Klug sein und die Gabe des Rates

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Eine Katechese zur Firmung

Die sogenannte „Gabe des Rates“ müssen wir kurz um die Ecke besprechen. Das heißt, wir müssen erst eine andere Angelegenheit beleuchten, um dann auf die eigentliche Gabe zu kommen. Diese andere Sache heißt Klugheit. Unser Lehrer Thomas sagt nämlich, die Gabe des Rates entspreche der Klugheit, bzw. sie liege mit ihr auf einer Linie, und was mit Klugheit gemeint ist, das sollten wir uns in einem kleinen Schlenker anschauen.

Wenn von einem klugen Kind die Rede ist, weiß jeder, was gemeint ist: Ein Kind, das gut lernen kann und in seinem Leben gut über die Runden kommt. Eine kluge Antwort ist schnell und gut durchdacht, ein kluger Einwand ist gewitzt und passend.
Das ist sicher alles richtig, es ist aber keine Definition von Klugheit dabei, sondern eher nur Beispiele. 
Wenn ich in der Schule gefragt hätte, was klug heißt, dann hätten die Schüler so ziemlich alle mit: „Klug ist, wenn zum Beispiel jemand…“ und dann hätten sie sicher richtige Situationen aufgezählt. Schüler definieren ihre Sachen aber nicht, sie fangen gleich mit Beispielen an. In einer Definition aber geht den Beispielen immer ein Satz voraus, der die Sache – ohne Beispiele – umreißt. Die Beispiele kommen dann erst.

Ich versuche eine Definition der Klugheit. Klug ist jemand, der im praktischen Leben immer gleich weiß was Sache ist und was man am besten tut. Dann kommen Beispiele. Klug ist ein Schüler, der am Pfeifen auf dem Gang seinen Lehrer erkennt und der gleich weiß, es ist besser, sich zu setzen und lernbegierig drein zu schauen. Klug ist ein Lehrer, der seinen Schülern nicht zu viel und nicht zu wenig Hausaufgaben aufgibt. Klug ist ein Fußgänger, der erkennt und erfasst, wann es ratsam ist oder nicht, die Straße zu überqueren. Die Klugheit ist eine praktische Fähigkeit der Erkenntnis. Somit ist sie die Voraussetzung für viele andere Fähigkeiten, denn wer nicht gut erkennen kann, was Sache ist, der wird mit vielen Dingen seine Schwierigkeiten haben.

Wenn wir nun zur Gabe des Rates gehen, dann können wir, etwas lapidar sagen, die Gabe des Rates bedeutet, dass uns der Heilige Geist schon mal selber sagt, was klug ist, und zwar, wenn wir selber nicht hätten drauf kommen können.
Eins will die Gabe des Rates sicher nicht. Sie will uns nicht die Notwendigkeit nehmen, selber klug zu sein im Leben. Was die ganz normale Klugheit im Alltag angeht, müssen wir schon noch selber sehen und uns selber mühen. Es kann aber sein, dass wir im Hinblick auf den Lieben Gott nicht wissen können, was wirklich klug ist.

Stellen wir uns ein Schachspiel vor. Da macht jemand einen Zug und ahnt, was sein Gegner daraufhin tun wird. Gute Schachspieler können einen Zug weiter denken und im Voraus ahnen. Sie können ihren Gegner so in Fallen locken und überlisten. Richtig gute Schachspieler können noch einen Zug mehr voraus planen, ich weiß nicht, wie weit das geht. Das ganze Spiel aber hat niemand im Kopf, Gott aber hat diese Fähigkeiten. Wenn wir ihn, also Gott, fragen, dann erkundigen wir uns immer bei einem, der die ganzen Spiele im Kopf hat und uns sagen könnte, was im Hinblick auf die letzten Züge oder überhaupt aufs Ganze gesehen, wirklich das Klügere sei. Die Gabe des Rates in der Firmung will also meinen, dass der Schöpfer Lust und beschlossen hat, uns hier und da schon mal viel klüger zu beraten, als wir selbst, das Leben und die Welt es könnte.

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Engel sind Draufgänger

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Der Mensch ist ein faules Wesen. Das meine ich jetzt überhaupt nicht abwertend, im Gegenteil. Die Faulheit steht nur an den Arbeitsplätzen im schlechten Ansehen. Überall, wo es darauf ankommt, möglichst durch Leistung zu glänzen, hat der, der nicht viel zustande bringt den Ruf eines Faulpelzes oder Nichtkönners, was nicht weniger unangenehm ist. Überall aber, wo Leistung nicht interessiert, ist es schick, faul zu sein oder wenigstens faul sein zu können. An den feinen Hotels der reichen Leute wird gerade der am meisten bewundert, der am faulsten herumliegt, weil er sich von Leuten, die das nicht können, bedienen lassen kann.

Ein Blick in die Welt scheint uns zu zeigen, dass die Faulheit auch in der Natur eher eine Tugend, denn ein Laster ist. Gute Pferde springen nicht höher, als sie müssen, und der Löwe läuft nur hinter der Gazelle her, wenn er Hunger hat. Er liegt sicher viel lieber gesättigt im Schatten der Savanne als dass er in der Hitze seine Kalorien verbrennt. Ich mache übrigens auch lieber Ferien, als dass ich tagaus tagein hinter den ständig knappen Kohlen herlaufe.
Faulheit ist nichts Schlechtes, wenn man sie sich leisten kann, deshalb kann ich mir vorstellen, dass man im Himmel wohl den Rasen mähen kann, aber nicht muss.  Letzteres würde nicht passen, arbeiten müssen ist eine Folge des allgemeinen Mangels, und wo Überfluss herrscht, ist auch das überflüssig.

Es gibt noch ein größeres Feld, auf dem die Faulheit fehl am Platze ist, nämlich überall da, wo man sich nicht gehen lassen sollte. Wie ich hörte, gibt es Hunde, die sich beim Futtern gehen lassen, und solche, die nur so viel fressen, wie ihnen gut tut. Denjenigen, die sich gehen lassen, sollte man vermutlich nur so viel geben, wie gut für sie ist. Wer sich zurückhalten kann, dem braucht man nichts zuteilen, weil er das selber macht.
Leider verstehen wir unter sexueller Aufklärung offenbar nur eine Erklärung, wie man Kinder macht und wie man sie verhütet. Kaum einer bedenkt, dass sexuelle Aufklärung vor allem eine Schule der Klugheit sein sollte. Kluge Vögel bauen Nester, bevor sie Eier legen. Gerade die Sexualität ist ein Feld der menschlichen Befindlichkeit, auf dem eher kurzweilige Dinge für das ganze Dasein bedenkenswerte Folgen haben können. Das gilt für die Frage, wie man sich selber im Spiegel ansehen kann, und das gilt für die ganze Chemie des Zusammenlebens. Die Sexualität birgt das tiefste Geheimnis des Menschen, sie berührt auf mysteriöse Weise viel tiefer unsere Seelenschichten als alles andere, was wir mit dem Körper anstellen können. Auf keinem anderen Feld der Welt kann man sich größere Wertschätzung entgegenbringen und tieferes Leid verursachen. Was am empfindlichsten ist, das bedarf am meisten des Schutzes, deshalb sollte man vor das Tor der Sexualität als Wächter die schöne Tugend der Klugheit stellen. Was die allgemeine Schönheit des Menschen angeht, hat das sich gehen lassen also seine Grenze, und schön meint jetzt viel weniger schlank und reich, sondern einen Glanz, die vom inneren Adel her kommt.

Ich bin auf das alles gekommen, weil ich auf einen Satz gestoßen bin, der sagt, die Engel hätten keine Werkzeuge, sich in irgendwas zurück zu halten. Das heißt, worauf immer sie sich richten, darauf stürzen sie sich mit ihrem gesamten Engelsein. In ihnen ist nichts, das sie aus Gründen der Vorsicht oder sonst der Klugheit bremsen müsste. Das liegt an ihrer Einfachheit. Engel sind nicht kompliziert, wie wir, die wir in einer komplizierten Welt leben. Sofern Engel denken, tun sie das nicht durch einen komplizierten Apparat, wie wir, die abwägen, vergleichen und Schlüsse ziehen müssen, um klar zu sehen. Engel sehen und sie sehen gleich alles ganz, was sie sehen. Da braucht es das Hin und Her der menschlichen Welt nicht. Wenn Engel lieben, dann lieben sie ganz und gar, wenn sie hassen, dann hassen sie ganz und gar. Das letztere, das kann ihnen zum Problem werden, aus dem sie nicht mehr heraus steigen. Wer ganz und gar liebt, der hasst nicht. Das ist gut und das große Ziel. Wer aber ganz und gar hasst, in dem regt sich auch nicht mehr die kleine Glut der Liebe. Das beschreibt das Geheimnis, warum die Hölle der Engel einen Ausgang hat, der weit aufsteht, durch den aber niemals jemand heraus marschiert – weil er überhaupt nicht will.

Quelle:
Sth I, 63, 8, ad 3: „Ad tertium dicendum quod, sicut supra dictum est, Angelus non habet aliquid retardans, sed secundum suam totam virtutem movetur in illud ad quod movetur, sive in bonum sive in malum. – „Zum dritten ist zu sagen, dass der Engel nichts hat, was ihn zurückhält. Vielmehr bewegt er sich mit seiner ganzen Kraft zu dem, was ihn bewegt, sowohl zm Guten, wie zum Schlechten,“