Gott kann nicht kämpfen

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Die Stimmung von Gesprächspartnern hängt oft an ihrer Lage. Ich war noch nie in der Lage, aber ich könnte mir denken, jemand, der viel Geld hat, viel gelassener drüber sprechen kann als ein Bettelmann. Wer die Krätze am Leib hat, spricht anders über sie als ein Gesunder, und unterm Dach lässt sich viel gelassener über den Regen diskutieren als in einem Unwetter auf verlassener Straße.
Ich leite das alles hier ein, weil ich zum Schluss unseres Projektes noch über diese Sache reden muss, um die ich, wie Du weißt, immer viel lieber herum segle, nämlich über die Macht, die der üble Geselle über uns Menschen hat.
Meine Antwort lautet: Gar keine. Weder der Dreigeschwänzte höchstpersönlich, noch seine Gesellen und Freunde haben irgendeine Macht über uns. Wir können mit der gleichen Gelassenheit über ihn sprechen, wie der Gesunde über Krankheit, wie der Reiche über Geld und wie der, der sich und seine Schäfchen im Trockenen hat.
Dass das so ist, das liegt an zwei Sachen, über die ich wiederum sehr gern spreche, am Priestertum Jesu nämlich und am Geschenk des freien Willens.

Fangen wir mit dem Priestertum an. Priester hat es schon immer gegeben. Die Römer hatten welche, die Griechen, die Germanen offenbar auch und ich vermute, die Steinzeitmenschen haben ihren Verstorbenen die Grabbeigaben auch von einer Art Priester ins Grab legen lassen.
Priester sind Leute, die als Vermittlungsinstanz zwischen der Welt der Menschen und der Sphäre Gottes auftreten, und als Gott seine Geschichte mit den Menschen einleitete, hat er diese Grundidee sozusgen aufgenommen und persönlich zur Vollendung geführt. Die Juden haben auf ihrem Weg, zum Volk Gottes zu werden schon sehr früh begonnen. die Idee des Priestertums zu entwickeln. Priester waren es, die die Gaben im Tempel darbrachten, die Priester waren es, die die Versöhnung mit Gott begleiteten und in sichtbaren Riten darstellen, und Priester waren es, die den Dienst im Tempel organisierten.
Der Schöpfer hat, wie gesagt, die Idee mit der priesterlichen Vermittlung aufgenommen, das allerdings nur, um sie sozusagen den Menschen aus der Hand zu nehmen, um sie selbst zu übernehmen. Die vielen Priester gab es im Judentum eigentlich nur, um sie durch einen einzigen zu ersetzen. Die vielen Riten und Bräuche gab es eigentlich nur, um einen einzigen Ritus einzusetzen, der alle anderen austauschen konnte. Die vielen Lämmer wurden geschlachtet, um auf den Tod eines einzigen Lammes vorzubereiten, das Lamm Gottes, das alle Probleme mit einem Mal aus dem Weg räumt.

Es ist nun so zu erklären, dass sich das Priestertum Jesu nicht aus dem Priestertum des Tempels entwickelt hat. Das Priestertum Jesu ist mit seinem Erscheinen auf der Welt ganz neu eingesetzt worden, und zwar von Gott höchstpersönlich. Der Schöpfer hat sich das neue Priestertum ausgedacht und mit seiner Menschwerdung eingesetzt, und der große Unterschied dabei ist nun, das neue Priestertum arbeitet aus der unendlichen Kraft, die der Schöpfer hat. Das ermöglicht die Sicherheit, von der ich andeutungsweise sprach.
Wir erinnern uns, Gott kann sich nicht anstrengen. Er kann nichts erkämpfen, weil alles, was er will, immer schon ist und alles was er macht, ohne die leiseste Mühe passiert.
Die sicherste Weise also, sich den Bösen mit seiner Bosheit vom Leib zu halten ist die Verbindung und der Schutz mit dem Priestertum Jesu, und mit dem ist es nun so: Jeder Mensch, der per Weihe Priester wird, bekommt lebendigen Anteil an Jesu Priestertum. Das Priestertum der Geweihten ist nicht das ihre und die Kraft, mit der sie ihr Priestertum ausüben haben sie nicht aus sich. Es ist immer direkt das Tun des Hohenpriesters Jesus, in der sie arbeiten. Es gibt also im Grunde nur einen Priester, der Jesus heißt. Er tauf die Kinder höchstpersönlich, nicht der Pfarrer am Ort. Der vollzieht wohl die Riten und erklärt sie, aber wenn ein Kind getauft wird, dann bekommt es das neue Leben als Gotteskind direkt aus der Hand des Schöpfers. Wir können also sagen, in der Taufe und in allen Sakramenten geschieht Schöpfung, und das aus der federleichten Hand des Meisters.

Engel haben keine Familie

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Der christliche Glaube sagt bekanntlich, bei der Zeugung eines Kindes seien nicht nur Vater und Mutter beteiligt, sondern ein Dritter sei im Bunde, nämlich der Schöpfer, der die Seele erschafft. Es sind also drei am Werk.
Beim Engel muss es anders sein. Sie haben keine Körper, Vater und Mutter sind also nicht nötig. Es ist nur der Schöpfer allein, der die Engel ins Leben stellt.

Erlaube mir, einen Gedanken zu erläutern. Wenn jemand einen handelsüblichen Lichtschalter betätigt, dann ist das Licht am Ende entweder an oder aus. Licht kann nicht halb oder viertel an sein, genau wie eine Schwangerschaft. Da gibt es auch keine Hälften. Keine Frau kann ein bisschen schwanger sein, und Licht ist entweder ganz an oder ganz aus. Was geht, das ist weniger Licht, das an ist. Es gibt Lampen, die wenig Licht machen und es dunkler bleiben lassen. Aber auch wenig Licht ist immer ganz an, wenn es überhaupt an ist. Entscheidend ist nun der Gedanke, nach dem man einfache Dinge nicht langsam werden können.
Mit den Engeln ist es, wie mit der menschlichen Seele. Beide sind absolut einfache Dinge, die nur entweder da sein oder nicht da sein können. Eine halbe Seele kann es nicht geben, es wäre dann nur eine ganze, die kleiner wäre.
Mit dem Dasein ist es übrigens genau so. Etwas ist entweder ganz da oder gar nicht. Deshalb ist auch das Sein der Dinge als solches ganz einfach. Ein Flugzeugträger ist ein kompliziertes Ding, aus vielen Teilen zusammen gebaut. Aber auch er kann entweder nur ganz da sein oder nicht, jedenfalls, was das Sein angeht. Thomas sagt nun, das, was wir Schöpfung nennen, bedeute nichts anderes als den Dingen ihr Sein, ihr Dasein verleihen. Ob diese Dinge nun kompliziert sind oder nicht, ihr Dasein ist entweder null oder eins. Auch das Sein also ist etwas ganz einfaches. Dehalb sagt Thomas, Schöpfung geschehe ohne Bewegung. Geschöpf sein bedeutet dem Sein nach nicht gewachsen sein, sondern plötzlich einfach da gewesen. Auch was wachsen muss, ist in seinen Einzelteilen da oder nicht da.

Wenn es so etwas wie eine menschliche Seele gibt, so nehmen wir an, dass mit ihr etwas ganz Neues in die Welt gestellt wird. Die Seele ist so einfach, wie das Dasein. Sie kann ganz viel, ist aber, was ihr Wesen angeht, vollkommen einfach.
Gedanken können furchtbar kompliziert sein. Dem Zeug nach aber, aus dem sie sind, kann niemand Komponenten nennen, aus denen sie zusammengesetzt wären.
Man mag sich jetzt streiten, ob es Engel gibt, aber wenn ja, und wenn sie keine Körper haben, dann müssen sie ihrem Dasein nach so einfach sein, wie unsere Gedanken und Träume. Deshalb haben Engel keine Väter und Mütter und somit auch keine Familien, wohl aber Freunde, das geht. Und wo wir beim Vereben sind, wer keine Familie hat, der kann auch niemanden haben, der ihm etwas vererbt. Die Engel sind von der Erbsünde nicht betroffen, sie kann sie nicht berühren.

Anmerkungen sind in Arbeit.

Nicht ewig und nicht zeitlich

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 5

Können wir uns auf zwei Sätze einigen? Erstens: Wenn es eine Gottheit gibt, dann ist sie ewig. Zweitens: Ewig sein heißt keinen Anfang und kein Ende haben. Die Meister meiner Schule sahen das auch so und bekamen es gleich mit einem Problem zu tun: Wie geht das dann mit dem Leben im Himmel oder mit dem Dasein der Engel? Wir nennen das Leben im Himmel ja ewiges Leben und nehmen an, es hat kein Ende nach hinten. Wirklich ewig kann es nicht sein, denn ewig heißt ja nicht nur kein Ende haben, sondern auch keinen Anfang. Sowohl die Heiligen, als auch die Engel haben aber einen Anfang. Was nicht ewig ist, das kann nicht ewig werden. Man kann einem menschlichen Leben seinen Beginn nicht nehmen.

Wenn wahr ist, dass die Engel und Heiligen ein Leben ohne Ende haben, dann ist ihr Dasein eine Art Zwischending. An die Zeit gebunden heißt, Anfang und Ende haben, Ewigkeit heißt weder noch. Einen Anfang und kein Ende liegt irgendwie dazwischen. Weil alles einen Namen braucht, wurde diese Daseinsweise der Zeit das Aevum genannt. Manche nennen es auch die „Zeit der Engel.“ Sie hat in gewisser Weise teil an der Ewigkeit Gottes, ist aber nicht ewig, wie er, weil nur er keinen Anfang hat.

Gott existiert nicht

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 2

Gestatte mir, mit dem Schwierigsten zu beginnen: Mit der Eingrenzung von etwas, was sich nicht eingrenzen lässt. Weißt Du, was immer Streit gibt? Wenn Glaube und Unglaube das Diskutieren anfangen. Ich habe nun schon eine Menge Jahre an Gesprächen durch, hier aber gibt es immer nervöse Reaktionen. Man kann mit meinen muslimischen Freunden zum Beispiel alles mögliche anstellen, aber wenn der Unglaube mit der Ansicht auf sie zukommt, ihre komplette Religio sei Einbildung und so unwirklich wie der Weihnachtsmann, dann gehen sie innerlich an die Decke. Umgekehrt gibt es eine Form von Ungläubigkeit, die der Glaube der anderen nicht weniger nervös macht. Irgendwie kann der Mensch nicht gut schlafen, wenn der Nachbar sich einen Bart stehen lässt.

Was also dieser Art Diskussionen angeht, habe ich irgendwann beschlossen, wohl zuzuhören, aber nicht mehr mit zu debattieren. Mir tut auf Seiten der Gläubigen dann allerdings oft leid, dass ihnen ein Argument nicht einfällt, was sie dringend bräuchten. Nämlich, dass es zur Definition Gottes gehört, dass man ihn nicht definieren kann. Das müssten sie jedesmal länger erklären, und dazu ist fast nie die Zeit. Lass es uns versuchen.

Die Diskussionen gehen häufig so: Der Gläubige fragt, wenn es keinen Schöpfer gibt, woher soll dann die Schöpfung sein? Irgendwo raus muss doch alles sein. Wenn dann der Unglaube „und woher kommt Gott dann?“ fragt, ist oft das peinliche Ende der Fahnenstange erreicht und es fehlt genau hier das Argument, das man erklären müsste und auch kann, wie ich meine. Die These lautet:

Gott gibt es,
er existiert aber nicht. 

Da ist ein kleines Volk im Wald, das über viele Generationen Angst vor Drachen hat, aber so lange man sich erinnern kann, hat nie jemand einen gesehen. Die Furcht ist da, aber irgendwie beruhigt. Plötzlich kommt ein Späher aus dem Dickicht und behauptet, einem Drachen begegnet zu sein. Alles ist beunruhigt, bis er das Tier beschreibt: Es sei ganz klein gewesen, habe lieb drein geschaut und von Feuer keine Spur. Was werden die Dorfbewohner sagen? Der Kundschafter habe keinen Drachen gesehen, sondern sei einem Meerschweinchen begegnet. Drachen sind groß und Furcht einflößend. Sie haben gepanzerte Haut, können fliegen und Ihr Atem ist feurig. Wenn von Drachen überhaupt die Rede sein soll, dann muss das alles mit gemeint sein.

So ist es mit dem Schöpfer. Wenn überhaupt von ihm geredet werden soll, dann muss auch von Leuten, die nicht an ihn glauben, vor allem mit gemeint und klar sein, dass er nicht existiert. Ansonsten reden wir von einem Geschöpf, nicht aber vom Schöpfer.

Wenn nun einer sagt, es könne nichts geben, was nicht existiert, dann hat er uns entweder noch nicht verstanden, oder er ist ein Atheist. Ich mache mich jetzt an die Arbeit, das alles ein wenig zu erklären, möchte mein Projekt über die Engel aber nicht aus dem Auge verlieren. Das soll, was den Text angeht, bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Ein neues Vorhaben

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 1

Es ist schon eine Ehre, dass Du wegen Deines Studium auf mich zugekommen bist. Aber Dein „du hast doch Ahnung davon“ lässt mich dennoch etwas schüchtern einen kleinen Schritt zurück treten. Ein Fach studiert zu haben heißt noch lange nicht das von ihm zu haben, was alle Ahnung nennen. Wenn Dir reicht, etwas mehr als keine zu haben, dann soll es mir Recht sein.
Am Beginn Deines Studiums musst Du Dich darauf einstellen, dass die Lehrer mit fremden Begriffen um sich werfen, wie Karnevalsprinzen mit Caramellbonbons. An der Universität können die Gelehrten verlangen, dass sich die Studenten auf den Weg machen und nachschauen, wovon die Rede ist. Wir sollten es anders machen und die Begriffe klären, wenn wir sie einführen.
Eine Einschränkung möchte ich machen. Du solltest für unser Unternehmen eine gewisse Freude an ungewöhnlichen Gedanken haben und eine Lust am Detektivspiel mitbringen. Philosophie betreiben, wie wir es hier tun, heißt versuchen, den Dingen auf den Grund und dem Schöpfer auf die Schliche zu kommen.

Fangen wir oben an. Unsere vorläufige Überschrift könnte etwas großspurig klingen. Eine Ankündigung, „über alles“ zu schreiben verspricht entweder etwas Unmögliches oder es muss irgendwie ungewohnt gemeint sein. Kein Pferdekenner kann über alle Pferde schreiben. Selbst wenn er sich eine halbe Ewigkeit Zeit nähme und über alle schriebe, die über die Erde laufen, es könnte am Ende immer noch eins um die Ecke biegen, das er nicht auf dem Zettel hatte. Niemand kann über alle Pferde schreiben und alle einzeln meinen. Es ist bestenfalls möglich, wenn allen Pferden etwas gemeinsam ist. Alle Pferde haben Pferdeohren. Wer über Pferdeohren schreibt, der schreibt mit einem Buch über alle Pferde zugleich.
So etwa ist es mit unserer Annahme, die Welt sei eine Schöpfung. Wenn die Welt eine Schöpfung ist, dann wird sie einen Schöpfer haben. Ist die Welt eine Schöpfung, dann alles in ihr. Wäre die Welt ein Spielfilm, dann wäre auch der Baum hinter dem Haus des Helden im Film ein Stück vom Film. Alle Gegenstände, alle Akteure, alle Diebe, Polizisten und Gegenstände im Film hätten bei aller Verschiedenheit eins gemeinsam, dass sie zum selben Film gehören.
So ist es mit der Schöpfung gemeint: Ist die Welt eine Schöpfung, dann gehört alles in der Welt dazu. Dann können sowohl der König, als auch der Bettelmann von einander sagen sie seien „auch nur“ Schöpfung. Das bedeutet, es gibt nur zwei: Den Schöpfer und die Schöpfung. Dazwischen ist nichts und es gibt kein drittes.

Mein atheistischer Freund dagegen meinte immer, das sei alles Humbug. Es gebe nicht zwei, sondern nur eins: Nur die Welt. „Alles, was es gibt, gehört zur Welt und die Welt sei alles, was es gibt“, pflegte er zu sagen. Das mit dem Schöpfer sei eine Erfindung der Gelehrten. Wir haben uns so lange darüber unterhalten, bis jeder die Meinung des anderen kannte. Dann haben wir uns anderen Themen gewidmet. Überzeugen konnten wir einander nicht. Ich glaube auch nicht an solcher Art Überzeugungen. Man kann sehr wohl von etwas überzeugt sein, man kann auch von etwas überzeugt werden. Niemand aber wird durch Überreden überzeugt. Unser all zu gewohntes „Sieh es doch endlich ein!“, führt nie zu wirklichen Einsichten. Wirkliche Einsichten haben immer eine gute Portion innere Freiwilligkeit an sich, eine gewisse Lust etwas zu glauben. Die kann man nicht herbei zwingen.

Deshalb kann es zum Beispiel auch keine wirklichen Zwangstaufen geben. Man kann einen Menschen wohl äußerlich zwingen, eine Taufe durchzuführen. Man kann einen Menschen auch äußerlich zwingen, sich den Ritus der Taufe gefallen zu lassen. Wenn es Taufe aber überhaupt gibt, dann ist immer Gott höchstpersönlich der, der tauft. Der Mensch erledigt nur das Äußere. Nur Gott kann aus einem Kind Adams ein Kind Gottes machen. Gott tauft allerdings nicht, wenn der Täufling nicht wirklich möchte. Eine Taufe im Zwang bleibt eine äußere Hülle und nie eine wirkliche Taufe.

So ist es mit dem, was wir hier angehen wollen. Wir können darlegen, was wir glauben und zeigen, dass es nicht unvernünftig ist. Wir können auch hoffen, dass es zu einer Grundlage für eine Überzeugung wird. Herbei reden können wir nichts. Mein Freund und ich blieben aufrichtig freundschaftlich verbunden, Glaubensbrüder wurden wir nie.

Der Freispruch Gottes

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Der Ewigkeit kann man nicht auf den Grund kommen. Sie hat nämlich keinen. Allein das können wir uns nicht vorstellen, weil alle Dinge, die wir kennen, ihre Gründe haben. So jedenfalls sehen wir alles und denken wir alles. Wenn ich gleich einkaufen gehe, dann hat das seinen guten Grund im Hunger, der mich antreibt. Wir brauchen jetzt nicht überlegen, ob das Ei oder das Huhn zuerst auf der Welt war. Aber dass sich das erste aus irgendetwas entwickelt haben muss, darüber wird nicht gestritten. Alles hat seinen Anfang und alles hat sein Ende in unserer Welt. Wenn jemand meint, die Berge halten ewig, dann hat er nur zu wenig Zeit zum Zuschauen. Irgendwann fallen auch sie und irgendwann sind sie entstanden.

Zwischen dem griechischen Philosophen Aristoteles und Thomas liegen tausendsechshundert Jahre Zeit und Denken. Aber in einer Sache sind sie wirkliche Freunde geworden: In der Meinung, dass man etwas, was keine Gründe hat, nicht erklären kann. Wer einen Unfall erklären will, der muss wissen, wie er geschah, was war, was wie zusammenkam und wer was wollte. Die Polizei versucht die Dinge zu ermitteln, damit die Richter und Anwälte später wissen und beurteilen können, wovon gesprochen wird. Beide großen Denker nun behaupten von der Welt, dass man sie erklären kann. Vielleicht kein einzelner, vielleicht nicht alle Menschen, aber grundsätzlich sind die Dinge in der Welt erklärbar, man muss ihnen nur auf die Schliche kommen, und die Wissenschaft arbeitet ja daran.

Erklären heißt die Gründe kennen. Deshalb ist Gott unerklärlich, weil er keine Gründe hat. Das meint das Wort ewig jedenfalls: Keine Gründe haben und keine Grenze. Das ist für den menschlichen Verstand unvorstellbar, er kann es aber behaupten. Er muss es behaupten, sonst kann er nicht von der Ewigkeit sprechen.
Wenn wir Gott nun von der Sünde freisprechen wollen, dann brauchen wir nur seine Ewigkeit bedenken und dann den Gegensatz zur Welt betrachten.
Was ewig ist, das hat, wie gesagt, keine Gründe und keine Grenzen. Das bedeutet aber, es kann auch in sich keine Anfänge und keine Enden haben. Es wäre ja nicht als ganzes ewig. Was ewig ist, das muss alles, was es  sein kann, immer schon ganz und gar sein, immer schon fertig, immer vollkommen. Gott kann keine Geschichte haben, wenn er denn ewig ist. Deshalb sind die Götter der Griechen, der Römer und Germanen keine wirklichen Götter gewesen. Sie sind über die Erde gelaufen oder haben sich in irgendwelchen Himmeln getummelt. Auch wenn sie nie würden sterben müssen, so wären sie nicht ewig gewesen, sondern nur ohne Tod. Man sagt, unsterbliche Götter hätten „ewig Zeit“. Das ist genau genommen aber ein Widerspruch in sich. Ewig meint, keine Zeit zu brauchen und keine Zeit zu spüren. Was wir Zeit nennen, taucht nämlich immer nur dort auf, wo die Dinge sich verändern. Wenn sich nirgendwo etwas bewegte, dann würde auch keine Uhr ticken. Zeit gibt es nur, wo die Dinge jung sein und älter werden können. Das bedeutet Veränderung. Wenn aber die Ewigkeit wirklich ewig ist, dann gibt es in ihr kein Werden und Vergehen, sondern nur das immer fertige Sein.
Ewig meint in sich ganz und gar vollkommen, und wenn man lange genug drüber nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass es eigentlich nur ein Ewiges geben kann. Das ist, mit den Worten des Thomas „das, was alle Gott nennen.“

Nun kann es in der Welt nichts Ewiges geben. Der große Unterschied zwischen Gott und Welt ist nämlich, dass es in der Welt Verschiedenheiten gibt, in Gott nicht. Sobald wir Verschiedenheiten hören, fühlen wir uns wieder heimisch. Bei uns gibt es nämlich Tiere und Menschen, Geister und Gedanken, alles sehr verschiedene Dinge. Wenn wir aber jetzt an der Hand des heiligen Thomas die Welt bedenken, dann setzt die Verschiedenheit die Möglichkeit frei, dass Dinge „passieren“ können. Zwei Tiere suchen Nahrung, das eine findet weniger als das andere. So passiert es, dass das eine länger hungert. Ein vernünftiges Geschöpf kann wählen, zwischen diesem und jenem. So kann es passieren, dass es in seiner Einschätzung daneben lag und sich „falsch oder richtig“ entschied. Die Verschiedenheit der Dinge in der Welt eröffnet plötzlich das ganze Spektrum von gut und weniger gut, von richtig in bestimmten Hinsichten und von falsch in den selben. In dem aber, was alle mit Gott meinen (sollten, wenn man dem heiligen Thomas folgt), kann all das nicht sein. Wir nennen Gott lieb und gut. Wenn er das ist, dann kann in ihm nichts anderes sein als Liebe und Güte. Wenn das so ist, dann hat er auch das Weltall mit seinen vielen Verschiedenheiten aus dieser Güte heraus gemacht. Das ist nur dann wirklich denkbar, wenn am Ende alles wieder in diese vollendete Güte zurück fließt und sich dort findet.

Quelle:
ScG, 1, 15, 2: Ostensum autem est Deum esse omnino immutabilem. Est igitur aeternus, carens principio et fine.“
– „Wir haben aber besprochen, dass Gott ganz und gar unbeweglich ist. Er ist ewig, ohne Anfang und ohne Ende.“

Der Verdacht gegen den Schöpfer

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Die zweite Sache, die uns den Glauben verhagelt ist das fehlende Wissen und Ahnen von der Größe und Schönheit des Schöpfers. Er bekommt nicht nur schlechte Noten, weil er das Elend nicht abschaltet, sondern auch, weil er dafür verantwortlich gemacht wird. Das führt zu dem immer leise über ihm schwebenden Verdacht, so groß, erhaben und gut könne er eigentlich gar nicht sein. Wer will schon in das Haus eines Schurken einziehen? Die Logik der Anklage ist schlicht: Gott hat die Welt gemacht, in der Welt gibt es Elend, also hat Gott auch das zu verantworten. Zumindest hat er eine Welt geschaffen, die nicht richtig funktioniert. Also ist die Herrlichkeit des Herrn der Heere gar nicht so herrlich. Damit verliert der Himmel seine Anziehungskraft und die Menschen bleiben lieber in ihrer Herberge. Die ist wenigstens bekannt.

Ich bin vor Zeiten aus Versehen in einen Gottesdienst für Jugendliche geraten. Die Predigt war ein Dialog. Das hieß, der Priester stieg von der Altarinsel herunter zwischen die Bänke, reichte das Mikrofon herum, und wer von den jungen Leuten wollte, der konnte zur Predigt etwas beitragen. Ich glaube, nach ein paar Sätzen war ich der einzige, der in einer Mischung aus Zorn und Trauer auf der Bank hin und her rutschte und die Kirche nur deshalb nicht brüllend die Kirche verließ, weil der Anstand es verbot. Es muss um Allerheiligen gewesen sein, jedenfalls ging es um die Heiligkeit. Der Prediger fragte nach ihr, und ein Jugendlicher meinte, er hätte gar keine Lust auf die Heiligkeit des Himmels und die der irgendwie abgehobenen Heiligen dort oben.
Was dann kam, regte mich auf. Der geweihte Mann schwenkte ein, der Junge hätte durchaus Recht, bei der Heiligkeit gehe es auch nicht um etwas Abgehobenes, sondern um die Güte unter uns, um das Heilsein dessen, was wir sind und tun und so weiter. Jetzt hatte der Kerl einmal zehn Minuten Zeit, jungen Leuten von der Herrlichkeit dessen zu reden, worauf hin sie geschaffen waren, und er tat es nicht! Er hatte Zeit, zehn Minuten lang von Gottes Güte und Größe zu schwärmen, und er ließ es bleiben! Statt dessen ging es um die Erhaltung der Umwelt, um das lebendige Miteinander und um die sozialen Probleme, die wir mit der Hilfe Gottes in den Griff bekommen würden, was ich übrigens nicht glaube.
Die Heiligkeit sei ein Projekt für die Erde, nichts weiter. Das ist so richtig wie die Annahme, der Fußball sei um der Abseitsregel willen erfunden worden. Die Predigt ähnelte Pilgern zur Weihnachtskrippe, die sich über alles unterhalten, die alles im Auge haben, außer das Kind. Die Engel auf dem Feld priesen die Güte Gottes, nicht den Bauplan der Krippe. Die Güte Gottes war zur Veranstaltung guten Benehmens verkürzt worden. Gott ist nur insofern gut, wie er uns hilft und überhaupt Gutes tut. Er gilt nicht mehr als gut an und für sich. Gott ist nicht gut, weil er in sich gut ist, sondern, weil er gute Sachen für uns macht. Wie ein guter Arzt, der ansonsten ruhig ein zweifelhafter Mensch sein kann.

Ich werde das Gefühl nicht los, hinter all dem steht die alte Verdächtigung, dass Gott letztlich für das Elend der Welt verantwortlich gemacht wird. Wenn Kinder ihr Zimmer verwüsten, ist der schuld, der es tapeziert hat. Wenn der Himmel nicht überzeugt, dann macht man sich mit dem zufrieden, was man hat und will die Welt am liebsten nicht verlassen. Der Tod bekommt wieder sein altes, bedrohliches Gesicht. Wer Gott vergisst, der landet irgendwann bei Tierschutz. Nicht, dass ich den Schutz der Geschöpfe und das Kümmern um sie herabwürdigen oder zu einer gottlosen Veranstaltung erklären will. Ganz im Gegenteil. Es ist nur die Ordnung, in der die Liebe stehen möchte.
Wenn Du meine Freundin bist und ich Dich wirklich lieb habe, dann liebe ich automatisch mit, was Du liebst. Thomas sagt, seine Feinde könne man überhaupt nur deshalb lieben, weil Gott, den man liebt, sie lieb hat. Für den Christen katholischer Sortierung hängt alle Liebe zur Welt irgendwie an der Liebe zu Gott, und wenn der nicht mehr im Zentrum steht, dann geht die Grundlage verloren. Jesus sagt sein „liebet eure Feinde“ nicht schwebend in den Raum. Das Gebot steht und fällt mit der Liebe zu Gott, die der Feindesliebe voraus geht. Das Zentralgebot Jesu, Gott zu lieben und den Nächsten kann man nicht erfüllen werden, wenn es beim Nächsten bleibt.
Der heilige Thomas legt in allen Schriften sehr deutlich und pinibel dar, wie man denken kann und muss, dass Gott reine Güte ist, dass sich in ihm nicht der kleinste Hauch vom Gegenteil findet. Er ist in seiner reinsten Güte die Liebenswürdigkeit in Person und dasjenige, das in keiner Weise für ein Elend verantwortlich gemacht werden kann. Wir haben das alles schon gesehen. Aber sollen wir uns noch mal etwas Zeit nehmen, das genauer anzusehen?

Würde und Schöpfung

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Man vermutet eine große Würde bei Leuten, um die viel Aufhebens gemacht wird. Wenn im Dorf ein Kind von den Eltern mit dem Fahrrad zur Schule gebracht wird, dann wundert sich kaum jemand. Wenn aber ein Kind von einem Chauffeur und fünf Begleitern in Uniform abgeladen wird, dann vermuten alle, das Kind muss etwas ganz Besonderes sein.

Kritiker meiner Religion wenden schon mal ein, es sei vermessen zu glauben, ein Gott lasse sich im Wüstenstaub irgendeiner abgelegenen Provinz auf einem nebensächlichen Planeten, in einer nichtssagenden Galaxie in einem Universum kreuzigen, das unter Umständen tausende von Paralleluniversen habe. Mit anderen Worten, der zum Verschwinden kleine Mensch solle sich doch nicht einbilden so etwas wie die Krone der Schöpfung zu sein. Das sei angesichts der Forschung, die wir betreiben,  schlicht lächerlich zu nennen. Darauf ist mit einem Gedanken zu erwidern.

Die Kritiker kommen sich vermutlich auch etwas schlauer vor als sie sind. Sie sind offenbar nicht imstande das zu denken, was wir meinen, wenn wir Gott sagen. Zugegeben, es ist nicht immer leicht aufzuhören, von sich auf andere zu schließen. Wir sind gewohnt, immer alles von knappen Mitteln aus zu denken. Wann immer wir etwas bauen, sind wir gewohnt zu ahnen, dass vielleicht nicht genug Steine da sind, dass die Bretter nicht reichen oder der Mörtel ausgeht. Und wenn alle Mittel da sind, dann reichen die Kräfte am Ende nicht oder die Lebenszeit läuft aus, der Vorhang fällt mitten im Stück. So zu denken sind wir gewohnt. Aber wenn wir an Gott denken, dann müssen wir das aufgeben. Gott ist der Schöpfer, und der hat – wenn es ihn überhaupt gibt, dann muss es so sein – keinerlei Grenzen. Ihm geht keine Kraft aus, weil er keine braucht. Er muss nicht prusten und stöhnen, wenn er schwere Dinge zu heben hat. Er muss nicht mal irgendwo zupacken. Es reicht, dass er etwas will und schon ist es da, ohne jede Verzögerung. Dabei ist auch ganz egal, ob er eine Laus ins Leben ruft oder ein ganzes Universum. Wenn das Kleine keine Kraft kostet, dann das Große auch nicht. Wenn er ohne Grenze alles zugleich sehen kann, dann macht es keinen Unterschied, ob er ein Wasserstoffatom beobachtet oder die gesamte Milchstraße zugleich mit dazu. Die Zahlen werden beim Zählen größer, es gibt aber keine Grenze für irgendwelche Speicher, die voll werden könnten. Es ist egal, wie lange gezählt wird, nichts wird alt, nichts wird schlapp und müde werden existiert nicht. Da ist es ganz egal, ob etwas groß oder klein ist. Es gibt keinen Maßstab, der so etwas wie Bedeutung mit Größen oder Mengen zusammen rechnen muss. Ein kleines Kind in einer Krippe irgendwo ist von genau so großer Liebenswürdigkeit und Bedeutung wie die gesamte Menschheit auf einmal.

Wahre Größe wird nicht in Metern gemessen.

Deshalb hat das Kind, das mit dem Rad gebracht wird, keine kleinere Würde wie sein kleiner Kollege mit dem Personal jeden Morgen, nicht jedenfalls, wenn der Maßstab der Schöpfung angelegt wird. Da gibt es nur einen wirklichen Unterschied, nämlich den zwischen allen Geschöpfen und dem einen Schöpfer. Dass ein ganzes Universum aufgezogen wird, damit einem einzigen Baby gehuldigt werden kann, erscheint nur dem unmöglich, der aus den Maßstäben des gewohnten Mangels nicht heraus denken kann. Aber nichts für ungut, Mantha, lass die Leute ihre Lieder singen, wir singen das unsrige ja auch.

Aber: Auch die Maßstäbe unserer kleinen Welt haben ihre volle Gültigkeit. Wir haben ja gesehen, dass selbst Gott mit uns in unserer Sprache reden muss, wenn er möchte, dass wir ihn verstehen. In einem solchen Maßstab rief eines Tages der heilige Hironymus, was für eine Würde der Mensch doch haben muss, wenn jedem einzelnen von Gott her ein erhabener Schutzengel an die Seite gestellt wird.

Quellen:
Sth I, 113, 2, sc: „Sed contra est quod Hieronymus, exponens illud Matth. XVIII, Angeli eorum in caelis, dicit, magna est dignitas animarum, ut unaquaeque habeat, ab ortu nativitatis, in custodiam sui Angelum delegatum.“
– „…Hieronymus…sagt…groß ist die Würde der Weelen, da jede einzelne vom Ursprung seiner Geburt an einen Engel zum Schutz an die Seite gesandt bekommt.“

Sth III, 1, 1, ad 4Deus autem non mole, sed virtute magnus est, unde magnitudo virtutis eius nullas in angusto sentit angustias.
 Thomas zitiert Augustinus: „Gott ist nicht dem Umfang, sondern dem Vermögen nach groß, deshalb empfindet die Größe seiner Kraft in der Kleinheit auch keine Enge.

Können Bäume weinen?

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Manche sagen Bäume weinen, etwa, wenn man ihre Rinde verletzt und Harz tropft. Das sieht dann schon mal so aus, wie wenn Augen tränen. Leute, die etwas näher am Wasser gebaut sind und sich insgesamt eher vom Bauch her gesteuert werden, sagen schon mal, man dürfe Bäume nicht verletzen, sie zeigten uns das mit ihren Tränen, die sie weinen.
Dann gibt es die eher trockeneren Typen, die ihre Welt über die Logik berechnen. Die sagen, das sei Unsinn, Bäume könnten nicht weinen, weil sie zum Beispiel kein Gehirn hätten.
Du kennst mich nun schon lange genug um zu wissen, dass mir das Logische viel bedeutet und sagen würde, dass weinende Bäume eher nur aussehen, als weinten sie. Zum Weinen muss man trauern können, zum Trauern gehört ein gewisses Bewusstsein, und ich würde mich nicht trauen zu behaupten, Wesen aus Holz, Rinde und Blättern könnten das.

Aber so zu denken ist nicht ganz ungefährlich. Noch vor drei- vierhundert Jahren veranstalteten Forscher aus gewissen Schulen mit gutem Gewissen die grausamsten Tierversuche, weil sie glaubten, das Klagen der gequälten Tiere sei, wie das Weinen der Bäume, nur mechanisch. Tiere seien nicht genügend ausgestattet, um wirklich Schmerz zu empfinden, und so legten sie los und ließen sich nicht stören.

Tränen sollen aber stören. Das ist genau eine ihrer Aufgaben, um es einmal so zu sagen. Augenärzte werden natürlich vielleicht ins Spiel bringen, Tränen spülten in erster Linie die Augen, um Verunreinigungen auszuscheiden oder sonst irgendetwas, wovon mir die Ahnung fehlt. Geschenkt. Ich würde aber auch meinen, Tränen sollen stören. Oft fließen sie, damit wir aufhören, grausam zu sein oder damit wir überhaupt merken, dass gemein ist, was wir tun. Tränen können uns auch in unserem bequem dahin fließenden Leben stören. Die Tränen eines Menschen bitten uns, aufzustehen und zu helfen, etwa um das unnötige Elend unseres Nachbarn in Freude zu verwandeln. Auch dann stören sie.

Wir Leute aus der Logik sind eher geneigt als die Leute vom Bauch her, manche Zeichen nicht anzuerkennen, die die anderen für solche halten. „Siehst du nicht, dass der Baum weint?“, lautet der Appell der Bauchleute. „Unsinn, der weint nicht, das sieht nur so aus“, lautet dann die Antwort.
In der Welt der Logik gehört zum wirklichen Weinen so etwas wie ein Wille oder wenigstens eine Art Vorform davon. Kinder weinen schon mal, um Süßigkeiten zu bekommen. Babys weinen, weil sie bei ihren Eltern sein wollen. Irgendetwas muss da so etwas wie „ich weine jetzt los, vielleicht hilft das“ gedacht haben. Denken gehört also dazu.
Wenn Bäume weinen, dann sagen die einen, Mutter Natur hat es so eingerichtet, dass die Bäume uns Zeichen geben, vielleicht anders mit ihnen umzugehen. Ich zähle mich nun nicht gern zu den Leuten, die von der Mutter Natur reden, weil sie schon mal zu vergessen scheinen, dass hinter einer Mutter, logisch gesehen, eigentlich noch eine Instanz stehen müsste, aus der sie selber kommt. Es würde jetzt etwas zu weit gehen, der Frage genauer nachzugehen, wie man erklären kann, ob man eigentlich eine allerletzte Instanz hinter allem annehmen muss, die wir Gott nennen. Ich habe vor, ein kleines Buch darüber zu schreiben. Für jetzt, reicht es anzudeuten, dass ich geneigt bin, eine ähnliche Meinung zu haben wie die Naturleute. Ich glaube nicht, dass es die Natur als Mutter gibt. Ich glaube aber, die Natur hat einen Schöpfer, der durchaus in der Lage ist, Zeichen von seiner Meinung auszulegen. Es kann sein, dass jemand, der glaubt die Mutter Natur würde ihm mit Baumtränen Zeichen geben, sich irrt, was den Zeichengeber angeht. Es kann aber sein, dass er in der Sache, dass die Tränen Zeichen sind, nicht ganz falsch liegt.

Der heilige Thomas scheint übrigens auch von dieser Art zu sein. Er sagt zum Beispiel, das Wesen, also die tieferen Gründe der Dinge bleibe den menschlichen Augen verschlossen. Damit widerspricht er den Leuten, die meinen, eines Tages die Geheimnisse der Natur ganz durchschauen zu können. Die Welt des Thomas hat immer ein tieferes Geheimnis als wir durchschauen können. Wie bei einem See, in den man springt und nie den Grund erreicht, weil er vor einem immer tiefer wird.

Wir sind eigentlich bei den Engeln, und versprochen war ein Blick auf die Frage, ob Engel Schmerzen haben können. Das Problem ist hier geradezu umgekehrt: Bei den Bäumen und Tieren war die Frage, ob sie Schmerzen leiden können, weil wir die Zeichen sehen. Bei den Engeln lautet die Frage, ob sie Schmerzen haben können, obwohl es keine Zeichen gibt. Engel haben keine Stämme, keine Rinde, keine Augen und keine Flüssigkeit. Dennoch erklärt der heilige Thomas, sie können sehr wohl Schmerzen haben. Denn zum Schmerz reicht es, dass man ein Bewusstsein hat, in dem man weiß, dass man etwas haben möchte, was man nicht hat und nicht haben kann. Schmerzen kann man auch haben, wenn man sich vor etwas Zukünftigen fürchtet. Das alles ist bei Engeln möglich, das sagt jedenfalls der Lehrer in unserer Schule.

Verit 10, 1, co: „Rerum essentiae sunt nobis ignotae, virtutes autem earum innotescunt nobis per actus, utimur frequenter nominibus virtutum vel potentiarum ad essentias significandas. – „Die Wesenheiten der Dinge sind uns unbekannt. Ihr Vermögen aber wird uns durch ihre Tätigkeiten bekannt. So gebrauchen wir oft die Namen ihrer Vermögen und Möglichkeiten, um ihre Wesenheiten zu umschreiben.“

Der Irrtum des Stephen Hawking

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Achtung, heute zwei Texte.

Darf ich Dir einen Tip geben? Lass Dich nicht ins Bockshorn jagen und lass Dir nicht gefallen, wenn man Dich an der Nase herum führen und für dumm verkaufen will. Mir ist das einmal mit in einer Frage passiert, die ich für meinen Teil sehr entschieden beantwortet habe, und die ich mit der gleichen Entschiedenheit am Schluss meines letzten Kapitels beschrieben habe: Die Welt kann nicht aus eigener Kraft entstanden sein, und sie kann sich auch nicht aus eigener Kraft erhalten.

Erlaube mir, dass ich im heutigen Kapitel etwas für die philosophischen Feinschmecker und in deren Sprache schreibe. Anders kann ich meine Behauptung nicht erklären. Wenn Du an philosophischen Fragen nicht näher interessiert bist, wenn Dich die Frage nach dem Sein und Nichtsein der Dinge nicht berührt, dann kannst Du dieses Kapitel einfach übergehen. Es wird Dir im Leben nichts von Wert fehlen.

Meine Behauptung: Die Welt kann viel aus sich heraus. Sie kann Maikäfer und Dinosaurier hervorbringen, sie kann aus unglaublich großer Energie langweilige Atome zusammen setzen, sie kann planetengroße Eisenklumpen zerbersten lassen und schwarze Löcher produzieren. So kann sie auch Affen zaubern, deren Verhalten uns immer ähnlicher wird, und von mir aus kann sie auch eine gewisse Vernunft entstehen lassen. Das alles sind Sachen, die ich ohne weiteres zugestehen will. Darin verstecken sich zwar noch viele Fragen, die ich dazu noch hätte, aber geschenkt, wir können interessiert abwarten. Was ich aber nicht glaube und vermutlich nie glauben werde, das ist eine Behauptung, die mir vor kurzem ein Gesprächspartner in die Tasche schieben wollte, und zwar mit einem verbotenen Argument. Er sagte, Stephen Hawking hätte dargelegt, dass die Welt ohne Gott aus dem Nichts entstanden sei.
Liebe Freundin, mit Verlaub, mit allem Respekt und einer tiefen Verbeugung vor einem der klügsten Köpfe der Welt: Das kann nicht sein, und das Argument, das verboten ist, lautet: Stephen Hawking hat es herausgefunden. Etwas Unmögliches wird nicht möglich, weil Stephan Hawking es sagt, und dass ohne eine Gottheit etwas aus dem Nichts entsteht, ist genau so unmöglich, wie die Behauptung, ein Kuchenstück sei größer als der ganze Kuchen.

Weißt Du, mein Schreiben ist sehr einfach. Das bedeutet, was ich hier anstelle, kann eigentlich jeder. Einzige Voraussetzung: Er muss Thomas lesen. Es ist nicht schwer, Latein zu lernen. Es ist auch nicht schwer, Klavierspieler zu werden. Die Leute nennen schon mal schwer, was eigentlich nur lange dauern würde, wenn man sich die Mühe machte. So ist es auch nicht schwer, ein Thomasleser zu sein. Das Latein des Meisters ist das leichteste, was es gibt. Gegen das Latein eines heiligen Bernhard ist das des Thomas wie die Musik im Stadion. Die Gedanken des Thomas sind auch von größtmöglicher Schlichtheit.

Schwer dürfte es dagegen sein, ein guter Lateiner zu werden und ein guter Thomaskenner zu sein. Für beides braucht es Talente, die ich nicht habe. Die Frau, die Gott mir an die Seite gestellt hat, kann wahrlich gut kochen, ich mache essen. Mein Freund kann fotografieren, mir reicht das Knipsen. Auch für das, was ich hier mache, braucht es nicht mehr Talent, wie für das Lesen meiner schlichten Überlegungen.

Was ich hier also mache, erfordert keinen besonderen Verstand, nur ein bisschen Thomas lesen, und wieder in allem Respekt gesagt: Wenn Stephen Hawking das so gesagt hat und mit dem Nichts wirklich Nichts gemeint hat, dann hat er Unsinn geredet, und um das besser verstehen zu können, als ich hier darlegen kann, empfehle ich, kurz in jenen Bücher zu schmökern, in denen lange lesen mir so lieb geworden ist; und zwar in den Kapiteln, in denen Thomas das Sein von den Wesenheiten trennt.
Warte, ich muss es etwas anders sagen: Thomas trennt das Sein gar nicht von den Wesenheiten, er erkennt nur, dass da in der Welt eine Trennung besteht, die man nicht auflösen kann, ohne unvernünftig zu werden.

Wenn wir in die Welt schauen und die ganzen Entwicklungen betrachten, dann sehen wir immer nur, wie sich die Wesenheiten der Dinge, also wesentliche Eigenschaften verändern. Feuer hat ein anderes Wesen als Asche, und Wasser hat andere Wesensmerkmale als die Atome, die es bilden. Wir können stunden- tage- und jahrelang über die Wesenheiten der Welt sprechen, von denen Thomas übrigens sagt, auch die seien dem Menschen im Grunde gar nicht wirklich zugänglich. Wenn wir aber über das Sein reden, dann von etwas, was völlig unveränderlich, immer vollkommen und immer ganz fertig ist. „Die Schöpfung geschieht ohne Bewegung“, schreibt Thomas. Das Sein kann sich nicht entwickeln. Was da ist, das ist da oder es ist nicht da, ein bisschen da sein geht nicht, und mehr da sein geht auch nicht.

Weißt Du, was ich glaube? Wer sagt, aus dem Nichts könne von selbst etwas entstehen, der hat noch nicht verstanden, was Nichts meint oder er mogelt. Das Sein und das Nichts teilen sich keine wirkliche Grenze, und weil das so ist, dürfte das Wort „Nichts“ im Werkzeugkasten der Naturwissenschaftler eigentlich gar nicht zu finden sein.

Ein Computer kann sich selbst ausstellen, man muss ihn nur hinreichend programmieren. Aber kein Computer stellt sich wieder an, ohne, dass ihm jemand den Befehl dafür geschrieben hat. Pinocchio kann sich selber seine Beinchen abschrauben. Mit seinen Armen wird es schwierig. Wie soll er ohne Arme an seinen Armen hantieren? Es gibt so etwas wie absolute Grenzen; Grenzen die unüberschreitbar sind, und zwar grundsätzlich. Die „Grenze“ zwischen Sein und Nichts ist so eine. Entweder die Welt ist eine Schöpfung aus Gott, dann haben wir allen Grund ihn zu preisen, oder die Welt ist nicht aus ihm, dann ist sie ewig und hat keinen Grund, sich zu erhalten. Übrigens: Thomas sagt, auch wenn die Welt ewig wäre, spräche nichts dagegen, dass sie Gottes Schöpfung sei. Das kann nur sagen, wenn ein bisschen verstanden hat, dass man Sein und Wesen getrennt betrachten sollte.

Sth I, 45, 2, ad 3: „Unde, cum creatio sit sine motu, simul aliquid creatur et creatum est.“ – Da Schöpfung ohne Bewegung geschieht, ist Schaffen und Geschaffensein zugleich.