Der ewig Unbewegte und seine Märchenwelt

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Islam und Christentum, Teil 33

Mir gefällt der Umstand, dass wir nie aufhören, unsere Kindersprache zu sprechen. Wir wissen, dass die Erde sich dreht, und dass sie deshalb ein wechselndes Verhältnis zum Mond hat. Trotzdem hören wir nicht auf zu sagen, der Mond gehe auf und unter, obwohl das wissenschaftlich gesehen überhaupt nicht stimmt. Es gibt viele solcher Beispiele.

Eigentlich gefällt mir weniger die Sprache selbst und die Tatsache, dass wir sie sprechen. Mir gefällt eher, dass wir der Wissenschaft nicht gestatten, unsere Sprache, und damit unsere Gefühlswelt zu erobern. Eine Katze ist immer noch eine Katze und kein Stoffwechselpaket mit irgendeinem Fell. Ein Schluck Wasser bleibt ein Schluck Wasser, und der Klang des Wortes weckt herrliche Erinnerungen an schlimmen Durst und die kühle Erfrischung, die danach die Kehle herunterfließt. Hätte die Wissenschaft unsere Sprache erobert, dann würden wir ein Glas H2O bestellen, kein Wasser. Die Katze wäre eine Unterart der Säugetiere mit einem bestimmten Wert beim Metzger. Unsere Sprache bleibt die von der Straße und unsere Vorstellungen bleiben die von Kindern. Die Wissenschaft hat ihre eigene Weise, sich auszudrücken. Das ist gut so, und das soll sie behalten. Es gibt nämlich, wenn man so möchte, zwei Welten auf der einen Welt. Die eher dröge Welt der Wissenschaft und die märchenhafte Welt der Kinder. Eine Katze ist wirklich beides. Sie ist wirklich, was die Biologen sagen und sie ist wirklich, was das Kind meint, dem sie gehört. Ein Glas Wasser ist auch beides. Es ist wirklich das chemische Element und wirklich ein Produkt von zwei Teilen Wasser- und einem Teil Sauerstoff.

Es gibt bei uns Menschen offenbar eine Tendenz, die beiden Welten nicht gut nebeneinander ertragen zu können. Wir würden lieber die eine als Hauptwelt haben und die andere in sie aufsaugen. So gibt es schon mal Wissenschaftler, die es gern hätten, wir würden nicht mehr an wirkliche Sonnenaufgänge glauben. Wasser sei „in Wirklichkeit“ nur ein chemisches Element und alle anderen Vorstellungen seien „nur“ Märchen. Ich würde mich heftig dagegen wehren wollen, und müsste ich mich für eine Welt entscheiden, es wäre sicher nicht die der Wissenschaft. Es gibt auch Leute, die nicht wahrhaben wollen, was die Biologen sagen.

Wie gesagt würde mir nicht gefallen, wenn die Märchenwelt von der anderen erobert würde. Ich lebe viel lieber weiter unter der Herrschaft der Bezauberung. Schließlich wird der Himmel am Ende ja auch vor allem eins sein: Ein Märchenland, in dem die Kinder mit Löwen spielen können, in dem es Kühlschränke gibt, die keinen Strom brauchen und wo man den Rasen nicht mehr mähen braucht, weil die Engel das voller Entzücken erledigen. Es lohnt sich, das zu wählen, das am Ende gewinnen wird. Dann braucht man nicht umziehen.
Für uns hier heißt das ganze allerdings, dass wir beim heiligen Thomas jede Menge Übersetzungsarbeit leisten müssen. Er ist nämlich in seiner Arbeit ein ausgesprochener Wissenschaftler. Er schreibt zwar, der Genuss sei die vornehmste Tätigkeit im Himmel, aber wenn er ihn beschreibt, dann hat das den Charme eines Brückenpfeilers.

Die Behauptung, auf die wir heute stoßen, lautet, Gott sei ganz und gar unbeweglich. Das will dem Prinzen aus der Märchenwelt nicht gefallen. In seiner Welt hat Gott sich nämlich sehr wohl bewegt, und zwar auf ihn zu und in sein Herz, um dort liebevoll und unaufdringlich zu wohnen, um ihm Trost zu spenden und sanft zuzureden, dass er ein Kind Gottes ist. Thomas widerspricht natürlich nicht, im Gegenteil, er beschreibt es sogar, wenn auch mit wenig märchenhaften Worten. Er hält aber mit der Sturheit eines Esels an der Behauptung fest: Die Gottheit, insofern sie göttlich ist, muss ganz und gar unbeweglich und total unveränderlich sein und immer bleiben. Genau wie sie das schon immer war. Und jetzt kommt die Behauptung, die erst einmal schwierig zu verstehen ist, die aber stimmen muss, ebenso, wie das Wasser aus zwei Elementen besteht: Auch die Menschwerdung in Christus hat Gott weder klein gemacht, noch bewegt. Sie hat ihn in seinem Inneren nicht verändert und ihm schon gar nicht seiner absolute Erhabenheit beraubt. Beide Reiche müssen gehalten werden, und Thomas zu lesen wird erst schön, wenn man seine Worte in märchenhafte Bilder überträgt. Man macht aus Kochrezepten ja schließlich auch leckere Gerichte.

Anm:
Sth I,9,1: Deus est immutabilis.
Sent II,10,1,1, arg 3: „Sed inter omnes actus patriae, fruitio est nobilissima.“

Islam und Christentum, Teil 11

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Der große Unterschied.

Ich würde meinen, lass uns das Tempo doch etwas herausnehmen und kurz bremsen. Da ist nämlich eine Sache zu besprechen, die nie besprochen wird und die doch alles ausmacht, und die vor allem unsere beiden Religionen im höchsten Grade unterscheidet.

Wenn man Christen und Muslime fragt, was den großen Unterschied zwischen Islam und Christentum ausmacht, dann werden vermutlich viele, die ein bisschen Ahnung haben, sehr richtig sagen, es sei die Dreifaltigkeit, an die die Christen glauben und die Muslime nicht. Manche werden, genau so richtig, die Menschwerdung nennen. Die Christen glauben, dass Gott in Christus Menschenfleisch annahm. Die Muslime glauben das nicht.
Ein Schüler des heiligen Thomas würde dem allem natürlich nicht widersprechen. Stimmt ja alles. Er würde vielleicht aber ganz anders ansetzen, nämlich so wie sein Lehrer ihm das immer vormacht: Er würde vom Ziel ausgehen. Unsere beiden Religionen unterscheiden sich vor allem dadurch, dass sie ganz verschiedene Ziele haben. Sie unterscheiden sich vor allem dadurch, dass sie auf ganz verschiedene Zustände hinaus laufen, die der Mensch am Ende haben wird.

Kennst Du den Unterschied zwischen beschreiben und erklären? Eine Beschreibung erklärt nichts. Wenn zwei Männer, die im gleichen Haus wohnen und wie Zwillingsbrüder aussehen zum gleichen Waffengeschäft gehen, morgen dorthin marschieren, um jeweils Gewehrkugeln zu kaufen, dann kannst Du beschreiben, wie identisch ihre Wege, ihr Tun und ihr Heimweg ist. Sie gehen beide ins Geschäft, lassen sich die Kugeln geben, bezahlen den selben Betrag und marschieren wieder nach Hause. Die Beschreibung liefert ziemlich identische Vorgänge. Wenn aber der eine seine Kugeln kauft, um damit ein Wildschwein zu jagen, der andere, um einen Mord zu begehen, dann werden die gleichen Vorgänge zu ganz verschiedenen Angelegenheiten. Das Ziel ändert schon mal alles. Und das, worauf etwas hinaus läuft, was eigentlich geplant ist und warum etwas in Gang kommt, das liefert eine äußerliche Beschreibung oft nicht. Für die Erklärung einer Sache braucht es auch einen Blick auf sein Ziel, sofern es eins hat, und die Religionen sind vor allem Zielangelegenheiten.

Thomas wusste das alles natürlich, und deshalb versucht er die Dinge immer so gut er kann, sowohl zu beschreiben, als auch zu erklären. Seine Abhandlung vom Menschen beginnt er deshalb nicht mit der Beschreibung seines Aussehens und seines Zustandes, sondern mit seinem Ziel. Für uns ist das etwas ungewöhnlich, aber der Meister beginnt seine große Abhandlung über den Menschen mit der Betrachtung der Glückseligkeit im Himmel, also mit dem Zustand, den er haben wird und dem Ort, an den er gelangen soll. Von daher marschiert der Meister erst weiter und beschreibt die Möglichkeiten des Menschen zum Handeln, seine Stärken und Schwächen und später die Hilfsmittel, die er braucht, um den Weg nach Hause zu finden.

Genau hier, lieber Freund, unterscheiden sich unsere Religionen grundlegend: Im Ziel nämlich. Um es mit einfachen Worten zu sagen. Das Paradies der Muslime ist nicht der Himmel der Christen und umgekehrt. Natürlich, der äußeren Beschreibung nach ähneln sich die Welten auch hier wieder. Bei uns wie bei Euch ist das Ziel ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Hüben wie drüben ist das Ziel ein Ankommen auf Gottes Berg, wo Friede herrscht, wo die Trauben hängen, wo unsere Lieben sind und wo alle Sehnsüchte zur Ruhe kommen können. Aber genau hier ist der Haken! Der große Unterschied liegt auch hier nicht in der Beschreibung der äußeren Umstände. Die Frage, der nachzugehen ist, lautet nicht nur, wie sieht das Paradies aus. Die Frage lautet, wer werden wir sein, wenn wir hinein gelangen? Die Bibel hat dafür eine kurze Antwort, über die wir sprechen müssen Der heilige Johannes formuliert sie kurz und knackig in seinem ersten Brief:

„Seht, wie groß die Liebe ist,
die der Vater uns geschenkt hat:
Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.
Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.

Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes.
Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden.
Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1.Joh,3,1ff)

Um es abschließend kurz zu sagen: Es geht nicht nur darum, dass wir, sozusagen, nach einer kurzen, äußerlichen Verzeihung unserer Sünden in irgendeinen Himmel kommen. Es geht zunächst einmal darum, dass wir „ihm ähnlich“ werden. Dazu reicht eine äußere Waschung nicht. Dazu braucht es eine innere Verwandlung, eine regelrechte Wurzelbehandlung und eine Art Einswerdung mit Christus. Wir werden zugleich ganz die Alten und zugleich ganz andere sein, wenn wir ins Paradies einziehen. Es geht um die Verbindung mit Christus. Darüber müssen wir reden, und das unterscheidet unsere religiösen Welten.

Die Fremdheit des Himmels

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Dass Jesu Mutter auf Erden vielleicht als Langweiler galt, ist ein privater Gedanke von mir, er kann auch nur halb wahr sein. Die großen, alten Kirchen verehren die Mutter wie aus einem Mund mit tiefster, ungespielter Freude und Feierlichkeit als das allerschönste Geschöpf, das je über diese Erde gelaufen ist, und die Marienverehrung ist so alt wie die Kirche selber. Die Mutter ohne eine Erklärung einen Langweiler zu nennen, könnte zu Recht einen gewissen Anstoß erregen und bei den eifrigen Muslimen, die sie schließlich auch verehren, ziemlichen Ärger bedeuten. Im Ernst, es muss wunderbar gewesen sein, der Mutter Jesu zu begegnen, aber, wie gesagt, zum Pferde stehlen war sie nicht zu bewegen. Vielleicht sollte ich mein „langweilig“ in „unverständlich“ umbenennen.
Ich stehe ganz sicher nicht auf der himmlischen Liste der Marienerscheinungen und würde mich, ehrlich gesagt, auch lieber davon schleichen, und um mich heraus stehlen zu können, die Adressen von Leuten vorschlagen, bei denen eine Erscheinung weitaus interessanter und gewinnbringender wäre. Ich habe noch nie verstehen können, wie eine bestimmte Sorte Glaubensbrüder sich eine solche Begegnung wünschen oder gar herbeisehnen können. Um ehrlich zu sein halte ich die Begegnung des Himmels mit der Erde eher für so etwas wie eine einigermaßen furchterregende Angelegenheit. Wenn der Himmel in unser Leben tritt, dann kommt immer gleich das Gericht. Deshalb ist wohl auch das „fürchte dich nicht!“ das erste, was die Menschen hören, wenn der Himmel kommt. Das muss allerdings gar keine besonders feierliche Angelegenheit sein. Es müssen gar keine Ankläger auftreten und mit den Stäben von Zeremonienmeistern auf den Boden stampfen, um das Auftreten hoher Herrschaften anzukündigen. Zum Gericht muss einfach nur eine bestimmte Lampe angehen, in der man sich  ganz und gar erkennt, als das, was man ist, als das, was man will und als das, was aus einem wurde. Gericht bedeutet, im Licht Gottes der eigenen Wahrheit begegnen. Ungeschminkt die Wahrheit zu zeigen, das ist die Aufgabe aller Gerichte, und im Licht der reinen Schönheit sieht man seine Runzeln. Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Der väterlichen Liebe Gottes begegnen muss uns keine Angst machen, im Gegenteil. Man begegnet da allerdings auch immer der absoluten Mächtigkeit, der unendlichen Weite und dem ebenso unendlichen alles in der Hand Haben.
Ich bin also ganz sicher kein Kandidat für irgendwelche himmlischen Sonderleistungen, aber wenn mir die Mutter begegnete, dann würde ich gern eine Frage mit ihr besprechen: Wie ist das gewesen, als Mensch ohne Makel in der Welt der Menschen zu leben? Ich vermute nämlich, dass zwischen unserer Welt und der ihren ein geradezu unüberwindliches Missverstehen herrscht. Mein Bruder hat mir in einem Anflug von Kummer zum Trost einmal gesagt, Menschen, die immer auf Geld aus seien, könnten nicht verstehen, wie es ist, es nicht zu sein, und Menschen, die immer Sex im Kopf hätten, könnten nicht wissen, wie es sich anfühlt, frei davon zu sein. Ich glaube, das ist so, und im gleichen Sinn wissen die Sünder nicht, wie es ist, ohne zu sein und die Freien wissen nicht, wie es sich anfühlt, in Ketten zu liegen. Raucher, die vor der schweren Aufgabe stehen, sich das Rauchen abzugewöhnen, meinen schon mal, das Leben ohne ihre gewohnte Zigarette sei irgendwie gar kein Leben mehr.

Mein Gedanke beschreibt übrigens eine große Schwierigkeit, mit der die christliche Religion seit ihrem Bestehen zu kämpfen hat: Es ist dem Wünschen und Sehnen der Menschen zunächst einmal eher fremd. Der Mensch hat nunmal lieber den Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach und der Islam hat es da deutlich leichter. Mohammed hat eine Soldatenreligion gegründet. Das Paradies, das er verspricht gleicht dem typischen Lohn für Krieger, die fremde Städte einzunehmen haben. Entspannte Ruhe, schweren Wein, leichte, süße Trauben und jede Menge Frauen. Jeder Soldat muss sich da angesprochen fühlen und drauf anspringen. Das Paradies der Muslime ist ein Soldatenparadies. Naheliegende Wünsche, die unmittelbar die fünf Sinne befriedigen. Das Leben im LebParadies des Islam kommt ganz gut ohne Gott aus. Von den Leuten, die ich in dieser Sache gefragt habe, meinten zwar manche, sie und besonders die Märtyrer würden Gott dort sehen können. Manche sagten so, manche so. Gott selbst gehört aber nicht wesentlich zum Paradies, wie der Erbauer eines Spielplatzes auch nicht unbedingt auf dem Platz sein muss, damit drauf gespielt werden kann.
Der christliche Himmel stellt da etwas ganz anderes in Aussicht. Es gibt dort wohl auch paradiesischen Zustände in einer neuen, körperlichen Welt. Der Himmel verspricht aber gerade und vor allem ein Zusammensein mit Gott, so sehr nämlich, dass wir ihm etwas ähnlicher gemacht werden müssen, um ihn überhaupt wirklich schauen zu können. Das ist die größte aller Aussichten, sie birgt aber auch diesen geheimnisvollen Schauder des zu Großen für uns und die Süßigkeit der Taube auf dem Dach, die der Spatz nicht hat, den wir in der Hand halten.

Des Teufels Unruhe

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Kennst Du den Ausdruck, „den Spruch könnte ich mir übers Bett hängen?“ Ich weiß, Du bist ein Fan des Bayern München, reden wir nicht drüber. Aber ich habe einen Bekannten hier in der Stadt, der ist ein derartiger Dortmundfan, dass man glauben könnte, der Mann lebt eigentlich für den Fußball und seinen Verein. Von ihm würde ich sagen, über seinem Bett hängt eine Dortmundfahne.
Der Ausdruck „über dem Bett hängen“ meint, dass da nur ein Platz frei ist und dass da mit einem kurzen Satz oder einem Bild zu erkennen ist, was diesem Menschen irgendwie das wichtigste ist. Das kann man natürlich nicht all zu wörtlich nehmen. Wenn man meinen Bekannten genauer fragt, wird er schon sagen, das Leben seiner Mutter sei ihm wichtiger als seine Mannschaft, und wenn er einen Sohn oder eine Tochter bekommt, wird die Dortmundfahne natürlich sofort gegen ein Bild von seinem Kind ausgetauscht. Aber der Ausdruck meint doch einen für das Leben wichtigen Spruch.
Es ist eine interessante Beschäftigung, sich hier und da kurz die Frage zu stellen, was denn gerade bei einem selbst über dem Bett hängt. Das habe ich heute morgen getan, und wenn man so möchte, habe ich kein neues Schild aufgehängt, sondern ein schon ziemlich altes mit einem Lächeln blank geputzt. Es lautet: „Keine natürliche Sehnsucht ist sinnlos.“
Wenn ein Kind beim Zahnarzt sitzt, dann findet es das schrecklich. Viel lieber würde es in die freie Welt seiner Spiele springen können. Das stärkste Argument der Mutter lautet dann: „Hab noch ein bisschen Geduld, es ist gleich vorbei“, was ja auch stimmt. Das mit dem Zahnarzt soll bald vorüber sein, das vergnügliche Spiel könnte von ihm aus immer weiter gehen.
Das alles ist nicht nur bei Kindern so. Bei den Erwachsenen ist es genau das gleiche. „So ein Tag, der dürfte nie vergehen“, singen die betrunkenen Großen, wenn sie sich in den Armen liegen.

Alle wollen ewig leben, das Ewige muss vor allem aber schön und unverletzbar sein. Das hat immer auch mit Ruhe zu tun. Es reicht nicht, wenn man das, was man haben möchte, bekommt. Man will auch, dass die Sehnsucht darin zur Ruhe kommen kann. Ruhe meint hier nicht unbedingt so etwas wie schlafen oder langsam werden. Zur Ruhe gekommen sein kann auch heißen, dass man bei egal was man tut, in Ruhe gelassen, dass es nicht gestört, dass es nicht gefährdet wird.
Wenn man nun gläubige Muslime fragt, was ihr letztes Ziel ist, so werden sie in aller Regel ihre Vorstellung vom Paradies nennen. Christen werden auf die Frage im Allgemeinen mit dem Himmel als der großen Heimat antworten. Der heilige Thomas sagt das natürlich auch. Für ihn reicht das aber nicht nicht. Bei ihm ist der Mensch vor allem ein Forscher. Auch im schönsten Paradies und im herrlichsten Himmel würde er alles gut, schön und prächtig finden. Es würde ihn aber immer noch die große Frage beunruhigen: Wo kommt das alles her, wie ist das alles zusammen gebaut und gehalten. Wie wir als Kinder die großen Radiokästen unserer Eltern auseinandernehmen und untersuchen mussten, so will der Mensch wissen, woran er ist, wo er lebt und woher im Letzten alles kommt. Thomas ist fest überzeugt, erst wenn diese große und letzte Frage zur Ruhe kommt, ist alles erreicht. Es bedeutet Gott schauen oder ihn in gewisser Weise sogar durchschauen! Das geht am Ende aber nur, wenn wir dazu auf eine ganz neue, höhere Ebene des Verstehens gehoben werden. Für unsere gewohnten Augen wäre das alles viel zu viel Licht. Aber darin besteht beim Aquinaten die eigentliche, letzte, natürliche Sehnsucht des Menschen.
Aber: Über dem Bett steht ja „Kein“ natürliches Sehnen. Es sind also auch die kleinen Wünsche gemeint, die mit am Ziel zur Ruhe kommen. Wie bei einem Multimillionär, der sich mit seinem Geld alle materiellen Wünsche erfüllen kann. Seine Lage ist nur eine, aber seine Wünsche sind alle gestillt.
Wenn nun ein Engel sich derart prinzipiell gegen die Bedingungen stemmt, wie das alles zu kriegen ist, dass er „lieber gar nicht als so!“ sagt, dann hat er ein Problem mit seiner Ruhe. Er will alles und bekommt nichts, weil er auf seine Weise besteht. Deshalb darf man vermuten, dass der Teufel sehr nervös ist. Er gestattet sich selbst nicht, dass er auch er zur Ruhe kommt.

Quellen:
ScG 2, 55, 13: „Impossibile est naturale desiderium esse inane.“ – „Ein natürliches Verlangen kann unmöglich sinnlos sein.“

Sth I, 19, 2, co: „Res enim naturalis non solum habet naturalem inclinationem respectu proprii boni, ut acquirat ipsum cum non habet, vel ut quiescat in illo cum habet.“ – „Ein jedes natürliche Ding nämlich hat nicht nur eine Hinneigung zum ihm eigentümlichen Gut, das es haben will, so lange es seiner noch nicht inne ist, sondern auch, dass es in ihm ruht.“

Das Paradies der Moslems

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Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, in unserem Alltag öfter mal einer Gewohnheit zu folgen, die der heilige Thomas an sich hat: Er schaut immer erst auf die Ziele einer Sache. Du könntest manches Gespräch abkürzen, wenn Du wüsstest, was der, der mit Dir redet, eigentlich von Dir will.

Kennst Du das Ziel,
dann kennst Du oft die Sache.

In der alten Weisheit gibt es einen Spruch:

Was immer du tust,
tue es mit Bedacht
und bedenke das Ende.

Ich rede, wie Du ja weißt, viel mit Muslimen über ihre und meine Religion. Die meisten hätten natürlich gern, dass ich Muslim werde, wie ich es natürlich auch gern hätte, dass sie meinen Glauben verstehen und annehmen. Wenn mich einer fragte, warum ich kein Muslim werde, dann müsste ich um etwas Zeit bitten, mich genauer zu erklären. Ich könnte aber auch abkürzen und sagen, dass allein schon ihr Ziel nicht attraktiv für mich ist. Mein Ziel ist der Himmel nach katholischer Vorstellung. Ihr Ziel ist das Paradies, wie sie es mir schildern. Sie wollen natürlich gern hinein und manchmal kommen sie direkt ins Träumen, wenn sie davon sprechen. Sie können dann nur schwer verstehen, warum ich das gar nicht will: Ich habe kein Interesse, weil ich das Gefühl nicht los werde, dass es irgendwann uninterssant wird.

Geburtstag feiern ist schön, sowohl der achte, als auch der zwanzigste und sicher auch der neunzigste. Aber wenn es den neunhundertsten gäbe, dann würde es wohl doch etwas gleichförmig und langweilig. Was sollte man da erst mit dem zweihundertmillionsten anfangen? Die Spannung unseres ganzen Lebens, besonders auch das seiner Genüsse, lebt davon, begrenzt zu sein, und ich weiß nie, ob ich Leute beneiden soll, die für nichts auf der Welt sparen müssen.

Alles haben können
heißt alles haben,
wenn die Zeit dazu reicht.

Das Ding ist: Meine muslimischen Freunde stellen sich das Paradies vor wie eine ewige, fehlerlose Fortsetzung unserer Welt,  in der es den ganzen Tag Freuden regnet. Unsere Welt ist aber erst interessant, seit sie Fehler hat und die Freude unserer Freuden lebt davon, selten zu sein. Ist die Freude, die man vor den Ferien hat, nicht auch irgendwie wichtig? Und wären unsere Ferien überhaupt noch Ferien, wenn man nicht zur Schule müsste? Die Trinkgefäße des Paradieses sind aus Gold und Silber. Aber auch Gold und Silber ist nur Gold und Silber.

Du wirst Dich vielleicht jetzt fragen, ob der Himmel, auf den ich aus bin, nicht genau den gleichen Fehler hat? Auch er ist ewig, auch er heißt, Zusammenleben mit den Lieben von hier und auch er ist voller Freude. Das alles ist wahr. Die Hauptsache fehlt aber, und die kann uns kein Muslim der Welt anbieten, weil er sofort zum Gotteslästerer würde: Der Genuss, wie Gott ihn hat.

Ich habe mich im Nachdenken über meine Religion früher öfter gefragt, ob Gott nicht schrecklich langweilig sein muss. Die Antwort lautet natürlich nein, in Gott ist die Freude zwar ewig, sie bleibt aber auch ewig freudig. Die Antwort ist sicher richtig. Sie kann aber nur dann wahr sein, wenn Gott sich irgendwie anders freuen kann als wir. Der Schlüssel scheint mir in einer Tiefe der Liebe zu liegen, die uns nicht möglich ist. Uns wir alles langweilig, außer das, was wir lieb haben. Die Kleidung unserer Kinder wird langweilig, nie aber die Kinder. Die Kinder lieben wir, die Kleidung weniger. Uns wird alles langweilig, was wir aufhören lieb zu haben, und ewig lieben würde heißen müssen, dass die Liebe auf ewig lebendig bleibt. Das können wir uns nicht vorstellen, weil wir keine ewigen Wesen sind. Das heißt, damit uns der Himmel nicht langweilig wird, müssen wir in der Tat ein bisschen werden wie Gott. Oder besser gesagt, Gott muss uns ein bisschen in die Richtung verzaubern, wie er ist. Genau das steht, katholisch gesprochen, auf dem großen Plan, und genau da beginnt in den Augen meiner muslimischen Bekannten die Gotteslästerung.

Ich habe in der Vorbereitung auf mein Schreiben länger nachgeschlagen, was auf den muslimischen Seiten von Gott im Paradies zu lesen steht. Da stößt man häufig auf die interessante Frage, ob die Bewohner des Paradieses Allah sehen werden. Die Meinungen gehen da auseinander, aber es geht sozusagen maximal um das Sehen. Niemand stellt die Frage, ob die Bewohner des Paradieses ein wenig werden wie Gott. Das zu fragen wäre töricht und wenn man das an den falschen Orten tut, heben die Leute sofort irgendwelche Steine auf. Im katholischen Glauben ist aber genau das angesagt: Der Himmel ist kein Paradies! Der Himmel ist ein „Genuss Gottes“, wie Thomas oft sagt, und das heißt nicht nur ihn sehen und schmecken, sondern auch wie er sehen und schmecken. Ansonsten wäre der Himmel irgendwann nicht mehr zu ertragen, fürchte ich.

Esel und Engel

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14 Wenn ich länger nicht schreibe, dann heißt das nicht, dass ich nicht länger nachdenke. Im Gegenteil. Einzelne Sätze können wie Stolpersteine sein, an denen man hängen bleibt und die einen länger ins Grübeln bringen. Der Satz: „Esel möchten keine Pferde sein“ zum Beispiel war für mich so einer. Man sollte ihn allerdings nicht ganz wörtlich nehmen. Esel wollen nämlich überhaupt nichts, solange wir „wollen“ so verstehen, wie wir es immer verstehen, als bewusstes Wollen nämlich.
Esel „wollen“ satt werden, sie „wollen“ sich vermehren und ihre Art erhalten. Sie wollen sich nicht von der Sonne verbrennen lassen und sie „wollen“ leben und nicht sterben. Das Wollen der Tiere steht in Anführungsstrichen, weil ihrem Wollen etwas „fehlt“, was wir haben. Vielleicht kann man es eine doppelte Ebene nennen. Wir Menschen wollen auch satt werden, überleben und unsere Art erhalten. Wir wissen aber, dass wir es wollen. Das bedeutet, wir können uns zu unseren eigenen Wünschen ein Verhältnis haben. Wir können unser Wollen zum Beispiel gut finden oder nicht.
Wir wollen unsere Wünsche nicht immer haben. Wer dünner werden möchte, der hätte vermutlich am liebsten, wenn ihn sein Wunsch nach Süßigkeiten nicht so oft überfällt. Trinker hätten es gern, wenn sie einfach nichts mehr zu trinken wünschen würden. Menschen können süchtig sein, Süchtig sein bedeutet ja, mit seinen eigenen Wünschen in Konflikt geraten.
Tiere sind nicht traurig, weil sie Appetit haben, sie haben ihn einfach.
Alles, was die Tiere wollen, das wollen sie innerhalb ihres jeweiligen Tierseins. Kühe wollen glückliche Kühe sein, Hunde frohe Hunde und Regenwürmer möchten als Regenwürmer überleben.

Wenn der heilige Thomas das über die Esel in einem Kapitel über Engel schreibt, dann dürfte er damit meinen, dass auch die Engel alles, was sie wollen, nur innerhalb ihres Engelseins wollen. Genau das ist die Behauptung, über die nachzudenken sich lohnt: Auch Eingel und Menschen wollen alles, was sie wollen, innerhalb ihres Mensch- und Engelseins.
Wenn man Kinder fragt, was sie sich im Himmel wünschen, dann wollen sie ihre kleine Welt behalten und dass sie niemand verletzt. Kinder, die ihre Eltern vermissen, wollen genau die wieder haben. Wenn sie sich streiten, dann wollen sie, dass sie sich vertragen.

Kinder wollen vielleicht eine Welt ohne Schule,
aber sie wollen kein Leben ohne ihre Welt.

Weißt du, was ich im Evangelium besonders bezaubernd finde? Dass Jesus nach Ostern seinen Körper wieder hatte. Er erschien als der gleiche Jesus, den seine Jünger immer gekannt hatten, nicht als Film, nicht als Hologramm und nicht als Flaschengeist. Man konnte ihn wieder in den Arm nehmen und man konnte ihm auch wieder ein Bein stellen.
Die Jünger wunderten sich hatten eher eine Art Geist erwartet. Dass er überhaupt wieder kam, war offenbar nicht die große Überraschung. Das Umwerfende war, dass er vor ihren Augen und mit ihnen essen und trinken konnte.

Wie alle großen Geschichten hinterlässt auch diese mehr Fragen als Antworten. Die eine Antwort aber, die sie gibt, ist herrlich: Der Schöpfer hat vor, unseren Kindern ihre Wünsche zu erfüllen. Wir bekommen einander wieder! Es wird also über den Tod hinaus eine wirkliche Welt zum Leben geben. Es wird eine Welt sein, nach der die Kinderherzen sich schon immer gesehnt haben, und mit ihnen alle Leute, die ihre Kinderwünsche nicht verloren haben.
Ich weiß nun nicht, ob wir im Himmel Eseln begegnen. Ich bin gespannt und würde mich freuen. Aber wenn ja, dann werden auch die ihre Weide zum Grasen finden, denn es gehört zu den Wünschen ihrer Eselwelt, köstliches Gras zu finden.
Wenn ja, dann wird der Himmel auch ein Land für Esel sein.
Was aber die Engel angeht, so wirst Du nach allem, was wir bisher gesehen haben, annehmen, sie hätten ihre Welt schon längst oder bräuchten keine Erde zu ihrem Glück. Beides stimmt in gewisser Weise. Es gibt aber einen Haken. Die Engel sind innerlich schon immer irgendwie fertig und sie haben keine Bindung an eine Welt. Doch auch ihr Himmel liegt immer noch außerhalb ihrer selbst. Denn auch ihnen steht noch ein großes Ziel vor Augen, wie bei uns. Auch ihr Glück liegt letztlich im Erreichen einer liebevollen Vereinigung mit ihrem Schöpfer, und so wie die Kinder sich nach ihren Eltern sehnen, so sehnen sich alle Engel nach dem, der sie schuf.

Lk 24, 36 – 42: Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. 
Fasst mich doch an und begreift: 
Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.

Die Höflichkeit der Engel

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„Wenn Engel keine Körper haben, wie kommt es dann, dass man sie sehen kann?“ So etwa lautete der übliche Einwand. Meine Antwort, dass ich noch nie einen gesehen habe, und meine Frage, ob jemandem der Anwesenden schon mal einen zu Gesicht gekommen ist, nützt dann nicht viel. Die Kritik hat die Autorität der Bibel auf ihrer Seite. Dem Abraham sind Engel erschienen, dem Tobit, der Jungfrau Maria, den Hirten auf dem Feld, den Jüngern am Grabe und vielen Leuten mehr. Insgesamt machen die heiligen Schriften den Eindruck, als sei es geradezu selbstverständlich, dass Engel irgendwo auftauchen.

Aber meine Antwort ist doch doch nicht ganz von der Hand zu weisen, und ich habe sie mir nicht ganz ohne Überlegung zurecht gelegt: Normalerweise sieht niemand die Engel. Die Bibel sagt nicht nur, dass die Engel erscheinen. Sie sagt auch, dass jeder von uns einen, den Schutzengel nämlich, an der Seite hat. Wenn das stimmt, dann sind die Engel sehr wesentlich unsichtbar, denn normalerweise sieht sie niemand. Ein lieber, alter Priester pflegte seinem Schutzengel zu sagen, er solle sich bitte zum Fenster begeben, dann wisse er wenigstens, wo er sei und in welche Richtung er zu sprechen habe. Das sagt man nur zu unsichtbaren Geistern.

Wenn man der Schrift glaubt, dann gibt es also beides: Engel, die erscheinen und solche, die es nicht tun. Dazu ist zu sagen, dass die Bibel meistens ganz und gar ungewöhnliche Begebenheiten erzählt. Ihre Berichte heben an, wenn das Göttliche in die Welt tritt. Abraham war ein schlichter Hirte, bis da plötzlich zu lesen steht, Gott habe mit ihm gesprochen. Wie aus dem Nichts erscheint da der Herr der Heerscharen und nimmt Kontakt mit einem Menschen auf. Das sind höchst ungewöhnliche Situationen, und ihnen stehen die Engel zur Seite, die als Boten und Erklärer auftreten.

Als der Engel Gabriel der Maria erschien, tat er das, um der Jungfrau das Kommen des göttlichen Wortes auf die Erde anzukündigen und zu erläutern. Die Weihnachtsengel auf dem Felde erschienen den Hirten, um ihnen die Ankunft des Menschensohnes und dessen Gnade für die Menschen guten Willens kund zu tun. Auch da brach sich die Gottheit Bahn. Die Jünger am Grab hätten die Auferstehung nie verstanden, hätten die Engel nichts alles erklärt. Wenn man so möchte, sind die Engel der Bibel zu guten Teilen die Übersetzer des Göttlichen in die Sprache und Lebenswelt der Menschen. Das Kind in der Krippe sah eben doch aus wie ein gewöhnliches Baby. Dass es der Messias sei, das bedurfte der himmlischen Erläuterung. Die Engel begleiten, beschirmen, polstern und erklären den Einbruch der göttlichen Anwesenheit auf Erden. Sie kommen nicht einfach so, wie wenn eine Schwalbe sich im Zimmer verirrt.

Ich kann meine vorläufige Antwort also aufrecht erhalten: Normalerweise sind die Engel unsichtbar, so unsichtbar, wie das Wirken des Schöpfers auch. Das führt uns zur Antwort der theologischen Summe. Sie widmet der Frage ein kleines Kapitel und dort heißt es, die Engel bedürften der Körper weder zur Formung eines Leibes, noch zur eigenen Bewegung. Sie bräuchten sie überhaupt nicht für sich selbst, sondern lediglich um unseretwillen. Die Engel bräuchten ihre Körper eigentlich nur, damit wir vertraulicher mit ihnen umgehen könnten und damit sichtbar werde, welchen Umgang wir im Himmel haben. Diese Antwort ist mir schon immer sehr lieb: Normalerweise haben die Engel keinen Körper. Sie nehmen aber welche an, um den Eintritt des Göttlichen in unsere Welt zu erläutern und um uns zu zeigen, welch vornehme Gesellschaft uns im Himmel erwartet. Ich würde meinen, aus der Antwort kann man einen Ratschlag formulieren: Sollte uns einmal ein Bote des Himmels besuchen, dann lohnt sich ein Blick auf sein Betragen, und es empfiehlt sich, genauer hin zu sehen, wie er spricht und sich benimmt.

Es war zwar kein Engel, der in Lourdes erschien, sondern die Mutter Jesu, und das Mädchen, das sie sah, war eine fünfzehnjährige, lungenkranke Göre aus den Kreisen der ärmsten Bevölkerung. Mit dieser Sorte Mensch pflegt man für gewöhnlich nicht besonders höflich umzugehen. Als aber die Mutter ihr erschien, fragte sie in feinster Wahl ihrer Worte, ob das Mädchen die Freundlichkeit besitze, noch einmal wieder zu kommen. Im Himmel geht es anständig zu, und es ist damit zu rechnen, dass unsere dämlichen Standesunterschiede keinen Heller mehr wert sind. „Wahre Größe misst man nicht in Zentimetern“, sagte neulich ein Mann von kleinem Wuchs. Recht hat er, und der grundsätzlich Adel menschlicher Würde, der ist auf Eden auch nicht immer sichtbar. Aber sobald wir es mit dem Himmel zu tun haben, sollten wir wissen, dass es höfisch zugeht, und wohl dem, der sich zu benehmen weiß.

Quelle:
Sth I, 51, 2, ad 2: Ad secundum dicendum quod corpus assumptum unitur Angelo, non quidem ut formae, neque solum ut motori; sed sicut motori repraesentato per corpus mobile assumptum.

Sth I, 51, 2, ad 1: Ad primum ergo dicendum quod Angeli non indigent corpore assumpto propter seipsos, sed propter nos; ut familiariter cum hominibus conversando, demonstrent intelligibilem societatem quam homines expectant cum eis habendam in futura vita.

Wessen Wille soll geschehen?

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Jeder handelsübliche Katholik spricht das Vater Unser. Darin heißt es: „Dein Wille geschehe.“ Man kann sich mal fragen, was das soll und was das bedeutet. Ich meine, wir sprechen hier von einem Gebet, das sich an Gott, den Schöpfer richtet. Dessen Wille geschieht so oder so. Was der Schöpfer will, das trifft ein, was er nicht will, das findet nicht statt. Wenn wir nun sagen, sein Wille möge geschehen, dann ändern wir damit vermutlich nichts. Gottes Wille geschieht auch, ohne dass wir darum bitten. Aber wenn wir das beten, dann stellen wir uns hinter seinen Willen. Wir sagen damit, dass wir gut finden, wenn sein Wille geschieht. Wir wollen, dass eintrifft, was er möchte. Somit ist das Vater Unser ein Ausdruck der Verbundenheit der Vereinigung mit ihm.
Unser Thema bedenkend würde ich vorschlagen, wir denken uns bei dem, was Gott will, einmal nicht nur, dass etwas passiert oder nicht. Dem geht nämlich immer etwas voraus. Wenn ich mir wünsche, dass der Vfl Bochum am Wochenende gewinnt, dann möchte ich zugleich auch, dass es ihn überhaupt gibt. Das hört sich jetzt etwas komisch an, weil wir nicht gewohnt sind, in diesen Kategorien zu denken. Die Dinge um uns die gibt es, und das mit einer Selbstverständlichkeit, die uns ihr reines Dasein eher vergessen lässt. Das ist wie mit einer Wohnung, die täglich aufgeräumt wird. Wenn die Leute von der Arbeit nach Hause kommen und es ist immer gleich aufgeräumt, dann merken sie von der Ordnung nichts mehr. Ordnung ist unauffällig, wenn es immer ordentlich ist. Erst wenn die fleißige Biene mal nicht da ist und die Dinge aus der Ordnung fallen, fällt allen auf, was für eine Leistung sie täglich abgeliefert hat. So ist es mit dem Sein der Dinge auch. Es fällt nicht auf, dass sie da sind. Genau genommen aber sind sie nur da, weil der Schöpfer sie die ganze Zeit über will. Nur weil der Schöpfer will dass sie da sind, sind sie, und nur solange er will, dass sie seien, gibt es sie. Gott will uns, und wenn er einmal nicht mehr wollte, wären wir weg, wie ein Film weg ist, sobald der Fernseher nicht mehr läuft.
Dieser Umstand wird interessant, sobald wir über die Engel und Dämonen nachdenken. Wir sind gewohnt, das Dasein gewisser Übeltäter als bedauerlich zu empfinden. Wenn in der Straße ein Kerl umherschweift, der unseren Kindern übel will, dann hätten wir viel lieber, es gebe ihn nicht. Die Kinder sollen in Ruhe zur Schule gehen können, und jemand, der ihnen etwas will, den wollen wir nicht haben.
Was den Teufel angeht, gibt es die Diskussionen, ob es ihn gibt oder nicht nur aus einem Grund: Wir wollen ihn nicht wahr haben. Seit langer Zeit vollbringen die Theologen die dollsten Kopf- und Handstände, nur zum irgendwie zu beweisen, dass es den Teufel nie gab und nie geben wird. Die Theologie soll uns beruhigen, und das zeigt, vor allem eins: Wir wollen nicht, dass es ihn gibt, wie wir nicht wollen, dass uns ein Erdbeben heimsucht.
Das alles kann bei Gott so nicht sein. Wenn stimmt, was wir gesagt haben, dann gibt es kein Wesen, dessen Dasein der Schöpfer nicht ausdrücklich will, solange es existiert. Was für uns gilt, das gilt auf für den größten Schurken: Solange es ihn gibt, findet Gott es gut, dass es ihn gibt, und der heilige Thomas geht sogar soweit, dass er sagt, selbst der Teufel kann in dieser Hinsicht sein Gutsein nicht loswerden.
Ich würde hier gern eine Unterscheidung einführen, die uns die Sache verständlicher macht. Wenn eine Mutter unter ihren Söhnen einen hat, der moralisch herabgekommen ist und ein unerträgliches Verhalten an den Tag legt, dann will sie wohl nicht sein Benehmen. Sie will aber dass es ihn gibt und dass es ihm gut geht. Ihre Abneigung geht nicht auf das Dasein des Kindes, sondern nur auf sein Benehmen. Ihr Sohn bleibt ihr Sohn, so bleibt auch der Teufel ein Geschöpf Gottes, das aus seiner Güte nicht heraus fällt.
Es kommt also ans Licht, dass es an Gott nicht liegt, wenn der Böse böse ist, sondern einzig an ihm, der seine Freiheit als Möglichkeit nutzt, sich gegen ihn zu stellen.
Es eröffnet sich aber eine Frage, die uns angeht: Kann sich das nicht ändern? Die Mutter, die das Leben ihres verkommenen Sohnes will, will das doch in der Hoffnung, dass er sich ändert und am Ende doch ein gutes Ende findet. Kann sich der Teufel nicht bekehren und seine Lage ändern? Hier sagen die Alten in größter Übereinstimmung, dass da leider nichts zu machen ist. Auf Erden können wir unsere Meinungen und Einstellungen täglich ändern, weil die Bedingungen wechseln. Wenn wir heute am liebsten in die Türkei und im nächsten Jahr viel lieber nach Norwegen in Urlaub fahren, dann liegt das daran, dass unsere Vorlieben sich verschoben haben. Was aber ist, wenn die immer gleich bleiben? Was ist, wenn sich nichts ändert? Die Änderungen unserer Einstellungen haben mir ihrer Unvollkommenheit zu tun. Wir ändern sie, wenn wir was dazu lernen. Wir ändern sie natürlich auch, wenn wir dümmer werden. Was aber ist, wenn wir in der Vollkommenheit unseres Blickes die Höhe erreicht haben? Was ist, wenn die Bedingungen in ihrer vollsten Klarheit vor uns stehen? Dann gibt es nichts mehr, was sich ändert. Somit gibt es auch keinen Grund mehr, dass wir unsere Einstellung ändern. Deshalb können die Tore im Himmel und in der Hölle so lange offen stehen, wie sie wollen: Es wird niemand hindurch gehen, und, wie C.S.Lewis sagt, Gott es ist, der hier spricht: Dein Wille geschehe.

De malo 16, 2, co: Malum enim dicitur unumquodque ex eo quod aliqua perfectione sibi debita privatur. In tantum autem unumquodque perfectum est, in quantum attingit ad id quod competit suae naturae. Hoc modo Dionysius multipliciter probat IV cap. de Divin. Nomin., quod Daemones non sunt naturaliter mali.

De malo 16, 5, sc 3:  Angelus medius est inter Deum et hominem. Sed Deus habet liberum arbitrium invertibile ante electionem et post; homo autem habet ipsum vertibile ante et post. Ergo Angelus medio modo se habet, ut scilicet sit vertibile ante sed non post: nam contrarium est impossibile, ut scilicet sit vertibile post, et non ante. Non ergo post electionem peccati potest reverti ad bonum.

Der letzte Sinn im menschlichen Tun

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Warum zog Columbus sich morgens die Hosen an? Weil er nicht ohne Beinkleider auf Deck wollte, oder weil es ihn nach Indien zog? Wer sich auf seinem Fußweg zum Essen Kaufen die Schuhe bindet, tut er das dann, weil er einkaufen will, oder weil offene Schuhe unbequem sind? Natürlich wollte Kolumbus seine Hosen tragen und der Einkäufer will, dass seine Schuhe sitzen, aber beide sind unterwegs zu einem Ziel, das hinter ihren kleinen Anliegen steht.
Hätte Columbus nicht nach Indien gewollt, er wäre erst gar nicht an Bord gegangen und er hätte niemals diesen Grund gehabt, in seine Hosen zu steigen. Der Einkäufer hätte die Straße gar nicht betreten, wenn ihn nicht irgend ein Hunger in Schwung gebracht hätte. Hinter den gewöhnlichen Zielen, die wir verfolgen, stehen oft weitere, höhere, oder einfach nur entferntere Ziele, um derentwillen wir unterwegs sind.
Man kann die Reihe auch verlängern. Kauft ein Schüler sich beim Hausmeister ein Frühstück, dann macht er das, weil er Hunger hat. Er isst, weil es sich mit knurrendem Magen nicht gut lernen lässt. Er lernt, damit er einen Abschluss bekommt. Den macht er, damit er einen anständigen Beruf erlernen kann. Dieser wiederum soll ihm genügend Geld zum Unterhalt seiner späteren Familie einbringen, und so kann die Reihe weiter geführt werden, bis sie an ein Ende kommt. Über das letzte Ende allerdings, über das streiten sich die Leute. Mein atheistischer Kollege wird sagen, das Ende ist wirklich eins. Kommt es, dann fährt der Stecker aus der Dose und alles ist vorbei.
Der Leser wird sich denken können, dass die Christen das anders sehen. Im Glauben ist das Ende aller irdischen Wünsche der Anfang ihrer großen Erfüllung. Bischof Augustinus schrieb im fünften Jahrhundert die erste bekannte Autobiographie und darin den berühmten Satz: „Du hast uns auf dich hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ Das meint ziemlich genau, was die Christen sagen und der heilige Thomas schreibt: Der Mensch tut alles, was er tut, eigentlich um eines allerletzten Zieles willen, und dabei braucht er dieses nicht mal im Auge haben.

Dieser letzte Gedanke steht einigermaßen lapidar am Ende seiner Frage. Er ist aber von einiger Bedeutung. Columbus brauchte nicht die ganze Zeit an Indien denken, und der Einkäufer muss nicht unentwegt sein Essen im Kopf haben. Beide sind ja unterwegs, und da können sie sich getrost ganz anderen Dingen zuwenden.
Hier sagt Thomas nun, was etwas anders klingt, nämlich, dass die Dinge, so verschieden sie sein mögen, alle etwas haben, was irgendwie gleich ist. Wörtlich sagt er, alles, was der Mensch begehrt, das begehrt er hinsichtlich des Guten.
Das ist ein großes Wort, das dem oberflächlichen Denken nicht gleich die Kehle herunter will. Es gibt ja keinen Zweifel an der Tatsache, dass die Menschen nicht selten Sachen wollen, die ganz und gar nicht gut sind; weder für sie, noch für jemand anderen. Was soll schon gut daran sein, einer Droge hinterher zu laufen oder sich selbst weh tun zu wollen. Was soll gut daran sein, seinem Nachbarn die Pest an den Hals zu wünschen oder seinen Hund zu vergiften?
Thomas braucht das gar nicht diskutieren. Er kann einfach sagen, man kann nichts wünschen, in dem man nicht doch irgendwie etwas Gutes sieht, ganz gleich, ob man sich irrt oder nicht. Wünschen heißt eben, etwas begehren, auf etwas aus sein, und in allem, was man begehrt, muss man irgendetwas Begehrenswertes finden. Zum Wünschen gehört das Gute ebenso, wie die Farben zum Sehen. Man kann nichts sehen, was nicht irgendeine Farbe hat.
Nun sagt der Meister ein zweites: Wenn etwas Begehrtes nicht als letztes Ziel begehrt wird, dann hat es aber doch eine Tendenz hin zu ihm. Columbus will nur in seine Kleidung, und wenn er in die Hose steigt, dann sieht man dem Tun das Ziel seiner Reise in keiner Weise an. Thomas sieht allerdings auch in diesem schlichten Tun die Tendenz, nach Indien zu wollen: Das Ganze geht darauf hinaus, also liegt in allem irgendwie dieser Richtung. Auch das Ankleiden dient der Reise nach Indien, und so sieht der heilige Thomas das menschliche Leben: Als eine Tendenz, hin zu einem letzten, großen Ziel, und das ist das Gute schlechthin,

Sth, I-II,1,6:
„Ad tertium dicendum quod non oportet ut semper aliquis cogitet de ultimo fine, quandocumque aliquid appetit vel operatur…“

Hierarchie

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Unter den Fremdwörtern gibt es solche und solche. Die einen sind fremd, ohne dass man sie versteht, die anderen sind fremd, ohne dass man es weiß. Dass Troglodyten in Höhlen wohnen, muss man wissen oder man weiß gar nichts, wenn jemand das Wort im Munde führt. Beim Wort Hierarchie, um das es hier gehen soll, ist das anders. Jeder wird auf die Frage, was Hierarchie bedeutet, freundlich nicken, aber kaum einer wird wissen, was damit dem Ursprung nach gemeint ist.
Ein Ottonormalverbraucher wird beim Klang des Wortes wissen, dass da irgendetwas von oben nach unten durchgereicht wird, meistens Befehle. Der Linke weiß, es sind nur Befehle, und Bosheiten natürlich. Der etwas rechter Gesinnte wird sich das anders zurechtgelegt haben und uns überzeugen, dass sie Welt nur mit einer ordentlichen Hierarchie regiert werden kann. Weil das alles nun so ist, erklären die Gelehrten in aller Regel vor Gebrauch des Wortes, dass Hierarchie nicht nur um ein senkrechtes Gefüge der Ordnung kreist, sondern auch „heilige Herkunft“ bedeute. Damit haben sie dann allerdings ein Fremdwort mit einem Fremdwort und somit gar nichts erklärt.
Das Wort Heilig ist uns ja nicht weniger fremd als das des Tryglodytentums. Die Höhlenbewohner sind uns fremd, weil keiner mehr in Höhlen wohnt und die Heiligen sind uns fremd, weil niemand mehr heilig sein will.
Ein Jugendlicher sprach es vor Kurzem für alle aus, nämlich dass er mit dem Heiligen nicht viel anfangen könne und auch irgendwie nicht wolle; das sei alles so weit weg. Das stimmt, meinte der Kaplan, die Kirche müsse unbedingt geerdet werden. Mit meinem Hinweis, Christus sei aber doch gekommen, um die Erde zu himmeln, war ich unzeitgemäß.
Mein Problem ist: Die Heiligkeit war mir schon immer eine liebe Sache und hat wohl etwas irgendwie Fernes, sie hat aber nichts Befremdendes. Das Problem ist keins von Nähe oder Ferne, sondern, ob das andere uns am Herzen liegt oder nicht.
Wenn Soldaten oder Arbeiter in der Fremde ihre Lieder von der Heimat singen, dann meinen sie damit etwas Liebes, das weit weg ist, nicht was ferne liegt und ihnen gestohlen bleiben kann. Wenn das Ferne ihnen nicht lieb ist, dann haben sie dort keine Heimat mehr, sondern nur noch ein Stück Land.

Ich habe hier gerade gefühlsbetonte Wörter eingeführt. Heimat und Nähe sind Wörter mit Gefühl, im Gegensatz zu etwa Zuhause und Distanz, die eher technisch daher kommen. Das ist nämlich der Bogen, der geschlagen werden muss: Um verstehen zu können, was für den Christen das Heilige ist, muss es als viel mehr etabliert werden, als etwas, das irgendwie schon ganz in Ordnung ist. Für das Zusammenleben reicht es nicht, wenn man sich nur nichts tut. Da muss schon etwas sein, was wir unbeholfen als Liebe bezeichnen. Thomas erwähnt das, wo er von der Freundschaft spricht. Wohlwollen reicht nicht zur Freundschaft. Es muss schon eine gegenseitige Liebe dabei sein.
Eine christlichen Predigt sollte das Heilige nicht nur als nicht schlecht, sondern als Heimat schildern. In der Erklärung der Hierarchie müsste das bereits geklärt sein. Hierarchie meint ihrem Grunde her also eigentlich nie eine kalte Befehlskette, sondern vielmehr eine tragfähige Struktur, die in einem Land ihren Grund hat, aus dem heraus wir mit viel Liebe und Wohlwollen angesehen werden; in Freundschaft, würde der heilige Thomas wohl sagen.

 

II-II 23,1,co.: Sed nec benevolentia sufficit ad rationem amicitiae, sed requiritur quaedam mutua amatio.