Gottes Emotion

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Briefe an meinen Doktor

Gestatten Sie mir, Ihren Teilvorschlag erst einmal in Worte zu fassen. Ich würde ihn: „Ein Gedanke zur Liebe des Schöpfers in emotionaler Hinsicht“ nennen. Damit berühren Sie glatt eine absolute Grenze, wie ich meine, die Grenze zum Unmöglichen nämlich. Es gibt ein paar Themen im theologischen Lager, bei denen die Brüche unseres Rechnenkönnens einfach nicht aufgehen. Es bleibt immer ein Rest sozusagen und spannende Fragen offen, auf deren Auflösung im Jenseits ich wirklich gespannt bin.

Eine berühmte solche Frage ist die vom alten Gnadenstreit, den die Jesuiten mit den Dominikanern seinerzeit ausgefochten haben. Es ging letztlich um göttliche Vorsehung im Zusammenhang mit der menschlichen. Die Streithähne fochten und exkommunizierten sich gegenseitig, bis Paul V. gebeten wurde, Stellung zu nehmen. Der entschied brillant: Wer zukünftig seinen Gegner für exkommuniziert erklärt, ist exkommuniziert, und die Lösung des Problems wird später entschieden. Sie ist nie entschieden worden und wird nie entschieden werden. Beides gibt es, beides gibt es ganz und jedes lässt sich als gegensätzlich zum anderen beschreiben.

Es gibt eben Fragen, die nicht lösbar sind, und das nicht nur in der Wissenschaft vom Heiligen. Als ich einem befreundeten Astrophysiker einmal die naive Frage vorlegte, wo hinein sich das Universum denn ausdehnt, lehnte er nicht nur die Antwort, sondern auch die Frage ab, und das ganz zu Recht. Sie ist nicht lösbar und schon gar nicht für einen Physiker. Der beschäftigt sich notorisch nur mit den Gegebenheiten diesseits der Grenze. Das Drüben geht ihn nichts an. Die Antwort meines Freundes war dann auch die eines Gläubigen, nicht die des Wissenschaftlers: Wir warten, bis Gott es uns eines schönen Tages zeigt, und das wird der Tag sein, der nie in einer Nacht zu Ende geht.

Ganz ähnlich ist es mit unserer aktuellen Frage: Wie können wir die emotionale Seite in der vollkommenen Liebe Gottes denken? Unsere Antwort muss lauten: Gar nicht, und würden wir eine präsentieren, dann setzten wir uns dem Verdacht aus, die beide Seiten des Terms noch nicht hinreichend bedacht zu haben: Die göttliche Art zu sein (allein zu sagen, dass er ist, geht nur in ungenauer Sprache) muss derart sein, dass in ihm keine Bewegung behauptet werden kann. Bewegung heißt Endliches haben, beginnen und enden. Beides geht nicht; das Ewige wäre nicht ewig. Emotional sein bedeutet aber vor allem von etwas bewegt werden können.
Nun sagt Christus, wer ihn gesehen habe, der habe vor allem den Vater geschaut, und wenn Christus eines war, dann bewegt; bewegt von der Aussichtslosigkeit unseres unerlösten Schicksals, bewegt von der Tiefe unserer Verstricktheit und bewegt von der Freude zu erlösen, die übergroß genug war, das Kreuz zu ertragen. Wenn wir das bedenken und die Wurzel hinauf klettern, dann ist auch der ewige Beschluss der Menschwerdung im Ewigen von diesen Zusammenhängen motiviert, und motiviert sein heißt nunmal bewegt.

Die mittelalterlichen Meister haben, wohl auch im Hinblick auf die über die Barmherzigkeit nicht hinaus kommende, sarazenische Häresie betont, zwei Regungen müsse man in Gott behaupten: Die Liebe und die Freude. Die Behauptung ist stur und bibelfest, nicht aber des näheren belegbar. Demnach hat Gott die Welt nicht nur so sehr geliebt, dass er seinen Sohn für sie dahin gab, sondern sich auch über die Maßen gefreut, dass die Erlösung am Ende so geschehen sein würde.

Die Unerklärbarkeit unserer Sache hat allerdings noch eine zweite, zu Herzen gehende Seite, nämlich, wenn wir unser privates Schicksal mit in die Rechnung schreiben: Wie kann es sein, dass diese, ewige, göttliche Vorsehung uns so lieb hat? Ich wiederhole meine alte Behauptung: Wer beichtet, lernt sich besser kennen. Das gilt für die Sonnen- wie für die Schattenseiten und nährt meinen stillen Verdacht: Nicht zu wenige suchen wegen des Blickes auf das Dunkle lieber das weite als die schwarze Kammer in den Kirchen. In Ihrem Kontext gesprochen würden sie einer Darmspiegelung einer guten Beichte gegenüber jederzeit den Zuschlag geben. Aber davon ab: Wer immer sich traut, vor seinen Schatten nicht davon zu laufen, der hat in der nicht endenden, treuen Liebe Gottes für sein gesamtes Leben eine unlösbare Denkaufgabe, eine Nuss, die sich nicht knacken lässt. Und mir scheint, je länger es währt, desto deutlicher wird es einem.

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Barmherzigkeit ist nicht genug

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Briefe an meinen Doktor, 3

Sie haben wohl Recht, mit dem, was sie sagen: „Es gibt kaum einen Begriff, der vielschichtiger und missverständlicher ist als ‚Liebe’ (…) Gottesliebe und Gottes Liebe. Liebe als Willensakt. Leidenschaftliche Liebe. Nächstenliebe. Selbstliebe. Erotische Liebe.“
Wir können das ganze noch komplizierter erscheinen lassen. Die deutsche Sprache, die sicher mit Gründen eine Philosophensprache genannt wird, hat für unsere vielschichtige Sache, nur ein Wort: Liebe eben. Die Lateiner sagen „amor“, „dilectio“, „caritas“. Sie leihen sich das griechische „agape“, und gleich gleich haben sie einen ganzen Strauß an Begriffen in der Hand, die allesamt die Liebe meinen und ihr doch ganz verschiedene Richtungen und Farben geben können. Sie haben in Ihrer Aufzählung ja auch nie nur Liebe gesagt, sondern immer mit einem weiteren Wort eine Erläuterung anhängen müssen. Da hatten es unsere Väter und Großväter viel leichter. Es gab, wenn ich richtig liege, im Plattdeutschen nämlich überhaupt keinen Begriff für die Liebe. Das Wort „Liebe“ stand in der Bibel. Er war ein Begriff, der für die Priester reserviert war und etwas Großes bedeutete, das mit Gott zu tun hatte. Für uns vielleicht ein guter Grund, noch mal mit dem Ersten zu beginnen.

„Liebe“ ist in der Tat ein priesterliches Wort. Der Hohepriester trug es vom Himmel herab und führte es ein, um den himmlischen Vater zu beschreiben. Man müsste mal nach Asien fahren, um dort zu erfahren, in wie weit die dortigen, vom Christlichen nicht mit gefärbten Philosophien das Wort von der Liebe zum Thema haben.
Aber vielleicht erwähnen wir in diesem Zusammenhang einmal eine unterschlagene Tatsache. Es war Christus, höchst persönlich und allein, der so vom Vater sprechen konnte. Er wusste, dass ihm auf die Dauer der Tod sicher war, als er im Namen des Erhabenen den Leuten sagte, ihre Sünden seien ihnen vergeben. Das kann keiner tun und auch nicht sagen, außer Gott, und nur er allein hat diese Macht. Wenn der Priester uns im Beichtstuhl diese Worte wiederholt, dann kann auch er das nur tun, indem er Worte spricht, die nicht seine sind, und nur, wenn er eine exklusive Weisung dazu hat. Jeden anderen, der in des Herren Namen solche Sachen sagt, sollte man sofort des Hauses verweisen oder ihm zumindest den nächsten Vogel zeigen.
Als Christus sagte, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben; als er sagte, er sei der Weinstock, seine Jünger die Reben, da war er entweder Gott oder wahnsinnig. Allein, dass die Getreuen nicht gleich davon liefen, bezeugte ihre Vorentscheidung für das erste: Dieser war Gottes Sohn!

In genau dieser Autorität nun verkündete Christus das größte Glaubensgeheimnis, das zudem am schwersten zu kapieren ist: „Gott hat die Menschen wirklich lieb.“ Gehen Sie mal hinaus in die Welt und verkünden Sie das den Leuten der anderen Religionen. Die Reaktionen werden sehr verschieden sein. Das ist es aber, das wir von der Kanzel erfahren. Das ist es, das auch die Priester der alten Zeiten zu verkünden hatten. Die Liebe Gottes zu uns ist diejenige Sache, über die wir unser Leben lang nachzudenken haben und in allen möglichen Verfassungen unseres Gemütes nachdenken sollten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es desto schwieriger wird, je philosophisch tiefer von der Gottheit gesprochen wird.

Und reden wir uns nicht mit der viel gepriesenen Barmherzigkeit heraus. Barmherzigkeit reicht nicht, nicht jedenfalls da, wo die Liebe ins Boot steigt. Das Verhältnis Gottes zu seinem Volk wird in Israel von je her als ein Bund beschrieben, und zwar als ein Bund, der nicht einfach nur den Charakter und die Farbe eines Vertrages hätte. Dieser Bund wird schon immer beschrieben wie eine Ehe, wie das Verhältnis eines treuen Ehemannes zu seiner viel weniger treuen Braut. Die Kirche Jesu setzt das fort: Der Herr ist der Bräutigam und die Kirche seine Vielgeliebte. Und wann hat je ein Bräutigam seine Braut aus Barmherzigkeit heim geführt? Nein, bei uns muss es schon die Liebe sein, und  die im vollen Umfang beim Wort genommen. Das haben wir wohl im Sinn des heiligen Bernhard wiederzukäuen, wie das Vieh im Stall, von dem er in seiner Predigt sprach. Wie schwer das sein kann, das wusste schon der Apostel: Es muss heilige Geist vom Himmel sein, der unserem Geiste leise nahe legt, dass wir doch Kinder Gottes sind. Bedenken wir das also.

Die Liebe und ihr Leiden

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Brief an einen Doktor, 2

Sehr geehrter Herr,

„etwas zu viel Gott für meinen Geschmack“, lautete gestern der Einwand eines Lesers, der nach kurzem Gespräch um den Text gebeten hatte, den ich Ihnen zugesandt habe. Ich fürchte, ich kann der Neigung, „lieber etwas weniger Gott im Ganzen“ nicht sonderlich weit entgegen kommen. Wer ein Haus betritt, über dessen Tür das Wort „Borussia“ zu lesen steht, der wird damit zu rechnen haben, dass sich darinnen so ziemlich alles um Fußball, und zwar um den einer ganz bestimmten Mannschaft dreht.

Über meinem Tun hier steht das Wort „Thomismus“. Wer sich kurz kundig macht, kann wissen, dass sich da im weiten Sinn so ziemlich alles um das Thema „Gott und die Welt“ dreht, und das auf eine bestimmte Weise.
Wir haben uns dann noch kurz unterhalten können. Es stellte sich heraus, mein Leser hatte die Gottesfrage irgendwann mehr oder weniger als „Agnostiker mit Tendenz zum Atheismus“ beantwortet. Und das – so schien mir dabei – in der die Zukunft prägenden Stimmung, wenn möglich nicht weiter behelligt werden zu wollen. Über unser Thema, die Liebe, haben wir uns dann allerdings doch noch angenehm und angeregt unterhalten. Da musste der Schöpfer dann auch nicht weiter vorkommen. Der Gottesgedanke hat im Erwägen der Liebe christlicherseits oft eher nur den Charakter einer wohl stets, aber mehr oder weniger unbewusst wahrgenommenen Grundierung, zu einer Art Grundstimmung der Dankbarkeit führt sozusagen.
Als unser Vater meinem Bruder in desse Kindheit einmal eine Angel geschenkt hat, da ging es mit seinen Freunden am See fürderhin ums Angeln, nicht um den Vater. So kann es durchaus auch mit der Liebe zugehen. Es dreht sich um sie, und nicht um ihren Geber. Es gibt da allerdings einen Unterschied. Für ein Geschenk kann man sich bedanken. Im Glauben aber, die Liebe sei mit der Welt aus dem Würfelbecher der Evolution gekugelt, hat man keine Adresse.

Aus unserem Dialog wurde ein Gespräch zu dritt, als eine Dame hinzu kam, die an einer Sache interessiert war, die man vielleicht die dunkle Seite der Liebe nennen kann. Ihr war es plötzlich um den Verlust und die darauf folgende Trauer zu tun. Vielleicht können wir uns auf eine kurze Formel einigen, nach der auch die Trauer eine Form der Liebe ist. Man kann wohl nicht traurig sein, wenn man das Verlorene nicht lieb hatte, oder besser gesagt, immer noch lieb hat.
Jetzt ging das Gespräch also um die Frage, ob man den Schmerz der Trauer, wie freilich jeden Schmerz, nicht am liebsten los sein möchte, und es herrschte eine Dissonanz im Gespräch. Ich schlug eine Art Deal vor, um einer Lösung entgegen zu kommen. Der lautete etwa so: Wer würde auf einen Vorschlag eingehen, der die Möglichkeit enthielte, den Schmerz um den Preis des Verlustes der Liebe loszuwerden? Mit anderen Worten: „Der Schmerz hört sofort und für immer auf, für den Preis, dass du den verlorenen Menschen nicht mehr lieb hast. Siehst du zukünftig sein Bild irgendwo, dann wird es wie das Erblicken eines ganz Fremden sein. Bist du dazu bereit?“ Der Vorschlag hätte von Mephisto kommen können, und beide verneinten mit einigem Nachdruck. Sie gaben eindeutig der Liebe den Zuschlag, auch wenn diese leiden müsse. Das geschah, wie Sie wissen, allerdings in der Neutralität der momentanen Freiheit vom lediglich gedachten Schmerz. Einen solchen kann man nur vorher und nachher wollen. Stellt er sich ein, dann werden die Karten von harter Hand noch einmal neu gemischt, und dieser Ernstfall lässt sich nicht proben.

Das dauernde betroffen sein

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Islam und Christentum 51

Jetzt ist die Liebe an der Reihe. Und bevor ich mit ihr loslege, würde ich gern eine kleine Meditation über eine Sache einschieben, über die hin und wieder nachzudenken ich lohnenswert finde. Es ist die Sache mit dem herausgefordert werden des Menschen. Wir können mit einer Formel beginnen:

Wer von etwas getroffen wird,
der muss irgendwie reagieren.

Du kennst das Spiel  noch aus unserer Zeit in der Schule. Dauernd kamen die Kinder (und auch die schon etwas älteren) zu mir mit der Beschwerde, irgendwie von ihren Mitschülern beleidigt worden zu sein. Es ging dann immer um die Frage, wie man angemessen reagiert. Wer beleidigt wird, hat das Recht, die Pflicht oder ganz allgemein gesagt, die Möglichkeit, zu reagieren. Gar nicht reagieren geht gar nicht. Eine Beleidigung, die uns nicht trifft, ist keine. Ein getroffenes Tier aber reagiert immer, und wenn es im Lauf auch nur kurz zuckt. Eine Beleidigung ist also immer eine Herausforderung, und damit spielt derjenige, der uns beleidigt. Er weiß, dass er uns treffen kann und erwartet, dass wir mit unserer Reaktion einen Fehler machen.

Man kann das menschliche Leben jetzt auch einmal betrachten, wie eine Sache, die uns dauernd mit etwas herausfordert. Wenn plötzlich ein Kind entsteht, dann ist das für das Leben auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Eltern müssen darauf reagieren, und was wir die Ethik nennen, stellt uns immer ganze Kataloge auf, wie man mehr oder weniger falsch reagieren kann.

Nicht umsonst haben die alten Geschichten die Liebe schon mal als einen kleinen, dicken Engel dargestellt, der mit einem kleinen Bogen spitze Pfeile auf die Menschen abschießt. Das Verliebtsein trifft uns wie ein Pfeil. Wir haben vielleicht lange Zeit in ziemlicher Ruhe vor uns hin gelebt; plötzlich tritt da ein Mensch in unser Leben, der alles in Wallung bringt und uns nicht in Ruhe lässt. Man ist plötzlich ganz außer sich, heißt es im Volksmund und bei den Philosophen. Es ist aber wie mit dem Tier auf der Wiese. Wenn es getroffen wird, dann kann es gar nicht anders, als reagieren.

Um den Gedanken etwas vollständiger zu machen: Es gibt auch Dinge, die uns  ganz grundsätzlich und immer herausfordern. Für sie braucht es keine Pfeile und keine Ereignisse oder Begegnungen, die auf uns abgeschossen werden. Das Gute, das Böse und die Wahrheit sind Dinge, von denen wir immer herausgefordert werden und von denen jeder ganz allgemein und automatisch sagt, dass es ein richtig und falsch gibt. Solche Dinge sind etwa das Gute, das Böse und die Wahrheit. Wir brauchen hier jetzt gar nicht über diese Dinge zu philosophieren. Es reicht, wenn wir sagen, jeder normale Mensch weiß, das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen, und der Wahrheit ist immer die Ehre zu geben. Diese drei Dinge sind immer irgendwie in allem, was uns anspricht und trifft. Wir sehen jemanden einen Raubmord begehen, und alle sagen, das ist böse und verboten.

Jeder Dieb beschwert sich,
wenn er beklaut wird.

Dass der heilige Martin dem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gab, weil diesem so kalt war, wird von allen als große und gute Tat gepriesen. Viele würden das nicht machen und lieber schweigend weiter ziehen, bevor sie ihren Luxus teilen. Aber keiner sagt, das sei besser. Der Satz „du sollst nicht lügen“ hätte bei den Zehn Geboten fast gar nicht dabei sein müssen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Jeder Mensch  weiß eigentlich, es gehört sich nicht, die Wahrheit zu verbiegen.
Der Philosoph Nietzsche hat schon mal gewagt, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Als ich Gedanken wie „warum soll ich keine Frau vergewaltigen?“ zu lesen hatte, war ich in meiner Unschuld tief getroffen und entsetzt. Allein die Frage zu stellen, um ernsthaft über sie nachzudenken, kam mir wie ein Verrat am Gefüge des ganzen Universums vor. Aber Philosophen dürfen und müssen das: Sich in verbotene Zimmer wagen und Pfade beschreiten, die nicht ausgetreten werden dürfen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, gute oder schlechte Antworten zu geben.

Wie immer auch, wenn wir von der Liebe sprechen, dann meinen wir im alltäglichen Denken so etwas, wie ein positives getroffen werden. Die Summe fängt auch mit diesem Gedanken an: „Die Liebe ist eine passio, eine Leidenschaft“, also etwas, was uns trifft. Dann aber kommt der eigentliche Gedanke: Gott aber kann in seiner Gottheit von nichts getroffen und erschüttert werden. Also können wir nicht sagen, in Gott sei Liebe. Thomas widerspricht dem natürlich nicht. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Es gibt aber nicht nur leidenschaftliche Liebe. Der Meister setzt tiefer an: Bei allem, was man will, ist immer irgendeine Liebe der eigentliche Motor. Darüber sollten wir noch mal ein Wort verlieren.

Der Wille und die große Seligkeit

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Islam und Christentum, 50

Zur Methode der Scholastik gehört das Diskutieren, der Dialog, würde man heute sagen. Zwei Schülern wird ein Thema gegeben, eine Frage vorgelegt. Beide sollen sich eine Lösung ausdenken und die mit Worten möglichst gut vertreten. Dabei sollen sie sich auf die Gedanken stützen, die große Denker vor ihnen bereits genannt haben. Einer fängt an und legt seine Meinung dar. Der andere merkt sich alles so gut er kann und stellt Fragen, nicht um das Gesagte zu widerlegen, sondern um sicher zu gehen, dass er ihn richtig verstanden hat.
Dann ist sein Gegner an der Reihe. Er legt seine gegenteilige Meinung dar, und auch er möglichst gut und möglichst gebildet. Dann tauschen die beiden Kontrahenten die Position. Jeder muss jetzt, so gut er kann, diejenige Meinung vertreten und sichern, die vorher seine gegnerische war. Beide Meinungen stehen nun da, und der Lehrer gibt am nächsten Tag die Lösung in einer kurzen Ansprache bekannt. Am Schluss werden die einzelnen Argumente, jedes für sich, kurz widerlegt, und die Frage ist so gut es geht geklärt. 
So etwa sah zur Zeit der Hochscholastik ein Dialog an der Universität damals aus, und zu besonderen Anlässen und Festen wurden besondere Fragen ausgewählt. 
Du siehst schon, es wurde gründlich gearbeitet und vor allem wurde das Denken und Argumentieren geübt und geschult. Am Ende sollten gelehrte Leute die Universität verlassen, die in ihrem Fach möglichst gut gebildet waren. Mit diesem Rüstzeug sollten sie sich dann den Gegnern anderer Glaubensrichtungen und Meinungen stellen. Man war der Überzeugung, die besten Antworten zu den wichtigen Fragen kämen so am besten ans Licht. Heute würde man sagen, jeder kann sich am Ende möglichst gut für seine Positionen entscheiden.
Zur Zeit der Scholastik waren es allerdings nicht nur die Christen, die auf diese Weise diskutierten. Bei den Juden und Muslimen gab es ebenso gelehrte Leute, die sich die tiefen Fragen der Religion und Weltanschauungen vorlegten. Große Themen taten sich in der Frage auf, wer den alten Meister Aristoteles am besten und richtig zu erklären und kommentieren verstand. Hier hat auch unser Meister Thomas sich besonders hervorgetan und die Werkzeuge der Philosophie für seine christliche Welterklärung zu benutzen.
Aber bleiben wir bei unserem Beispiel. Ich habe Mohammed gefragt, ob er glaube, dass Gott etwas wolle. Wenn vom Willen und Wollen die Rede ist, dann geht das auf zweierlei Weisen. Man kann vom Willen selbst reden und von den Dingen, die gewollt werden. Ein Beispiel. Der Friede ist etwas, was alle wollen. Man sagt, der Friede gehört zum Willen. Ein anderes Beispiel ist das Essen. Alle wollen satt werden, so gehört das Essen und Trinken in den Bereich des Willens. Das sind Sachen, die gewollt werden, also die Gegenstände des Willens. 
Man kann nun auch zu der anderen Seite der Frage kommen und sagen, dadurch, dass jemand Himbeereis mit Sahne will können wir sagen, er gehört zu denjenigen Wesen auf der Welt, die überhaupt einen Willen haben. Ob er dies oder das will, er kann wollen.
Der eine will in ein Dorf gehen, der andere in eine Stadt. Das heißt, beide können Laufen. Sie haben die nötigen Apparate, die menschliche Wesen laufen machen.

Ähnlich habe ich bei Mohammed angesetzt. Ich sagte, Gott ist barmherzig. Das bedeutet, er will unser Bestes. Dadurch, dass er unser Bestes will, zeigt er, dass er grundsätzlich etwas wollen kann. Er ist also nicht wie ein Stein etwa, dem die Werkzeuge dazu fehlen. Hier steigen wir mit Thomas ein. Er sagt, in Gott ist Wollen, also ist in ihm auch so etwas wie Vernunft, denn dem Willen muss eine Art vernünftiges Erkennen vorausgehen. Wir können nichts wollen, wenn wir zuvor nicht etwas für würdig erachtet und erkannt haben. Das Erkennen erledigen ist eine Aufgabe der Vernunft. Also ist der etwas wollende Gott ein erkennender Gott.

Wollen heißt immer Gutes wollen. Wir können nichts wollen, wenn wir in dem Gewollten nicht irgendwie etwas Gutes entdeckt haben. Thomas sagt, der Gegenstand des Willens ist immer das Gute, und ob einer gute Bücher will oder gute Autos will, er will hinter allem immer das Gute als solches. Gott ist die Quelle und Fülle des Guten. Also ist Gott das, was am meisten gewollt werden kann und wird. Wenn man das alles beim Wort nimmt, dann will Gott zunächst und am meisten sich selbst, und alles Gute, wird eigentlich um seinetwillen gewollt, ob man darum weiß oder nicht. So kommen wir zu dem fast absurd klingenden Schluss. Jeder Wille will hinter allem, was er will, bei Gott sein, und Gott selber will auch am tiefsten und meisten sich selbst. Darin aufgehen, das nennen wir die große Seligkeit.

Mohammed und die Scholastiker

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Islam und Christentum 49

Am Beginn des folgenden Kapitels möchte ich Dir erzählen, was ich schon länger Silvia erzählen will, und zwar, was ich unter einem Scholastiker verstehe. Als ich Mohammed nach seiner Ansicht über Gottes Innenleben fragte, schaute er mich mit großen Augen an und sagte etwas wie: „So kann man von Gott doch nicht sprechen“, und das „kann“ in seinem Satz meinte nicht dass man es nicht kann, wie man ohne Flügel nicht zu fliegen vermag. Es meinte, dass man es nicht soll. Das Wörtchen „können“ hat ja zwei Bedeutungen. Einmal meint es etwas, was nicht geht. Der Mensch kann keine Stunde unter Wasser bleiben, geht nicht. Die zweite Bedeutung meint, man darf nicht, was man kann. Jeder kann stehlen, aber keiner darf es. Wer es tut, bekommt Ärger und alle sagen zu Recht. Als Mohammed mir sagte, so könne man nicht über Gott reden, meinte er, klar kann man, es ist aber nicht gestattet. Genau das aber nehmen sich die Scholastiker heraus.

Aber zunächst zum Wort selbst. „Scholastik“ kommt vom lateinischen Wort für Schule, und so kann man es auch nehmen. Die Scholastik ist eine Epoche in der Geschichte, in der man in den Schulen auf bestimmte Weise über die Dinge nachgedacht hat, die man sich vorstellte. Deshalb ist die Scholastik eigentlich eine Methode, eine bestimmte Weise, wie man denken und die Dinge behandeln kann. Und weil man diese Methode eigentlich nur in einer bestimmten Zeit des Mittelalters gepflegt und ausgebaut hat, nennt man nicht nur die Methode, sondern auch ihre Zeit Scholastik. Unser Meister Thomas war zum Beispiel der große Meister der Scholastiker. Deshalb nennt man die Zeit seines Lebens etwa die Zeit der Hochscholastik. Etwas ausführlicher über die Methode und ihre Epoche zu sprechen, dazu fehlt uns hier die Zeit. Wir werden im Folgenden noch manches darüber sehen. Was ich hier erklären will ist vielmehr das schon genannte: Die Scholastiker nehmen sich heraus, weiter über Gott nachzudenken, als sich viele das trauen. Viele sagen, der Anstand und die religiösen Regeln verbieten es, in das Mysterium Gottes hinein zu spekulieren. Es wird als unanständig empfunden, wie man es unanständig findet, durch die Kleidung eines Menschen hindurch zu spähen. Er hat seine Kleider ja gerade, weil er etwas vor unanständigen Blicken schützen möchte. Der angemessene Umgang mit diesem Wunsch heißt, ihn zu respektieren und sich zurück zu halten. So gilt es als unanständig, im Mysterium Gottes herum zu kramen. Er hat es uns ja als solches vorgestellt, und sein Mysterium hat man zu respektieren.
Die Scholastiker sind aber Christen, und die stehen im Glauben, dass Gott sein Mysterium für seine Kinder eröffnet und zugänglich gemacht hat. Als Jesus am Kreuz seinen Geist aushauchte und in die Hände des Vaters zurück legte, zerriss der feierliche Vorhang im Tempel. Ein Symbol dafür, dass der Allmächtige sein Herz für seine Kinder ab jetzt geöffnet hat. Ein offenes Herz für seine Freunde haben bedeutet, hinein sehen zu dürfen. Liebevoll und anständig natürlich, aber klar und deutlich. Die Scholastiker nehmen sich nichts heraus, was ihre Religion verbietet. Vielmehr tun sie etwas, wozu die Religion ihre Kinder auffordert: Einzutreten ins Allerheiligste, zu betrachten und zu erwägen, was der Erhabene zur Betrachtung zur Verfügung stellt. Vielleicht wie mit einem Museum, das eröffnet wurde und in das jeder mit seinen Gruppen hinein darf und ermutigt ist, über die Kunstwerke an den Wänden zu sprechen, um sie tiefer genießen zu können.
Scholastiker denken also auf bestimmte Weise nach. Sie denken über Gott und die Welt nach und sie denken über die Religion ihrer Kinder nach, und das, so tief sie können. Damit sie es gut machen, dafür üben sie gemeinsam. Meine Frage an Mohammed war also nicht ganz anständig. Er ist kein Scholastiker und als Muslim glaubt er an den Fortbestand des Bilderverbotes. Deshalb ist es nicht ganz anständig, ihn aufzufordern, mit mir über den verbotenen Zaun zu klettern, um Äpfel zu stehlen. Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich eine anständige Abbitte leisten.

Ein durchaus einseitiges Verhältnis

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Islam und Christentum, Teil 35

Nachdem das Genie Mozart eine Oper bei Kaiser Josef II. eingereicht hat, soll dieser ihm entgegnet haben: „Zu viele Noten, lieber Mozart, zu viele Noten!“ Er soll ein paar heraus nehmen und die Sache wäre perfekt. Genau das geht oft aber nicht, nicht jedenfalls, wenn ein Genie eine geniale Sache gezaubert hat. Eine Note weniger, und dem Werk fehlt seine Genialität. Manche Werke sind eben genau so voll und ganz. Es dürfte nichts fehlen und nichts hinzugefügt werden. Am Ende würde alles irgendwie hinken. Das macht oft doch das Geniale: Das es genau so, wie es ist, so rund läuft.

Die große Summe ist von dieser Art. Sie ist ein enormes Werk mit unglaublich vielen Kapiteln, Fragen, Themen und Antworten. Ich habe beim Stöbern immer aufs Neue das Gefühl, es ist alles gesagt und nichts dürfte weggelassen werden. Weil das so ist, deshalb sind die Bücher mit den Kommentaren immer so dick. Man traut sich nicht, etwas wegzulassen, da würde am Ende etwas fehlen.

Wir lassen hier weg, und zwar jede Menge, und unser Projekt bleibt deshalb unrettbar unvollständig. Etwas Wesentliches sollten wir aber nicht verpassen zu dokumentieren. Ich sage es vorweg mit den Worten des heiligen Thomas: „Gott hat kein reales Verhältnis zu seiner Schöpfung.“ Im Kommentar zu den Sentenzen des Lombarden sagt er es noch einmal anders: „Die Veschiedenheit der Verhältnisse Gottes mit den Kreaturen schaffen nichts Zusammengesetztes in ihm.“

Wir können das mit einem Gedanken erklären, den wir schon zu Genüge ventiliert haben: Gott ist ganz und gar vollkommen. Er ist immer schon alles, was er sein kann. In ihm ist keine Entwicklung möglich, schon gar kein Reifen, wie das bei uns der Fall ist. Wir können mehr werden, wir können uns verbessern, an uns arbeiten und an uns arbeiten lassen. Das alles ist in Gott nicht denkbar, weil er der ewig Vollkommene ist. Es kann also nicht sein, dass Gott sich dadurch, dass er eine Schöpfung ins Leben ruft, dadurch ein anderer wird. Für die Christen: Gott hat sich auch nicht verändert, als er in seinem Sohn die Welt betrat. Gott kann sich nicht ändern. Er kann nie ein anderer werden und sich nie bewegen, in dem Sinn, dass es ein Vorher und Nachher gibt. Deshalb heißt es bei den Sentenzen: Die Verhältnisse, die Gott mit seinen Geschöpfen hat, die schaffen nichts in ihm, sie bauen nichts zusammen.

Denken wir noch einmal über die Behauptung aus der Summe nach: Gott hat kein wirkliches Verhältnis zu seinen Geschöpfen. Vielleicht ein Gedanke, der sich daneben gesellt: In Gott selbst gibt es sehr wohl wirkliche Verhältnisse. Etwas Wirkliches ist etwas, was wirkt. In uns ist Leben. Das bedeutet, es ist etwas in uns, das uns ausmacht. Wir haben ein Verhältnis zu uns selbst. Wir sehen uns, wir beurteilen uns, der Hunger bewirkt, dass wir uns auf die Socken machen, die Lust sorgt für Wohlbefinden. Das Leben ist die Wirklichkeit der lebendigen Dinge. In Gott ist auch Leben, wie wir behauptet haben. Schließlich ist er kein toter Stein, der durchs All fliegt. Auch in Gott ist Leben, das hat er der Welt gesagt und sehr lebendig mitgeteilt. Das bedeutet, in ihm selbst ist auch etwas, was sieht und etwas was gesehen wird. Auch in ihm sind Faktoren, die etwas ausmachen, die wirklich sind und, um es so zu sagen, bewirken, dass er ist, wie er ist. Zu diesen Dingen gehört seine Schöpfung nicht. Seine Schöpfung ist schön und liebenswert von ihm her, weil er sie lieb hat. Sie ist aber nicht von der Art, dass sie ihn ausmacht. Sein Leben macht ihn aus, weil er sein Leben ist. Die Schöpfung aber, die er wohl als etwas Lebendiges geschaffen hat und die er die ganze Zeit über schafft, die macht nichts in ihm. Er hat zu ihr kein Verhältnis, das wirken würde und von daher wirklich genannt werden kann.

Umgekehrt stimmt es sehr wohl. Die Schöpfung hat ihrerseits ein sehr wohl wirkliches Verhältnis zu ihm. Die Glühbirne, die brennt, hat ein wirkliches Verhältnis zum Strom, der durch sie fließt. Ein Film hat ein wirkliches Verhältnis zu seinem Projektor. Er ist ja darauf angewiesen, dass der ihn ausstrahlt. Der Projektor aber bleibt der selbe; ob er nun einen Wildwestfilm oder einen Krimi laufen lässt.

Der ewig Unbewegte und seine Märchenwelt

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Islam und Christentum, Teil 33

Mir gefällt der Umstand, dass wir nie aufhören, unsere Kindersprache zu sprechen. Wir wissen, dass die Erde sich dreht, und dass sie deshalb ein wechselndes Verhältnis zum Mond hat. Trotzdem hören wir nicht auf zu sagen, der Mond gehe auf und unter, obwohl das wissenschaftlich gesehen überhaupt nicht stimmt. Es gibt viele solcher Beispiele.

Eigentlich gefällt mir weniger die Sprache selbst und die Tatsache, dass wir sie sprechen. Mir gefällt eher, dass wir der Wissenschaft nicht gestatten, unsere Sprache, und damit unsere Gefühlswelt zu erobern. Eine Katze ist immer noch eine Katze und kein Stoffwechselpaket mit irgendeinem Fell. Ein Schluck Wasser bleibt ein Schluck Wasser, und der Klang des Wortes weckt herrliche Erinnerungen an schlimmen Durst und die kühle Erfrischung, die danach die Kehle herunterfließt. Hätte die Wissenschaft unsere Sprache erobert, dann würden wir ein Glas H2O bestellen, kein Wasser. Die Katze wäre eine Unterart der Säugetiere mit einem bestimmten Wert beim Metzger. Unsere Sprache bleibt die von der Straße und unsere Vorstellungen bleiben die von Kindern. Die Wissenschaft hat ihre eigene Weise, sich auszudrücken. Das ist gut so, und das soll sie behalten. Es gibt nämlich, wenn man so möchte, zwei Welten auf der einen Welt. Die eher dröge Welt der Wissenschaft und die märchenhafte Welt der Kinder. Eine Katze ist wirklich beides. Sie ist wirklich, was die Biologen sagen und sie ist wirklich, was das Kind meint, dem sie gehört. Ein Glas Wasser ist auch beides. Es ist wirklich das chemische Element und wirklich ein Produkt von zwei Teilen Wasser- und einem Teil Sauerstoff.

Es gibt bei uns Menschen offenbar eine Tendenz, die beiden Welten nicht gut nebeneinander ertragen zu können. Wir würden lieber die eine als Hauptwelt haben und die andere in sie aufsaugen. So gibt es schon mal Wissenschaftler, die es gern hätten, wir würden nicht mehr an wirkliche Sonnenaufgänge glauben. Wasser sei „in Wirklichkeit“ nur ein chemisches Element und alle anderen Vorstellungen seien „nur“ Märchen. Ich würde mich heftig dagegen wehren wollen, und müsste ich mich für eine Welt entscheiden, es wäre sicher nicht die der Wissenschaft. Es gibt auch Leute, die nicht wahrhaben wollen, was die Biologen sagen.

Wie gesagt würde mir nicht gefallen, wenn die Märchenwelt von der anderen erobert würde. Ich lebe viel lieber weiter unter der Herrschaft der Bezauberung. Schließlich wird der Himmel am Ende ja auch vor allem eins sein: Ein Märchenland, in dem die Kinder mit Löwen spielen können, in dem es Kühlschränke gibt, die keinen Strom brauchen und wo man den Rasen nicht mehr mähen braucht, weil die Engel das voller Entzücken erledigen. Es lohnt sich, das zu wählen, das am Ende gewinnen wird. Dann braucht man nicht umziehen.
Für uns hier heißt das ganze allerdings, dass wir beim heiligen Thomas jede Menge Übersetzungsarbeit leisten müssen. Er ist nämlich in seiner Arbeit ein ausgesprochener Wissenschaftler. Er schreibt zwar, der Genuss sei die vornehmste Tätigkeit im Himmel, aber wenn er ihn beschreibt, dann hat das den Charme eines Brückenpfeilers.

Die Behauptung, auf die wir heute stoßen, lautet, Gott sei ganz und gar unbeweglich. Das will dem Prinzen aus der Märchenwelt nicht gefallen. In seiner Welt hat Gott sich nämlich sehr wohl bewegt, und zwar auf ihn zu und in sein Herz, um dort liebevoll und unaufdringlich zu wohnen, um ihm Trost zu spenden und sanft zuzureden, dass er ein Kind Gottes ist. Thomas widerspricht natürlich nicht, im Gegenteil, er beschreibt es sogar, wenn auch mit wenig märchenhaften Worten. Er hält aber mit der Sturheit eines Esels an der Behauptung fest: Die Gottheit, insofern sie göttlich ist, muss ganz und gar unbeweglich und total unveränderlich sein und immer bleiben. Genau wie sie das schon immer war. Und jetzt kommt die Behauptung, die erst einmal schwierig zu verstehen ist, die aber stimmen muss, ebenso, wie das Wasser aus zwei Elementen besteht: Auch die Menschwerdung in Christus hat Gott weder klein gemacht, noch bewegt. Sie hat ihn in seinem Inneren nicht verändert und ihm schon gar nicht seiner absolute Erhabenheit beraubt. Beide Reiche müssen gehalten werden, und Thomas zu lesen wird erst schön, wenn man seine Worte in märchenhafte Bilder überträgt. Man macht aus Kochrezepten ja schließlich auch leckere Gerichte.

Anm:
Sth I,9,1: Deus est immutabilis.
Sent II,10,1,1, arg 3: „Sed inter omnes actus patriae, fruitio est nobilissima.“

Ist Gott gut oder nicht?

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Islam und Christentum, Teil 30

Du kannst Dir denken, wie es weiter geht. Nachdem wir kurz genügend über das Gute an sich gesprochen haben, lautet der nächste Schritt sicher: „Gott ist gut.“ So ist es. Oder besser gesagt, so ähnlich. Eine Sache sollten wir nämlich unbedingt bedenken. Sie wird hier nur auf einem scheinbaren Nebengleis erwähnt, für uns aber ist sie von großer Wichtigkeit.

Thomas war ein Bettelmönch. Dennoch diskutierte er gern. Ich weiß nicht, ob du es schon wusstest, aber Mönche reden nicht viel. Oder anders gesagt, sie gehen in ihr Kloster, um kein unnötiges Geschwätz mehr zu machen und an dem vielen Gerede in der Welt nicht mehr teilzuhaben. Mönche leben in Klostergemeinschaften zusammen, in dem sie sich bestimmte Regeln gegeben haben. Es gibt Häuser, in denen fast gar nicht mehr gesprochen wird. Wenn man sie betritt, hat man gleich das Gefühl, es umarmt einen eine heilige, aufmerksame Stille. Es gibt Klöster, in denen unter Ausschluss der Öffentlichkeit einfache Arbeiten verrichtet werden, und in denen die Mönche auch nichts anderes mehr machen möchten, um Zeit zum Gebet und zur Betrachtung zu haben. Es gibt Gemeinschaften, in denen man sich der Kranken- oder Armenpflege widmet. In ihnen muss mehr gesprochen werden, weil die Arbeit und die Liebe zu den Menschen es verlangt. Dann gibt es Klöster, in denen man sich dem Studium widmet, um möglichst gut predigen zu können, und es gibt unzählige, verschiedene Gemeinschaften, die sich tausend verschiedener Aufgaben widmen. Wer überhaupt ins Kloster möchte, der kann sich zuvor aussuchen, welchen Orden mit welcher Ausrichtung ihm am meisten liegt. Thomas ging in den sogenannten Predigerorden, auch Dominikaner genannt. Hier widmete sich man sein Leben lang dem Studium, um möglichst tiefgründig mit den Gelehrten der Welt und den Menschen auf den Straßen und Plätzen über den Glauben reden zu können. Thomas sprach nicht gern viel, aber er diskutierte gern.

Weißt Du, viel sprechen und wenig sagen, sind keine Widersprüche. Man kann den lieben langen Tag sprechen, ohne sonderlich viel dabei gesagt zu haben. Man kann ebenso eher wenig sprechen, aber mit allem, was man sagt, möglichst Dinge von Wert mitteilen. Von dieser Art Mensch war Thomas. Es heißt, wenn er nicht reden musste, hielt er den Mund. Wenn unnütz daher gequasselt wurde, versuchte er, sich aus den Staub zu machen. Aber wann immer er um Rat oder um die Beantwortung einer Frage gebeten wurde, konnte man einen wirklichen Gelehrten kennenlernen.

Thomas diskutierte gern. Das sieht man auch in einem guten Teil seiner Bücher, in der großen Summe zum Beispiel. Wenn er sich eine Frage stellte, ließ er stets Meinungen von den größten Gelehrten zu Wort kommen, die das genaue Gegenteil von dem sagten, was er über die Sache dachte. Erst, wenn er seine Gegner möglichst gut verstanden hatte, zog er seinen Joker und beantwortete die Frage. Danach besprach er dann nochmal die Einwände von oben, um sie zu entkräften. So auch hier.

Thomas beginnt sein kleines Kapitel über die Gutheit Gottes mit einem Einwand, der fogendermaßen lautet:

„Gut zu sein ist Gottes Sache nicht.
Gutsein bezieht sich nämlich auf die Weise, wie etwas ist, auf seine Art überhaupt und sein Verhältnis zu anderen Dingen.
Gott aber ist über all das erhaben und er teilt sich mit nichts eine Ordnung.
Also: Gut sein kommt Gott nicht zu.“

Wir müssen uns das kurz genauer ansehen, und ich würde gern den Satz aus der Mitte nehmen: Gut sein, damit meinen wir ein Verhältnis zu „den anderen Dingen“. „Die anderen“ meint immer so etwas, wie „eins von denen“ oder „einer von jenen dort“. Wenn du „einer von denen“ bist, dann bezeichnet das eine Gruppe von Leuten, die etwas gemeinsam haben. Einer von den Fans meint, einer aus einer Gruppe, die in einer Sache gleich ticken. Eins von den Mädchen dort meint, dass die alle das Mädchensein gemeinsam haben. Wenn Gott „eins von anderen“ wäre, dann wäre er eins von den anderen Geschöpfen oder sonst etwas. Über all das ist er aber erhaben. Er teilt sich mit keinem Geschöpf eine Grenze und kann mit nichts anderem zusammen in ein Regal gestellt werden. Gott sein heißt göttlich sein und göttlich sein meint, über alles, wirklich alles ganz und gar erhaben, unbeschreiblich eben. Also kann auf Gott das Gutsein, wie wir es immer verstehen, nicht zutreffen.

Wie immer bringt der Gelehrte Einwände, die möglichst gut sind und einen stutzen lassen. Diesem Einwand widerspricht er übrigens am Ende auch gar nicht direkt. Er sagt, was oben angesprochen wurde, meint Geschöpfe, die verursacht sind. Gott ist natürlich keins von ihnen, weil er keine Ursache hat. Er ist aber eine! Er ist die Ursache von all den genannten Dingen. Gott verursacht, dass die Dinge gut sind. Somit ist er selbst gut zu ihnen, ohne eins von ihnen zu sein.

Wenn ein Maler ein gutes Bild malt, dann sorgt er dafür, dass das Bild gut wird. Er ist aber selbst weder gemalt und schon gar nicht auch ein Bild zu nennen. Er verursacht es, ist selbst aber keins. Dennoch ist der Maler gut, weil er dem guten Bild seine Güte verpasst. Gott ist also im allerhöchsten Maße gut, weil alles ihm sein Gutsein verdankt.

Islam und Christentum, Teil 19

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Die engste aller Beziehungen

Beziehungen sind vielfältig. Manche bleiben, mache ändern sich. Es gibt Beziehungen, die unveränderlich sind und es gibt solche, die mehr oder weniger in unserer Macht stehen.

Die Beziehung einer Freundschaft etwa ist sehr verletzlich. Führst Du einen Freund an der Nase herum, verletzt Du die Freundschaft vielleicht. Ganz auseinander brechen muss sie darum aber nicht. Die Beziehung kann wieder in Ordnung gebracht werden. Betrügst Du einen Freund, ich meine jetzt wirklich, dann beendest Du damit die Freundschaft sofort. Freundschaft und Betrug sind unvereinbar. Es gibt also Beziehungen, die mit einem Mal verletzt und getrennt werden können.
Es gibt auch Beziehungen, an denen niemand etwas ändern kann. Bekommt ein Mensch ein Kind, dann ist er Vater oder Mutter. Diese Tatsache ist unveränderlich. Ganz gleich, was geschieht, eine Frau bleibt die Mutter ihres Kindes. Das Kind kann tun, was es will. Es kann wegziehen, nie wieder mit seiner Mutter reden oder sich in eine neue Familie einleben, seine Mutter bleibt doch seine Mutter. Auch aus ihr kann werden, was will, die Beziehung der reinen Mutterschaft bleibt, und sie bleibt immer. Die Welt mag unter gehen, das Universum in tausend Teile zerfallen, des bleibt bei der Tatsache, dass meine Mutter meine Mutter ist.

Überhaupt bleibt immer wahr, was einmal wahr geworden ist. Dass wir uns gestern gesehen haben, ist eine Tatsache, an der nichts und niemand etwas ändern kann. Da kann eine Bombe fallen und das Universum vergehen, dass wir uns gestern gesehen haben, ist und bleibt eine Tatsache. Auch in Hunderten, Millionen oder Milliarden von Jahren wird noch wahr sein, dass wir uns gestern sahen. Wahrheiten, die einmal wahr geworden sind, bleiben auf ewig war und sind in ihrer Wahrheit unberührbar. So ist auch die Tatsache unberührbar, dass Brüder Brüder und Schwestern Schwestern sind.

Auch die Beziehung der Geschöpfe zu Gott ist vielfältig und hat viele Schichten. Gläubige Leute sagen, das Gebet pflegt die Beziehung zu Gott. Manche sagen, sie wollen mit Gott nichts zu tun haben, solange er sich nicht ändert. Mit einer Gottheit, die von sich sagt, dass sie eine gute Gottheit ist und sich zugleich schweigend das Elend der Welt ansieht, ohne etwas zu ändern, wollen viele nichts zu tun haben. Andere haben ihre Antworten, die sie mit Gott versöhnen. Christen und Muslime sagen, Gott sei barmherzig. Das bedeutet, dadurch, dass er barmherzig an den Menschen handelt, bringt er Beziehungen wieder in Ordnung, die durch irgendetwas verletzt worden waren. Verzeihung ist ganz wesentlich das Sanieren von Beziehungen. Es gibt also welche, die Veränderungen unterliegen, und die so lebendig sind, wie die Lebenden selbst. Es gibt, wie gesagt, auch Beziehungen, die auf ewig unveränderlich sind. Eine solche Beziehung hat der Schöpfer zu seinen Geschöpfen.

Nehmen wir wieder das Beispiel der Sonne. Ein Stein liegt am Rand eines Weges und lässt sich von der Sonne bescheinen. Wir wissen aus der Wissenschaft, dass die Sonne abertausende Kilometer von ihrem Objekt, das sie erwärmt, entfernt ist. Zwischen der Sonne selbst und dem Stein am Weg ist eine geradezu unendlich weite Distanz. Dennoch schafft es der Stern, den Stein derart zu erhitzen, dass er mollig warm wird und wohltuend in der Hand liegt. Der Stein und die Sonne haben eine Beziehung miteinander, nämlich, um es einmal in der Sprache der Physik zu sagen, die der Wärmequelle zum erwärmten Gegenstand.

Eine andere Beziehung ist zum Beispiel die des elektrischen Stroms zur Glühbirne. Damit die Birne glühen kann, braucht sie den Strom, der durch sie fließt. Die Birne und der Strom haben eine Beziehung miteinander, denn die Birne braucht den Strom, um leuchten zu können. Ansonsten aber sind der Strom und die Birne ganz verschiedene Dinge.

Wir haben nun gesehen, Schöpfung bedeutet, der Schöpfer sorgt dafür, dass die Gehschöpfe da sind. Schöpfung heißt erschaffen und etwas erschaffen bedeutet erst einmal, dafür sorgen, dass es überhaupt da und nicht nicht da ist. Entweder es gibt den Stein in der Sonne oder es gibt ihn nicht. Nur halb geben gibt es nicht, wie es auch kein halbes schwanger sein gibt. Entweder eine Frau ist schwanger oder sie ist es nicht. Ein bisschen schwanger kann nicht sein. Ein bisschen Sein gibt es ebenso wenig. Deshalb sagt Thomas, das Sein ist immer eine Vollkommenheit. Das reine Dasein ist immer fertig oder es ist gar nicht. Eine Pflanze wächst, und wir sagen, eine Blüte ist schon halb geöffnet. Die Atome aber und die Moleküle, die wir dabei sehen, sind immer ganz in der Welt. Dass die Blume wächst, dafür sorgt die Sonne, dafür sorgen die Mineralstoffe, dafür sorgt das Wasser und der Mensch, der die Pflanze pflegt. Dass es sie aber gibt, dafür sorgt der Schöpfer. Solange es die Blume gibt, sorgt der Schöpfer dafür, dass die vielen tausend Dinge, aus die sie zusammen gesetzt ist, existieren.

Ich hoffe, meine Leser nicht zu langweilen, wenn ich immer von den selben Beispielen erzähle. Manche sind aber unübertroffen. So auch das Beispiel vom Filmprojektor, der seinen Film an die Leinwand spielt. Der Film, der läuft, hat seine Geschichte. Da läuft ein Film, der im Chicago der sechziger Jahre spielt. Es gibt eine Bande von Räubern und einen Haufen Polizisten, die ihr auf den Fersen ist. Die Darsteller der Handlung, die Detektive und Banditen, interessieren sich für alles mögliche, nicht aber für den Projektor des Filmes. Sie fahren in Autos, untersuchen Spuren, verhören Verdächtige und bringen sie hinter Schloss und Riegel. An den Projektor aber denken sie nie. Der Projektor gehört nicht zum Film. Dennoch hat gerade der Projektor eine überaus wichtige Beziehung zum Film, sowohl als ganzes, als auch zu allen Einzelheiten. Liefe der Projektor nicht, es würde den ganzen Film mit einem Mal nicht geben. Gibt es einen Stromausfall und der Projektor hört plötzlich auf, dann ist der Film nicht zu ende. Er hört einfach auf und die Leute sind ärgerlich, weil sie nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht. Der Hauptdarsteller im Film hat eine Beziehung zu seiner Braut und keine zu seinem Nachbarn. Die Beziehung zum Projektor ist dagegen von ganz anderer Art.

So ähnlich lässt sich von der Schöpfung denken. Gott schafft die Welt, wie der Projektor den ganzen Film projiziert. Der Schöpfer sorgt für das Dasein des ganzen Films auf einmal, und innerhalb des Films selbst entstehen alle möglichen Handlungen und Personen, die keinen einzigen Gedanken an den Projektor verlieren. Die Beziehung aber zwischen ihnen ist unmittelbar.
Beim heiligen Thomas kann man lesen, der Schöpfer ist seinen Geschöpfen unmittelbar und ganz unmittelbar nahe. Dennoch besteht zwischen ihnen ein unendlicher Abstand.
Denken wir an den Stein. Die Sonne ist unendlich weit entfernt. Dennoch ist sie dem Stein so unmittelbar nahe und mit ihm in Tuchfühlung, dass dieser direkt von ihr persönlich erwärmt wird.

Ein letzter Gedanke. Die Beziehung vom Projektor zum Film hängt nicht von der Handlung des Films ab. Ob er tragisch ausgeht oder mit einem glücklichen Ende. Der Projektor macht immer dasselbe, nicht mehr und nicht weniger. Die Beziehung der Helden des Films zum Projektor ist auch immer gleich. Er macht sie und gibt ihnen ihr reines Dasein. Was sie draus machen, ist davon unabhängig. Aber solange sie überhaupt eine Handlung spielen sollen, muss der Projektor laufen. Die Schöpfung dauert solange es die Geschöpfe gibt, ihre Beziehung ist und bleibt ganz eng und ganz unmittelbar.