Was die Liebe tut

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Briefe an meinen Doktor

Wenn die Liebe ein Gefühl ist, dann wohl eins, das sich sehr verschieden anfühlt. Deshalb würde ich mich gern über den bleibenden, gefühlten Kern in in ihr belehren lassen. Bis das geschieht, bleibe ich lieber bei meiner Annahme, nach der die Liebe eher so etwas wie eine entschlossene Haltung genannt werden kann. Vielleicht ist sie auch eine Kraft der Vereinigung, wie Dionysius Areopagita zitiert wird.
Ich merke aber, dass ich mir durch mein Versteifen auf die ontologische Frage selbst ein Bein gestellt habe. Niemand kann sagen, was die Liebe ist. Die Bibel verschiebt das Problem lediglich einen Schritt weiter, wenn im Johannesbrief zu lesen steht, Gott sei Liebe. Es ist, wie wenn wir sagen, Gott sei Reichtum, Macht und Barmherzigkeit. Es erklärt uns Gott ein wenig, nicht aber die Eigenschaften selbst.

Man kann nicht sagen, was die Liebe ist, man muss aber sagen, was sie tut. Damit öffnet sich wieder das Feld ins Unendliche. Wenn wir etwas aus Liebe tun, dann tut das ja wohl auch die Liebe selbst. Romano Gurardini stand in seinem tiefen Denken oft staunend und sprachlos vor der Tatsache, dass der Gott der Himmel sich für die Menschen hingibt. Je länger man darüber nachzudenken sich traut, desto unglaublicher wird es. Die Muslime meiner Umgebung, die sich überhaupt weigern, Gedanken über Gott anzustellen, sagen schlicht, das Opfer aus Liebe sei nicht wahr, ihr Prophet habe das klargestellt. Denen reicht das. Eine Tatsache, mit der ich übrigens mit dem gleichen Staunen stehe, wie Guardini vor der Menschwerdung.

Guardini redete also mit einem Freund darüber und als er das Unglaubliche, das doch zu glauben ist, aussprach, sagte dieser: „Es ist die Liebe, die solches tut.“

Nicht nur hier, im ganz Großen, tut die Liebe Unglaubliches. Auch im Kleinen, auch in unserer täglichen Welt der halben Meter. Die Liebe macht Professoren zu Spielkindern und aus Kindern werden Helden der Tapferkeit. Maria Goretti hat sich ihrem Vergewaltiger nicht aus Prüderie verweigert, sondern aus kindlicher Liebe. Sie wollte ihren Herrn, den sie so lieb hatte, nicht traurig machen. Die Liebe macht wichtig und schenkt allem Bedeutung. Sie lässt einen einzigen, vielleicht ganz kleinen Menschen hören, er sei unter allen sonst, die je lebten und gelebt haben, der einzige und wichtigste.

Die Liebe ist also der große Möglichmacher und das Ende aller Erklärungen. Es lässt sich fragen, warum man lernen muss. Man kann fragen, warum überhaupt Essen und trinken. Warum zum Teufel, man aber lieben soll, ist schon keine Frage mehr. Die Liebe hat keine Zwecke, aber allen Sinn in sich, um noch mal einem Gedanken Guardinis die Ehre zu geben. Man muss also kein Christ sein, um dem heiligen Paulus zuzustimmen: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“

Der Grund des Liebens

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Brief an einen Doktor 1

Der Liebe ist einfach nicht auf den Grund zu kommen. Man kann auch sagen, sie ist unergründlich. Kierkegaard hat sie, wenn ich mich recht erinnere, mit einem Gewässer verglichen, in dessen Tiefen ein Taucher nie die Quelle erreichen kann, weil sie sich mit jedem Meter vermeintlicher Näherung stets weiter von ihm entfernt. Wie wenn ein Grund vor dem Forschenden davon läuft.

Das ist auch meine erste These: Die Liebe verliert sich ins Unendliche, und doch: Sie verliert sich und vor allem uns nie. Sie umgibt uns vielmehr und birgt uns in sich. Sie trägt unser Dasein, sie lässt es uns spüren und so gibt es kein einziges Geschöpf im weiten All, das ihr nicht bis zur totalen Erschöpfung nachliefe.

Ein allzu schneller Blick könnte meinen, was man hat, das braucht man nicht suchen. Dem ist aber nicht so, nicht in diesem Fall. Wir suchen mit Lust und unter Tränen, was wir haben und wollen irgendwie immer mehr davon. Nicht wie ein Forschender, der am Schreibtisch über seinen Formeln nachsinnt. Vielmehr wie ein Hungernder, der das Gefühl einer Sättigung sucht, ohne je ganz satt werden zu wollen.

Sie haben die Gottheit angesprochen. Sie ist der Grund, der die Grundlosigkeit der Liebe ausmacht, denn nur eine Gottheit kann überhaupt und ohne jede Ermüdung wirklich unendlich sein. Wir sollten an dieser Stelle ein wenig aufpassen. Ist von Unendlichkeiten die Rede, dann schleicht sich ein Gefühl von wachsender Oberflächlichkeit ein. Ein Hirte mit nur zwei Schafen kann beiden seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Ein Hirte mit hundert muss seine Kräfte so lange teilen, bis auf jedes seiner Tiere kaum etwas abfällt. Das kann und muss bei der Gottheit anders sein. Ihre Unendlichkeit bedeutet kein Ende in der Betrachtung und Behandlung des einzelnen. Für eine unendliche Mächtigkeit ist es nicht schwerer, mit einem Mal ein ganzes Universum zu schaffen und zu tragen, wie ein einziges, einsames Körnchen. Eine unendliche Macht kennt keine Mühe. Schwitzen tun wir, weil wir an unsere Grenzen kommen. Wer keine Grenzen hat, schwitzt nie. Wir können es auf eine kurze Formel bringen. Die Gottheit kann jeden Herzschlag einzeln genehmigen, und weil sie liebevoll ist, tut sie das auch in einer Haltung, die Zuneigung heißt. Die Liebe ist den Dingen zugeneigt, und sobald wir sie in ihrer Unendlichkeit denken, können wir sagen, sie sagt zu allen Dingen du, und sie sagt, zu allem, was ist, dass es sein soll.

Wenn ein Kind geboren wird; sprechen die entzückten Eltern da nicht in jeder Geste und mit jedem Wort ein „wie schön, dass du da bist“? Bezeugt nicht jedes gute Werk, das sie ihren Kindern angedeihen lassen, diese Freude, allein, dass sie auf der Welt sind? Ist es umgekehrt nicht genau so? Spricht nicht aus dem Lächeln des Kindes, das noch um nichts mit Bewusstsein weiß, ebenso das „wie schön, dass ihr da seid, und wie schön, dass gerade ihr es seid“? Es ist genau das gleiche Wort, das der Schöpfer immerzu zu allem sagt. Die Gottheit, die unmerklich zwar, aber mit ungeteilter Aufmerksamkeit ein jedes Ding im All über dem Nichts im Dasein hält, spricht die Worte leise mit. Aber leise heißt nicht ohne Macht.

Die Freundschaft und die Sonntagspflicht

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Islam und Christentum, 42

Der angesprochene Satz mit der Sehnsucht Jesu nach dem letzten Abendmahl wird oft übersehen, wie wenn man achtlos an der Putzfrau vorbeigeht, die halt immer da ist und immer die Treppe wischt. Man läuft mit seinem Kaffe an ihr vorüber und merkt gar nicht mehr, dass man „guten Morgen“ sagt. Hin und wieder hinschauen, freundlich grüßen oder gar ein Wort mit der Dame sprechen wäre von Wichtigkeit. Sonst läuft man an ihr vorüber und weiß am Ende gar nicht mehr, mit wem man es zu tun hat. Da putzt aber eine Person, und es gibt keine Person auf Erden, die bei Gott nicht den Wert einer Prinzessin hat.
Wir laufen tagtäglich achtlos an den Dingen vorbei, was ja in Ordnung ist. Man kann sich nicht um alles kümmern und nicht bei jedem Blümchen staunend stehen bleiben. Es wäre aber zu dumm, wenn ausgerechnet neben einem bestimmten genau der verwunschene Prinz säße, den man nur kurz küssen bräuchte, damit er einem das ganze Leben verändert.

Was ist, wenn Du jeden Morgen an genau dem Bankautomaten vorüberläufst, in dem genau das Geld für Dich steckt, was Du brauchst, um endlich aus Deinen Schulden heraus zu kommen? Du siehst ihn nicht mehr, weil er sich genau so ins Gewöhnliche einfügt, wie die hundertste von tausend Straßenlampen, die alle gleich aussehen.

Die Sehnsucht Jesu zu übersehen oder gar zu vergessen ist ein folgenreicher Fehler für unser christliches Empfinden. Wir überlesen die Stellen in der Bibel und überhören sie in der Kirche. Damit vergessen wir eine ganze Hälfte dessen, was wir unbedingt wissen und bewusst haben sollten.

Jeder weiß, wenn ein guter Freund im Krankenhaus landet, sollte man ihn besuchen gehen. Die Gründe dafür sind einleuchtend. Er ist unser Freund, und um Freunde kümmert man sich. Schließlich will man ja auch seine Gefährten am eigenen Bett haben, wenn man selbst einmal da liegt. Freundschaft gebietet so etwas.
Es wäre aber gar keine Freundschaft, wenn unter all dem aber nicht noch ein Gefühlsleben als Fundament des ganzen läge. Man muss den Freund nicht nur besuchen, man will doch auch! Man will ihn doch sehen und man will ihm doch nahe sein. Wäre da nicht so ein Wunsch im Herzen, die Freundschaft wäre irgendwie schon zu kühl geworden.

Jetzt kommt das zweite, nämlich die gleiche, spiegelbildliche Sehnsucht des Freundes nach unserer Nähe. Er hat den gleichen Wunsch, dass wir kommen, wie wir ihn haben, ihn zu sehen. Beides erst bildet das Ganze des Verhältnisses. Erst aus der Zweiseitigkeit beider Wünsche entsteht die eine Medaille der einen Freundschaft. Die Alten haben immer gesagt, zur Freundschaft gehört eine gewisse Gleichheit. Beide müssen auf gleicher Höhe stehen, damit beide gleich die Nähe des anderen wünschen können. Steht einer von beiden zu hoch, dass er das nicht nötig hätte, dann wäre eine wirkliche Freundschaft nicht möglich. Es braucht beides, und wenn wir die Sehnsucht Jesu ausblenden, dann übersehen wir eine ganze Seite der Medaille. Jesus sagt schließlich: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde habe ich euch genannt.“ Damit liegt das gesamte Gewicht seinerseits in der Waagschale.

Ich habe noch vor ein paar Tagen mit Katholiken über die sogenannte Sonntagspflicht gesprochen. Du musst wissen, wir Katholiken haben ein ein Gebot, das uns ans Herz legt, einmal die Woche für eine Stunde in die Kirche zu gehen, um dort an der heiligen Messe teilzunehmen. Dort geschieht unserem Glauben nach genau das selbe, wie beim Abendmahl vor zweitausend Jahren. Damals verwandelte Jesus etwas Brot und etwas Wein in seinen Leib und sein Blut, dass die Jünger auf ganz neue und geheimnisvolle Weise an ihm teilhaben sollten. Sie begriffen damals noch gar nicht. Man braucht Jahre, um sich da hinein zu leben und langsam zu begreifen. Aber Jesus wusste schon, was er wollte. Er wusste genau, was alles bedeutete und hatte genug Wissen, um das Sehnen eines Freundes haben zu können.
Wenn wir heute Messe feiern, dann geschieht genau das gleiche. Wieder gibt es etwas Brot und Wein, wieder gibt es einen Priester. Wieder ist es Gott, der die Gaben für uns verwandelt und wieder haben die Christen die Möglichkeit, sich mit ihm zu vereinen. Gott hat es so eingerichtet und sein Sohn hat auch zweitausend Jahre später wieder diesen gleichen Wunsch, dass seine Kinder zu ihm kommen. Wenn wir bei der Sonntagspflicht vergessen, dass da jemand wirklich von Herzen auf uns wartet, dann haben wir nur eine Hälfte verstanden und die andere glatt übersehen. Wir gehen nicht nur, weil wir sollen, wir gehen auch, weil ein Herz auf uns wartet.

Die Liebe und ihr Gegenteil

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Jede Freundschaft ist frei und es gibt keine, die nicht frei ist. Das bedeutet allerdings auch, dass jede Freundschaft immer ein bisschen gefährdet ist, eben wegen der Freiheit. Das ist alles ein bisschen komisch. Auf der einen Seite haben wir eine Sehnsucht nach Sicherheit, danach, dass uns das Schöne nicht genommen wird. Auf der anderen Seite verlangen wir, dass gerade das, was uns wichtig ist, diese Gefährdung hat. Jeder Mensch will einen Freund haben. Wenn Du ihm aber anbietest, einen zu bekommen, der zu dieser Freundschaft nicht mehr ja und nein sagen kann, dann wird er dankend ablehnen. Es wäre nämlich keine Freundschaft.

Es gibt Psychopaten, die sperren einen geliebten Menschen in den Keller. Wenn der einmal darin hockt, kann er nicht mehr raus. Der Entführer hat sein Opfer zwar immer in seiner Nähe, aber wer möchte ein solches Verhältnis Freundschaft nennen? Die beginnt doch erst da, wo beide freien Willens und gern beieinander sind. Wir verlangen nach Freunden. Wir verlangen aber auch nach Freiheit und Wahrhaftigkeit, vielleicht sogar als erstes. Eigentlich beginnt eine Freundschaft erst wirklich, eine zu sein, wo man nicht mehr dauernd Angst haben muss, dass sie einem genommen wird. Freundschaft beginnt erst wirklich dort, wo man einen Freund hat, auf den Verlass ist. Auf der anderen Seite möchten wir nicht, dass die Freiheit verloren geht. Der Zauber liegt darin, dass einer gehen kann, aber nicht will.

Das alles bedeutet, dass die Liebe in der Freiheit gefährdet ist, und in jeder Liebe gibt es ein paar Dinge, die ihr schaden und ein paar Dinge, die sie sofort beenden. Wenn sich zwei Eheleute lieben, dann ist es blöd, aber nicht so schlimm, wenn einer von beiden eine Laune hat. Launen nerven, sie zerstören aber nicht.
Dann gibt es ein paar Dinge, die würden alles mit einem Schlag beenden und nachher könnte es nie wieder so werden, wie es vorher war. Die wohl gravierndste Sache hat die Zerstörung sogar im Namen, sie heißt in der klassischen Sprache Ehebruch, weil sie mit einem schlag die Ehe zerbricht, und was einmal zerbrochen ist, das wird seine Risse behalten, auch wenn man es flickt. Manchmal ist, was man macht ganz leicht und die Folgen sind ganz schwer. Wir wollen das nicht immer wahr haben, es ist aber so und wir müssen da gar nicht peinlich drum herum reden. Es ist nicht viel dabei, mit einem anderen Menschen in die Kiste zu steigen. Aber manchmal ist es glatt unmöglich wieder gut zu machen, was damit einmal zersprungen ist.

Ich würde an dieser Stelle gern kurz einen Gedanken einschieben, der selten wirklich durchdacht wird, nämlich: Leben ist nicht gleich leben. Man sagt von einem Leben, das keine Freude mehr macht, das sei doch gar keins. Genau genommen ist es natürlich leben, weil es ja lebt. Aber Leben im Vollsinn, dazu gehört eine gewisse Qualität, Lebensqualität eben. Das bedeutet in etwas krassen Worten, es gibt auch ein Leben, das irgendwie tot ist. Ein totes Leben lebt weiter, und wir wünschen ihm, dass es wieder zu leben beginnt.

Wenn ein Leben wirklich endet, dann ist es zu Ende. Wenn es wieder zu leben begänne, dann wäre das nicht das alte Leben, sondern irgendwie ein ganz neues. Ähnlich, wie ein Traum zu Ende geht, den man nicht weiter träumen kann. Fangen wir wieder das Träumen an, dann beginnen ganz neue Träume, selbst wenn sie in den gleichen Geschichten landen. Weil das alles so ist, deshalb ist unsere Liebe und unser Leben so kostbar. Die Sprache meiner Religion hat für diese Umstände ein eigenes Wort, nämlich das der Heiligkeit. Das Leben ist heilig und die Liebe ist heilig. Beides kommt aus der Quelle der Heiligkeit und beides möchte wieder zu seiner Quelle zurück und irgendwie immer mit ihr vereint sein, weil die Quelle irgendwie alles ist.

Die Gegenbewegung zum Leben und zur Liebe nennt sich landläufig Hass. Hass heißt eigentlich nur, dass man von etwas will, dass es vergeht. Deshalb kann auch die Liebe hassen, nämlich den Hass. Die Liebe möchte nicht, dass der Hass sie kaputt macht, und deshalb heißt es schon mal, dass die Liebe den Hass hasst. Das alles hört sich wie Wortspiele an, aber hinter ihnen stehen Umstände, die es wirklich gibt. Wenn man also eine Liebe hat, dann verlangt diese immer auch danach, beschützt und behütet zu werden. Die Liebe will gepflegt sein und in dieser Pflege zu ihrem eigenen Leben und Wachstum kommen. Um es in den Worten der Schule zu sagen, aus der wir das alles haben: Die Liebe versucht die Sünde zu meiden, denn die schadet ihr. Damit wären wir auch schon beim Thema.