Der Name und der gute Blick

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Briefe zur Firmung, Teil 5

Erinnerst Du Dich, was der Bischof als erstes tat, als er in der Kirche vor Dir stand? Er hat Dich angelächelt und wollte wissen, wie Du heißt. Dann hat er laut und für alle vernehmlich Deinen Namen gesagt. Das scheint ganz gewöhnlich. Schließlich kann es sein, dass man tagtäglich und überall nach seinem Namen gefragt wird. In den Riten der Kirche gibt es aber nichts beiläufiges. Alles macht Sinn und alles ist von Bedeutung.

Ein Name ist mehr als nur ein Name. Auf den ersten Blick könnte man meinen, ein Name ist nur dazu da, uns von anderen zu unterscheiden. Wenn zehn Mädchen an der Bushaltestelle steht und jemand einen Namen ruft, dann meldet sich nur die eine, die diesen Namen hat. Es ist wie wenn man „die dritte von links“ ruft, nur kann man sich beim Nennen des Namens das Durchzählen sparen. Namen sind Kennzeichen zur schnelleren Unterscheidung. Namen sind aber noch viel mehr.

Früher gab es Gegenden, in denen man den Tieren im Stall keine Namen geben durfte, die auch Menschen hatten, weil Menschen keine Tiere sind und Tiere keine Menschen. Menschen sind etwas Besonderes, weil jeder Mensch besonders ist. Menschen sind völlig unverwechselbar. Es gibt Milliarden von Menschen auf der Erde, aber keiner ist wie Du. Wäre das nicht so, dann könntest Du keine allerbeste Freundin haben. Wenn die Menschen austauschbar wären, dann könntest Du nich zu einem Menschen sagen, dass Du nur ihn am allerliebsten hast. Aber genau darin erst kann man einem Menschen wirklich gerecht werden, indem man das ganz Besondere schätzt, das, was nur ihn ausmacht.

Wenn den Menschen in den Gefängnissen ihre Namen genommen werden und nur noch Nummern sind, dann nimmt man ihnen das Allerwichtigste, ihr Personsein, ihr ganz besonders sein, ihre Unverwechselbarkeit. Teile mit Nummern kann man austauschen. Wenn man den Menschen ihre Namen nimmt, dann spricht man ihnen ihr Menschsein ab. Das genaue Gegenteil ist in der Kirche der Fall. Hier wirst Du bei ganz wichtigen Ereignissen bei Deinem Namen gerufen und ganz ernst genommen, mit Deiner ganzen Geschichte, Deinem Herkommen und Deinem Schicksal, das im Licht Gottes steht.
Apropos: Der Bischof spricht in der Kirche im Namen Gottes, der ja, wie gesagt, das Eigentliche tut. Wenn der Bischof Dich ruft, dann kannst Du wissen, er ruft Dich im Namen Gottes. Wenn sein Blick Dich trifft, dann soll das ein Zeichen dafür sein, dass Gottes Blick auf Dir ruht, und das ganz persönlich.

Es gibt allerdings solche Blicke und solche. Es gibt Blicke, die verstören einen. Es gibt Blicke, die lächeln und Blicke, die Angst machen. Man kann angeblickt werden und gleich spüren, dass uns da jemand verachtet. Man kann aber auch einem Blick begegnen, der es gut mit uns meint. Der Blick Gottes in der Kirche ist ein guter Blick. Da schaut jemand, der Dich ganz persönlich sieht, kennt und will. Da blickt Dich jemand an, in dem die Liebenswürdigkeit und Macht zusammentreffen. Weißt Du, in unserer Welt ist die Liebe oft nicht mächtig und die Macht oft nicht lieb. Bei Gott kommt beides zusammen, die Liebe und die Fülle der Macht. Deshalb brauchen die Menschen guten Willens sich nicht fürchten, im Gegenteil: Der Tag der Firmung ist der Tag, an dem der König Geschenke verteilt. Welche das sind, darüber sollten wir noch einmal nachdenken.

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Von den Worten und ihrer Wirkung

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Briefen an mein Formpatenkind, Nr. 3

Ich muss unsere Sache ein bisschen einschränken. Es gibt nämlich viel Unsichtbares zwischen Himmel und Erde und in der menschlichen Welt.

Vorgestern abend habe ich mit einer Studentin, die Philosophin werden will, über das menschliche Sprechen geredet. Sie hatte nämlich noch gar nicht darüber nachgedacht, dass unser Sprechen manchmal viel mehr ist, als über etwas reden oder einander zu informieren. Wir können mit unseren Worten nämlich unsichtbare Dinge bewirken. Wenn Dein Bruder Dir auf Deine Frage hin sagt, wo Deine Socken liegen, dann gibt er Dir nur eine Information. Wenn er Dir aber verspricht, sie Dir zu bringen, dann stellt er sich, wie es heißt, ins Wort und bindet sich damit. Das heißt, Du kannst von ihm verlangen, dass er es auch tut.
Wenn Du Deiner Klassenkameradin sagst, dass sie gut aussieht, dann schmeichelst Du ihr und bewirkst, dass sie sich freut. Versprichst Du ihr aber, dass sie ab heute Deine Freundin ist, dann machst Du aus zwei Mädchen Freunde, vorausgesetzt, sie möchte das auch. Da hängt dann allerdings gleich mit dran, dass man einander treu und ehrlich ist, daran hängt, dass man einander gegenüber anderen den Vorrang gibt und auch, dass sie bei Deinen Eltern als Deine Freundin angesehen wird. Das ist viel mehr als bloße Klassenkameradinnen oder Kolleginnen im Reitverein.
Wir können mit unseren Worten Kriege auslösen und für Frieden sorgen, deshalb lohnt es sich, hier und da mal über unser Sprechen nachzudenken. Für angehende Philosophinnen lohnt es jedenfalls, solche Sachen mal anzureißen. Philosophie betreiben heißt nämlich, Selbstverständlichkeiten nicht selbstverständlich zu nehmen. Das brauchen wir hier allerdings nicht ausbreiten.

Wenn wir in der Kirche die Sakramente feiern, dann geschieht auch immer etwas auf das Wort von Menschen hin, etwas sehr Gravierendes. Ich habe es schon angedeutet: In einer Taufe beginnt ein ganz neues Leben am Herzen Gottes. Wenn das nichts Besonderes ist, wird man fragen dürfen, was dann. Auch in Deiner Firmung ist etwas nicht weniger Bedeutendes geschehen, und zwar auf die Worte des Bischofs hin. Interessant ist jetzt erst einmal, dass das eigentliche Fundament der Sakramente nicht die Worte der Menschen, sondern die Worte Gottes sind. Wir würden nicht taufen, wenn Jesus seinen Jüngern keinen Auftrag dazu gegeben hätte. Wir würden nicht beichten, wenn Jesus nicht gesagt hätte: „Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen“, und wir würden die Messe nicht feiern ohne sein „tut dies zu meinem Gedächtnis!“

Jesus, den wir als den Sohn Gottes bekennen, hat seinen Jüngern ein paar sehr klare Anweisungen gegeben. Die Menschen auf der Straße erwähnen meistens nur die sogenannte Seligpreisungen der Bergpredigt und das Gebot der Nächstenliebe. Das ist auch alles sehr wichtig und recht so. Wenn wir aber etwas vollständiger blieben wollen, dann stehen da auch die Anweisungen, die Sakramente zu spenden. Die Priester und Bischöfe stehen in der heiligen Pflicht, das gefälligst in der gebotenen Ordnung zu tun und die Christen in der Verantwortung, der Welt zu sagen, dass da jemand in den Kirchen auf sie wartet. Die Hauptamtlichen müssen die Sakramente zur Verfügung stellen und die Menschen sollten annehmen, was Gott ihnen an Gutes schenken will, nämlich letztlich sogar sich selbst in seinem Sohn und seinem Geist. Wenn das nichts ist!

Besondere Priester

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Ein kleiner Einschub, der Vollständigkeit halber. Jesus Christus ist der neue Priester für die Welt. Er ist der erste und einzige seines Priestertums. Wenn man so möchte, ist er der einzig mögliche, und um das ein bisschen näher zu verstehen, empfehle ich einen Blick in den Brief an die Hebräer. Da ist alles eigentlich ziemlich deutlich beschrieben.
Dem Glauben meiner Kirche nach hat Christus am Abend vor seinem Tod seine Jünger zu ganz besonderen Priestern gemacht, als er ihnen den Auftrag gab, den Ritus zu wiederholen, den er ihnen vorzelebriert hatte. Den Priestern dieser Art wurde vom Meister persönlich das Verwandeln und Verwalten von Brot und Wein in die Hände gegeben. Diese Aufgabe haben die Priester bis heute, und es bleibt ihre vornehmste Aufgabe aller Priester im Amt bis heute.

Du wirst Dich nicht wundern, wenn ich sage, dass um dieses Priesteramt schon immer viel Wirbel gemacht wurde und immer gemacht werden wird. Um das Vornehmste wird sich manchmal am wenigsten vornehm gestritten.
Die evangelischen Christen haben die Weitergabe des geweihten Priestertums aufgehört und betonen eine Tatsache, die wir der Vollständigkeit halber kurz anreißen müssen. Dem biblischen Glauben nach ist jeder getaufte Christ nämlich ein kleiner Priester. Schließlich heißt es, Christus sei das Haupt und alle, die zu ihm gehören, sind seine Glieder auf Erden. Wer getauft ist, bekommt besonderen Anteil an ihm, und da er der Priester aller Priester ist, wird jeder getaufte Mensch sozusagen ein Prinz am Hofe Gottes und ein Teilhaber des priesterlichen Daseins Jesu. So jedenfalls unser Glaube.

In jedem Januar machen sich die Sternsinger auf den Weg, um die Häuser aller Menschen, die es wünschen zu segnen. In der allgemeinen Neigung zur Oberflächlichkeit sehen wir meistens nur, wie sie Süßigkeiten für sich und Geld für arme Menschen sammeln. Das eigentliche aber gerät da schon mal aus dem Blick. Die Kinder werden mit einem priesterlichen Auftrag ausgesandt. Sie sollen die Geburt des Erlösers Christus in Bethlehem verkünden und die Häuser der Menschen segnen. Wenn Kinder ein Haus segnen, dann ist es gesegnet und der Segen Gottes ist kein Nebenbei. Gottes Segen ist wirksam und wohltuend. Es gibt also ein sogenanntes allgemeines Priestertum aller Gläubigen, die mit Christus verbunden sind. Das sollte kurz gesagt sein.

Es gibt da aber noch einen Gedanken, aus dem ich die alten Kirchen sehr gut verstehen kann, wenn sie auf das besondere Priestertum der Weihe nicht verzichten können: Es ist der Gedanke des Schutzes. Das Sakrament der Eucharistie ist der bleibende Mittelpunkt unseres gesamten Glaubens, sowohl in der Lehre, als auch im Tun der Kirche überhaupt. Um dieses Sakrament hat der Ritus der Kirche sechs weitere Sakramente gestellt, die dem Leben der Menschen dienen. Diese Sakramente sind sehr verletzlich. Sie können missbraucht, falsch verstanden und in den Händen Unwissender zerbröselt werden. Daher brauchen sie den friedlichen Schutz von Riten, die genau eingehalten und nur von bestimmten Leuten gefeiert werden können und dürfen. Das erledigen die Priester, die in ihrem Amt ganz dafür zu leben haben.

Wir glauben, dass Christus das so wollte und will, solange es Menschen gibt. Die verwandelten Gaben vom Altar sollen zu den Kranken getragen werden, die Sakramente sollen in besonderen, rituellen Feiern auf die Welt kommen. Die Kirche hat schon jede Menge Unsinn gemacht und hat es dauernd nötig, ihre Gewänder zu waschen. Was sie aber immer zustande gebracht hat, ist der Schutz ihrer Sakramente und ihrer Lehre, was den Kern angeht. Das besondere Priestertum der geweihten Teilhaber ist wie ein Kranz, der sich um das schlagende Herz der Kirche legt, das die Eucharistie ist.

Christus hat aber nicht nur das getan. Er hat Wunder gewirkt und dem Bösen und Negativen in seiner Nähe so lange den Garaus gemacht, bis er sich ihm ein einziges Mal freiwillig ganz hingegeben hat. Am Kreuz durfte sich die Bosheit einmal ganz an ihm austoben. Der Priester wurde zugleich das Lamm und sogar der Altar, auf dem es dargebracht wurde. Das war aber eine Sache, die er selbst, ganz allein und in seiner starken Hingebung erledigen wollte. Zuvor hörte man ihn von „meinen Kleinen“ sprechen, dem man besser kein Leid zufügen sollte. Er hat den Kranken Gutes getan und ihnen Gesundheit geschenkt, er hat Dämonen ausgetrieben und den Bösen den Kampf angesagt, genau jenen Kampf, den nur er gewinnen kann. Auch das ist eine Art Schutz, in dessen Namen die Priester in besonderer Weise unterwegs sein sollen.

Esoterik und Identität

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Es hat Einsprüche gegeben, und auf die müssen wir kurz eingehen. Meiner Behauptung nach sind die esoterischen Entwürfe Sammelsurien von Fetzen, die aus den angestammten Religionen zusammen geholt werden. Die Esoterik holt sich das Ihre von allem, was bei anderen zusagt. Jetzt lautet die Frage, ob das Christentum das denn nicht genau so gemacht hat. Scheint so. Auch in der Christlichen Religion findet sich jede Menge Zeugs aus anderen Religionen. Auch hier wurde jede Menge zusammen getragen und eingebaut. Vielleicht ein paar Beispiele.

Als Christus auferstanden und in den Himmel aufgefahren war, begannen die Jünger auf Christi Wunsch hin, die Kirche zu organisieren. Es zeichnete sich ab, dass Jerusalem auf die Dauer nicht mehr das eigentliche Zentrum würde sein können. Jerusalems Zenit war überschritten. Die große Marke des Untergangs war die Zerstörung des Tempels im Jahre siebzig durch die Römer. Einige Zeit zuvor zogen Petrus und Paulus nach Rom. Sie gründeten, bzw. versorgten eine Gemeinde, legten also den Grundstein und starben dort. Die christlichen Pilger kamen, und mit der Zeit wurde Rom christlich und das Christentum römisch. Die Christen bekamen Kirchenbauten, fingen an, ihre Gottesdienste öffentlich zu organisieren und einen Kult einzurichten. Dabei wurde jede Menge Römisches übernommen, und man kann sagen, dass die christliche Kirche wirklich römisch aussah. Die Priestergewänder sind bis heute den Gewändern der römischen Senatoren nachempfunden. Die Form der klassischen Kirchenbauten sind bis heute nicht jüdisch, sondern römisch-griechisch. Die kirchliche Gesetzgebung, die es ja irgendwann auch geben musste, war und ist ganz den Ansätzen des römischen Rechts entlehnt.
Als sich das Christentum in die Welt ausbreitete, zog es über die Straßen Roms in die verschiedensten Provinzen. Auch da übernahm es immer jede Menge Riten, Bilder, Sprachen und Formen. Das geht bis heute so und legt den Schluss nahe, dass sich auch der „Neue Weg“, wie das Christentum anfangs hieß, nicht doch zu vieler alter Straßen bedient habe.

Ein Wort drängt sich als Frage auf: Wie ist das mit der Identität? Gibt es einen bleibenden Kern, der immer der selbe ist, der nicht von irgendwo anders kommt? Wenn ein Mensch geboren wird, bekommt seine Identität einen Namen. Diese bleibt bis ans Ende. Ob dieser Mensch groß wird, eher klein bleibt, ob er Briefträger wird oder Bauingineur, er ist und bleibt der selbe Mensch. Das ist mit Identität gemeint. Diese hat die Person aus sich. Sie ist nicht geklaut, nicht geliehen und nicht zusammengesetzt. Ganz gleich, ob er nackt oder in Uniform daher kommt, die Identität ist am Ende entscheidend.
Unser Problem führt zur Frage: Hat das Christentum im Zentrum einen eigenen, tragfähigen Kern, der nicht geliehen und zusammengebaut ist?
Für meinen Teil brauche ich nicht länger nachdenken. Ein Katholik schießt gleich „die Taufe, die Messe und insgesamt die Sakramente“ aus der Pistole. Etwas allgemeiner gesprochen werden die Christen aller Kirchen und Regionen sich auf „Taufe und Erlösung“ einigen, wobei die katholischen Sakramente im Grunde nichts anderes sind, als die konkreten Mittel, die Erlösung in die Welt und zu den Menschen zu tragen.

Ich würde in einer ersten Antwort also sagen, dieser Kern ist das Eigentliche. Der ist ein Einfall und eine Gründung Gottes persönlich. Er besteht aus sich selbst heraus und sucht in der Welt lediglich nach Kleidern, in die er sich hüllt, um den Menschen leichter vertraulich zu sein. Die Esoterik dagegen bedient sich der Kleider ohne einen solchen Kern, und wenn Christen irgendwo nur noch ihre Kirchen haben, ihre Gewänder und Riten, ohne noch um das eigentliche Kerngeschäft zu wissen, dann kann sogar das Christentum esoterisch werden.

Thomas und Mohammed

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Einem Spruch meiner Heimat gemäß gibt es Bücher, die muss man schreiben und Bücher, die kann man schreiben. Bei den Kannbüchern, heißt es, sollte man nachdenken, ob und wann sie sein müssen. Das kann man als Bild für das Leben nehmen. Es gibt Sachen, die müssen sein und welche, die können sein, müssen aber nicht. Die Kunst besteht darin, die Dinge auf die richtigen Ordner zu verteilen.
Hätte man den Schülern in der Schule gesagt, sie müssten nichts lernen, sie könnten aber, wenn sie wollten, die Erwachsenen hätten die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Die Nachricht, alle müssten gefälligst Samstags in die Fußballstadien laufen, würde für Verwirrung sorgen. Schule muss sein, Fußball nicht. Wie gesagt, es ist eine Frage der Zuordnung, und was nun die Religion angeht, ist es genau diese, die sich in den Völkern der Aufklärung verschoben hat.
Für meine Großeltern war die Taufe von einer Wichtigkeit, die heute nur noch wenige empfinden. Getauft zu sein war die wichtigste Sache des ganzen Lebens. Die Taufe machte nämlich aus Adamssöhnen Kinder Gottes, und weil sie sich als Getaufte als Kinder Gottes fühlen durften, trugen sie auch ihre Kinder so schnell es ging zu den Priestern, damit auch aus ihnen Gotteskinder würden.
Wenn ich richtig sehe, herrschen bei uns in dieser Sache derzeit zwei Meinungen vor. Die einen sagen, es gibt keinen Gott, also ist das mit den Religion nur ein altes Märchen. Man kann es sich erzählen, muss aber nicht. Die anderen sagen, Gott gibt es sehr wohl, man kann allerdings keine wirklichen Probleme mit ihm haben. Die Alten hatten gesagt, Gott gibt es, und er ist auch voller Liebe. Er hat seinen Geschöpfen jedoch offen gelassen, ob sie ausdrücklich seine Kinder sein wollen oder die Kinder Adams, und damit ihres eigenen Bauches. In diesem Sinne hatte ihre Kirche immer verkündet, wie wichtig und erleichternd es ist, die Taufe empfangen zu haben. Sie galt als eine Freundschaft, die seitens des liebevollen Schöpfers unkündbar war. Sie musste aber in einer bewussten Entscheidung seiner Kinder eingegangen werden, wie der alte Bund mit den Vätern Israels. Der Status der Taufe war ein Mussstatus, kein Kannstatus. Darin liegt der Unterschied zwischen dem Lebensgefühl von heute und gestern. Die Taufe war übrigens so wichtig, nicht nur, weil der Herr sie persönlich und ausdrücklich angeordnet, sondern, weil er sein Blut für sie vergossen hatte. Die Sakramente, hieß es, waren eine Frucht des Leidens Jesu am Kreuz. Das alles hat sich bei uns heute gründlich verschoben.
Das ist der Grund, warum uns viele Muslime nicht ernst nehmen können: Weil wir unsere Religion nicht mehr ernst nehmen. Ich habe in unzähligen Gesprächen mit meinen jugendlichen, muslimischen Freunden eins heraus gehört: Sie konnten nicht verstehen, dass den Leuten des Westens scheinbar nichts mehr wirklich heilig ist.

Wenn wir hier von Mohammed und dem heiligen Thomas sprechen, dann sollten wir die Information vorschalten. Beide waren Leute, die ihre Religion mehr als ernst genommen haben. Deshalb konnten sich die Christen und Muslime auch wie die Kesselflicker streiten.  Im Westen sind wir bis zur Erstarrung erschrocken, mit welcher harten Ernsthaftigkeit die Leute der orientalischen Religion schon mal zu Werke gehen. Wir müssen hier jetzt nichts verteidigen, wir sollten aber versuchen, die Dinge zu verstehen.
Der große Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam liegt in der Frage der Erlösung. Im alten Christentum heißt es, Gott hat den Menschen erlöst, und ohne diese Erlösung kann der Mensch den Weg zu Gott, seinem eigentlichen Zuhause nicht finden. Mohammed trat ein halbes Jahrtausend nach der Gründung der Kirche auf, um den Menschen zu sagen, die Erlösung habe nie stattgefunden. Erst wenn man das sieht und um den heiligen Ernst weiß, der hinter den Behauptungen steht, kann man verstehen, dass der Ton selbst bei einem so besonnenen Meister wie dem Aquinaten schon mal etwas ruppig wird. Wenn die Religion nicht wichtiger als die Entscheidung für eine Fußballmannschaft ist, dann wird das unverständlich.
Thomas schreibt in der Heidensumme, Mohammed habe falsche Lehren in die Welt gebracht, die nichts anderes als körperliche Genüsse versprächen. Für einen Christen seiner Zeit war das für eine ordentliche Religion schlichtweg zu primitiv. Die Religion war vor allem und auch in ihrem höchsten Ziel, eine spirituelle, eine geistige und intellektuelle Angelegenheit. Heute würde man sagen, sie war keine Sache des schnellen Spaßes, wie der nächstbeste Geschlechtsakt. Sie war vielmehr eine Sache der Freude, die, eben auch über den Kopf und das Hirn, viel tiefer im Menschen reichte. Das islamische Angebot des Paradieses mit den Jungfrauen und den Weintrauben war in den Augen der Christen viel zu wenig und damit schlichtweg falsch, und wer nur das predige, der würde den Kindern des Lichtes das Licht vorenthalten. Deshalb kommt „Mohametu“, wie Thomas den Propheten nennt, gar nicht gut weg; und die christliche Botschaft bei Mohammed übrigens auch nicht unbedingt.

Der Beter im Wald und die Kirche in der Kirche

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Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich gern über einen Grundsatz reden möchte. Es geht im weitesten Sinn um die Frage nach dem Geistigen und dem Materiellen in Sachen Kirche.
Das Thema ist weitschweifig, deshalb fange ich zur Eingrenzung mit einer wohl etwas schrägen Ansicht an, die ein evangelischer Pfarrer seinen Leuten einmal in den Pfarrbrief geschrieben hat. Er kommentierte die sinkenden Kirchenbesuche in seiner Gemeinde. Das tat er allerdings nicht mit dem üblichen Bedauern. Er schrieb vielmehr, die Leute, die zu Hause blieben, statt zur Kirche zu kommen, seien eigentlich schon einen Schritt weiter, wenn sie den Gottesdienst in ihren Herzen feiern würden. Die Religion sei schließlich etwas Geistiges, und wer sie geistig lebe, der sei irgendwie seiner Zeit voraus.

Ich finde die Ansicht einigermaßen schräg, würde aber vermuten, viele Leute finden sie auf ihren ersten Blick ganz plausibel. In etwas populärerer Form hatten die Eltern meines Freundes sie damals in der Stube hängen. An deren Wand hing nämlich eines dieser kleinen Bretter aus dem Forst, auf dem man mit heißer Nadel einen schlauen Spruch und einen Tannenzweig graviert hatte. Da stand in einem Reim zu lesen, was immer wieder mal  zu vernehmen ist: Zum Beten braucht es die Kirche nicht. Man kann das auch im Wald oder sonst beim Spaziergang erledigen. Mein Bruder, der den Kirchgang stets zu verteidigen wusste, antwortete prompt, er gehe liebe in die Kirche. Am Sonntagmorgen würden ihn die vielen Beter im Wald eher stören.
Als ich die Erwiderung meines Bruders zum ersten Mal hörte, hatte sie diesen wohltuenden Effekt, den klugen Sprüche immer haben: Sie sorgte mit einer Prise Humor für frische Atemluft. Sprüche machen Luft und werfen oberflächlich Meinungen an die Wand, sie erklären aber nichts. Hier braucht es aber eine Erklärung, nämlich auf die Frage, was den schrägen Spruch des Pfarrers schräg hat werden lassen.

Wenn ein Schuss schräg verzieht, dann hat er grundsätzlich wohl die richtige Richtung eingeschlagen, er trifft aber nicht. So ist es auch hier. Der Pfarrer hatte grundsätzlich ein Recht auf seiner Seite. Christus sagt schließlich selbst zur Samariterin: „Gott ist Geist und im Geiste muss er angebetet werden.“ Oberflächliche Bibelleute versuchen schon mal, die konkreten Forderungen der Kirchen mit diesem Spruch auszuhebeln. Das geht aber nicht, weil Sprüche eben nur Sprüche sind, auch wenn sie aus dem erhabenen Mund des Menschensohnes stammen. Wenn alles nur rein geistig abzulaufen hätte, dann wäre schon die Forderung Christi, die Menschen konkret zu taufen, töricht.
Es braucht eine Erklärung, und Thomas liefert sie. Er liefert sie mit einem Grundsatz, der wie ein Firmenschild über seiner gesamten Lehre steht: Wenn man jemandem etwas gibt, dann muss man es auf die Weise dessen geben, der es bekommen soll. Es ist nicht sehr schlau, einem Blinden eine Kinokarte zu schenken und seinen gehörlosen Bruder ins Konzert einzuladen.
Man sollte den Befindlichkeiten der Leute Rechnung tragen, mit denen man umgeht. Diesen Grundsatz vertritt der heilige Thomas an vielen Stellen. In der Heidensumme erklärt er: Wenn es darum geht, den Glauben darzulegen, dann kann man Christen gegenüber mit dem Neuen Testament kommen. Bei den Juden gegenüber muss man sich dagegen auf die Schriften des Alten Bundes beschränken, denn nur ihm schenken sie ihren Glauben. Bei den Heiden kann man dagegen mit der Heiligen Schrift gar nicht landen. Bei ihnen muss man sich auf die Philosophie verlegen, schreibt er.
Wenn man so will, hat das schließlich auch Gott so gemacht. Er hat es bei seinen Menschenkindern nunmal mit Geschöpfen zu tun, die sich in ihrer Erkenntnis auf die Sinne verlassen, und die irgendwie immer von ihren Sinnen ausgehen. Deshalb hat Gott beschlossen, uns die geistigen Güter seiner Gnadenhilfe auch auf die Weise der sinnlichen Vermittlung zukommen zu lassen. Deshalb sind die Sakramente allesamt sogenannte „sinnliche Zeichen“ für durchaus übersinnliches Geschehen.
Deshalb ist die Meinung des Herren Pfarrers ein Schuss, der schräg verzieht und sein Ziel nicht trifft: Er berücksichtigt das Menschliche der Menschen zu wenig. Mein Bruder wird so viele Beter im Wald nicht finden, wie er vermutet. Wenn man den Menschen die Kirche nimmt, setzt man sie der Gefahr aus, ihren Glauben zu verlieren.

 

Anmerkungen: Werden vervollständigt und können ausgelassen werden:

Joh 4,24: „Spiritus est Deus, et eos, qui adorant eum, in Spiritu et veritate oportet adorare.”

Was die Eucharistie kann und was nicht

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Wir sind bei der Frage, was man am Altar denn eigentlich bekommt. Dass viel mehr zu holen ist, als bei gewöhnlichen Speisen, das dürfte klar geworden sein. Wenn man zum Chinesen geht, dann gibt es chinesisches Essen. Man bekommt das Vergnügen für den Gaumen, den Geschmack und für den Körper die Vitamine. Im besten Fall gibt es das Vergnügen einer guten Gesellschaft dazu und auch sonst alles, was man erhofft. Der große Unterschied aber ist: Die Speise macht sonst nichts mit uns, wie denn auch? Reis und Fisch kann nur geben, was Reis und Fisch zu geben haben.
Mit der Gabe des Altares ist das anders. Sie tut etwas, sie gibt etwas und kann aus dem, der sie bekommt, etwas machen. In ihr wirken nämlich Kräfte, die sonst keine Speise haben kann. Das liegt daran, dass sie etwas ganz anderes ist, als man ihr ansieht. Auf dem Altar verwandelt der Heilige Geist Gottes die Speise in Christus persönlich. Das bedeutet, die Speise kann, was Christus wirken kann. Die Speise wirkt, was Christus wirken will. Er hat sie überhaupt erst eingesetzt und der Welt geschenkt, wegen dieser Wirkungen. Das wird in den Kirchen schon mal vergessen, weil vom Wichtigsten oft nicht mehr gesprochen wird. Wenn die Menschen das mit Christus und seinem wirken Wollen nicht wissen können, dann sehen sie in der Messe nicht viel mehr, als essen zu gehen. Dann geht man eben nicht zum Chinesen, sondern zum Nazarener.

Christus ist aber als der Gnadenspender schlechthin zur Erde gekommen. Weil er sterben und die Welt verlassen musste, hat er sich etwas einfallen lassen, damit die Nachkommen nach seinem Tod die gleichen Gaben würden bekommen können, wie seine Zeitgenossen. Also setzte er die Kirche ein, um in ihr die Messe zu installieren. In der Messe sollte es die Gaben geben, die sonst nur die Jünger bekommen hätten. Die hatten nun den Auftrag, alles an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. Also vermittelt diese Speise die Gnade Jesu, und wir sind gerade dabei zu sehen, welche das denn sein könnten. Die erste war die „Glorie“, wie das Lateinische sagt, ein Anteil an der Herrlichkeit des Herrn und des ganzen Himmels.

Als nächstes nennt Thomas eine Gabe, über die wir genauer reden müssen. Christus hätte am liebsten alle Menschen an seinem Tisch. Er hat seinen Glauben innerhalb seines Volkes vorbereitet, damit über die Jahrhunderte hindurch alles langsam verstehbar wurde. Als er aber endgültig auf die Welt sollte, öffnete er das ganze für die ganze Welt. Seit dem gibt es keine Unterschiede mehr. Es kann aber Umstände geben, unter denen man zwar eingeladen ist, unter denen man aber nicht hin darf und die Herrlichkeit nicht empfangen kann. Ein Gedanke dazu.

Am Tisch einer Familie meines Kulturkreises musste man sich vorher die Hände waschen. Wir gehörten selbstverständlich zur Tischgemeinschaft, auch wenn wir Dummheiten gemacht hatten. Aber mit schmutzigen Pfoten kam nicht in Frage, genau so wenig wie mit unbekleidetem Oberkörper. Man mochte das spießig finden, aber irgendwie stand alles unter der Idee, der Tisch einer Familie habe etwas Heiliges. Das verlangt nach einem Mindestmaß an Kultur, ansonsten ist irgendwie alles nichts mehr wert. Es gab also einen kleinen, äußeren Kodex. Der verlangte nicht viel, er verlangte aber auch nicht nichts.
Ein sonntägliches, gemeinsames Essen machte irgendwie die Familie aus und war eine herrliche Freude. Es konnte aber sein, dass man am Tisch saß und doch gerade mit irgendwas nicht einverstanden war. Wegen irgendetwas mochte man sich noch böse sein und gar nicht so harmonisch. So ist das bei den Menschen. Ganz genau genommen wären auch kleinere Widerstände groß genug, um „klärt das erst einmal und dann kommt wieder“ sagen zu können. Auf der anderen Seite waren solche Sachen zu gering, und sie lösten sich oft schon beim Essen wieder auf, und am Ende war wieder alles gut.

Etwas Ähnliches schildert Thomas in der Frage, ob zu den Wirkungen der Eucharistie die Nachlassung jener Sünden gehört, die das geistige Leben beenden. Auf der einen Seite sagt er Ja. Christus kann alles wieder gut machen. So kann er auch alle Hindernisse am Tisch wieder hinbekommen.
Auf der anderen Seite heiß es nun aber: Es gibt Gründe, die einem verbieten, die Füße überhaupt unter den Tisch zu stellen. Wieder etwas banal gesagt: Wer seine schmutzigen Pfoten behalten will, der kann gar nicht erscheinen. Also kann er auch nicht die Segnungen bekommen, die es an der Tafel gibt. Die Eucharistie kann das nicht heilen, was einem verbietet, überhaupt zur Eucharistie zu kommen. Dazu sind andere Sakramente da, die einen eben für die Tafel bereiten.

Quelle: Sth III,79,3.

Gemeinsames Wissen, gemeinsamer Glaube

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Als ich das erste Mal eine koptische Gemeinde besuchte, hatte ich gleich ein wunderbares Erlebnis. Ich machte die Bekanntschaft mit einem Diakon ungefähr gleichen Alters. Wir waren uns sofort auf diese Weise sympathisch in der man Freundschaft schliessen möchte.
Weil ein Gottesdienst vorgesehen war, dauerte es jedoch keine zwei Minuten, bis er mir sagte, ich müsse Verständnis haben, wenn ich als Katholik nicht bei ihnen zur Kommunion gehen könnte. Da gebe es theologische Verschiedenheiten, die das nicht möglich machen würden.
Ich kannte die Unterschiede wohl, war aber einigermassen erstaunt über die schnelle und offene Art. Insgesamt fand ich das in keiner Weise rücksichtslos, gemein oder unbarmherzig. Eine solche Ansage, wie die meines neuen Freundes trifft bei uns wahrscheinlich nicht immer auf Verständnis. Die Kriterien haben sich geändert, und die Gewichte sind verschoben.
Wenn ich die Stimmung bei uns richtig deute, dann wird das mit der Messe insgesamt eher vom Aspekt des gemeinsamen Essens her gedeutet. Gemeinsam zur Kommunion gehen bedeutet erst einmal, gemeinsam bei Christus am Tisch geladen zu sein.
Ich will jetzt gar nicht grundsätzlich dagegen reden. Die Messe hat diesen Aspekt der Gemeinschaft und des gemeinsamen Genusses. Es ist nur eine Frage der Gewichte, die angesprochen gehört.
Jede Generation hat ihre eigenen Übertreibungen. Es gibt immer mal Zeiten, in denen beispielsweise die Göttlichkeit Christi derart betont wird, dass seine Menschlichkeit zu kurz kommt, bis man sie fast nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Ein anderes Mal wird die Menschlichkeit übergewichtet, dass seine Majestät aus dem Blick gerät. Jede Generation hat es mit ihrer eigenen Versuchung zu tun, die Gewichte ungleichmäßig zu verteilen. Bei uns ist es das Gemeinsame und das Mahl mit Christus, was den Geschmack der Zeit am meisten trifft. In dieser Verteilung kommen andere Aspekte der Messe zu kurz. Das beste Heilmittel dagegen ist der Blick in alte Bücher, in Werke, bei denen nicht der momentane Zeitgeist die Feder führte. Das ist wohltuend, es nimmt einem die Betriebsblindheit und stellt die Gleichgewichte wieder her.
Um sich gegenseitig zum Essen einzuladen, braucht es nur ein wenig Sympathie für einander, und schon reichen die Gründe. In christlichem Slang gesprochen ist es lediglich eine Frage der gegenseitigen Nächstenliebe, und alle können an einen Tisch. Wenn nur das gesehen wird, dann werden die Leute, die einander nicht gleich einladen, mehr und mehr unverstanden.
Mein neuer koptischer Freund hat allerdings etwas angesprochen, was nicht fehlen sollte: Nämlich ein gemeinsamer Glaube. Das „Geheimnis des Glaubens“, das in jeder Messe laut gesprochen wird, hat mehrere Bedeutungen. Es sagt, dass man das Wesentliche der Messe ohne Glauben nicht verstehen kann. Es sagt auch, dass der Empfang denen vorbehalten ist, die in dieser Sache glauben, was die Kirche glaubt. Deshalb werden alle, die zum ersten Mal zur Kommunion möchten, zuvor gründlich eingewiesen. Die Unterweisung reicht allerdings auch nicht. Wer zur Kommunion möchte, der sollte nicht nur wissen, was die Kirche glaubt, er sollte ihm auch zustimmen.
Thomas stellt sich im Sentenzenkommentar einmal die Frage nach der Häufigkeit der Kommunion. Dort sagt er einen hübschen Satz: Für die Eucharistie brauche es auf Seiten des Empfängers eine Sehnsucht nach der Verbindung mit Christus, die aus der Liebe komme.
Eine solche Sehnsucht kann kaum zustande kommen, wenn man nicht unterrichtet ist, und die Kirche wünscht, wenn ich so sagen darf, dass dieses Sehnen nach der Christusverbundenheit aus dem gemeinsamen Glauben derer kommt, die zu Tisch geladen sind.

Quelle: Sent, lib 4,dist 12,qu 3, art 1, co 2. “ „…in hoc sacramento (…) requiruntur ex parte recipientis; scilicet desiderium conjunctionis ad Christum, quod facit amor…“

Sind die Sakramente für viele oder für alle?

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Es gibt bei den katholischen Profis deutscher Sprache einen Streit, der schon eine Weile anhält und der immer wieder mal aufflammt. Es ist ein Streit, der sich um ein einziges, lateinisches Wort in der Messe dreht. Dieses Wort heißt „pro multis“. Es gehört zu den Worten, die Jesus zu den Jüngern sprach, als er ihnen seinen Leib und sein Blut anvertraute.
Das war beim letzten Abendmahl, und dem katholischen Glauben nach war das die erste Messe. Weil diese Worte so zentral sind, werden diese Worte bis heute in jeder Messe, ganz gleich, wo sie gefeiert wird, genau so ausgesprochen.
Man kann in der Messe viele Worte machen, aber hier, in ihrem innersten Kern müssen die Worte immer haargenau gleich sein, ansonsten ist die Messe keine Messe.
Und als Jesus den Wein in sein Blut verwandelte, da sagte er: „Das ist mein Blut“, „das ‚pro vobis et pro multis effundetur‘, für euch und für viele vergossen wird.“

Papst Benedikt hatte gebeten, einfach korrekt und wörtlich zu übersetzen und den Text zu ändern. Man solle sich ruhig Zeit nehmen und den Gläubigen die Änderung in Ruhe erklären.
Wenn man getan hätte, was er wollte, dann wäre alles kein Problem gewesen. „Pro multis“ heißt „für viele“, und fertig. Ich bin, wie gesagt kein guter Lateiner. ich weiß aber, dass „pro multis“ „für viele“ heißt. Wenn ein Lateinschüler „pro multis“ mit „für alle“ übersetzt, wird das rot angestrichen und ein Fehler an den Rand notiert. In der deutschen Messe, die wir gewohnt sind, hören wir aber immer, Jesus habe sein Blut „für alle“ vergossen.
Irgendwer hat da früher etwas schludrig übersetzt, damit die deutschen Besucher der Messe „für alle“ und nicht „für viele“ hören. Das wollte der Papst schlicht korrigiert wissen. Wie gesagt, tat man nicht, was der Papst wollte, deshalb brauchen die Prediger den Leuten auch keine Erklärung abgeben.
Hier aber, wo es um eien Blick auf das Sakrament geht, passt sie ganz gut. Es stimmt nämlich beides. Jesus hat sein Blut sowohl für alle, als auch für viele vergossen. In katholischer Sprache kann man sagen, er hat in seinem Blut die ganze Menschheit erlöst, aber nicht alle nehmen die Erlösung in Anspruch.
Wenn den Königen früher Söhne geschenkt wurden, dann gab es ein Fest für das ganze Volk. Es gab Wein für alle. Wenn aber jemand keinen Wein trinken wollte, dann hat er eben nicht von dem genommen, was für alle vorgesehen war. Also haben nur viele und nicht alle davon getrunken.
Der heilige Thomas sagt einen schönen Satz: Die Kraft des Leidens Christi wird uns durch den Glauben und die Sakramente übertragen. Die Weise ist allerdings verschieden. Für die Verbindung durch den Glauben braucht es einen Akt der Seele. Die Verbindung in den Sakramenten vollzieht sich durch das Mittel der äußeren Dinge (die in den Sakramenten gebraucht werden).
Wenn der König den kostbaren Wein im Volk verteilt, hat sich jeder zu entscheiden, ob er mitfeiert und trinkt oder nicht. Diese Entscheidung fällt jeder für sich und in seinem Inneren. Thomas nennt so etwas hier einen Akt der Seele. Die Entscheidung kann so schnell und selbstverständlich von Statten gehen, wie ein Augenzwinkern. Wer Lust hat zu trinken, braucht nicht lange nachdenken. Dennoch, auch beim schnellsten Trinker fällt ganz kurz eine Entscheidung. Wenn er zum Brunnen läuft, dann trinkt er, so viel er mag. Das Trinken ist, um in der Sprache des Thomas zu bleiben, die Anwendung äußerer Dinge. Der Wein kommt eben von außen, vom königlichen Hof und landet als süßer Trank im Magen und als Rausch im Schädel.
Das ganze kann auf die Sakramente angewendet werden. Der innere Akt der Seele ist auch hier eine Entscheidung und auch hier eine Art Bedingung. Es ist die Entscheidung, dem König über den Weg zu trauen und ihm Glauben zu schenken, oder eben nicht. Fällt sie positiv aus, dann gibt es die Gaben der Sakramente, die immer etwas Äußerliches, Bildhaftes an sich haben. Ob der Mensch nun geht oder nicht, das liegt an der Güte der Verkündigung und an seiner freien Entscheidung. Da gehen eben nur „viele“, wobei manche heute sagen, es kommen nur noch wenige.

Quelle: Sth III,62,6,co.  „Virtus passionis Christi copulatur nobis per fidem et sacramenta, differenter tamen, nam continuatio quae est per fidem, fit per actum animae; continuatio autem quae est per sacramenta, fit per usum exteriorum rerum.“

Warum überhaupt Thomas und warum dieses Projekt?

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Ein vorläufiges Vorwort.

Ein Abenteurer war er nicht, der heilige Thomas, da weiss man sich von einem Franziskus, einem Johannes von Gott und von Mutter Theresa viel mehr zu erzählen.
Thomas ist um das Jahr 1225 auf die mittelalterliche Welt gekommen, die er knapp fünfzig Jahre später einigermassen unspektakulär wieder verliess. Dazwischen hat er eigentlich nichts anderes getan, als zu Fuss zwischen den europäischen Universitäten hin und her zu pilgern und das Leben eines Professoren zu führen, der dicke Bücher schreibt.
Aber wenn Thomas auch kein Abenteurer war, was sein äusseres Leben als Bettelmönch anging, so war doch um so abenteuerlicher, was ihm seinerzeit aus der Feder floss.
Wenn man sich heutigentags als Thomasleser bekennt, dann geht einem unter den Füßen schon mal ein Schubfach auf, in das man hineinpurzelt, und in dem die Konservativen gesammelt werden.
„Och nee“, sagte einmal der Anführer einer Gruppe Theologen, vor denen ich eine Woche lang Vorträge halten sollte, „bitte nicht so viel Thomas.“ Sein Professor hatte ihn genervt. Ich sagte zu, etwas anderes zu machen und kann heute gestehen, ich habe nein gesagt und ja gedacht. Als die Woche herum war, bedankte sich der Chef mit der verwunderten Bemerkung, dass die Theologie ohne Thomas doch ganz modern sein könne. Da konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, das war alles reinster Thomas, ich hatte es nur nicht gesagt.
Thomas ist Thomas. Er macht einen weder modern, noch macht er einen konservativ, denn denken muss man schon selbst, und für sein eigenes Bild von der Welt ist auch jeder für sich verantwortlich. Aber als Thomas damals schrieb, da stand er auf der Seite der Erneuerer, und ich würde meinen, das sollte er heute wieder tun.
Mein Buch ist eine Verspätung. Ich schreibe daran, weil mich vor Jahren jemand darum gebeten hat. Die einzige Vorgabe lautete, es solle theologisch hoch qualifiziert und für jedermann verständlich sein.
Die Frage: „Warum ausgerechnet Thomas?“, bekommt also eine erste Antwort. Ich kann die hohe, theologische Qualität nur garantieren, wenn ich mich hinter jemandem verstecke, der hoch qualifiziert denken konnte. Was ich schreibe, ist natürlich meine Meinung. Von der hoffe ich, sie deckt sich mit der Meinung meiner Kirche, der ich dienen möchte. Wenn sich aber etwas theologisch Qualifiziertes findet, dann ist es vom Aquinaten.
Die Frage „warum Thomas“ findet allerdings auch eine höchst offizielle Antwort. Alle Päpste, die überhaupt etwas zu ihm geschrieben haben, geben sich mit der Forderung die Klinke in die Hand, die Theologen mögen vor allem den Aquinaten lieben lernen, und das Zweite Vatikanische Konzil hat gleich an mehreren Stellen ausdrücklich gefordert, die Theologen sollten „unter der Führung“ des Aquinaten studieren.
Wenn man das liest, dann kann es einen wundern, warum es so still um ihn geworden ist. Es mag daran liegen, dass Thomas in Latein geschrieben hat und dass es schon ein gewisses Maß Entschlossenheit braucht, bis einem die ersten Früchte ins Körbchen fallen. Aber wenn man sich erst einmal bei ihm daheim fühlt, dann sitzt man an einer Quelle von Erkenntnissen, die nicht zu versiegen scheint.
Alle Shakespearekenner sagen, Shakespeare ist der Größte, aber auch da braucht es seine Zeit, bis man ihn genießen kann.
Mein Lehrer hat mir mal geraten: „Wenn sie den Thomas verstehen wollen, dann lesen sie das erste Kapitel aus seinem Buch über die Wahrheit.“ Ich hab’s gleich getan und ich glaube, er hatte Recht.
In Umwandlung des guten Rates könnte man den Täuflingen und Studenten sagen: „Wenn du die Kirche verstehen willst, dann musst du die Eucharistie verstehen.“ Nun ist es so, dass niemand je die Eucharistie wirklich verstehen kann, nicht zu Lebzeiten auf Erden. Man sollte aber über sie reden und ich glaube allen Ernstes, die vielbeschworene Krise der Kirche ist eine Krise der Sakramente, allen voran eine Krise der Eucharistie.
Man kann Bethlehem nicht reformieren, wenn man am Stall nur das Dach deckt, den Viechern was zu essen gibt und das Stroh in der Krippe auswechselt. Wir müssten vor allem das Kind neu entdecken. Die Eucharistie ist in gewisser Weise dieses Kind. Das entdeckt man vor allem, wenn man es still betrachtet, und das haben die Hirten wohl getan. Sie mussten sich zuvor aber von den Engeln informieren lassen, was sie überhauprt finden würden.  Thomas trägt den Ehrentitel eines engelgleichen Lehrers. Hier übernimmt er den Job und wird tatsächlich den Engeln gleich. Er erklärt nämlich, so gut überhaupt jemand kann, das Herz und den Pulsschlag des Katholischen; den Sohn des Vaters, der jetzt nicht mehr in einer Krippe liegt, sondern die Kirche tagtäglich in ihren Händen hält. Deshalb würde ich für meinen Teil meinen, es wird Zeit, dass der heilige Thomas wieder entdeckt wird.