Die Religion ist keine Quelle der Moral

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Meinem lieben Doktor

Die Moral sagt uns, wie man sich zu benehmen hat, und was dieses sei, das sagt uns am besten erst einmal nicht die Religion. Ein Muslim mag anderen Muslimen vorschreiben, im Ramadan zu fasten und nach Arabien zu pilgern. Mir hat er in diesen Dingen nichts zu sagen. Ich kann von ihm auch nicht verlangen, zu Weihnachten das Christkind mit mir anzubeten. Wir können aber fordern, dass wir uns gefällig freundlich begegnen. Das kann man auch von Apachenhäuptlingen und Staatspräsidenten verlangen. „Du sollst nicht lügen“, steht natürlich im Alten Testament. Es könnte aber genau so gut für alle in die Wolken geschrieben worden sein, und alle würden lesen, was sie eigentlich schon immer gewusst haben.

Die groben Züge der Moral können weder aus der Religion, noch aus der Philosophie kommen. Aus der Religion aus schon genanntem Grunde, denn sie wären dann ja exklusiv und gälten nicht für alle. Aus der Werkstatt der Philosophie können sie nicht sein, denn dann wären sie ein Gegenstand des Erörterns und somit verhandelbar. Das sind sie aber nicht. Wir sollten uns weigern zu diskutieren, ob wir unsere Frauen verprügeln dürfen. Wer das tut, hat selber Schläge nötig, nicht aber Verhandlungen.

Wenn die Moralvorschriften nicht aus den Religionen kommen, dann sollten die Folgen bei Zuwiderhandeln auch nicht aus ihnen abgeleitet werden. Religion sollte weder bestrafen, noch Ratgeber in den Fragen sein, wer zu bestrafen wäre. An letzterem haben sich die Kirchen nach Kräften versündigt, am ersten bis heute jene unter den Moslems, die der Sharia nachlaufen. Aber das ist eine aufgeklärte Meinung, der es wie jeder Meinung geht: Man muss sie nicht haben.

Zu Henry Newmans Zeiten konnte in England nur studieren, wer eine brave Weihnachtsbeichte nachweisen konnte. Es war der selbe Newman, der diese Einmischung nicht länger wollte und seiner Kirche schrieb, sie würde ja auch keine Zolltarife regeln.

Aber auch Newman nahm seine Forderungen gewiss nicht aus der Religion. Es war der gesunde Menschenverstand. Also man kann von einem Kommunisten wohl verlangen, ehrlich zu bleiben. Die religiöse Polsterung kann man ihm ersparen.

Moral und Sanktion müssen allgemein sein. Wer behauptet, beides sei ganz unwandelbar vom unwandelbaren Gott, der hat die Dinge vielleicht nicht ganz durchdacht. Sklaverei ist Diebstahl, Diebstahl von Freiheit, von der Erlaubnis, sich häuslich einzurichten und Diebstahl an der Möglichkeit, seiner Würde Ausdruck zu verleihen. Wenn man sich darauf einigen kann, dann hätte der Prophet die Slaverei im Namen des Unwandelbaren schon damals verbieten müssen. Denn was heute falsch ist, das muss schon immer falsch gewesen sein. „Du sollst nicht stehlen!“, muss auch bedeuten, man darf dem Menschen seine Würde nicht wegnehmen. Der Prophet hat sich aber Sklaven genommen, alle haben das getan. Die ganze Welt war noch nicht so weit, von allgemeinen Menschenrechten zu sprechen.

Die Salafi, die der Welt jetzt das Leben schwer machen und sie in ein Kloster verwandeln wollen, die wollen das alles nicht, weil sie brave Schüler ihrer Schrift sein möchten. Sie wollen, das weil sie sich als Nachahmer der Altvorderen sehen, des Propheten und seiner ersten Nachfolger.  Die Leute sehen so ulkig aus, weil sie die gleichen Gewänder wie ihre Vorbilder glauben tragen zu müssen. Ins Christliche übertragen würde das bedeuten, unsere Männer müssten sich Bärte wie Petrus und Paulus wachsen lassen und am besten Fischer am See Genezareth sein oder Zeltmacher in Tarsus. Bei Jesu Gebot, den Nächsten zu lieben, müsste man nicht nur tun, was er sagte, sondern auch genau, wie er es tat. Hierin aber ändert sich die Welt ständig, und die Salafi sagen, das hätte sie seit 1400 Jahren nicht tun dürfen. Also Realpolitiker sind diese Heinis nicht. Einer Welt, die sich dreht vorschreiben, sie hätte damit gefälligst aufzuhören, ist so sinnvoll, wie dem Regen sagen, er solle nicht mehr fallen.
Es gibt sie aber, die philosophia perennis, die Philosophie, die sich nicht ändern kann.  Sie kann aber keine sein, die in die konkrete Welt agiert. Sie muss allgemeiner bleiben und den jeweils gerade Lebenden überlassen, Konkretes  zu tun.
„Diebstahl ist zu bestrafen“ mag etwas Bleibendes sein, Hände von den Armen trennen nicht. Heute bestraft man mit Geldbußen oder Knast. Was die von morgen machen, muss ihnen überlassen sein.

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Moral?

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Meinem Herrn Doktor

Unser Lehrer für Griechisch, der viel mehr für uns war als ein Lehrer für Griechisch, pflegte zu sagen, Genies müssten nicht unbedingt besonders intelligent und belesen sein. Fürs Geniale reiche manchmal auch der Mut, auf Pfaden zu gehen, die noch niemand gegangen ist und dann konsequent weiter zu arbeiten. Unser Lehrer für Griechisch war der beste, den man sich denken konnte und vor allem genau der, den ich brauchte. Deshalb werde ich ihm sicher nicht widersprechen, zumal ich richtig finde, was er sagte. Ich gestatte mir aber, ein weiteres Zeichen für Genialität neben seins zu stellen. Genial ist nämlich auch die Fähigkeit, die zum Beispiel Immanuel Kant ausmachte, das ganze Universum des philosophischen Tuns auf drei einfache, kleine Fragen zu stellen:

Was kann ich wissen?,
Was muss ich tun?, und
Was darf ich hoffen?

Das ist genial, und ein Buch über Moral würde sich der zweiten Frage widmen. Wenn sie jetzt so dasteht, wird man eine kritische Frage, nämlich die „um was“ daran hängen dürfen. Was muss ich tun, um reich zu sein oder mächtig? Was muss ich tun, um für meine Freunde ausgesorgt zu haben? Was muss ich tun, um gesund zu bleiben und dann möglichst alt zu werden? Oder biblisch gefragt: „Was muss ich tun, um in den Himmel zu kommen?“ Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Unserem kleinen Vorhaben hier genügen zu können, wird die Antwort Sokratisch sein: „Was muss ich tun, um ein guter Mensch zu sein?“

Schlau, wie Sie ja sind, werden sie gleich weiter wissen wollen, was denn ein guter Mensch überhaupt sei. Gestatten Sie mir, sozusagen griechisch zu bleiben, aus Gründen, die ich gleich erkläre: Ein guter Mensch ist einer, der in seine Gesellschaft passt. Ein guter Mensch ist einer, der sich im Maß seiner Vorgaben für sie einsetzt und nicht lange gebeten werden muss.
Griechisch bleiben heißt allgemein bleiben, und allgemein sollten wir anfangen. Sie sind schon bei weitem mehr gereist als ich, aber mit ihren wachen Augen werden auch Sie gemerkt haben, dass die Gemeinsamkeiten der Menschen viel mehr sind als die Unterschiede. Je näher man den Fundamenten kommt, desto gleicher wird alles. Die Währungen sind überall ganz verschieden, ein großherziger Umgang mit dem Gelde aber gilt überall als edel. Am Nordpol mag man sich zum Gruß die Nasen aneinander reiben, hier gibt man sich die Hand, im Süden fällt man sich in die Arme. Freundlich sein aber gilt in aller Welt als etwas Gutes. Es gibt tausend Möglichkeiten, Gäste zu bewirten. Überall aber gilt eine Gesellschaft, die schlecht mit ihren Fremden umgeht als schlecht.

Allgemein zu bleiben gestattet uns, auch ganz anders Denkenden und Glaubenden etwas zum gemeinsamen Nachdenken anzubieten. Die Sprache der Philosophie ist in diesem Sinn die gemeinsame Sprache ganz verschiedener Leute. Deshalb beginnt die Frage nach dem Guten auch mit sich und der Gesellschaft. Gut heißt hier eher gut für sich und für die Seinen sein, als etwa gut im Sinne von etwas Religiösen. Wobei ich sagen kann, mit meiner Auffassung von Religion hier geradezu von Deckungsgleichheit sprechen zu können. Sünde ist erst einmal das, was schadet und nicht vernünftig ist. Es würde viele wundern, wenn man ihnen sagte, nichts sei Sünde, weil es unbedingt gegen ein Gebot verstoße, wohl aber immer, weil es dumm sei. Man kann religiös unmusikalischen Leuten nicht sagen, Sünde sei, was der Liebe Gott nicht gern sieht. Man kann wohl aber sagen, Sünde sei, was dumm ist und kaputt macht. Wenn man ins Religiöse kommen will, dann kann man schon sagen, der Liebe Gott sehe eben genau das nicht gern. Wenn man also möchte, wird ein Buch über die Moral ein Buch über das Gute sein, und dann wie man gut sein und bleiben kann.

Wäre die Welt ohne Religion besser?

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Was meinen Geschmack angeht, hat mein Vorhaben einen großen Vorteil: Wer an der Hand des heiligen Thomas von Aquin über die Sakramente schreiben will, der braucht nicht viel zur Moral und zur Disziplin zu sagen, weil Thomas das auch nicht macht.
Der Meister schreibt ausführlich über die Ehe, aber so gut wie nichts über unsere Ehefragen. Er schreibt freilich in höchsten Tönen über den Stand der Ehelosigkeit um der Heiligkeit willen, aber so gut wie nichts zum Zölibat. Thomas empfiehlt, häufig zur Kommunion zu gehen, aber über die Sonntagspflicht lässt er sich nicht aus.
Wenn man mir am Ende vorwirft, ich hätte zu diesen Dingen viel zu wenig gesagt, dann kann ich mich hinter den breiten Schultern meines Riesen verstecken.
Der heilige Thomas ist überhaupt kein moralischer Typ, aber wir leben in einer hochmoralischen Zeit. Das gefällt mir nicht besonders, es ist aber so, und wenn ich es recht bedenke, bewahrt mich wohl nur meine spezielle Religion davor, ins Moralinsaure herab zu gleiten.
In der Vorbereitung auf ein Schreiben, das ich zu liefern hatte, musste ich mich vor Tagen einer nicht sonderlich angenehmen Mühe unterziehen. Ich musste mir ein paar Reden von Leuten aus der Giordano Bruno Gesellschaft anhören und in ein Buch von Richard Dawkins schauen. Ich bitte, mir nicht gram zu sein, aber ich halte das für Zeitverschwendung. Die öffentlichen Reden eines Dr. Schmidt Salomon gegen die Religionen haben leider keine Argumente und kein höheres Niveau als ein Stimmenfang auf dem Kirmesplatz. Er posaunt den lieben langen Tag, die Wissenschaft habe den religiösen Glauben doch längst überholt und kann offenbar nicht erklären, wie genau und wo. Man kann trefflich mit ihm streiten, ich fürchte aber, man kann nicht gut mit ihm reden.
Die Bücher von Richard Dawkins mögen sehr gut sein, so lange er sein Fach, die Biologie betreibt und ich ihn vermutlich nicht verstehe. Sobald er aber in das Becken der Philosophie und Religion springt, stößt er sich den Kopf, weil er bei den Nichtschwimmern landet. Seine egoistischen Gene und Meme sind so wissenschaftlich wie die Marsmenschen eines Erich von Däniken.

Die Forderung steht aber im Raum: Die Religionen gehören abgeschafft, damit endlich der Boden für den Frieden in der Welt bereitet werden kann. Die Herrschaften schreiben das in dicken Büchern nieder, versäumen aber zu erklären, wie das alles nach der Abschaffung gestaltet werden soll. Offenbar wollen sie uns alle glauben machen, die Welt würde schon mal ein Stück friedlicher, wenn die Menschen sich nicht mehr um des Glaubens willen umbringen. Ich vermisse dabei allerdings eine Erklärung für die Annahme, man könne den Frieden wie Flickenteppiche aus einzelnen Stücken zusammen nähen. Es soll Leute geben, die meinen, die Welt würde friedlicher, wenn keiner mehr Fleisch isst, wenn alle nur noch Fahrrad fahren oder wenn man das Geld abschafft. Ich habe allerdings wenig Lust, ihre Bücher zu lesen oder länger mit ihnen zu sprechen. Der Mensch, der heute aufhört sich wegen seines Glaubens zu streiten, der schlägt sich morgen für Öl, Macht und Kohle.

Ich persönlich bin mir alles andere als sicher in der Frage, ob es in den sogenannten Religionskriegen je überhaupt um Religion ging. Über Worte kann man streiten. Aber Religion und Politik sind zwei Sachen, die man nicht vermischen kann. Wie Land und Stadt zwei Sachen sind. Ich glaube zum Beispiel nicht an schöne Großstädte. Es gibt wohl schöne, große Städte, aber alles, was ich an ihnen schön finde, ist genau das, was sie aufhören lässt, Städte zu sein. Münster ist eine schöne, große Stadt, weil sie auf’s Ganze gesehen schön grün ist. Ihr Grün ist aber das Grün vom Land. Eine Stadt mag schön sein, wenn sie geräumig ist. Besonders viel Raum hatten wir aber als Kinder in unserem Dorf. Vielleicht würde man eine Wohnung in der Stadt schön finden, wenn es nicht so laut in ihr wäre. Das würde aber bedeuten, dass sie in einem Stadtteil läge, der unserer Dorfstraße gleicht.
Was ich sagen will, die Dinge greifen ineinander, es sind aber zwei verschiedene. So ist es auch mit der Religion und der Politik. Als Christ darf ich mir gestatten zu erklären, dass eine Religion aufhört, religiös zu sein, wenn sie anfängt, sich um politische Wahlen oder um Zolltarife zu kümmern. Christus hat seinem Richter das entscheidende Wort gesagt. Sein Königreich hat seine Fundamente nicht auf Erden, und auch König Herodes hätte sich nach Weihnachten nicht fürchten brauchen.

Wenn ich mir nun vorstelle, ich könnte meine Religion nicht haben, dann glaube ich, könnte ich vor der Moral nicht davon laufen. In meiner Jugend war das so. Die Grünen kamen auf, und wir stritten uns ohne Ende mit den Alten in Fragen der Umwelt. Wir warfen keinen Müll in den Wald, weil man es mit der Erde richtig machen musste. Wir aßen kein Fleisch, weil es aus den verschiedensten Gründen nicht recht zu sein schien. Ich finde es bis heute einigermaßen edel, solche Motive zu haben, ich habe sie allerdings nicht mehr. Ich finde es immer noch widerlich, seinen Dreck in den Wald zu entsorgen. Ich lasse das aber nicht, weil ich glaube, für den Wald verantwortlich zu sein. Ich schätze den Wald vielmehr, weil der Schöpfer ihn lieb hat. „Du sollst nicht stehlen“ steht auch im bürgerlichen Gesetzbuch. Ich unterlasse das Klauen allerdings vor allem deshalb, weil ich vor Gott nicht als Dieb dastehen will.
Ich renne nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil ich etwas richtig zu machen habe, sondern weil ich in meiner Gemeinde bei der Messe zugegen sein will und die Nahrung für meine Seele möchte, die ihr gut tut.
Gott wünscht sich, wir mögen den Nächsten lieben wie uns selbst. Den Übernächsten aber dürfen wir ihm überlassen. Ich finde es herrlich, wenn die Menschen sich in der Gemeinde engagieren, damit das nächste Pfarrfest gelingt. Aber wenn sie es tun, weil sie sich für die Gestaltung der Weltkirche verantwortlich fühlen, dann werden sie mir verdächtig.
Wenn ich heute Freitags kein Fleisch esse, dann sicher wohl auch, weil mir ein Gebot dazu rät. Ich halte aber kein einziges der Gebote, um vor Gott fein da zu stehen oder gar, um in den Himmel zu kommen. Ich halte die Gebote, weil ich Lust habe, dem, der mich wie ein Vater liebt, die Ehre zugeben und weil ich die Eintrittskarte schon in der Tasche habe. Gott hat nichts davon, wenn ich Fisch an Stelle von Fleisch wähle. Aber ich habe sehr viel davon, ihm ans Herz zu wachsen und er mir. Die Welt ist voller Moral, aber meine Religion ist nicht moralisch, und der heilige Thomas ist es schon gar nicht. Wer die Religion abschaffen will, der muss nicht nur etwas besser erklären, warum überhaupt. Er müsste mir auch die Kirche ersetzen, in der ich ohne dauernde Richtigmacherei das Kind meines Schöpfers sein kann.

Über das Leidige Thema der Sünde, Einleitung

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Es scheint nicht leicht, von den Sünden und Lastern anzufangen, ohne dass einem die Leute davon laufen. Es scheint schon nicht leicht, mit der Religion zu kommen, es sei denn, man spricht über die anderer Leute. Man kann an jeder Theke mit dem Islam anfangen und Schatzkisten von Meinungen tun sich auf. Es wird geschimpft, geklagt und kritisch angemerkt.
Man kann auch mit den Juden kommen und hört aus deutschem Munde dann jedesmal von irgendwo her, dass man ja gar nichts gegen sie hat. Aber dann kommen die schillernsten Sachen, die schon mal ganz schön weh tun können.
Man kann auch von den Mormonen oder Quäkern anfangen, muss dann aber erklären, wovon überhaupt gesprochen werden soll. Im Fall der anderen Religionen müsste man das zwar auch immer. Hier glauben die Menschen in aller Regel aber, sie wüssten das Wichtigste, was aber nicht stimmt.
Wer dagegen von der eigenen Religion anfängt, der beendet seine Party, es sei denn, er spricht wieder über andere, den Papst zum Beispiel oder den letzten Bischof, den die Basis davon gejagt hat. Das geht.
Es ist aber nicht leicht, von der Religion anzufangen und zugleich diejenige zu meinen, die man vielleicht haben oder überdenken sollte.
Wir müssen das hier aber machen, und über das reden, was wir die Sünde nennen. Sie ist nämlich in allen Religionen so zentral, wie man es nicht immer wahr haben möchte.
Jede Religion ist eine Antwort, nämlich auf die Frage, wie man das Sterben und den Tod überlebt. Das ist bei den Hindus nicht anders, als bei den Buddhisten, den Mormonen, den Juden, den Christen und den Moslems.
Alle Religionen antworten auf die Frage, wie man in den Himmel kommt, und somit stellen sich alle Religionen dem Problem, wie man die Steine los wird, die auf dem Weg liegen. Auf vielen dieser steht nunmal „Dummheit“, „blöde Entscheidung“ und „menschliche Probleme“.
Wenn ich sagte, die Leute rennen davon, wenn man von der eigenen Religion anfängt oder gar von der Sünde, dann stimmt das nur bedingt. Es gibt nämlich auch die andere Seite. Ich habe den Eindruck, die Leute kehren den Kirchen gerade immer dann den Rücken, wenn sie aufhören, ihre ureigensten Themen zu behandeln.
Wenn jemand zum Parteitag der Grünen fährt, dann erwartet er Reden über die Umwelt, die Gesellschaft und wie man sich den neuen Menschen vorzustellen hat.
Wenn einer zu den Taubenzüchtern fährt, dann erwartet er Reden über Taubenzucht, über Standorte, Fütterung und Flugverhalten.
Kommt aber einer in die Kirche, dann erwartet er zu Recht, dass man über die Dinge spricht, um derentwillen die Kirchen da sind. Überall dort, wo die Prediger sich darauf verlegen, lieber nur noch von der Umwelt, dem Sozialverhalten oder gar über Vögel zu reden, enttäuscht er die Leute zwangsläufig.
Die Menschen laufen nur scheinbar davon, wenn man von den ureigensten Dingen der Religion anfängt. Wenn sie schon zur Kirche kommen, dann erwarten sie auch, dass von dem geredet wird, wovon die Kirchen zu reden haben. Es ist nur eine Frage, wie man es anstellt.
Manchmal hört man von den Alten und Halbjungen, früher hätte man immer nur den erhobenen, moralischen Zeigefinger gesehen. Ich weiß nicht, in wie weit das stimmt, seit ich Kirchen besuche, ist mir das jedenfalls noch nie untergekommen. Aber wie immer auch, der moralische Zeigefinger ist jedenfalls die einfachste und bequemste Art der Predigt, man muss sie jedenfalls nicht vorbereiten. Mit der Moral zu kommen, ist das Leichteste, es ist wohl aber auch das am meisten Falsche. Immer da nämlich, wo die Religion zu einer Moralveranstaltung verkommt, ist sie längst verarmt und läuft am Wesen vorbei. Das gilt jedenfalls für das Katholische. Es gibt wohl aber auch Entwürfe, die derart wenig Philosophie und andere seriöse Lehre zu bieten haben, dass sie nur Moral können. Aber davon soll nicht die Rede sein. Wir müssen vielmehr ein Wort über die Sünden und Laster verlieren, wie Thomas es tut, und zwar insofern sie mit den Sakramenten und der Eucharistie zu tun haben.

Thomas und die schlechten Priester

Bildschirmfoto 2013-12-27 um 11.58.40Ein Kommentar zu einigen Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie, Teil 2.

Ich habe mit dem Problem der Moral in der Kirche begonnen und muss wohl jetzt damit fortfahren. Mein Problem mit der Moral ist nicht, dass die Kirche eine Morallehre hat. Mein Problem mit der Moral ist eher zweierlei. Erstens, dass man allgemein zu glauben meint, die Kirche sei eigentlich um der Moral willen da und zweitens, dass man offenbar annimmt, die Morallehre der Kirche komme aus ihr. Zuerst zum zweiten: Die Morallehre des heiligen Thomas, um dessen Schätze es mir hier ja geht, ist im Grunde eine Tugendlehre. Den gesamten Teil der praktischen Tugenden übernimmt er aber aus der griechischen Antike, die Jahrhunderte vor Christus ihre Blüten trieb.
Thomas beschreibt und lobt die alten Kardinaltugenden, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und praktische Maßhaltung. Die haben bereits Sokrates, Platon und Aristoteles zum Thema gehabt und hinreichend behandelt. Thomas muss hier gar nichts dazu erfinden. Die Tugendlehre der Kirche gibt es lange vor ihr und ist kein Eigentum der Christen.
Der Anteil der sogenannten, theologischen Tugenden, die wir aus der Bibel haben, also Glaube, Hoffnung und Liebe, sind keine moralischen Veranstaltungen, wie man es übrigens von der Tugendlehre überhaupt kaum sagen kann. Dass man die Tugendlehre für eine Lehre vom brav gezähmten Bürgertum hält, verdankt sich gewissen Verbiegungen der Neuzeit.  Bei Thomas ist die Lehre von den Kardinaltugenden, wie in der Antike, keine Lehre vom guten Betragen, sondern eine vom gekräftigten und lebenstauglichen Menschen. Auch die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe sind keine Benimmregeln, sondern Geschenke, mit deren Hilfe wir in der Erkenntnis der offenbarten Wahrheit unserem Ziel näher kommen und nicht aus der Schiene gleiten.
Die Tugendlehre der Kirche ist eigentlich gar nicht ihr Werk und ihr Eigentum. Sie ist eine Lehre der praktischen Vernunft, um es einmal in der Sprache der Thomasleser zu sagen. Die Christen fordern den Schutz des Lebens an dessen Grenzen nicht, weil es zum Missionsauftrag der Kirche gehört, sondern, weil er vernünftig ist. Natürlich wollen wir das Leben schützen, weil es heilig ist. Das ist aber kein Argument im Gespräch mit denen, die nicht an Heiligkeit glauben.
Wenn die Morallehre der Kirche ihr Eigentum wäre, dann hätten wir kein Recht, Nichtchristen zu bitten, ihr zu folgen. Für den Schutz des Lebens kann man mit Sokrates und Aristoteles eigentlich besser plädieren, als mit dem heiligen Paulus, dem zu folgen die Gegner nicht verpflichtet sind. Auch dass man die Ehe nicht brechen soll, sollte man nach außen hin wohl besser mit der Vernunft verantwortlichen Denkens verteidigen. Ich weiß auch nicht, wie ich die Anerkennung behinderter Menschen als vollwertige Personen mit der Bibel rechtfertigen sollte.
Wenn man Politiker zur Aufgabe der Kirche befragt, kommt in aller Regel die hilflose Leier von der Vermittlung gewisser Werte. Das sind aber gar keine, die spezifisch kirchlich sind. Die Politiker fordern doch, dass wir die Werte der bürgerlichen Korrektheit verkünden. Die spezifischen Werte der Kirche wären solche wie Gottesliebe und Frömmigkeit. Dass wir die vermitteln, verlangt keiner von uns.
Frömmigkeit und Gottesliebe aber gründen nicht in der Moral, sondern in der Wahrheit, und die sollte in der Kirche eher zum Thema werden. Unsere gängigen Predigten verkündigen hilflos einen Glauben, insofern er gut für das Leben und nützlich für die Welt ist. Man sollte ihm aber doch eher anhängen und nachgehen, weil man ihn für richtig hält. Deshalb sollten unsere Amtsträger nicht immer nur daran gemessen werden, ob sie uns auch brav das gute Leben vorleben. Man sollte sie vielmehr danach abklopfen, ob sie mutig die Wahrheiten des Glaubens verkünden und ordentlich die Sakramente unter die Leute bringen.
Im zweiundachtzigsten Kapitel des dritten Buches der theologischen Summe stellt Thomas sich der Frage, ob ein schlechter Priester die Eucharistie konsekrieren, also die Messe feiern könne. Nach heutiger Laune jagt man die Bischöfe empört durch die Straßen, wenn sie nur im Verdacht stehen, die moralischen Standarts nicht zu erfüllen.
Thomas antwortet ganz anders und folgt der Lehre der Kirche, die diese Frage im vierten Jahrhundert bereits entschieden hatte: Ein Priester feiert die Messe nicht aus eigenem Vermögen, sondern als Diener Christi, in dessen Person er die Messe feiert. Es höre aber jemand nicht auf, ein Diener Christi zu sein, wenn er ein schlechter Diener wird. Vielmehr gehöre es zur Erhabenheit Christi, der Gott ist, dass er sich das Gute und das Schlechte dienstbar machen könne.
In meiner Familie hieß es immer, man muss die schlechten Pfarrer überleben, aber nie ist einer wegen einem nicht mehr zu den Gottesdiensten gelaufen. Sie wollten die Beichte und die Eucharistie, und die gibt es immer noch bei jedem Priester.

Was hilft einer Kirche, die außer Moral nichts mehr hat?

Bildschirmfoto 2013-12-27 um 11.58.40Ein Kommentar zu einigen Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie, eine polemische Einleitung.

Was ich vorlegen möchte, verdankt sich einem alten Versprechen. Jemand bat mich vor einigen Jahren, eine Abhandlung zum Sakrament der Eucharistie zu schreiben. Die sollte theologisch hoch qualifiziert und doch für jedermann verständlich sein.
Mit der hohen Qualität habe ich eigentlich keine Bedenken. Theologisch hoch Qualifiziertes kann ich liefern, sobald ich nicht viel Eigenes schreibe und mich hinter dem breiten Kreuz des heiligen Thomas verstecke. Der heilige Thomas hat stets höchste Qualität geliefert. Wer ihn präsentiert, begibt sich auf eine sichere Bank.
Mit dem Verständlichsein für jedermann habe ich schon eher mein Bedenken. Für Theologen ist es einigermaßen einfach, Bücher zu schreiben, die theologisch klingen. Die Theologie aber in die Sprache des Alltags zu gießen, ist viel schwieriger. Ebenso, wie es weitaus schwerer ist, dünne, als dicke Bücher zu fabrizieren.
Fremdwörter sind Wörter, die in bestimmten Werkstätten benutzt werden und die dort alle kennen. In einer Autowerkstatt weiß vom Obermeister bis zum Lehrling jeder, was ein Drehmomentschlüssel ist. Das Wort erleichtert die Arbeit. Man muss sich nicht immer „den Schlüssel“ anreichen lassen, „der Schrauben genau so fest anzieht, wie man es einstellen kann.“ Sobald man aber die Werkstatt verlässt, muss man es genau so, mit der langen Erklärung sagen. Lange Erklärungen aber sind lange Erklärungen. Wer will die schon lesen? Thomas selbst hat im Vorwort seiner großen Summe geschrieben, man müsse auf lange Erklärungen und Wiederholungen verzichten, wenn man den Überdruss der Leser vermeiden wolle. Eine Erklärung der Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie in schlichter Sprache ist also eine geradezu pikante Herausforderung, und mir wäre lieb, wenn viele Theologen ihren Reiz entdecken würden, um Thomas oder andere Kirchenlehrer unters Volk zu bringen.
Ich glaube nämlich, es mangelt gerade daran in der Kirche unserer Tage: Vor etwa einem halben Jahrhundert hat man so ziemlich alles umgestellt, was man umstellen konnte. Die einen schlugen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, die anderen jubelten. Bis heute streitet man wie die Kesselflicker an den Grenzen und arbeitet sich ab an tagespolitischen Äußerlichkeiten. Heerscharen von Journalisten verdienen damit ihr täglich Brot. Dabei fällt offenbar keinem auf, dass der weitaus größte Schaden an einer ganz und gar verlassenen Baustelle zu finden ist: Man hat vor lauter Streit und Organisation, vor lauter Neu und Alt die Unterweisung der Leute im Kleinen Einmaleins der schlichten Glaubensdinge unterlassen und ersatzlos gestrichen.
Das zweite Vatikanische Konzil erklärte noch feierlich, die Kirche wachse und gedeihe ganz aus dem Sakrament der heiligen Eucharistie. Öffentlich verlesen hat das niemand. Vielmehr stritt und streitet man sich bis heute um die Formen, die Gewänder und die Orgel. Das ist wie wenn man feierlich zur Krippe pilgert, sich über den Ochsen und den Esel unterhält und das Kind aus den Augen verliert.
Die Kirche ist in ihrer Predigt rein äußerlich und oberflächlich geworden, und alles Oberflächliche wird zwangsläufig moralisch. Man tritt aus der Kirche aus, weil die Bischöfe nicht brav sind. Wären sie das, dann könnten sie Schnitzel konsekrieren, niemand im gläubigen Volk würde das stören. Man geht zur Kirche, wenn die Priester es Woche für Woche schaffen, spannende Sachen vom gelingenden Leben zu erzählen. Ob sie dabei die heilige Messe zelebrieren oder nicht, ist unerheblich.
Unser Professor für Kirchengeschichte erzählte uns, im dritten Jahrhundert hätten die Marktweiber sich mit ihrem Fisch und Gemüse geprügelt, weil sie im Streit um die Frage, wer Jesus Christus wirklich war, uneinig waren. Der Kaiser musste das erste Konzil einberufen, damit öffentlich erklärt werden konnte, Jesus sei eines Wesens mit dem göttlichen Vater. In einer Kirche, die außer Moral nichts mehr zu predigen versteht, ist das völlig unerheblich. Es ist egal, wer oder was Jesus in seiner personellen Tiefe war, wenn er nur zu allen lieb gewesen ist.
In den Zeiten vor der Vernachlässigung der Lehre lernten alle katholischen Kinder, der Sinn des Lebens sei, Gott lieben zu lernen, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen. Ein oberflächlicher Glaube sieht das mit den Gottesdiensten noch irgendwie ein, in den Himmel kommen, wäre auch nicht schlecht. Aber wen man da lieben soll, kann nicht mehr geklärt werden. Für eine Kirche des guten Benehmens ist das auch unerheblich.
Einer in der Moral verarmten Kirche ist auf die Dauer nur zu helfen, wenn sie die verborgenen Schätze wieder entdeckt und den Staub von ihnen wienert. Dabei wird der Mensch, der auf der einen Seite posaunt, wie gut er sich entwickelt und auf der anderen Seite nichts mehr von sich hält, entdecken, dass er mal ein Prinz am Hof eines großen Königs war und dass er sein eigenes Krönchen putzt.
Ich werde also jetzt versuchen, einige Gedanken des heiligen Thomas von Aquin zum Sakrament der Eucharistie zu beschreiben. Es wäre zu begrüßen, wenn das einer besser macht oder es vielleicht sogar mit dem heiligen Augustinus oder Chrysostomus versucht. Die Tagespolitik von heute ist morgen verflogen. Die Schönheit der Lehre aber steht wurzeltief im Humus unseres geistigen Lebens. Schweigen wir nicht länger von ihr.

Die dauernde Überbetonung der Moral

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 08.16.40Kommentar zur Erklärung des Ave Maria bei Thomas von Aquin. Teil 5.

Zugegeben, die Kirche hat einen althergebrachten Sprachgebrauch. Ihre schönsten Lieder haben bisweilen die ältesten Wörter. Als Kind habe ich mich in jedem Jahr aufs neue gefragt, was „derhalben jauchzt, mit Freuden singt“ heißt und weiß zum Kuckuck nicht, warum ich niemanden gefragt habe. Vielleicht, weil ich davon ausging, dass es niemand wusste. Aber das Lied wurde ja nur im Advent gesungen und verlor für den Rest des Jahres jede Bedeutung.
Es gibt aber altbackene Wörter, auf die man in der christlichen Lehre nicht verzichten kann, weil die Alten sie dauernd gebraucht haben. Heute muss man sie bei jeder Erwähnung neu erklären, weil man immer davon ausgehen muss, dass Leute zuhören, die beim letzten Mal nicht dabei waren. So verhält es sich mit dem Wort Tugend.
Der heilige Thomas meditiert, wie gesagt, den Gruß des Engels: „Du bist voll der Gnade“. Dabei kommt er auf seinen zweiten Punkt, das bedeute, Maria habe alle Tugenden im vollen Maß verwirklicht.
Ich gestatte mir, zur Erklärung einen Gedanken einzuschieben. Ich habe in der Kirche ein Problem mit der Moral. Damit meine ich nicht, sie bräuchte keine angemessene Morallehre oder alles Reden von Moral sei überflüssig. Im Gegenteil. Die Leute wollen in aller Regel schon wissen, was sich gehört und was nicht. Mein Problem ist eher, dass die Rede der Kirche in Deutschland sozusagen nur noch moralisch ist. Die handfesteren Typen heben die moralischen Zeigefinger und bekommen dafür von denen auf die selben, die vorgeben, keine Moralpredigten zu halten, aber selbst nichts anderes können, nur sanfter und mit süßeren, angepassten Worten. Alle Welt auf den Kanzeln spricht jetzt davon, im Leben ginge es eigentlich nur darum, dass es gelingt. Überall hört man, Christsein bedeute eigentlich nichts anderes als gut zur Umwelt, zum Nächsten und vor allem zu sich selbst zu sein. Man jagt Bischöfe aus den Häusern, weil sie sich nicht christlich genug benehmen und verlangt voneinander vor allem moralische Standards. Das mag alles seinen Sinn haben, und ich rege mich auch nicht darüber auf, dass so gesprochen und solches gefordert wird. Mich erhitzt nur, dass niemand zur Kenntnis nimmt, dass die Kirche vor allem eine ganz andere Aufgabe hat.
Mir ist eigentlich ziemlich wurscht, ob mein Bischof seine Kräuter auf einer Granitplatte hackt oder ob er ein Schneidbrett aus schlichtem Holz verwendet. Mir ist eigentlich auch egal, ob der Priester meiner Gemeinde zu Hause fernsieht oder nicht. Solange er in der Kirche ordentlich seine Arbeit macht, muss ich da keiner was von wissen. Ich halte es zwar für einen ziemlichen Missstand, dass die Priester in Deutschland zu den besonders gut Verdienenden gehören. Aber das ist eine Frage der Politik, von der ich keine Ahnung habe. Außerdem, wem was angeboten wird, der nimmt es auch in der Regel. Die Priester brauchen jedenfalls keine Heiligen zu sein. Was sie aber müssen, das ist die Wahrheit sagen und großherzig die Sakramente verwalten.
Wenn ich drüber nachdenke, dann können wir weite Teile unserer Moral der Verkündigung der Welt überlassen. Die Welt spricht Nelson Mandela heilig, die Grünen scheinen nur da zu sein, um uns zu sagen, wie man sich zu benehmen hat. Zur Spendenbereitschaft wird hinreichend erzogen und dass man nicht rauchen soll, gehört auch nicht auf die Kanzel.
Was die Welt nie tut und nie tun kann, das ist eine verbindliche Wahrheit verkünden, die den Menschen, sie selbst und alles andere angeht. Jeder hat in der Welt das Recht, sich seine eigene Meinung zur Wahrheit zu bilden. Vom Extrem, sich für die eine, katholische zu entscheiden, bis hin zu dem gängigsten Unsinn des Relativismus, es gebe nur eine Wahrheit und die sei, dass es keine Wahrheit gibt. Thomas spricht zwar dauernd von den Tugenden und dass man sie erwerben und üben soll. Vier von sieben aber hat schon Platon gepredigt, Jahrhunderte vor Christus. Vor allem aber geht es in den Tugenden eigentlich nicht um Moral, obgleich sie moralische Tugenden heißen. Was die Kirche angeht, übt man die Tugenden nicht, um irgendwie gut oder brav zu sein. Man übt die Tugenden, um in rechter Weise zur heiligen Kommunion gehen, und somit dem Lieben Gott begegnen zu können. Man geht auch nicht zur Beichte, nur weil man seine Sünden los werden will. Man geht zur Beichte, um die Göttliche Gnadennähe wieder herzustellen, damit man ordentlich zum Tisch des Herrn marschieren kann. Das eigentliche Umwillen der Kirche ist immer das, was der Himmel bietet, und was auf Erden beginnen kann: Die Begegnung mit Gott und seine selige Nähe. Die dichteste Form dieser Begegnung auf Erden ist nunmal die Eucharistie. Deshalb ist die Kirche vor allem und immer zuerst eine eucharistische Veranstaltung. Dass das keine Erwähnung findet ist so paradox, wie kegeln gehen ohne kegeln.
Wenn Thomas sagt, die Mutter Jesu habe alle Tugenden im höchsten Maße, dann ist auch das die höchste Erfüllung aller Standarts, die es eigentlich braucht, um dem Allerhabenen zu begegnen und seiner allerliebsten Nähe in der Schwangerschaft würdig zu sein. Die Tugenden sind eine moralische Angelegenheit, sie sind aber nicht für die Moral da. Die Marienfrömmigkeit ist keine Schablone, hübsch brav und klein zu sein. In der Mutter gibt Gott uns vielmehr ein Vorbild für die schönste Möglichkeit, seine wohltuende Nähe zu genießen.

Wir Schlosserlehrlinge und die sittliche Ordnung des heiligen Thomas

Wir Lausbuben in der Schlosserlehre hatten immer Spaß daran, das Magazin der Firma zu besuchen. Das Magazin war ein langgezogenes, flaches Haus gegenüber der eigentlichen Fabrik, das sich geradezu in die Landschaft duckte und das bis an den Rand mit Regalen bis unter die niedrige Decke angefüllt war. In die Regale waren hunderte kleine und große Kisten mit Schrauben, Muttern, Ringen, Stiften und allen möglichen Teilen gepackt worden, die die Schlosser brauchten. Einmal im Jahr, im September, wurden alle Lehrlinge ins Magazin beordert, um die abertausend Teile für die große Inventur zu zählen. Alles roch fett nach Öl und Maschinen, im Lager selbst aber war es immer ganz ruhig und irgendwie gedämpft, weil nur still gezählt und notiert, vor allem aber alles eingeordnet wurde.
An der Pforte des Magazins saß immer der schrullige, liebe alte Mann am kleinen Pfortenfenster. Der meinte es immer gut mit uns, auch wenn er erst einmal den Eindruck eines launigen, alten Kerls machte.
Im Nachhinein weiß ich, dass mein stärkster Eindruck vom Magazin in der Tatsache bestand, dass man bei der größten Unmenge von Teilen einen ruhigen Überblick behalten konnte, wenn man sie nur in einer klugen Ordnung in der Reihe hielt. Es brauchte nur ein schlichtes Prinzip der Ordnung, und sofort verflog jede Furcht, im Chaos der Vielfalt unterzugehen. 
Es gab für die ganze Riesenfirma nur dieses eine Magazin, in dem alles gelagert wurde und auf seinen Einsatz wartete. Diese eine Ordnung reichte, mit der man alles erfassen konnte.

Der zweite Band des zweiten Buches der Summe der Theolgie macht auf mich heute einen ganz ähnlichen Eindruck. Thomas nimmt sich nicht weniger vor als die gesamte Lehre vom menschlichen Benehmen in diesem einen Buch zu erfassen. Das Vorwort endet lapidar, aber vielsagend: „Auf so wird nichts übergangen, was zur Sittenlehre gehört.“
Zum Verständnis: Bei uns Lehrlingen damals ging es um eine ganze Fabrik. Hier, bei der Ethik des heiligen Thomas geht es um den ganzen Menschen, was sein Tun und Lassen angeht. Und der Mensch ist, auch wenn er der Höhe und Breite nach viel kleiner ist, ein viel komplizierteres und vielschichtigeres Wesen als jede Firma der Welt.
Ethik meint hier übrigens ungefähr das gleiche wie Sitte, also alles, was das Tun, das Lassen, das Sollen und Nichtsollen angeht. Auch das, was wir Moral nennen, versucht das einigermaßen einzufangen, insofern der Mensch nämlich ein freies Wesen ist, der, wie Thomas sagt, Herr über seine Werke ist.

In seinem Vorwort erklärt Thomas noch etwas, was einer kurzen Betrachtung wert sein könnte. Er spricht vom Allgemeineren und Besonderen. Wenn jemand grundsätzlich laufen kann, dann ist diese Fähigkeit etwas Allgemeines. Etwas Besonderes ist, wenn er zur Bank läuft, um sie zu überfallen oder zum nächsten Geschäft, um Wurst zu kaufen.
Allgemein ist, wenn jemand ganz grundsätzlich denken kann. Ob er darüber nachdenkt, wie er seinem Nachbarn das Haus am besten anzündet oder ob er darüber nachdenkt, wie er jemanden hindern kann, das zu tun; beides ist das eher Besondere.
Thomas sagt nun, dass man das Besondere überhaupt nicht erfassen kann, solange man nur über das Allgemeine nachdenkt. Wenn wir nur über das Laufen als solches nachsinnen, haben wir die besondere Geschichte mit der Bank oder dem Wurstkauf überhaupt nicht im Blick. Letztlich wird es aber um das Besondere gehen, denn wir werden sicher am Ende anders behandelt, wenn wir eine Bank überfallen, als wenn wir nur etwas zu Essen besorgt haben.

Das Allgemeine zu betrachten ist schon sehr wichtig, denn hier liegen die grundsätzlichen Möglichkeiten, die als erstes gesehen werden müssen. Es heißt den zweiten Schritt vor dem ersten machen, wenn man gleich auf das Wurstgeschäft sieht, ohne bedacht zu haben, dass der Mensch überhaupt dorthin laufen kann.
Auf die Dauer aber braucht es dann schon auch noch einen zweiten Blick auf das, was mehr besonders ist. Hier ist dann auch die etwas unbefriedigende Grenze, denn das wirklich ganz Besondere kann kein Buch erfassen.
Das Buch redet über den Menschen „an sich“. Der Leser ahnt aber, dass es letztlich und am Schluss nicht um „den Menschen“, sondern ganz konkret um ihn selbst gehen wird. Das kann natürlich kein allgemeines Buch erfassen. Was Thomas in der Summe allerdings geliefert hat, das ist im ersten Band des zweiten Buches eine allgemeine Lehre vom Menschen, was die Grundlage der Ethik angeht. Im zweiten Band des zweiten Buches dann entwirft er eine Lehre „im Besonderen“. Die ist am Ende verästelt und verzweigt wie ein Baum der seine Krone ausbreitet. Genial ist aber, dass das ganze in einer klugen Ordnung steht und übersichtlich bleibt, wie das Magazin unserer Firma damals.

Hier noch das Vorwort des heiligen Thomas zur II-II im lateinischen Original.