Keiner weiß, was Leben ist

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Islam und Christentum, 44

Es gibt Leute in der Zunft der Schreiber, die können immer schreiben, und es gibt solche, die müssen auf ihre Eingebung warten, sonst wird das nichts. Ich gehöre zur zweiten Sorte, die schlechter dran ist. Wer auf den Zug warten muss, hat es weit weniger komfortabel als wer ein Fahrzeug sein eigen nennt, in der er nur einsteigen braucht. Aber was soll’s, es nützt nicht viel, seine schlechte Laune zu pflegen. Schließlich hört es auch nicht auf zu regnen, wenn man ihn nicht mag und schimpft. Ich sollte noch ein paar Gedanken zur Erläuterung einschieben, was das Innenleben Gottes angeht, und beginnen würde ich mit dem Leben selbst.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Vortrag eines Professors aus der Biologie angehört. Ich finde das Thema „Leben“ als solches interessant, und auch ohne selber von der Biologie sonderlich viel zu kennen, dachte es in mir:

„Oh, der Herr Professor nimmt sich viel heraus,
er lehnt sich vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster.“

Er hatte nämlich gesagt, wenn er eins wisse, dann, was Leben heiße. 
Wie gesagt, ich kenne nicht viel von der Biologie, ich weiß aber, dass man das nicht sagen kann. Keiner kann sagen, was das Leben ist und bedeutet, das Leben ist nämlich ein Mysterium.
Weißt Du schon, was ein Mysterium ist? Ein Mysterium ist  wie ein Geheimnis. Man kennt es nicht. Nur hat ist das Geheimnis etwas, das sich auflösen lässt. Hat man es gelöst, dann ist es kein Geheimnis mehr, weil man die Lösung kennt.
Es ist ein bisschen wir mit dem Unterschied zwischen einem Problem und einer Schwierigkeit. Hat jemand das Problem der Armut, dann ist die grundsätzlich lösbar. Wenn ihm ein anderer genügend Geld gibt, dann existiert das Problem nicht mehr. Es ist gelöst. Hat jemand die Schwierigkeit einer Behinderung, dann kann er nichts daran ändern. Schwierigkeiten sind nicht lösbar, man hat sie und sollte sich mit ihnen arrangieren, so weit es geht.
Mit dem Mysterium verhält sich das auch so. Es hat ein Geheimnis, hinter das man nicht kommen kann, jedenfalls nicht zu Lebzeiten auf der Erde. Mit Mysterien sollte man sich anfreunden. Man steht staunend davor, und wer an den Himmel der Christen glaubt, der kann sich auf seine feierliche Auflösung dort freuen. Im Himmel öffnen die Mysterien nämlich ihre Tore, und man kann schauend hinein marschieren. Wer nicht an den Himmel glaubt, der hat in dieser Sache Pech gehabt. Ihm geht es wie Gottfried Benn mit seinen letzten, berühmten Zeilen aus seinem Gedicht „Menschen getroffen“:

„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

Für den Christen besteht die Freude auf den Himmel gerade in der Auflösung und Begehbarkeit der Mysterien. Wenn man so möchte: Gott öffnet für seine Kinder sein Herz und lässt sie hinein schauen und hinein wandern sozusagen. Sie dürfen sein Innerstes betreten und erleben. Genau darin wird der große Genuss des Himmels bestehen. Aber davon mehr gegen Ende unseres Vorhabens, wenn wir den Himmel mit dem Paradies vergleichen.
Das Leben als solches ist also ein Mysterium. Es ist da, wir stehen staunend davor und können nicht sagen, was es ist. Wir können nicht sagen, wann genau es anfängt, wir können nicht sagen, wann genau es endet und schon gar nicht wie. Wir können wohl sagen, der Opa lebt, dann lebt er eben. Wir können auch sagen, ein Tier ist verendet, dann lebt es eben nicht mehr. Wie aber genau das Ableben geschah, das können wir nicht sagen, wir können auch nicht sagen, aus welchem Stoff es gewoben ist. Was lebt, das lebt eben, und auch der große Gelehrte Thomas kann nicht mehr sagen. Das Leben bedeutet, dass das Lebende sich aus sich selbst heraus bewegen kann. Das macht das Leben aus.
Ein kleiner Gedanke, bevor wir auf das Innenleben Gottes kommen: Der Anwalt des Thomas, Aristoteles, hatte einen Gedanken geäußert, der so schlicht, wie interessant ist und den sein Schüler Thomas öfter nennt:

„Das Leben ist das Sein des Lebewesens.“

Das heißt, ein Lebewesen hat sein Leben nicht, wie ein Schlosser seinen Schraubenschlüssel hat. Den kann er zur Seite legen und hört dabei nicht auf, ein Schlosser zu sein. Das Lebewesen hat nicht sein Leben, es ist sein Leben, oder besser gesagt, das Leben macht das Sein des Lebewesens aus. Wenn ein Hund etwa stirbt, dann ist er am Ende kein Hund mehr, denn ein Hund kann nur ein Hund sein, wenn er lebt. Ein Hund, der tot ist, ist ein ehemaliger Hund. So jedenfalls Aristoteles und mit ihm der heilige Thomas.
Das selbe sagen die Christen von Gott, auch wenn er über alles völlig erhaben ist. Auch für ihn muss eigentlich gelten, sein Leben ist seine Weise zu sein, und Leben bedeutet so etwas wie Bewegung von innen her und aus sich selbst, ohne etwas von außen dazu zu brauchen. Aber wie gesagt, wir stehen hier vor einem Mysterium.

Anm:
Sent. De anima 1,14,11: „Unde et vivere dupliciter accipitur. Uno modo accipitur vivere, quod est esse viventis, sicut dicit philosophus, quod vivere est esse viventibus. Alio modo vivere est operatio.“

– „Von daher versteht man unter Leben zweierlei. Zum einen das Leben selbst, das das Sein des Lebewesens bedeutet, wie der Philosoph sagt: Leben heißt Sein für das Lebendige.
Aristoteles schreibt sein Zitat in seinen zweiten Kapitel des Buches Über die Seele.

Sth I, 18,1,co: „Primo autem dicimus animal vivere, quando incipit ex se motum habere.“
– „Zunächst sagen wir ein Tier lebt, wenn es anfängt aus sich selbst heraus eine Bewegung zu entwickeln.“

 

Macht und Güte

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Islam und Christentum, Teil 36

Ich glaube, ich muss jetzt etwas Beruhigendes sagen. Es könnte nämlich sein, dass sich nach unserem letzten Kapitel der eine oder andere aufregt. Wenn man einfach so daher sagt, Gott habe zu seiner Schöpfung kein Verhältnis, dann kann das schon mal in den falschen Hals geraten.
Ein Kopf, der leicht zu verwirren ist, kann davon schon mal aus seiner ruhigen Bahn schleudern. „Gott hat kein Verhältnis zu uns“, spielt unter Umständen unseren Feinden günstig in die Karten. Ungläubige Leute hört man schon mal sagen, wenn es Gott geben würde, dann müsse er ein Sadist sein, den das Elend seiner Kinder entweder nicht interessiere, oder, was noch schlimmer wäre, er sieht es sich an ohne etwas ändern zu wollen.
Es könnte auch jenen Leuten ein Argument geben, die wohl an Gott glauben, die sich aber nicht für ihn interessieren, weil er offenbar auch für sie kein sonderliches Interesse zeigt. Was interessiert mich ein Gott, dem ich egal bin?

Das alles ist aber gar nicht gemeint. Es gibt nämlich, wie bei jeder Münze, auch hier wieder die berühmten zwei Seiten, die wir schon hatten. Dass Gott sich sehr wohl für die Welt interessiert und dass ihn das Schicksal seiner Kinder wirklich zu Herzen geht, das hat er uns gezeigt. In eurem, muslimischen Glauben in der Tatsache, dass er uns sein Wort und Gebot gesandt hat. Ein Gott, der sich nicht interessiert, wird das nicht tun. 
In meinem christlichen Glauben wird das noch viel dramatischer deutlich, nämlich im Opfertod Jesu, den er im Namen des Vaters für uns alle starb. Auch das dürfte ein Gott ohne Interesse wohl kaum veranlassen. Also interessiert sich der Mächtige sehr wohl für alles, bis ins Kleinste sogar, und er wird sich beeilen, zum besten aller Zeitpunkte alles in seine Ordnung zu bringen. Zum Erstaunen aller Schlaumeier, die es immer so genau wussten. Am Ende werden sich alle gerecht behandelt wissen und auf alle Fälle über die Maßen erstaunt sein. Der Allmächtige scheint nämlich einer zu sein, der es liebt, seine Kinder aufs herzlichste zu überraschen. Wir sind nur gerade in der Phase, in der die Eltern ihr Kleines noch im Glauben lassen, es bekomme gar kein Feuerwehrauto zu Weihnachten.

Die andere Seite gibt es aber auch: Gott wird von nichts in der Welt und von der Welt als ganze nicht im geringsten berührt. Nichts kann ihn seiner Substanz nach in Mitleidenschaft ziehen. Hiervon sprechen wir gerade. Auch das ist wichtig zu sagen.

Wer in unserem Sinn an Gott glaubt, der glaubt, das zwei Dinge zusammen kommen und eins sind: Die absolute Macht und die absolute Güte. Auf der Welt sind wir gewohnt, dass beides kaum zusammen wohnt. Was gütig ist, hat häufig keine Macht und das Mächtige ist zu oft nicht gütig. Bei Gott ist das anders. Das macht die attraktive Seite des Glaubens aus: Wer sich auf die Seite Gottes schlägt, der hat beides zum Freund. Er braucht nur die Geduld und den langen Atem seines Meisters. 
Beides braucht es absolut: Die Güte muss total sein und die Macht auch. Erst ein Streiter, der mit allen Gegnern fertig wird, ist wirklich gefragt. Ein Mann mit tausend Euro hört auf groß zu sein, wenn ihm einer mit einem mehr die Firma übernimmt. Wenn wir nun sagen wollten, Gott werde von seiner Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen, dann steht er immer in Gefahr feindlich übernommen zu werden. Oder er ist gar einer, der es braucht, an seiner Schöpfung zu wachsen und erwachsen zu werden. Das alles klingt ungereimt und man braucht nicht viel Ahnung zu haben, um zu ahnen, dass da etwas nicht stimmt. Nein, Gott braucht diese unberührbare Seite, und das ist eben die Seite des Göttlichen an ihm. Diese Position müssen wir halten, und bei Thomas kommt das nicht daher, weil er sich das wünscht und weil er es so haben will. Im Gegenteil, auch wenn es allen Wünschen und Vorstellungen zuwider liefe. Es müsste behauptet werden, weil die Logik der Sache es verbietet. Ein Dreieck hat nunmal drei ecken, das gehört zu seiner Definition. Auch ein Wesen vom anderen Stern, das sich ganz anders ausdrückte, würde irgendwie bis drei zählen. Zur Definition des Göttlichen gehört nunmal, dass sie allen Dingen, die es gibt, ihr Dasein schenkt. Das kann nur ein Wesen, das über alles Dasein erhaben ist. Dass dieses Wesen sich – auf andere Weise – von Herzen sozusagen von unseren Tränen anrühren lässt, das steht auf einem anderen Blatt, allerdings im selben Buch.

Das göttliche Aufladegerät

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Islam und Christentum, Teil 31

Wir kommen unserer Sache näher. Gott ist ganz nahe bei und ganz weit weg zugleich. Beides ist sehr wichtig zu sehen. Weißt Du, was ein Paradox ist? Unsere Behauptung ist eins. Wir machen von einer Sache zwei Aussagen, die sich beide grundsätzlich widersprechen, die aber doch zugleich stimmen sollen. Wenn einer sagt, dein Vater sei bei euch in der Küche, obwohl du genau weißt, dass er gerade zum Besuch seiner Familie im Libanon ist. Beides zusammen geht nicht. Dein Vater ist entweder hier oder dort. Deshalb ist die Behauptung, er sei beides, paradox.
Übrigens, wenn du mal irgendwo gebildet klingen musst, dann sag nicht ‚paradox‘. Nimm besser das griechische Originalwort, ‚Parádoxon‘, das klingt schlauer. Du musst dann nur beachten, dass man es auf den zweiten „a“ betont, nicht auf dem ersten „o“, wie man im Deutschen vermuten würde. Wählst du die griechische Variante und betonst sie deutsch, dann klingt das wie ein Möchtegernschlaubär, und das ist nicht gut. Du erreichst genau das Gegenteil von dem, was du wolltest.

Also der Satz: Gott ist ganz nahe und ganz weit weg zugleich, klingt paradox. Sollte er dennoch wahr sein, dann muss er einen Haken haben, und das macht ihn interessant. Aufsätze und Reden, die mit Parádoxa (so übrigens die grichische Mehrzahl, auch gut zu wissen) beginnen, werden gern weiter gelesen. Es ist insgesamt kein schlechter Tip, seine Aufsätze oder Reden mit pardoxen Behauptungen anzufangen. Genau so gut ist es, mit etwas zu beginnen, was den Lesern nicht gefällt. Widerspruch reizt zum Weiterlesen oder weiter Zuhören. Der Widerspruch sollte die Leute allerdings nicht um die Ohren geschlagen werden, sondern eher sanft auf dem Spielfeld niedergehen.

Das Paradox muss also einen Haken haben, dass es wahr sein kann. Ich nenne zur Gewöhnung ein zweites. Der Schriftsteller Heimito von Doderer wurde einmal gefragt, ob er die Briefe seiner Leser an ihn beantworte. Er nannte eine paradoxe Formel, die ungefähr so ging:

„Der Schriftsteller schreibt nicht, weil er schreibt,
oder er schreibt, weil er nicht schreibt.“

Der Satz klingt unmöglich, und das macht ihn interessant. Wenn man aber in Gedanken „Briefe“ und „Romane“ einsetzt, dann wird alles verständlich:

„Der Schriftsteller schreibt Briefe – gerade – nicht, weil er Romane schreibt,
oder er schreibt Briefe, weil er seine Romane – gerade – nicht schreibt.“

Der Haken muss gefunden und aufgelöst werden, und das gibt dem Leser Rätsel auf. Das ist gut.

Wir sollten auch den Haken an unserem Paradox auflösen. Thomas schreibt: Gott ist in allen Dingen. Nach dem, was wir schon gesehen haben, geht das gar nicht. Gott ist von der Art, dass er nicht in etwas sein kann. Ein Elefant kann nicht in einer Ameise stecken, das passt nicht. Es passt auch nicht, dass die Gottheit, wie wir sie beschrieben haben, in einem Staubkorn ist. Der Grenzenlose kann nicht in Grenzen stecken. Dennoch: Wenn Thomas seine Behauptung aufrecht erhalten will, dann muss er den Haken erklären, und das tut er. Er sagt nämlich, es gibt mehrere Weisen, wie etwas in etwas anderem sein kann.

Du kennst doch diese neue Methode, mit der man Handys auflädt. Die Methode ist, nebenbei bemerkt, nicht neu. Sie auf Handys anzuwenden wohl. Elektrische Zahnbürsten werden schon immer so geladen. Man muss das Handy nur noch auf die Ladestation legen und braucht kein Kabel mehr. Allein durch das Zusammenkommen fließt der Strom von einem ins andere. Wichtig ist aber der Kontakt. Die beiden Geräte müssen unmittelbar aufeinander liegen, dann wirkt das eine im anderen, ohne wirklich in ihm zu sein. Es ist aber wahrhaftig in ihm tätig. Das Ladegerät ist nicht im Handy, seiner Wirkung nach aber wohl, es tut wirklich etwas in ihm. Das ist eine Weise, in ihm zu sein. Haben wir das mit der Sonne schon gesehen? Die Sonne ist auch nicht in den Kieselsteinen, die sie erwärmt. Ihrer Wirkung nach aber ist sie sehr wohl mitten in ihnen.

Bei der Gottheit und den Geschöpfen ist es nun nicht so, dass sie von ihr aufgeladen oder warm gemacht werden müssen. Wenn wir aber im Bild bleiben wollen, dann können wir sagen, alle Dinge müssen während der ganzen Zeit ihres Daseins mit der Energie ihres Seins geladen werden und auf direkte Tuchfühlung sein. Nimmt man die Dinge von ihrer göttlichen Ladestation, sind sie mit einem mal nicht leer, sondern gar nicht mehr da. Alle Dinge, die kleinen, wie die großen, müssen sozusagen zugleich am Stecker Gottes hängen, um überhaupt da sein zu können. Das Dasein, das reine Sein, kommt unmittelbar aus Gott, und das Sein ist das Innerste der Dinge. Deshalb sagen die Gelehrten, Gott ist den Dingen innerlicher als sie sich selbst sein können.

Was unsere Religionen unterscheidet

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 26

Ich komme zu einem Kapitel, bei dem ich die Muslime zum ersten Mal bitte, mir zu widersprechen, wenn ich falsch liege. Genau genommen will ich das immer, aber hier sind wir an einem Punkt angekommen, wo ich zum ersten Mal einen grundsätzlichen Unterschied zwischen unseren Lagern entdecke. Es ist eigentlich ein Unterschied in den Mentalitäten, sozusagen in der grundsätzlichen Atemluft, die beide Religionen jeweils ausmacht.

Ein Vergleich beider Glaubensbekenntnisse macht schon ziemlich deutlich, worauf ich hinaus will. Das christliche Glaubensbekenntnis geht so:

„Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches
und das ewige Leben.“

Die Schahāda, das Bekenntnis des Islam ist von ganz anderer Art und lautet:

„Ich bezeuge:
Es gibt keinen Gott außer Allah,
Er ist Einzig und nichts ist Ihm gleich,
und ich bezeuge,
dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.“

Auf den ersten Blick liegt der Unterschied natürlich in der Länge. Das ist aber nicht das Entscheidende. Das christliche Glaubensbekenntnis muss so lang sein, weil es sozusagen die einzelnen Sätze, die geglaubt werden, gleich vollständig öffnet. Alles, was zu glauben ist, liegt sozusagen offen da.
Das islamische Glaubensbekenntnis beginnt mit einem negativen Satz. Es weißt erst einmal zurück, was nicht in Frage kommt. Niemand, außer der eine Gott hat das Recht, angebetet zu werden. Wenn das gesagt ist, wird die Sache, positiv, an den Propheten weiter gereicht. Wer jetzt noch wissen will, was im einzelnen geglaubt werden soll, der muss sich an den Gesandten wenden.
Wenn ich gebeten würde, das christliche Glaubensbekenntnis ähnlich zu gestalten, dann müsste ich sagen:

„Es gibt keinen Gott, außer den einen,
und die Kirche sagt alles weitere.“

Was im einzelnen zu glauben ist das bleibt, wenn man so möchte, für die Ungläubigen zunächst geschlossen. Man muss sich sozusagen nochmal woanders erkundigen. Wer wissen will, was denn die Muslime glauben, der muss sich erkundigen, was der Gesandte gesagt hat. Das Glaubensbekenntnis selbst offenbart das nicht.
Das gängige Glaubensbekenntnis der Christen ist dagegen wie eine geöffnete Tür ins Innere. Man kann und sollte auf die Dauer zwar des Näheren die Kirche befragen, natürlich, aber was zu glauben ist, steht schon da, in allen, wichtigen Punkten.

Hier liegt ein Keim unseres ersten Unterschiedes. Es ist nach christlichem Empfinden nämlich nicht nur das Glaubensbekenntnis, was offen steht, es ist ebenso die Gottheit selbst, die sich sozusagen geöffnet hat. (Der Vernunft ein wenig, dem Glauben ganz, möchte ich etwas geheimnisvoll hinzufügen) Dass das Glaubensbekenntnis offen steht, ist wie ein Zeichen für die Offenheit Gottes, von der noch zu reden ist.

Ich spreche hier, wie gesagt, von einem grundsätzlichen Empfinden beim Klang des Namens Gott. Gestatte mir, das mit zwei Gedanken noch etwas zu beschreiben. Auf meine Frage, was „Allahu akbar“ genauer heißt, sagte mir einmal ein Gelehrter, es heiße eigentlich nicht, wie oft gemeint, „Gott ist groß“. Das sei zu wenig. Es bedeute, Gott sei am größten und immer der Größere. „Gott ist größer“, wäre richtiger übersetzt. Das erst drücke nämlich seine Erhabenheit aus. Also: Was immer jemand von Gott sagen kann, es muss immer dazu gesagt werden, dass er eine Nummer zu groß für uns ist. Wenn wir ihn fassen wollen, flutscht er uns aus den Fingern. Auch der Prophet kann uns mehr nicht sagen. Auch er steht, wie jede vernunftbeschenkte Kreatur, staunend vor dem ewig größeren Geheimnis. Das ist dem christlichen Empfinden nach anders. Deshalb reden die Christen so offen über Gott und die Muslime hüsteln schon mal und meinen, es gehe etwas zu weit damit.

Es ist nur ein kleiner Unterschied, der am Ende doch alles anders aussehen lässt. Erlaube mir noch einen kurzen Ausflug in die Welt der Sprache. Unser christliches Glaubensbekenntnis steht eigentlich in Latein da, wie das Eure in Arabisch. Das Übersetzen von der einen Sprache in die andere ist immer so eine Sache. Man kann versuchen, so genau zu sein, wie man möchte; Wörter eins zu eins sind oft zu wenig.

Das Wort Glauben zum Beispiel hat mehrere Bedeutungen. Jemand kann sagen, er glaubt an Gott. Damit glaubt er vielleicht nur, dass es einen gibt. Es kann aber sein, dass er nichts weiter von ihm wissen will.
Ein zweites ist, man glaubt jemandem, was er sagt. Dass es ihn gibt, ist vorausgesetzt. In diesem Sinn glaubt zum Beispiel ein Muslim, was der Prophet verkündet hat. Dass es den Propheten überhaupt gab, ist kein Thema mehr, das ist vorausgesetzt. Wenn man so möchte, baut das eine Glauben auf das andere auf. Zuerst glaubt man an den Propheten, und dann glaubt man, was er sagte.
Jetzt gibt es noch ein drittes Glauben, und das wird oft vergessen wird, ist aber für das Zusammenleben sehr wichtig. Indem ich Dir glaube, was Du sagst, komme ich Dir näher. Das setzt aber ein Verhältnis des Vertrauens voraus. Wenn wir Freunde sind, ich meine jetzt wirklich, dann glaube ich Dir alles, was Du mir im Ernst sagst. Das kann auch etwas sein, was ich sonst niemandem abnehmen würde. Genau das macht die Freundschaft aus, und darin sind sich Freunde näher gekommen als irgendwelche Leute sonst. Das bedeutet, der freundschaftliche Glaube bringt uns näher zusammen. Wirkliche Freunde lernen einander kennen, wie nur wirkliche Freunde es können. Das heißt, ich glaube sozusagen in die Kammer Deines Herzens hinein. Da dürfen nur Freunde wohnen.
Man es auch anders herum sagen. Wenn ein Richter einen Schurken vor sich hat, dem eigentlich nicht über den Weg zu trauen ist, und wenn dieser etwas bezeugt, was offensichtlich stimmt, dann glaubt der Richter ihm, er traut ihm aber noch lange nicht. Das heißt, er kauft es ihm ab, aber widerwillig. Das ist kein wirklicher Glaube. Der Halunke kommt dem Richter nicht näher und der Richter will wohl auch eher Abstand wahren. Wirklicher Glaube ist eine Sache zwischen Personen, die mit einander zu tun haben wollen, die Lust haben, einander ihre Welt und ihr Leben zu öffnen.

Jetzt kommt, was für Muslime eher fremd sein dürfte. Gott ist der Erhabene, das bleibt er auch, und ich versuche hier, diese Erhabenheit mit vielen Worten zu erklären, wie Meister Thomas sie mit noch viel mehr Wörtern und viel besser erklären konnte. Es hat aber eine Zeit gegeben, in der Gott der Welt durch seine Propheten seinen Beschluss mitteilen ließ, nämlich dass er vorhat, uns wie Freunde zu behandeln und uns in seine Welt schauen zu lassen. Das ist ein tiefes Geheimnis.

Sent III,23,2, cq2, co: „Ex hoc enim quod intellectus terminatur ad unum, actus fidei est credere Deum, quia objectum fidei est Deus secundum quod in se consideratur, vel aliquid circa ipsum, vel ab ipso. Ex hoc vero quod intellectus determinatur a voluntate, secundum hoc actus fidei est credere in Deum, idest amando in eum tendere.“
– „Insofern der Intellekt vom Erfassen des Einen her bestimmt wird, bedeutet Glauben ‚an Gott glauben‘, denn das Objekt des Glaubens ist Gott, insofern bedacht wird, was er ist, was ihn betrifft oder was von ihm ausgeht. Wenn der Glaube aber vom Willen her gesehen wird, bedeutet der Glaubensakt ein ‚Glauben in Gott‘, das heißt, sich liebend auf ihn hin ausstrecken.“

Thomas beschreibt hier sozusagen den natürlichen Vorgang des Glaubens, wie Menschen ihn einander entgegenbringen. Das Erstaunliche der christlichen Botschaft ist nun, dass Gott beschlossen hat, diesen natürlichen Akt Gott gegenüber nicht ins Leere laufen zu lassen, sondern ihm im gnädigen Akt der Menschwerdung sozusagen entgegen zu kommen.

Das Wesen ohne Gliedmaßen

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 23

Wenn Dich jemand fragt, ob Gott einen Kopf hat, auf den er einen Hut setzen kann, dann wirst Du ihm vermutlich den nächstbesten Vogel zeigen. Gott hat natürlich keinen Kopf. Unser Meister drückt es anders aus. Er sagt, Gott ist kein Körper, und er sagt auch gleich dazu, das könne man auf drei Wegen erklären.

Für uns hier reicht der erste der drei. Er betrachtet die Tatsache, dass Körper bewegt werden müssen, wenn sie nicht still herumliegen sollen. Gemeint ist damit, Körper brauchen etwas oder jemanden, der sie bewegt. Sie selber können das nicht. Körper müssen sozusagen etwas haben, was sie im Griff hat, was über sie verfügen kann. Wer einen Ball bewegen kann, der entscheidet, wann, in welche Richtung und wie er geschossen werden soll. Der Ball selbst hat in sich keine Fähigkeiten, aus denen heraus er sich bewegen könnte. Kein reiner Körper hat das.

Auf dem Mond liegt ein Familienfoto. Das hat ein Astronaut vor etlichen Zeiten dort hin gelegt oder fallen lassen. Wir wissen das, weil es ein Foto von diesem Foto gibt. Dieses Bild, das seine Familie zeigt, liegt nun da, ohne sich zu bewegen, seit es da liegt. Wenn nichts außergewöhnliches passiert, wird es in tausend Jahren noch da liegen. Auf dem Mond weht nämlich kein Wind und mit Erdbeben ist auch nicht zu rechnen. Das Bild ist ein Körper. Er hat Materie, eine Ausdehnung im Raum und er hat ein bestimmtes Gewicht. Was das Bild nicht hat, es hat keine eigenen Möglichkeiten, sich in Bewegung zu setzen. Insofern ist es ein reiner Körper.

Wir reden hier im Sinne der Kinder Abrahams von Gott, und da ist immer derjenige gemeint, der nichts und niemanden über sich hat und auch gar nicht haben kann. Gott wird in der Sprache der Philosophen schon mal der „Unbewegte Beweger“ genannt. Das heißt, Gott setzt die Welt in Bewegung, hat aber selbst nichts außerhalb seiner, das auch ihn bewegen müsste. Gott bewegt sich, wenn man so sagen darf, aus sich selber, weil er der Höchste von allem ist. Entweder er setzt in Bewegung, oder alles steht still. Körpern fehlt diese Fähigkeit, also kann Gott kein Körper sein. So der Nachweis des Thomas.

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass ich von „reinen Körpern“ sprach. Mit „rein“ ist in unseren Zusammenhängen immer gemeint, dass etwas nichts anderes an sich hat, als der Name sagt. Reines Gold besteht nur aus Gold, es hat nichts an oder in sich, was nicht Gold wäre. Ansonsten wäre es nicht rein, es wäre verunreinigt. Wir haben von reinen Körpern gesprochen und gesehen, dass die sich nicht selbst bewegen können. Wir Menschen sind nun anders. Wir sind Körper, aber keine reinen. Wir sind zusammengesetzt aus Körper und Geist und können uns auch nur deshalb selbst in Bewegung setzen: Der Geist will, dass die Faust zugeht und sie geht zu. Eine Faust ohne Leben, ohne Geist kann das nicht.

Wenn in unserem Sinn von Gott die Rede ist, dann ist immer der reine Gott gemeint. Gott hat nichts an und in sich, was nicht Gott wäre. Wenn wir von der Ewigkeit reden, werden sehen, warum das so sein muss und nicht anders sein kann. Vorweg können wir sagen, Gott ist nur Gott und nichts, was nicht genau dieser Gott ist, kann göttlich genannt werden. Deshalb sagt Thomas auch nicht, Gott hat keinen Körper, wie wir es gewohnt sind, sondern Gott ist keiner. Wir können das auf eine etwas fremd klingende Formel bringen: Gott ist über allem, aber er hat nichts.

Das Reden um den heißen Brei

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 22

Wir reden hier also von etwas, über das man nicht reden kann und wir denken über etwas nach, was schier unverständlich ist, jedenfalls in diesem Leben. Thomas stellt das gleich am Anfang klar. Dabei führt er etwas ein, über das wir reden müssen: Man kann über Gott nicht sagen, was er ist. Deshalb müssen wir sagen, was er nicht ist, um uns ihm so zu nähern.

Das alles hört sich vielleicht etwas schräg an. Wir kennen das aber aus dem Leben. Wenn irgendwo ein Verbrechen begangen wurde und die Polizei weiß noch nicht, wo sich der Verdächtige aufhalten könnte, dann klappern sie alle Dörfer ab und fragen. Sie bekommen jede Menge Auskünfte, die alle nur sagen, dass sie nichts gesehen haben, und wenn sie dann wissen, wo überall der Gesuchte nicht ist, dann nähern sie sich doch seinem Aufenthaltsort.
Wenn einer nicht weiß, was ein Fisch ist, dann hilft ihm schon mal die Auskunft, Fische hätten weder Flügel noch Beine oder Arme. Sie würden nicht in der Luft fliegen und nicht auf der Erde spazieren. Wir erfahren also nicht wenig über Gott, wenn wir aufzählen, was er nicht ist.

In der Heidensumme beginnt der Meister mit einer Auskunft, die sich zunächst etwas schwierig anhört: Gott hat keine „passive Potenz“. Das ist eigentlich ganz einfach erklärt. Das Wort Potenz wird in der Sprache auf unseren Straßen als die Fähigkeit, sich zu vermehren gebraucht. Wer potent ist, der kann gut viele Kinder zeugen. Von dieser Bedeutung würde ich hier lieber absehen. Potent sein heißt allgemeiner gesprochen, dass jemand überhaupt etwas kann, ganz gleich erst einmal, was. Wenn mir warm wird, während ich hier sitze, habe ich die Möglichkeit, das Fenster zu öffnen. Ich bin groß genug und habe die Kraft dazu. Das heißt, ich besitze die Potenz, mir frische Luft zu verschaffen. Ich kann auch ganz woanders hin gehen. Also habe ich die Potenz, hier und da hin zu laufen. Was man aktiv machen kann, das beschreiben die aktiven Potenzen, und es können tausende sein.

Es gibt allerdings auch passive Potenz. Die Polizei könnte hier hereinplatzen und mich für den Verbrecher aus den Dörfern halten. Sie könnten mich verschleppen und ausfragen, ich hätte nicht die geringste Chance, das zu verhindern, wenn sie genügend Leute wären und die gesetzliche Handhabe besäßen. Sie könnten etwas mit mir machen, ich wäre dabei völlig passiv und könnte das alles nur hinnehmen. Damit habe ich die passive Potenz, verhört zu werden.

Gartenmöbel haben die passive Potenz, in den Regen gestellt und nass geregnet zu werden, ohne sich dagegen wehren zu können. Haustiere haben die passive Potenz, verkauft zu werden, manche haben die aktive Potenz, davor zu fliehen.

Thomas behauptet nun von Gott, dass er keine passiven Potenzen hat. Das bedeutet, nichts und niemand kann etwas mit ihm anstellen, ihm kann nichts passieren und nichts widerfahren. Nichts und niemand kann etwas tun, was ihn verändert oder beeinträchtigt. Um es auf eine Formel zu bringen: Gott kann alles tun und nichts werden.

Diesen Grundsatz aufzustellen, ist nicht ganz unwichtig, auch heute nicht. Es gibt nämlich Lehren und Ansichten, die das anders sehen. Eine gute Bekannte von mir hat eine religiöse Ansicht, die dem Thomas unmittelbar widerspricht. Sie sagt, alles sei Gott und Gott sei alles. Die ganze Welt, das ganze Universum sei irgendwie göttlich und würde ganz am Ende in der einen, großen Gottheit wieder zusammenfinden.

Es hat auch Philosophen gegeben, die sagten, Gott habe sich eine Welt quasi schaffen müssen, um an ihr und mit ihren Gegenüber irgendwie er selbst und vollkommen zu werden. Manche denken dabei an die Menschen. Es gibt Frauen, die werden erst durch ihr Kind irgendwie, was sie immer schon sein wollten. Manche sagen, der Mensch sei überhaupt von dieser Art. Er würde erst durch das Gegenüber, durch ein Du, das ihm begegnet zu sich und der eigenen Erfüllung kommen. Wenn wir sagen, der Mensch braucht Liebe, um ein ganzer Mensch zu werden, dann ist das dem nicht unähnlich. Auch dann braucht der Mensch etwas, was nicht er ist und was er lieben kann, um zu sich zu kommen. Meine Kollegin behauptete so etwas jedenfalls auch von Gott: Er braucht die Welt als Gegenüber und er braucht die Welt, um wirklich Gott werden zu können.

Dagegen schreibt der heilige Thomas, das komme nicht in Frage, von Gott müsse man das glatte Gegenteil behaupten. Er sei ganz ohne jede passive Potenz. Er braucht nichts, er hat nichts nötig, und die Welt und uns eigentlich auch nicht.

Anm:
Sth I,3,pr: „Quia de Deo scire non possumus quid sit, sed quid non sit, non possumus considerare de Deo quomodo sit, sed potius quomodo non sit.“
– „Weil wir von Gott nicht wissen können, was er ist, sondern nur, was er nicht ist, so können wir auch von Gott nicht erwägen, wie er ist, sondern eher, wie er nicht ist.“

Islam und Christentum, Teil 7

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Offenbaren und zeigen, Sehen und Glauben.

Lass uns hier noch einmal kurz anhalten. Auf den ersten Blick könnte nämlich widersprüchlich aussehen, was wir gesehen haben. Auf der einen Seite spricht die Summe ausführlich von Gott und seinem Innenleben, auf der anderen Seite sagt dasselbe Buch, unser vernünftiges Denken könne auf das von sich aus gar nicht kommen. Also ein Wort dazu.

Nehmen wir an, jemand marschiert durch einen wild gewucherten Wald. Plötzlich steht er an einer Lichtung, und mitten darin steht ein fein gepflegtes Haus. Der Wanderer weiß nichts über seinen Erbauer, er weiß aber, dass es einen haben wird. Wie soll mitten im Wald ein Haus entstehen, wenn niemand es geplant, gebaut hat und pflegt? Man vermutet gleich einen Menschen, der den Bauplatz gekauft hat und das Haus auf ihm in Ordnung hält. Wenn man so möchte: Man sieht dem Haus an, dass ein Mensch es dahin gesetzt hat. Aber ob es ein Mann oder eine Frau war, ein Mensch mit schwarzer oder weißer Hautfarbe, all das kann man dem Haus nicht ansehen.

So etwa verhält es sich mit dem, was die Summe sagt: Der Verstand kann mit Blick auf die Welt wohl schließen, dass sie einen Schöpfer hat. Er kann aber nicht sagen, was es für einer sein muss.

Wenn ein Lehrer kurz seine Klasse verlässt, wieder kommt und sieht, dass da jemand ein grinsendes Gesicht an die Tafel gemalt hat, dann weiß er wohl, es war einer der Schüler, um ihn zu ärgern oder zum Lachen zu bringen. Aber zum Wissen, wer genau es war, braucht es noch eine Information. Das Bild an der Tafel gibt nur her, dass es jemand war. Wer, darüber schweigt es. Klingt plötzlich Musik in der Stille, dann wissen wir, dass sie jemand spielt. Wir wissen allerdings nicht, wer.

So etwa können wir verstehen, was in der Summe steht. Im Blick auf die Welt schlossen die Philosophen, sie müsse einen Schöpfer haben. Das Sein der Dinge muss eigentlich einen Seinsgeber haben, um mit den Worten des Thomas zu sprechen. Filme haben ja auch ihre Projektoren und Lichter ihre Lichtquellen. Wenn wir wissen, da läuft ein Film, dann wissen wir, es gibt irgendeinen Projektor irgendwo. Dem Film sieht aber niemand an, wer ihn laufen lässt. Die Schöpfung hat einen Schöpfer, schlossen die Philosophen also. Sie konnten aus dieser Erkenntnis heraus aber nicht sagen, wer es des näheren sein müsste. Um da mehr zu erfahren, braucht es eine weitere Information.

Genau diese Information hat die Welt bekommen, und zwar in der sogenannten Offenbarung. Das sagen alle Gläubigen. Die Welt hätte nie Wahres vom wahren Gott gewusst, hätte dieser nicht von sich aus den Weg zu den Menschen angetreten, um von sich zu erzählen. Aber sagen wir es besser mit dem gewohnt feierlichen Wort, denn wir haben es mit etwas Großem zu tun: Gott hat sich seiner Welt offenbart.

Offenbarung ist, wie gesagt, ein feierliches Wort. Offenbaren und zeigen ist nicht dasselbe. Den Inhalt eines Koffers, den zeigt man einem Kumpel. Das Innerste eines Herzens aber, das offenbart man einem geliebten Menschen. Zeigen und offenlegen kann man viel und alles mögliche. Das Offenbaren aber ist heiligen und großen Dingen vorbehalten, obwohl es im Grunde auch ein Zeigen ist. Gott hat sich in Christus der Welt gezeigt, sagen die Christen. Sie nennen ihre Religion deshalb aber keine „Gott zeigt sich“- Religion, sie nennen sie die Religion der Offenbarung.

In diesem Sinn hat der Schöpfer nach christlichem Glauben beschlossen, seinen Kindern sein innerstes Geheimnis zu offenbaren. Das aber ist nicht in der Weise des einfachen Schauens, auch nicht durch schlaue Schlussfolgerungen zu haben, sondern nur auf die Weise des Glaubens. Es reicht nicht, mal kurz irgendwo hinzuschauen, wie wenn man sieht, ob es regnet oder nicht. Die Wahrheiten Gottes und letztlich auch die Wahrheiten über die Welt und uns selbst sind nur auf die Weise des Glaubens zu haben. Gezeigtes kann man sehen, Geoffenbartes fordert auch den, der sieht. Deshalb kann man einer Offenbarung nur auf die Weise eines vertrauenden Glaubens gerecht werden.

Gott und sein Leben

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,97,98,99: “Gott ist lebendig, Gott ist sein Leben, Gottes Leben ist ewig.”

Thomas beschreibt in den folgenden beiden Kapiteln, dass Gott lebendig, und dass er selbst sein Leben ist. Man könnte meinen, das kommt reichlich spät, es passt aber in die Logik, erkennen und wollen sind nämlich Lebensvollzüge. Das Leben Gottes passt also in die Reihe, nachdem ausführlich sein Erkenntnis und sein Wollen beschrieben wurden. Interessant ist aber, wie Thomas Leben hier beschreibt. Er sagt, alles, was sich selbst und von sich aus in irgendeiner Weise bewegen kann, das wird lebendig genannt. Bei jedem Geschöpf, das sich selbst bewegt gibt es eine Komponente, die bewegt und eine Komponente, die bewegt wird.
Thomas nennt einige Dinge, die sich scheinbar selbst bewegen, weil man im allgemeinen den äußeren Beweger nicht wahrnimmt. Wenn Wasser den Berg herunterfließt, nennt man es im übertragenen Sinn lebendiges Wasser, weil man die äußeren Beweger, in diesem Fall die Schwerkraft nicht wahrnimmt. Im Mittelalter nannte man das Quecksilber „lebendiges Silber“, weil es einen lebendigen Eindruck machte. Auch hier nimmt man die bewegenden Komponenten im allgemeinen nicht wahr. Wenn aber ein Geschöpf beide Faktoren, den bewegenden und den bewegten in sich vereint, dann ist es im eigentlichen Sinn lebendig.
Das Kapitel neunundachtzig ist kurz, aber interessant. Es zitiert einen berühmten Auspruch des Aristoteles und beschreibt, dass Gott sein Leben nicht hat, sondern ist. Aristoteles hatte gesagt, das Leben des Lebendigen sei sein Sein. Oder umgekehrt: Das Sein des Lebendigen ist das Leben. Thomas sagt dazu, die lebendigen Dinge könnten ihr Leben nur aufgrund ihrer Seele haben, die ja die Form des Lebewesens ist.
Gott aber hat sein Leben nicht, er hat auch keine Seele, weil er gar nichts hat. Gott ist, wie schon öfter gesagt, immer schon ganz und gar alles, was er sein kann.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ziemlichen Ärger, den ich schon mal bekommen habe, nachdem ich einen Artigel veröffentlicht hatte, in dem stand, Gott existiere nicht. Der Ärger kam von Leuten, die eigentlich ungefähr den gleichen Glauben an Gott hatten wie ich. Sie verstanden meinen Satz wie den eines Atheisten der sagt, es gebe keinen Gott. So war das aber nicht gemeint. Gemeint war, dass Gott keine Existenz hat, wie wir sie haben. Wir haben unsere Seele, wir haben unser Sein, wir haben unsere Existenz. Bei Gott ist das alles anders, weil er gar nichts hat. Er hat seine Existenz nicht, und existieren in unserem Sinne kann man nur, wenn man sein Sein, seine Existenz hat. Das ist bei Gott nicht der Fall, und deshalb kann man mit Fug und Recht sagen, dass Gott nicht existiert, obwohl er da ist. So ist es mit seinem Leben auch. Er hat es nicht, wie wir, sondern er ist es.
Das neunundneunzigste Kapitel beschreibt nun, dass Gottes Leben immer währt und nie enden kann. Thomas spricht den interessanten Satz aus, nichts könne von sich selbst getrennt werden. Wenn ein Leben endet, dann trennt es sich in gewisser Weise vom Lebendigen. Um das zu verdeutllichen, eignet sich ein Blick auf den Gedanken von oben. Um sein Leben verlieren zu können, muss man es zuvor haben. Gott hat sein Leben aber nicht, sondern er ist es. Man kann es nicht von ihm nehmen, weil er es gar nicht hat. Das Leben Gottes kann also nicht aufhören.
Thomas sagt, was manchmal ist und manchmal nicht ist, das hat Ursachen. Es muss ja etwas geben, dass das Sein oder nicht sein hervorbringt oder bewirkt. Gott aber hat keinerlei Ursache, zudem ist er völlig unbeweglich. Deshalb kann in ihm weder etwas beginnen, noch aufhören. Gottes Leben kann also nur ewig sein.

Die Kapitel im lateinischen Original.

Der einfache Gott will alles auf einmal

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,77: “Die Vielheit des Gewollten spricht nicht gegen die Einfachheit Gottes.”

Ich kann mir nicht helfen, aber ich halte es einfach nicht lange in der Sonne aus. Wenn ich ihr im Sommer zu lange direkt ausgesetzt bin, sehne ich mich ziemlich bald nach einem gemütlichen Plätzchen im Schatten, am besten wo ich was lesen kann. So ging es mir vor Tagen, als ich mich um meiner charmanten Begleitung willen in der Sonne aufzuhalten hatte. Wenn ich bis dahin noch nicht wusste, wie ich das heutige Kapitel angehen sollte, so eroberte es mir jetzt unmittelbar den Schädel.
Wir sind beim Willen Gottes und Thomas ist dabei zu untersuchen, wie das mit den Dingen der Welt und dem Wollen Gottes ist. Im Kapitel siebenundsiebzig sagt er, die Tatsache der vielen verschiedenen Dinge, die Gott will, würde seiner absoluten Einfachheit nicht widersprechen. Wenn die vielen Dinge eine Vielheit in ihm selbst bewirken würden, dann wäre Gott nicht absolut einfach, wie schon oft gesagt. Das würde bedeuten, wenn Gott zwei Dinge will, dann entstünden sozusagen zwei kleine Willensakte in ihm. Die Riesenzahl der gewollten Dinge würde eine Riesenzahl Willensakte in ihm bewirken. Das ist nicht mit der absoluten Einfachheit Gottes zusammen zu denken, und die wurde bereits mehrfach ausgerufen und verteidigt.
In den Kapiteln um die Erkenntnis hatte Thomas gesagt, Gott erkenne alle Dinge in sich selber. Gott erkennt sich selbst in einem einzigen, ewigen Erkenntnisakt und in ihm alles mit, was es zu erkennen gibt.
So ist es auch hier, beim Wollen. Auch hier will Gott alles, was er will, indem er sich selbst will. Alles, was Gott will, das will er, insofern es in seinem Gutsein einbeschlossen ist. Das Gutsein Gottes aber ist eins und einig, also widersprechen die tausende Dinge, die Gott will, nicht seiner Einfachheit.
Was aber mein Einfall in der Sonne angeht, so lieferte mir die unmittelbare Situation die Bilder, die mich beim vierten Argument des Kapitels bei Thomas hängen bleiben ließen.  Thomas sagt dort, der Unterschied zwischen Erkennen und dem Streben des Willens sei folgender: Das, was man erkenne, sei im Erkennenden und das, was man anstrebe, sei sozusagen außerhalb von uns. Was der Wille anstrebe, das sei etwas, was der Strebende entweder suche oder in dem sein Wunsch zur Ruhe finde. Ich briet also in der Sonne und in meinem Kopf hatte ich das herrliche Bild von dem angenehm klimatisierten Zimmer, das wir derzeit bewohnten. Das war ein bisschen von uns entfernt. Aber wäre es möglich gewesen, ich hätte es sofort aufgesucht, um mich darin bei meinen Büchern auszuruhen.
Es stimmte also: Das Zimmer mit seiner angenehmen Kühle war als eine erkannte Vorstellung in meinem Kopf, aber leider nur da. Mein Streben richtete sich keineswegs auf das Bild in meinem Kopf. Es richtete sich sehr klar und unmissverständlich auf den kühlen Raum, der mir für kurze Zeit unerreichbar war.
Wer die Geduld hatte, die Kapitel über den Schöpfer bis hier her einigermaßen mit zu lesen, der wird sicher nicht lange nachdenken müssen, um zu verstehen, dass ein solches Wollen bei Gott nicht gedacht werden kann. Wir könnten jetzt wieder erklären, worin der Unterschied zwischen dem göttlichen und unseren Wollen bestehen muss. Thomas wiederholt das hier aber nicht. Vielmehr deutet er kurz an, der Umstand, dass sich etwas auf Vieles beziehe, würde seiner Einfachheit nicht widersprechen. Ich verstehe das etwa so: Ich will das Zimmer, ich will das herrliche Sofa. Ich will die Bücher, die daneben auf mich warten und ich will die kühle Brise dort. Vor allem will ich jetzt hier weg. Das sind viele Dinge. Wenn man mich aber gefragt hätte, was ich will, hätte ich wahrscheinlich nur gesagt, dass ich am liebsten in das Zimmer will. Vielleicht hätte ich auch nur gesagt: „Ich will erst einmal einfach nur hier weg!“ Aber auch das hätte vieles eingeschlossen.

Kapitel 77 in Latein.

Gibt es überhaupt wertlose Dinge?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,70: “Gott erkennt das Wertlose.”

Auf dem Weg zum Priestertum hatte ich einen guten, engen Freund, der in Frankfurt bei den Jesuiten studierte. Der wiederum hatte einen Studienkollegen, der in einer Seminararbeit in den frühen Semestern einen großen Fehler gemacht hatte. Es ging in der kleinen Arbeit um den Philosophen Immanuel Kant, und der Student hatte irgendwo „hier aber irrt Kant“ geschrieben. Das gab Ärger. Der Professor nutzte die Gelegenheit, um den armen Scholaren gleich vor dem kompletten Semester was ganz Grundsätzliches zu lehren.
Es gebe eine Position des Lehrers und eine des Schülers. Der Schüler wisse weniger als der Lehrer, ihm fehle nämlich genau das, was der Lehrer ihm beizubringen hat. Der Lehrer habe die Erfahrung, die Jahre des Wissens und des Wissensammelns. Dahin müsse der Schüler erst einmal gelangen. Bis dahin fehle ihm schlicht das Rüstzeug, seinen Lehrer und gar so große Philosophen wie Kant zu beurteilen. Von welchem Standpunkt aus denn auch? Also führte der Herr Professor den Schüler mit seinem „Was fällt ihnen eigentlich ein?!“ etwas unsanft zurück in sein Gehege.
Was hier über das Schüler-Lehrer Verhältnis gesagt ist, kann man so ungefähr beim heiligen Thomas finden, wobei er viel mehr noch darüber zu sagen hat. Es entsprach auch immer einigermaßen meiner Auffassung. Insgeheim bewunderte ich das Selbstbewusstsein meines unbekannten Kameraden aber, und das nicht zuletzt, weil ich ein solches nie hatte.
Der Leser wird sich denken können: Angesichts des gewaltigen Wissens, auf das ich bei Thomas stoße, würde mir nicht im Traum einfallen, die eigene Position auch nur halbwegs auf das gleiche Niveau zu heben. Ich bin hier und da allerdings schon mal ganz froh, wenn ich entdecke, dass es dem Meister ein wenig geht wie mir. Dieses Vergnügen hatte ich, als ich das siebzigste Kapitel zu verstehen begann.
Thomas widmet sich dem sechsten von den sieben erwähnten Einwänden. Hier wird behauptet, Gott könne das Wertlose nicht erkennen. Thomas verteidigt natürlich das Gegenteil. Als ich das Kapitel zum ersten Mal durcharbeitete, wollte mir das Wort „Wertlos“ nicht die Kehle herunter. Das war ein Wort, das irgendwie so gar nicht zum gewohnten Tonfall des Meisters gehörte. Thomas spricht gern von perfekten und weniger perfekten Dingen. Er redet vom mehr oder weniger Vollkommenen. Er erzählt auch oft von der Hierarchie der Dinge, in der manche mehr an Freiheit, mehr an Möglichkeit besitzen und höher in den Rängen stehen. Da ist aber immer etwas sozusagen stumm Mitgedachtes: Alles, sowohl das ganz Große, als auch das ganz Kleine, hat eine unverletzbare Vorzüglichkeit an sich, nämlich die unumstößliche, vollkommene, gleich hohe Würde, Geschöpf zu sein. Thomas kann eigentlich gar nicht gut von wertlosen Dingen sprechen, weil die Welt eigentlich nichts wirklich Wertloses kennt, oder zumindest steht uns nicht zu, etwas als ohne Wert zu deklarieren.
In der Einleitung zu seiner Schrift über das Glaubensbekenntnis sagt Thomas, den besten Philosophen könne nicht gelingen, das Wesen einer einzigen Mücke zu erfassen. Es stünde zu lesen, nach dreißig Jahren angestrengtem Studierens würden die Philosophen das Wesen einer einzigen Biene nicht durchschauen. Da passt mir eigentlich nicht, irgendwelchen Dingen das Etikett „Wertlos“ aufzukleben. Der Meister nennt das in seinen Argumenten auch beim Namen, wo er sagt, was die Teilnahme am ersten Sein angehe, seien alle Dinge vorzüglich zu nennen.
Die Dinge, die sind, die sind dadurch, dass sie sind und dadurch, was sie sind, im Akt, wie Thomas sagt. Und das im Akt sein ist immer schon groß und immer schon eine Vollendung. Das aber, was nicht im Akt ist, aber möglicherweise sein kann, das hat seine Vorzüglichkeit dadurch, dass es mit dem Akt in Verbindung steht. Ich bin zu Hause, wo ich morgens schreibe. An meinem Arbeitsplatz, zu dem ich gleich muss, bin ich nicht wirklich, aber schon der Möglichkeit nach. Dieses möglicherweise sein ist auch ein Sein. Es hat aber noch keine Vollendung, während mein Hiersein eine ausgewachsene Tatsache ist. Das möglicherweise bei der Arbeit sein hat schon eine Vorzüglichkeit, weil auch möglich sein ein gewisses Sein hat.
Wenn man nun von wertloseren Dingen zu sprechen hat, so Thomas, dann hinsichtlich der jeweils größeren Vorzüglichkeit. Das hier sein wäre vorzüglicher als das mögliche in der Schule sein. Der Gedanke des Meisters sagt nun, dass die vorzüglichsten Dinge nicht näher bei Gott, sondern eher untereinander entfernt sind. Die unvollkommenen Geschöpfe sind auch von den vollkommenen entfernt und Gott erkennt sie doch genau so klar, wie die vollkommenen. Wenn hier ein solcher Unterschied im Erkennen Gottes behauptet würde, dann könne Gott gar nichts, außer sich selbst erkennen. Darüber wurde aber schon ausführlich gesprochen.