Voraussetzung für alles

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Briefe an unseren Bufdi

Als gegen Ende der Kindheit das allgemeine Wachsen noch nicht zum Ende gekommen war, schoss mein Schulkamerad Rainer noch mal reichlich ins Kraut. Er wuchs und wuchs und wurde immer länger. Weil er oft mit schlechter Laune kam, sagte sein Lehrer: Rainer sei zu lang geraten und mal wieder zu kurz gekommen. Heute hat sich das ausgeglichen. Zu Rainers beträchtlicher Größe hat sich eine nicht weniger beträchtliche Breite gesellt. Aber das mit dem zu kurz gekommen sein, das ist geblieben, das bleibt nämlich bei allen.
Zu kurz gekommen sein, nicht bekommen haben, was einem vermeintlich zustand, das war die erste schwere Sünde bereits im Paradies. Kain war zu kurz gekommen. Der Schöpfer hatte dem Opfer seines kleinen Bruders Aufmerksamkeit geschenkt, nicht ihm und dem, was er verbrannte. Das kostete dem Kleinen das Leben, und er wurde kurzerhand erschlagen.
Was hier von den ersten Menschen erzählt wird, das gilt irgendwie für alle, wenn man den Leuten vom Fach vertraut. Kritiker der Genesis sagen, die erst genannten Menschen habe es nie wirklich gegeben. Doch, sage ich, wir alle sind diese ersten! Oder will jemand behaupten, ihn habe noch nie die Wut gepackt, weil er sich zu kurz gekommen vorkam? Es erschlägt nun nicht jeder gleich seine Geschwister, aber den Impuls, den dürften alle kennen.
Neulich sagte mir jemand, es sei der Hunger nach Anerkennung, nach Liebe, der zu solchen Regungen führe. Kain habe zu wenig Liebe erfahren. Das mag sein, aber es stellt sich damit die Frage, ob er tatsächlich nicht hinreichend geliebt wurde, oder ob er die Liebe, die ihn trug, nicht genügend spüren oder wenigstens wissen konnte.

Es war am Strand irgendwann, da erklang eine Frauenstimme, die rief: „Wenn du mich lieben würdest, dann bekäme ich die Muschel von dir.“ Wir haben uns tunlichst heraus gehalten, aber es wäre die Frage, ob der Mann seine Frau geliebt hat oder ob sie sich seiner Zuneigung ohne die Muschel nur nicht sicher sein konnte. Geliebt werden reicht offenbar nicht. Es müssen Beweise her, und um endlich auf unsere Frage zu kommen: Hier scheint der Allmächtige manches liebe Mal die Beweise zu verweigern.
Die heilige Therese war schon alt, als der Herr sie wieder mal aufs Land schickte, um in einem ihrer Klöster für Ruhe zu sorgen. Es war dunkel, es regnete in Strömen und der Kutsche brach die Achse. Theresa saß pitschnass und frierend im Schlamm. Der Herr lächelte mit den Worten: „Siehst du, so gehe ich mit meinen Freunden um“, worauf Theresa treffend sprach: „Dann wundere dich nicht, wenn es so wenige sind!“ Das ist die Lage. Gott bekommt schlechte Noten im Betragen, weil er seinen Kindern nicht hinreichend zeigt, wie lieb er sie hat. Menschen würde man das nicht durchgehen lassen.
Jürgen Trittin hat sich geweigert, zum Eid seiner Einführung das „so wahr mir Gott helfe“ zu sagen. Auf die Frage warum, meinte er, er habe eben noch von keinem Gott eine Hilfe bekommen. Also ist er selber Schuld, dieser unsichtbare Meister, von dem alle Welt so viel Gutes zu sagen weiß.

Die Gläubigen haben Einwände, denn auch hier gibt es, wie so oft übrigens, eine Innen- und eine Außenseite der Angelegenheit. Man hat es nicht immer bewusst, aber es gibt viele Räume, die man erst betreten muss, um ihre Atmosphäre zu verkosten und Bescheid zu wissen. Von außen sieht man nicht, wie sich das Leben drinnen anfühlt. Unser Job, mein Lieber, ist ein passendes Beispiel. Von außen und gesehen hört man überall Stimmen, die sagen, die Einwanderer, die täglich zu uns kommen, dürften eigentlich nicht im Lande sein. Aber jeder, der nicht vollkommen verstockt ist und bei uns drinnen vorbeischaut, der sieht, welch prächtige Leute dabei sind; Leute, die man einfach gern haben muss und die wir einmal dringend brauchen. Das sicherste Mittel gegen Sorgen und schlecht ausgewogene Meinungen ist die Begegnung mit der Realität, und die ist in diesem Fall nur drinnen zu haben. Wenn wir nach außen gehen um zu reden und um für Verständnis zu werben, dann lautet die Voraussetzung für unseren Erfolg Glaube. Es ist der Glaube an das, was wir sagen oder vorher, der Glaube, den man uns selbst entgegenbringt. Wer Dir nicht glaubt, der wird draußen stehen und nie erfahren, wer Du wirklich bist.
Es gibt auch ein Außen und Innen in Sachen Beziehungen von vernunftbegabten Wesen. Auch in ihnen muss man irgendwie drinnen sein, um einander zu verstehen und kennen zu lernen. Wir müssen uns Einlass gewähren, es gibt keinen anderen Weg. Kain war draußen mit seiner schlechten Laune und seinem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Er hätte glauben müssen, denn der Glaube ist die Eintrittskarte für das Drinnen. Hätte er das getan, dann hätte er vernommen, wie lieb ihn der Schöpfer doch hatte. Schau Dich um, die ganze Welt ist so gebaut und als Gott beschloss, sich ihr zu zeigen, da stand seine Vorgabe schon lange fest: Wer mir keinen Glauben schenkt, der kann mich nicht kennen lernen. Es gilt nämlich ein alter Grundsatz. Verstehen geht immer auf die Weise des Verstehenden. Wer Dir etwas sagen will, der muss in deiner Sprache sprechen und innerhalb der Vorgaben Deiner Welt, sonst wird nichts aus dem Unternehmen.

Die Liebe kann man nicht fühlen

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Briefe an meinen Doktor

Heute werde ich mich wohl wieder mal dem Verdacht der Ketzerei aussetzen. Das habe ich schon öfter getan, nämlich immer dann, wenn ich behauptet habe, es existiere kein Gott. Solcherlei Behauptung führt in frommen Kreisen ganz gern zu Aufschreien, die sich nicht beruhigen lassen. Wie bei dieser bestimmten Sorte Moslems, wenn sie das Gefühl haben, die Ehre ihres Propheten würde angetastet. Dann wird immer erst getötet, und danach diskutiert. Der Keim dieses Wahnsinns steckt auch bei manchen unserer Frommen durchaus im Blute. Nur dass die Christen nicht mehr töten, was natürlich ein wesentlicher Fortschritt in der Sache ist.

Bei meiner These von der Nichtexistenz Gottes hatte ich mit dem Areopagiten natürlich immer einen bedeutenden Zeugen zu nennen. Meine Thesen sind ja nie von mir, sondern immer irgendwo her. Dionysius hatte schlicht gesagt, Gott gebe es natürlich wohl, er sei aber eben doch über alle Existenz erhaben. So lautet denn auch die These, Gott ist, er kann aber seiner Gottheit nach nicht in die engen Grenzen unseres Existierens gezwängt werden. Wir teilen uns mit Gott eben keine Grenze, und wer immer an ihn glaubt und eine vernünftige Dogmatik verteidigen kann, der muss das sagen. Der Satz: „Alles, was es gibt, das existiert auch“, stimmt eben nicht, nicht jedenfalls für Gottgläubige Leute, die vernünftig über ihren Glauben nachdenken.

Natürlich heißt existieren, da sein, selbst sein und bestehen. Das „Ex“ im Wort sollte aber nicht unterschlagen werden. Existieren heißt immer auch aus etwas sein, sein Sein von irgendwo her haben. Da scheidet die Gottheit sofort aus. Die alten Griechen haben schon gedacht und geschrieben, wenn wir eine wirkliche Gottheit denken wollen, dann gehört zu ihrer Definition, nicht aus etwas heraus zu sein, sondern dasjenige zu sein, aus dem alles andere ist. Gestern zufällig hat mir noch ein Polemiker die Frage vorgelegt, wer Gott denn gemacht habe. Das war wieder mal die Frage eines Fragenden, den die Antwort nicht interessierte. Die lautet ja, es gehört zur Definition des Göttlichen, aus sich selbst zu sein und sich nichts und niemandem zu verdanken. Das hätte ich auch meinem Kugelschreiber erzählen können. So ist es aber. Ansonsten wäre der Liebe Gott nicht mehr als Zeus und Poseidon.

Nun aber zu meiner ketzerischen Behauptung: Die Liebe ist nicht nur kein Gefühl, sie ist auch überhaupt nicht spürbar. Jedenfalls nicht, wenn sie das ist, was ich unter ihr verstehe, und meine Behauptung schließt sich der von der Nichtexistenz Gottes an.
Ich zitiere den heiligen Johannes nicht sonderlich gern, wenn er „Gott ist Liebe“ sagt. Der Satz kann nämlich unmöglich eine symmetrische Gleichung sein. Gott ist Liebe, aber lange nicht alles, was Liebe ist, ist Gott.
Prospero hatte gut reden, wenn er sein „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“ daher sagte. Keiner würde nach einem starken Traum sagen, er habe in der letzten Nacht den Prospero und seine Leute im Kopf gehabt. Keiner wird je wissen, aus welchem Zeug die Träume wirklich sind, und niemand sieht Träume, sondern nur die Sachen und Wesen, die in ihnen auftauchen. Ganz ähnlich wird niemals jemand wissen, woraus die Liebe ist und sie selbst entzieht sich sowohl jedem Sehen, Tasten und somit allem Fühlen. Nicht die Liebe wird gespürt, sehr wohl aber alles mögliche, was sie tut. Wäre ich ein Schreiber mit Reichweite, dann gingen jetzt vermutlich kleine Stürme der Entrüstung und Diskussionen los, aus denen sich kein Honig saugen lässt.

Was die Liebe tut

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Briefe an meinen Doktor

Wenn die Liebe ein Gefühl ist, dann wohl eins, das sich sehr verschieden anfühlt. Deshalb würde ich mich gern über den bleibenden, gefühlten Kern in in ihr belehren lassen. Bis das geschieht, bleibe ich lieber bei meiner Annahme, nach der die Liebe eher so etwas wie eine entschlossene Haltung genannt werden kann. Vielleicht ist sie auch eine Kraft der Vereinigung, wie Dionysius Areopagita zitiert wird.
Ich merke aber, dass ich mir durch mein Versteifen auf die ontologische Frage selbst ein Bein gestellt habe. Niemand kann sagen, was die Liebe ist. Die Bibel verschiebt das Problem lediglich einen Schritt weiter, wenn im Johannesbrief zu lesen steht, Gott sei Liebe. Es ist, wie wenn wir sagen, Gott sei Reichtum, Macht und Barmherzigkeit. Es erklärt uns Gott ein wenig, nicht aber die Eigenschaften selbst.

Man kann nicht sagen, was die Liebe ist, man muss aber sagen, was sie tut. Damit öffnet sich wieder das Feld ins Unendliche. Wenn wir etwas aus Liebe tun, dann tut das ja wohl auch die Liebe selbst. Romano Gurardini stand in seinem tiefen Denken oft staunend und sprachlos vor der Tatsache, dass der Gott der Himmel sich für die Menschen hingibt. Je länger man darüber nachzudenken sich traut, desto unglaublicher wird es. Die Muslime meiner Umgebung, die sich überhaupt weigern, Gedanken über Gott anzustellen, sagen schlicht, das Opfer aus Liebe sei nicht wahr, ihr Prophet habe das klargestellt. Denen reicht das. Eine Tatsache, mit der ich übrigens mit dem gleichen Staunen stehe, wie Guardini vor der Menschwerdung.

Guardini redete also mit einem Freund darüber und als er das Unglaubliche, das doch zu glauben ist, aussprach, sagte dieser: „Es ist die Liebe, die solches tut.“

Nicht nur hier, im ganz Großen, tut die Liebe Unglaubliches. Auch im Kleinen, auch in unserer täglichen Welt der halben Meter. Die Liebe macht Professoren zu Spielkindern und aus Kindern werden Helden der Tapferkeit. Maria Goretti hat sich ihrem Vergewaltiger nicht aus Prüderie verweigert, sondern aus kindlicher Liebe. Sie wollte ihren Herrn, den sie so lieb hatte, nicht traurig machen. Die Liebe macht wichtig und schenkt allem Bedeutung. Sie lässt einen einzigen, vielleicht ganz kleinen Menschen hören, er sei unter allen sonst, die je lebten und gelebt haben, der einzige und wichtigste.

Die Liebe ist also der große Möglichmacher und das Ende aller Erklärungen. Es lässt sich fragen, warum man lernen muss. Man kann fragen, warum überhaupt Essen und trinken. Warum zum Teufel, man aber lieben soll, ist schon keine Frage mehr. Die Liebe hat keine Zwecke, aber allen Sinn in sich, um noch mal einem Gedanken Guardinis die Ehre zu geben. Man muss also kein Christ sein, um dem heiligen Paulus zuzustimmen: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“

Ist die Liebe ein Gefühl?

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Briefe ein meinen Doktor

In unserer Frage, was die Liebe denn nun sei, kann man  Niklas Luhmann wahrscheinlich nicht ganz umgehen. Luhmann zitieren macht sich, nebenbei bemerkt, auch immer besonders gut, wenn man was gelten will. Er stellt sich uns hier zunächst hilfreich zur Seite, weil auch er die Liebe nicht für ein Gefühl hält. Dann aber sagt er etwas für uns im Moment weniger Brauchbares, insofern er aus dem Fach seiner Soziologie spricht. Dort wird die Liebe als ein Code der Intimität beschrieben, und ohne gleich sagen zu müssen, was das des Näheren bedeuten könnte, reicht der Hinweis, dass uns das gerade wenig nützt, insofern Codes Bezeichnungen für funktionale Seiten sind.

Wenn man in der Scholastik die Schulbank drückt, dann interessieren einen tendenziell zuerst eher ontologische Angaben, das Substantielle, wenn man so möchte. Der Soziologe fängt gleich mit den Beziehungen an. Unser Briefträger im Dorf meiner Kindheit war ein netter, dicker Mann, der auf seiner Tour gern für einen kleinen Plausch bei meiner Mutter am Küchentisch saß. Auf die Frage, was dieser Mann war, würde man sagen, er war ein Mensch. Auf die Frage, was sein Beruf war, lautete die Antwort Briefträger. Die erste Frage zielt auf das, was er ist, die zweite auf das, was er tut, nämlich Briefe in die Häuser tragen. Der scholastische Typ möchte zunächst wissen, wer der Mann mit den Briefen ist und dann erst, wem er sie bringt.

Auf die ontologische Frage, was denn die Liebe sei, antworten viele dennoch, sie sei ein Gefühl. Die Antwort hat viele Befürworter, auch renommierte. Ich kann ich aber nicht dagegen wehren zu denken, dass da etwas nicht stimmen kann. Gefühle kommen und gehen. Zwei Grad Körpertemperatur ändern unser komplettes Weltverhältnis. Eine einzige Laus über die bis dahin gut gelaunte Leber gerannt sorgt dafür, dass nur noch die Laus gute Gefühle hat. Die Liebe muss stabiler sein.

Aber mal angenommen: Wenn die Liebe ein Gefühl ist, dann dürfte schwer zu sagen sein, welches denn genauer, oder wie dessen Kern zu umschreiben sei. Der Schmerz der verlorenen Liebe ist auch ein Liebesgefühl. Ein Teil von unsrem Innern will dieses nicht. Wer will schon trauern. Aber wenn man uns anböte, es gegen ein wenig Geld heraus kaufen zu können, dann wollen wir es plötzlich doch behalten, denn mit dem Weggehen des schmerzhaften Gefühls wäre irgendwie auch die Liebe weg. Die Trauer hat eine Seite, die wir lieben, und eine Seite, die wir nicht wollen können. Selbst wenn der Schmerz der Trauer überwunden ist und am Ende nur noch diese Liebe überlebt, so bleibt ihr doch das Fehlende. So ist dieses Gefühl irgendwie von anderer Art als jenes, das wir mit allen Fasern unseres Herzens am liebsten für immer behalten würden, das Gefühls der lebendigen Gemeinschaft mit dem Geliebten.
Ich kann mir nicht helfen, wenn die Liebe als ein Gefühl beschrieben werden soll, dann beißt sich meine Katze immer irgendwie in den eigenen Schwanz. Deshalb würde ich die Liebe ihrer Wurzel nach eher beim Sehen und Erkennen, als beim Fühlen suchen wollen.

Ist die Liebe eine Energie?

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Briefe an meinen Doktor

Es brauchte gar nicht viel, und schon kommt sich jemand, der friedlich über die Liebe sinnieren möchte, vor wie einer, der zur Fidel greift, während Rom in Flammen steht. Aber genau das muss getan werden. Wer sich die Kultur vergraulen lässt, der hat am Ende auch keine mehr.

Vor Tagen gab es hier, in einer sommerlichen Nische freundschaftlichen Friedens, ein Gespräch, das über die Liebe und das ewige Leben gehen sollte. Einer meine Gesprächspartner, übrigens von einnehmender Liebenswürdigkeit und Bildung, meinte, die Liebe sei seiner Meinung nach eine Energie, die auf die Dauer genau so erforscht sein würde, wie der elektrische Strom heute. Auch den habe man vor dreihundert Jahren nicht hinreichend gekannt. Die Linien länger ausgezogen, bedeutet das, bedauerlicher Weise könnte dann irgendwann die Hypothese Gott wahrscheinlich auch erledigt sein.

Sie wissen, werter Herr Doktor, ich bin anderer Meinung, und wir gerieten nach kurzer Zeit zu jenem Punkt, an dem solcherart Gespräche wieder wohltuend an die Oberfläche kommen. Der Punkt nämlich, an dem wir beide wussten, dass unsere Meinungen Meinungen sind; nämlich solche, die man mitbringt und dann mit Wissen zu polstern sucht. Meinungen hat man und meine kann ich vorab mit einem Satz skizzieren:

Energien sind tot, die Liebe lebt und Leben kommt immer aus Leben.

Das macht den großen Unterschied. Die Liebe versetzt uns in hochenergetische Zustände und bringt starke Energien hervor. Sie selbst ist aber keine solche, weil sie viel mehr und ganz anders ist. Es wäre einfach nicht richtig, wenn Ihre Frau Ihnen sagte, sie verspüre eine solche Energie für sie oder sie beide seien höchst energiegeladen für ihre beiden Söhne. Jedes Kind spürt, und unsere gesamte Intuition weiß, dass da etwas nicht stimmt und etwas Hoheitliches auf viel zu niedrigen Niveau besprochen wird. Die Liebe ist königlich. Energien können das nicht werden.

Ich habe da persönlich eine strenge These: Man kann die Liebe nicht erforschen. Das meine ich im absoluten Sinn. Ein „bis jetzt nur noch nicht“ meines liebenswürdigen Gegenübers lasse ich für mich nicht gelten. Ich habe mein liebes Beispiel vom Spaemannschen Projektor bemüht und gesagt, im Film weiß man nicht, dass man ein Film ist. Ich wollte damit zeigen, dass die Wissenschaft absolute Grenzen hat und aus ihrem eigenen Film nicht heraus kommt. Solange unsere Kultur nicht aus der Kurve fliegt, wird die Wissenschaft immer ihre begrüßenswerte Fortschritte machen. Es sind aber immer solche innerhalb ihrer Welt. Keine Kamera kann sich selbst von hinten filmen.

Wenn ich nicht irre, war es Popper, der vom Irrtum der versprechenden Wissenschaft gesprochen hat. Einer Wissenschaft die vorgibt, irgendwann hinter die Dinge zu kommen und nur noch nicht so weit zu sein, ist nicht über den Weg zu trauen. Es ist nicht, wie wenn einer weiß, dass sein Haus nichts verliert und dass er seine Socken irgendwann findet. Es war auf jeden Fall Poppers großer Gegner Wittgenstein, der von der Täuschung der modernen Weltanschauung schrieb, die sogenannten Naturgesetze würden die Naturerscheinungen erklären. Das tun sie nämlich überhaupt nicht. Die Wissenschaft wird die Liebe niemals erklären können, jedenfalls nie ihr Herkommen, ihre Ankunft und ihr Gehen. Die Liebe wird stets und ungeteilt durch alle Finger gleiten, und doch kann jedes Kind sie leben und vollkommen von ihr erfüllt sein. Sicher stimmt, was Adorno vom Glück sagte, auch sie: Man kann sie nicht besitzen, man kann aber irgendwie in ihr sein.

Aber teilen wir sie doch einfach kurz ein, wie die Alten es getan haben. Da gibt es erst einmal den Amor. Diese zur Leidenschaft tendierende Liebe, die begehrt und keine Ruhe findet, wo sie sich nicht vereinen kann. Dann gibt es diejenige Liebe, die sorgsam schaut und das für sich Schönere wählt, dilectio genannt. Wie wenn ein Freund seinen Freund allen anderen vorzieht. Hier liebt das Auge der Liebe das ganz Besondere. Eine dritte Art wäre die griechische Agape, die ihre Lust darin findet, von sich zu geben und Gutes zu tun. Die caritas endlich ist die Königin. Sie ist die Liebe, in der uns Gott lieb hat und wir ihn. Die caritas ist die ewige Quelle und Klammer von allem. Sie ist nun natürlich jene Liebe, über die uns erst die christliche Aufklärung informiert. Sie wissen, ich bin nicht sonderlich fromm, aber gläubig. Das heißt zunächst einfach, es gibt eine Adresse, bei der ich mich auch für die Liebe insgesamt bedanken kann. Hätte ich das nicht, wäre mein Leben wirklich ein gutes Stück ärmer. Wenn die Liebe lebt, wie ich behaupte, dann wird sie doch aus einer lebendigen Quelle sein. An die Supervenienz, also dass Leben aus totem Zeug gebastelt ist, daran kann und vor allem möchte ich nicht glauben. Dazu sehe ich auch keine zureichenden Gründe.

Liebesbeweise?

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Briefe an meinen Doktor, 4

Können wir uns auf die Formel einigen, nach der man die Liebe nicht beweisen kann? Man spricht zwar von Liebesbeweisen, etwa wenn einer Blumen bringt. Es grätscht uns aber ein Problem in die Beine. Nichts, was wir tun, lässt sich nur auf eine Weise deuten.
Da kocht jemand einem Hungernden ein gutes Essen. Alle werden sagen, er tut ein Werk der Barmherzigkeit. Was ist aber, wenn der Hungernde sein Essen bekommt, damit er am nächsten Morgen bei seiner Hinrichtung nicht so blass drein schaut?
Wenn ein Mann seiner Frau einen Strauß zum Beweis seiner Liebe ins Haus trägt, was wird er sagen sagen, wenn sie sich ihm entgegen hält, er tue das nur, um von seiner heimlichen Geliebten abzulenken?
Das Tun ist immer das gleiche. Das Dumme ist nur, man kann ihm die eigentlichen Motive nicht ansehen. Das mit der Liebe ist und bleibt also Vertrauenssache, das macht es für die Eifersüchtigen so unmöglich, ihr geliebt sein zu genießen. Sie müssten es glauben. Und wenn der Sand des Misstrauens einmal im Getriebe steckt, dann ist er schwer wieder heraus zu bekommen. Die Liebe kann auch nie verhandelt werden.

Überhaupt. Wenn eine Liebe es nötig hat, dauernd mit Beweisen flankiert zu werden, dann scheint sie ohnehin schon immer auf dünnen Füßen zu stehen. Kauft man die Blumen, weil man etwas beweisen will, oder einfach nur, um eine Freude ins Haus zu bringen? Blumen sollten wohl nicht zu Beweisstücken herabgewürdigt werden, sondern Boten von etwas ganz anderem sein. Es wäre auch kein guter Stil, wenn die Dame, die Blumen betrachtend sagen würde, ihre Annahme, geliebt zu sein würde würde gerade wieder ein Stück wahrscheinlicher.

Christus hat gesagt, es gebe keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Freunde gibt. Ich habe immer gemeint, dass das nicht nur fürs Sterben gilt. Man kann sein Leben auch geben, wenn man nicht dabei drauf geht. Gestatten sie mir, den etwas staubigen Begriff vom natürlichen Menschen einzuführen. Mir fällt gerade kein anderer ein, er wird auch gleich wieder verschwinden. Der natürliche Mensch entdeckt sich im Mittelpunkt seiner eigenen Welt. Wie ein Bötchen, das auf dem weiten Meer dahin segelt, wo der Horizont immer gleich weit weg ist, das Bötchen ist stets der Mittelpunkt der Welt. So, wie er auf die Welt kommt, ist der Mensch immer der Mittelpunkt seiner Empfindungen, seines Wollens und Habens. Mit dem größer werden öffnet sich die Möglichkeit einer Erkenntnis: Die anderen sind ja ebenso Wesen, die um sich selbst kreisen und leben. So werden kluge Sprüche generiert, die einem mittlerweile aus den Ohren wieder heraus kriechen, nach denen die eigene Freiheit immer am Zaun des Nachbarn seine Grenze hat. Die Liebe löst das alles auf und fordert, ganz neu über diese Dinge nachzudenken. Sie führt zur Entscheidung, die Mitte eines anderen zur eigenen zu erklären. Wenn die Liebe Liebe ist, dann lebt der Liebende nicht mehr nur für sich, sondern eher für das, was er lieb hat. Die Mitte des anderen ist die eigene geworden. Insofern kann die Liebe eine übernatürliche Sache, und ein Mensch, der seine Natur hier nicht übersteigt, bleibt ein kläglich einsames Wesen. Die gibt es.

Ein Mensch, der sein Leben gibt, braucht nichts zu beweisen. Er würde es ja auch für ein Kind tun, dem man noch gar nichts beweisen kann. Vielleicht gilt Christi Satz, nach dem wir wie die Kinder werden sollen, auch hier. Einfach jemand sein, dem man hier nichts beweisen muss. Jemand sein, der nicht auf Beweise wartet, der dennoch überzeugt ist und fest darin steht und dem anderen die Ehre darin gibt, dass er vertraut. Jemand sein, der einfach richtig interpretiert. Es kann, nach Enttäuschungen etwa, schwierig werden. Ich fürchte aber, anders ist es nicht zu kriegen: Man muss Glauben haben.

Die Liebe und ihr Leiden

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Brief an einen Doktor, 2

Sehr geehrter Herr,

„etwas zu viel Gott für meinen Geschmack“, lautete gestern der Einwand eines Lesers, der nach kurzem Gespräch um den Text gebeten hatte, den ich Ihnen zugesandt habe. Ich fürchte, ich kann der Neigung, „lieber etwas weniger Gott im Ganzen“ nicht sonderlich weit entgegen kommen. Wer ein Haus betritt, über dessen Tür das Wort „Borussia“ zu lesen steht, der wird damit zu rechnen haben, dass sich darinnen so ziemlich alles um Fußball, und zwar um den einer ganz bestimmten Mannschaft dreht.

Über meinem Tun hier steht das Wort „Thomismus“. Wer sich kurz kundig macht, kann wissen, dass sich da im weiten Sinn so ziemlich alles um das Thema „Gott und die Welt“ dreht, und das auf eine bestimmte Weise.
Wir haben uns dann noch kurz unterhalten können. Es stellte sich heraus, mein Leser hatte die Gottesfrage irgendwann mehr oder weniger als „Agnostiker mit Tendenz zum Atheismus“ beantwortet. Und das – so schien mir dabei – in der die Zukunft prägenden Stimmung, wenn möglich nicht weiter behelligt werden zu wollen. Über unser Thema, die Liebe, haben wir uns dann allerdings doch noch angenehm und angeregt unterhalten. Da musste der Schöpfer dann auch nicht weiter vorkommen. Der Gottesgedanke hat im Erwägen der Liebe christlicherseits oft eher nur den Charakter einer wohl stets, aber mehr oder weniger unbewusst wahrgenommenen Grundierung, zu einer Art Grundstimmung der Dankbarkeit führt sozusagen.
Als unser Vater meinem Bruder in desse Kindheit einmal eine Angel geschenkt hat, da ging es mit seinen Freunden am See fürderhin ums Angeln, nicht um den Vater. So kann es durchaus auch mit der Liebe zugehen. Es dreht sich um sie, und nicht um ihren Geber. Es gibt da allerdings einen Unterschied. Für ein Geschenk kann man sich bedanken. Im Glauben aber, die Liebe sei mit der Welt aus dem Würfelbecher der Evolution gekugelt, hat man keine Adresse.

Aus unserem Dialog wurde ein Gespräch zu dritt, als eine Dame hinzu kam, die an einer Sache interessiert war, die man vielleicht die dunkle Seite der Liebe nennen kann. Ihr war es plötzlich um den Verlust und die darauf folgende Trauer zu tun. Vielleicht können wir uns auf eine kurze Formel einigen, nach der auch die Trauer eine Form der Liebe ist. Man kann wohl nicht traurig sein, wenn man das Verlorene nicht lieb hatte, oder besser gesagt, immer noch lieb hat.
Jetzt ging das Gespräch also um die Frage, ob man den Schmerz der Trauer, wie freilich jeden Schmerz, nicht am liebsten los sein möchte, und es herrschte eine Dissonanz im Gespräch. Ich schlug eine Art Deal vor, um einer Lösung entgegen zu kommen. Der lautete etwa so: Wer würde auf einen Vorschlag eingehen, der die Möglichkeit enthielte, den Schmerz um den Preis des Verlustes der Liebe loszuwerden? Mit anderen Worten: „Der Schmerz hört sofort und für immer auf, für den Preis, dass du den verlorenen Menschen nicht mehr lieb hast. Siehst du zukünftig sein Bild irgendwo, dann wird es wie das Erblicken eines ganz Fremden sein. Bist du dazu bereit?“ Der Vorschlag hätte von Mephisto kommen können, und beide verneinten mit einigem Nachdruck. Sie gaben eindeutig der Liebe den Zuschlag, auch wenn diese leiden müsse. Das geschah, wie Sie wissen, allerdings in der Neutralität der momentanen Freiheit vom lediglich gedachten Schmerz. Einen solchen kann man nur vorher und nachher wollen. Stellt er sich ein, dann werden die Karten von harter Hand noch einmal neu gemischt, und dieser Ernstfall lässt sich nicht proben.

Das dauernde betroffen sein

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Islam und Christentum 51

Jetzt ist die Liebe an der Reihe. Und bevor ich mit ihr loslege, würde ich gern eine kleine Meditation über eine Sache einschieben, über die hin und wieder nachzudenken ich lohnenswert finde. Es ist die Sache mit dem herausgefordert werden des Menschen. Wir können mit einer Formel beginnen:

Wer von etwas getroffen wird,
der muss irgendwie reagieren.

Du kennst das Spiel  noch aus unserer Zeit in der Schule. Dauernd kamen die Kinder (und auch die schon etwas älteren) zu mir mit der Beschwerde, irgendwie von ihren Mitschülern beleidigt worden zu sein. Es ging dann immer um die Frage, wie man angemessen reagiert. Wer beleidigt wird, hat das Recht, die Pflicht oder ganz allgemein gesagt, die Möglichkeit, zu reagieren. Gar nicht reagieren geht gar nicht. Eine Beleidigung, die uns nicht trifft, ist keine. Ein getroffenes Tier aber reagiert immer, und wenn es im Lauf auch nur kurz zuckt. Eine Beleidigung ist also immer eine Herausforderung, und damit spielt derjenige, der uns beleidigt. Er weiß, dass er uns treffen kann und erwartet, dass wir mit unserer Reaktion einen Fehler machen.

Man kann das menschliche Leben jetzt auch einmal betrachten, wie eine Sache, die uns dauernd mit etwas herausfordert. Wenn plötzlich ein Kind entsteht, dann ist das für das Leben auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Eltern müssen darauf reagieren, und was wir die Ethik nennen, stellt uns immer ganze Kataloge auf, wie man mehr oder weniger falsch reagieren kann.

Nicht umsonst haben die alten Geschichten die Liebe schon mal als einen kleinen, dicken Engel dargestellt, der mit einem kleinen Bogen spitze Pfeile auf die Menschen abschießt. Das Verliebtsein trifft uns wie ein Pfeil. Wir haben vielleicht lange Zeit in ziemlicher Ruhe vor uns hin gelebt; plötzlich tritt da ein Mensch in unser Leben, der alles in Wallung bringt und uns nicht in Ruhe lässt. Man ist plötzlich ganz außer sich, heißt es im Volksmund und bei den Philosophen. Es ist aber wie mit dem Tier auf der Wiese. Wenn es getroffen wird, dann kann es gar nicht anders, als reagieren.

Um den Gedanken etwas vollständiger zu machen: Es gibt auch Dinge, die uns  ganz grundsätzlich und immer herausfordern. Für sie braucht es keine Pfeile und keine Ereignisse oder Begegnungen, die auf uns abgeschossen werden. Das Gute, das Böse und die Wahrheit sind Dinge, von denen wir immer herausgefordert werden und von denen jeder ganz allgemein und automatisch sagt, dass es ein richtig und falsch gibt. Solche Dinge sind etwa das Gute, das Böse und die Wahrheit. Wir brauchen hier jetzt gar nicht über diese Dinge zu philosophieren. Es reicht, wenn wir sagen, jeder normale Mensch weiß, das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen, und der Wahrheit ist immer die Ehre zu geben. Diese drei Dinge sind immer irgendwie in allem, was uns anspricht und trifft. Wir sehen jemanden einen Raubmord begehen, und alle sagen, das ist böse und verboten.

Jeder Dieb beschwert sich,
wenn er beklaut wird.

Dass der heilige Martin dem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gab, weil diesem so kalt war, wird von allen als große und gute Tat gepriesen. Viele würden das nicht machen und lieber schweigend weiter ziehen, bevor sie ihren Luxus teilen. Aber keiner sagt, das sei besser. Der Satz „du sollst nicht lügen“ hätte bei den Zehn Geboten fast gar nicht dabei sein müssen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Jeder Mensch  weiß eigentlich, es gehört sich nicht, die Wahrheit zu verbiegen.
Der Philosoph Nietzsche hat schon mal gewagt, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Als ich Gedanken wie „warum soll ich keine Frau vergewaltigen?“ zu lesen hatte, war ich in meiner Unschuld tief getroffen und entsetzt. Allein die Frage zu stellen, um ernsthaft über sie nachzudenken, kam mir wie ein Verrat am Gefüge des ganzen Universums vor. Aber Philosophen dürfen und müssen das: Sich in verbotene Zimmer wagen und Pfade beschreiten, die nicht ausgetreten werden dürfen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, gute oder schlechte Antworten zu geben.

Wie immer auch, wenn wir von der Liebe sprechen, dann meinen wir im alltäglichen Denken so etwas, wie ein positives getroffen werden. Die Summe fängt auch mit diesem Gedanken an: „Die Liebe ist eine passio, eine Leidenschaft“, also etwas, was uns trifft. Dann aber kommt der eigentliche Gedanke: Gott aber kann in seiner Gottheit von nichts getroffen und erschüttert werden. Also können wir nicht sagen, in Gott sei Liebe. Thomas widerspricht dem natürlich nicht. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Es gibt aber nicht nur leidenschaftliche Liebe. Der Meister setzt tiefer an: Bei allem, was man will, ist immer irgendeine Liebe der eigentliche Motor. Darüber sollten wir noch mal ein Wort verlieren.

Islam und Christentum, Teil 8

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Erkenntnis und Liebe
Bisher habe ich versucht zu erklären, dass in Gott ein Erkennen ist und ein Erkanntes. Gott erkennt und kennt sich selbst. Er erkennt sich und weiß um sich. Wir hatten das mit der menschlichen Person verglichen. Auch sie ist nur eine. Du bist Ali, ich bin Johannes. Dennoch können wir, wenn wir uns selbst erkennen, kritisieren und beurteilen, ohne zwei zu sein. Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir etwas getan haben, was wir falsch finden. Wir finden uns eher gut, wenn wir getan haben, was richtig war.

Die Bibel sagt, Gott hat ein Wort in sich, das „der Sohn“ wurde, als er auf die Welt kam. Das sind zwei Komponenten in Gott. Unsere Offenbarung spricht aber von drei Personen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Neben dem Sohn spricht die Bibel auch vom Heiligen Geist, der ebenfalls Gott ist. Jesus ist da sehr deutlich. Für ihn als das Wort, das gekommen ist, war vorgesehen, dass er ein Menschenleben lang auf der Erde sein und bleiben würde. Sein Tod war vorgesehen und vorgesehen war auch, dass er in diesem Tod die Welt wieder verlassen würde. Vorgesehen war also, dass der Sohn kommen und wieder gehen sollte. Weil das aber für die, die ihn kennen- und lieben gelernt hatten, eine eher traurige Angelegenheit sein musste, sprach er von „einem anderen Beistand“, den der himmlische Vater an seiner statt senden würde. Dieser sei der Tröster, der Heilige Geist, der in ihre Herzen sich ergießen wolle. Der heilige Paulus hat später in seinem Römerbrief diesen Trost für alle beschrieben, nicht nur für seine Jünger. Der heilige Geist ist „ausgegossen in unsere Herzen“, schreibt er. An anderer Stelle schreibt er, der Geist Gottes bezeuge unserem Geist in unseren Herzen, dass wir Kinder Gottes sind. Dem Zeugnis der Bibel nach wollte Gott also nicht nur kommen und wieder gehen, um unser Verhältnis mit ihm zu reparieren. Er wollte mit seinem Trost auch bleiben, und das geht nur im Geist. Der führt seine Kinder und die Kirche. Aber wie sich das alles beschreiben lässt, darauf können wir noch des näheren kommen, wenn Du möchtest.

Unsere Bibel spricht in dieser Sache also von drei Komponenten in Gott, und Jesus gibt kurz vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern die Anweisung, die Menschen „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen, um aus den Kindern Adams Kinder Gottes zu machen.

Wir müssen also die dritte Person, die Gott uns geoffenbart hat, in Gott denken können, und jetzt beginnt wieder die Arbeit des heiligen Professors Thomas zur Erklärung. Für ihn ist die Sache klar: Erkennen allein reicht nicht! Erkennen allein macht noch kein wirkliches Verhältnis. Wenn Du erkennst, dass falsch und schlecht war, was Du getan hast, dann reicht das noch nicht für ein schlechtes Gewissen. Wirklich schlecht ist ein Gewissen erst, wenn einem auch schlecht dabei zu Mute ist. Wenn Du erkennst, dass Du mutig warst und etwas gut gemacht hast, dann reicht auch da die reine Erkenntnis nicht. Du musst Dich auch gut finden können und dürfen. Was wir ein gutes oder schlechtes Gewissen nennen, das hat nämlich auch eine emotionale Seite. Ein Mensch, der weiß, dass mies war, was er  Dir angetan hat und Dir dabei ins Gesicht lacht, der hat kein schlechtes Gewissen, sondern ist ein schlechter Kerl. Erkennen reicht nicht. Man erkennt nicht nur, wer man ist oder was man tut und will. Man findet es auch gut oder schlecht, traurig oder klasse. Das ist viel mehr als reines Erkennen, es ist Lieben.

Ein Mensch, der nicht lieben kann, ist kein Mensch. Er wäre eher ein Roboter. Es gibt keine Menschen, die nur erkennen. Menschen leiden auch unter ihrer Erkenntnis und freuen sich drüber. Thomas sagt nun, so etwas muss man auch in Gott annehmen. Er erkennt sich nicht nur. Er hat auch Lust an dieser Erkenntnis. In der Sprache des heiligen Thomas bedeutet das, er will auch etwas. Gott wollte die Menschwerdung, er wollte uns den Tröster senden und er will, dass es mit uns gut ausgeht. Erst in dieser Kombination können wir die Liebe behaupten. Lieben bedeutet nämlich immer, dass man, erstens, gut findet, dass es das Geliebte gibt, und zweitens, dass das Geliebte immer irgendwie im Liebenden ist. Wenn Du einen Menschen liebst, dann hast Du ihn immer irgendwie im Herzen. Du hast ihn immer im Herzen und das im Willen, dass es ihm gut ergehe.

In diesem Sinn beschreibt unser Professor auch die Liebe in Gott, die wir annehmen müssen.

Zweimal hat zu Jesu Zeiten eine Stimme vom Himmel gesprochen. Das eine Mal, zur Taufe bei Lukas sagt sie: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ Ein zweite Mal ruft sie zur sogenannten Verklärung Jesu den Jüngern zu: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Das ist mehr als die Sprache reiner Erkenntnis. Es ist die Sprache des Vaters, der seinen Sohn auf Erden liebt, und der schon immer voller Liebe war, weil er ganz Liebe ist.

Die Liebe und ihr Gegenteil, Part 2.

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Auf die Frage nach dem Gegenteil der Liebe werden vermutlich die allermeisten Leute „der Hass“ antworten. Der Hass sei das Gegenteil von Liebe, ungefähr, wie die Dunkelheit das Gegenteil von Licht ist. Die meisten sagen, was man auf den ersten Blick sieht. Ein zweites mal hinschauen aber zeigt, dass das sicher richtig ist, aber dass es als Antwort nicht reicht. Sicher ist der Hass der Liebe direkt entgegen. Auf den zweiten Blick aber schiebt sich aber noch eine zweite Antwort an die Seite. Schauen wir also mal.

Wenn man sehen will, was das Gegenteil einer Sache ist, muss man sich zunächst die Sache selbst ansehen. Die erste Frage lautet also: Was ist eigentlich die Liebe? Wenn wir das haben, dann können wir ihre Gegenspieler ins Visier nehmen. Aber hier wird es gleich schwierig. In der Bibel steht, Gott ist die Liebe. Wenn das stimmt, dann brauchen wir der Frage nicht weiter nachgehen, denn wir können nicht wissen, was Gott ist, also können wir auch nicht wissen, was die Liebe ist. Wir müssen also einen weiteren Anlauf versuchen. Wenn wir nicht wissen, was etwas ist, dann schauen wir am besten, was es tut. Ein Golfspieler ist ein Golfspieler, weil er immer Golf spielt. Wir erfahren viel über die Liebe, wenn wir wissen, was sie anstellt.

Hier lächelst uns eine zweite Schwierigkeit entgegen: Die Liebe richtet sich auf alles mögliche. Kinder lieben ihre Spielzeuge, die Großen ihre Autos. Menschen lieben einander und kleine Tiere lieben die Zuneigung der großen. Die Sprache der Liebe ist die Tat. Manche bringen aus Liebe Blumen, manche bringen sich aus Liebe um. Der eine verzichtet auf seinen Adelsstand, ein anderer baut seiner Geliebten Häuser. Die Liebe tut also viel und ganz Verschiedenes, was sie aber immer tut, das ist leise flüstern: „Es ist so schön, dass es dich gibt!“ Das sagt man zu Häusern, zu Menschen, zu Spielzeug und zu Autos – wenn man sie liebt. Die Liebe bejaht in ihrem Kern also immer das Dasein des Geliebten.

Wenn wir das so sehen, dann ist der Hass natürlich ihr Gegenteil. Der Hass wünscht ja, dass es dem Gehassten schlecht ergeht oder dass es verschwindet. Der Hass mag nicht nur nicht, der Hass wünscht Übel. Insofern ist er der Liebe Gegenteil.
Zum überschwänglichen Bejahen des Daseins gibt es aber noch ein zweites Gegenteil, und das ist die Gleichgültigkeit. Wenn Dir jemand seine Liebe gesteht, dann kannst Du kaum etwas Schlimmeres sagen, als dass es Dir egal ist.

Die Liebe hat zwei Gegenteile:
Den Hass und das Egalsein.

Dem Teufel aber ist nichts egal. Er stürzt sich, wie jeder Engel, mit seiner ganzen Kraft auf alles, der Engel in die Liebe, der Teufel in den Neid. Die Gleichgültigkeit ist müde, sie stellt nichts an. Der Hass aber, dem der Neid zu fressen gibt, der macht sich auf den Weg, um zu verletzen, um zu schaden und zu kämpfen. Hass aus Neid wird niemals müde, und der Teufel ist vor allem eins: Er ist neidisch, weil andere haben, was er in seiner Starrköpfigkeit nicht bekommen kann, weil er selbst es sich nicht gestattet.

Der Neid zählt in der Ordnung des heiligen Thomas zu den sieben sogenannten kapitalen Sünden. Das bedeutet, er sitzt oben und bekommt Kinder. In der Summe werden sechs mit Namen aufgezählt: Da ist der Hass selbst, die üble Nachrede, das Murren, der Jubel über das Unglück des Nächsten und die Traurigkeit über dessen Glück.
Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Kinder wiederum ausgewachsene Enkel zur Welt bringen, und das lässt die Sache immer schrecklicher werden.
Man wird also jemandem, der nach der Liebe fragt, raten wollen, er solle am besten auf keinen Fall von ihrem Zug herunter springen. Nun sind wir gewohnt, das alles nicht in die letzten Konsequenzen durch zu rechnen. In unserem Leben können wir die Züge irgendwann wieder betreten. Das heißt, wir können uns besinnen und wieder andere Richtungen einschlagen. Wir können wieder gut werden, wenn wir schlechte Laune hatten. Wenn aber stimmt, was wir bisher über die Engel gesagt haben, dann können sie genau das nicht. Sie wollen immer alles mit ihrer ganzen Kraft und ganz und gar. Da ist dann plötzlich kein Raum mehr für Reue oder andere Einsichten. Böse Engel kann man genau so wenig zum Guten überzeugen, wie gute zum Schlechten. Das ist das Drama der Geschichte, und Leute, die Böses wollen, muss man so lange von den Kindern fern halten, wie sie wollen, was sie wollen. Deshalb wird es am Ende wohl zwei Welten geben, eine für die und eine für die.

Quelle:
Sth II-II, 36, 4, arg 3: Praeterea, videtur quod inconvenienter eius filiae assignentur a Gregorio, XXXI Moral., ubi dicit quod de invidia oritur odium, susurratio, detractio, exultatio in adversis proximi et afflictio in prosperis. Exultatio enim in adversis proximi, et afflictio in prosperis, idem videtur esse quod invidia, ut ex praemissis patet. Non ergo ista debent poni ut filiae invidiae.