Das priesterliche Schauspiel

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Briefe an unseren Bufdi

Eine Klarstellung, die ich angedeutet habe, wird hilfreich sein. Es gibt viele Priester, in Wirklichkeit aber nur einen richtigen, oder wirklichen. Wenn unsere Priester geweiht werden, dann bekommen sie eine Vollmacht, etwas zu tun, was ohne sie nicht geht. Zwei Männer stehen an einem Tisch, der eine ist Priester, der andere nicht. Das selbe Brot liegt vor ihnen, beide haben gleiche Kelche mit dem selben Wein mit einem Tropfen Wasser darin. Sie vollziehen die selben Handbewegungen, sie sprechen die selben Worte und wollen beide das selbe, dann geschieht nur bei dem Priester die Wandlung, im Fall des anderen bleibt alles auf dem Tisch, was es war. So geht unser Glaube. Aber: Das Eigentliche, was da passiert, das tut nicht der Priester, sondern der Herr, in dessen Vollmacht er spricht. Der Priester sagt dann, wie Du Dich sicher noch erinnerst: „Das ist mein Leib.“ Er meint aber gar nicht seinen eigenen, das wäre Unsinn. Der Priester marschiert am Ende, ohne sich etwas abgeschnitten zu haben, nach Hause. Er gibt aber dem, der beschlossen hat, unsichtbar und unhörbar zu wirken und sich zu verschenken, seine Stimme.
Wenn ein Schauspieler auf der Bühne ruft, er sei der Räuber Hotzenplotz, dann spricht da Herbert Meier, der Schauspieler. Er gibt dem Räuber aber seine Stimme, nur, dass es den in Wirklichkeit nicht gibt. Er hat überhaupt keinen Grund, sich irgendwelche Kräfte des Hotzenplotzes einzubilden, die hat er nicht. Für Priester gibt es auch keine Gründe, sich etwas von der Kraft Christi oder irgendeine seiner Eigenschaften einzubilden. Was er tut, ist nicht schwer, man muss dazu nichts lernen und nichts können. Er muss nur tun, was ihm seine Kirche aufträgt, er ist der Diener ihres Anliegens.

Es gibt die vielen Priesterlein und den einen Hohepriester, ohne den sie nichts als Schauspieler wären. Es gibt die vielen kleinen Opferfeiern in den Kirchen, aber nur das eine Opfer, das Christus ein einziges Mal gebracht hat, wird hier in die Gegenwart geholt. Übrigens, dass das jetzt ohne Schmerz und Schmutz geschehen kann, zeigt, dass die Hingabe das Entscheidende am Opfer ist, nicht die Schmerzen von damals.

Es stimmt also nicht, dass die Priester als Personen irgendwie näher bei Gott wären. Sie können ihrer moralischen Qualität nach weit unter den Menschen stehen, denen er auf die Zunge legt, was vom Himmel kommt. Für den Dienst werden sie wohl heran gezogen und was sie tun und zu tun vermögen ist sehr wohl „hochwürdig“, wie man früher sagte. Aber es ist wie mit dem Schauspieler. Willst Du mit dem Räuber Hotzenplotz sprechen, dann geht das nicht, wenn Du den Schauspieler auf der Straße ansprichst. Du musst schon auf die Bühne gehen, wenn er die Kleider der Figur an hat und in seiner Rolle spricht. Polizisten kommen auf der Straße nicht in Uniform daher, damit man viel von ihnen hält, sondern damit die Leute einen Ansprechpartner haben, der ihnen gefälligst zu helfen hat, wenn sie das brauchen. So ist das mit den Priestern auch. Natürlich sind sie etwas Besonderes, aber das sind Künstler, Polizisten und Hausfrauen auch.
Die Sache des Priestertums verlangt von den geistlichen Würdenträgern eigentlich, dass sie öfter zur Beichte gehen als die Schafe, die sie hüten. Die Beichte ist nämlich eine geschätzte Instanz, in der man lernt und sich der Gewohnheit unterzieht, ein wirklich kritisches Auge auf sich zu haben und seine Schwächen nicht vergessen zu machen. Natürlich: Die Versuchung ist naheliegend, sich hochwürdig zu fühlen, wenn die Leute auf der Straße den Beruf so nennen. Aber die Versuchung legt sich nicht nur hier, sondern überall nahe, wo einer wegen irgendetwas noch so Banalem über dem anderen steht, und sei es nur ein bisschen.
Die Kritik lautet, ein Gott, der will, dass die Menschen sich nicht überlegen fühlen und machen, dürfte so etwas wie ein Priesteramt gar nicht erst einführen. Damit führt er die Menschen nur in Versuchung. Der Gedanke ist unter zu ordnen. Über ihm steht der offenkundige Wille, dass die Kinder ihren Vater lieben und dass sie auf der ganzen Welt bekommen können, was er ihnen geben möchte. Wenn man so möchte: Der höhere Gedanke nimmt die Gefahr auf der unteren Ebene in Kauf. Die Christen müssen eben ihre Hausaufgaben machen und ihre Priester erinnern, dass sie Diener und keine Herren zu sein haben; charmant wohl, aber deutlich.

Von den Worten und ihrer Wirkung

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Briefen an mein Formpatenkind, Nr. 3

Ich muss unsere Sache ein bisschen einschränken. Es gibt nämlich viel Unsichtbares zwischen Himmel und Erde und in der menschlichen Welt.

Vorgestern abend habe ich mit einer Studentin, die Philosophin werden will, über das menschliche Sprechen geredet. Sie hatte nämlich noch gar nicht darüber nachgedacht, dass unser Sprechen manchmal viel mehr ist, als über etwas reden oder einander zu informieren. Wir können mit unseren Worten nämlich unsichtbare Dinge bewirken. Wenn Dein Bruder Dir auf Deine Frage hin sagt, wo Deine Socken liegen, dann gibt er Dir nur eine Information. Wenn er Dir aber verspricht, sie Dir zu bringen, dann stellt er sich, wie es heißt, ins Wort und bindet sich damit. Das heißt, Du kannst von ihm verlangen, dass er es auch tut.
Wenn Du Deiner Klassenkameradin sagst, dass sie gut aussieht, dann schmeichelst Du ihr und bewirkst, dass sie sich freut. Versprichst Du ihr aber, dass sie ab heute Deine Freundin ist, dann machst Du aus zwei Mädchen Freunde, vorausgesetzt, sie möchte das auch. Da hängt dann allerdings gleich mit dran, dass man einander treu und ehrlich ist, daran hängt, dass man einander gegenüber anderen den Vorrang gibt und auch, dass sie bei Deinen Eltern als Deine Freundin angesehen wird. Das ist viel mehr als bloße Klassenkameradinnen oder Kolleginnen im Reitverein.
Wir können mit unseren Worten Kriege auslösen und für Frieden sorgen, deshalb lohnt es sich, hier und da mal über unser Sprechen nachzudenken. Für angehende Philosophinnen lohnt es jedenfalls, solche Sachen mal anzureißen. Philosophie betreiben heißt nämlich, Selbstverständlichkeiten nicht selbstverständlich zu nehmen. Das brauchen wir hier allerdings nicht ausbreiten.

Wenn wir in der Kirche die Sakramente feiern, dann geschieht auch immer etwas auf das Wort von Menschen hin, etwas sehr Gravierendes. Ich habe es schon angedeutet: In einer Taufe beginnt ein ganz neues Leben am Herzen Gottes. Wenn das nichts Besonderes ist, wird man fragen dürfen, was dann. Auch in Deiner Firmung ist etwas nicht weniger Bedeutendes geschehen, und zwar auf die Worte des Bischofs hin. Interessant ist jetzt erst einmal, dass das eigentliche Fundament der Sakramente nicht die Worte der Menschen, sondern die Worte Gottes sind. Wir würden nicht taufen, wenn Jesus seinen Jüngern keinen Auftrag dazu gegeben hätte. Wir würden nicht beichten, wenn Jesus nicht gesagt hätte: „Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen“, und wir würden die Messe nicht feiern ohne sein „tut dies zu meinem Gedächtnis!“

Jesus, den wir als den Sohn Gottes bekennen, hat seinen Jüngern ein paar sehr klare Anweisungen gegeben. Die Menschen auf der Straße erwähnen meistens nur die sogenannte Seligpreisungen der Bergpredigt und das Gebot der Nächstenliebe. Das ist auch alles sehr wichtig und recht so. Wenn wir aber etwas vollständiger blieben wollen, dann stehen da auch die Anweisungen, die Sakramente zu spenden. Die Priester und Bischöfe stehen in der heiligen Pflicht, das gefälligst in der gebotenen Ordnung zu tun und die Christen in der Verantwortung, der Welt zu sagen, dass da jemand in den Kirchen auf sie wartet. Die Hauptamtlichen müssen die Sakramente zur Verfügung stellen und die Menschen sollten annehmen, was Gott ihnen an Gutes schenken will, nämlich letztlich sogar sich selbst in seinem Sohn und seinem Geist. Wenn das nichts ist!

Besondere Priester

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Ein kleiner Einschub, der Vollständigkeit halber. Jesus Christus ist der neue Priester für die Welt. Er ist der erste und einzige seines Priestertums. Wenn man so möchte, ist er der einzig mögliche, und um das ein bisschen näher zu verstehen, empfehle ich einen Blick in den Brief an die Hebräer. Da ist alles eigentlich ziemlich deutlich beschrieben.
Dem Glauben meiner Kirche nach hat Christus am Abend vor seinem Tod seine Jünger zu ganz besonderen Priestern gemacht, als er ihnen den Auftrag gab, den Ritus zu wiederholen, den er ihnen vorzelebriert hatte. Den Priestern dieser Art wurde vom Meister persönlich das Verwandeln und Verwalten von Brot und Wein in die Hände gegeben. Diese Aufgabe haben die Priester bis heute, und es bleibt ihre vornehmste Aufgabe aller Priester im Amt bis heute.

Du wirst Dich nicht wundern, wenn ich sage, dass um dieses Priesteramt schon immer viel Wirbel gemacht wurde und immer gemacht werden wird. Um das Vornehmste wird sich manchmal am wenigsten vornehm gestritten.
Die evangelischen Christen haben die Weitergabe des geweihten Priestertums aufgehört und betonen eine Tatsache, die wir der Vollständigkeit halber kurz anreißen müssen. Dem biblischen Glauben nach ist jeder getaufte Christ nämlich ein kleiner Priester. Schließlich heißt es, Christus sei das Haupt und alle, die zu ihm gehören, sind seine Glieder auf Erden. Wer getauft ist, bekommt besonderen Anteil an ihm, und da er der Priester aller Priester ist, wird jeder getaufte Mensch sozusagen ein Prinz am Hofe Gottes und ein Teilhaber des priesterlichen Daseins Jesu. So jedenfalls unser Glaube.

In jedem Januar machen sich die Sternsinger auf den Weg, um die Häuser aller Menschen, die es wünschen zu segnen. In der allgemeinen Neigung zur Oberflächlichkeit sehen wir meistens nur, wie sie Süßigkeiten für sich und Geld für arme Menschen sammeln. Das eigentliche aber gerät da schon mal aus dem Blick. Die Kinder werden mit einem priesterlichen Auftrag ausgesandt. Sie sollen die Geburt des Erlösers Christus in Bethlehem verkünden und die Häuser der Menschen segnen. Wenn Kinder ein Haus segnen, dann ist es gesegnet und der Segen Gottes ist kein Nebenbei. Gottes Segen ist wirksam und wohltuend. Es gibt also ein sogenanntes allgemeines Priestertum aller Gläubigen, die mit Christus verbunden sind. Das sollte kurz gesagt sein.

Es gibt da aber noch einen Gedanken, aus dem ich die alten Kirchen sehr gut verstehen kann, wenn sie auf das besondere Priestertum der Weihe nicht verzichten können: Es ist der Gedanke des Schutzes. Das Sakrament der Eucharistie ist der bleibende Mittelpunkt unseres gesamten Glaubens, sowohl in der Lehre, als auch im Tun der Kirche überhaupt. Um dieses Sakrament hat der Ritus der Kirche sechs weitere Sakramente gestellt, die dem Leben der Menschen dienen. Diese Sakramente sind sehr verletzlich. Sie können missbraucht, falsch verstanden und in den Händen Unwissender zerbröselt werden. Daher brauchen sie den friedlichen Schutz von Riten, die genau eingehalten und nur von bestimmten Leuten gefeiert werden können und dürfen. Das erledigen die Priester, die in ihrem Amt ganz dafür zu leben haben.

Wir glauben, dass Christus das so wollte und will, solange es Menschen gibt. Die verwandelten Gaben vom Altar sollen zu den Kranken getragen werden, die Sakramente sollen in besonderen, rituellen Feiern auf die Welt kommen. Die Kirche hat schon jede Menge Unsinn gemacht und hat es dauernd nötig, ihre Gewänder zu waschen. Was sie aber immer zustande gebracht hat, ist der Schutz ihrer Sakramente und ihrer Lehre, was den Kern angeht. Das besondere Priestertum der geweihten Teilhaber ist wie ein Kranz, der sich um das schlagende Herz der Kirche legt, das die Eucharistie ist.

Christus hat aber nicht nur das getan. Er hat Wunder gewirkt und dem Bösen und Negativen in seiner Nähe so lange den Garaus gemacht, bis er sich ihm ein einziges Mal freiwillig ganz hingegeben hat. Am Kreuz durfte sich die Bosheit einmal ganz an ihm austoben. Der Priester wurde zugleich das Lamm und sogar der Altar, auf dem es dargebracht wurde. Das war aber eine Sache, die er selbst, ganz allein und in seiner starken Hingebung erledigen wollte. Zuvor hörte man ihn von „meinen Kleinen“ sprechen, dem man besser kein Leid zufügen sollte. Er hat den Kranken Gutes getan und ihnen Gesundheit geschenkt, er hat Dämonen ausgetrieben und den Bösen den Kampf angesagt, genau jenen Kampf, den nur er gewinnen kann. Auch das ist eine Art Schutz, in dessen Namen die Priester in besonderer Weise unterwegs sein sollen.

Die Neuheit des christlichen Priestertums – Antwort für Benni

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Der Einspruch geht weiter. Seine Fortsetzung lautet, „Priester gab es immer schon.“ Das bedeutet, es kann ja so gewesen sein: Das Christentum ging an den Start, die Welt zu gewinnwn und musste sich organisieren. Ringsumher hatten alle Religionen alle ihre verschiedenen Priestertümer. Da lag es doch nahe, in der neuen Religion, die jetzt unter die Leute sollte, auch ein solches einzubauen. So entstand das katholische und orthodoxe Christentum mit Blick auf das, was es schon gab und sich bewehrt hatte.

Als Christus, der Gründer des Neuen Weges kam, erschien er in seinem jüdischen Volk, das schon ein über die Jahrhunderte gewachsenes Priestertum hatte. Hier könnte man jetzt meinen, dass sich das christliche, neue Priestertum so neu gar nicht nennen kann. Eine neue Hose, die aus dem Stoff alter Hosen genähte wurde, ist so neu nicht. Das priesterliche Christentum behauptet aber, trotz dem jüdischen Priestertum, ein ganz neues zu haben, ja sogar selbst zu sein.

Es ist so gemeint: Gott hatte seit Ewigkeiten im Sinn, eines Tages sein ganz und gar neues, einzigartiges und unverwechselbares Priestertum in die Welt zu pflanzen. Sein Wort, der Sohn Christus sollte der Hohepriester sein und jeder wahre Priester aller zukünftigen Zeiten würde sich nur insofern Priester nennen können, wie er lebendigen Anteil an diesem einen Priestertum Jesu hat. So gesehen gibt es am Ende eigentlich nur einen Priester im engeren, wahren Sinn des Schöpfers. Dieser ist Christus selbst und Christus ganz allein. Spricht der Priester inseiner zentralsten Rolle, dann sprich nicht er, sondern Christus durch ihn. Der Priester sagt: „Das ist mein Leib“ und meint nicht sich selbst damit. Er spielt auch kein Schauspielstück. Christus sagt durch ihn, dass er es ist, den der Priester in seinen Händen hält. Das ganz Neue besteht in der Neuheit des Priesters. Christus, der Sohn des Höchsten ist keine Neuauflage des Hohenpriestertums der Juden. Er macht alles neu, wie er im Evangelium sagt, so auch das Priestertum.
Das Neue Testament nennt Jesu Priestertum im Hebräerbrief „nach der Ordnung des Melchisedek“. Dieser war es, der beim Glaubensvater Abraham wie aus dem Nichts kam, Brot und Wein opferte und quasi ins Nichts wieder verschwand.
Hier heißt es also nicht, dass das Spätere das Alte kopiert, sondern dass das alte ein unvollkommenes Vorausbild auf das vollkommene, Künftige war. Alle Priestertümer waren wie vorausschauende Hinweise auf die Zukunft, in der sich das letzte und zugleich erste, vollkommene Priestertum offenbaren und in die Welt pflanzen sollte.
So etwa: Wir alle kennen Häuser, Straßen, Plätze und Wege. Wir alle kennen Städte. Wenn aber eines Tages die eine, neue und große Stadt vom Himmel kommt, dann werden wir wissen, wie das alles eigentlich immer gemeint war. Die heutigen Städte waren dann nur unvollkommene Vorausbilder auf das Vollkommene, das ganz neu sein wird.

Was nun das Abschauen der Formen angeht, bleibt natürlich, was immer bleibt: Das Priestertum kleidet sich in die konkreten Gewänder der Welt. Das Geheimnis braucht weniger geheimnisvolle Zeichen, und das ist notwendigerweise immer so: Man muss, um ein Geheimnis darstellen zu können, auf nicht geheimnisvolle Bilder zurückgreifen. Der Grundsatz des heiligen Thomas dazu lautet: Man muss vom Bekannten zum Unbekannten vorgehen. Deshalb stimmt es natürlich, dass sich auch das ganz neue, ewige Priestertum Christi in „alte“ Gewänder kleidet. Es müssen auch „alte“ Bilder zur Erläuterung gebraucht werden, schließlich soll der Mensch wissen, was er bekommt und ja sagen können zu dem, was er ersehnt.

Haben die Engel sich selber lieb?

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Wir sind beim Thema Liebe, und wenn es um die Engel geht, dann müssen wir natürlich auch über sie sprechen. Thomas hat sogar ein eigenes Kapitel, das von der Liebe der Engel handelt. Ich fürchte aber, wer zum ersten Mal darin stöbert, der wird gelinde enttäuscht. Beim Thema Liebe erwartet man schon mal, was der heilige Professort nie liefert: Dass gleich das Gefühl angesprochen wird.
Alle Schlager singen von der Liebe und sind erfolgreich, wenn sie Gefühle wecken, große Filme auch. Shakespear war der größte aller Bühnenschreiber. Die Literaten feiern ihn bis heute, weil er mit der Sprache umgehen konnte, wie Mozart mit den Tasten seiner Klaviere. Aber wenn seine Stücke aufgeführt werden, dann sind sie zeitlos erfolgreich, weil sie meisterhaft mit der Gefühlswelt der Zuschauer spielen.
Bei den Predigern gibt es einen alten Streit: Gefühl oder Verstand. Was soll angesprochen werden? Mein Lehrer, ein Thomist reinsten Wassers, war da immer sehr klar: Die Kanzel ist keine Theaterbühne und die Priester brauchen nicht immer witzig sein. „Wenn die Leute zur Kirche kommen, dann sollten sie vor allem erfahren, woran sie sind“, pflegte er zu sagen. Sie hätten ein Recht, die heiligen Schriften ordentlich ausgelegt, den Glauben sachlich erklärt zu bekommen, und letztlich natürlich auch von der Liebe Gottes zu erfahren. Dazu aber müsse man die Menschen weder zum Weinen, noch zum Lachen bringen.
Ich würde meinen, er lag da nicht ganz falsch. Unsere Priester werden schließlich in der Theologie ausgebildet und brauchen nicht auf die Schauspielschule. Doch auch wenn sie das Zeug zum Entertainer haben und beim Predigen darauf setzen, sie kommen sie mit der Zeit in die Bedrullje: Sie haben immer nur das eine, selbe Stück.

Als man vor fünfzig Jahren den Gottesdienst änderte, die Sprache des jeweiligen Landes erlaubte und hier und da Möglichkeiten zur Gestaltung eröffnete, ging man eifrig an die Arbeit und schrieb jede Menge neue Lieder, die wohl zu Herzen gingen. Heute sind auch diese alt, und das einzig immer Junge ist ihre Botschaft.
Im Zuge der neuen Möglichkeiten in den Gottesdiensten wurden, wo immer es möglich und erlaubt war, die biblischen Texte gegen irgendwelche anderen getauscht und dann erklärt. Ich muss sagen, dass ich mich da als Jugendlicher ein bisschen betrogen gefühlt habe. War doch die Kirche der einzige Ort, wo die uralten, heiligen Texte, die uns immer irgendwie das Herz verzaubert hatten, feierlich vorgetragen und erläutert wurden. Jetzt nahm man Kindergeschichten, die überall zu kriegen waren. Unser alter Pfarrer hatte uns Kindern im Religioneunterricht beigebracht, die Bibel sei, wenn man sie verstehe, der große Liebesbrief Gottes an die Welt. Was war die Kirche für eine Braut, die nicht darin lesen wollte? Aber das ist lange her, und wenn ich über all das nachdenke, dann ist der Ort für das Gerührtsein und Weinen eher der Beichtstuhl als die Predigt und der Zeitpunkt für das Gefühl der tieferen Freude viel eher die Kommunion. Die Priester brauchen dazu keine Kunststücke aufführen, und der heilige Thomas musste keine Gedichte schreiben.
Er erwähnt die Liebe aber. Wo er zum Beispiel über das Leiden Christi und die Erlösung schreibt, da erwähnt er fast lapidar, die Erlösung am Kreuz sei zunächst ein Anlass zur Liebe. Sie sei es schließlich, in der uns verziehen würde. Es ist die Sache, die uns rührt, nicht unbedingt immer die Weise, wie sie uns vorgetragen wird. Blumen oder Kuchen, durch beide kann die Sprache der Liebe sprechen. Bei Christus ist es die Tatsache, dass er statt unser sterben ging.

Aber wo wir gerade in der Summe stehen, da stellt der Meister sich die Frage, ob die Engel von Natur aus sich selber lieb haben, und da muss er was erklären. „Sowohl der Mensch als auch der Engel“, schreibt er, „möchte von Natur aus Gutes für sich und die eigene Vollendung. Das ist doch ‚sich selber lieben.‘“ Zugegeben, das klingt ein bisschen wie ein Kuchenrezept oder ein Stück Musik auf einem Notenblatt. Rezepte schmecken nicht und Notenblätter lassen nichts von sich hören. Was hier aber in einem Satz über den Menschen steht, ist schon ein schöner Grund, über etwas nachzudenken. Und mögen die Engel auch noch so anders sein als wir, hier sind sie uns verwand – wenn den Thomas nicht alles täuscht.

Quellen:
Sth III, 49, 1, co: Respondeo dicendum quod passio Christi est propria causa remissionis peccatorum, tripliciter. Primo quidem, per modum provocantis ad caritatem. Quia, ut apostolus dicit, Rom. V, commendat Deus suam caritatem in nobis, quoniam, cum inimici essemus, Christus pro nobis mortuus est. Per caritatem autem consequimur veniam peccatorum, secundum illud Luc. VII, dimissa sunt ei peccata multa, quoniam dilexit multum.

Sth I, 60, 3, co: Unde et Angelus et homo naturaliter appetunt suum bonum et suam perfectionem. Et hoc est amare seipsum.

Das Schwarz der Priester

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Es steht also eine gewaltige Behauptung im Raum: Gott verändert im Ritus der Priesterweihe die Herzen seiner Kandidaten. Er verändert sie ein für alle mal und er verändert sie für immer. Die Kandidaten sind am Ende des Ritus also nicht mehr ganz die selben, die sie vorher waren. Es ist eine Änderung bis hinein in die Ewigkeit.
Das Wort „ändern“ scheint nun etwas unangemessen. Hosen werden geändert, wenn sie zu kurz oder zu lang sind. Fahrpläne werden geändert, wenn die Busse anders fahren sollen. Jetzt in Sachen Menschenherzen von „Veränderung“ zu sprechen, klingt nicht besonders schön.

Das Wort „Verzaubern“ ist da schon etwas anderes. Es wird sofort märchenhaft, und ich würde meinen, das fügt der Sache gleich eine neue, angemessene Seite bei. Das Wort „Verzaubern“ meint also gleich etwas anderes als jemanden, der mit der Nähmaschine Hosen enger macht oder am Schreibtisch Fahrpläne umschreibt.
Das Wort „Zauber“ muss nur erklingen, schon trägt es unser Empfinden in die Welten der Kindheit, wo es feierliche Zeremonien an festlichen Höfen gibt, wo Magier heimlich Tränke mischen und Ritter gegen Drachen kämpfen.
Es könnte nun sein, dass jemand hier mit einigem Ernst seinen Einwand vorträgt: „Wir sprechen von der heiligen, strengen Wirklichkeit und ihr kommt mir hier mit Märchen und unwahren Fabeleien aus der Kinderwelt.“
Da ist dann aber etwas zu bedenken. Wer sagt eigentlich, Märchen seien unwirklich und nicht wahr? Es ist natürlich unwirklich, wenn Prinzen auf riesigen Schimmeln gegen Drachen mit feurigen Klauen kämpfen. Aber es ist die Spitze aller Wirklichkeit, dass das Gute das Böse zu besiegen hat. Unwirklich sind nur die Kostüme.

Das erinnert mich an einen Gedanken aus unserer Kindheit. Der alte Priester in unserem Dorf lief öfter in einem schwarzen, bodenlangen Kleid durch die Gemeinde. Er war ein hochgewachsener, alter Herr und die riesige Gestalt in seinem Gewand war irgendwie nur schwarz, aber ich hatte da eine Ahnung, dass das nicht alles an ihm war. Ich war mir sicher, wenn ich mal nahe heran hätte gehen können, um an seinem Schwarz zu kratzen, es wären darunter sicher silberne und goldene Fäden mit glitzernden Edelsteinen zum Vorschein gekommen. Mit der Sicherheit eines Detektivs habe ich gewusst: Das Gewand ist nur außen schwarz! Von innen ist es mit feinstem Gold beschlagen, und heraus kommen die kostbarsten Gaben, wenn man nur lange genug dran kratzt.
Das Schwarz ist eine Tarnung! Die guten Gaben müssen geheim gehalten werden. Vermutlich geht es nicht an, wenn die kostbaren Perlen einfach draußen verteilt und gezeigt werden. Die Frage nach den Märchen- und wahren Welten wäre klar gewesen. Die Innenwelt des Priesters ist die eigentlichere und wahrere Welt. Sie ist nämlich die des großen Erfinders aller Welten.

Die Bilder kommen zusammen: Unsere Priester sind diejenigen, die am engsten mit dem Priestertum Jesu verbunden sind, und aus dessen Seitenwunde am Kreuz flossen die kostbarsten Gaben: Blut und Wasser. Sie sind, wie die Väter sagen, die Sakramente, aus denen die Kirche errichtet ist. Auch dem Herrn kratzte die Lanze, wenn man so will, am äußeren Gewand. Nur war das nicht schwarz, sondern blutig und geschunden. Aber wer will uns sagen, dass nicht gerade er als der Priester, von reinstem Gold und Silber war? Wer will uns sagen, dass aus ihm nicht die kostbarsten Preziosen fließen?
Die Weihe verzaubert die Kandidaten, die Wandlung verzaubert die Gaben, und wenn überhaupt von irgendeiner großen Verwandlung gesprochen werden soll, dann müsste unsere äußere, nüchterne Welt verzaubert werden, um seiner inneren, goldenen  irgendwie ähnlich zu werden. Märchen- und Kinderphantasien hin oder her. Das Schwarz der Priesterkleider ist eine Tarnung, und es ist gar keine schlechte.

Kann Gott Priester weihen? Teil 1

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Als seinerzeit die Leute der ersten rotgrünen Regierung vereidigt wurden, an die ich mich erinnern kann, haben einige von ihnen für milde Aufregung gesorgt. Eigentlich nicht, weil sie eine Sache gemacht, sondern weil sie eine gelassen haben. Sie verzichteten in der Formel zum Schwur auf die Verfassung auf den Schöpfer und ließen ein Loch, wo man sonst „so wahr mir Gott helfe“ sagt. Als man sie nach ihrem Warum fragte, gab ein Minister eine ebenso kluge, wie falsche Antwort. Er sagte nämlich, es habe ihm noch nie ein Gott geholfen.
Die Antwort war klug, wegen ihrer Schlagfertigkeit. Nur ein genau so schlagfertiger Reporter oder vielleicht ein Kind hätte schnell die einzig wahre Gegenfrage stellen können. „Wie sicher sind sie sich denn?“, wäre die passende Erwiderung gewesen, und nur da hat der Gläubige einen entscheidenden Vorteil. Man kann nicht in gleicher Weise sicher sein, keinen Gott zu haben, wie man sich sicher sein kann, wenn man mit ihm lebt.

Hätte ich meinem Großvater gesagt, die Welt sei per Urknall entstanden, er hätte vermutlich ungläubig drein geschaut. Vielleicht hätte er es geglaubt, ich weiß es nicht. Mag sein, er hätte er argumentiert. Wenn ich ihm dargelegt hätte, die heiligen Drei Könige seien gar keine Könige gewesen, er hätte vermutlich ohne großen Widerstand beigedreht. Hätte ich ihm aber gesagt, seinen Gott würde es nicht geben, er hätte mir einen Vogel gezeigt. Meine Oma pflegte im Kuhstall des morgens in der Frühe Marienlieder zu singen. Man kann jetzt sagen, sie tat das zur Motivation, als psychologische Hilfe. Wenn die amerikanischen Soldaten laufen müssen, besingen sie schließlich auch ihr gelobtes Land. Sie werden es auch lieben, wie meine Oma den Himmel. Sie können den Präsidenten ihres Landes wohl aber nicht in gleicher Weise gern haben, wie meine Oma den Herren ihres Himmels und dessen Königin. Auf die Frage, wie sie ihren Glauben beweisen wollen, brauchten weder meine Großeltern, noch muss sonst ein Gläubige mehr sagen, als dass der Glaube sich selbst zu beweisen versteht, wenn man ihn erst einmal hat. Der heilige Thomas ist der Ansicht, man müsse den Ungläubigen den Glauben nicht zu beweisen suchen. Es reiche zu zeigen, dass er nicht unvernünftig sei.

Es ist wie mit der Liebe überhaupt. Es ist am Liebenden, seine Liebe zu beweisen, und wer liebt, der wird schon dafür sorgen. Messen aber, errechnen oder mit medizinisch-biologischen Maschinen die Liebe beweisen, das wird niemals jemand können. Alle Messergebnisse lassen sich nach links oder rechts interpretieren.
Man kann natürlich auch die Anwesenheit Gottes im Leben meiner Großeltern nicht nachweisen wie CO2 in der Luft. Man hätte sie aber jederzeit prüfen können, wenn man ihre Hände dafür übers Feuer gehalten hätte. Meine Großeltern waren dem Minister insofern überlegen, als dass ihr Glaube etwas positiv Erlebtes war. Sie hätten jederzeit antworten können, man könne von dem, dessen Anwesenheit sie überzeugt sind, doch nicht sagen, dass es ihn nicht gibt. Wenn aber ein Haus nicht bewohnt ist, dann kann man nicht behaupten, es habe keinen Besitzer.

Die Argumente der Gläubigen sind für die Neuzeit natürlich keine mehr. Sie sind Privatangelegenheiten, die Gleichgesinnte unterschreiben und die man ansonsten eigentlich keinem mehr vorlegt. In der mittelalterlichen Diskussion flossen sie noch in manche Argumente ein, was der Epoche den Ruf einbrachte, nicht wissenschaftlich zu sein.
Die mittelalterliche Mentalität unterscheidet sich noch in einer weiteren Frage von der derzeitigen. Der heutige Zeitgenosse glaubt, Gott macht gar nichts, der mittelalterliche dachte, Gott mache alles, und der heilige Thomas sagt das auch so: Nichts geschieht, es sei denn, in der Kraft Gottes. Der Heutige empfindet, die Dinge würden auch ohne einen Schöpfer ganz prima laufen. Das Mittelalter verkündet, wenn der Schöpfer die Welt verlassen würde, wäre sie augenblicklich nicht mehr da, wie eine Seifenblase, die es nach dem Platzen nicht mehr gibt.
Die neuzeitliche Philosophie startet mit der Behauptung, der Mensch projiziere sich Götter an die Wände. Das Mittelalter konnte noch sagen, es sei umgekehrt: Gott projiziert uns und lässt uns ansonsten gewähren. In der Neuzeit scheint man ernsthaft zu glauben, Naturgesetze würden regeln, dass alle Steine zu Boden fallen. Das Mittelalter behauptet, der Schöpfer trägt alle Steine, und das so regelmäßig, dass man daraus sogar Gesetze entwickeln kann. Fliegt mal einer quer, dann überrascht das im Mittelalter niemanden.
Um die Sakramente und überhaupt den Glauben ein wenig verstehen zu können, muss muss man nicht zurück ins Mittelalter. Man sollte dem Schöpfer wohl aber zutrauen, dass er sich um seine Welt kümmert, auch ohne dass es unseren Ministern sonderlich auffallen muss. Es schadet der Welt nicht und bringt sie nicht durcheinander, wenn der Schöpfer sie in seinem Herzen birgt und es sich nicht nehmen lässt, persönlich die Menschenseelen zu formen. Es widerspricht auch keinem Gesetz, wenn Gott uns verzeiht und in der Taufe das Leben noch einmal ganz neu beginnen lässt. Es blitzt und donnert nicht, wenn der Schöpfer in der Priesterweihe die Herzen seiner Kandidaten für immer verändert. Aber dass er das kann, das dürfen wir getrost für möglich halten. Und was da passiert, das sollten wir uns ansehen.

Die Liebe und ihre Konkurrenz

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Heute zwei Artikel.

Mir ist wohl bewusst, nicht alle sehen das mit den Priestern wie ich es geschildert habe. Wenn ich nicht ganz falsch liege, sehen das eigentlich nur wenige so. Das sagt aber nichts über richtig oder falsch. Im Ruhrgebiet hat die Kirche vor Zeiten mit hübschen Plakaten für das Priesteramt geworben. Es gab beträchtliche Diskussionen. Es ging aber um die falschen Fragen, nämlich, ob es sinnvoll sei, eine Plakatwerbung für ein Amt wie das der Priester anzustoßen. Keinem schienen die Inhalten aufzufallen, und die waren das, was eigentlich aus der Spur gelaufen war. Die Bilder hatten verschiedene Motive, und alle sprachen davon, dass die Priester den Menschen helfen. Von Gott war nirgends die Rede.

Es ist ja nun so, dass die Priester für die Menschen bestellt sind und für sie da zu sein haben. Es ist wohl auch so, dass Gott um der Menschen willen Mensch geworden ist. Das ist aber nicht das Eigentliche, und deshalb hatte ich damals den Eindruck, die Plakate hätten etwas Trügerisches.
Zur Erklärung ein Fall, bei dem es sozusagen umgekehrt zuzugehen hat.
Wenn ein Religiöser seinen Freund im Krankenhaus besucht, dann tut er es vermutlich aus zwei Gründen: Er will seinem Freund etwas Gutes tun und zugleich ein Gebot erfüllen. Der Besuch eines Kranken zählt schließlich zu den Werken der Barmherzigkeit.
Wenn der Besuchte seinen Freund nun fragt, warum er zu ihm kommt, dann sollte er den ersten, den vorrangigen Wunsch nennen. Und im Fall einer Freundschaft sollte das die Freundschaft sein. Wenn er sagt, er komme, um ein Gebot Gottes zu erfüllen, dann dürfte das den Freund eher zornig machen.
Man pflegt keine Kranken, um Gebote zu erfüllen, sondern um Kranke zu pflegen. So jedenfalls, wenn es mit rechten Dingen zugeht. Mit Verlaub und bei aller Hochachtung für die Wünsche, der Religion zu dienen: Solange die Religiosität noch in der Unreife steht, um der Gebote willen erfüllt zu werden, haben die Menschen vor zu gehen. Erst in der Reife, also wenn es um die Liebe geht, hören die Dinge auf, als Konkurrenten aufzutreten. Beim Priesteramt und bei den Ordensberufungen liegen die Dinge also umgekehrt, weil man aus Liebe Priester, Mönch oder Nonne werden sollte.

Der heilige Franziskus muss ein ziemlich harter Bursche gewesen sein, sonst hätte er das Leben, das er führte, nicht durchhalten können. Franziskaner der ersten Generation sein, das war nichts für weich gekochte Charaktäre. Es hieß aber, der heilige Reformer brauchte nur einen Zettel zu finden, auf dem der Name Jesu oder seiner Mutter stand, und er brach in Tränen der Liebe aus. Auch den Zisterziensermönchen der ersten Stunde sagte man nach, sie seien ganze Kerle und harte Männer gewesen. Man holte sie schließlich in die wilden Wälder des europäischen Ostens, dass dort gerodet und eine ordentliche Kultur errichtet werde. Auch ihnen seien beim Chorgebet die Krokodilstränen die Wangen herunter gelaufen, so verliebt seien sie in ihren Herrn und die Umstände ihrer Erlösung gewesen.

Man kann mit Fug und Recht sagen, der heilige Franziskus hat sich um die Kranken aus wirklicher Liebe zu den Kranken gekümmert. Aber hätte man ihn gefragt, warum er das alles tut, er hätte vermutlich mit der ganzen Rührung seines Herzens den Namen seines Herrn genannt.
Es liegt wohl an der eher schlechten Theologie unserer Tage: Wir vergessen, Gott ist nie und in keiner Weise ein Konkurrent. Der Schöpfer ist, insofern er Gott ist, kein Teil seiner Welt und er ist schon gar kein Mitglied unserer Gemeinschaften. Gott ist, als Gott, nicht mal in der Welt zu finden. Diese Feststellung ist von großer Wichtigkeit. Sie ist die Grundlage für die Behauptung, dass der Schöpfer in der Liebe keine Konkurrenz darstellen kann. Konkurrenz kann es nämlich nur bei Gleichen geben. Ein Bräutigam hat keinen Grund zur Eifersucht, wenn seine Braut nicht aufhört ihre Eltern zu lieben. Diese Liebe kann noch so groß sein, sie ist außer jeder Konkurrenz, es sei denn, sie hat eine falsche Bauform, wie die Liebe zu einem Mann etwa. Auch die ungebrochene Liebe unter Geschwistern ist keine Konkurrenz, wenn sie die Form der Geschwisterliebe behält. Deshalb bräuchte auch der besuchte Freund keine Sorge zu haben, wenn ein Heiliger Gottes ihn aus Liebe zu Gott oder „um des Himmelreiches willen“ besuchen kommt. Wir können es auch anders sagen: Gott ist die Liebe, und wer Gott liebt, der liebt die Liebe. Wer aber die Liebe liebt, der sitzt an der Quelle. Dessen Gefäße werden aus dieser Quelle voller, nicht leerer.

Das Bild, das die Kirche von sich macht

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Manchmal reicht es nicht, wenn man nur die äußeren Bilder einer Geschichte sieht und deutet. Als Kinder reizte uns das Märchen vom königlichen Prinzen, der in die Gewänder eines Bettelmanns schlüpfte und sich in die Welt der gewöhnlichen Menschen begab. Ein Betteljunge dagegen trug die teuren Kleider am Hof und erlebte dort seine Abenteuer. Reizvoll war die Verkleidung. Man sah den beiden nicht an, wer sie in Wirklichkeit waren. Wie alle bedeutenden Spiele für kleine Leute, gibt es auch diese auch für die großen. Teure Filme leben vom Spiel der Verwechslung und von der Unsichtbarkeit des Wesentlichen. Sogar der große Shakespear spielt mit solchen Bildern, wenn er den Diener Kent vor dem herabgekommenen König Lear sein „Herr, ihr habt etwas in eurem Wesen, das ich gern meinen Herrn nennen möchte“, sagen lässt.
Im Evangelium gibt es eine Szene, zu der Christus drei handverlesene Jünger mit auf einen Berg nimmt. Er verklärt plötzlich vor ihren Augen und schaut ganz fremd und anders aus. Er ist der selbe Jesus, er ist der selbe Mensch. Seine Gewänder aber leuchten in einem Weiß, das kein Walker wirken kann, und er spricht mit zwei großen, längst verstorbenen Gestalten aus dem Alten Bund.
Auch da zeigte sich, dass der mittellose Wanderprediger in Wirklichkeit viel mehr war, als seine äußere Gestalt offenbarte. Das Wesen der Dinge bleibt uns unbekannt, schreibt der heilige Thomas, und manchmal müssen wir informiert sein, um mehr „sehen“ zu können.
Besonders deutlich wird das auch im Geschehen des Opfers Jesu vor den Mauern Jerusalems. Christus hatte Pilatus die Wahrheit gesagt: Er ist ein König! Der da jetzt aber am Kreuz geschunden und zu Tode gebracht wird, dem sieht man sein Königtum wahrlich nicht an. Dennoch, die Bibelkenner belehren uns, dass der Evangelist Johannes bereits die Zeit des Opfers als die Stunde des königlichen Triumphes zu deuten wusste. Thomas schreibt einmal, sowohl das Königtum Christi, als auch sein Priesteramt hätten auf Golgotha ihre Vollendung gefunden.
Weil das alles so ist und alles zugleich dargestellt werden will, hat die Kirche sich in ihrer Bildersprache nie damit begnügt, irgendwelche historischen Szenen nachzuspielen. Die Kreuze über ihren Altären sind mehr als nur das Darstellen einer Todesart. Sie sind  eingebettet in die große Darstellung dessen, was die Kirche ist, was sie will und bedeutet.

Die alten, großen Kathedralen sind mittelalterliche Vorbilder für die Darstellung einer ganzen Weltdeutung. Ihre Grundrisse sind nach antiken Mustern des harmonisch geordneten Kosmos entworfen. Die hohen Säulen mit ihren schweren Enden auf dem Boden wirken, wie wenn die Quasten eines himmlischen Gewandes aus dem Licht des Himmels auf die Erde hernieder schweben. Die himmlische Stadt Jerusalem kommt vom Himmel auf die Welt herab. Die Pforten stehen allen offen. Die Weisen aus dem Morgenland, die Königin von Saba, die Macher der Welt und nicht weniger die Sünder von den Straßen sind eingeladen, hierher, zum großen Geschehen zu pilgern.
An den Pforten bieten sich Gelegenheiten, sich mit Weihwasser der Taufe zu besinnen, sich symbolisch zu reinigen, und im Beichtstuhl in Wirklichkeit. Man pilgert schließlich zur feierlichen Begegnung mit dem heiligen Geschehen. In der Mitte des Geschehens steht das Kreuz auf dem Altar. Es ist die heilige Schnittstelle zwischen dem ganzen Himmel und der ganzen Erde. Es pilgert nicht nur die Welt hierher, es kommt ihr zugleich die Gabe sakramentale Gabe Gottes aus der Wunde des am Kreuz entschlafenen Herrn herab. Das ist die Pforte.

Die Väter der kirchlichen Lehre haben die Seitenwunde Christi schon immer als den Durchgang gesehen, durch den hindurch „Blut und Wasser, die Sakramente der Kirche“ fließen. Aus ihnen wächst die heilige Gemeinschaft, und an ihnen laben sich die pilgernden Seelen. Das ganze ist eine lebendige Darstellung der Kirche, deren Bildersprache im Hochmittelalter ihre große Zeit hatte.
Thomas beginnt nun das Vorwort zum Kapitel um die Priestern mit der Bemerkung, „der Diener dieses Sakramentes“ sei jetzt zu bedenken. Dieser Diener lässt sich, wie wir sehen werden, durchaus aus dem angesprochenen Bild von der Kirche her deuten.

 

Quellen und Anmerkungen: (können übergangen werden)

William Shakespeare, König Lear, erster Aufzug, vierte Szene.

Die Verklärung Jesu, Lk 9,28–36; Mt 17,1–8; Mk 9,2–9.
Mk 9,2f: „Et transfiguratus est coram ipsis; et vestimenta eius facta sunt splendentia, candida nimis, qualia fullo super terram non potest tam candida facere.“

De veritate, q. 10 a. 1 co: „Quia vero rerum essentiae sunt nobis ignotae, virtutes autem earum innotescunt nobis per actus, utimur frequenter nominibus virtutum vel potentiarum ad essentias significandas.“

Sth III,35,7,ad1: „Sacerdotium autem Christi, et eius regnum, praecipue consummatum est in eius passione.“

Joh 18,37: Dixit itaque ei Pilatus: “ Ergo rex es tu? ”. Respondit Iesus: “ Tu dicis quia rex sum. Ego in hoc natus sum et ad hoc veni in mundum, ut testimonium perhibeam veritati; omnis, qui est ex veritate, audit meam vocem ”

Sent. lib. 4 d. 18 q. 1 a. 1 qc. 1 co: „Sed quia ex latere dormientis in cruce sacramenta fluxerunt, quibus Ecclesia fabricatur.“

 

 

 

Müssen wir wie Jesus sein?

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Das Kapitel über Jesu Priestertum ist mir mit der Zeit sehr lieb geworden und ans Herz gewachsen. Oder vielmehr sind es die Gedanken, die das Kapitel enthält und einem eröffnet. Die Worte des Professoren selbst, wie er schreibt und die Dinge ausdrückt, sind hier nicht weniger nüchtern und schlicht, wie überall. Der Stil des Thomas hat nunmal die Romantik einer Steuererklärung, da kann man nichts machen. Es sind also wie immer die Gedanken, und da gibt es etwas, was man nie ganz vergessen sollte: Nicht nur die Kapitel selbst, sondern auch die Orte, wo sie stehen.
Was unser Interesse hier angeht, schreibt Thomas in seiner Summe zweimal über das Priestertum. Er trennt aber fein säuberlich und platziert die beiden Male einigermaßen weit auseinander. Es zeigt nämlich, dass das Priestertum der katholischen Kirche keine Sache der Nachahmung ist, und das halte ich für sehr bedeutsam.

Als ich in Bochum lebte, hatte ich eine Bekanntschaft zu machen, die mir nie ganz geheuer wurde. Es handelte sich um einen freikirchlichen Prediger, der zugleich den Beruf des Heilpraktikers ausübte. Ich weiß jetzt nicht, ob ihm der Beruf beim Predigen helfen, oder ob das Predigen ihm seine Praxis füllen sollte. Jedenfalls verband er den Beruf des Heilers mit dem Evangelium, das er predigte. Der Prediger sah aus wie Jesus, und das nicht aus Versehen, was bei Umweltschützern schon mal der Fall ist. Manche Alternativen möchten aussehen wie John Lennon oder Rasputin und treffen zufällig derart, dass alle sagen, sie ähnelten dem Herrn Jesus in seinen Wanderlatschen. Nein, dieser Jünger sah aus wie Jesus, weil er wie Jesus aussehen wollte. Bei dem katholischen Priester, mit dem er befreundet war, sah das ganz anders aus. Der hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seinem Herrn, sondern hätte dem Äußeren nach viel eher den Pontius Pilatus spielen können, vorausgesetzt man stellt sich diesen wie einen feisten Senatoren im Alten Rom mit einem gehörigen, dicken Bauch vor. Die Freundschaft hielt nicht lange, weil der Jesusähnliche Prediger vom Senatoren immer verlangte, er habe als Jünger Jesu gefälligst zu leben und zu sein wie er. Der Dicke sah das alles gar nicht ein, und so verflog die Liebe dann auch recht schnell, was am Ende wohl niemanden besonders traurig machte.
Im Nachhinein bin ich der Ansicht, dass der große Unterschied in der Tat darin bestand, dass der eine ein Freikirchler war, in dem Sinn, dass er frei war, zu glauben, was er wollte. Der Dicke dagegen war ein Katholik reinsten Wassers. Bitte nicht falsch verstehen, ich glaube natürlich nicht, dass alle katholischen Priester dick zu sein haben, ich glaube aber nicht, dass ihr Bauch sie zu weniger guten Priestern macht, und das begründe ich gern mit dem Aquinaten.

Thomas schreibt über das Priestertum Jesu dort, wo er über Jesus, und nicht über uns spricht. Er sagt dort zum Beispiel, Jesus sei zugleich der Priester und das Opferlamm. Wenn man jetzt dem heilenden Prediger folgen würde, dann müsse man sich als Jünger Jesu auch die Gesinnung eines Opferlammes geben. Das ist mit Verlaub gesagt, nicht die katholische Weise, jedenfalls nicht, wenn man die Schule des heiligen Thomas besucht. Thomas schreibt zu Jesu Priestertum, es habe nicht erst im Abendmahl begonnen. Christus sei vielmehr im ganzen Leben sozusagen ganz Gott geweiht gewesen. Wenn wir unser Priestertum als Nachahmung verstehen müssten, dann sollten wir als Jünger auch so ganz und gar dem Herrn ein Opfer sein. Das ist aber überhaupt nicht gemeint.
Thomas schreibt über Jesu Priestertum nur dort, wo er nur über Jesus schreibt. Im Kapitel über die Sakramente schreibt er wohl auch über die Priester. Dort beantwortet er aber Fragen, wie: Ob nur Priester die Messe zelebrieren dürfen, ob mehrere zugleich, ob die Kommunion eines schlechten Priesters weniger wert ist und solche Dinge. Das sind alles Gedanken, die lediglich sicherstellen, dass bei der Messe alles mit rechten Dingen zugeht.
Worauf ich gern hinaus wäre ist folgendes: Das Christentum thomanischer Prägung ist insgesamt keine Veranstaltung zur Nachahmung irgendwelcher Vollkommenheiten, die, nebenbei bemerkt, ohnehin niemand erreicht. Es ging schon immer schief, wenn die jungen Priester leben wollten, wie der heilige Pfarrer von Ars. Es wird immer komisch, wenn die Nonnen in den Klöstern unbedingt leben und aussehen wollen, wie die heilige Theresia, und mit einem Seitenblick nach draußen scheint mir eine ganze Religion immer dort in der Katastrophe zu enden, wo Muslime glauben, wie Mohammed leben zu müssen.

 

Anmerkungen und Quellen:
Die erste Abhandlung zum Priestertum steht in der Christologie und wird in gewisser Weise als eine Folge der hypotaktischen Union bezeichnet. Das Priestertum Jesu wird also dort beschrieben, wo behandelt wird, was und wer Christus überhaupt war und ist. Sth III,22,pr.
Die zweite Abhandlung steht in der Abhandlung der Sakramente, und da speziell im Kapitel über die Eucharistie. Sth III,82.

Mit „Freikirche“ sind im eigentlichen Sinn keine Gemeinschaften dogmatischer Willkürlichkeit gemeint. Freikirche meint eigentlich eine Kirche, die nicht an den Staat gebunden, also in diesem Sinn frei ist. Die Bemerkung „frei“ als frei zu glauben, was man will, trifft nicht die freien Kirchen und deren Mitglieder, sondern lediglich diese eine Person.

Sth III,22,2,co: „So war Christus, insofern er Mensch war, nicht nur Priester, sondern auch ein vollkommenes Opfer. Er war zugleich das Opfer für die Sünde, das Opfer, das Frieden stiftete und das Brand- und Ganzopfer.
„Et ideo ipse Christus, inquantum homo, non solum fuit sacerdos, sed etiam hostia perfecta, simul existens hostia pro peccato, et hostia pacificorum, et holocaustum.“