Das Problem unserer Kirchen

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ich mag Widerspruch. Das heißt nicht immer. Wenn ich bei meiner Arbeit in der Schule einem Schüler sage, er soll jetzt endlich seine Aufgabe erledigen, dann mag ich sehr oft keinen, wie Du sicher noch weißt. Aber wenn ich hier meinem Hobby nachgehe, über religiöse Dinge nachdenke, schreibe und versuche, den heiligen Thomas zu verstehen und zu erläutern, dann ist mir der Widerspruch sehr willkommen.

Wer Romane schreibt, der sitzt erst einmal alleine da. Er schreibt seine Geschichte, legt sie vor und gibt sie zur Besprechung frei. Wer aber im Internet Behauptungen aufstellt, um sie später in einem Buch zusammen zu stellen, der sollte seine Fenster öffnen. Er bekommt dann nämlich den Gegenwind gleich ins Haus gepustet, und das ist gut so, würde ich meinen. Es hält dann zwar schon mal etwas auf und macht das Werk am Ende vielleicht etwas dicker. Man hat aber über manche Kritik, mit der später ohnehin zu rechnen ist, schon mal nachgedacht und das Werk nicht ganz allein geschrieben.

Außerdem können wir hier prima den heiligen Thomas zitieren. Als er Professor wurde, gab es heftigen Gegenwind, den man gleich mal als einen heftigen Sturm bezeichnen konnte. Es ging eigentlich weniger gegen ihn persönlich. Es ging gegen den Orden, dem er beigetreten war, oder besser gesagt, gegen die Bewegung, die sein Orden mit ausgelöst hatte. Damals waren die beiden großen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner in der Kirche aufgestanden, und wir können uns heute kaum ausmalen, was für ein Sturm damals durch die Kirche wehte. Die Bettelbrüder waren nämlich wirklich noch Bettelbrüder. Eine ganz neue Lebensform, die eine ganze Generation junger Leute in ihren Bann gezogen hatte, machte sich in der Kirche und in der ganzen Gesellschaft breit. Und wie das immer ist, wenn junge Bewegungen die Gesellschaft bewegen, empfinden die etablierten Alten sie als Landplage. Der Papst hatte sie zum Entsetzen der Konservativen anerkannt und gestützt. Man konnte die Bewegung also nicht mehr stoppen, bevor sie Eier legte. Jetzt drängten die Bettelmönche an die Universitäten und besetzten die Posten der Professoren. Ganz klar, dass die Alteingesessenen sich mit Händen und Füßen wehrten. Unter Polizeischutz mussten die Vorlesungen der Neuen gehalten werden, und Thomas, einer von ihnen, griff zur Feder. Er verfasste zwei herrliche kleine Werke, die seinen Weg als Bettelmönch und Professor auf eine Weise verteidigten, der wieder mal schwer zu widersprechen war. „Eisen schleift sich am Eisen“, zitiert er seine Bibel, und wer gegen seinen Standpunkt etwas zu sagen habe, der sei ihm herzlich willkommen. Das ist die Haltung eines selbstbewussten Mannes, der zu streiten weiß und nur darauf wartet, herausgefordert zu werden. Dieses Selbstbewusstsein habe ich nun nicht, wenn ich schreibe, ich verschanze mich lieber hinter den breiten Schultern des dicken Bettelbruders. Das mit dem Eisen aber bleibt so ewig gültig, wie es in der Bibel steht. Deshalb müssen wir kurz über einen Satz nachdenken, den unser Freund in seinem Einwand gepostet hat:

„Und das hat der Schöpfer in Kauf genommen für – ja für was eigentlich?“

Mit „das“ ist „das ganze Theater“ mit der Erbsünde, dem langen Elend auf Erden und der Erlösung in Christus gemeint, die schon mal wie eine überfällige Vertröstung ausschaut. Warum das ganze Theater? So viel Leid geschieht, so viel unerklärliches Elend, das der Herr sich in offenkundiger Seelenruhe ansieht, ohne einzugreifen. Das „am Ende wird alles gut“ des heiligen Thomas wird blass und blasser in unseren Kirchen. Gute Teile von ihnen verlegen sich schon überhaupt nicht mehr auf das Verkünden ewiger Freuden, sondern eher darauf, dass Christus uns helfe, unser jetziges Leben und die Probleme der Welt in den Griff zu bekommen. Auf unseren deutschen Versammlungen streiten wir schon lange nicht mehr über die Frage, wie wir die alte Botschaft in die neue Sprache kleiden, sondern vielmehr, wie die neue Botschaft von der irdischen Lebenshilfe auszusehen hat. Das war zur Zeit des mittelalterlichen Thomas noch ganz anders. Er verteidigt mit großem Elan das beschauliche Leben der christlichen Meditation, aus deren Freude an Gottes Himmel heraus unbedingt gepredigt und gelehrt werden müsse. Heute scheint es bei den christlichen Profis keine Freude auf den Himmel mehr zu geben und keine heilige Spannung auf ihn hin, die die Alten zu Jugendlichen machen würde. Deshalb würde ich im Blick auf den, wie gesagt, mittelalterlichen Thomas gern über zwei Versuchungen sprechen, denen wir gern erliegen und die unsere Botschaft so blass werden lassen: Dem Denken in Quantität anstelle von Qualität und dem Vergessen der Herrlichkeit des Herrlichen. Also dann, machen wir uns ans Werk, meine Liebe…

Quelle:
De perf. spir. vit. 26, Schluss: „Si quidam vero contra haec rescribere voluerint, mihi acceptissimum erit. Nullo enim modo melius quam contradicentibus resistendo, aperitur veritas et falsitas confutatur, secundum illud Salomonis: ferrum ferro acuitur, et homo exacuit faciem amici sui.“

– „Wenn jemand gegen das hier Gesagte anschreiben will, sei er mir herzlich willkommen. Wahrheit und Irrtum werden nämlich nirgends besser offenbar als im Widerstand gegen Einsprüche, gemäß den Sprüchen Salomos (Spr 27,17): Eisen wird am Eisen geschliffen; so schleift einer den Charakter des andern.“

Die Kirche ist kein Bauernhof

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Als Papst Benedikt sich anschickte, unser Land zu besuchen und eine Rede im Bundestag zu halten, gab es die in Deutschland pflichtgemäße Auseinandersetzung. Meiner lieben Gewohnheit folgend beobachtete ich die Diskussionen aus sicherem Abstand. Als aber der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche sagte, es sei doch bedenklich, wenn die katholische Kirche als Staat auftrete, platzte mir der Kragen. Ich schrieb sogleich einen längeren Artikel zur Frage von Trennung von Religion und Staat. Der war aber zugegebenermaßen etwas böse. Deshalb bin ich heute eigentlich ganz froh, dass ich ihn für mich behielt. Der Kerngedanke lautete: Wenn die Kirche einen Staat hat, dann bedeutet das doch nicht, dass sie einer ist. Mein Vater wurde auch kein Auto, als er sich eins kaufte. Weil die Kirche einen Bauernhof in den Albaner Bergen unterhält, ohne dadurch selbst einer zu werden, deshalb trug der Artikel obigen Namen, den mein heutiger, der weit weniger zornig ist, im Gedenken an das geschilderte Ereignis übernommen hat.

Die Trennung von Religion und Staat ist sehr bedeutsam. Wenn sie von den Wurzeln her diskutiert wird, dann kann man sicher sein, dass Johannes achtzehn zu Wort kommt. Jesus steht dort vor Pilatus und sagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Es ist wohl sehr richtig, diese Passage zu zitieren, doch fällt auf, dass in aller Regel nur die eine Hälfte dabei bedacht wird. Wir unterschlagen gern, dass das, was da nicht von dieser Welt ist, wirklich ein Reich, und zwar das eines Königs ist. Christus führt gerade da, wo er geschunden von dem Statthalter steht, seinen Königstitel im Munde. Es ist also nicht nur die Trennung der Religion vom Staat von Bedeutung, sondern ebenso das Königtum seiner Majestät. Etwas salopp gesagt, könnte die Trennung von Staat für den modernen Katholiken bedeuten, dass er in aller Ruhe sowohl ein Demokrat, als auch ein Monarchist sein kann. Genau damit aber hat er ein Problem. der moderne Christ, weil er nicht gewohnt ist, seinen Glauben zu bedenken.
Das Christkönigsfest ist noch jung. Es wurde 1925 ausgerufen, in einer Zeit, da in Europa die Königshäuser gefallen waren. Nur die Höfe sind geblieben, deren Könige alles Mögliche haben dürfen, außer königliche Macht.
Man könnte jetzt vermuten, die Ausrufung des hohen Festes sei als kleiner Trost gemeint gewesen, für die vielen Monarchisten, die ihren Höfen nachtrauerten. Das ist heute anders. Heute trauert niemand mehr den Königen und Kaisern nach, die noch etwas zu sagen hatten, und weil das so ist, scheint auch kaum einer mehr Wert auf das Christkönigsfest zu legen.
Diese Parallele aber ist nicht rechtens. Es besteht nämlich ein großer und nie bedachter Unterschied zwischen den Königen der Welt und dem des Himmels. An den Höfen der Welt gibt es die Königsfamilie, den Adelsstand und das Volk. Am Hof des Himmels gibt es nur die Familie. In den Königreichen auf Erden wird man als Untertan geboren, in der Taufe werden wir gesalbt und in den Stand von Prinzen und Prinzessinnen erhoben. Das ist schon ein Unterschied, und die Kirche in Rom wird immer dann gründlich missverstanden, wenn aus dem Blick gerät, was sie auf Erden alles zu tun hat. Sie hat nämlich die Aufgabe, die Lehre zu bewahren, die Sakramente zu verwalten und, so weit ihr das im vernünftigen Rahmen möglich ist, ein irdisches Abbild für den himmlischen Hof darzustellen.
Es wird schon seine Richrtigkeit haben, die Diener des Altares könnten hier und da wohl etwas bescheidener daher kommen. Aber wenn sie ihre liturgischen Kleider anlegen, dann kleiden sie sich in Königsgewänder. Sie mögen zum Bäcker schlendern und zum Bus laufen, in der Kirche aber sollten sie schreiten. Wenn die Ministranten vor der Messe in den Kirchenraum blicken, dann sehen sie Herrn Schmitz und Frau Schulte. Aber wenn sie im Gottesdienst die Gemeinde beweihräuchern, dann verneigen sie sich vor einem königlichen Geschlecht. Die Kirche ist kein Bauernhof, sie ist auch kein Staat. Sie ist aber der Hof des dreifaltigen, milden Weltenherrschers, und wenn sie betet, dann klinkt sie sich ein in das Lob der Engel, die den König umstehen.

Die Kirche in einer banalen Welt

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Gestern gab es sie wieder, diese eigentümliche Begegnung mit der Beiläufigkeit: Es fragte jemand, woran ich denn schreibe, ohne eigentlich wissen zu wollen, ob ich überhaupt etwas mache. Das ist wie mit den Damen der österreichischen Gesellschaft. Wenn sie eine schmackhafte Torte verzehren, wollen sie unbedingt das Rezept haben. Dabei betonen sie das „unbedingt“ mit dieser ganz eigenen Inbrunst, die man nur in Österreich in ein Wort legen kann. Aber wenn man das Rezept mühevoll aufgetrieben, vervielfältigt und herbei getragen hat, dann erinnern sie sich nicht einmal mehr daran, dass sie Kuchen gegessen haben.
Ich wusste das gestern, man bekommt ein Auge dafür. Deshalb erlaubte ich mir eine kleine Unverschämtheit, von der ich wusste, sie verfliegt wieder, mit dem kompletten Gespräch sozusagen: „Was ich schreibe, wird Sie nicht interessieren. Es ist nur die wichtigste Sache der Welt.“ Damit meinte ich in der Tat die Kirche, oder wenn man genauer fragen würde, die grundsätzliche Zugehörigkeit zu ihr.
Wie gesagt, das Gespräch war eigentlich gar keins, weil es verging, ohne etwas zu berühren. Eine Medizin, die niemand nimmt ist irgendwie auch keine Medizin.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Beiläufige Gespräche gehören zur Menschenwelt und das hat schon seine Richtigkeit. Die Welt ist Gott sei Dank ja kein Kloster (auch wenn der Taliban aller Orten sie in eins verwandeln wollen). Allein die Mönche verzichten auf jede Beiläufigkeit. Sie reden nicht, wo nicht geredet werden muss und sie halten sich nicht mit unnötigen Dingen auf. Damit sind ihre Klöster Orte von größter Wichtigkeit und wie ein Licht in der Welt. Sie beleuchten nämlich das Wesentliche und für die Kinder der Alltäglichkeit die banale Tatsache, dass es überhaupt etwas wirklich Wichtiges gibt.
Wenn wir den Spruch vom Licht in der Welt ernst nehmen, dann hat das schon seine Richtigkeit, wenn nicht die ganze Welt im Licht ertrinkt, sondern immer noch von der Art bleibt, dass man sie beleuchten kann.
Jesu wird in seinem Spruch vom „Salz der Erde“ nicht bedauert haben, dass nicht die ganze Welt im Salz erstarrt. Die Würze lebt davon, dass die Speise eine Speise bleibt und dass nicht zu viel Würze in ihr verarbeitet wird, schon gar nicht, dass sie sich in Salz verwandle.
So ist das auch mit der Kirche. Sie ist von größter Bedeutung und von geradezu absoluter Wichtigkeit. Sie steht in der Welt und bezeugt die banale Tatsache, dass nicht alles banal ist. Oder anders gesagt, sie legt Zeugnis davon ab, dass der Mensch seine Vollkommenheit nicht schon erreicht hat, wenn er sich nicht prügelt, die Tiere leben lässt und mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt.
Die Kirche hat aber eine Außen- und eine Innenseite. Das haben wir schon angedeutet und es ist wichtig, darum zu wissen. Sie steht mit ihrer äußerlichen Gewandung mitten in der Welt voller Beiläufigkeiten. Oft fällt sie kaum auf, ihre Diener bedienen als Söhne und Töchter ihrer Zeit schließlich auch beiläufige Dinge. Ihr eigentümliches Tun allerdings, das ist alles andere als beiläufig! Man kann in ihr geistigerweise im Nu vom Tod zum Leben gelangen. Das hat sie jedenfalls immer gesagt, ihr Herr sagte schließlich das selbe.
Ein Dorfdoktor verteilt Hustenmittel, er schreibt die Kranken krank und die Faulpelze ebenso. Er mildert die üblichen, beiläufigen Krankheiten und begleitet das Leben seiner Patienten. Aber wird mal einer von einem tödlichen Insekt gebissen, dann hat er auch dazu das lebensrettende Serum. Insofern man also ihren Glauben teilt, dass man geistigerweise nicht nur leben, sondern auch irgendwie ableben kann, sollte man sie nicht als nur beiläufig ansehen, sondern der Außenseite auch die innere glauben.

 

Die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit, Fortsetzung

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Die Liebe ist übrigens immer von der Art, dass man sie sich nicht ausreden lassen sollte. Das war schon im Paradies so, und es lag gerade darin die Katastrophe der beiden ersten Sünder in der Bibel. Ich habe den Baum im Paradies lange nicht verstanden. Ich hatte allen Ernstes meine liebe Not damit und niemand konnte mir eine beruhigende Antwort auf meine Frage geben. Musste ein Gott, der seinen Kindern einen Baum mit schmackhaften, verbotenen Früchten vor die Nase stellt, nicht grausam sein? Das musste doch schief gehen!
Bei uns herrschte in der Fastenzeit vor Ostern der Brauch, in der Küche Süßigkeiten zu sammeln. Jeder hatte auf einem unerreichbar hohen Schrank ein bauchiges Glas, in dem er über sechs Wochen die Leckereien sammelte, um am Karsamstag in kürzester Zeit über sie her zu fallen. Wenn Gott den beiden im Paradies für immer den Baum vor die Nase stellte, dann hatte er für immer eine Fastenzeit eingerichtet, ohne Ostern! Das erkläre mal einer einem Kind. Niemand konnte das, bis mir der heilige Thomas sein Compendium der Theologie vorlegte. Da steht in größter Schlichtheit, der Baum habe da gestanden, damit die Menschen etwas tun, bzw. etwas lassen konnten, nur weil Gott es gesagt hatte. Das war endlich die ersehnte Antwort und es drängten ebenfalls wieder jede Menge Bilder aus der Kindheit in den Zeugenstand.

Wir hatten hinter dem Garten unseres Hauses einen Strauch mit leuchtend roten Früchten, die ebenfalls schön anzusehen waren.  Die Eltern hatten aber gesagt, wir würden krank, wenn wir die äßen. Das haben wir tunlichst gelassen, und wenn ich mich erinnere, dann mit einer Freude, die ich im Nachhinein wirklich eine Freude im Gehorsam nenne. Wir verlangten keine weitere Erklärung, und ich vermute, unsere Eltern hätten auch keine ausführliche geben können. Es reichte, wenn sie das gesagt hatten, und es war eine Freude, an den Früchten vorbei zu gehen und neben dem Busch zu spielen, ohne sie anzurühren.
Adam und Eva brauchten nur bleiben wie die Kinder und hatten vor allem diese Pflicht, sich die Liebe und das Vertrauen zu ihrem Vater nicht ausreden zu lassen. Das Verbot war nicht schwer zu halten, nicht jedenfalls in jenem kindlichen Vertrauen, das die Liebe auch von Erwachsenen zu allen Zeiten fordert.

Wenn ich über die Neigung zur Kirche nachdenke, dann würde ich meinen, sie steht dem Katholiken gut zu Gesicht. Ich glaube wohl aber auch, dass er sie sich nicht ausreden lassen sollte, und paradoxer Weise am wenigsten von der Kirche selbst.
Der heilige Bellarmin hatte seinerzeit gesagt, die katholische Kirche sei so konkret wie das französische Königreich und die Republik Venedig. Das war zu Zeiten der Glaubenskämpfe zwischen katholischen und evangelischen Lagern. Es war zugleich ein deutliches Wort gegen die Auffassung, die Kirche habe vor allem eine rein geistige Angelegenheit zu sein. Sein Statement bringt Gottes Vorliebe für das Konkrete auf den Punkt, und die ist zugleich der Stein, den die Bauleute gern verwerfen würden.
Gott hätte die Welt ohne Probleme unter Verzicht auf die Menschwerdung loskaufen können, die Mittel dazu hatte er. Er hätte aus der Erlösung auch eine rein geistige Angelegenheit machen  können. Auch das tat er nicht. Er beschloss vielmehr, ein Mensch zu werden und unterzog sich dadurch sogleich der Wahl des Geschlechts. Er entschied sich ein Junge zu werden, und damit dürfte er sich bei allen, für die Gerechtigkeit Gleichbehandlung bedeutet, schon nicht gerade beliebt gemacht haben.
Es ist immer das Konkrete, das Probleme macht, weil man sich nur daran reiben kann. Gegen eine Gottheit die hübsch im Himmel bleibt, hat niemand etwas einzuwenden. Aber hinter der Vorliebe, konkret zu handeln, könnte man fast eine Neigung erahnen, sich bei seinen Feinden endgültig unbeliebt zu machen. Der Schöpfer treibt es jedenfalls mit seiner Vorgehensweise dauernd auf die Spitze. Er hat sich nicht beliebt gemacht, als er sich persönlich bei seinem Volk hat sehen lassen. Er hat seine Jünger auf die Glaubensprobe gestellt, so sehr, dass ein Petrus durchfiel. So braucht sich ein Katholik nicht wundern, wenn auch sein mittelmäßiges und halbherziges Glauben seine Anfechtungen vorgesetzt bekommt.

Die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit, Anfang

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Irgendwann muss ich wohl einmal geäußert haben, ich würde der Kirche vertrauen wie einer Freundin. Ich weiß jetzt nicht, ob ich das schrieb oder sagte, stimmen tut es allemal. Ein besonders liebenswerter meiner Leser wandte ein, er könne das nicht. Die Kirche sei eigentlich immer in einem Zustand, der es ihm nicht erlaube, eine solche Haltung einzunehmen. Ich teile seine Einschätzung und erhebe nicht den geringsten Einspruch. Die Kirche macht häufig alles andere als einen sonderlich glaubwürdigen Eindruck, schon gar nicht den einer Freundin, der man in die Arme laufen will. Das hindert mich aber nicht, ihr in der oben skizzierten Haltung meinen Glauben zu schenken. Ich tue das nämlich nicht wegen ihres Aussehens. Ich tue das, weil ein anderer mich darum bittet. Dieser andere ist wahrhaft mein guter Freund, wobei ich gleich sagen muss, dass ich ihm umgekehrt längst nicht so ein guter bin.
Ein Gedanke dazu. Im Evangelium gibt es eine Situationen, in der Gott Vater vom Himmel her seine Stimme ertönen lässt. Beide male zeigt die Szene auf Christus, und die Stimme sagt: „Das ist mein Sohn, den ich lieb habe. Auf ihn sollt ihr hören.“ Man kann hier aus zwei Gründen auf Christus hören, einmal wegen seiner selbst, und ein anderes mal, weil der Vater darum bittet. Es kann also sein, dass man auf Christus hört, weil man tut, um was der Vater bittet. Das sind zwei verschiedene Zugänge, die zum gleichen führen. 
Mit der Kirche ist es ähnlich. Nach dem biblischen Zeugnis und dem der Überlieferung ist sie die geliebte Braut Christi. Man kann sich nun bei allen möglichen Bräuten die alte Frage stellen, wieso der Bräutigam gerade dieser Dame verfallen ist. Manchmal kann man sich auch umgekehrt nur schwer vorstellen, wie eine hübsche Braut sich gerade einen Mann angelt, der überhaupt nicht passend daher kommt. Das tut aber nichts zur Sache und liegt eigentlich nicht im Interessenbereich der Hochzeitsgäste. Niemand kennt die Gründe der Liebe, aber jeder weiß, wo sie hinschlägt, da wächst kein Gras mehr, weil dort Blumen sprießen.
Mit der Liebe und Zuneigung zur Kirche empfinde ich es auf lange Strecken entsprechend. Christus hat sie gestiftet und ihr die feste Zusage gegeben, sie nie mehr zu verlassen. Zudem hat er ihr sein Liebstes, ja sogar sich selber in die Hände gegeben. Das ist Grund genug, über die Runzeln der Kirche so gut es geht hinweg zu sehen, und das Fundamentum auf den zu gründen, der sie schuf, de sie erhält und der darum bittet.
Es ist mit der Liebe nun so, dass sie den Blick verändert. Ich weiß von einer verheirateten Frau, deren Mann einen äußerlichen Makel hat, der jedem sofort in den Blick gerät. Die Frau bezeugt, dass sie genau diesen gar nicht mehr sieht. So tut die Liebe. Es ist nun allerdings so, dass alle Welt ihre Augen gerade nur auf das richtet, was die Braut nicht mehr sieht, aber damit lebt sie gern, eben weil die Liebe die Augen führt. Mit der Kirche geht es ähnlich. Wenn man sie einmal im Herzen hat, dann verschiebt sich auch hier der Blick auf die goldene, innere Seite. Damit wird die Liebe zur Kirche auch gleich zur Aufgabe, sich die Liebe nicht ausreden zu lassen.

Die Welt wird die Kirche nie mehr los

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Vermutlich kennt jeder diese Matroschkas, diese kleinen russischen Holzpuppen, die hohl geschnitzt sind, die ineinander gesteckt werden, bei denen man in der größeren eine kleinere findet, bis man zur kleinsten gelangt. Wer sie wider jede Vermutung doch noch nicht gesehen hat, der braucht nur warten, irgendwann erreichen sie jeden.
Als ich noch klein war, kam jedenfalls einmal jemand hell leuchtend mit so einem Spielzeug um die Ecke. Wie schön sie doch seien!, und mit einem „schaut doch mal“ machte er eine Puppe nach der anderen auf, bis er die letzte kleine, ein hölzernes, buntes Würmchen, auf dem Treppenabsatz parkte.
Es mag nun sein, dass meine Mitkinder ungefähr so erfreut waren, wie der Bringer. Ich erinnere mich, damals aber schon ungefähr das gleiche Gefühl gehabt zu haben, wie ich es bis heute diesen Werken gegenüber hege: Der Stil der Bemalung gefällt mir nicht so recht, bei aller Kunstfertigkeit, die natürlich jeden Respekt verdient.

Aber sei’s drum. Mir kam das Bild in den Sinn, als ich drüber nachdachte, wie sich der Zusammenhang mit den Priestern und der Kirche am besten darlegen ließe. Auch da nämlich stecken die Dinge in gewisser Weise ineinander.
Man begegnet der Kirche von außen. Macht man sie auf, findet man in deren Zentrum die Altäre. Um diese herum haben die Diener des Sakramentes, die Priester, ihren Ort. Auf den Altären steht jeweils ein Kreuz, das, jedes für sich, die Seitenwunde Christi trägt. In ihr finden sich die Schätze des Allmächtigen für die Welt. Durch die Wunde hindurch fließen die Ströme der Gnade aus dem Herzen des Unergründbaren. Hier nun kommt das Bild an sein Ende. Das Herz Jesu, die kleinste Figur, wenn man so will, lässt sich nicht auseinander nehmen, aber würde man das tun, man stünde im Raum der göttlichen Grenzenlosigkeit.

Ich würde meinen, dieses Bild von der Kirche auf Erden kann man lange meditieren, und es ist eine Freude, das zu tun. Es ist allerdings aus der Mode geraten und nicht selten anstößig geworden. Dabei stört nicht die Vorstellung, dass sie einen gegliederten Aufbau hat. Es stört nicht, dass man in sie hinein gehen kann. Es macht keine Probleme, dass in ihr Altäre stehen, und auch das Bild von der Seitenwunde Christi als die Pforte in den Himmel ist nicht das Anstößige. Das Problem der Kirche ist nicht ihr Aufbau und nicht das Bild, das sie von sich gibt. Das Problem ist ihre Wirklichkeit. Wirklich sein heißt nämlich nicht nur da sein, sondern auch wirklich nicht nicht da sein. Was wirklich ist, das wird die Welt nicht mehr los, und das kann schon mal ein Problem sein.

Ein Beispiel. Wenn ein Mensch entsteht, dann ist er plötzlich da. Man könnte jetzt sagen, er sei, wie jedes Lebewesen, aus der Materie der Welt zusammengebaut. So steht es schließlich in der Bibel. Wenn es, wie jedes andere Lebewesen, stirbt, dann ereilt es das Schicksal jeder Kreatur, es geht wieder in die Bauteile der Natur über. Als Gläubige glauben wir allerdings auch das zweite Bild, das in der Genesis zu lesen steht: Dass Gott dem Menschen seinen Atem einhaucht. Das bedeutet, der Mensch hat einen von Gott her unzerstörbaren Kern. Der ist jetzt da und keine Macht der Welt kann dafür sorgen, dass er nicht mehr da ist. Der heilige Thomas nennt die Seele unzerstörbar. Nicht einmal der Mensch selbst kann dafür sorgen, dass es ihn überhaupt nicht mehr gibt. Er kann mit sich anstellen, was er will, er wird sich immer irgendwo und irgendwie wieder finden. Alles Wirkliche hat einen Kern, über dessen Sein nur der Verfügen könnt, der der Herr des Seins ist.

Das Dumme mit der Kirche ist nun, dass dieser Herr allen Daseins sie in die Welt gestellt hat. Er verfügt nicht nur, dass die Gaben des Himmels durch die Wunde Christi fließen. Er verfügt auch, dass es sie gibt und sie da ist. Christus sagt bei Matthäus, er werde seine Kirche auf den Felsen Petri bauen. Damit sagt er nicht nur, dass sie in die Welt kommen soll. Er sagt auch, dass die Welt sie nicht mehr los wird. Sie ist also jetzt da. Wir können in sie hinein gehen und uns an den Gaben erquicken. Die gibt es gratis, ohne etwas dafür leisten zu müssen oder tun zu können. Die Pforten stehen offen. Das bedeutet allerdings auch, dass man sich an ihnen wund reiben und den Schädel stoßen kann. Der heilige Papst Johannes Paul hat einmal gesagt, es sei grundsätzlich besser zu sein als nicht zu sein. Es ist, wie gesagt, eine Quelle der Freude, den Aufbau der Kirche zu betrachten. Es kann allerdings ebenso bereichern, über ihre Unzerstörbarkeit nachzudenken. Allerdings: Je nach dem, in welchem Verhältnis man zu ihr steht.

Die Stellung der Priester

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Das Bild mit dem Kirchenraum hat etwas Feierliches. Mir geht es jedenfalls so, wann immer ich drüber nachdenke, rede oder schreibe: Die Worte werden pompöser, die Wendungen möchten offizieller klingen und die Stimmung eher wie wenn man an hohen Höfen zu sprechen hat. In der Schule des heiligen Thomas würde man wahrscheinlich hören, das sei etwas ganz Selbstverständliches. Die Feierlichkeit eines Ortes richtet sich danach, wer ihn bewohnt. Im Palast eines Königs geht es eben feierlicher zu, als in den Wohnungen seiner Bediensteten. Und wenn man den Raum der Kirche beschreibt, dann hat alles auf der höchsten Stufe der Feierlichkeit zu geschehen. Schließlich ist der Kirchenraum der einzige Ort, in dem die große Begegnung, nämlich die zwischen Gott und Welt vorgesehen und möglich ist.
In der Messe kommt wirklich alles zusammen. In der Messe steigt, um im Bild zu bleiben, Gott höchstpersönlich zu uns hernieder. Wenn der Priester die verwandelte Hostie in die Höhe streckt und dem Volk zeigt, dann hält er im wahrsten und konkretesten Sinn der Worte Gott selbst in den Händen. Für Muslime und Juden dürfte das wie eine anmaßende Gotteslästerei klingen. Die Atheisten dieser neuen, nervösen Bewegung würden das als den Gipfel der Spinnerei einschätzen, und doch, die Katholiken und orthodoxen Christen aller Zeiten bleiben dabei: Gott gibt sich täglich in die Hände seiner Kinder.

Das zweite, das hier zugegen ist, das ist das Opfer Christi. Was wir in den Händen halten ist nicht einfach verzaubert. Wenn wir einen Lichtschalter bedienen, machen wir es hell und aus einem dunklen Raum einen hellen. Das Lichtanzünden kann allerdings mit Lust und Laune, es kann im Zorn oder aus Liebe geschehen. Der Vorgang selbst bleibt neutral. Würde Gott die Gaben auf dem Altar nur so verwandeln, dann könnte das auch ein Akt ziemlich kalter Gleichgültigkeit sein. Das ist er aber nicht. Die Messe steht immer im Zeichen der Hingabewilligkeit des Wortes Gottes an den Vater und des liebevollen Gehorsams ihm gegenüber. Sie steht immer unter dem Stern, den Christus vor dem letzten Abendmahl ausgesprochen hat: „Wie sehr habe ich mich danach gesehnt“. Jede freiwillige Hingabe aus Liebe bezeichnen wir als Opfer, und ein solches war Jesu ganzes Leben, sein Sterben und sein sich Hingeben in der Messe.

Die Theologen sprechen hier von einer dritten Sache, nämlich von einer Bewegung nach oben und einer nach unten. Die Kirche, die die Messe feiert, gibt (und opfert) ihr Beten, ihr Sehnen, ihren Ritus und die Zeit, die man schenkt, die Priester und Ordensleute geben ihr Leben in gewisser Weise. Das ist die Bewegung nach oben. In der nach unten erreichen uns die Wohltaten, die der Schöpfer seiner Kirche und durch sie der Welt zukommen lassen möchte: Sich selbst und die Hilfe, die wir Gnade nennen.

Um das alles herum ist die Kirche gebaut, sowohl geistig, als auch konkret aus Stein. Das ist gemeint, wenn gessagt wird, alles in der Kirche drehe sich um die Messe.
Hier hinein müssen wir auch die Priester gestellt wissen. Sie nennt der Aquinate die „Diener dieses Sakramentes“, und wenn Thomas das sagt, dann kann man wieder sowohl das „Wie“, als auch das „Wo“ seines Satzes beim Wort nehmen. Das erste, was er im Traktat über die Eucharistie über die Priester sagt ist dieses: Sie sind zunächst und immer zuerst die Diener der Eucharistie und der Messe.
Man nennt das größte immer zuerst, wenn man jemanden bezeichnet. Wer den Nobelpreis bekommt, der kann alles mögliche sein, er wird aber immer der Nobelpreisträger genannt werden. Wer den Präsidenten fährt, der ist, was immer er sonst tut, zuerst der Fahrer des Staatsoberhauptes. Deshalb ist auch eine Mutter, was immer sonst zu tun hat, zuerst die Mutter ihres Kindes. In diesem Sinn ist der Priester, wenn man ihn durch die Brille des heiligen Thomas anschaut, immer zuerst der Diener der Eucharistie und der, der an die feierliche Schnittstelle zwischen Himmel und Erde und direkt am Brandherd des großen Opfers gestellt ist.

Das Bild, das die Kirche von sich macht

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Manchmal reicht es nicht, wenn man nur die äußeren Bilder einer Geschichte sieht und deutet. Als Kinder reizte uns das Märchen vom königlichen Prinzen, der in die Gewänder eines Bettelmanns schlüpfte und sich in die Welt der gewöhnlichen Menschen begab. Ein Betteljunge dagegen trug die teuren Kleider am Hof und erlebte dort seine Abenteuer. Reizvoll war die Verkleidung. Man sah den beiden nicht an, wer sie in Wirklichkeit waren. Wie alle bedeutenden Spiele für kleine Leute, gibt es auch diese auch für die großen. Teure Filme leben vom Spiel der Verwechslung und von der Unsichtbarkeit des Wesentlichen. Sogar der große Shakespear spielt mit solchen Bildern, wenn er den Diener Kent vor dem herabgekommenen König Lear sein „Herr, ihr habt etwas in eurem Wesen, das ich gern meinen Herrn nennen möchte“, sagen lässt.
Im Evangelium gibt es eine Szene, zu der Christus drei handverlesene Jünger mit auf einen Berg nimmt. Er verklärt plötzlich vor ihren Augen und schaut ganz fremd und anders aus. Er ist der selbe Jesus, er ist der selbe Mensch. Seine Gewänder aber leuchten in einem Weiß, das kein Walker wirken kann, und er spricht mit zwei großen, längst verstorbenen Gestalten aus dem Alten Bund.
Auch da zeigte sich, dass der mittellose Wanderprediger in Wirklichkeit viel mehr war, als seine äußere Gestalt offenbarte. Das Wesen der Dinge bleibt uns unbekannt, schreibt der heilige Thomas, und manchmal müssen wir informiert sein, um mehr „sehen“ zu können.
Besonders deutlich wird das auch im Geschehen des Opfers Jesu vor den Mauern Jerusalems. Christus hatte Pilatus die Wahrheit gesagt: Er ist ein König! Der da jetzt aber am Kreuz geschunden und zu Tode gebracht wird, dem sieht man sein Königtum wahrlich nicht an. Dennoch, die Bibelkenner belehren uns, dass der Evangelist Johannes bereits die Zeit des Opfers als die Stunde des königlichen Triumphes zu deuten wusste. Thomas schreibt einmal, sowohl das Königtum Christi, als auch sein Priesteramt hätten auf Golgotha ihre Vollendung gefunden.
Weil das alles so ist und alles zugleich dargestellt werden will, hat die Kirche sich in ihrer Bildersprache nie damit begnügt, irgendwelche historischen Szenen nachzuspielen. Die Kreuze über ihren Altären sind mehr als nur das Darstellen einer Todesart. Sie sind  eingebettet in die große Darstellung dessen, was die Kirche ist, was sie will und bedeutet.

Die alten, großen Kathedralen sind mittelalterliche Vorbilder für die Darstellung einer ganzen Weltdeutung. Ihre Grundrisse sind nach antiken Mustern des harmonisch geordneten Kosmos entworfen. Die hohen Säulen mit ihren schweren Enden auf dem Boden wirken, wie wenn die Quasten eines himmlischen Gewandes aus dem Licht des Himmels auf die Erde hernieder schweben. Die himmlische Stadt Jerusalem kommt vom Himmel auf die Welt herab. Die Pforten stehen allen offen. Die Weisen aus dem Morgenland, die Königin von Saba, die Macher der Welt und nicht weniger die Sünder von den Straßen sind eingeladen, hierher, zum großen Geschehen zu pilgern.
An den Pforten bieten sich Gelegenheiten, sich mit Weihwasser der Taufe zu besinnen, sich symbolisch zu reinigen, und im Beichtstuhl in Wirklichkeit. Man pilgert schließlich zur feierlichen Begegnung mit dem heiligen Geschehen. In der Mitte des Geschehens steht das Kreuz auf dem Altar. Es ist die heilige Schnittstelle zwischen dem ganzen Himmel und der ganzen Erde. Es pilgert nicht nur die Welt hierher, es kommt ihr zugleich die Gabe sakramentale Gabe Gottes aus der Wunde des am Kreuz entschlafenen Herrn herab. Das ist die Pforte.

Die Väter der kirchlichen Lehre haben die Seitenwunde Christi schon immer als den Durchgang gesehen, durch den hindurch „Blut und Wasser, die Sakramente der Kirche“ fließen. Aus ihnen wächst die heilige Gemeinschaft, und an ihnen laben sich die pilgernden Seelen. Das ganze ist eine lebendige Darstellung der Kirche, deren Bildersprache im Hochmittelalter ihre große Zeit hatte.
Thomas beginnt nun das Vorwort zum Kapitel um die Priestern mit der Bemerkung, „der Diener dieses Sakramentes“ sei jetzt zu bedenken. Dieser Diener lässt sich, wie wir sehen werden, durchaus aus dem angesprochenen Bild von der Kirche her deuten.

 

Quellen und Anmerkungen: (können übergangen werden)

William Shakespeare, König Lear, erster Aufzug, vierte Szene.

Die Verklärung Jesu, Lk 9,28–36; Mt 17,1–8; Mk 9,2–9.
Mk 9,2f: „Et transfiguratus est coram ipsis; et vestimenta eius facta sunt splendentia, candida nimis, qualia fullo super terram non potest tam candida facere.“

De veritate, q. 10 a. 1 co: „Quia vero rerum essentiae sunt nobis ignotae, virtutes autem earum innotescunt nobis per actus, utimur frequenter nominibus virtutum vel potentiarum ad essentias significandas.“

Sth III,35,7,ad1: „Sacerdotium autem Christi, et eius regnum, praecipue consummatum est in eius passione.“

Joh 18,37: Dixit itaque ei Pilatus: “ Ergo rex es tu? ”. Respondit Iesus: “ Tu dicis quia rex sum. Ego in hoc natus sum et ad hoc veni in mundum, ut testimonium perhibeam veritati; omnis, qui est ex veritate, audit meam vocem ”

Sent. lib. 4 d. 18 q. 1 a. 1 qc. 1 co: „Sed quia ex latere dormientis in cruce sacramenta fluxerunt, quibus Ecclesia fabricatur.“

 

 

 

Wäre die Welt ohne Religion besser?

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Was meinen Geschmack angeht, hat mein Vorhaben einen großen Vorteil: Wer an der Hand des heiligen Thomas von Aquin über die Sakramente schreiben will, der braucht nicht viel zur Moral und zur Disziplin zu sagen, weil Thomas das auch nicht macht.
Der Meister schreibt ausführlich über die Ehe, aber so gut wie nichts über unsere Ehefragen. Er schreibt freilich in höchsten Tönen über den Stand der Ehelosigkeit um der Heiligkeit willen, aber so gut wie nichts zum Zölibat. Thomas empfiehlt, häufig zur Kommunion zu gehen, aber über die Sonntagspflicht lässt er sich nicht aus.
Wenn man mir am Ende vorwirft, ich hätte zu diesen Dingen viel zu wenig gesagt, dann kann ich mich hinter den breiten Schultern meines Riesen verstecken.
Der heilige Thomas ist überhaupt kein moralischer Typ, aber wir leben in einer hochmoralischen Zeit. Das gefällt mir nicht besonders, es ist aber so, und wenn ich es recht bedenke, bewahrt mich wohl nur meine spezielle Religion davor, ins Moralinsaure herab zu gleiten.
In der Vorbereitung auf ein Schreiben, das ich zu liefern hatte, musste ich mich vor Tagen einer nicht sonderlich angenehmen Mühe unterziehen. Ich musste mir ein paar Reden von Leuten aus der Giordano Bruno Gesellschaft anhören und in ein Buch von Richard Dawkins schauen. Ich bitte, mir nicht gram zu sein, aber ich halte das für Zeitverschwendung. Die öffentlichen Reden eines Dr. Schmidt Salomon gegen die Religionen haben leider keine Argumente und kein höheres Niveau als ein Stimmenfang auf dem Kirmesplatz. Er posaunt den lieben langen Tag, die Wissenschaft habe den religiösen Glauben doch längst überholt und kann offenbar nicht erklären, wie genau und wo. Man kann trefflich mit ihm streiten, ich fürchte aber, man kann nicht gut mit ihm reden.
Die Bücher von Richard Dawkins mögen sehr gut sein, so lange er sein Fach, die Biologie betreibt und ich ihn vermutlich nicht verstehe. Sobald er aber in das Becken der Philosophie und Religion springt, stößt er sich den Kopf, weil er bei den Nichtschwimmern landet. Seine egoistischen Gene und Meme sind so wissenschaftlich wie die Marsmenschen eines Erich von Däniken.

Die Forderung steht aber im Raum: Die Religionen gehören abgeschafft, damit endlich der Boden für den Frieden in der Welt bereitet werden kann. Die Herrschaften schreiben das in dicken Büchern nieder, versäumen aber zu erklären, wie das alles nach der Abschaffung gestaltet werden soll. Offenbar wollen sie uns alle glauben machen, die Welt würde schon mal ein Stück friedlicher, wenn die Menschen sich nicht mehr um des Glaubens willen umbringen. Ich vermisse dabei allerdings eine Erklärung für die Annahme, man könne den Frieden wie Flickenteppiche aus einzelnen Stücken zusammen nähen. Es soll Leute geben, die meinen, die Welt würde friedlicher, wenn keiner mehr Fleisch isst, wenn alle nur noch Fahrrad fahren oder wenn man das Geld abschafft. Ich habe allerdings wenig Lust, ihre Bücher zu lesen oder länger mit ihnen zu sprechen. Der Mensch, der heute aufhört sich wegen seines Glaubens zu streiten, der schlägt sich morgen für Öl, Macht und Kohle.

Ich persönlich bin mir alles andere als sicher in der Frage, ob es in den sogenannten Religionskriegen je überhaupt um Religion ging. Über Worte kann man streiten. Aber Religion und Politik sind zwei Sachen, die man nicht vermischen kann. Wie Land und Stadt zwei Sachen sind. Ich glaube zum Beispiel nicht an schöne Großstädte. Es gibt wohl schöne, große Städte, aber alles, was ich an ihnen schön finde, ist genau das, was sie aufhören lässt, Städte zu sein. Münster ist eine schöne, große Stadt, weil sie auf’s Ganze gesehen schön grün ist. Ihr Grün ist aber das Grün vom Land. Eine Stadt mag schön sein, wenn sie geräumig ist. Besonders viel Raum hatten wir aber als Kinder in unserem Dorf. Vielleicht würde man eine Wohnung in der Stadt schön finden, wenn es nicht so laut in ihr wäre. Das würde aber bedeuten, dass sie in einem Stadtteil läge, der unserer Dorfstraße gleicht.
Was ich sagen will, die Dinge greifen ineinander, es sind aber zwei verschiedene. So ist es auch mit der Religion und der Politik. Als Christ darf ich mir gestatten zu erklären, dass eine Religion aufhört, religiös zu sein, wenn sie anfängt, sich um politische Wahlen oder um Zolltarife zu kümmern. Christus hat seinem Richter das entscheidende Wort gesagt. Sein Königreich hat seine Fundamente nicht auf Erden, und auch König Herodes hätte sich nach Weihnachten nicht fürchten brauchen.

Wenn ich mir nun vorstelle, ich könnte meine Religion nicht haben, dann glaube ich, könnte ich vor der Moral nicht davon laufen. In meiner Jugend war das so. Die Grünen kamen auf, und wir stritten uns ohne Ende mit den Alten in Fragen der Umwelt. Wir warfen keinen Müll in den Wald, weil man es mit der Erde richtig machen musste. Wir aßen kein Fleisch, weil es aus den verschiedensten Gründen nicht recht zu sein schien. Ich finde es bis heute einigermaßen edel, solche Motive zu haben, ich habe sie allerdings nicht mehr. Ich finde es immer noch widerlich, seinen Dreck in den Wald zu entsorgen. Ich lasse das aber nicht, weil ich glaube, für den Wald verantwortlich zu sein. Ich schätze den Wald vielmehr, weil der Schöpfer ihn lieb hat. „Du sollst nicht stehlen“ steht auch im bürgerlichen Gesetzbuch. Ich unterlasse das Klauen allerdings vor allem deshalb, weil ich vor Gott nicht als Dieb dastehen will.
Ich renne nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil ich etwas richtig zu machen habe, sondern weil ich in meiner Gemeinde bei der Messe zugegen sein will und die Nahrung für meine Seele möchte, die ihr gut tut.
Gott wünscht sich, wir mögen den Nächsten lieben wie uns selbst. Den Übernächsten aber dürfen wir ihm überlassen. Ich finde es herrlich, wenn die Menschen sich in der Gemeinde engagieren, damit das nächste Pfarrfest gelingt. Aber wenn sie es tun, weil sie sich für die Gestaltung der Weltkirche verantwortlich fühlen, dann werden sie mir verdächtig.
Wenn ich heute Freitags kein Fleisch esse, dann sicher wohl auch, weil mir ein Gebot dazu rät. Ich halte aber kein einziges der Gebote, um vor Gott fein da zu stehen oder gar, um in den Himmel zu kommen. Ich halte die Gebote, weil ich Lust habe, dem, der mich wie ein Vater liebt, die Ehre zugeben und weil ich die Eintrittskarte schon in der Tasche habe. Gott hat nichts davon, wenn ich Fisch an Stelle von Fleisch wähle. Aber ich habe sehr viel davon, ihm ans Herz zu wachsen und er mir. Die Welt ist voller Moral, aber meine Religion ist nicht moralisch, und der heilige Thomas ist es schon gar nicht. Wer die Religion abschaffen will, der muss nicht nur etwas besser erklären, warum überhaupt. Er müsste mir auch die Kirche ersetzen, in der ich ohne dauernde Richtigmacherei das Kind meines Schöpfers sein kann.

Das mit der Liebe zur Kirche gehört klargestellt

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Auch erwachsene Menschen sind Kinder ihrer Zeit, und jede Generation hat ihre eigenen Probleme. Jede Generation hat ihre liebe Mühe, die Übertreibungen der letzten zu überwinden.
Die Jugend meiner Kinderzeit fühlte sich gezwungen, die Lasten einer Vätergeneration zu überwinden, die im wohl zu blinden Gehorsam großes Elend zugelassen hatte.
Die jetzige Generation muss die Übertreibungen der emanzipatorischen Bewegungen überwinden. Die kommende Generation wird es mit den Folgen einer törichten Gleichmacherei zu tun haben, die uns gerade serviert wird.
Ich vermute, besonders schwierig bei all den Aufgaben ist es jeweils, erst einmal selbst zur Vernunft zu kommen. Man übertreibt gern nach links, wenn die Altvorderen es zu sehr mit rechts hatten und umgekehrt. Pendel schlagen nunmal nach beiden Seiten aus, wobei seit dem Philosophen Aristoteles doch jeder weiß, die größte Vernunft liegt in der Mitte, wo das Ding zur Ruhe kommt. Wie immer auch.
Wenn ich mich irgendwo als Thomasleser bekenne, stehe ich mit gewisser Regelmäßigkeit im gut gemeinten Verdacht, irgendwelche alte Zeiten herauf zu beschwören, wie Leute es tun, die mit „früher war alles besser“ im Munde alles wie früher haben wollen. Man steht ein bisschen im Verdacht, sich das Mittelalter herbei zu wünschen oder sich wenigstens in eine Zeit hinein zu träumen, wo Robin Hood noch auf richtige Leute schießen konnte, wo es den guten, alten Galgen noch gab und wo man noch richtige Gefängnisse hatte. Das ist aber gar nicht gemeint.
Wenn ich kritisch auf meine Wahl schaue, dann ist sie dem Versuch geschuldet, einen Ort zu finden, wo das Pendel gerade mal nicht nach links oder rechts ausschlägt, einen Ort der Vernunft sozusagen. Seit ich Thomas lese, meine ich, er kommt dem einigermaßen nahe. Natürlich wurden die Dinge in seiner Zeit auch nach hier und dort übertrieben, das werden sie in jeder Generation. Aber wenn man so möchte, war der heilige Thomas zu dick, um mit zu schwingen. Er war irgendwie zu schwer, um sich mitreißen zu lassen und zu intelligent, um die Dinge nicht zu durchschauen.
Es sind also nicht die Umstände und Gepflogenheiten seiner Zeit, die mich immer in Bann schlugen, sondern die Weise, wie er die Dinge anging und durchdachte. Es geht nicht darum, mittelalterliche Gewohnheiten zu beleben. Es geht darum, unter der Führung eines Meisters das Denken zu lernen und intelligenten Argumenten nachzugehen.
Aber wenn ich jetzt von einer Liebe zur Kirche und zum Papsttum schreibe, dann dürfte das hier und da doch nach einer Altezeitensehnsucht schmecken. Es ist aber Thomas selbst, der das ein wenig ins rechte Licht rücken kann.
Es gibt da eine hübsche Stelle im zweiten Teil des zweiten Buches seiner Summe, gleich im ersten Abschnitt. Dort steht zur Diskussion, ob es seine Richtigkeit hat, die Glaubenssätze in einem Glaubensbekenntnis zusammen zu fassen. Er bejaht das natürlich und mit einem kurzen Strich, zuvor führt er aber sechs Gegenargumente ins Feld. Im fünften sagt er, wir glauben, was Petrus und Paulus sagen, aber wir glauben nur an Gott.
Ähnlich verhielte es sich mit der Kirche. Wenn die Kirche etwas Geschaffenes ist, dann ist es nicht richtig zu sagen: Ich glaube an die Kirche, wie es das Credo tut. Wir haben gefälligst nur an Gott zu glauben.
Die Antwort stellt die Dinge ins rechte Licht. Wenn wir auch sagen, wir glauben an die Kirche, so muss damit gemeint sein, dass unser Glauben auf den heiligen Geist hin geführt wird, der die Kirche heiligt. Dem Sinn gemäß müsse es also heißen, ich glaube an den heiligen Geist, der die Kirche heilig macht. Daher sei seit Papst Leo dem Großen auch üblich und besser, anstelle des „an die Kirche“ nur „die Kirche“ zu sagen.
Wenn das jetzt etwas zu verschlungen klingt, dann hilft ein Blick auf das Lateinische und das, was wir schon gesehen haben. Im Lateinischen heißt es „in Deum“, auf Gott hin. Wir glauben wie Pilger auf dem Weg nach Hause. Der Glaube hat den Zug hin zu Gott, keineswegs hin zur Kirche. Niemand steuert ein Hinweisschild an und bleibt bei ihm stehen. Das Schild weist uns weiter auf das gewünschte Ziel, und deshalb sollte man auch nur das Ziel im Auge behalten.
Wenn ich also von einer Liebe zur Kirche und zum Papst schreibe, dann ist das eher, wie wenn man den Boten küssen möchte, der einem den Weg nach Hause zeigen kann. Das eigentlich Geliebte aber ist das Zuhause, nicht der Bote.

Quelle:
Sth II-II,1,9,ad5