Die Burka und meine Wenigkeit

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Als Christ katholischer Sortierung wünsche ich mir für die Gesellschaft, in der ich lebe, dass meinen geistlichen Brüdern und Schwestern gestattet sei, sich für ihre Kleidung in Stil und Farbe frei zu entscheiden. Somit möge ihnen erlaubt sein, auch ihr geistliches Gewand zu tragen, um der Welt demonstrieren zu können, was sie ausmacht, was sie bewegt und was sie weitergeben möchten an alle, die das wünschen.

Das bedeutet, dass ich mir in ähnlicher Weise möchte, auch den Muslimen unserer Gesellschaft möge gestattet sein, auf ihre Weise durch ihre Kleidung auszudrücken, was auszudrücken ihr Wunsch ist. Eine Gesellschaft, die wünscht oder gestattet, dass Menschen fremder Religionen in ihr leben, muss auch gestatten, dass diese ihre Religion im Rahmen des allgemein üblichen zu praktizieren. Das gilt unabhängig von Mehr- oder Minderheiten.

Mit der Burka aber hat es etwas anderes auf sich. Ob sie verboten wird oder nicht, sei dahin gestellt. Aber jeder kann für sich entscheiden, wie er reagiert. Nicht auf das Verbot (oder auch nicht), sondern wenn eine Burka auf ihn zu marschiert.

Wenn überhaupt ein Mensch auf uns zukommt, dann können wir nicht sagen, da kommt ein Ding oder ein Etwas. Menschen sind keine Dinge, Menschen sind Personen, und Personen haben ein Recht, wie Personen behandelt zu werden. Personen haben ein Rechte. Sie müssen gefragt werden, wenn man etwas mit ihnen vorhat. Sie müssen zustimmen, und das ohne irgendeinen Zwang. Personen sind Adressaten von Ansprachen, Blicken, Wohltaten und deren Gegenteile.
Was aber ist, wenn jemand sich bewusst, gezwungen oder in aller Freiwilligkeit zeigt, als wäre er keine Person? Was, wenn ein Jemand bewusst als ein Ding daher kommt?
Jetzt kann jeder sagen, ganz gleich, wie jemand sich kleidet, er ist ein Jemand und bleibt ein Jemand. Geschenkt. Ich bestehe schließlich auch darauf, dass debile Menschen, Kleinkinder und Ungeborene als Mitglieder der Menschenfamilie anerkannt und geschützt werden. Hier haben wir es aber mit einer eklatanten Ausnahme zu tun.

Was man sehen kann, ist wichtig

Wenn ein Mensch aus Scham oder sonstiger Gründe Teile seines Körpers per Kleidungsstück verdeckt, dann hat er ein Recht, behandelt zu werden, als gebe es diese nicht. Verdeckt eine Frau Teile ihres Körpers, weil sie nicht von jedermann gesehen werden sollen, dann hat sie ein Recht darauf, dass Jedermann sich nicht dafür interessiere und forsche, was drunter ist. Das ist der Rahmen des schlichten Anstandes. Es gibt ein Recht derer, die sich schützen wollen, dass nicht alle Welt sie mit den Augen und den Auswüchsen seiner Fantasie entkleidet. Das gilt für Männer, wie für Frauen, für Kinder und alle Mitglieder der Menschenfamilie. Im Gespräch, und überhaupt im Umgang sollte nicht vorwitzig die Rede sein von jenen Teilen des Leibes, die durch die Kleidung unzugänglich gemacht werden. Es ist unanständig, wenn jemand vorwitzig fragt, was ein anderer unter seiner Kleidung verbirgt. Ausnahmen mögen enge Freunde sein, Mitglieder der Familie oder sonstige Schutzbeauftragte.

Weiten wir die Regel aus, dann möchte ein Mensch hinter der Burka nicht, dass man sein Gesicht sieht. Auch das mag sein gutes Recht sein, wenn das Recht ihm das einräumt. Was mich angeht, führt es aber zu Konsequenzen.

Mit dem Gesicht hat es etwas anderes auf sich als mit allen anderen Körperteilen sonst. Betrachten wir einen Fuß, dann schauen wir uns einen Fuß an. Sehen wir eine Hand, dann sehen wir eine Hand. Schauen wir aber jemandem ins Gesicht, oder schöner gesagt, ins Antlitz, dann betrachten wir ihn, den ganzen Menschen; sein Herz, wie die Alten es nannten. Jemand, der voll verkleidet durch die Straßen läuft, und die Augen einzig freilässt, damit er nicht umfällt, tut damit kund, als Person und ganzer Mensch nicht betrachtet und gesehen zu werden. Er tut mit seiner Kleidung kund, dass er als ganzer Mensch nicht an der Welt teilhaben will, in der er lebt. Ich möchte nicht gebeten werden, das verstehen zu wollen. Aber ich fühle mich gehalten, auch das zu akzeptieren, was mir nicht in den Kopf will. Wie dem auch sei. Kommt eine Burka auf mich zu, gestatte ich mir, mit dem Menschen darunter nicht eher zu sprechen, bis er bereit ist, mir sein Antlitz zu zeigen. Wer nicht als Mensch vor mir erscheinen will, der will sicher auch nicht, dass ich ihn als solchen einordne und behandle. Daher ist meine Entscheidung viel weniger eine Sache des Trotzes, als eine der Anerkennung dessen, was ich als seinen Wunsch vermute.

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Die Menschwerdung und die Mitte der Religion

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Islam und Christentum 40

Wie gesagt: Wir besprechen hier die Geschichte einer atemberaubenden Überraschung. Es ist bedauerlich, dass uns Christen nicht tagtäglich die Kinnlade vor Staunen herunter hängt. Als ich einmal in unserer Kirche war, um kurzes, gewohntes Gebet zu verrichten, hörte ich ein leises Schluchzen im Dunkel der letzten Bänke. Da hockte ein Mann, so groß wie ein Baum in einer Ecke und weinte leise. Ich kannte ihn und ging deshalb nicht hin. Der Hühne hatte sich vor kurzem taufen lassen und b besaß sie noch: Diese Nähe zum Alten, was er abgelegt hatte und die Freude, endlich heimgekehrt zu sein.

Bei den Christen der grauen Gewohnheit ist das anders. Wenn einer Senf zum Käse nimmt, wundert uns das. Sagt uns einer, Gott habe mit menschlichen Füßen die Welt betreten, um bei uns sein zu können, dann ist das ungefähr so interessant, wie die Fußballergebnisse vom letzten Samstag. Deshalb nützt es eigentlich unserer Sache, wenn Ihr Muslime uns vorwerft, wir würden undenkbare und unglaubliche Dinge verkünden. Es nützt uns, wenn die Philosophen sich über die Märchen lustig machen, die die Christen verkünden. Es stimmt nämlich, wir reden hier von der größtmöglichen aller Überraschungen, und wir werden es im Himmel wieder erlangen, diesen abenteuerlichen Schauder sein über das ganze Geschehen sein das unser Leben gerettet hat. In den Gebeten der Bibel steht: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst!“, und Recht hat der Beter.

Aber gestatte mir, mit einer weiteren Überraschung aufzuwarten. Bevor Jesus starb, wusste er, was die Menschen Grausames mit ihm anstellen würden. Er wusste so genau um seinen Schmerz im Voraus, dass sein Angstschweiß ihm beim Gebet wie Blut zu Boden rann. Das macht um so erstaunlicher, dass er ein paar Stunden zuvor zu seinen Jüngern sagte: „Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, dieses Paschamahl mit euch zu feiern, bevor ich leide.“

Ich verrate Dir ein Geheimnis, mein Freund. Das, was Jesus an diesem Abend feierte und in die Welt pflanzte, bildet das absolute Zentrum meiner Religion. Mich hat schon immer geschaudert und beeindruckt, wie sich in den Tagen Eurer Wallfahrt die Menschenmassen langsam um die Kaaba wälzen. Mir ist dann immer, wie sich die gesamte Weltreligion mit um diesen einen Punkt dreht. Ähnlich geht meine Religion in konzentrischen Kreisen um diesen einen Punkt, den wir die Eucharistie nennen. Wir werden getauft, um sie bekommen zu können, wir gehen um ihretwegen beichten, damit wir sie so würdig wir können zu nehmen. Unsere Priester verzichten um ihretwegen auf ihre Erfüllung in einer Familie, und ihr Verzicht ist ein lebendes Zeugnis für die Größe und Erhabenheit dieser Sache, um die zu bringen. Und schließlich: Gott in seinem Sohn selbst die Welt und nahm den schwersten aller Tode auf sich, um uns diese Sache, dieses ganz neue Paschamahl zu hinterlassen.

Ja, es ist gut, wenn ihr sagt, das sei alles ganz unmöglich. Wir glauben das Unglaubliche. Es ist gut, wenn ihr sagt, es sei töricht, solche Sachen zu sagen. Diese Torheit in Gott ist die Weisheit und der Adel der Christen. Es ist gut, wenn die Philosophen lächeln. Ihre Weisheit wird sich als engstirnig erweisen, denn bei Gott ist nichts unmöglich.

Ich möchte unser Nachdenken über die Menschwerdung mit diesen Gedanken beginnen, damit unser Bild gleich von Beginn an auf der rechten Grundfarbe gemalt wird.

Fordert Gott eigentlich viel?

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Text erst mal geändert.

Islam und Christentum, 39

Ein Gedanke dazu vielleicht noch: Im Klima meiner Kirche gibt es eine alte Weisheit. Sie taugt zum hinter die Ohren schreiben, und lautet:

„Viele Gebote machen viele Sünden“,

und im Licht dieses Gedankens kann man von meiner Kirche sagen, was viele ihr nicht zutrauen: Sie spricht viel und fordert wenig. Sie empfiehlt ganze Säcke voll, was man tun kann, was man sollte oder eigentlich müsste. Sie ordnet aber kaum etwas unter schweren Konsequenzen an. Und wenn es Konsequenzen gibt, dann geht nicht an den Leib und nicht an das Leben. Man kann rausfliegen, im hohen Bogen sogar. Das kann man bei allen Gesellschaften, die mit dem Anspruch auftreten, ernst genommen zu werden. Es kann aber jederzeit wieder kommen, der es sich in ihrem Sinn anders überlegt hat. Überlegungen brauchen schon mal Zeit im Wandel des Lebens und seiner Umstände. Wenn einer geht oder fliegt, dann wird ihm ordentlich der Friede gewünscht und es wird kräftig hinterher gebetet. Er kann aber wieder kommen. Ein Freund von mir ist vom Glauben abgefallen und nach Jahren wieder zurück gekehrt. Hätte ich ihn gleich umgebracht oder auch nur die Freundschaft gekündigt, dann hätten er – und vor allem der Liebe Gott – die Zeit nicht gehabt, die er brauchte.

Um auf unsere Frage zu kommen: Gott fordert zugleich alles und zugleich wenig. Vor allem fordert er von mir nicht, seinen Wunsch und Willen auf der Erde durchzusetzen. Der heilige Thomas hat mir ins Tagebuch geschrieben, dass kein Mensch im Stande ist, Gottes konkreten Willen zu kennen. Niemand kann sicher sein, den Willen des Höchsten zu durchschauen. Das einzige, was wir können, so der Meister jedenfalls, ist wünschen, dass unser Wille mit seinem harmoniert.

Dennoch: Unser Herr und Meister will unser ganzes Herz und damit in gewisser Weise alles. Um das zu bekommen allerdings, braucht er ’nur‘ unsere freie Zustimmung, die am besten aus einer Liebe kommt. Aber auch wenn er die hat, braucht es nicht viele Anordnungen, sondern eher viel Zeit. Die zehn Gebote vom Sinai reichen, wenn man die beiden Jesu hinzunimmt: Gott lieben und den Nächsten Menschen wie sich selbst. Ganz gleich übrigens, wer da gerade auftaucht und mit seinem Leben bei uns wirklich wird. Es kann ja keinen Menschen geben, der nicht irgendwie doch ein Kind Gottes wäre.

Das ganze steht, wie gesagt, im Schein jener oben genannnten Weisheit. Möglichst wenig Gebote und, wenn es geht, keine Gesetze! Wann immer die Kirchen sich zu sehr mit den Gesetzgebern der Welt angefreundet haben oder gar in ihren Diensten standen, gab es Verwirrung, Ärger, Not und schlimme Zeiten. Es hat den Kirchen weh getan und lange gedauert, bis sie das gelernt haben, und sie haben widerwillig und gegen ihre Gelüste lernen müssen. Heute empfinden wir es als einen großen Fortschritt und eine wirkliche Marscherleichterung, das Gepäck der Politik (die, wie gesagt, nie heilig sein und vor allem nicht bleiben kann) nicht mehr auf dem Rücken zu haben. Du kennst doch den Vers aus dem Koran, nach dem es heißt, wer einen Menschen umbringt, der bringt die ganze Menschheit um. In ähnlichem Sinn kann man sagen, ein Fehlurteil im Namen Gottes beschmutzt das gesamte Gesetz und die ganze Religion. Eine einzige Fatwa, die im Namen Gottes ausgesprochen wird und nicht nach seinem Herzen ist, trübt den Blick auf das Heilige, und wer wird ihn wieder säubern?
Leute also, die bei uns irgendwelche kirchliche Gemeinschaften ins Leben rufen und gleich mit einem Gesetzbuch an den Start gehen, traut man besser nicht über den Weg. Schon gar nicht, wenn sie sagen, sie kämen im Namen Gottes. So wird auch eine Religion, die das politische Leben und das des Alltags regeln will, in unseren Breitengraden sicher immer auf Widerstand stoßen.

 

Sth I-II,19,10, co: Unde consuevit dici quod conformatur, quantum ad hoc, voluntas hominis voluntati divinae, quia vult hoc quod Deus vult eum velle.
-„Man sagt für gewöhnlich, der Wille des Menschen stimme mit dem Gottes überein, wenn er das will, von dem Gott will, dass er es will.“

Das Schlimmste, was man machen kann

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Islam und Christentum, Teil 36

Wir müssen ein Wort erklären, das den meisten Muslimen geläufig sein dürfte und das unsere Leute gar nicht kennen, weil es das bei uns gar nicht gibt. Es heißt „beigesellen“ und gilt so ziemlich als die schwerste Sünde, die man aus Sicht der Muslime begehen kann. Wer es sich mit Gott endgültig verscherzen will, der sollte zu den Beigesellern gehen. Im Koran steht zu lesen, das Beigesellen sei diejenige Sünde, die Gott nicht verzeiht. Die Christen sollten also um den Umstand wissen, dann der Name gilt nicht selten besonders auch ihnen.

Im Alten Testament der Bibel gibt es auch ein Wort, das dem Beigesellen einigermaßen entspricht. Es heißt Götzendienst und auch dort ist es ein schweres Vergehen. So viel ich verstanden habe, widerspricht Jesus dem auch nicht. Auch in den Kreisen der Christen ist es nicht gerade ratsam, dem Beigesellen anheim zu fallen. Das Wort also gibt es bei  uns nicht, die Sache sehr wohl.
Ein Gelehrter hat mir den Shirk (so hieß das Beigesellen in seiner Sprache) übrigens einmal mit einem Satz erklärt:

„Beigesellen bedeutet,
etwas, was nicht Gott ist,
für Gott halten oder für Gott erklären.“

Das lässt der Herr der Heerscharen offenbar nicht durchgehen.
Als Mohammed seine neue Religion erklärte, oder, wie er sagte, die einzige, alte richtigstellte, da setzte er sich mit den Juden, den Christen und den Leuten von der Vielgötterei auseinander. Eine seiner Richtigstellungen lautete: Gott hat sich keinen Sohn genommen. Ich wollte das hier kurz anreißen, um mich von dem Vorwurf zu befreien, und meine Verteidigung lautet so:

Gott hat sich in der Tat keinen Sohn genommen,
weil er immer schon einen hatte.

Ich weiß, das klingt jetzt etwas provokant, aber drunter ist es nicht zu haben. Damit das noch mal etwas besser erklärt werden kann, möchte ich die beiden weiteren Schritte ankündigen: Ich möchte über die Innenseite Gottes reden und da auf die Dreifaltigkeit kommen. Als nächstes ist dann das äußere Geschehen der Menschwerdung ins Auge zu fassen.

Anm:
Sure 4,114: Allah vergibt nicht, daß man ihm, (andere Götter) beigesellt. Was darunter liegt, vergibt er, wem er (es vergeben) will. Und wenn einer (dem einen) Allah (andere Götter) beigesellt, ist er (damit vom rechten Weg) weit abgeirrt.
Sure 10,68: “Sie sagen: „“Allah hat sich ein Kind zugelegt.““ Gepriesen sei er! Er ist der, der reich ist (und so etwas nicht nötig hat). Ihm gehört (ohnehin alles), was im Himmel und auf Erden ist. Ihr habt dazu keine Vollmacht. Wollt ihr (denn) gegen Allah etwas aussagen, wovon ihr kein Wissen habt?“
Wenn ich den Koran zitiere, dann immer in Übersetzungen, die von Muslimen angefertigt wurden. In der Regel wähle ich die von Rudi Paret.

Sehnsucht nach dem Unbegreiflichen

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Islam und Christentum, Teil 32

Wie gesagt, in der Antwort auf unsere Frage werden einige Punkte dabei sein, die wir sicher gemeinsam und vor allem gleich beantworten. Ich denke, wir werden beide behaupten, dass Gott nicht nur allmächtig ist, sondern, dass er auch alles mitbekommt. Schlicht gesagt: Gott bekommt alles mit. Thomas sagt dazu sinngemäß: Wer alles sieht, der ist auch überall. Deshalb kann er sagen, Gott sei überall und es gibt keinen Ort, von dem man sagen müsste, Gott komme da nicht hin oder sei nicht schon immer irgendwie vor uns am Ort.

Thomas nennt ein hübsches Beispiel. Ein König, sagt er, ist an jedem Fleck seines Reiches. Er kann natürlich nicht körperlich zugleich an jedem Ort sein. Seine Macht aber, die reicht überall hin, und – im Fall Gottes – sein Blick auch. Auch das ist eine Form der Anwesenheit. Also ist Gott nicht nur überall, sondern auch überall wirkend.

Der Meister nennt allerdings noch eine ganz andere Weise der Anwesenheit Gottes, die es geben kann. Es ist die Anwesenheit in der Seele. Die Christen behaupten sie, und ich wüsste gern, in wie weit ein Muslim da mit gehen kann. Am besten beschreibe ich kurz einen Gedanken des Thomas dazu.
Wenn wir etwas erkennen, dann ist das Erkannte in uns. Wir behaupten es und es ist auch so. Sehnst Du Dich nach Deiner Freundin, dann sagst Du, dass sie in Deinem Herzen ist, und sie ist es. Wenn Du die Augen schließt und Dich an ein Auto erinnerst, das Du am Tag zuvor gesehen hast und was Dir besonders gefiel, dann ist das Auto längst irgendwo anders. Du hast es als Bild aber noch im Kopf. Wenn Du es gern besitzen würdest, dann drängt sich das Bild als Wunsch nach vorn.

Thomas sagt nun, Gott sei als ein erkannter Gegenstand in den Herzen seiner Heiligen und als Gegenstand ihrer Sehnsucht da. Die Heiligen sehnen sich nach ihm, sie sehnen sich danach, bei ihm nach Haus zu finden und sie sehnen sich nach dem Frieden, den er allein schenken kann.

Aus meinen Gesprächen mit Muslimen weiß ich, dass Gott auch für sie ein Gegenstand der Sehnsucht sein kann und nach der Meinung vieler auch sein sollte. Mit anderen Worten, auch Muslime sehnen sich nach Gott und seinem Reich. Wir teilen da etwas. Es gibt da allerdings einen Unterschied, den die Christen predigen und von dem ich denke, dass er muslimischerseits eher abgelehnt werden muss: Die Behauptung nämlich, nach der Gott als erster die Initiative ergriffen und sich zu den Menschen sozusagen herunter begeben hat.
Für sich genommen ist Gott unbegreiflich und immer eine Nummer zu groß für unseren Verstand und für unser Herz. Darin sind wir uns sicher einig. Das bedeutet also: Dass wir von ihm begreifen können, was wir begreifen, dazu muss er sich in die Bedingungen unseres Begreifens begeben haben. Wir können nichts von ihm wissen, wenn er sich nicht für uns begreifbar macht. Wir können ihn nicht lieben, wenn wir vorher nichts von ihm erkannt haben. Kein Mensch hätte je etwas von ihm gewusst, hätte er, der Unbegreifliche, sich nicht zu uns herab begeben hätte. Gott ist groß, der Mensch ist klein. Um ein Wort von Kardinal Meisner zu bemühen.

„Der Mensch ist schon mal ein kleiner Gernegroß.
Die Gottheit der Christen hat sich als ein großer Gerneklein gezeigt.“

Wenn Gott will, dass der Mensch etwas von ihm versteht, dann muss er sich irgendwie in die Kleinheit des menschlichen Herzens begeben.  Wie gesagt, ich wüsste gern, in wie weit wir da zusammen gehen. Vielleicht wäre es auch mal ganz gut, sich mal Zeit zu nehmen, unser Buch hier einem Muslimischen Gelehrten zu geben, um es einmal in Ruhe mit ihm zu besprechen. Vorausgesetzt natürlich, er hat Lust dazu.
Aber: Wir tun an dieser Stelle gerade einen Schritt zu weit. Was wir hier gerade besprechen, gehört nämlich in das Kapitel von der Gnade, und das kommt erst etwas später. Im Moment sind wir noch bei den Fragen nach der Gottheit allgemein. Damit sollten wir als nächstes weitermachen.

Anm:
Sth I,8,2,co: „Deus est in omni loco, quod est esse ubique.“
– „Gott ist an jedem Ort, das heißt, er ist überall.“

Sth I,8,3,co: „Deus est in omnibus rebus per essentiam, potentiam et praesentiam.“
– „Gott ist in allen Dingen seinem Wesen, seiner Mächtigkeit und seiner Präsenz nach.“

Was unsere Religionen unterscheidet

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 26

Ich komme zu einem Kapitel, bei dem ich die Muslime zum ersten Mal bitte, mir zu widersprechen, wenn ich falsch liege. Genau genommen will ich das immer, aber hier sind wir an einem Punkt angekommen, wo ich zum ersten Mal einen grundsätzlichen Unterschied zwischen unseren Lagern entdecke. Es ist eigentlich ein Unterschied in den Mentalitäten, sozusagen in der grundsätzlichen Atemluft, die beide Religionen jeweils ausmacht.

Ein Vergleich beider Glaubensbekenntnisse macht schon ziemlich deutlich, worauf ich hinaus will. Das christliche Glaubensbekenntnis geht so:

„Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches
und das ewige Leben.“

Die Schahāda, das Bekenntnis des Islam ist von ganz anderer Art und lautet:

„Ich bezeuge:
Es gibt keinen Gott außer Allah,
Er ist Einzig und nichts ist Ihm gleich,
und ich bezeuge,
dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.“

Auf den ersten Blick liegt der Unterschied natürlich in der Länge. Das ist aber nicht das Entscheidende. Das christliche Glaubensbekenntnis muss so lang sein, weil es sozusagen die einzelnen Sätze, die geglaubt werden, gleich vollständig öffnet. Alles, was zu glauben ist, liegt sozusagen offen da.
Das islamische Glaubensbekenntnis beginnt mit einem negativen Satz. Es weißt erst einmal zurück, was nicht in Frage kommt. Niemand, außer der eine Gott hat das Recht, angebetet zu werden. Wenn das gesagt ist, wird die Sache, positiv, an den Propheten weiter gereicht. Wer jetzt noch wissen will, was im einzelnen geglaubt werden soll, der muss sich an den Gesandten wenden.
Wenn ich gebeten würde, das christliche Glaubensbekenntnis ähnlich zu gestalten, dann müsste ich sagen:

„Es gibt keinen Gott, außer den einen,
und die Kirche sagt alles weitere.“

Was im einzelnen zu glauben ist das bleibt, wenn man so möchte, für die Ungläubigen zunächst geschlossen. Man muss sich sozusagen nochmal woanders erkundigen. Wer wissen will, was denn die Muslime glauben, der muss sich erkundigen, was der Gesandte gesagt hat. Das Glaubensbekenntnis selbst offenbart das nicht.
Das gängige Glaubensbekenntnis der Christen ist dagegen wie eine geöffnete Tür ins Innere. Man kann und sollte auf die Dauer zwar des Näheren die Kirche befragen, natürlich, aber was zu glauben ist, steht schon da, in allen, wichtigen Punkten.

Hier liegt ein Keim unseres ersten Unterschiedes. Es ist nach christlichem Empfinden nämlich nicht nur das Glaubensbekenntnis, was offen steht, es ist ebenso die Gottheit selbst, die sich sozusagen geöffnet hat. (Der Vernunft ein wenig, dem Glauben ganz, möchte ich etwas geheimnisvoll hinzufügen) Dass das Glaubensbekenntnis offen steht, ist wie ein Zeichen für die Offenheit Gottes, von der noch zu reden ist.

Ich spreche hier, wie gesagt, von einem grundsätzlichen Empfinden beim Klang des Namens Gott. Gestatte mir, das mit zwei Gedanken noch etwas zu beschreiben. Auf meine Frage, was „Allahu akbar“ genauer heißt, sagte mir einmal ein Gelehrter, es heiße eigentlich nicht, wie oft gemeint, „Gott ist groß“. Das sei zu wenig. Es bedeute, Gott sei am größten und immer der Größere. „Gott ist größer“, wäre richtiger übersetzt. Das erst drücke nämlich seine Erhabenheit aus. Also: Was immer jemand von Gott sagen kann, es muss immer dazu gesagt werden, dass er eine Nummer zu groß für uns ist. Wenn wir ihn fassen wollen, flutscht er uns aus den Fingern. Auch der Prophet kann uns mehr nicht sagen. Auch er steht, wie jede vernunftbeschenkte Kreatur, staunend vor dem ewig größeren Geheimnis. Das ist dem christlichen Empfinden nach anders. Deshalb reden die Christen so offen über Gott und die Muslime hüsteln schon mal und meinen, es gehe etwas zu weit damit.

Es ist nur ein kleiner Unterschied, der am Ende doch alles anders aussehen lässt. Erlaube mir noch einen kurzen Ausflug in die Welt der Sprache. Unser christliches Glaubensbekenntnis steht eigentlich in Latein da, wie das Eure in Arabisch. Das Übersetzen von der einen Sprache in die andere ist immer so eine Sache. Man kann versuchen, so genau zu sein, wie man möchte; Wörter eins zu eins sind oft zu wenig.

Das Wort Glauben zum Beispiel hat mehrere Bedeutungen. Jemand kann sagen, er glaubt an Gott. Damit glaubt er vielleicht nur, dass es einen gibt. Es kann aber sein, dass er nichts weiter von ihm wissen will.
Ein zweites ist, man glaubt jemandem, was er sagt. Dass es ihn gibt, ist vorausgesetzt. In diesem Sinn glaubt zum Beispiel ein Muslim, was der Prophet verkündet hat. Dass es den Propheten überhaupt gab, ist kein Thema mehr, das ist vorausgesetzt. Wenn man so möchte, baut das eine Glauben auf das andere auf. Zuerst glaubt man an den Propheten, und dann glaubt man, was er sagte.
Jetzt gibt es noch ein drittes Glauben, und das wird oft vergessen wird, ist aber für das Zusammenleben sehr wichtig. Indem ich Dir glaube, was Du sagst, komme ich Dir näher. Das setzt aber ein Verhältnis des Vertrauens voraus. Wenn wir Freunde sind, ich meine jetzt wirklich, dann glaube ich Dir alles, was Du mir im Ernst sagst. Das kann auch etwas sein, was ich sonst niemandem abnehmen würde. Genau das macht die Freundschaft aus, und darin sind sich Freunde näher gekommen als irgendwelche Leute sonst. Das bedeutet, der freundschaftliche Glaube bringt uns näher zusammen. Wirkliche Freunde lernen einander kennen, wie nur wirkliche Freunde es können. Das heißt, ich glaube sozusagen in die Kammer Deines Herzens hinein. Da dürfen nur Freunde wohnen.
Man es auch anders herum sagen. Wenn ein Richter einen Schurken vor sich hat, dem eigentlich nicht über den Weg zu trauen ist, und wenn dieser etwas bezeugt, was offensichtlich stimmt, dann glaubt der Richter ihm, er traut ihm aber noch lange nicht. Das heißt, er kauft es ihm ab, aber widerwillig. Das ist kein wirklicher Glaube. Der Halunke kommt dem Richter nicht näher und der Richter will wohl auch eher Abstand wahren. Wirklicher Glaube ist eine Sache zwischen Personen, die mit einander zu tun haben wollen, die Lust haben, einander ihre Welt und ihr Leben zu öffnen.

Jetzt kommt, was für Muslime eher fremd sein dürfte. Gott ist der Erhabene, das bleibt er auch, und ich versuche hier, diese Erhabenheit mit vielen Worten zu erklären, wie Meister Thomas sie mit noch viel mehr Wörtern und viel besser erklären konnte. Es hat aber eine Zeit gegeben, in der Gott der Welt durch seine Propheten seinen Beschluss mitteilen ließ, nämlich dass er vorhat, uns wie Freunde zu behandeln und uns in seine Welt schauen zu lassen. Das ist ein tiefes Geheimnis.

Sent III,23,2, cq2, co: „Ex hoc enim quod intellectus terminatur ad unum, actus fidei est credere Deum, quia objectum fidei est Deus secundum quod in se consideratur, vel aliquid circa ipsum, vel ab ipso. Ex hoc vero quod intellectus determinatur a voluntate, secundum hoc actus fidei est credere in Deum, idest amando in eum tendere.“
– „Insofern der Intellekt vom Erfassen des Einen her bestimmt wird, bedeutet Glauben ‚an Gott glauben‘, denn das Objekt des Glaubens ist Gott, insofern bedacht wird, was er ist, was ihn betrifft oder was von ihm ausgeht. Wenn der Glaube aber vom Willen her gesehen wird, bedeutet der Glaubensakt ein ‚Glauben in Gott‘, das heißt, sich liebend auf ihn hin ausstrecken.“

Thomas beschreibt hier sozusagen den natürlichen Vorgang des Glaubens, wie Menschen ihn einander entgegenbringen. Das Erstaunliche der christlichen Botschaft ist nun, dass Gott beschlossen hat, diesen natürlichen Akt Gott gegenüber nicht ins Leere laufen zu lassen, sondern ihm im gnädigen Akt der Menschwerdung sozusagen entgegen zu kommen.

Islam und Christentum, Teil 17

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Es kann nur einen geben!

Mit „Sein“ ist sozusagen das reine Dasein gemeint. Es ist immer das selbe und das, was alle haben. Das Nashorn im Zoo hat sein ganz eigenes Dasein. Es hängt aber ebenso am Elektromagneten Gottes, wie der Wärter, der ihm den Käfig putzt. Ein Haus hat sein Existieren, ebenso wie die Maurer, die es bauten. Alles, was es gibt, hat sein Dasein. Alles was ist, hat sein Sein, und damit meine ich jetzt erst einmal nur die reine Existenz, das reine Daseindürfen, wenn Du so willst.

Hier haben mein atheistischer Freund (nicht nur Mahmoud hat seinen) und ich uns immer irgendwie unterschieden: Wir betrachteten die Tatsache, dass es Lichtteilchen gibt, die seit mehreren Milliarden Jahren durch das All donnern, bis sie auf die Linse unserer Messgeräte trifft. Seit Milliarden von Jahren hatte es sein kleines Dasein, es flog und flog, bis es auf die Kamera traf. Was dann aus ihm wurde, wissen wir nicht. Vermutlich fliegt es noch heute. Mein Kumpel, der ja Atheist war, ging davon aus, das Teilchen würde es „nunmal“ geben. „Die Dinge gibt es und basta“, war etwa seine Aussage. Ich hielt dagegen: „Die Dinge gibt es und, klar, basta. Es ist aber der Schöpfer, der zuerst das Basta spricht.“ Kein Ding, so meine Behauptung, hat sein reines Existieren von sich aus oder von selbst irgendwie. Alles, was existiert, hat seine Existenz, und es hat sie wie ein Geschenk. Kein Ding hat eine ewige Garantie zu sein, es sei denn, der Schöpfer will nicht mehr. Die Möglichkeit weiter fliegen zu können, das hat das Lichtteilchen aus der Tatsache, dass es ein Lichtteilchen ist. Lichtteilchen fliegen nunmal, und das mit dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde. Aber dass es das Lichtteilchen gibt, das hat es nicht aus der Tatsache, dass es ein Lichtteilchen ist.

Ein Mensch ist ein Mensch, weil zwei Menschen ihn gezeugt haben. Ein Mensch hat sein Dasein als solches aber nicht aus seiner Menschennatur. Das Dasein als solche haben ja auch alle anderen Dinge, die mit dem Menschen nicht das Geringste zu tun haben. Wir müssen verstehen: Das reine Dasein ist etwas anderes als die Natur der Dinge. Die Natur einer Blume ist etwas ganz anderes als die Natur eine Menschen oder eines Nashorns. Das Dasein aber ist immer irgendwie dasselbe, reine Existenz, und die verbindet alle Dinge. Deshalb können die klassischen Philosophen sagen, das Sein ist das, was alle haben. Mögen die Dinge noch so verschieden sein.

Ich mache es zum besseren Verstehen noch etwas komplizierter. Ich weiß jetzt nicht, ob Lichtteilchen sich irgendwie zu Lichtteilchen entwickelt oder nochmal irgendwie zusammengebaut haben. Die Forscher arbeiten an Lösungen. Aber in der Welt, die wir verstehen können wir sagen, alle Dinge entwickeln sich. Eine Blume braucht Zeit zum Wachsen, ein Molekül braucht Zeit, sich aus Atomen zusammen zu finden. Alle Dinge entwickeln sich irgendwie, ob schnell, oder in einem Augenblick. Alles braucht Zeit und Möglichkeiten. In Sachen Schöpfung, schreibt der Meister, muss es anders sein. Das reine Dasein ist entweder an oder aus, wie Licht entweder angeschaltet ist oder nicht. Das reine Dasein der Dinge ist entweder da oder nicht. Es gibt nichts dazwischen. Ein Ding kann es entweder geben oder es gibt es nicht. Entweder es gibt das Teilchen oder es ist nicht da. In der Welt entwickelt sich alles. Schöpfung aber geschieht ohne Zeit und ohne Entwicklung. Wenn Gott will, dass etwas da ist, dann ist es sofort und ganz da. Wenn er will, dass es verschwindet, dann ist es sofort ganz und ohne jede Spur weg.

Vielleicht wird jetzt langsam klar, dass der Schöpfer nicht auch einer sein kann, der sein Dasein von einem anderen geschenkt bekommt. Hier kann es nur einen geben. Denn wenn der Schöpfer wieder jemanden über sich hätte, dann wäre er kein Schöpfer, sondern nur irgendwie ein Weitergeber. Jetzt kommt der Gedanke des heiligen Thomas: Erschaffen im eigentlichen Sinn, das kann nur einer. Es kann nur einen geben, der das Sein der Dinge erschaffen und erhalten kann, denn es ist ja das Sein aller Dinge zugleich. Der Schöpfer muss also einer sein, der sein sein nicht (bekommen) hat, sondern es muss einer sein, der sein Sein ist. Höher kann man nicht klettern.

Islam und Christentum, Teil 16

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Was macht Gott denn nun?

Als ich in Österreich studiert habe, da erzählte man sich eine hübsche Geschichte: Ein Student kam zur Prüfung in der klassischen Philosophie. Sein Professor gab ihm die Aufgabe, etwas über das Sein zu sagen. „Was ist das Sein?“, hieß die Frage. „Das Sein, Herr Professor, muss ich das wissen?“, erkundigte sich der besorgte Student. „Nein, mein Herr, natürlich nicht, nicht wenn Sie Weinbauer im Burgenland werden wollen.“

Es stimmt, Weinbauer im schönen Burgenland müssen nicht wissen, was es mit dem Sein auf sich hat. Wer sich aber länger über die Gottheit und seine Schöpfung unterhalten will, der kommt um das Wort nicht herum.

Weißt Du was? Ich gebe Dir wieder eine Behauptung vor, die vermutlich wieder sehr befremdlich daher kommt:

Alle Dinge, die es gibt, haben ihr Sein,
und nur Gott allein, der ist sein Sein persönlich.

Diesen Satz zu erklären bin ich, ehrlich gesagt, angetreten. Nebenbei bemerkt und nochmals gesagt, ich werde verstehen, wenn Du an dieser Stelle oder irgendwann später sagst, es reicht Dir. Man muss von diesen Dingen nicht alles wissen, um Weinbauer im Burgenland, Wirtschaftsingenieur in Bayern oder Krabbenfischer an der Nordsee zu werden. Manche sagen sogar, es reicht, wenn Gott sich auskennt, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Ich würde meine Sache hier dennoch gern zum Ende bringen, damit wir es Mahmoud zum besseren Diskutieren an die Hand geben können.

Wir werden uns auf einen Satz einigen können: Gott hat die Welt erschaffen. Darf ich einen kleinen Gedanken anhängen, der nicht unwichtig ist? Gott erschafft die Welt noch immer. Er erschafft sie sogar so lange und in jedem einzelnen Augenblick einzeln, wie sie besteht. Das wird auch für das Paradies oder den Himmel gelten: Gott erschafft die Dinge unentwegt. Damit meine ich nicht nur die neuen an ihrem Anfang, sondern jedes einzelne, solange es da ist. Hier muss vermutlich jeder erst einmal umdenken. Wir sind gewohnt, uns unter Schöpfung und Erschaffung etwas anderes vorzustellen.

Wir sind gewohnt, uns den Lieben Gott wie unseren schon bekannten Uhrmacher vorzustellen. Er erfindet die Uhr, sorgt für die Einzelteile, setzt sie zusammen, bastelt eine Batterie hinein und fertig läuft die Maschine. Der Uhrmacher kassiert sein Geld und wird nicht weiter gebraucht. Das ist mit der Schöpfung ganz anders. Der Schöpfer denkt sich die Welt aus, er macht, dass es sie gibt und muss ihr ganz nahe bleiben, ansonsten fällt sie wieder ins Nichtsein zurück. Das gilt für alle Dinge einzeln und für das komplette Universum.
Stell Dir einen Elektromagneten vor, der ein Auto ein paar Meter über der Straße hält. Solange Strom fließt, schwebt der Wagen in der Luft. Sobald aber einer den Strom unterbricht, fällt das Ding herunter und das Auto ist hinüber. Mit Schöpfung meinen wir etwas ganz ähnliches. Der Schöpfer ruft die Dinge ins Dasein und hält sie darinnen. Die Energie ist schlicht sein Wille, dass es die Dinge gibt, denn Gott braucht nur wollen und es ist sogleich, was er möchte. Sollte Gott aber irgendwann nicht mehr wollen, dass es die Welt gibt, es würde sie mit einem Schlag nicht geben. Solange es die Welt gibt, will Gott, dass sie sei. Das meinen wir, wenn wir sagen, Gott erschafft die Welt. Das, wie gesagt, nicht gemeint, wie ein reiner Anfang, der dann von alleine läuft. Gott will uns immer! Auch im Paradies werden wir ewig nur deshalb sein, weil Gott aktuell und immer möchte, dass es uns gibt. Das gilt genau so für die Blumenwiese, über die wir laufen, wie für jedes Grashalm einzeln. Das gilt für jedes Atom einzeln, das gilt für den Dom in Köln und für die Zugspitze in den Alpen. Alles ist, weil Gott gut findet, dass es ist und alles würde aufhören, wenn er wollte, das etwas ins Nichts versinkt. Der Schöpfer hält also die Dinge in ihrer Existenz. So jedenfalls erklärt uns der Meister Thomas seinen, den christlichen Entwurf von der Welt, und ich würde meinen, bis hierher dürften sich die Gelehrten meines und Deines Glaubens auf das Meiste einigen können, sobald sie beginnen, gemeinsam etwas tiefer drüber nachzudenken.

Islam und Christentum, Teil 15

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Was macht das Feuer im Eisen?

Jetzt also erst einmal ein Gedanke zur Behauptung, Gott sei nicht wirklich in der Welt. Anders ausgedrückt: Gott wirkt wohl in der Welt, aber ohne selbst in ihr zu sein. Stell Dir ein Eisen vor, das im Feuer liegt. Das Feuer macht es glühend rot. Ziehen wir es ins Kalte und schneiden es auf, dann werden wir in ihm kein Feuer finden, sondern nur warmes Eisen. Das gleiche gilt mit einem Stück Stein, das in der Sonne liegt. Er wird warm, aber wenn wir seine Materialien untersuchen, dann finden wir nirgendwo eine Sonne oder ein Stück von ihr darin. Die Sonne ist ihrer Wirkung nach im Stein und das Schmiedefeuer ist nur seiner Wirkung nach im Eisen. Es erwirkt Wärme, aber ohne real in ihm zupacken zu müssen, wie wenn ein Schlosser den laufenden Vergaser nur einstellen kann, wenn er einen Schraubenschlüssel in ihm ansetzt. Die Sonne und das Feuer im Ofen brauchen einfach keinen Schlüssel. Sie wirken anders.

Ein bisschen so können wir uns das mit Gott und der Welt vorstellen. Gott wirkt in ihr, er hat es, was seine Göttlichkeit angeht, aber nicht nötig, selber Hammer und Meißel zu sein und in der Welt Gewichte zu stemmen. Er wirkt einfach. Um ein Fremdwort in die Debatte einzuführen: Es gehört zu unserer Definition von Gott, in der Welt höchst wirksam, aber nicht persönlich anwesend zu sein. Die Gläubigen nennen Gott den Erhabenen, und das trifft die Sache einigermaßen auf den Punkt. Gott wirkt und lässt wirken. Seine erhabene Möglichkeit, alles zu können, hat es aber nicht nötig, herabzusteigen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die Gottheit ist der Welt total über. Warum er nach christlicher Ansicht doch irgendwann aPersönlich kam und wie man sich das denken kann, darüber im zweiten Teil, wo es um die Menschwerdung und ihr Angemessensein geht.

Jetzt vielleicht eine Frage, deren Antwort in der Diskussion unseres gläubigen Freundes hilfreich sein könnte: Was ist es denn, das Gott in der Welt wirkt, ohne da zu sein? Die Hitze der Steine und im Eisen besorgen ja die Sonne und das Feuer. Dass die Dinge auf Erden kommen und gehen, das erledigen sie auch selbst. Wenn die Bayern nach Bochum kommen, gewinnen in der Regel die Bayern, auch das braucht Gott nicht machen. Wenn wir dabei bleiben, dass er etwas tut, dann sollten wir sagen können, was es ist, um ihn nicht so überflüssig erscheinen zu lassen, wie die Atheisten gerne meinen.

Ich sage Dir den Gedanken schon mal, für den Fall, dass Du Lust hast, vor meiner Erklärung mit ihm spazieren zu gehen und über in nachzudenken: Gott bewirkt das Sein der Dinge, sowohl der einzelnen, als auch das der ganzen Welt auf einmal.
Es sei gleich gesagt: Das „Sein“ ist für Ungeübte ein etwas fremder Begriff, wie das Schalten für Fahrschüler am Anfang fremd ist. Aber keine Sorge. Man muss erst eine Zeit lang auf ungefährlichem Gebiet fahren, bis man vom Kuppeln, vom Hoch- oder Herunterschalten nichts mehr merkt und alles wie von selbst geht. So ungefähr müssen sich die Schüler des Meisters Thomas an den Begriff vom „Sein als solchen“ gewöhnen, bis sie ihn automatisch denken.
Der Schöpfer bewirkt das Sein der Dinge. Schöpfen heißt erschaffen. Der Schöpfer erschafft die Dinge. Das heißt, er sorgt dafür, dass ein Ding vom Nichtsein zum Sein gelangt.

Islam und Christentum, Teil 14

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Mahmoud und der Urhrmacher.

Unser Freund ist in eine Falle geraten, auf die er nicht vorbereitet war. Er hat sie sich aber selber gelegt. Sein Gedanke war naheliegend. Alles, was irgendwo ist, muss irgendwo her sein. Wenn irgendwo eine Musik zu hören ist, dann muss irgendwo entweder ein Orchester, eine Band oder eine Musikanlage stehen. Musik kommt aus Instrumenten, und wir gehen davon aus, dass sie von jemandem gespielt wird. Ganz und gar ungespielte Musik gibt es nicht.Auch jedes Wort ist irgendwann gesprochen worden, und jede Schrift wurde geschrieben. So etwa muss Mahmoud gedacht haben: Die Welt ist die Handschrift eines Gottes. Woher soll sie sonst kommen? Alles kommt aus irgendwas, also muss die Welt einen Gott haben.
Dann aber kam die legitime Gegenfrage: „Wenn alles einen Ursprung hat, woher kommt Gott dann? Wo hat er seinen Ursprung und sein Herkommen?“ Hier schnappte die Falle zu, auf die unser Freund nicht vorbereitet war. Er wusste keine Antwort.

Es ist nun so, dass nicht jeder für solche Fragen gerüstet sein muss. Die Religion sollte eigentlich eine Sache für jedermann sein. Jeder Mensch muss alles Wichtige leicht verstehen können. Nicht jeder, der ein Auto fährt, muss wissen, wie sein Getriebe aufgebaut ist, wer es erfunden und entwickelt hat und was die Fertigung gekostet hat. Es reicht, wenn man eine Erlaubnis zum Fahren hat, wenn man weiß, wie das geht und wo die Leute sind, die es reparieren können.
Wenn sich nun aber ein Fahrer zum Diskutieren in die Werkstatt begibt, wo die Spezialisten arbeiten, dann sollte er gerüstet sein und Bescheid wissen. Das hatte Mahmoud nicht hinreichend getan, als er mit dem Atheisten zu streiten begann, allerdings ohne sich vorzubereiten.

Unser Meister Thomas hat seine berühmte „Summe gegen die Heiden“ übrigens aus diesem Grund geschrieben: Die Leute, die sich mit andersgläubigen zu unterhalten hatten, sollten ausreichend ausgerüstet sein und möglichst allen schwieriegen Fragen in Sachen Glaube und Religion mit Argumenten begegnen können. Die Missionare sollten den Aufbau des Glaubens kennen und mit den Einwänden, die kommen könnten, hinreichend vertraut sein. Ein Blick in Gedanken des heiligen Thomas kann also von großem Wert sein, wenn man sich auf schwierige Gespräche einlässt.

Wir haben in unserer Sache die Antwort übrigens ansatzweise schon gegeben, als wir sagten, Gott sei der Erfinder der Welt und selbst nicht in ihr zu finden. Er müsse als ihr Schöpfer irgendwie ein ganz anderer sein. Unser Beispiel war der Uhrmacher, der selber auch nicht in seinen Uhren steckt.

Als Mahmoud das nicht bedachte, konnte sein Gegner es sich leicht machen und den Gott, den Mahmoud ins Spiel warf, mit in die lange Reihe stellen. Wenn „alles“ einen Ursprung haben muss, und Gott zu diesem „Alles“ gehört, dann muss er, wie alles eben, auch irgendwo her sein. Mahmoud hatte nicht bedacht, dass der Uhrmacher nicht in der Uhr ist und nicht mit zu ihren Einzelteilen gerechnet werden kann. Gott muss seiner Schöpfung so über sein, wie der Uhrmacher seinen Erfindungen über ist, als der ganz andere. Gott zählt nicht zu „allem“, er ist vielmehr allem über. Wie man das verstehen kann, dazu morgen mehr.