Absolut und unbedingt

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Briefe an unseren Bufdi

Ich würde gern zwei Wörter aus dem Werkzeugkasten der Philosophen einführen. Das eine heißt „absolut“, das andere „unbedingt“. Beide Wörter werden oft auf der Straße gebraucht, allerdings etwas anders als bei den Philosophen. Auf der Straße meint „absolut“ so etwas wie ganz und gar. Absolut keine Lust heißt überhaupt keine. Absolut großartig meint besser gehts nicht. Am absolut Richtigen ist nichts Falsches. Das Wort unbedingt wird ähnlich verstanden. Wenn Du Dir unbedingt ein Auto kaufen musst, dann muss es sein, und keine Maus beißt den Faden ab. Antwortest Du auf die Frage, ob Du durstig bist mit: „Unbedingt“, dann kannst Du auch „absolut“ sagen und es kann nicht schnell genug mit was zu trinken gehen. Auf der Straße hält man es mit der Genauigkeit in der Regel nicht so genau, und es interessiert in den Gesprächen nicht, ob das Wort „Absolut“ mit dem lateinischen Herkommen übereinstimmt. Wenn Du „unbedingt!“ antwortest, dann meinst Du nicht, Dein Durst habe keine Bedingungen, die hat er nämlich.

In der Philosophie ist es etwas anders. Es würde einen auf die Finger geben, wenn wir in einem ernsten Gespräch mit „unbedingt“ nichts ohne Bedingungen meinen würden. Die Philosophen machen schon mal Substantive aus ihren Umschreibungen. Hier gibt es „das Unbedingte“ und „das Absolute“ als Arbeitstitel, wogegen man auf der Straße mit solchen Wörtern am besten erst gar nicht um die Ecke kommt, will man seine Gesprächspartner nicht verlieren. Die Leute laufen einem in der Regel davon, wenn man sie bittet, mit Ihnen über das Unbedingte und Absolute nachzudenken. Die Philosophen stehen im Ruf, viel Geld für etwas zu verdienen, das keiner braucht. Mit den Theologen ist es ähnlich. Nur das die sagen, wenn es das Absolute, dem sie den Titel Gott gegeben haben, wirklich gibt, dann ist die Frage nach ihm irgendwann mal die allerwichtigste. Auf der Straße geht es aber nie um das Allerwichtigste, sondern immer nur um das Allernächste. Solange man um seinen Arbeitsplatz bangt, einen die Freundin verlassen will oder es um die Gesundheit nicht zum Besten steht, sind die Fragen der Philosophie oder das Nachdenken über das ewige Schicksal ein Luxus, der, wenn überhaupt, später an der Reihe ist. Und irgendwas ist immer. Aufs normale Leben betrachtet heißt „jetzt nicht nötig“ gar nicht „nie der Reihe“, denn solange das Leben währt, drängen sich immer irgendwelche Problemlagen in den Vordergrund, und die eine gibt der nächsten die Klinke in die Hand.

Wir betreiben hier also unbedingten Luxus, wenn wir uns die Zeit nehmen, über das Absolute nachzudenken. Wie angedeutet, die gläubigen Leute geben dem Absoluten den Namen Gott, denn wirklich absolut kann immer nur eine einzige Sache sein. Um mit den Begriffen zu sprechen, die wir hier schon bemüht haben: Das Nichts wäre absolut, wenn es das geben könnte. Es wäre dann ja nicht nur ohne jede Möglichkeit, etwas hervor zu bringen, es wäre auch ohne jedes Herkommen.
Mit dem Sein als solchen ist es etwas anders. Entweder es kommt irgendwo her, wie die Gläubigen annehmen, und es fließt aus dem großen, unbekannten, Einen, oder es selbst ist absolut, wie mein atheistischer Freund behauptet: „Alles was ist, ist immer schon, einfach nur da und fertig.“

Bei den Gläubigen gibt es nun wiederum zwei Lager. Die Leute wie Plotin glauben, das Absolute ist als ein Neutrum zu behandeln und nicht ansprechbar, weil es, über jeden Geist erhaben, selbst kein Geist ist. Die anderen sind die, vom Absoluten glauben, es habe Verstand und Willen. Jeder kann sich entscheiden, was er für sein Leben annimmt oder versuchen, sich ein drittes auszudenken.

Doch was aus nichts?

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Briefe an unsren Bufdi

Wenn zwei Chinesen zwei Wassereimer tragen, von denen einer mit fünf und der andere mit zehn Litern gefüllt ist, dann heißt das Wasser in seiner Sprache ganz anders. Liter heißt nicht Liter und auch für Gefäße gibt es ein andere Wörter. In China heißen eben alle Dinge anders. Aber auch dort ist Wasser das Zeug, mit dem sich alle waschen. Die eine Portion Wassers ist auch in China doppelt so schwer wie die andere. Bei aller Verschiedenheit gibt es immer einige Dinge, die gleich sind. Auch in China wird Geiz nicht gern gesehen und Großmut steht auch dort sicher hoch im Kurs. Überall wünschen sich die Eltern, ihre Kinder mögen sicher zur Schule gehen können und überall wird niemand gern bestohlen.

Wenn es auf weit entfernten Planeten, Lichtjahrhunderte entfernt, vernünftige Wesen gibt, die keine Arme und Beine haben und nicht mal essen und trinken müssen, dann gilt bei ihnen sicher aber auch, dass man nicht betrügen darf. Ich weiß nicht, wie Wesen ohne Arme und Beine einander betrügen, aber man wird sagen können, dass es im ganzen Universum verboten ist.

In einer kleinen Diskussion nach unserem letzten Kapitel hier, war ich mit meinem Gegner nicht ganz einig, ob es vor dem Urknall so etwas wie Zeit gegeben gegeben hat. Ich glaube  eher nicht, mindestens dann nicht, wenn es noch keine Sachen gab, die sich verändern konnten. Nach meiner Vorstellung gibt es Zeit nur dort, wo irgendwelche Dinge oder Umstände sich verändern können. Was anders soll Zeit sein, wenn nichts da ist, was jung sein und alt werden kann? Der Urknall hat auch nicht geknallt. Es war ja noch kein Raum da, in dem sich Schallwellen hätten ausbreiten können.

Es gibt nun Leute, die denken, wenn es auf der anderen Seite des ersten Bang das alles nicht gegeben hat und alles nicht galt, dann habe drüben nichts mehr Geltung. Das glaube ich allerdings nicht. Ich nehme nämlich an, die Gesetze der Logik bleiben erhalten, auch wenn keine Naturgesetze mehr gelten, weil keine Natur da ist, die ist, wie unsere. Ganz gleich wie was in fremden Welten aussieht, ein Ganzes ist immer größer als seine Teile. Zu allen Zeiten gilt, wenn mit einer Sache etwas passieren soll, dann muss es irgendwie eine Möglichkeit haben, dass es passieren kann. Was keine Möglichkeit zum Fliegen hat, das wird nicht fliegen. So würde ich auch die Meinung vertreten, dass aus nichts nichts werden kann. Ein wirkliches Nichts hat keine Möglichkeit, weil es nichts hat und genau genommen nicht mal ist. Das Wort Haben ist schon falsch, weil nichts nichts haben kann. Vor allem aber keine Möglichkeit, etwas hervorzubringen. Fettgänse machen nunmal keine eleganten Flugübungen.
Wir haben das Wort Vernunft im Zusammenhang mit den fremden Wesen gebraucht. Wenn wir Vernunft sagen, dann meinen wir Vernunft und damit das selbe, was wir haben, wenigstens eine Möglichkeit Erkenntnisse zu sammeln und eine, sie zu verarbeiten.

Ein durchaus einseitiges Verhältnis

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Islam und Christentum, Teil 35

Nachdem das Genie Mozart eine Oper bei Kaiser Josef II. eingereicht hat, soll dieser ihm entgegnet haben: „Zu viele Noten, lieber Mozart, zu viele Noten!“ Er soll ein paar heraus nehmen und die Sache wäre perfekt. Genau das geht oft aber nicht, nicht jedenfalls, wenn ein Genie eine geniale Sache gezaubert hat. Eine Note weniger, und dem Werk fehlt seine Genialität. Manche Werke sind eben genau so voll und ganz. Es dürfte nichts fehlen und nichts hinzugefügt werden. Am Ende würde alles irgendwie hinken. Das macht oft doch das Geniale: Das es genau so, wie es ist, so rund läuft.

Die große Summe ist von dieser Art. Sie ist ein enormes Werk mit unglaublich vielen Kapiteln, Fragen, Themen und Antworten. Ich habe beim Stöbern immer aufs Neue das Gefühl, es ist alles gesagt und nichts dürfte weggelassen werden. Weil das so ist, deshalb sind die Bücher mit den Kommentaren immer so dick. Man traut sich nicht, etwas wegzulassen, da würde am Ende etwas fehlen.

Wir lassen hier weg, und zwar jede Menge, und unser Projekt bleibt deshalb unrettbar unvollständig. Etwas Wesentliches sollten wir aber nicht verpassen zu dokumentieren. Ich sage es vorweg mit den Worten des heiligen Thomas: „Gott hat kein reales Verhältnis zu seiner Schöpfung.“ Im Kommentar zu den Sentenzen des Lombarden sagt er es noch einmal anders: „Die Veschiedenheit der Verhältnisse Gottes mit den Kreaturen schaffen nichts Zusammengesetztes in ihm.“

Wir können das mit einem Gedanken erklären, den wir schon zu Genüge ventiliert haben: Gott ist ganz und gar vollkommen. Er ist immer schon alles, was er sein kann. In ihm ist keine Entwicklung möglich, schon gar kein Reifen, wie das bei uns der Fall ist. Wir können mehr werden, wir können uns verbessern, an uns arbeiten und an uns arbeiten lassen. Das alles ist in Gott nicht denkbar, weil er der ewig Vollkommene ist. Es kann also nicht sein, dass Gott sich dadurch, dass er eine Schöpfung ins Leben ruft, dadurch ein anderer wird. Für die Christen: Gott hat sich auch nicht verändert, als er in seinem Sohn die Welt betrat. Gott kann sich nicht ändern. Er kann nie ein anderer werden und sich nie bewegen, in dem Sinn, dass es ein Vorher und Nachher gibt. Deshalb heißt es bei den Sentenzen: Die Verhältnisse, die Gott mit seinen Geschöpfen hat, die schaffen nichts in ihm, sie bauen nichts zusammen.

Denken wir noch einmal über die Behauptung aus der Summe nach: Gott hat kein wirkliches Verhältnis zu seinen Geschöpfen. Vielleicht ein Gedanke, der sich daneben gesellt: In Gott selbst gibt es sehr wohl wirkliche Verhältnisse. Etwas Wirkliches ist etwas, was wirkt. In uns ist Leben. Das bedeutet, es ist etwas in uns, das uns ausmacht. Wir haben ein Verhältnis zu uns selbst. Wir sehen uns, wir beurteilen uns, der Hunger bewirkt, dass wir uns auf die Socken machen, die Lust sorgt für Wohlbefinden. Das Leben ist die Wirklichkeit der lebendigen Dinge. In Gott ist auch Leben, wie wir behauptet haben. Schließlich ist er kein toter Stein, der durchs All fliegt. Auch in Gott ist Leben, das hat er der Welt gesagt und sehr lebendig mitgeteilt. Das bedeutet, in ihm selbst ist auch etwas, was sieht und etwas was gesehen wird. Auch in ihm sind Faktoren, die etwas ausmachen, die wirklich sind und, um es so zu sagen, bewirken, dass er ist, wie er ist. Zu diesen Dingen gehört seine Schöpfung nicht. Seine Schöpfung ist schön und liebenswert von ihm her, weil er sie lieb hat. Sie ist aber nicht von der Art, dass sie ihn ausmacht. Sein Leben macht ihn aus, weil er sein Leben ist. Die Schöpfung aber, die er wohl als etwas Lebendiges geschaffen hat und die er die ganze Zeit über schafft, die macht nichts in ihm. Er hat zu ihr kein Verhältnis, das wirken würde und von daher wirklich genannt werden kann.

Umgekehrt stimmt es sehr wohl. Die Schöpfung hat ihrerseits ein sehr wohl wirkliches Verhältnis zu ihm. Die Glühbirne, die brennt, hat ein wirkliches Verhältnis zum Strom, der durch sie fließt. Ein Film hat ein wirkliches Verhältnis zu seinem Projektor. Er ist ja darauf angewiesen, dass der ihn ausstrahlt. Der Projektor aber bleibt der selbe; ob er nun einen Wildwestfilm oder einen Krimi laufen lässt.

Das göttliche Aufladegerät

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Islam und Christentum, Teil 31

Wir kommen unserer Sache näher. Gott ist ganz nahe bei und ganz weit weg zugleich. Beides ist sehr wichtig zu sehen. Weißt Du, was ein Paradox ist? Unsere Behauptung ist eins. Wir machen von einer Sache zwei Aussagen, die sich beide grundsätzlich widersprechen, die aber doch zugleich stimmen sollen. Wenn einer sagt, dein Vater sei bei euch in der Küche, obwohl du genau weißt, dass er gerade zum Besuch seiner Familie im Libanon ist. Beides zusammen geht nicht. Dein Vater ist entweder hier oder dort. Deshalb ist die Behauptung, er sei beides, paradox.
Übrigens, wenn du mal irgendwo gebildet klingen musst, dann sag nicht ‚paradox‘. Nimm besser das griechische Originalwort, ‚Parádoxon‘, das klingt schlauer. Du musst dann nur beachten, dass man es auf den zweiten „a“ betont, nicht auf dem ersten „o“, wie man im Deutschen vermuten würde. Wählst du die griechische Variante und betonst sie deutsch, dann klingt das wie ein Möchtegernschlaubär, und das ist nicht gut. Du erreichst genau das Gegenteil von dem, was du wolltest.

Also der Satz: Gott ist ganz nahe und ganz weit weg zugleich, klingt paradox. Sollte er dennoch wahr sein, dann muss er einen Haken haben, und das macht ihn interessant. Aufsätze und Reden, die mit Parádoxa (so übrigens die grichische Mehrzahl, auch gut zu wissen) beginnen, werden gern weiter gelesen. Es ist insgesamt kein schlechter Tip, seine Aufsätze oder Reden mit pardoxen Behauptungen anzufangen. Genau so gut ist es, mit etwas zu beginnen, was den Lesern nicht gefällt. Widerspruch reizt zum Weiterlesen oder weiter Zuhören. Der Widerspruch sollte die Leute allerdings nicht um die Ohren geschlagen werden, sondern eher sanft auf dem Spielfeld niedergehen.

Das Paradox muss also einen Haken haben, dass es wahr sein kann. Ich nenne zur Gewöhnung ein zweites. Der Schriftsteller Heimito von Doderer wurde einmal gefragt, ob er die Briefe seiner Leser an ihn beantworte. Er nannte eine paradoxe Formel, die ungefähr so ging:

„Der Schriftsteller schreibt nicht, weil er schreibt,
oder er schreibt, weil er nicht schreibt.“

Der Satz klingt unmöglich, und das macht ihn interessant. Wenn man aber in Gedanken „Briefe“ und „Romane“ einsetzt, dann wird alles verständlich:

„Der Schriftsteller schreibt Briefe – gerade – nicht, weil er Romane schreibt,
oder er schreibt Briefe, weil er seine Romane – gerade – nicht schreibt.“

Der Haken muss gefunden und aufgelöst werden, und das gibt dem Leser Rätsel auf. Das ist gut.

Wir sollten auch den Haken an unserem Paradox auflösen. Thomas schreibt: Gott ist in allen Dingen. Nach dem, was wir schon gesehen haben, geht das gar nicht. Gott ist von der Art, dass er nicht in etwas sein kann. Ein Elefant kann nicht in einer Ameise stecken, das passt nicht. Es passt auch nicht, dass die Gottheit, wie wir sie beschrieben haben, in einem Staubkorn ist. Der Grenzenlose kann nicht in Grenzen stecken. Dennoch: Wenn Thomas seine Behauptung aufrecht erhalten will, dann muss er den Haken erklären, und das tut er. Er sagt nämlich, es gibt mehrere Weisen, wie etwas in etwas anderem sein kann.

Du kennst doch diese neue Methode, mit der man Handys auflädt. Die Methode ist, nebenbei bemerkt, nicht neu. Sie auf Handys anzuwenden wohl. Elektrische Zahnbürsten werden schon immer so geladen. Man muss das Handy nur noch auf die Ladestation legen und braucht kein Kabel mehr. Allein durch das Zusammenkommen fließt der Strom von einem ins andere. Wichtig ist aber der Kontakt. Die beiden Geräte müssen unmittelbar aufeinander liegen, dann wirkt das eine im anderen, ohne wirklich in ihm zu sein. Es ist aber wahrhaftig in ihm tätig. Das Ladegerät ist nicht im Handy, seiner Wirkung nach aber wohl, es tut wirklich etwas in ihm. Das ist eine Weise, in ihm zu sein. Haben wir das mit der Sonne schon gesehen? Die Sonne ist auch nicht in den Kieselsteinen, die sie erwärmt. Ihrer Wirkung nach aber ist sie sehr wohl mitten in ihnen.

Bei der Gottheit und den Geschöpfen ist es nun nicht so, dass sie von ihr aufgeladen oder warm gemacht werden müssen. Wenn wir aber im Bild bleiben wollen, dann können wir sagen, alle Dinge müssen während der ganzen Zeit ihres Daseins mit der Energie ihres Seins geladen werden und auf direkte Tuchfühlung sein. Nimmt man die Dinge von ihrer göttlichen Ladestation, sind sie mit einem mal nicht leer, sondern gar nicht mehr da. Alle Dinge, die kleinen, wie die großen, müssen sozusagen zugleich am Stecker Gottes hängen, um überhaupt da sein zu können. Das Dasein, das reine Sein, kommt unmittelbar aus Gott, und das Sein ist das Innerste der Dinge. Deshalb sagen die Gelehrten, Gott ist den Dingen innerlicher als sie sich selbst sein können.

Ist Gott gut oder nicht?

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Islam und Christentum, Teil 30

Du kannst Dir denken, wie es weiter geht. Nachdem wir kurz genügend über das Gute an sich gesprochen haben, lautet der nächste Schritt sicher: „Gott ist gut.“ So ist es. Oder besser gesagt, so ähnlich. Eine Sache sollten wir nämlich unbedingt bedenken. Sie wird hier nur auf einem scheinbaren Nebengleis erwähnt, für uns aber ist sie von großer Wichtigkeit.

Thomas war ein Bettelmönch. Dennoch diskutierte er gern. Ich weiß nicht, ob du es schon wusstest, aber Mönche reden nicht viel. Oder anders gesagt, sie gehen in ihr Kloster, um kein unnötiges Geschwätz mehr zu machen und an dem vielen Gerede in der Welt nicht mehr teilzuhaben. Mönche leben in Klostergemeinschaften zusammen, in dem sie sich bestimmte Regeln gegeben haben. Es gibt Häuser, in denen fast gar nicht mehr gesprochen wird. Wenn man sie betritt, hat man gleich das Gefühl, es umarmt einen eine heilige, aufmerksame Stille. Es gibt Klöster, in denen unter Ausschluss der Öffentlichkeit einfache Arbeiten verrichtet werden, und in denen die Mönche auch nichts anderes mehr machen möchten, um Zeit zum Gebet und zur Betrachtung zu haben. Es gibt Gemeinschaften, in denen man sich der Kranken- oder Armenpflege widmet. In ihnen muss mehr gesprochen werden, weil die Arbeit und die Liebe zu den Menschen es verlangt. Dann gibt es Klöster, in denen man sich dem Studium widmet, um möglichst gut predigen zu können, und es gibt unzählige, verschiedene Gemeinschaften, die sich tausend verschiedener Aufgaben widmen. Wer überhaupt ins Kloster möchte, der kann sich zuvor aussuchen, welchen Orden mit welcher Ausrichtung ihm am meisten liegt. Thomas ging in den sogenannten Predigerorden, auch Dominikaner genannt. Hier widmete sich man sein Leben lang dem Studium, um möglichst tiefgründig mit den Gelehrten der Welt und den Menschen auf den Straßen und Plätzen über den Glauben reden zu können. Thomas sprach nicht gern viel, aber er diskutierte gern.

Weißt Du, viel sprechen und wenig sagen, sind keine Widersprüche. Man kann den lieben langen Tag sprechen, ohne sonderlich viel dabei gesagt zu haben. Man kann ebenso eher wenig sprechen, aber mit allem, was man sagt, möglichst Dinge von Wert mitteilen. Von dieser Art Mensch war Thomas. Es heißt, wenn er nicht reden musste, hielt er den Mund. Wenn unnütz daher gequasselt wurde, versuchte er, sich aus den Staub zu machen. Aber wann immer er um Rat oder um die Beantwortung einer Frage gebeten wurde, konnte man einen wirklichen Gelehrten kennenlernen.

Thomas diskutierte gern. Das sieht man auch in einem guten Teil seiner Bücher, in der großen Summe zum Beispiel. Wenn er sich eine Frage stellte, ließ er stets Meinungen von den größten Gelehrten zu Wort kommen, die das genaue Gegenteil von dem sagten, was er über die Sache dachte. Erst, wenn er seine Gegner möglichst gut verstanden hatte, zog er seinen Joker und beantwortete die Frage. Danach besprach er dann nochmal die Einwände von oben, um sie zu entkräften. So auch hier.

Thomas beginnt sein kleines Kapitel über die Gutheit Gottes mit einem Einwand, der fogendermaßen lautet:

„Gut zu sein ist Gottes Sache nicht.
Gutsein bezieht sich nämlich auf die Weise, wie etwas ist, auf seine Art überhaupt und sein Verhältnis zu anderen Dingen.
Gott aber ist über all das erhaben und er teilt sich mit nichts eine Ordnung.
Also: Gut sein kommt Gott nicht zu.“

Wir müssen uns das kurz genauer ansehen, und ich würde gern den Satz aus der Mitte nehmen: Gut sein, damit meinen wir ein Verhältnis zu „den anderen Dingen“. „Die anderen“ meint immer so etwas, wie „eins von denen“ oder „einer von jenen dort“. Wenn du „einer von denen“ bist, dann bezeichnet das eine Gruppe von Leuten, die etwas gemeinsam haben. Einer von den Fans meint, einer aus einer Gruppe, die in einer Sache gleich ticken. Eins von den Mädchen dort meint, dass die alle das Mädchensein gemeinsam haben. Wenn Gott „eins von anderen“ wäre, dann wäre er eins von den anderen Geschöpfen oder sonst etwas. Über all das ist er aber erhaben. Er teilt sich mit keinem Geschöpf eine Grenze und kann mit nichts anderem zusammen in ein Regal gestellt werden. Gott sein heißt göttlich sein und göttlich sein meint, über alles, wirklich alles ganz und gar erhaben, unbeschreiblich eben. Also kann auf Gott das Gutsein, wie wir es immer verstehen, nicht zutreffen.

Wie immer bringt der Gelehrte Einwände, die möglichst gut sind und einen stutzen lassen. Diesem Einwand widerspricht er übrigens am Ende auch gar nicht direkt. Er sagt, was oben angesprochen wurde, meint Geschöpfe, die verursacht sind. Gott ist natürlich keins von ihnen, weil er keine Ursache hat. Er ist aber eine! Er ist die Ursache von all den genannten Dingen. Gott verursacht, dass die Dinge gut sind. Somit ist er selbst gut zu ihnen, ohne eins von ihnen zu sein.

Wenn ein Maler ein gutes Bild malt, dann sorgt er dafür, dass das Bild gut wird. Er ist aber selbst weder gemalt und schon gar nicht auch ein Bild zu nennen. Er verursacht es, ist selbst aber keins. Dennoch ist der Maler gut, weil er dem guten Bild seine Güte verpasst. Gott ist also im allerhöchsten Maße gut, weil alles ihm sein Gutsein verdankt.

Die Güte persönlich

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 28

 

Kapitel 28 ist durchgefallen. Das heißt, es galt als zu schwer, als ich es vorgelesen habe. Ich muss das Thema mit der Güte also noch einmal anders angehen, etwas ausführlicher. Am besten, wie der Meister selbst. Er schreibt: „Nun ist ‚gut‘ zu untersuchen, zuerst das Gute allgemein, dann die ‚Gutheit‘ in Gott.“
Kapitel 28 wird also wiederholt. Sobald ich etwas Luft habe, arbeite ich daran.

Die Welt in ihrer Ursache

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 28

Du hast Recht, wer viel über Gott und die Religion spricht, der macht sich hier und da schon mal zum Kasper, und der Kasper ist ein Clown, der das Gelächter der Leute auf sich zieht. Propheten haben diese Last zu tragen. Sie werden von Gott gesandt, den Menschen von Gott zu erzählen. Wenn sie ihrer Aufgabe gerecht werden wollen, dann haben sie gefälligst von dem zu reden, was ihnen aufgegeben wurde. Die Menschen wollen in aller Regel aber in Ruhe gelassen werden und benehmen sich in den Augen der Propheten wie Kinder, die gerade in die Pubertät kommen.
Kinder in der Pubertät sind töricht. Sie springen aus dem Fenster wegen Lappalien. Sie möchten am liebsten nicht mehr leben, weil sie Pickel haben, weil sie zu groß geraten sind oder zu klein. Pubertäre Kinder weinen sich die Augen aus, weil ihre Jugendliebe sie verlässt oder weil sie die Tochter des Nachbarn für ihre große Liebe halten. Den Erwachsenen tun das natürlich leid, und sie müssen die Probleme ihrer Kinder ernst nehmen, auch wenn sie wissen, dass sie sich über Sachen aufregen, die in den Augen der Großen eher unbedeutend klein sind.

Die Menschen, die über die Propheten lachen, sind ähnlich. Sie sind wie Menschen, die sich auf der Fahrt in ein ganz neues Leben nur um die Fahrt kümmern. Die Erwachsenen, in diesem Fall die Propheten, wissen, dass die Fahrt so schnell vorbei geht, wie ein Wind, der Dir an der Nase vorbei pustet. Kaum ist er da, verschwindet er wieder. Es ist dumm, sich zu lange mit ihm aufzuhalten. Sinnvoll dagegen wäre, sich auf das bleibende, Neue einzurichten. Aber nein, die Kinder kümmern sich nur um die besten Plätze auf der Fahrt und damit um Dummheiten. Wenn dann mal einer daher kommt und mahnend den Finger hebt, dann werfen sie ihn hinaus, weil sie in ihrer törichten Bemühung nicht gestört werden wollen.

Weißt Du, religiöse Fragen sind Fragen, die immer genau in das Herz dessen vorstoßen, was wirklich wichtig ist, und für die Fragen der Religion braucht es geistiges, ein vernünftiges Innenleben. Es gibt aber eine Formel, die zu merken sich lohnt: Wer drinnen nicht hat, der muss draußen was zeigen. Je mehr die Menschen an ihren Äußerlichkeiten hängen, desto weniger haben sie drinnen zu bieten. Anders herum gilt die Formel auch. Leute mit einem ausgewachsenen Innenleben hängen in der Regel nicht an ihren Äußerlichkeiten. Die Sandsäcke an den Körben der Heißluftballons sind zwar hübsch anzusehen. Aber wenn man in die Lüfte aufsteigen will, wirft man sie gern ab und verzichtet auf sie. Wer im Korb sitzt und meint, das Ding ist gar nicht zum Fliegen, der kennt den Genuss des Fluges entweder nicht, oder er glaubt denen nicht, die schon mal ein Stück oben waren.

In diesem Sinn sollte den Propheten nicht sonderlich beunruhigen, wenn törichte Leute ihn zum Clown erklären, um mit ihm ihr Vergnügen zu haben.

Wir sind auf unserer Reise in die Lehre der Religionen noch bei Gott, wie er sein müsste oder nicht sein kann, und Thomas stellt eine nächste, zunächst fremd klingende Behauptung auf: In Gott sind alle Vollkommenheiten der Dinge enthalten.

Im zweiten Teil der Antwort auf die Frage gibt er eine kurze Antwort, die wir eigentlich nur übersetzen und in unsere Sprache übertragen müssen. Er sagt, Gott ist der Ursprung aller Dinge, weil er ihnen ihr Dasein schenkt. In eine etwas technische Sprache übertragen heißt das, die Welt ist eine Wirkung und er ist ihr Ursprung. Allgemein ist es aber so, dass alle Wirkungen immer irgendwie in ihren Ursprüngen enthalten sein müssen.

Wenn ein Schreiner einen Stuhl baut, dann hat er alle Ideen seines Werkes bereits im Kopf, bevor er überhaupt anfängt. Der Künstler weiß ganz genau, was er bauen will und hat alles schon im Kopf. Man kann sagen, er hat den Stuhl in gewisser Weise in sich, bevor er gebaut wird. Der Stuhl im Kopf ist am Ende auch besser als das Resultat, das er verkaufen kann. Der Stuhl im Kopf hat die Macke nicht, die der Stuhl hat, weil er beim Schnitzen zu Boden gefallen ist. Der Stuhl im Kopf hat die Flecken nicht, die beim Anmalen passiert sind. In einem ähnlichen Sinn kann man sagen, die Welt als Ergebnis dessen, was der Schöpfer sich ausgedacht hat, ist in gewissem Sinn in ihm. Das Ganze hat natürlich einen Unterschied: Der Schöpfer der Welt ist besser als der Schreiner seiner Möbel. Was immer Gott will, das entsteht auch, und zwar hundertprozentig.

Islam und Christentum, Teil 20

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Der Irrtum eines Physikers

Kennst Du das? Du schwärmst für einen Menschen, seine Intelligenz oder sein Können in irgendwas, bis ihm der Fehler unterläuft und über eine Sache spricht, in der Du Dich auskennst. Plötzlich merkst Du, hier redet er plötzlich Unsinn. Mit einem Mal ist die komplette Bewunderung dahin.
Mir ging das vor Zeiten mit einem berühmten Physiker so. Ich interessierte mich für Stephen Hawking, den alle Welt sicher zu Recht für seine Intelligenz bewundert. Hawking ist ein Professor für Physik. Er beschäftigt sich mit dem Weltall und allem, was darin beobachtet, berechnet und geschlossen werden kann. Weil ich mich – als blutiger Laie natürlich – auch für solche Sachen interessiere, höre und sehe ich sie mir an, wenn ich mal keine Lust mehr auf mein eigenes Fach habe, als Pause zur Entspannung sozusagen.

Ich hörte also einen der Vorträge von Hawking, und meine Enttäuschung setzte ein, als er vom sogenannten Urknall sprach. Er sagte, die Annahme des Urknalls würde den Glauben an eine Schöpfung durch Gott natürlich nicht widerlegen. Sie grenze ihren Zeitpunkt aber ziemlich ein.
Weißt Du, alle möglichen Leute reden vom „Zeitpunkt der Schöpfung“, wenn sie den Urknall meinen, an dem vermutlich die Welt entstand, wie wir sie kennen. Einem berühmten Professor aber sollte das nicht passieren, fand ich, als ich hinhörte, und beendete damit etwas verwirrt meine Pause. Ich bin nun jemand, der kaum eigenen Ideen hat und sich deshalb hinter den breiten Schultern seines Lehrers Thomas verstecken muss, um etwas von Geist zu Papier zu bringen. Deshalb habe ich kein Recht, anderer Leute Intelligenz in Frage zu stellen. Hawkings gehört ganz sicher weiterhin bewundert. Aber auch ein schlechter Schlosser weiß, dass normale Schrauben nach rechts zu und nach links aufgehen. Auch Albert Einstein hätte Unsinn geredet, wenn er das Gegenteil behauptet hätte. Das darf auch ein Schwancher Schlosser sagen.

Entweder es gibt keinen Zeitpunkt der Schöpfung, oder er dauert so lange, wie es die Zeit gibt. Das ist doch gerade der Trick! Schöpfung heißt allen Dingen zugleich ihr Dasein schenken, und das, solange es die Dinge gibt. Mit Schöpfung meinen wir nicht das Anstoßen einer ersten Bewegung, und alles läuft seit dem quasi von selbst weiter. Der Schöpfer kann kein Meister sein, der sich die ersten Dinge ausgedacht und in Schwung gebracht hat. Dann macht er es sich gemütlich, wie ein Angler, der am Fluss sitzt und seine Angel beobachtet. Schöpfung meint nicht, dass mal etwas geschehen ist, sondern dass etwas geschieht. Das ist jedenfalls in den Büchern des heiligen Thomas so, und ich wäre echt gespannt, wo es jemand besser und anders erklären könnte!

Meister Thomas hat sich zu Lebzeiten in einer Sache mit seinem Freund Bonaventura gestritten. Bonaventura war auch ein Professor, auch ein Heiliger und ein Kollege an der Universität. Es ging um die Frage, ob die Welt einen geschichtlichen Anfang haben müsse oder nicht. In der Bibel steht: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, und beide glaubten das natürlich: Gott hat die Welt aus Nichts geschaffen und irgendwann hat er damit angefangen. Vorher gab es nichts, absolut nichts, außer ihm sozusagen. Daran glauben alle, die Juden, die Christen und die Muslime. Zur Frage stand nicht der Glaube, sondern, ob man mit der Vernunft zeigen kann, dass es so sein muss. Thomas und Bonaventura haben sich nie einigen können. Bonaventura glaubte, man könne beweisen, dass die Welt einmal angefangen hat, Thomas glaubte das nicht. Thomas sagte, theoretisch könnten die Welt und das All ewig sein und nie angefangen haben, wie Gott nie angefangen hat. Dass die Welt einen zeitlichen Anfang habe, das sage nur der Glaube. Was man glaube, das könne man nicht beweisen, es sei auch nicht von Vorteil, es zu versuchen.

Was ich damit sagen will: Auch wenn die Welt immer schon wäre, wie Gott immer schon ist, dann wäre sie dennoch seine Schöpfung. Auch ohne Anfang und in ewiger Dauer wäre die abhängig davon, dass der Schöpfer ihr das Dasein schenkt. Wie bei dem Film und seinem Projektor. Auch wenn der Film eine Dauerschleife wäre und der Projektor immer weiter liefe. Der Film wäre auch dann nichts anderes als der Film, der aus dem Projektor kommt. Auch ein ewig dauernder Film bräuchte die Maschine, die ihn an die Wand wirft.
Ob wir einmal in den Himmel kommen oder ins Paradies einziehen, auch das gehört zum Film. Auch die ewigen Jagdgründe wird es nur geben, solange Gott ihnen ihr Dasein schenkt. Auch in der Ewigkeit genehmigt der Schöpfer jeden Herzschlag einzeln. Das heißt Schöpfung.

Islam und Christentum, Teil 17

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Es kann nur einen geben!

Mit „Sein“ ist sozusagen das reine Dasein gemeint. Es ist immer das selbe und das, was alle haben. Das Nashorn im Zoo hat sein ganz eigenes Dasein. Es hängt aber ebenso am Elektromagneten Gottes, wie der Wärter, der ihm den Käfig putzt. Ein Haus hat sein Existieren, ebenso wie die Maurer, die es bauten. Alles, was es gibt, hat sein Dasein. Alles was ist, hat sein Sein, und damit meine ich jetzt erst einmal nur die reine Existenz, das reine Daseindürfen, wenn Du so willst.

Hier haben mein atheistischer Freund (nicht nur Mahmoud hat seinen) und ich uns immer irgendwie unterschieden: Wir betrachteten die Tatsache, dass es Lichtteilchen gibt, die seit mehreren Milliarden Jahren durch das All donnern, bis sie auf die Linse unserer Messgeräte trifft. Seit Milliarden von Jahren hatte es sein kleines Dasein, es flog und flog, bis es auf die Kamera traf. Was dann aus ihm wurde, wissen wir nicht. Vermutlich fliegt es noch heute. Mein Kumpel, der ja Atheist war, ging davon aus, das Teilchen würde es „nunmal“ geben. „Die Dinge gibt es und basta“, war etwa seine Aussage. Ich hielt dagegen: „Die Dinge gibt es und, klar, basta. Es ist aber der Schöpfer, der zuerst das Basta spricht.“ Kein Ding, so meine Behauptung, hat sein reines Existieren von sich aus oder von selbst irgendwie. Alles, was existiert, hat seine Existenz, und es hat sie wie ein Geschenk. Kein Ding hat eine ewige Garantie zu sein, es sei denn, der Schöpfer will nicht mehr. Die Möglichkeit weiter fliegen zu können, das hat das Lichtteilchen aus der Tatsache, dass es ein Lichtteilchen ist. Lichtteilchen fliegen nunmal, und das mit dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde. Aber dass es das Lichtteilchen gibt, das hat es nicht aus der Tatsache, dass es ein Lichtteilchen ist.

Ein Mensch ist ein Mensch, weil zwei Menschen ihn gezeugt haben. Ein Mensch hat sein Dasein als solches aber nicht aus seiner Menschennatur. Das Dasein als solche haben ja auch alle anderen Dinge, die mit dem Menschen nicht das Geringste zu tun haben. Wir müssen verstehen: Das reine Dasein ist etwas anderes als die Natur der Dinge. Die Natur einer Blume ist etwas ganz anderes als die Natur eine Menschen oder eines Nashorns. Das Dasein aber ist immer irgendwie dasselbe, reine Existenz, und die verbindet alle Dinge. Deshalb können die klassischen Philosophen sagen, das Sein ist das, was alle haben. Mögen die Dinge noch so verschieden sein.

Ich mache es zum besseren Verstehen noch etwas komplizierter. Ich weiß jetzt nicht, ob Lichtteilchen sich irgendwie zu Lichtteilchen entwickelt oder nochmal irgendwie zusammengebaut haben. Die Forscher arbeiten an Lösungen. Aber in der Welt, die wir verstehen können wir sagen, alle Dinge entwickeln sich. Eine Blume braucht Zeit zum Wachsen, ein Molekül braucht Zeit, sich aus Atomen zusammen zu finden. Alle Dinge entwickeln sich irgendwie, ob schnell, oder in einem Augenblick. Alles braucht Zeit und Möglichkeiten. In Sachen Schöpfung, schreibt der Meister, muss es anders sein. Das reine Dasein ist entweder an oder aus, wie Licht entweder angeschaltet ist oder nicht. Das reine Dasein der Dinge ist entweder da oder nicht. Es gibt nichts dazwischen. Ein Ding kann es entweder geben oder es gibt es nicht. Entweder es gibt das Teilchen oder es ist nicht da. In der Welt entwickelt sich alles. Schöpfung aber geschieht ohne Zeit und ohne Entwicklung. Wenn Gott will, dass etwas da ist, dann ist es sofort und ganz da. Wenn er will, dass es verschwindet, dann ist es sofort ganz und ohne jede Spur weg.

Vielleicht wird jetzt langsam klar, dass der Schöpfer nicht auch einer sein kann, der sein Dasein von einem anderen geschenkt bekommt. Hier kann es nur einen geben. Denn wenn der Schöpfer wieder jemanden über sich hätte, dann wäre er kein Schöpfer, sondern nur irgendwie ein Weitergeber. Jetzt kommt der Gedanke des heiligen Thomas: Erschaffen im eigentlichen Sinn, das kann nur einer. Es kann nur einen geben, der das Sein der Dinge erschaffen und erhalten kann, denn es ist ja das Sein aller Dinge zugleich. Der Schöpfer muss also einer sein, der sein sein nicht (bekommen) hat, sondern es muss einer sein, der sein Sein ist. Höher kann man nicht klettern.

Islam und Christentum, Teil 16

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Was macht Gott denn nun?

Als ich in Österreich studiert habe, da erzählte man sich eine hübsche Geschichte: Ein Student kam zur Prüfung in der klassischen Philosophie. Sein Professor gab ihm die Aufgabe, etwas über das Sein zu sagen. „Was ist das Sein?“, hieß die Frage. „Das Sein, Herr Professor, muss ich das wissen?“, erkundigte sich der besorgte Student. „Nein, mein Herr, natürlich nicht, nicht wenn Sie Weinbauer im Burgenland werden wollen.“

Es stimmt, Weinbauer im schönen Burgenland müssen nicht wissen, was es mit dem Sein auf sich hat. Wer sich aber länger über die Gottheit und seine Schöpfung unterhalten will, der kommt um das Wort nicht herum.

Weißt Du was? Ich gebe Dir wieder eine Behauptung vor, die vermutlich wieder sehr befremdlich daher kommt:

Alle Dinge, die es gibt, haben ihr Sein,
und nur Gott allein, der ist sein Sein persönlich.

Diesen Satz zu erklären bin ich, ehrlich gesagt, angetreten. Nebenbei bemerkt und nochmals gesagt, ich werde verstehen, wenn Du an dieser Stelle oder irgendwann später sagst, es reicht Dir. Man muss von diesen Dingen nicht alles wissen, um Weinbauer im Burgenland, Wirtschaftsingenieur in Bayern oder Krabbenfischer an der Nordsee zu werden. Manche sagen sogar, es reicht, wenn Gott sich auskennt, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Ich würde meine Sache hier dennoch gern zum Ende bringen, damit wir es Mahmoud zum besseren Diskutieren an die Hand geben können.

Wir werden uns auf einen Satz einigen können: Gott hat die Welt erschaffen. Darf ich einen kleinen Gedanken anhängen, der nicht unwichtig ist? Gott erschafft die Welt noch immer. Er erschafft sie sogar so lange und in jedem einzelnen Augenblick einzeln, wie sie besteht. Das wird auch für das Paradies oder den Himmel gelten: Gott erschafft die Dinge unentwegt. Damit meine ich nicht nur die neuen an ihrem Anfang, sondern jedes einzelne, solange es da ist. Hier muss vermutlich jeder erst einmal umdenken. Wir sind gewohnt, uns unter Schöpfung und Erschaffung etwas anderes vorzustellen.

Wir sind gewohnt, uns den Lieben Gott wie unseren schon bekannten Uhrmacher vorzustellen. Er erfindet die Uhr, sorgt für die Einzelteile, setzt sie zusammen, bastelt eine Batterie hinein und fertig läuft die Maschine. Der Uhrmacher kassiert sein Geld und wird nicht weiter gebraucht. Das ist mit der Schöpfung ganz anders. Der Schöpfer denkt sich die Welt aus, er macht, dass es sie gibt und muss ihr ganz nahe bleiben, ansonsten fällt sie wieder ins Nichtsein zurück. Das gilt für alle Dinge einzeln und für das komplette Universum.
Stell Dir einen Elektromagneten vor, der ein Auto ein paar Meter über der Straße hält. Solange Strom fließt, schwebt der Wagen in der Luft. Sobald aber einer den Strom unterbricht, fällt das Ding herunter und das Auto ist hinüber. Mit Schöpfung meinen wir etwas ganz ähnliches. Der Schöpfer ruft die Dinge ins Dasein und hält sie darinnen. Die Energie ist schlicht sein Wille, dass es die Dinge gibt, denn Gott braucht nur wollen und es ist sogleich, was er möchte. Sollte Gott aber irgendwann nicht mehr wollen, dass es die Welt gibt, es würde sie mit einem Schlag nicht geben. Solange es die Welt gibt, will Gott, dass sie sei. Das meinen wir, wenn wir sagen, Gott erschafft die Welt. Das, wie gesagt, nicht gemeint, wie ein reiner Anfang, der dann von alleine läuft. Gott will uns immer! Auch im Paradies werden wir ewig nur deshalb sein, weil Gott aktuell und immer möchte, dass es uns gibt. Das gilt genau so für die Blumenwiese, über die wir laufen, wie für jedes Grashalm einzeln. Das gilt für jedes Atom einzeln, das gilt für den Dom in Köln und für die Zugspitze in den Alpen. Alles ist, weil Gott gut findet, dass es ist und alles würde aufhören, wenn er wollte, das etwas ins Nichts versinkt. Der Schöpfer hält also die Dinge in ihrer Existenz. So jedenfalls erklärt uns der Meister Thomas seinen, den christlichen Entwurf von der Welt, und ich würde meinen, bis hierher dürften sich die Gelehrten meines und Deines Glaubens auf das Meiste einigen können, sobald sie beginnen, gemeinsam etwas tiefer drüber nachzudenken.