Die Gabe der Einsicht

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Eine Katechese zur Firmung

Mir fällt auf, je einfacher die Wörter sind, mit denen wir reden, oder besser gesagt, je selbstverständlicher sie scheinen, desto länger muss ich manchmal über sie nachdenken; oft, ohne sie wirklich ganz verstehen zu können. Heute ist die zweite der sieben Gaben des Heiligen Geistes an der Reihe. Sie heißt die Gabe der Einsicht, und das Wort „Einsicht“ ist so eins von der Sorte. Ich meine, wenn ein Beamter sagt, er habe noch keine Einsicht in die Akte von Herrn Soundso gehabt, dann hat er einfach noch nicht in ihnen Lesen können. Die Sache ist ziemlich klar. Aber eine Einsicht in eine Sache haben kann ein Vorgang sein, der etwas anderes ist, als seine Zeit damit zu verbringen, Akten zu wälzen.
Wenn Dir jemand eine Torte vorsetzt, die in einige Stücke geschnitten ist und Dich bittet, ihm zu sagen, um wie viele es sich handelt, dann zählst Du kurz und kannst antworten. Du hast gezählt oder gerechnet. Man würde aber nicht sagen, Du hast eingesehen, dass es zwölf Stücke waren.
Stellt Dir aber jemand eine ganze Torte vor die Augen und daneben ein einzelnes Stück, dann weißt Du sofort, so genau und sebstverständlich, dass die ganze Torte größer ist, dass niemand ein Wort darüber zu verlieren bräuchte. Dass ein Teil kleiner ist als ein Ganzes, das sieht man gleich ein. Es braucht da kein Überlegen und rechnen, man weiß es,eben, weil man es einsieht.
Dass man einen anderen Menschen nicht grundlos ohrfeigt, sieht auch jeder ein. Man muss da nichts erklären, und wer das nicht einsieht, dem ist mit Belehrungen nicht zu helfen, der hat irgendwo einen Fehler im System. Einsicht ist Einsicht. Man hat sie oder man hat sie nicht. Immer wenn ich über die Gabe der Einsicht nachdenke, dann meine ich, sie muss irgendwie von dieser Art sein.

Übrigens, wann immer ich mir wünsche, ein Mensch, den ich mag, möge zum guten Glauben finden, dann halte ich es für das Sinnvollste, Gott um die Gabe der Einsicht in seinem Herzen zu bitten. Logische Argumente sind wichtig und hilfreich. Sie können viel vermitteln und viel aus dem Weg räumen, aber eine wirkliche Einsicht können sie nicht geben. Die Bitte um Einsicht wünscht sich, dass jemand einfachhin weiß, was ist, wie es ist.
Wirkliche Einsichten kann uns auch keiner ausreden. Dass man unschuldige Leute nicht ohrfeigt und das Teile kleiner sind, als das Ganze, kann man gar nicht diskutieren. Man kann wohl eine Menge drüber sagen, aber niemand kann drüber verhandeln.

Im Moment wird relativ viel über die Bibel gesprochen, weil sehr viel über den Koran geredet wird. Wenn jemand sagt, im Koran stünden schlimme Sachen, dann kommt sicher einer um die Ecke und sagt, mit der Bibel sei es nicht viel anders. Wir nennen die Bibel das Wort Gottes, meinen es aber anders, als die Muslime, wenn sie ihren Koran Gottes Wort nennen. Für uns ist das eigentliche Wort Jesus, und die Bibel ist das Buch, das von ihm handelt. Das zum Teil Sachen darin stehen, die uns nicht behagen, ist nicht sonderlich schlimm, denn verstehen kann nur jeder, was er verstehen soll, wenn er vom Geist Gottes mit der Gabe der Einsicht beschenkt wird. Ist das der Fall, dann wird er auch die unbequemen Teile richtig einzuordnen wissen. Die Bibel ist mit Hilfe des Geistes geschrieben und zusammengestellt worden. Dann sollte sie auch im selben Geist gelesen werden.

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Spricht Gott?

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Eine Katechese zur Firmung

Einen Weg würde ich gern noch bestreiten. Er beginnt wieder mit einer Frage. Gott kann alles, sagen wir. Kann er auch sprechen? Jeder wird sagen, er kann, schließlich ist er allmächtig. Es wäre nur zu fragen, ob wir ihn verstehen, wenn er spricht. Er müsste, damit wir ihn verstehen, in einer Sprache sprechen, die wir verstehen. Dass ein allmächtiger Gott das kann, steht außer Frage. Aber ob er will oder nicht, das ist seine Sache.
Es gibt nun aber zwei Arten von Worten. Die einen machen wir mit unserer Zunge hörbar, die anderen bleiben in uns. Etwa, wenn wir uns etwas ausdenken. Gedanken, auch wenn wir sie uns innerlich vorsprechen, bleiben in dem, der sie denkt, und normalerweise können Gedanken nicht gelesen, schon gar nicht gehört werden. Meine Frage wäre: Ein Gott, der sprechen kann, tut er es nicht auch? Die Christen sagen, ja, er tut es. In Gott spricht sich eine Art Wort aus. Das müssen wir uns nicht vorstellen, wie wenn in Gott Mund und Ohren wären. Das muss nicht sein. Aber Kontakt mit sich selbst, das ist denkbar, und wir nennen das nur Wort, weil uns nichts Besseres einfällt. Wir sagen ja auch, Gott hat die Welt ins Leben gerufen und müssen nicht annehmen, dass da ein Ruf aus Schallwellen gemeint ist. Die Gottheit ist uns natürlich in allem völlig über und überlegen. Unsere Worte sind unbeholfen und Gott wird milde lächeln über unsere Versuche, uns ihn vorzustellen.
Es ist aber nunmal so, dass Jesus einerseits den Befehl gegeben hat, „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen. Das Evangelium nach Johannes beginnt mit den feierlichen Worten:

„Im Anfang war das Wort,
das Wort war bei Gott,
das Wort war Gott,
im Anfang war es bei Gott.“

Das meint das innere Wort, das es seit Ewigkeit in ihm gibt. Es ist höchstes, liebevolles Entzücken. Dann steht, etwas weiter der feierliche, unglaubliche Satz:

„Das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt.“

Das meint, dass Gott beschlossen hat, sein inneres Wort auch auf der Erde auszusprechen, freilich, ohne die unveränderliche Gottheit zu verändern. Gott hat nach christlichem Glauben Fleisch angenommen. Nur so konnte Jesus später zu seinen Jüngern sagen:

„Wer mich sieht, der sieht den Vater.“

Auch das meint natürlich nicht dass Gott wie Jesus ausschaut. Die Gottheit ist unanschaulich und für keine Augen sichtbar. Gemeint ist eher, dass wer Jesus sieht, was er tut, was er spricht, wie er zu den Menschen war, der sieht Gottes Gesinnung und Liebe. Die nachzuahmen ist die unerfüllbare, aber gegebene Aufgabe aller Christen.

Dreifaltigkeit, nachgefragt

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Eine Katechese zur Firmung

Wie gesagt, wir reden hier jetzt einmal von Gott ohne den Menschen und die Welt mit in Betracht zu ziehen. Das ist ein bisschen, wie wenn ein Biologe von einer Katze spricht. Er braucht nicht wissen, wem sie gehört, wer sie lieb hat, woher sie stammt und ob sie noch Katzengeschwister hat. Er betrachtet ihr Fell, ihre Knochen, ihre Muskeln und Zellen, ganz ohne ein Außen zu berücksichtigen.

Ich würde gern eine Frage stellen: Weiß Gott, dass er Gott ist? Ich meine, kennt er sich selbst? Wie gesagt, nur für sich genommen. Als es noch keine Welt gab und Gott noch ganz allein war, hat er sich da gekannt? Hat er um sich selbst gewusst? Viele werden „hier steige ich aus“ sagen und nicht mehr mit denken. Aber lass es uns einmal tun.
Wenn Gott, auch ganz ohne die Schöpfung weiß, dass er Gott ist, dann muss es in ihm doch irgendwie zweierlei geben. Eine Komponente, die weiß und eine Komponente, die gewusst wird. Wenn Du etwas siehst, dann gibt es etwas, was sieht und etwas, was gesehen wird. Beide müssen da sein, sonst gibt es kein Sehen. Ein Auge, das nichts sieht, ist blind. So ist auch ein Vermögen etwas zu wissen nichts, wenn da nichts ist, was es weiß. Das ist jetzt alles etwas kompliziert, aber einfacher geht es nicht. Wenn Gott weiß, dass er Gott ist, dann muss es in ihm mindestens so etwas geben, wie eine Zweieinigkeit: Ein Wissendes und ein Gewusstes.

Der zweite Weg und wieder eine Frage: Ist Gott lebendig? Alle Religionen sagen, Gott ist das Leben und er schenkt das Leben. Alles Lebendige kommt aus ihm, so ist er selbst das Leben der lebendigen Dinge. Lassen wir das mal so stehen und bedenken wir, was Leben hier denn meinen muss. Alles, was lebendig ist, bewegt sich irgendwie. Alles, was lebendig ist, wächst, oder es marschiert hier und da hin. Leben heißt auf jeden Fall so etwas wie ein inneres Pulsieren. Auch die Qualle, die eigentlich gar nicht mehr zu sein scheint, wie eine schwimmende Plastiktüte, bewegt sich selbst von innen her. Wie immer auch, sie pulsiert innerlich. Leben heißt Innerlichkeit haben, leben heißt pulsieren, leben heißt Bewegung. Nur im Stein, der tot ist, tut sich nichts. Wie können wir von Gott sagen, er lebt, wenn sich in ihm nichts tut?

Ein dritter Weg. Es heißt, wir sollen Gott lieben. Auch unsere muslimischen Freunde sagen das: Gott zu lieben ist das höchste. Aber wenn wir Gott lieben sollen, liebt er sich selbst nicht auch? Wie kann man lieben, ohne dass es ein Liebendes und ein Geliebtes gibt? Wenn Gott ganz und gar liebenswert ist, was alle behaupten, dann muss es in ihm etwas geben, was das erkennt. Wir nennen einen Menschen, der das Liebenswerte nicht als liebenswert erkennt, stumpfsinnig. So etwas von der Gottheit sagen, sei ferne. Auf der anderen Seite finden wir es befremdlich, wenn wir Menschen von anderen Menschen sagen, sie würden sich selbst als erstes lieben. Wir Christen behaupten das aber von Gott, nicht im Sinn eines Egoismus, sondern in dem Sinn, dass Gott der erste ist, der sich an seiner Schönheit und Größe erfreut. Das dürfen wir übrigens auch. Wenn Du etwas gut gemacht hast, wenn Du etwas geschafft hast, für das Du lange üben musstest, dann darfst Du Dich daran erfreuen, ohne ein Egoist zu sein. Es gibt sie, die gesunde Liebe seiner selbst.
Wenn Gott die Liebe ist, dann muss es in ihm ein Liebendes und ein Geliebtes geben. Beides muss aber Gott und kann nichts anderes sein. So sprechen die Christen davon, dass es in Gott sozusagen dreierlei gibt: Ein Liebendes, ein Geliebtes und die Liebe, die beide verbindet. Aber wie gesagt, immer schon, ewig und eins.

Ein vierter Weg. Du bist als Person nur eine. Dennoch kann es schon mal sein, dass Du Dich selbst zu groß, zu klein, zu dick oder zu dünn findest. Es kann auch sein, Du findest Dich ganz ok, so wie Du bist. Wie immer das auch sein mag, eins steht fest: Du findest Dich irgendwie. Aber wie kann das sein, wenn Du nur eine bist? Auch in Dir schlagen zwei Herzen. Das eine sieht sich und das andere wird gesehen, anders kann man sich nicht „finden“.
Du bist traurig, wenn Du mit Dir nicht zufrieden bist. Du freust Dich an Dir selbst, wenn dir etwas gelang. Du ärgerst Dich, wenn Du zu kurz kommst und hast Spaß, wenn man Dich ehrt. Das bedeutet doch, es ist das Band einer Zuneigung, einer Liebe in Dir, das beide Herzen verbindet. In diesem Sinn haben die Kirchenväter schon sehr früh gesagt, auch der Mensch ist innerlich so etwas wie eine Dreieinigkeit. Du bist nur eine Person, aber in Dir ist Wissen, Leben und Liebe.

Was wir glauben, sollte kein Unsinn sein

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Eine Katechese zur Firmung

Lass uns kurz über Gott reden, und zwar, wie es nicht oft geschieht. Die Prediger in unseren Kirchen reden natürlich von Gott, aber sie tun das nur selten oder nie, ohne die Menschen dabei einmal außen vor zu lassen. Es geht fast immer darum, was Gott mit uns zu tun hat, was er uns angeht, wie er uns behandelt oder wir ihn. Es geht darum, dass er uns helfen soll, dass wir ihn loben und wie wir ihn in unserem Alltag bei uns haben. Einfach nur von Gott, ganz ohne den Menschen oder die Welt, redet kaum jemand. Das sollten wir hier aber kurz machen, um das, was noch kommt, besser verstehen zu können. Wir sollten nämlich einen kurzen Gedanken über die Dreieinigkeit Gottes anstellen, schließlich ist der Heilige Geist einer von den dreien.

Dass Gott drei in eins ist, das haben wir von ihm. Es ist ein Wissen, das er uns persönlich mitgeteilt hat, weil er wollte, dass wir das wissen. Ich sehe gerade einen Vogel auf dem Baum vor meinem Fenster. Ich weiß, dass es Vögel gibt, weil die Menschen immer schon Vögel gesehen haben. Es  hat sie immer schon gegeben, und ob es Vögel gibt oder nicht, das brauchen wir nicht diskutieren, jeder weiß es. Aber stell Dir vor, es hätte noch nie ein Mensch je einen Vogel gesehen, alle Menschen würden den Himmel nur ohne fliegende Tiere kennen. Niemand würde denken, es müsste eigentlich so etwas geben, ein Himmel ohne Vögel sei eigentlich gar kein richtiger Himmel. Dass es Vögel gibt, das wissen wir von ihnen, einfach, weil sie vor uns her flattern und Nester in den Bäumen bauen. Hätte niemand je einen Vogel gesehen, es würde sich niemand einen malen.
So ist es mit Gott. Dass es ihn gibt, darauf haben schon die alten Griechen geschlossen, einfach aus ihrem logischen Denken. Aristoteles kannte keine Bibel und keine Juden. Christen und Muslime gab es noch gar nicht. Aber er dachte scharf nach und schrieb, das Ganze der Welt müsste eigentlich so etwas wie eine Gottheit haben, und es könnte nur eine sein. Auf zwei Sachen aber wäre er nie gekommen und kam er auch nicht. Erstens, dass Gott sich mit den Menschen in Verbindung setzt und erst recht nicht, dass Gott dreifaltig ist. Beides wissen wir nur von ihm und nur, seit er uns informiert hat.
Wenn wir von der Dreieinigkeit reden, dann also nicht, wie von etwas, das unbedingt so sein muss. Wir reden von etwas, das wir erfahren haben und versuchen es uns  im Nachhinein zu erklären.

Es haben mich schon oft muslimische Freunde gefragt, wie es denn sein könne, dass Gott einen Sohn hat und trotzdem nur einer ist. Der Sohn eines Menschen ist immer ein Mensch. So muss der Sohn Gottes doch auch ein zweiter Gott sein. Dass Gott zugleich eins und zugleich zwei ist, das wäre Unsinn. Entweder den Weihnachtsmann gibt es, oder es gibt ihn nicht. Beides zugleich behaupten ist ein Widerspruch in sich und Widersprüche in sich sind unsinnig. Wenn wir unseren Gesprächspartnern die Dreifaltigkeit mit Argumenten nahelegen, dann eigentlich nicht, dass sie sie glauben, sondern zunächst einmal nur, dass sie nicht glauben, wir glaubten Unsinn. Ich werde versuchen, mich der Sache auf mehreren Wegen zu nähern.

Die Religion ist keine Quelle der Moral

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Meinem lieben Doktor

Die Moral sagt uns, wie man sich zu benehmen hat, und was dieses sei, das sagt uns am besten erst einmal nicht die Religion. Ein Muslim mag anderen Muslimen vorschreiben, im Ramadan zu fasten und nach Arabien zu pilgern. Mir hat er in diesen Dingen nichts zu sagen. Ich kann von ihm auch nicht verlangen, zu Weihnachten das Christkind mit mir anzubeten. Wir können aber fordern, dass wir uns gefällig freundlich begegnen. Das kann man auch von Apachenhäuptlingen und Staatspräsidenten verlangen. „Du sollst nicht lügen“, steht natürlich im Alten Testament. Es könnte aber genau so gut für alle in die Wolken geschrieben worden sein, und alle würden lesen, was sie eigentlich schon immer gewusst haben.

Die groben Züge der Moral können weder aus der Religion, noch aus der Philosophie kommen. Aus der Religion aus schon genanntem Grunde, denn sie wären dann ja exklusiv und gälten nicht für alle. Aus der Werkstatt der Philosophie können sie nicht sein, denn dann wären sie ein Gegenstand des Erörterns und somit verhandelbar. Das sind sie aber nicht. Wir sollten uns weigern zu diskutieren, ob wir unsere Frauen verprügeln dürfen. Wer das tut, hat selber Schläge nötig, nicht aber Verhandlungen.

Wenn die Moralvorschriften nicht aus den Religionen kommen, dann sollten die Folgen bei Zuwiderhandeln auch nicht aus ihnen abgeleitet werden. Religion sollte weder bestrafen, noch Ratgeber in den Fragen sein, wer zu bestrafen wäre. An letzterem haben sich die Kirchen nach Kräften versündigt, am ersten bis heute jene unter den Moslems, die der Sharia nachlaufen. Aber das ist eine aufgeklärte Meinung, der es wie jeder Meinung geht: Man muss sie nicht haben.

Zu Henry Newmans Zeiten konnte in England nur studieren, wer eine brave Weihnachtsbeichte nachweisen konnte. Es war der selbe Newman, der diese Einmischung nicht länger wollte und seiner Kirche schrieb, sie würde ja auch keine Zolltarife regeln.

Aber auch Newman nahm seine Forderungen gewiss nicht aus der Religion. Es war der gesunde Menschenverstand. Also man kann von einem Kommunisten wohl verlangen, ehrlich zu bleiben. Die religiöse Polsterung kann man ihm ersparen.

Moral und Sanktion müssen allgemein sein. Wer behauptet, beides sei ganz unwandelbar vom unwandelbaren Gott, der hat die Dinge vielleicht nicht ganz durchdacht. Sklaverei ist Diebstahl, Diebstahl von Freiheit, von der Erlaubnis, sich häuslich einzurichten und Diebstahl an der Möglichkeit, seiner Würde Ausdruck zu verleihen. Wenn man sich darauf einigen kann, dann hätte der Prophet die Slaverei im Namen des Unwandelbaren schon damals verbieten müssen. Denn was heute falsch ist, das muss schon immer falsch gewesen sein. „Du sollst nicht stehlen!“, muss auch bedeuten, man darf dem Menschen seine Würde nicht wegnehmen. Der Prophet hat sich aber Sklaven genommen, alle haben das getan. Die ganze Welt war noch nicht so weit, von allgemeinen Menschenrechten zu sprechen.

Die Salafi, die der Welt jetzt das Leben schwer machen und sie in ein Kloster verwandeln wollen, die wollen das alles nicht, weil sie brave Schüler ihrer Schrift sein möchten. Sie wollen, das weil sie sich als Nachahmer der Altvorderen sehen, des Propheten und seiner ersten Nachfolger.  Die Leute sehen so ulkig aus, weil sie die gleichen Gewänder wie ihre Vorbilder glauben tragen zu müssen. Ins Christliche übertragen würde das bedeuten, unsere Männer müssten sich Bärte wie Petrus und Paulus wachsen lassen und am besten Fischer am See Genezareth sein oder Zeltmacher in Tarsus. Bei Jesu Gebot, den Nächsten zu lieben, müsste man nicht nur tun, was er sagte, sondern auch genau, wie er es tat. Hierin aber ändert sich die Welt ständig, und die Salafi sagen, das hätte sie seit 1400 Jahren nicht tun dürfen. Also Realpolitiker sind diese Heinis nicht. Einer Welt, die sich dreht vorschreiben, sie hätte damit gefälligst aufzuhören, ist so sinnvoll, wie dem Regen sagen, er solle nicht mehr fallen.
Es gibt sie aber, die philosophia perennis, die Philosophie, die sich nicht ändern kann.  Sie kann aber keine sein, die in die konkrete Welt agiert. Sie muss allgemeiner bleiben und den jeweils gerade Lebenden überlassen, Konkretes  zu tun.
„Diebstahl ist zu bestrafen“ mag etwas Bleibendes sein, Hände von den Armen trennen nicht. Heute bestraft man mit Geldbußen oder Knast. Was die von morgen machen, muss ihnen überlassen sein.

Meine vollkommene Religion

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Eine Katechese, Teil 14

Im vorigen Kapitel steckt ein Gedanke, der mir zu wichtig ist, als dass wir zu schnell über ihn hinweg gehen. Zusammengefasst lautet er etwa so: Wenn wir von Gott sprechen, dann meinen wir schon immer einen ganz bestimmten. Lass mich einen Gedanken dazu äußern.

Als mein Opa ein Kind war, fand er sich in einer Welt, die von allen Menschen ganz anders erlebt wurde als wir die Welt heute erleben. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, und ein Radio hatte auch niemand. Nachrichten mussten in Zeitungen gelesen werden oder man hörte irgendwie anders, was los war. Die Welt war in gewisser Weise viel kleiner. Niemand machte Urlaub im Ausland, man wanderte zur Kirche oder zur Schule bestenfalls ins nächste Dorf und in eine große Stadt fahren glich einer seltenen, langen Reise. Meine Großeltern haben in ihrer Jugend noch nie einen Menschen mit anderer Hautfarbe gesehen, außer in ihren Büchern vielleicht, die fantastische Abenteuer beschrieben mit gemalten Bildern zur Illustration.
Wenn in dieser Welt von Gott gesprochen wurde, dann war immer allen klar, dass der christliche gemeint ist. Niemand sprach einfach nur von Gott, sondern immer schon von dem, den die Bibel beschrieb und den der Pfarrer am Sonntag in der Kirche erklärte. Vom Gott der Muslime, von dem der Juden oder den vielen der Hindus und Buddhisten war nie die Rede.

Ganz anders als in meiner Jugend. Als ich meinem Kinderglauben entwuchs und anfing, mir meine eigenen Gedanken zu machen, stand ich gleich vor einer bunten Palette an Vorstellungen und Gottesbildern, zwischen denen man scheinbar wählen konnte. Alle machten ihre Angebote, und ich kann mich erinnern, wie mein erster muslimischer Freund mir von ganz fremden Vorstellungen seiner religiösen Kultur berichtete. Ich erinnere mich auch, wie ich nach dem kurzen Gespräch beim Spielen ganz froh war, meine eigene zu haben. Religion war überhaupt eigentlich immer nur Nebensache, über die man nie viel sprach, wie wir das jetzt tun. Man hatte sie einfach, wie das Wohnzimmer zuhause. Auch das hatte man, aber man redete nie drüber, und wenn, dann nur kurz und nebenbei.

Als wir erwachsener wurden, standen wir vor einer Aufgabe, die die Alten nicht hatten. Ihr geistiges Weltbild war fertig und es war das Bild ihrer Väter und Mütter.
Ich machte mir also meine Gedanken und da standen Angebote ins Haus, die mein Opa nicht gekannt hatte. Da war die geistige Welt meiner neuen Freunde, die aus ganz anderen Gegenden und Welten kamen. Da war so vieles andere, was sich bot und ich schaute mir eine Menge an. Es gab es die Esoterik mit ihren verrückten Ideen, mit positiven Energien, negativen Mächten und neuen Gottheiten. Da gab es den atheistischen Buddhismus, die vielen anderen Atheisten, die Zauberer und was nicht alles. Aber weißt Du, was am Ende, nach jahrelangen Gedanken bei mir heraus kam? Die selbe alte Freude, irgendwie Glück gehabt zu haben, in der schönsten und vor allem vollkommensten aller religiösen Welten geboren worden zu sein. Dieses Gefühl habe ich bis heute und es hat mich nie verlassen. Es ist wie das Gefühl eines Glückspilzes, der einfach das große Los gezogen hat, ohne etwas dafür getan zu haben.

Am Ende kamen nur drei Optionen in Frage: Das Judentum, das Christentum und der Islam. Alle drei hatten, zugegeben, eine Menge gemeinsam. Sie hatten eine gemeinsame Wurzel, den Mann mit Namen Abraham, mit dem Gott zuerst gesprochen hatte. Alle drei kannten also den Einen, alle drei waren überzeugt, dieser habe sich den Menschen zugewandt, um ihnen den Weg zu sich zu weisen. Alle drei glaubten, diese Gottheit sei barmherzig und gütig. Aber nur eine der drei verkündete ohne Unterlass, Gott sei zu alledem auch liebevoll, und das in unserem Sinne. Diesen letzten Schritt, den taten nur die Christen.

Die Philosophen lehrten mich, lieben heiße, gut finden, dass es das Geliebte gibt. Das sagten alle Religionen. Die Gottheit musste die Welt irgendwie lieb haben, er war sie ja nicht leid und wollte offensichtlich, dass es sie weiterhin gibt. Würde er nicht lieben, dass sie sei, dann wäre sie ja nicht mehr da. Irgendwie reichte mir das aber nicht, denn lieben hieß für mich nämlich immer schon mehr, als was die Philosophen sagten. Die Liebe, wie ich sie verstand und bis heute verstehe, sagt nämlich nicht nur: „Ich will, dass es dich gibt“, sie sagt auch nicht nur: „Ich will, dass es dir gut geht.“ Für mich sagte die Liebe schon immer auch: „Ich will für immer bei dir sein.“ Diesen Schritt, nämlich, dass Gott seine Welt so sehr geliebt hat, dass er in sie hinein wollte, um sie so an sein Herz zu holen, diesen religiösen Paukenschlag, den taten nur die Christen.

Das ganze stellte sich sehr einfach dar, und wie immer, so liegt auch hier unter den komplizierten Philosophien ein schlichtes Bild am Grunde. Erst kam das Judentum, das erste große Licht in der Welt. Es verkündete, es gibt einen Gott und es kann nur einen geben. Der nimmt sich seines Volkes an und wird eines Tages den Messias senden, der alles in Ordnung bringen wird. Das ist bis heute die große Sehnsucht der Juden. Dieser Messias war in meiner Welt in Christus aber schon gekommen. Er hat die Welt erlöst und wird sie in sich vollenden. Fünfhundert Jahre nach Christus kam dann Mohammed und verkündete seinen Leuten, das mit Jesus sei wohl wahr, nicht aber, das mit der Erlösung, die sei gar nicht nötig. Die Menschen müssten nur nach bestimmten Regeln leben und würden dadurch in ein schönes Paradies kommen oder nicht. Hier holt Gott aber nichts an sein Herz, hier kommt er auch nicht, um bei seinen Kindern zu sein. Einzig im Christentum bedeutet der Himmel, so am Herzen des göttlichen Vaters leben zu können, wie der Sohn, der einst gekommen war, den Grund dazu zu legen. So konnte ich meine schlichte Rechnung auf den Punkt bringen: Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, die ganz und gar fertig und vollendet ist. Das Judentum ist es noch nicht und der Islam ist es nicht mehr. So war ich am Ende froh, das Glück gehabt zu haben, mit der vollkommensten aller Botschaften aufgewachsen zu sein, und ich konnte in Ruhe denken, das Vollkommenste sei auch das Wahrste.

Die Ungläubigen

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Briefe an unseren Bufdi

Seit diese ausgeflippten Muslime überall dieses mörderische Theater veranstalten, hat ein Wort nebeliges Wort „Unglauben“ Konjunktur, über das ich schon lange mit Dir reden wollte. Das Wort ist nebelig, weil man es in einer präzisen Rede eigentlich gar nicht benutzen kann, ohne jedesmal erklären zu müssen, was man jetzt gerade meint.
Jeder, der zehn Sekunden nachdenkt, eine seltene Investition übrigens, kann sehen, dass Unglaube nicht gleich Unglaube ist.
Mir scheint, jeder der andere Leute Ungläubige nennt, meint immer die, von denen er gerade am wenigsten hält. Wenn ich von Ungläubigen rede, dann meine ich in aller Regel Atheisten, also Leute, die behaupten, die Welt und vor allem sie selbst hätten keinen Schöpfer. Dass ich vom Atheismus nicht viel halte, weißt Du bereits, und dass mir Spaß macht, mich an dieser Front abzuarbeiten und den einen oder anderen Witz zu reißen, das weißt Du auch. Als Kind der westlichen Welt, deren Atemluft nunmal christlich ist, habe ich den Grundsatz des alten Augustinus mit der Muttermilch getrunken, man solle den Sünder lieben, seine Sünde dagegen nicht. Das bedeutet, die liebenswertesten Menschen können den verrücktesten Ideen nachlaufen und was immer einer glaubt oder denkt, ein gutes Gespräch, ein gutes Essen und einen guten Schluck Wein muss jeder bekommen.

Wenn die Terroristen von den Ungläubigen sprechen, dann meinen sie alle, die man ohne schlechtes Gewissen umbringen darf. Eine Variante, die man nach weit weniger als zehn Sekunden Investition für einigermaßen dumm halten wird. Allein schon: Wer einen Ungläubigen umbringt, und das im Namen einer Gottheit, der raubt genau dem gemeinten Gotte die Zeit, aus dem Ungläubigen einen Gläubigen zu machen. Aber genug davon. Es gibt Sachen, die sind so blöd, dass man irgendwie gar nicht drüber schreiben kann. Karl Kraus fällt mir ein, der zu allem was zu sagen wusste. In Sachen Adolf Hitler konnte er nur anmerken, da falle ihm nichts mehr ein. Aristoteles schreibt in seiner Topik, wer nicht sehe, dass der Schnee weiß ist, der brauche bessere Augen und wer nicht wisse, dass man die Götter verehren soll, der bräuchte Zurechtweisung. In beiden Fällen wären Diskussionen jedenfalls nicht zielführend. Menschen, die nicht lesen können, schreibt man keine Briefe, und wie will man Leute, die nicht denken können oder wollen, zum Nachdenken anregen?

Übrigens, die Muslime, mit denen wir es in unserem Job täglich zu tun haben, die meinen mit den Ungläubigen in aller Regel auch die Atheisten. Alle Muslime, mit denen ich bisher sprechen konnten, respektierten mich besonders, weil ich einen Glauben habe, den ich beschreiben kann und lebe. Sie haben ein Glaubensbekenntnis, das zwar nur einen Satz lang ist, aber sie haben eins. Der christliche Glaube gibt mehr zu denken und braucht ein ganzes Glaubensbekenntnis. Aber der Glaube ist beschreibbar und das macht ihn aus.
Mit allen Andersgläubigen, bei denen ich Gelegenheit hatte, etwas tiefer gehend zu sprechen, konnte ich mich auf die Formel einigen, unser Glaube ist verschieden und Gott wird am Ende sagen, wer sich wo geirrt hat. Aber dass jemand annimmt, am Ende sei da nichts und niemand, der die offenen Fragen klärt, das hat noch kein Gläubiger verstehen können.

Kennst Du den Spaemannschen Gottesbeweis? Er geht so: Dass ich jetzt gerade schreibe, ist wahr. Morgen ist wahr, dass ich gestern hier geschrieben habe. In fünftausend Jahren ist das selbe wahr, ebenso in unausdenklichen Zeiten. Gewesene Tatsachen vergehen nicht. Was ist aber, wenn eines letzten Tages die Welt vergeht? Ist die Tatsache, dass ich hier geschrieben habe, dann nirgends aufgehoben, nirgends bewahrt? Wir stoßen an die Grenze des Undenkbaren. Dass mit der Welt die Wahrheit vergeht, kann ich nicht denken. Aussprechen kann ich es, aber nicht denken. Ich kann sagen, dass ein Kreis vier Ecken hat, denken kann ich es nicht. Viel leichter fällt mir da mit zu gehen, wenn da einer sagte, er selbst sei die Wahrheit und das Leben. Mit anderen Worten, es gibt eine Gottheit einen Ort, an dem alles Wahre wahr bleibt und aufgehoben ist.
Ich liebe Gottesbeweise. Sie beweisen nichts, aber sie legen nahe. Und wenn ich mich mit meinen gläubigen Freunden zu einigen hätte, was ein Ungläubiger sei, dann würde ich einen ersten Vorschlag machen. Ein Ungläubiger ist vielleicht einer, der nicht bereit oder imstande ist, das Naheliegende auf die Weise des Glaubens auszuprobieren.

Verschiedene Verhältnisse

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Briefe an unseren Bufdi

Ich glaube, es wäre ganz passend, wenn wir mal über Verhältnisse reden und was es da so alles gibt. Naheliegend ist zum Beispiel Folgendes: Wenn mein Freund ein Verhältnis hätte, dann würde ich ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden haben. Das gehört sich nicht seiner Frau gegenüber. Aber genauer gesprochen hat er natürlich viele Verhältnisse, auch wenn er neben seiner Gattin keine heimliche Geliebte hat. Er hat ein Verhältnis zu seinen Kindern, eins zu dem Stuhl, auf dem er immer sitzt, eins zu seiner Badewanne und ein Verhältnis zur Welt als ganzes, in der er lebt. Nilpferde haben ein Verhältnis zu dem Gras, das sie fressen und zu dem Wasser, das sie verdrängen.

Der Philosoph Wittgenstein meint, ein Rad, das sich dreht, und bei dem sich nichts mit dreht, das gehöre nicht zur Machine. Aber wenn es in ihr eingebaut ist, denn hat es doch irgendwie ein Verhältnis mit ihr, denn irgendwo drinnen sein beschreibt schon ein Verhältnis. Das klingt jetzt alles etwas spitzfindig, aber Spitzen finden gehört nunmal zum Handwerk der Philosophen. Wenn ein Arbeiter kein Verhältnis mit seiner Kollegin hat, so doch das kollegiale des Kollegenseins. Wenn Gott denken und etwas wollen kann, dann hat er ein anderes Verhältnis zu seiner Welt, wie das überpersonelle „Eine“ des Plotin, aus dem alles kommt, das aber nichts wollen kann. Wenn die Gottheit überhaupt etwas wollen kann, dann will es die Welt und Dich und mich. Wollte sie sie nicht, dann wäre sie nicht da. Wenn Plotin Recht hat, dann ist die Welt automatisch da, und wir sind nicht gewollt, sondern passiert.

Wir haben mit dem Denker Augustin schon gesehen, etwas lieben heißt, sein Dasein wollen. Wir können aber auch in aller Vorsicht sagen, das reicht noch nicht ganz für das, was wir für gewöhnlich Liebe nennen. Jemanden in unserem Sinne lieben heißt sicher auch so etwas wie mit ihm zusammen sein, zusammen leben, nahe sein wollen. „Ich will nicht nur, dass es Dich gibt, und dass es Dir gut geht, ich will auch immer bei Dir sein.“ So etwas meinen wir doch, wenn wir von der Liebe sprechen und es wäre zu fragen, ob solches aus dem Mund der Gottheit zu vernehmen wäre. Viele moderne Gelehrte des Islam würden uns sicher sagen, das gehe jetzt alles schon viel zu weit und würden Verbote aussprechen. Ich sage „moderne“ Gelehrte und meine damit, die von heutzutage. Im frühen Mittelalter haben die muslimischen Gelehrten sich viele Gedanken über Gott und seine Verhältnisse gemacht und es gab einen regen Austausch zwischen den Religionen. Irgendwann haben sich aber Leute durchgesetzt, die zu sagen hatten und die hier die berühmten Verbote ausgesprochen haben. Es heißt, in der Frage, was man mit den eroberten Bibliotheken anstellen sollte, habe es geheißen: Wenn in den Büchern steht, was auch im Koran zu finden ist, dann sind sie unnötig. Lehren sie etwas anderes als im Koran, dann sind sie gefährlich. Also in jedem Fall verbrennen. Christen zu allen Zeiten nicht viel anders gedacht und gehandelt, das sollten wir nicht unterschlagen. Auch hier denken nicht wenige bis heute, neben der Bibel seien andere Bücher nicht brauchbar. Es gebe so etwas wie zwei Wahrheiten, eine der Philosophen und eine der Religion. Der Religion sei immer der Vorzug einzuräumen. Im katholischen Christentum hat sich allerdings ein Gedanke durchgesetzt, den der heilige Thomas etwa ins Wort gebracht hat: Der Glaube kommt von Gott, die Vernunft ebenfalls. Beides richtig gesehen, kann sich eigentlich nicht widersprechen. Das führte zur mutigen, manchmal kühnen, philosophischen Betrachtung dessen, was wir über Gott denken können und von ihm wissen. Die Gottheit habe uns etwas von seinem Wissen mitgeteilt, gerade damit wir drüber nachdenken. Der Mensch bekommt hier eine Würde der Verantwortung, am Ganzen mit zu tun.
Wie immer auch, aus dieser Mischung von informiert worden sein und nachdenken erhalten wir die Information, nach der Gott ein Verhältnis zur Welt und zu uns hat, die wir mit unsren schönsten Gedanken der Liebe beschreiben können.

Das priesterliche Schauspiel

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Briefe an unseren Bufdi

Eine Klarstellung, die ich angedeutet habe, wird hilfreich sein. Es gibt viele Priester, in Wirklichkeit aber nur einen richtigen, oder wirklichen. Wenn unsere Priester geweiht werden, dann bekommen sie eine Vollmacht, etwas zu tun, was ohne sie nicht geht. Zwei Männer stehen an einem Tisch, der eine ist Priester, der andere nicht. Das selbe Brot liegt vor ihnen, beide haben gleiche Kelche mit dem selben Wein mit einem Tropfen Wasser darin. Sie vollziehen die selben Handbewegungen, sie sprechen die selben Worte und wollen beide das selbe, dann geschieht nur bei dem Priester die Wandlung, im Fall des anderen bleibt alles auf dem Tisch, was es war. So geht unser Glaube. Aber: Das Eigentliche, was da passiert, das tut nicht der Priester, sondern der Herr, in dessen Vollmacht er spricht. Der Priester sagt dann, wie Du Dich sicher noch erinnerst: „Das ist mein Leib.“ Er meint aber gar nicht seinen eigenen, das wäre Unsinn. Der Priester marschiert am Ende, ohne sich etwas abgeschnitten zu haben, nach Hause. Er gibt aber dem, der beschlossen hat, unsichtbar und unhörbar zu wirken und sich zu verschenken, seine Stimme.
Wenn ein Schauspieler auf der Bühne ruft, er sei der Räuber Hotzenplotz, dann spricht da Herbert Meier, der Schauspieler. Er gibt dem Räuber aber seine Stimme, nur, dass es den in Wirklichkeit nicht gibt. Er hat überhaupt keinen Grund, sich irgendwelche Kräfte des Hotzenplotzes einzubilden, die hat er nicht. Für Priester gibt es auch keine Gründe, sich etwas von der Kraft Christi oder irgendeine seiner Eigenschaften einzubilden. Was er tut, ist nicht schwer, man muss dazu nichts lernen und nichts können. Er muss nur tun, was ihm seine Kirche aufträgt, er ist der Diener ihres Anliegens.

Es gibt die vielen Priesterlein und den einen Hohepriester, ohne den sie nichts als Schauspieler wären. Es gibt die vielen kleinen Opferfeiern in den Kirchen, aber nur das eine Opfer, das Christus ein einziges Mal gebracht hat, wird hier in die Gegenwart geholt. Übrigens, dass das jetzt ohne Schmerz und Schmutz geschehen kann, zeigt, dass die Hingabe das Entscheidende am Opfer ist, nicht die Schmerzen von damals.

Es stimmt also nicht, dass die Priester als Personen irgendwie näher bei Gott wären. Sie können ihrer moralischen Qualität nach weit unter den Menschen stehen, denen er auf die Zunge legt, was vom Himmel kommt. Für den Dienst werden sie wohl heran gezogen und was sie tun und zu tun vermögen ist sehr wohl „hochwürdig“, wie man früher sagte. Aber es ist wie mit dem Schauspieler. Willst Du mit dem Räuber Hotzenplotz sprechen, dann geht das nicht, wenn Du den Schauspieler auf der Straße ansprichst. Du musst schon auf die Bühne gehen, wenn er die Kleider der Figur an hat und in seiner Rolle spricht. Polizisten kommen auf der Straße nicht in Uniform daher, damit man viel von ihnen hält, sondern damit die Leute einen Ansprechpartner haben, der ihnen gefälligst zu helfen hat, wenn sie das brauchen. So ist das mit den Priestern auch. Natürlich sind sie etwas Besonderes, aber das sind Künstler, Polizisten und Hausfrauen auch.
Die Sache des Priestertums verlangt von den geistlichen Würdenträgern eigentlich, dass sie öfter zur Beichte gehen als die Schafe, die sie hüten. Die Beichte ist nämlich eine geschätzte Instanz, in der man lernt und sich der Gewohnheit unterzieht, ein wirklich kritisches Auge auf sich zu haben und seine Schwächen nicht vergessen zu machen. Natürlich: Die Versuchung ist naheliegend, sich hochwürdig zu fühlen, wenn die Leute auf der Straße den Beruf so nennen. Aber die Versuchung legt sich nicht nur hier, sondern überall nahe, wo einer wegen irgendetwas noch so Banalem über dem anderen steht, und sei es nur ein bisschen.
Die Kritik lautet, ein Gott, der will, dass die Menschen sich nicht überlegen fühlen und machen, dürfte so etwas wie ein Priesteramt gar nicht erst einführen. Damit führt er die Menschen nur in Versuchung. Der Gedanke ist unter zu ordnen. Über ihm steht der offenkundige Wille, dass die Kinder ihren Vater lieben und dass sie auf der ganzen Welt bekommen können, was er ihnen geben möchte. Wenn man so möchte: Der höhere Gedanke nimmt die Gefahr auf der unteren Ebene in Kauf. Die Christen müssen eben ihre Hausaufgaben machen und ihre Priester erinnern, dass sie Diener und keine Herren zu sein haben; charmant wohl, aber deutlich.

Sachen, die nicht nötig sind

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Briefe an unseren Bufdi

Ich weiß jetzt nicht, ob Du es schon wusstest, aber in unseren Kulturkreisen das Wort „Opfer“ im Munde zu führen macht einen nicht gerade populär. Wer etwas gelten will, der sollte vom Opferbegriff nur in der Absicht sprechen, ihn abzuschaffen. Wenn ich Dir hier aber etwas Sinnvolles über die Religion meiner Väter sagen will, dann muss ich diese Kröte schlucken. Ein Katolik, der nicht vom Opfer redet, ist wie ein Tierschützer, der Tiere nicht erwähnen will. Aber ich will eins klarstellen. Das Opfer Jesu hat weh getan, und so wird oft vom Schmerz geredet. Das ist keine schöne Sache. Das Eigentliche aber, was das Ganze ausmacht, ist nicht das, sondern die Hingabe und die Liebe, die sie motiviert. Wenn ein Verliebter zu Fuß über die Alpen geht, nur um seiner Geliebten in den Armen liegen zu können, dann ist die Freude am Ende sein Motiv, und wenn Sie ihn dann bewundert, dann nicht, weil er Blasen an den Füßen hat, sondern, weil er sie so bereitwillig in Kauf genommen hat. Natürlich sind die Schmerzen die Währung, in der zu zahlen war. Die Christen sprechen auch vom Preis der Schmerzen Jesu, die er geschultert hat. Sie bleiben aber etwas Unangenehmes und vor allem in Kauf genommenes. Bei jeder Reise geht es um ihr Ende, und „der Weg ist das Ziel“ wird hier völlig unverständlich. Epochen, die nichts zu bieten haben, feiern ein Jubiläum nach dem anderen, und das Preisen des Weges an sich hat nötig, wer kein Ziel vor Augen hat. Wer bringt schon sein Auto in die Werkstatt, nur dass mal jemand daran herum schraubt? Aber seis drum Wandern an sich ist schön, und es gibt schon jede Menge Dinge, die ihren Sinn in sich selber haben. Beim Opfer aber kann man so nicht sprechen. Opfer sind teleologisch, sie gibt es nur um ihrer Ziele willen.
Ich sage das übrigens alles hier als Kritik in meine eigenen Reihen. Es gibt eine Sorte Katholiken, die sich gern in Reden vom Schmerz und seinem Wert ergehen. Ich werde da immer den Verdacht nicht los, dass sie selber noch nicht wirklich welchen hatten.

Aber lassen wir das alles jetzt. Die wirksamste Kritik am Opfer ist die, dass es unnötig ist. Man geht nur zu Fuß über die Alpen, wenn man nicht fliegen oder fahren kann. Opfer werden nur gebracht, wenn sie sich nicht vermeiden lassen. Unumgänglich müssen sie sein, und hier setzt die Kritik nun an. Die Muslime beispielsweise haben keine Priester, weil sie sagen, die Menschen bräuchten keine. Jeder Mensch, so sagen sie, steht unmittelbar und allein vor Gott. Da muss nichts zwischen gebaut werden. Die Menschen, die nicht beichten wollen, sagen oft, sie bräuchten kein priesterliches Ohr, in das sie ihre Missetaten sagen müsste. Gott sei ihnen nahe genug. Nach den Maßstäben der modernen Praktikabilität wird dem kaum zu widersprechen sein. In der Moderne haben Erklärungen möglichst smart und effizient zugleich zu sein. Möglichst schlank, möglichst günstig und wirksam lautet die Kombination. In der Antike und im Mittelalter, den Epoche also, denen wir unser Model hier verdanken, galt das nicht. Da trug das Ideal des Üppigen. Früher wären eher dicke Damen über den Laufsteg gelaufen.
Das Ideal der Üppigkeit kommt aus den Bildern der Bibel. Als eine Frau des Herren Füße salbte, fragte Judas aus der zweiten Reihe, ob es nicht auch weniger vom Öl getan hätte. Er hatte nicht verstanden, wer Jesus war. In ihm wohnte die Gottheit, für die ein ganzes Universum zu schaffen genau so keine Mühe macht, wie ein einziges Senfkorn. Dreitausend Brote zaubern kostet ihn nicht mehr als eins. Wir sind das nicht gewohnt, weil wir immer sparen und einteilen müssen. Mit einer Börse aber, die nie leer wird, lässt sich ganz anders denken.

Ein Gott der alles kann, könnte sich die Instanz der Priester in der Tat ersparen. Das Prinzip, es soll nicht sein, was nicht sein muss, gilt hier aber nicht. Es geht hier nicht um die Frage, was Gott alles kann. Es geht einzig um die Frage, was er will, und da ist der Befund ziemlich eindeutig. Er will den Priester, und er wollte in seinem Sohn selbst der Priester sein. Wir sollten uns also an den Gedanken gewöhnen, dass Gott auch wollen kann, was gar nicht nötig wäre. Aber wenn er es wünscht, dann wünscht er es nunmal. Wir müssen uns überhaupt mit dem Gadanken vertraut machen, dass wir von Dingen reden, auf die nie ein Mensch gekommen wäre. Kein Menschenhirn hätte sich die Menschwerdung der Gottheit einfallen lassen oder je gewagt, sie zu verkünden. „Völlig undenkbar!“ hätte alle Welt gesagt, ind sie wäre sicherlich nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Es ist sehr verständlich, dass wir unsere muslimischen Vettern und Cousinen damit skandalisieren. Wir stehen aber hier und können nicht anders. Deshalb heißt das erste der Gebote im Gespräch verschiedener Meinungen das Schaffen und Erhalten eines aufrichtigen Freundschaftswillens auf beiden Seiten der Gräben, die uns nunmal trennen.