die Dinge sich verändern. Wenn sich nirgendwo etwas bewegte, dann würde auch keine Uhr ticken. Zeit gibt es nur, wo die Dinge jung sein und älter werden können. Das bedeutet Veränderung. Wenn aber die Ewigkeit wirklich ewig ist, dann gibt es in ihr kein Werden und Vergehen, sondern nur das immer fertige Sein.
Ewig meint in sich ganz und gar vollkommen, und wenn man lange genug drüber nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass es eigentlich nur ein Ewiges geben kann. Das ist, mit den Worten des Thomas „das, was alle Gott nennen.“

Nun kann es in der Welt nichts Ewiges geben. Der große Unterschied zwischen Gott und Welt ist nämlich, dass es in der Welt Verschiedenheiten gibt, in Gott nicht. Sobald wir Verschiedenheiten hören, fühlen wir uns wieder heimisch. Bei uns gibt es nämlich Tiere und Menschen, Geister und Gedanken, alles sehr verschiedene Dinge. Wenn wir aber jetzt an der Hand des heiligen Thomas die Welt bedenken, dann setzt die Verschiedenheit die Möglichkeit frei, dass Dinge „passieren“ können. Zwei Tiere suchen Nahrung, das eine findet weniger als das andere. So passiert es, dass das eine länger hungert. Ein vernünftiges Geschöpf kann wählen, zwischen diesem und jenem. So kann es passieren, dass es in seiner Einschätzung daneben lag und sich „falsch oder richtig“ entschied. Die Verschiedenheit der Dinge in der Welt eröffnet plötzlich das ganze Spektrum von gut und weniger gut, von richtig in bestimmten Hinsichten und von falsch in den selben. In dem aber, was alle mit Gott meinen (sollten, wenn man dem heiligen Thomas folgt), kann all das nicht sein. Wir nennen Gott lieb und gut. Wenn er das ist, dann kann in ihm nichts anderes sein als Liebe und Güte. Wenn das so ist, dann hat er auch das Weltall mit seinen vielen Verschiedenheiten aus dieser Güte heraus gemacht. Das ist nur dann wirklich denkbar, wenn am Ende alles wieder in diese vollendete Güte zurück fließt und sich dort findet.

Quelle:
ScG, 1, 15, 2: Ostensum autem est Deum esse omnino immutabilem. Est igitur aeternus, carens principio et fine.“
– „Wir haben aber besprochen, dass Gott ganz und gar unbeweglich ist. Er ist ewig, ohne Anfang und ohne Ende.“

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Bleibt Gott gut, wenn er das Böse mit ansieht?

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Es hat eine kritische Frage gegeben, auf die ich kurz eingehen möchte. Denn wenn einer eine Frage hat, dann sollte man davon ausgehen, dass diese Frage viele haben oder haben würden. Sie lautet so: Wenn der Mensch einen Fehler im Getriebe hat, ohne ihn selbst verschuldet zu haben, dann sagt das nichts besonders Gutes über Gott aus. Es spricht nicht gerade für einen Autobauer, wenn er fehlerhafte Modelle vom Stapel laufen und auf der Straßen fahren lässt. Wenn Gott allmächtig ist, dann müsste er das verhindern können. Tut er es nicht, dann stellt ihn das in ein schwaches Licht. Ein guter Schöpfer, der alles kann dürfte eigentlich nicht erlauben, dass seine Kinder mit einer Behinderung geboren werden.

Ich habe die Frage einmal mit einer Gruppe Jugendlicher diskutiert und ein kleines Rollenspiel organisiert. Einer der jungen Leute spielte die Menschheit, die Wünsche äußern sollte, ich würde die Rolle Gottes übernehmen. Der erste Wunsch war, Gott solle verhindern, dass den unschuldigen Kindern in der Welt ein Leid angetan werde. Ok, sagte Gott, ab heute kein Missbrauch mehr. Als nächstes sollte überhaupt die Vergewaltigung abgestellt werden. Auch das geschah prompt. Dann war da noch die ungerechte Verteilung der Güter in der Welt. Gott stellte auch das ab und verteilte die Dinge in Gerechtigkeit. Gegen Ende kamen die Lügen, die Betrügereien und Diebstähle an die Reihe. Gott verhinderte sogar, dass geklaut wurde. Als die Bitten durch waren, bat Gott, das Wort ergreifen zu dürfen. Da sei eine letzte Sache. Er habe den Menschen gehindert, Böses zu tun und die Ungerechtigkeiten abgestellt. Sein Problem sei nun aber, dass sein Geschöpf nun nicht mehr tun könne, was es aber immer noch wolle. Der Mensch steckte jetzt wie in einem Gefängnis. Er könne nicht lügen, er wolle aber. Er könne nicht töten, er wolle aber. Er könne seine Nachbarn nicht übervorteilen, er würde es aber immer noch so gern tun. Wenn er jetzt das Wollen ändere, dann müsse er ihm die Freiheit sich zu entscheiden nehmen. Dann wäre der Mensch nicht mehr der, der er war. Dann wären am Ende auch die geäußerten Wünsche nicht mehr die wirklichen Wünsche der Jugendlichen. Es eröffnete sich ein Dilemma. Dilemma bedeutet, dass zwei Dinge, die man gern hätte, nicht zugleich wahr werden können. Entweder wir bekommen das Übel bei den Menschen oder deren Möglichkeit, freie Entscheidungen zu treffen nicht aus der Welt. Als mein Freund seine Frau heiratete pries er die Größe seines Schöpfers. Als sie ihm davon lief, klagte er ihn an und nannte ihn böse. Wenn ein Vater seinem Sohn ein schönes Haus baut und der beschließt, es zu verwüsten und sich selbst in ihm zugrunde zu richten, dann spricht das nicht gegen den Vater. Die Beschwerden, er hätte seinen Sohn nicht zur Welt bringen oder ihm kein schönes Haus bauen sollen, sind irgendwie nicht richtig. So kommen wir nicht weiter. Dennoch bekommt Gott weiterhin schlechte Noten im Betragen, das muss er wohl aushalten.

Der heilige Thomas geht die Sache anders an. In seiner Schule zeigt sich die Größe und Güte Gottes nicht an unserer moralischen Beurteilung. Sie zeigt sich eher in der Darstellung der Größe seines Vermögens. Als ich früher Leichtathletik im Fernsehen schaute, da gefiel mir der Zehnkampf immer am besten. Die Zehnkämpfer konnten nicht nur eine Sache gut, sondern irgendwie alles. Sie konnten nicht nur gut laufen, sondern auch hoch und weit springen. Sie konnten Kugelstoßen und Diskuswerfen, eben so ziemlich alles. Die besten sind nicht die, die eine Sache gut können, sondern die, die alles am besten vermögen. Ähnlich zeigt sich die Größe und Güte Gottes am besten darin, dass er alles am besten kann. Wenn es das Übel in der Welt gibt, dann stellt gerade das eine große Herausforderung dar, nämlich die, aus ihm Gutes zu machen. Das Schwerste dürfte sein, aus dem allergrößten Elend die aller größte Freude etwa zu machen. Es wird am Ende vielleicht immer alles noch makaber klingen, aber wenn ein Mechaniker zeigen will, was er kann, dann braucht er kaputte Autos, und der beste Mechaniker ist der, der die schlimmsten Schrotthaufen in die schönsten Karossen verwandelt.

Robert Spaemann hat in einem seiner Vorträge einmal ein hübsches Bild gebraucht. Da ist ein Künstler, der unendlich schöne Bilder malen kann. Es kommt ein Feind und schleudert einen Eimer schwarze Farbe auf das Werk. Alle denken, das kann nicht gut gehen. Der Künstler überlegt einen Moment und malt drauf los. Das Bild wird mit dem Flecken noch schöner als zuvor. Der Feind wirft wieder und wieder entsteht ein noch schöneres Bild. Wenn der Künstler unendliche Fähigkeiten hat, dann kann das in alle Ewigkeit so weiter gehen. Der Feind kann nicht verhindern, dass am Ende das schönst mögliche Bild entsteht. Der Künstler hat den Feind aber weder gebraucht, noch gewollt. Am Ende wird sich zeigen, dass der Schöpfer viel mehr drauf hat, als alle Welt je gedacht hatte. Das ist seine Chance, im Ansehen seiner Kinder wieder an die Spitze zu klettern.

Von der Richtung der Aufgabe

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Achtung, bitte um Geduld mit mir. Heute gleich drei Kapitel. Nachdem eine ganze Weile Schweigen war, hatte ich heute Zeit und Laune, gleich etwas mehr zu Papier zu bringen. Und wenn ich nicht gleich veröffentliche, wird das wieder nichts. 

Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ich glaube, wir müssen doch noch mal etwas genauer von der Sünde im Allgemeinen reden, damit nicht wieder alles in die falschen Hälse gerät. Das ist nämlich sehr oft der Fall. Die einen regen sich auf, wenn das Wort Sünde fällt, wie Kinder, denen man die Spielzeuge wegnehmen will. Andere machen den Eindruck, Sünde sei alles was Spaß macht, und man kann kaum über eine Blumenwiese laufen, ohne gleich den Beigeschmack des schlechten Gewissens haben zu müssen. Dann gibt es noch die Dummköpfe, die die Welt in ein Kloster verwandeln wollen, wo sogar das schlichte Musikhören als verboten gilt. Die nennen das „haram“, einfach verboten, um nicht erklären zu müssen, was man nicht erklären kann. Allen gemeinsam ist das Moralische, der erhobene Zeigefinger und das Lied der Anklage, allerdings einigermaßen wenig bei sich selbst, das wäre so schwer auszuhalten.

Thomas macht das ganz anders. Er redet völlig unaufgeregt von der Sünde, gern allgemein, sachlich und vor allem ohne diese dauernden Emotionen, die unschuldig daher kommen, aber immer für Streit sorgen.

Sünde gibt es auch ohne Schuld, aber es gibt keine Schuld ohne Sünde. Sünde ohne Schuld ist zum Beispiel die Erbsünde, die wir haben, für die wir aber nichts können. Sie ist uns zu einer Aufgabe geworden, die wir uns nicht selbst gegeben haben, die uns aber das Leben aufgibt. Wer zum Zorn neigt und als Morgenmuffel die Küche betritt, der hat die Aufgabe sich am Riemen zu reißen, um seine Leute nicht dauernd zu nerven und ihnen die Welt zu verleiden. Jesus hat uns mit seinem „seid vollkommen!“ eine Aufgabe gegeben, die wir auf Erden nie ganz erledigen können. Wir sollten sie aber auch nie ganz aus den Augen verlieren.

Um es gleich zu sagen: Wir sind hier in der Schule des heiligen Thomas, und hier kann man einen Grundsatz formulieren. Die Sünde loszuwerden ist wohl eine Aufgabe. Aber die kleinsten Schritte in die Richtung schenkt immer Freiheit und jeweils größte Freude. Wir sind gewohnt, es anders herum zu betrachten und glauben nicht immer an die Schönheit unserer Ziele. Wie ein Drogenabhängiger, der vor dem Entzug nur die Schmerzen sieht. Besser und viel motivierender wäre, er würde die Freude, die Freiheit und das lohnenswerte Leben danach vor Augen haben. Bei Thomas ist der Kampf gegen die Sünde immer zugleich das Erlangen der sogenannten Tugenden, und die zu erwerben und zu haben macht leichtfüßig, freudevoll und frei. Das ist die Richtung und offenbart den Irrtum der oben genannten Dummköpfe. Die Welt in ein Schweigekloster zu verwandeln macht nicht nur am Anfang schon keine Freude. Das Ergebnis ist ebenso Grauen erregend. Auch die Welt, die irgendwelche moralischen Betschwestern errichten wollen, dürfte am Ende in keiner Weise erstrebenswert sein. Ich will weder die Medizin, noch den Zustand, den sie Gesundheit nennen. Thomas, der immer über die Betrachtung der Ziele an die Dinge geht, hat eine freudevolle Lehre, weil die Ziele in der Arbeit an ihnen schon anfangen, sich zu verwirklichen.

Ich habe den so oft daher geleierten Satz vom Weg, der das Ziel ist, lange nicht verstanden. Wie kann ein Weg erstrebenswert sein, der ohne Ziel sein kann? Ich habe das immer für die Parole eines bemitleidenswerten Atheismus gehalten, der traurig auf den Himmel verzichten muss und sich deshalb den Weg schön redet. Anfreunden kann ich mich erst in der Schule des Meisters: Wer zum Beispiel anfängt, sich die guten Eigenschaften, die Tugenden genannt werden, aufzuspielen, der beginnt sie gleich vom ersten Tag an zu haben, noch nicht fertig, aber schon wirklich. Das heißt, das Ziel schiebt sich beim Gehen und vom ersten Schritt an bereits unter die Füße. Ein bekannter Therapeut hat mir einmal nicht ohne Stolz erzählt, er arbeite so: Gleich auf das leuchtende Ergebnis und auf die vorhandenen Ressourcen blickend, freudevoller anfangen. Das sei viel besser, als immer in der Vergangenheit zu graben und sich damit die Energie zu nehmen. Auch nicht ganz ohne Stolz konnte ich auf mein Bücherregal zeigen, wo das alles schon in achthundert Jahre alten Schinken zu lesen steht.

An der Sünde arbeiten bedeutet nach diesem Schema also eher, sich guten Mutes und an die Fehler im eigenen Getriebe machen. Das also vorab nochmal.

Vorgaben

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Nehmen wir das Beispiel vom Spielplatz. Wenn irgendwo ein Kind spazieren geht und einen Platz mit einem Sandkasten, einer Schaukel und einer Rutsche sieht, dann bekommt es Lust dorthin zu laufen und zu spielen. Dabei kommt es ihm auf das Spiel an. Der Bürgermeister, der den Bau des Platzes veranlasst hat, ist nicht von Interesse. Die Leute interessieren sich für schnelle Autos. Wenn sie eins haben, dann geht es ums Fahren und das Vergnügen dabei, nicht um den Erfinder. Der aber hatte die Freude schon im Kopf, die das Fahren machen würde, als er das Fahrzeug plante. Der Erfinder ist der klügere Kopf. Er hat den Spielplatz geplant, weil er schon wusste, was das Spiel bedeutet. Er wusste, wie man die Voraussetzungen für den Spaß plant. Er konnte das ganze entwerfen, zeichnen und die richtigen Leute anrufen, die das Projekt konkret machen würden.
Das Spielen selbst ist schon sehr spaßig. Wer aber Lust an der größeren Freude hat, der interessiert sich für den Erfinder. Der weiß einfach mehr und hat die Dinge in der Hand und im Griff. Wer nur spielt oder fährt, der muss nicht viel wissen, nur wie man das Fahrzeug bedient oder wie man spielt. Wer aber das ganze erfunden hat, der weiß viel mehr und hat damit auch viel mehr Möglichkeiten für die größere Freude. Die muss man beim Erfinder suchen.

Jetzt stell Dir vor, da ist jemand, der kennt den Spielplatz schon. Er steht auf ihm und hat vom Erfinder gehört. Ein helles Interesse stellt sich ein, den Meister kennen zu lernen und er beschließt, sich auf den Weg zu machen, ihn zu suchen. Er schaut sich nach dem ersten Hinweis um und marschiert los. Der Weg ist lang und er freut sich über jeden, der ihm einen nächsten Wink gibt und mag es nicht, wenn ihn etwas Umwege oder Holzwege gehen lässt.
So etwa hat der heilige Thomas sich sein Konzept mit der Sünde gedacht. Da ist immer ein Ziel, auf das es hinaus geht und da sind immer gewisse Regeln und Wege auf denen das Gewünschte erreicht werden kann. Wenn jemand sagt, er kennt den Weg zum Erfinder und es gibt eine ganz bestimmte Buslinie, die zu seinem Haus führt, dann wäre das Einsteigen in den falschen Bus ein Fehler, weil der nicht dorthin fährt, wohin die Reise gehen soll. Was nun Sünde genannt wird, besteht im Verstoß gegen die Vorgaben, die zum Ziel führen.
Wenn der Reisende sieht, wie fit und wach er bleiben muss, um die nächsten Pläne seiner Reise zu verstehen, dann ist er klug, wenn er alles meidet, was ihn einschläfert. Sich zu betrinken ist in diesem Fall ein Fehler, weil er sein Ziel nicht erreicht. Ohne das Ziel kann man nicht von Fehlern sprechen. Für irgendwelche anderen Leute, die dieses Ziel nicht haben, mag der Schnapsgenuss kein Problem sein, für ihn bedeutet er ein Hindernis. Das Ziel gibt vor, was gut ist und was schadet.

Der heilige Thomas interpretiert das Leben aller vernünftigen Geschöpfe als einen Weg zum großen Erfinder. Der hat das so vorgesehen und den Spielplatz Welt erfunden, er hat ebenso die Leute erfunden, die ihn suchen können und alle Sachen, die sich auf der Welt finden kann man im Bezug auf das große Ziel betrachten. Ein Stein ist nicht nur ein Stein, der irgendwo liegt, er kann ein Zeichen sein. Äste, die etwas auffällig an gewissen Bäumen hängen zeigen in eine relevante Richtung. Fliegen sind nicht einfach nur Vogelfutter. Ihr Gebrumm singt vielleicht eine Melodie, die verrät, dass die Reise bisher nicht falsch war. Sinnlos scheinende Dinge werden zu Trägern von Botschaften. Was dem oberflächlichen Blick ohne Zweck scheint, das kann in Wirklichkeit höchst sinnvoll sein, der Erfinder weiß darum. Wer also den ganzen Sinn der Dinge durchschauen will, der muss die Gedanken dessen kennen, der sie in die Welt stellte.
Auf der Reise gibt es nun tausend kleine Zwischenziele. Das Erreichen der nächsten Bahn, das Hören des Weckers am nächsten Morgen, das Reparieren der Schuhe und den glücklichen Zwischenstop. Thomas sagt nun, Sünde im eigentlichen Sinn kann nur das genannt werden, was in Bezug auf das Erreichen des allerletzten Zieles fehlerhaft ist. Deshalb sagt der Meister, Sünde im eigentlichen Sinn richtet sich immer irgendwie gegen  den großen Erfinder, der im Allgemeinen Gott genannt wird.

Verschiedene Standards

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Was alle haben, das wird zum Standard, und über Standards wird in der Regel nicht viel gesprochen. Dass alle Menschen zwei Beine haben ist Standard. Über die Zahl unserer Gliedmaßen für immer nur dann gesprochen, wenn jemand eins zu viel hat oder wenn einem eins fehlt. Wohin man geht oder nicht gehen will, darüber wird natürlich immer geredet. Aber dass man überhaupt geht, oder warum gerade mit zwei und nicht mit vier Beinen, wird kaum ein Thema.
Wenn irgendwo ein Mensch mit Flügeln zur Welt kommt, dann fragen sich plötzlich alle, wie es sein kann, dass jemand mit dem Erbgut der Menschen Flügel bekommen konnte. Irgendwo muss da etwas von außen eingedrungen sein. Normalerweise hat der Mensch ja nichts, um abzuheben. Der Standard wird also interessant, wenn er irgendwo durchbrochen wurde.
Wir haben angedeutet, dass es einmal zwei Menschen gegeben hat, die keine Sünde kannten, was immer das auch sein mag. Vielleicht hat der Schöpfer deshalb mit dem Sohn und seiner Mutter eine Ausnahme in die Welt gestellt, damit wir über den Standard reden. Wenn jemand keine Sünde kennt, dann ist das eine Ausnahme, die mehr auffällt, wie wenn jemand plötzlich fliegen kann.
Unser Fall mit der Mutter hat allerdings eine besondere Wendung. Hier sollte gezeigt werden, dass der Standard eigentlich nie als Standard vorgesehen war. Irgendwo ist jemand mit Flügeln geboren, um uns auszurichten, dass wir alle eigentlich Flügel hätten haben sollen. Der Mensch ohne war immer ein Notbehelf, der auf einem Mangel beruht, den eigentlich niemand hätte haben sollen.

Hier muss ein Gedanke hinzu kommen. Wir haben die Neigung, den Standard nicht nur für normal, sondern auch für das Beste zu halten. In einem Volk, in dem alle gewohnt sind, sich mit Schimpfwörtern anzuschreien, wird Dir ohne weiteres an allen Ecken erklärt, was für eine Errungenschaft das sei. Wenn Du dann sagst, wie schrecklich Du das findest, dann wird Dir ein Besuch beim Arzt empfohlen.
Dir wird mit der Zeit auffallen, je schlimmer es in der Welt zugeht, desto lauter werden die Stimmen, wie wunderbar wir gerade dabei sind, sie endgültig zu verschönern. Der Mensch hat offenbar eine starke Tendenz, sich seine Sachen schön zu reden, vielleicht, um es überhaupt mit sich und ihr auszuhalten. Wenn dann einer auftaucht, der wie von Zauberhand mit dem ganzen Elend nichts zu tun hat, der ist entweder ein Störenfried oder ein Langweiler. Im Fall von Christus wissen wir sehr wohl, dass er ziemlich gestört hat, im Fall seiner Mutter habe ich den Verdacht, sie galt als notorische Langweilerin. Wer gar nicht klaut, der stiehlt auch keine Pferde. Auf jeden Fall waren beide nicht das, was man gern „einer von uns“ nennt, bis heute nicht. Es heißt immer, Christus musste sterben, weil er sagte, er sei Gottes Sohn. Das stimmt wohl, die Anklage lautete so. Wir werden aber dazu sagen können, das Feuer wurde nicht nur wegen dieses Anspruchs gelegt, sondern besonders auch wegen der Sachen, die er als der Sohn sagte, nämlich, dass die ganze Generation auf dem Holzweg war. Er sagte seinen Schülern, sie seien das Licht für die Welt. Es wurde aber von Beginn an ein Licht, das schrecklich blenden sollte und den Leuten die Augen verbrennen würde. Wer heute mit der Rede von der Erbsünde daher kommt, der muss damit rechnen, dass ihm bei uns die Torten ins Gesicht fliegen und an anderen Orten noch ganz andere Dinge.
Der Auftrag des Predigers ist also ein doppelter. Wenn er auch nur halbwegs dem Anspruch seines Herrn gerecht werden will, dann muss er verkünden, dass die Standards so gut gar nicht sind, wie wir sie uns malen möchten. Zum zweiten muss er eine Einladung im Namen dessen aussprechen, der gerade ausgeladen wurde.
In den Kirchen hört man gern, Gott habe uns alle sehr lieb und er würde uns immer da abholen, wo wir stehen. Da ist sicher nichts gegen zu sagen. Nur ist zu bedenken, dass man jemanden wohl immer nur dann abholen möchte, um ihn an einen anderen Ort zu führen. Seit den Zeiten des Petrus ist vom Brückenbauer die Rede. Brücken sind wohl aber nicht dazu da, dass man auf ihnen wohnt, sondern dass man auf ihnen an ein neues Ufer gelange. Der Prediger im Sinne seines Herrn hat kein leichtes Los. Aber das gehört zum Handwerk, auch dessen, der schreibt.

Das Dilemma und sein Ursprung

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Früher machte ein Scherz die Runde. Wenn jemand auf die Frage, ob er schon fortgeschritten sei, Ja sagte, dann lachte man bei den Worten, er sei weg getreten. Fort schreiten und weg treten beschreiben eigentlich das gleiche: Von hier nach da gehen oder gegangen sein. In unserer umgänglichen Sprache meint ein Fortgeschrittener allerdings jemanden, der etwas gelernt hat und kann. Ein Weggetretener dagegen ist verrückt. Man meint mit einem Wort schon mal sehr verschiedene Dinge. Es wäre ungerecht und würde jeden Sinn verfehlen, wenn man zu einem Fortgeschrittenen, der etwas schon viel besser kann als andere, sagen würde er sei der Verrückte.
Wenn eine Gesellschaft den positiven Sinn des Wortes verisst, dann wird immer mit Verrücktheit gerechnet, wenn von Fortgeschrittenen die Rede ist. So etwas ist mit dem Wort „peccatum“ gemeint, das Thomas oft verwendet und bei uns immer mit „Sünde“ übersetzt wird.
Ein „peccatum“ geschieht in der Natur, wenn zum Beispiel irgendwo eine Kuh mit zwei Kuhschwänzen zur Welt kommt. Ein Schwanz ist normal, zwei sind ein Missgeschick der Natur, wer weiß, warum genau.
Ein „peccatum“ geschieht in der Kunst, wobei mit Kunst früher nicht nur die heutige Kunst gemeint ist, die so teuer ist, weil sie keiner fürs praktische Leben brauchen kann. Kunst meinte auch die Kunst der Zimmerleute, der Schlosser, Fliesenleger und Maurer. Wenn da unbeabsichtigte Fehler passieren, spricht man in der Sprache des Thomas auch von einem „peccatum“.
Ein „peccatum“ passiert auch, wenn jemand etwas kann, nicht soll, aber tut. Wer weiß, dass er nicht stehlen darf und stiehlt, der begeht ein „peccatum“, und dieser Fall, also wenn jemand absichtlich Fehler macht, ist der einzige, den man heute noch mit Sünde meint.

Wir werden von etwas reden, was in der Sprache des Thomas „peccatum originale“ heißt. Übersetzt heißt es das „peccatum von seinem Ursprung her“ und wird ins Deutsche immer mit „Erbsünde“ übersetzt. Damit ist ein Pech gemeint, das wir haben, weil irgendwann jemand eine fatale Dummheit begangen hat. Wir haben ein Problem, für das wir nichts können, das aber da ist, und sehr offensichtlich.
Irgendwann in einer Krise haben die Leute des Volkes Israel gemerkt, mit ihnen, untereinander, mit sich selbst und im Verhältnis zu ihrem Gott stimmt etwas nicht. Schon der Normalzustand könnte oder müsste eigentlich viel besser sein. Irgendetwas muss irgendwann aus dem Ruder gelaufen sein und mit den Folgen haben wir immer noch zu tun. Die Juden fragten sich, was das sein könnte und reagierten mit einem Buch, das sie vorstellten. Dieses versuchte, die Angelegenheit in Bildern zu beschreiben. Die Leute sollten sehen können, so ungefähr könnte oder muss es gewesen sein, und zwar irgendwann ganz konkret, aber wie das genau ausgesehen hat, konnte niemand schildern. Es gab keine Bilder.
Die Folgen aber, die man spürte, waren offensichtlich. Wer eine Narbe hat, der geht davon aus, dass er sich irgendwann einmal konkret verletzt hat. Auch wenn er sich in keiner Weise erinnern kann, es muss irgendwann mal wirklich gewesen sein.
Die von den Juden aufgeschriebene Geschichte ist das schon erwähnte, vorderste Buch der Bibel. Die Schreiber konnten nicht mit dem Anspruch antreten, dass sie die Darsteller gesehen haben und dass es sie wirklich wie geschildert gegeben hat. Eva, die erste beschriebene Frau, hat in der Sprache der Hebräher keinen Namen. Eva heißt übersetzt so etwas wie „Mutter aller Menschen“, wie mir eine Jüdin sagte. Gemeint ist, die Mutter und der Vater aller Menschen haben die Genetik der Menschheit zum Negativen hin verändert. Seit dem ist der Mensch wie er ist: Er hat alles in sich, das Zeug zum Heiligen, der leuchtet wie ein Engel und das Zeug zum Scheusal, das außer Böses kaum noch was im Sinn hat. Diese starke Neigung zum Negativen, die wir bis heute in uns entdecken können, die ist der Gegenstand der Überlegungen und Streitigkeiten. Aber dass es ihn gibt, das scheint einigermaßen einleuchtend, ganz von selbst sozusagen.

Die Sünde der Bogenschützen

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Kurz gesagt: Grundsätzlich kann ich nicht gut mit Büchern leben, die mir sagen wollen, was Leute jetzt sagen würden, die nicht da sind. Ich mag Bücher nicht, die mir erzählen wollen, was Jesus tun und sagen würde, wenn er heute wieder käme, ich mag auch keine Bücher, die mir sagen wollen, was Thomas heute alles sagen würde, wenn man ihn fragen könnte. Wir wissen nicht, was Shakespeare heute schriebe und wir wissen nicht, was Mozart für Opern zu Papier brächte.
Wenn Christus wieder kommt, was ich genau so glaube, wie dass er schon da war, dann wird er uns alle überraschen, so viel dürfte sicher sein. Und wer meint, er wüsste eingentlich schon, was zu tun ist, der Herr müsste nur noch einige Details wie die Frage nach dem Taxi oder der U-Bahn klären, dürfte sich am meisten wundern. Kein Mensch ist berechenbar und der Gottmensch schon mal gar nicht.
Deshalb mag ich den mittelalterlichen Thomas auch nicht in die Neuzeit hinein sprechen lassen. Antworten mit „Thomas würde heute sagen“ zu beginnen ist kein guter Stil. Es war auch nie der Stil des Meisters, in die tagespolitische Welt sprechen zu wollen. Dieser Schuster blieb bei seinem Leisten, und das hieß, den christlichen Glauben zu beschreiben. Thomas ist nicht der Typ eines Günther Grass, von dem ich immer den Eindruck hatte, die Welt würde ihm leid tun, wenn er einmal nicht mehr da wäre, um ihr Ratschläge zu geben.
Wenn ich aber heute lese, was ich vorgestern geschrieben habe, dann habe ich doch das Gefühl, ich hätte einen kleinen Mann mit Namen Thomas im Ohr, der mich ein bisschen zurecht rücken muss. Ich schrieb, bei Thomas sei die Sünde zunächst eine Sache gegen die Freiheit, die Schönheit, Würde und Klugheit des Menschen, und mir ist, als sagte mir der Meister: „Alles richtig, insofern es sich dabei um Ziele handelt.“
Ich fürchte, liebe Mantha, dass ich damit jetzt endgültig unverständlich werde. Von hundert Leuten auf der Straße, die zwei Sätze zum Wort Sünde sagen sollen, wird kaum einer dabei sein, in dem das Wort Ziel vorkommt. Bei unserem Lehrer Thomas aus dem Mittellter ist das anders. Da wird man eher bei hundert Sätzen zur Sünde kaum zwei finden, in dem der Begriff Ziel nicht dabei ist.
Auf unseren Straßen wird man am meisten vermutlich hören, Sünde sei was man nicht darf. Bei Thomas kann man lesen, Sünde sei alles, was schief läuft. Das sind ganz andere Töne und liegt daran, dass der komplette Begriff „Sünde bei Thomas“ viel weiter gefasst ist. Natürlich würde Thomas sagen, man darf nicht morden, wer mordet, der sündigt. Er würde allerdings auch sagen, ein Fliesenleger sündigt, wenn er seine Fliesen nicht richtig legen kann, und daran muss er nicht mal schuld sein.

Der Begriff der Sünde in unserer Neuzeit ist ein ganz anderer, und mit Neuzeit meine ich besonders die Zeit nach der Reformation, die vor fünfhundert Jahren von Martin Luther angestoßen wurde. Ich sage das jetzt in Richtung meines evangelischen Freundes mit einem Augenzwinkern, aber die Reformation und alles, was danach kam, hat zu meinem größten Bedauern den Thomas nicht gelesen. Die Katholiken eingeschlossen.
In diesem Sinn sind übrigens die Italiener bis heute in ihrer Sprache sozusagen mittelalterlich katholisch geblieben. Das italienische Wort für Sünde heißt „peccato“. Das entspricht ganz dem lateinischen „peccatum“ das Thomas gebraucht. Aber wenn Italiener auf der Straße „che peccato!“ sagen, dann meinen sie nicht, „was für eine Sünde!“, sondern „was für ein Pech!“ Das ist genau, was Thomas auch oft meint. Wenn ein Bogenschütze daneben schießt, dann hat er Pech gehabt und es kann tausend Gründe geben. Der katholische Italiener Thomas nennt das ein peccatum. Wenn wir das mit unserem Wort Sünde übersetzen, gerät alles durcheinander und wir machen den armen Bogenschützen gleich zum Übeltäter.
Weißt Du, mein evangelischer Freund ist schon ganz gesprannt, was wir zu einer Sache sagen, die bei den Fachleuten Erbsünde genannt wird. Ich bin selbst gespannt, aber ich glaube, wir können darüber nicht vernünftig reden, wenn wir nicht genauer vom Pech sprechen, das wir damit haben.

Die Sünde im finsteren Mittelalter

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Ich gehe jetzt zurück zu meinem Lehrer Thomas sozusagen. Was die Würde angeht, habe ich es schon gesagt. Wir können den modernen Begriff der Menschenwürde nicht von Thomas ableiten, ohne Klimmzüge zu machen, die nicht nötig sind. Thomas lebte im Mittelalter und er schrieb mittelalterlich, daran ist nichts zu deuten. Dass man bei uns das Mittelalter immer schlecht macht, primitiv redet und herunter redet, das ist unsere Dummheit. Jede Zeit findet primitiv, was war, um in Ruhe gut finden zu können, was ist. Alle lachen gern über die Leute aus vergangenen Zeiten und vergessen dabei, wie man sich später über sie selbst lustig machen wird.
Mir ist einiges klar geworden, als ich mir einmal alte Höhlenzeichnungen aus der Steinzeit länger ansah, als man es für gewöhnlich tut. Ich habe entdeckt, dass das gar keine primitiven Bildchen waren, wie wir sie von kleinen Kindern kennen. Schau mal genau hin: Das ist zum Teil Kunst von der Güte eines Picasso! Die Steinzeitmenschen hatten Faustkeile und Keulen, sie kannten keinen Rührstab und konnten keine Rolltreppen bauen. Aber Bilder der allerersten Güte malen, das konten sie sehr wohl. Wer sagt uns, dass sie nicht ebenso Gedichte konnten, die wir nur all zu gern hören würden?
Weißt Du, es gibt Gebiete, auf denen die Kulturen wirkliche Fortschritte machen. Es gibt allerdings auch Gebiete, in denen jeder einzeln reifen muss. Wer heute ein guter Fußballer werden will, der muss genau so lange üben wie ein Junge aus der Steinzeit, und keiner kann ohne Blamage sagen, dass ein Steinzeitjunge am Ende nicht mindestens genau so gut werden konnte, wie Maradonna oder Arthur Friedenreich? Es gibt also Gebiete, auf denen jeder einzeln reifen muss. Es gibt auch Gebiete, auf denen jede Generation zu reifen hat. Deshalb ist es ziemlich dumm zu sagen, das Mittelalter sei dumm gewesen.
Was also die Würde anging, konnte ich nicht gut auf Thomas zurück greifen. Die ersten Gedanken dazu kamen erst einige Generationen später, weil dazu erst der Gedanke und das Konzept der menschlichen Person entwickelt werden musste.
Das Mittelalter unseres Abendlandes dachte, wie wir gesehen haben, wohl auch über die menschliche Würde nach. Sie dachte sie allerdings von Gott her und von Gott herab, wenn man so möchte. Gott hatte den Menschen gewürdigt, in dem er sich überhaupt mit ihm befasste, Gott hatte den Menschen gewürdigt, in dem er ihm die zerbrechlichen Güter der Freiheit und Schönheit verlieh. Gott hatte den Menschen schließlich über die Maßen gewürdigt, in dem er ihn persönlich erlöste und ihm Anteil an seinem Reich geben wollte.

Wenn wir das Thema mit der Sünde gut mittelalterlich angehen wollen, dann sollten wir es von hier her ansteuern. Dass wir heute kaum noch ensthaft über die Sünde reden können, kommt nicht aus kommt nicht aus der Zeit des heiligen Thomas, sondern verdankt sich gewissen Dummheiten und Streitereien der Neuzeit.
Bei Thomas jedenfalls ist die Sünde zunächst eine Sache, die vor allem gegen die Freiheit, die Schönheit, gegen die Würde und immer gegen die Klugheit und den gesunden Menschenverstand vorrückt.
Wenn jemand im thomanischen Sinn seinem Kind wünscht, dass es kein notorischer Sünder werde, dann ist das eher gemeint, wie wenn ein Vater sich für sein Töchterlein einen Partner wünscht, der es gut mit ihm meint, der es leben und sich entfalten lässt. Wenn man heute hört, ein Paar wolle nicht, dass die Tochter oder der Sohn in die Sünde falle, dann denkt man gleich entweder an irgendwelche blöden Bettgeschichten oder an brave, graue Mäuse, die sie aus Verklemmtheit lieber lassen.
Die Sünde war immer schon eine ernste Angelegenheit. Es ist aber ein Unterschied, ob man meint, es sei ernst, wenn man seine innere Harmonie verliert, seinen Charakter einbüßt, auf dem Holzweg marschiert, oder ob man an spießbürgerliche Bravheiten denkt. Der Spießbürger ist eine Erfindung der Neuzeit und ohne die Reformation und den Biedermeier nicht denkbar. Im Mittelalter waren die Spießbürger Leute, die in Häusern überm Wasser auf Pfählen wohnten.

Über das Lesen, und warum wir über Maria reden sollten

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Unser Büchlein wird dicker, und wenn wir nicht aufpassen wird ein ausgewachsenes Buch draus. Viele Leute fürchten sich vor dicken Büchern, wenn sie überhaupt welche lesen sollen. Bei großen Torten oder üppigen Schweinebraten ist das nicht so. Da haut man gerade rein, wenn die Protionen groß sind. Aber bei Büchern ist das anders. Schweinebraten kann man halb gegessen liegen lassen und hatte doch den vollen Genuss. Bei Büchern geht das oft nicht. Die muss man meistens ganz und bis zum Ende lesen, um an den vollen Genuss zu kommen.
Mit dem Lesen ist es überhaupt anders als mit dem Essen und dem Trinken. Lesen ist immer auch ein Stück Arbeit, da gibt es keinen Zweifel. Man muss eben Lesen, um am Ende gelesen zu haben. Der Genuss ist geistig, und geistige Genüsse hat man immer über Umwege. Den Genuss beim Essen hat man sofort, wie wenn man sich am Arm kratzt, wenn er juckt. Der Effekt liegt schon im Kratzen selbst und beim Essen gleich, wenn man kaut und schluckt. Geistige Genüsse stellen sich immer über einen Umweg ein, den man nehmen muss, und dieser Umweg geht mindestens über den Geist. Wenn ein Kind einen Purzelbaum übt und endlich vorführt, dann ist der Salto vermutlich schon für sich ein Vergnügen. Aber das Wissen, die Eltern sehen zu und erfreuen sich an der Leistung, das ist die tiefere, die geistige Freude. Die nimmt dem Umweg über das Üben und das Wissen, das verarbeitet wird.

„Geistige Freude ist die tiefere Freude“, da sind sich alle Menschen einig, die ihre Freude an geistigen Freuden gefunden haben.

Das Lesen selbst ist kein Vergnügen, sondern eine Art notwendige Arbeit. Aber von Leuten, die gern und viel lesen, kann man lernen, das Vergnügen ist immer größer, als die Arbeit, die man aufwendet: Lesen lohnt sich, sagen alle wirklichen Leser, und alle wirklichen Leser empfehlen das Lesen und können am Ende nicht verstehen, wie man sein Leben ohne Lesen leben kann. Mit „wirklichen“ Lesern meine ich „literarische Menschen“, nämlich solche, die wissen, wovon sie reden, wenn sie vom Lesen reden. Literarische Menschen sind Leute, die schlicht und einfach das Lesen für sich entdeckt haben, dabei ist egal, ob sie eher preiswerte Krimis am Bahnhof kaufen, ob sie sich in die Abenteuer der großen Klassiker stürzen oder gar in der Philosophie beheimatet sind. Jeder lese, was er gerne liest, aber wer es lässt, der verschenkt am Ende geradezu ein Stück möglicher Lebensqualität. Das sagen jedenfalls die Leser dieser Welt.

Du hast Recht, unser Buch wird dicker, vor allem aber, weil ich immer so lange einleite und spät zur eigentlichen Sache komme. In diesem Fall wird es allerdings auch dicker, weil wir eine Art Buch im Buch schreiben müssen. Wir müssen nämlich etwas ausführlicher über die Sünde reden, damit nicht alles am Ende missverstanden wird. Das Wort Sünde kennt jeder und jeder hat gleich eine ganze Vorstellungswelt, wenn er es hört. Ich würde aber eine Wette machen, dass kaum einer weiß, was unser Lehrer Thomas dabei denkt, und weil unser Buch vom Denken des Thomas handeln soll, müssen wir das Kapitel wohl oder übel einschieben.

Ich fange meine Überlegungen zur Sünde mit dem einzigen Exemplar der Menschheitsgeschichte an, das sie überhaupt nicht kannte, mit Maria, der Mutter Jesu nämlich. Du bist Protestantin und dazu eine, die, wie sie selber sagt, ihren Glauben kaum kennt. Deshalb wirst Du vermutlich nicht wissen, dass bei meiner Behauptung, Maria hätte die Sünde nicht gekannt, in der protestantischen Welt schon mal die Wogen hochschlagen. Dass Maria von jeder Sünde völlig unberührt war, das ist eine Behauptung der sogenannten großen, alten Kirchen. Die orthodoxen Kirchen des Ostens behaupten das und die westliche, römisch katholische auch. In der evangelischen Glaubenswelt glauben das, wenn ich richtig sehe, nur wenige, die meisten eher nicht. Aber hier sollten wir die Protestanten lieber selbst zu sprechen hören. Es ist kein guter Stil, über anderer Leute Glauben zu sprechen, wenn sie es viel besser selber könnten. Ich möchte nur dass Du es schon mal gehört hast: Die Sündenlosigkeit Mariens ist innerhalb der christlichen Welt ein umstrittener Satz, und weil das so ist, möchte ich ihn kurz erklären. Es gibt, genauer genommen also drei Gründe, warum ich dieses Fass aufmache: Weil man sich drüber steritet, weil er für uns sehr wichtig ist und besonders, weil er mit dem Teufel zu tun hat, der am Ende ja doch ein Engel war.

Ist Gott immer lieb?

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Diese Frage stellt sich in unserer Schule gar nicht. Ein Christ, der Gott sagt, meint automatisch ein Wesen, das so sicher ganz und gar liebevoll ist, wie ein Dreieck drei Ecken hat.
Feuer und Wasser gelten im Volksmund als Gegensätze. Feuer lässt Wasser verdunsten, das Wasser erstickt das Feuer. Im Vergleich sind beide zueinander absolut. Das heißt, im Feuer kann kein absolut Wasser und im Wasser absolut kein Feuer sein. Wenn eine Wand absolut schwarz wäre, dann könne ihre Farbe kein bisschen Weiß enthalten. Die Wand wäre nicht mehr absolut schwarz.
Die christliche Vorstellung von Gott sagt, dass er absolut gut ist. Das bedeutet, es kann nichts in ihm sein, was das Gegenteil von gut ist. „Lieb“ ist nun ein etwas schwammiger Begriff, aber nehmen wir einmal an, dass  „lieb“ gemeint ist, wenn „gut“ gesagt wird, dann ist Gott absolut lieb und nichts kann an ihm sein, was nicht lieb, also liebevoll ist. Das glauben wir. Bleiben wir also dabei: Gott ist immer lieb und durch und durch gut.
Jetzt gestatte mir einen Gedanken. Sein Gutsein bedeutet nämlich nicht, dass niemand Angst vor ihm haben müsste.
Erinnere Dich an unseren Schulhof und die täglichen, kleinen Streitereien dort: Die Großen nahmen den Kleinen den Ball weg. Die kleinen liefen zur Aufsicht, beschwerten sich und baten, dass die Ordnung wieder hergestellt wurde. Muss die Lehrerin nicht zu den Großen gehen, und ihnen den Ball wieder weg nehmen, um ihn den Kleinen zurück zu geben? Gefiel das den Großen, die gerade so schön mit dem eroberten Ball gespielt hatten?
Was ist, wenn irgendwo Menschen leben, die viel Geld haben, ihren Reichtum genießen, Feste feiern, lieb zu ihren Kindern sind, das Leben genießen und draußen Sklaven für sich arbeiten lassen? Wird der gute Gott, dessen Macht über alles erhaben ist, nicht für Ordnung sorgen müssen, den Sklavenhaltern ihre Sklaven entreißen und diesen endlich die Freiheit schenken? Fürchten sich die Sklavenhalter nicht davor, die ungerechte Grundlage ihres Wohlstandes zu verlieren?
Vor unserer Polizei muss sich niemand fürchten, heißt es. Sie passt auf uns auf und beschützt unsere Rechte. Aber wenn wir betrügen, dann müssen wir die selben Polizisten dann nicht fürchten? Müssen wir nicht bangen, dass sie uns erwischen, aufgreifen und den Richtern vorführen? Die Polizei wird dadurch nicht böse, nicht ungerecht und nicht schlecht, im Gegenteil. Sie macht ihren Job für das Gute, für die Betrüger aber ist sie zweifelsohne zum Fürchten.

Wir nennen Gott gerecht. Wenn das so ist, dann ist diese Gerechtigkeit die Liebe Gottes, die alles wieder gut macht und in Ordnung bringt. Für den, der von der Unordnung lebt, wird es dann gefährlich. So kommt es, dass Gott immer lieb ist und doch bedrohlich wirken kann. Ich erinnere mich an einen Film, in dem es für einen Mann auf das Sterben zuging. Bei ihm war ein anderer, ein Weiser. Ihr Gespräch war kurz:

„Muss ich den Tod fürchten?“,
fragte der Mann.
„Jemand wie du nicht“,
sagte der Weise.

Ich erwähne das alles, um noch ein Wort zur Würde zu verlieren. Robert Spaemann nannte die Würde in seiner philosophischen Sprache einmal ein Zeichen von „Seinsmächtigkeit.“ Das scheint zu meinen, dass jemand von seinem ganzen Sein her einen irgendwie machtvollen, majestätischen Eindruck macht. Der Löwe geht nicht, er schreitet. Ein prächtiges, mächtiges Tier, mit Würde eben.
Diejenige Würde nun, die Engel ausstrahlen, ist unverlierbar, hatten wir gesagt. Menschen dagegen können ihrer Würde verlustig gehen. Sie können sie zwar keinem anderen nehmen, aber immer sich selbst, wenn sie sich unwürdig benehmen. Bei den Engeln geht das nicht. Die guten Engel sündigen nie, sie tun also nichts, was sie entwürdigen könnten, und nehmen kann ihnen ohnehin niemand etwas. Aber könnten sie sich entwürdigen, es ginge dann auch nie nur gegen sie selbst, sondern immer gleich um ihren Herrn. Engel sind Boten, und Boten verkörpern die Würde der Person dessen, der sie sendet. Durch den würdevollen Engel scheint die Souveränität Gottes, und je höher sie stehen, desto mehr scheint diese durch sie auf die Welt. Es ist diese Würde, die die Grundierung ihres Bildes ausmacht, und zwar diese geheimnisvoll anziehende Mischung aus absoluter Liebenswürdigkeit und Machtfülle.