Verschiedene Verhältnisse

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Briefe an unseren Bufdi

Ich glaube, es wäre ganz passend, wenn wir mal über Verhältnisse reden und was es da so alles gibt. Naheliegend ist zum Beispiel Folgendes: Wenn mein Freund ein Verhältnis hätte, dann würde ich ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden haben. Das gehört sich nicht seiner Frau gegenüber. Aber genauer gesprochen hat er natürlich viele Verhältnisse, auch wenn er neben seiner Gattin keine heimliche Geliebte hat. Er hat ein Verhältnis zu seinen Kindern, eins zu dem Stuhl, auf dem er immer sitzt, eins zu seiner Badewanne und ein Verhältnis zur Welt als ganzes, in der er lebt. Nilpferde haben ein Verhältnis zu dem Gras, das sie fressen und zu dem Wasser, das sie verdrängen.

Der Philosoph Wittgenstein meint, ein Rad, das sich dreht, und bei dem sich nichts mit dreht, das gehöre nicht zur Machine. Aber wenn es in ihr eingebaut ist, denn hat es doch irgendwie ein Verhältnis mit ihr, denn irgendwo drinnen sein beschreibt schon ein Verhältnis. Das klingt jetzt alles etwas spitzfindig, aber Spitzen finden gehört nunmal zum Handwerk der Philosophen. Wenn ein Arbeiter kein Verhältnis mit seiner Kollegin hat, so doch das kollegiale des Kollegenseins. Wenn Gott denken und etwas wollen kann, dann hat er ein anderes Verhältnis zu seiner Welt, wie das überpersonelle „Eine“ des Plotin, aus dem alles kommt, das aber nichts wollen kann. Wenn die Gottheit überhaupt etwas wollen kann, dann will es die Welt und Dich und mich. Wollte sie sie nicht, dann wäre sie nicht da. Wenn Plotin Recht hat, dann ist die Welt automatisch da, und wir sind nicht gewollt, sondern passiert.

Wir haben mit dem Denker Augustin schon gesehen, etwas lieben heißt, sein Dasein wollen. Wir können aber auch in aller Vorsicht sagen, das reicht noch nicht ganz für das, was wir für gewöhnlich Liebe nennen. Jemanden in unserem Sinne lieben heißt sicher auch so etwas wie mit ihm zusammen sein, zusammen leben, nahe sein wollen. „Ich will nicht nur, dass es Dich gibt, und dass es Dir gut geht, ich will auch immer bei Dir sein.“ So etwas meinen wir doch, wenn wir von der Liebe sprechen und es wäre zu fragen, ob solches aus dem Mund der Gottheit zu vernehmen wäre. Viele moderne Gelehrte des Islam würden uns sicher sagen, das gehe jetzt alles schon viel zu weit und würden Verbote aussprechen. Ich sage „moderne“ Gelehrte und meine damit, die von heutzutage. Im frühen Mittelalter haben die muslimischen Gelehrten sich viele Gedanken über Gott und seine Verhältnisse gemacht und es gab einen regen Austausch zwischen den Religionen. Irgendwann haben sich aber Leute durchgesetzt, die zu sagen hatten und die hier die berühmten Verbote ausgesprochen haben. Es heißt, in der Frage, was man mit den eroberten Bibliotheken anstellen sollte, habe es geheißen: Wenn in den Büchern steht, was auch im Koran zu finden ist, dann sind sie unnötig. Lehren sie etwas anderes als im Koran, dann sind sie gefährlich. Also in jedem Fall verbrennen. Christen zu allen Zeiten nicht viel anders gedacht und gehandelt, das sollten wir nicht unterschlagen. Auch hier denken nicht wenige bis heute, neben der Bibel seien andere Bücher nicht brauchbar. Es gebe so etwas wie zwei Wahrheiten, eine der Philosophen und eine der Religion. Der Religion sei immer der Vorzug einzuräumen. Im katholischen Christentum hat sich allerdings ein Gedanke durchgesetzt, den der heilige Thomas etwa ins Wort gebracht hat: Der Glaube kommt von Gott, die Vernunft ebenfalls. Beides richtig gesehen, kann sich eigentlich nicht widersprechen. Das führte zur mutigen, manchmal kühnen, philosophischen Betrachtung dessen, was wir über Gott denken können und von ihm wissen. Die Gottheit habe uns etwas von seinem Wissen mitgeteilt, gerade damit wir drüber nachdenken. Der Mensch bekommt hier eine Würde der Verantwortung, am Ganzen mit zu tun.
Wie immer auch, aus dieser Mischung von informiert worden sein und nachdenken erhalten wir die Information, nach der Gott ein Verhältnis zur Welt und zu uns hat, die wir mit unsren schönsten Gedanken der Liebe beschreiben können.

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Den Willen wollen

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Anmerkungen für unseren Bufdi

Ok, legen wir los. Wir hatten gesagt, was unser Gespräch angeht, sei die Frage, ob es eine Gottheit gibt oder nicht, sozusagen positiv geklärt. Das heißt, wir beide gehen, zunächst davon aus, das Universum hat eine Gottheit, dem es sich verdankt, eine Gottheit, aus der direkt oder indirekt alles kommt. Jetzt stellt sich eine zweite Frage: „Ist die Gottheit eine persönliche Sache oder nur eine sachliche.

Nehmen wir an, eine Lampe spendet Licht und erhellt einen Raum. Lampen tun das zwar, sie wollen es aber nicht, weil Lampen nichts wollen können. Keine Lampe will hell sein, keine Lampe will ausgehen. Kein Bus will fahren, er fährt einfach. Auch Busse sind nicht imstande, etwas zu können. Wenn Du so willst: Busse können nichts können, weil Busse zu den Sachen gehören. Man kann sagen, es fehlt ihnen die Voraussetzung so etwas wie einen Willen zu entwickeln. Bei den Tieren ist es schon etwas anders. Sie machen den Anschein, dass sie etwas wollen können. Der Hund wetzt zur Fleischwurst, wenn da irgendwo eine dampft. Er will sie verspeisen, eindeutig. Schafe wollen sich unterstellen, wenn es regnet und Regenwürmer wollen sich in den Boden graben.

Menschen wollen auch. Sie wollen essen und trinken, sie wollen schöne Sachen machen und sofort. Wir sollten uns aber fragen, ob das Wollen der Tiere und das Wollen der Menschen nicht zwei verschiedene Sachen sind. Man kann nämlich sagen, die Menschen wollen nicht nur die Dinge, die sie wollen. Sie wollen auch wollen. Das heißt, sie wollen nicht nur einfach, sondern sie wissen, dass sie wollen und entscheiden sich dafür, weiterhin zu wollen. Das klingt jetzt alles, wie wenn wir über unsere eigenen Füße stolpern. Es ist aber ein ganz alter Gedanke, dem auf den Grund zu kommen, haben sich die alten Philosophen schon die Köpfe heißt gedacht. Fest steht, die Menschen mögen es, einen Willen zu haben und Sachen wollen zu können.

Man spricht von den sogenannten Gegenständen des Willens. Der Gegenstand des Hundewillens ist die Fleischwurst, der Gegenstand des Menschenwillens ist ein gutes Essen. Das Wollenkönnen kann aber auch ein Gegenstand des Willens zu sein. Theoretisch könnte ein Mensch sagen, er habe jetzt keine Lust mehr ewig irgend etwas zu wollen und wünschen, jemand würde ihm den Willen ausschalten. Ob das auch praktisch möglich ist, wäre an anderer Stelle zu fragen. Theoretisch geht das aber, das heißt, man kann es denken.

Ich wollte auf eine Frage hinaus: Wenn aus der Gottheit die Welt kommt, ganz egal wie, dann könnte uns interessieren, ob sie das so gleichgültig wie eine Lampe tut oder ob sie die Welt wirklich will. Ist der Schöpfung eine Willensentscheidung vorausgegangen, eine bewusste oder nicht? Man könnte ja auch annehmen, die Welt kommt aus einem Prinzip, das um sich selbst gar nicht weiß und sein Willen nicht wollen kann. Das wäre die nächste Frage, um die wir uns Gedanken machen können. Wenn nämlich die Gottheit die Welt nicht nur macht, sondern auch will, dann ist das der erste Ansatz für das, was alle Welt die Liebe nennt. Etwas lieben heißt, es selbst, sein Dasein wünschen und zugleich wollen, dass es ihm gut geht.

Der Wille und die große Seligkeit

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Islam und Christentum, 50

Zur Methode der Scholastik gehört das Diskutieren, der Dialog, würde man heute sagen. Zwei Schülern wird ein Thema gegeben, eine Frage vorgelegt. Beide sollen sich eine Lösung ausdenken und die mit Worten möglichst gut vertreten. Dabei sollen sie sich auf die Gedanken stützen, die große Denker vor ihnen bereits genannt haben. Einer fängt an und legt seine Meinung dar. Der andere merkt sich alles so gut er kann und stellt Fragen, nicht um das Gesagte zu widerlegen, sondern um sicher zu gehen, dass er ihn richtig verstanden hat.
Dann ist sein Gegner an der Reihe. Er legt seine gegenteilige Meinung dar, und auch er möglichst gut und möglichst gebildet. Dann tauschen die beiden Kontrahenten die Position. Jeder muss jetzt, so gut er kann, diejenige Meinung vertreten und sichern, die vorher seine gegnerische war. Beide Meinungen stehen nun da, und der Lehrer gibt am nächsten Tag die Lösung in einer kurzen Ansprache bekannt. Am Schluss werden die einzelnen Argumente, jedes für sich, kurz widerlegt, und die Frage ist so gut es geht geklärt. 
So etwa sah zur Zeit der Hochscholastik ein Dialog an der Universität damals aus, und zu besonderen Anlässen und Festen wurden besondere Fragen ausgewählt. 
Du siehst schon, es wurde gründlich gearbeitet und vor allem wurde das Denken und Argumentieren geübt und geschult. Am Ende sollten gelehrte Leute die Universität verlassen, die in ihrem Fach möglichst gut gebildet waren. Mit diesem Rüstzeug sollten sie sich dann den Gegnern anderer Glaubensrichtungen und Meinungen stellen. Man war der Überzeugung, die besten Antworten zu den wichtigen Fragen kämen so am besten ans Licht. Heute würde man sagen, jeder kann sich am Ende möglichst gut für seine Positionen entscheiden.
Zur Zeit der Scholastik waren es allerdings nicht nur die Christen, die auf diese Weise diskutierten. Bei den Juden und Muslimen gab es ebenso gelehrte Leute, die sich die tiefen Fragen der Religion und Weltanschauungen vorlegten. Große Themen taten sich in der Frage auf, wer den alten Meister Aristoteles am besten und richtig zu erklären und kommentieren verstand. Hier hat auch unser Meister Thomas sich besonders hervorgetan und die Werkzeuge der Philosophie für seine christliche Welterklärung zu benutzen.
Aber bleiben wir bei unserem Beispiel. Ich habe Mohammed gefragt, ob er glaube, dass Gott etwas wolle. Wenn vom Willen und Wollen die Rede ist, dann geht das auf zweierlei Weisen. Man kann vom Willen selbst reden und von den Dingen, die gewollt werden. Ein Beispiel. Der Friede ist etwas, was alle wollen. Man sagt, der Friede gehört zum Willen. Ein anderes Beispiel ist das Essen. Alle wollen satt werden, so gehört das Essen und Trinken in den Bereich des Willens. Das sind Sachen, die gewollt werden, also die Gegenstände des Willens. 
Man kann nun auch zu der anderen Seite der Frage kommen und sagen, dadurch, dass jemand Himbeereis mit Sahne will können wir sagen, er gehört zu denjenigen Wesen auf der Welt, die überhaupt einen Willen haben. Ob er dies oder das will, er kann wollen.
Der eine will in ein Dorf gehen, der andere in eine Stadt. Das heißt, beide können Laufen. Sie haben die nötigen Apparate, die menschliche Wesen laufen machen.

Ähnlich habe ich bei Mohammed angesetzt. Ich sagte, Gott ist barmherzig. Das bedeutet, er will unser Bestes. Dadurch, dass er unser Bestes will, zeigt er, dass er grundsätzlich etwas wollen kann. Er ist also nicht wie ein Stein etwa, dem die Werkzeuge dazu fehlen. Hier steigen wir mit Thomas ein. Er sagt, in Gott ist Wollen, also ist in ihm auch so etwas wie Vernunft, denn dem Willen muss eine Art vernünftiges Erkennen vorausgehen. Wir können nichts wollen, wenn wir zuvor nicht etwas für würdig erachtet und erkannt haben. Das Erkennen erledigen ist eine Aufgabe der Vernunft. Also ist der etwas wollende Gott ein erkennender Gott.

Wollen heißt immer Gutes wollen. Wir können nichts wollen, wenn wir in dem Gewollten nicht irgendwie etwas Gutes entdeckt haben. Thomas sagt, der Gegenstand des Willens ist immer das Gute, und ob einer gute Bücher will oder gute Autos will, er will hinter allem immer das Gute als solches. Gott ist die Quelle und Fülle des Guten. Also ist Gott das, was am meisten gewollt werden kann und wird. Wenn man das alles beim Wort nimmt, dann will Gott zunächst und am meisten sich selbst, und alles Gute, wird eigentlich um seinetwillen gewollt, ob man darum weiß oder nicht. So kommen wir zu dem fast absurd klingenden Schluss. Jeder Wille will hinter allem, was er will, bei Gott sein, und Gott selber will auch am tiefsten und meisten sich selbst. Darin aufgehen, das nennen wir die große Seligkeit.

Islam und Christentum, Teil 17

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Es kann nur einen geben!

Mit „Sein“ ist sozusagen das reine Dasein gemeint. Es ist immer das selbe und das, was alle haben. Das Nashorn im Zoo hat sein ganz eigenes Dasein. Es hängt aber ebenso am Elektromagneten Gottes, wie der Wärter, der ihm den Käfig putzt. Ein Haus hat sein Existieren, ebenso wie die Maurer, die es bauten. Alles, was es gibt, hat sein Dasein. Alles was ist, hat sein Sein, und damit meine ich jetzt erst einmal nur die reine Existenz, das reine Daseindürfen, wenn Du so willst.

Hier haben mein atheistischer Freund (nicht nur Mahmoud hat seinen) und ich uns immer irgendwie unterschieden: Wir betrachteten die Tatsache, dass es Lichtteilchen gibt, die seit mehreren Milliarden Jahren durch das All donnern, bis sie auf die Linse unserer Messgeräte trifft. Seit Milliarden von Jahren hatte es sein kleines Dasein, es flog und flog, bis es auf die Kamera traf. Was dann aus ihm wurde, wissen wir nicht. Vermutlich fliegt es noch heute. Mein Kumpel, der ja Atheist war, ging davon aus, das Teilchen würde es „nunmal“ geben. „Die Dinge gibt es und basta“, war etwa seine Aussage. Ich hielt dagegen: „Die Dinge gibt es und, klar, basta. Es ist aber der Schöpfer, der zuerst das Basta spricht.“ Kein Ding, so meine Behauptung, hat sein reines Existieren von sich aus oder von selbst irgendwie. Alles, was existiert, hat seine Existenz, und es hat sie wie ein Geschenk. Kein Ding hat eine ewige Garantie zu sein, es sei denn, der Schöpfer will nicht mehr. Die Möglichkeit weiter fliegen zu können, das hat das Lichtteilchen aus der Tatsache, dass es ein Lichtteilchen ist. Lichtteilchen fliegen nunmal, und das mit dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde. Aber dass es das Lichtteilchen gibt, das hat es nicht aus der Tatsache, dass es ein Lichtteilchen ist.

Ein Mensch ist ein Mensch, weil zwei Menschen ihn gezeugt haben. Ein Mensch hat sein Dasein als solches aber nicht aus seiner Menschennatur. Das Dasein als solche haben ja auch alle anderen Dinge, die mit dem Menschen nicht das Geringste zu tun haben. Wir müssen verstehen: Das reine Dasein ist etwas anderes als die Natur der Dinge. Die Natur einer Blume ist etwas ganz anderes als die Natur eine Menschen oder eines Nashorns. Das Dasein aber ist immer irgendwie dasselbe, reine Existenz, und die verbindet alle Dinge. Deshalb können die klassischen Philosophen sagen, das Sein ist das, was alle haben. Mögen die Dinge noch so verschieden sein.

Ich mache es zum besseren Verstehen noch etwas komplizierter. Ich weiß jetzt nicht, ob Lichtteilchen sich irgendwie zu Lichtteilchen entwickelt oder nochmal irgendwie zusammengebaut haben. Die Forscher arbeiten an Lösungen. Aber in der Welt, die wir verstehen können wir sagen, alle Dinge entwickeln sich. Eine Blume braucht Zeit zum Wachsen, ein Molekül braucht Zeit, sich aus Atomen zusammen zu finden. Alle Dinge entwickeln sich irgendwie, ob schnell, oder in einem Augenblick. Alles braucht Zeit und Möglichkeiten. In Sachen Schöpfung, schreibt der Meister, muss es anders sein. Das reine Dasein ist entweder an oder aus, wie Licht entweder angeschaltet ist oder nicht. Das reine Dasein der Dinge ist entweder da oder nicht. Es gibt nichts dazwischen. Ein Ding kann es entweder geben oder es gibt es nicht. Entweder es gibt das Teilchen oder es ist nicht da. In der Welt entwickelt sich alles. Schöpfung aber geschieht ohne Zeit und ohne Entwicklung. Wenn Gott will, dass etwas da ist, dann ist es sofort und ganz da. Wenn er will, dass es verschwindet, dann ist es sofort ganz und ohne jede Spur weg.

Vielleicht wird jetzt langsam klar, dass der Schöpfer nicht auch einer sein kann, der sein Dasein von einem anderen geschenkt bekommt. Hier kann es nur einen geben. Denn wenn der Schöpfer wieder jemanden über sich hätte, dann wäre er kein Schöpfer, sondern nur irgendwie ein Weitergeber. Jetzt kommt der Gedanke des heiligen Thomas: Erschaffen im eigentlichen Sinn, das kann nur einer. Es kann nur einen geben, der das Sein der Dinge erschaffen und erhalten kann, denn es ist ja das Sein aller Dinge zugleich. Der Schöpfer muss also einer sein, der sein sein nicht (bekommen) hat, sondern es muss einer sein, der sein Sein ist. Höher kann man nicht klettern.

Wie frei müssen wir sein dürfen?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,88: “In Gott gibt es Entscheidungsfreiheit.”

Thomas beendet seinen Abschnitt über den Willen Gottes mit der letzten, wichtigen Auskunft: Gott ist absolut frei mit seinem Willen, und zwar so frei, wie nichts und niemand sonst sein kann. Er nennt kurz Beispiele für relative Freiheit in der Schöpfung. Ziemlich wenig frei nennt er die Tiere, insofern sie nach ihren Instinkten handeln, die ihnen in gewisser Weise ja auferlegen, was sie zu tun haben. Der Hund rennt nunmal zur Wurst, wenn er eine sieht. Die Kinder wissen darum und spielen damit. Der Mensch dagegen ist viel freier, weil er seiner Natur mit der Vernunft begegnen kann. Ich bekenne zwar, dass ich manchen Nahrungs- und Genussmitteln gegenüber alles andere als frei bin, weil mein Wunsch und Wille, mich drüber her zu machen, ziemlich ausgeprägt ist. Grundsätzlich aber bin ich frei davon. Der Mensch muss das Bier nicht trinken, er muss die nächste Zigarette nicht rauchen und er muss auch die nächste Tüte Chips nicht aufreißen. Jedenfalls nicht so grundsätzlich wie das Tier zum Napf rennen muss. Der Mensch ist aus vielen Gründen zwar gebunden, aber nicht so, wie seine Zeitgenossen. Gott dagegen ist völlig frei. Thomas definiert die Freiheit hier als können, aber gar nicht müssen, und Gott kann alles Mögliche und muss nichts.
Als ich gestern im Laufe des Tages über das Kapitel nachdachte, überkam mich ein mildes Gefühl des Dankes, leben wir doch in einer Zeit und in einem Land, in dem man die relative Freiheit, die man hat, wohl einigermaßen ausleben kann, ohne dafür ins Gefängnis zu marschieren. Das ist lange nicht überall so, und ich bin ein bisschen in Sorge, dass sich das gerade wieder sanft zu ändern beginnt. Die Nazis und Kommunisten hatten ihren Leuten jeweils ihre kruden Vorstellungen einer glücklichen Welt ins Ohr geblasen. Alle verbreiteten eine hübsche Welt, in der man die Freiheiten gehörig beschneiden musste und in der man sich von jenen Subjekten befreien musste, die irgendwie falsch lagen oder ihre Freiheit meinten ausleben zu müssen. Man glaubte, die Welt erst von Millionen von Menschen befreien zu müssen oder sie umsiedeln, um die neu große Freiheit zu gestalten. Die Leute mussten erzogen werden, hieß es. Ich fand das immer ganz schrecklich, wenn ich davon las oder hörte, und war heil froh, dass das entweder lange her oder weit weg war. Wenn ich zu Hause meine Meinung äußerte, konnte es sehr gut sein, dass ich mich damit am Felsen stieß und auf ganze Bollwerke von Gegenmeinungen knallte, die mit dem lästigen Etikett daher kamen, schließlich von Erwachsenen geäußert worden zu sein. Wir stritten, bis uns die Köpfe rauchten, aber wir stritten über unsere Meinungen, nie gegen die Personen, die sie vertraten. Mein Vater war am Mittagstisch der politische Hauptgegner, nicht aber er persönlich, sondern nur die Meinung, die er vertrat. Bis heute halte ich es für ein Kennzeichen reifer Freiheit, wenn über Meinungen gestritten wird, ohne die Person gering zu schätzen. Wenn heute eine renommierte Person ein unliebsames Buch schreibt, heißt es gar nicht mehr nur, die Meinung des Buches müsse bestritten werden. Es heißt „null Toleranz gegen solche Leute“. Ich mag da etwas überempfindlich sein, aber der Unterschied zwischen das Buch muss weg und der Mensch gehört entsorgt oder zum Schweigen verurteilt scheint mir doch beträchtlich zu sein.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Weise, wie sich eine Gesellschaft definiert, und da beginnt das ganze auf eine Weise weich zu werden, die mich beunruhigt.
Es ist schon klar, dass man auf dem Boden unserer Erfahrungen leicht ins Hüsteln gerät, wenn zu viel von Recht und Ordnung die Rede ist. „Gemeinsame Werte“ klingt da schon viel milder und die werden dann auch mit größerem Mut in die Halle geworfen und beschworen. Die Politiker haben keine Scheu zu beschwören, die Militärs, die wir noch haben, seien dazu da, unsere Werte zu schützen. Ich will das aber gar nicht, weil ich nicht in einem Werte- sondern in einem Rechtsstaat leben will. Ich will nicht für gewisse Werte umerzogen werden und will nicht die Werte von Leuten teilen müssen, die zufällig unser Land regieren. Ich begrüße jeden, der unsere Rechte auf die möglichen Freiheiten beschützt und würde mich gern an der Verteidigung beteiligen. Was aber ist, wenn ich ganz andere Werte liebe, als die Menschen, die den Militärs befehlen aufzumarschieren?
Ich finde die Maximen der Zeugen Jehovas beispielsweise in manchen Fragen wirklich fragwürdig und weiß sehr genau, dass ich zum Teil ganz andere Werte vertrete, als die Muslime und Atheisten, die mich umgeben. Sie sollen ihre Werte aber haben dürfen und werden meine sicher zum Teil auch ziemlich verrückt oder himmelschreiend falsch finden. Ich würde keinem von ihnen zu sagen wollen, sie dürften nicht unserer Gemeinschaft angehören oder nicht in ihr mitwirken, weil sie Werte vertreten, die nicht passen. Viel entspannte finde ich da das Konzept des Rechtes. Wer sich an die  manchmal ungeliebten Regeln hält und bereit ist, die zu verteidigen, der kann ohne Furcht dabei sein. Der Mensch ist viel freier als die Tiere es sind, und ein Teil seiner Freiheit sollte darin bestehen, dass er ziemlich verrückte Werte im Kopf haben darf.

Kapitel 88 in Latein.

Steht der Mensch im Mittelpunkt von allem?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,87: “Für den Willen Gottes kann es keine Ursache geben.”

Ich hatte ja schon erwähnt, dass die Mentalitäten der Menschen an den Orten, an denen man studiert, bisweilen sehr verschieden sind, und dass man das besonders gut an den jeweiligen Meinungen sieht, die zu gewissen Fragen vorherrschen. Im Westfälischen schämte man sich seiner Liebe zur Muttergottes, im östereichischen Wienerwald sollte man da schon frömmer sein, um was zu zählen.
Eine weitere Frage, wie man sich im Trend bewegen konnte, war die nach der Stellung des Menschen im Kosmos. Die klassische Lehre hatte lange Zeiten gelehrt, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Er stünde im Mittelpunkt, wie die Erde, als man noch glaubte, alle Gestirne drehten sich um sie. Schließlich habe Gott dieses Bild bestätigt, da er ja geruht hatte, die Menschheit anzunehmen, anstatt ein Engel oder etwas anderes zu werden.
An der Ruhr herrschte eine andere Folklore. Hier gab man sich in einer neuen Art Bescheidenheit modern. Hubble hatte die unendlichen Weiten des Alls entdeckt und man sah jetzt, dass die Erde als ein eher unbedeutender Planet in einer unbedeutenden Galaxie und eher am Rande des Universums durch das Nichts rollte. Es sei pure, menschliche Vermessenheit, sich in den Mittelpunkt des Alls zu stellen und sich als Krone der Schöpfung auszugeben. Und mit der Befolgung des „macht euch die Erde untertan“ hatte der imperialistische Mensch ohnehin nur Unheil angerichtet.
Heute denkt man wieder anders. Heute bildet sich der Mensch wieder ein, der größte zu sein, der immer besser, vor allem immer menschlicher wird, und der Optimismus ohne Himmel ist zu einer Art heiliger Pflicht geworden.
Was mich anging, bedeutete mein Katholischsein ab einem gewissen Punkt in solchen Fragen vor allem sich nichts aus- und sich nicht alles einreden zu lassen. Als ich dann den heiligen Thomas las, konnte ich ohnehin vernünftige Meinungen antreffen, die sich irgendwie auf keine dieser extremen Standpunkte festlegte.
Für den heiligen Thomas war der Mensch sehr wohl das vollkommenste Geschöpf, über das zu schreiben er wusste. Vollkommenheit bedeutete ja so etwas wie eine möglichst große Fülle an Anlagen, Möglichkeiten zu tun und vor allem Möglichkeiten, frei zu sein.
Insofern steht hier der Mensch sogar über dem erhabenen, heiligen Engel, der zwar ungebunden an alles Materielle ist, dem aber gerade das zur größeren Fülle fehlt.
Hier war der Mensch wohl ein König, aber ein kleiner, der über sich noch den Kaiser hatte. Der Mensch war ein Prinz, aber ein sündiger. Er sollte sich die keine Erde untertan machen, die er besaß und mit der tun konnte, was er wollte. Vielmehr war er eher ein Verwalter, im Auftrag des göttlichen Besitzers. Größe und Niedrigkeit waren gleicherweise möglich in diesem empfindsamsten und verletzlichsten aller Geschöpfe.
In Zeiten großer, plakativer Meinungen, die allesamt ihre primitiven Schieflagen haben, tut es gut, Bücher zu lesen, in denen es differenziert, sachlich und ohne jede Scharfmacherei zugeht. Der größte Schurke und ein strahlender Heiliger, der Mensch kann beides sein, auf jeden Fall war er dem Schöpfer lieb und wert genug, um von ihm persönlich gerettet zu werden.
In den Kapiteln sechsundachtzig und siebenundachtzig hat Thomas zwei Argumente, die zur Stellung des Menschen im Kosmos etwas sagen. Im ersteren hatte er gesagt, Gott wolle den Menschen insgesamt eher um der Vollkommenheit des Universums willen. Man müsse sagen, dass man doch eher das Gut eines ganzen insgesamt, als das Gut der einzelnen Teile im Blick habe. Wer sein Auto liebt, der möchte doch, dass das ganze Gefährt in Ordnung ist, und wer interessiert sich am meisten für die Sitze?
Thomas sieht den Menschen als Teil des Universums und als Teil des gesamten Weltgeschehens, und die Vollendung des ganzen steht in gewisser Weise höher als die des Menschen allein. Das ist schon eine ziemlich starke Aussage.
In Kapitel siebenundachtzig vervollständigt der Meister in gewisser Weise das vorige. Dort hatte es ja geheißen, man könne Gründe für den Willen Gottes angeben, nämlich, das, was er will. Jetzt stellt er klar, dass es noch eine andere Weise gibt, vom Grund für den göttlichen Willen zu sprechen, und einen solchen könne man nicht angeben. Der Grund jeden Wollens sei immer ein Ziel, sagt er. Der eigentliche Ziel des göttlichen Wollens sei aber er selbst, oder besser gesagt, seine Güte, und die ist ein Wille. Eigentlich sei das Wollen seiner Güte die Ursache seines Wollens. Wenn man nun sagt, sein Wollen sei der Grund seines Wollens, dann dreht man sich im Kreis.
Wenn Gott nun die Vollkommenheit des Universums will, dann nur insofern es insgesamt auf ihn hin und seine Fülle ausgerichtet ist. Der eigentliche Grund von Gottes Wollen ist, wenn man so will, die Obergüte, das Größte, das Alles, also er selbst, nicht die Welt für sich und nicht der Mensch für sich. Etwas schlicht ausgedrückt kann man sagen, Gott geht es ums Ganze, das sich in ihm findet. Gott geht es um sich selbst und alles in ihm, und wenn es dem Menschen auch nur oder in erster Linie auch nur um sich geht, dann marschiert er auf einem Holzweg. Klüger wäre es, sich selbst auch im Ganzen zu sehen und sich ins Weltgeschehen hineinzudenken, insofern es auf das große, glückliche Ziel, von allem, am Ende geht.

Hier gehts zum Kapitel 87.

Der Grund für den Willen Gottes

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,86: “Für den Willen Gottes kann ein Grund angegeben werden.”

Wer wie ich, sein Geld in der Schule verdient oder mancher, der pubertierende Kinder zu Hause hat, kennt das: Man kann von jungen Leuten in einem gewissen Alter nicht verlangen, dass sie logisch denken und handeln. In der Schule wird das besonders deutlich. Es gibt diesen berühmten, logischen Zusammenhang: Wer ein Ziel wählt, der wählt auch die Mittel dazu. Alle wollen den Schulabschluss schaffen, alle wollen eine Ausbildung ihrer Wahl beginnen und alle wollen später für ein solides Auskommen sorgen können oder gar mehr. Aber keiner von den Gören will für die nächste Klassenarbeit lernen, keiner sagt seinen Freunden vor der Schule: „Ich will ein gutes Zeugnis, deshalb muss ich euch jetzt verlassen, sonst komme ich nicht pünktlich.“ Der Zusammenhang von Ziel und Mittel ist in diesen Jahren irgendwie verwischt, und bei nicht ganz wenigen scheint er übrigens verwischt zu bleiben. Immer kommen irgendwelche, anderen Dinge dazwischen, die sich gerade wichtiger machen. (Der Autor fasst sich gerade an die eigene Nase.)
Diesen Zusammenhang von Ziel und Mittel ist beim heiligen Thomas ein großes Thema, und der Schöpfer ist hier sehr klar ein Gott der Ordnung und einer, der sich nicht aus der Ordnung bringen lässt. Im Kapitel sechsundachtzig sagt Thomas, was er sehr oft erwähnt: Ein Ziel sei ein Grund, auch das mit zu wollen, was zu ihm führt. Wer schwimmen will, der muss zum Schwimmbad laufen. Thomas ist hier an die Stelle gelangt, wo er beschreiben möchte, dass sich für den Willen Gottes ein Grund angeben lässt, und der Grund sind jeweils die Ziele.
Wenn wir im Bild der Schule bleiben wollen, bedeutet das: Der Grund, aus dem der strebsame Schüler die Englischarbeit mitschreiben will, ist der solide Abschluss, den er im Kopf hat. Er will das Mittel, weil er sein Ziel will. In der Welt der Menschen ist es nun so, dass man auch unangenehme Mittel bejaht, um am Ende angenehme Ziele zu erreichen. Keiner schreibt gern schwere Arbeiten und keiner läuft gern schwitzend durch die Sonne zum Schwimmen. Bei Gott kann es solche Brüche nicht geben. In ihm ist reiner Genuss und wenn man so möchte, ist das Ziel von derartiger Großartigkeit, dass alle Unannehmlichkeiten gar keine mehr sein können.
Das eröffnet übrigens gerade eine Möglichkeit, einen kurzen Blick auf eine, möchte sagen, heilige Paradoxie unseres Lebens zu tun. Die große Paradoxie unseres Daseins liegt in der auf Erden unlösbaren Frage nach dem Leiden, dem Elend und dem Verlieren. Ich halte die sogenannte Theodizeefrage für auf Erden nicht befriedigend lösbar. Gott steht auf der Anklagebank und rührt sich nicht. Er wird von seinen Kindern angefleht, angeklagt, oft verlassen und gehasst, weil er das Elend nicht beendet. Er hält beides aber aus: Sowohl die Klage, als auch den langen Atem angesichts des Elends. Zu lösen ist die Frage nur theoretisch und im Hinblick auf das große Ziel. Heute heult der Schüler, weil er morgens raus und sich an die Schulbank begeben muss. Hat er seinen Abschluss in der Tasche, war alles halb so wild. Vergnügt er sich im kühlen Nass, war der beschwerliche Weg hierher ein Kinderspiel. So wird und muss es im Himmel sein. Die Freude wird derart erfüllend und endgültig sein, dass man am liebsten zurück will, um dafür noch mal ein Leben erleiden zu können. So jedenfalls berichten es die Zeugnisse der Mystiker, sofern sie schon mal einen Blick in das große Ziel riskieren durften. Die heilige Schwester Faustyna und unzählige andere jedenfalls berichten das übereinstimmend so, und die volkstümliche Stimme des geistlichen Lebens hält das große Paradox aufrecht, dass uns sogar die Engel um die Fähigkeit beneiden, das Leben erleiden zu können.
Der heilige Thomas äußert in der theologischen Summe einmal einen Gedanken zur Verteidigung Gottes, der viel weniger befriedet und der ihm ähnlich sieht. Wenn ich mich recht erinnere, sagt er dem Sinne nach, die größte aller Fähigkeiten sei, aus dem größten Elend die größte Herrlichkeit zu machen. Wenn Gott diese Fähigkeit nicht zeigen könne, würde etwas sehr wesentliches fehlen. Deshalb habe das Elend der Welt eine gewisse, innere Berechtigung. Ich weiß es und er wird es gewusst haben: Immer wenn man das in den Raum stellt, treibt es die Leidenden und die Atheisten auf die Palmen, von denen man sie in aller Regel nicht mehr herunterbekommt. Aber Thomas hat diese bewundernswerte Ruhe, die Dinge zu sagen, ganz gleich, wie viele Leute auf den Bäumen sitzen.
Thomas sagt im vierten Argument einen eigentümlichen Satz, der eigens einen Kommentar verdiente: Gott möchte, dass der Mensch seine Vernunft hat, weil er den Menschen an sich wünscht. Er wünscht den Menschen aber, damit sein Universum vollständig ist, und er will die Güte des Universums, weil das am meisten seiner eigenen Güte entspricht.

Das Kapitel im Original.

Es ginge auch anders mit dem Willen Gottes

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,81: “Gott will das von ihm Verschiedene nicht notwendigerweise.”

Gestern morgen hatte ich Gelegenheit, mit einem Bekannten über das Kurze Kapitel zu sprechen, dass ich gerade veröffentlicht hatte. Er sei ja meiner Meinung, sagte er. Alles, was getan wird, wird um irgendwelcher Ziele getan, und ohne Ziele geschehe gar nichts. Das sei griechisch, sagte er, und von Aristoteles her kommend. Ich weiß das. Ich weiß auch, dass Aristoteles das mit den Zielen hinter jeder Handlung formuliert hat. Allerdings glaube ich nicht, dass die Meinung von ihm her kommt. Er hat sie wohl formuliert, sie stammt allerdings nicht von einem Philosophen, sondern kommt aus dem ganz normalen Hausverstand. Wenn ich meine Oma, unseren Fleischer oder den Pfarrer unseres Dorfes gefragt hätte, ob hinter jedem Handeln ein Ziel steckt, sie alle hätten einhellig „aber klar!“, gerufen. Wer tut schon was, ganz ohne was vor zu haben, und bei jeder Handlung, die man sieht, kann man irgendeinen nach dem Warum fragen.
Ich sage das, weil mein Freund gestern gleich dazu sagte, es gebe jede Menge schlaue Leute, die ganz anderer Meinung seien. Viele Leute bezweifelten die Behauptung, hinter allem Tun stünde ein Warum. Ich weiß übrigens auch das und kannte sogar die Namen, die er nannte.
Es gibt also Leute, die das mit den Zielen hinter allem stark bezweifeln. Wenn das mit den Zielen nämlich stimmt, dann läuft das darauf hinaus, dass nicht nur hinter dem Tun ein Warum, sondern auch dass hinter dem ganzen Weltgeschehen ein Wieso steht. Dabei wird manchen Leuten zu religiös ums Herz, und das mögen viele nicht.
Viele Leute glauben, nicht irgendeine Gottheit, sondern so etwas wie eine Evolution sei das Letzte hinter der Welt. Im Fall der Evolution ist alles zufällig entstanden. Alles ist eben so gekommen, wie es ist, aber geplant hat es nichts und niemand. Wenn das so ist, dann hat nichts und niemand etwas vor mit der Welt, und dann hat auch die Welt als ganzes kein Warum und keinen Sinn.
Natürlich will der Affe eine Banane essen, wenn er eine pflückt. Beim Bananenessen des Affen kann man nach dem Warum fragen, nicht aber bei seiner Existenz. Man kann fragen, warum er auf den nächsten Baum klettert, aber auf die Frage, warum er überhaupt da ist, gibt es keine Antwort. Es gibt viele kleine Warums in der Welt, aber nicht das ganze, große, warum überhaupt alles ist. Das ist beim heiligen Thomas anders. Thomas kann sagen, hinter allen kleinen Warums steht letztlich ein ganz großes Warum. Die Welt hat keine Brüche, sie hat als ganzes einen Sinn, und man muss nicht in eine sinnlose Welt sinnvolle Warums hinein basteln. Bei Thomas kommt der Sinn nicht aus der Sinnlosigkeit, weil alles als ganzes in sich sinnvoll ist. Dass das nicht alle mögen, ist verständlich. Thomas kann das aber. Mein atheistischer Kollege sagt: „Egal, welche Antwort, hauptsache kein Gott.“ Das hat der heilige Denker nicht nötig.
Das Kapitel einundachtzig seiner Summe hat wieder eine etwas fremd klingende Überschrift. Sie sagt, Gott wolle das von ihm Verschiedene nicht mit Notwendigkeit, und Thomas sagt, wer richtig nachdenke, dem würde die Sache bald klar. Dann sagt er im ersten Argument, der Wille Gottes richte sich auf das Ziel aller Dinge, und dieses Ziel sei seine Güte. Damit ist der Einwand von oben, was den heiligen Thomas angeht, beantwortet.
Wir sollten vielleicht aber noch einen Blick auf die Sache mit der Notwendigkeit werfen. Das Wort kommt zum Einsatz, wenn nichts anderes möglich ist. Wirft jemand einen Kiesel ins Wasser, sinkt dieser mit Notwendigkeit herab. Die Gesetze der Natur schreiben das vor und es ist, sofern es mit rechten Dingen zugeht, gar nicht anders möglich. Wenn man mit Gottes Gegenwart rechnet und dazu denkt, dass er auf wunderbare Weise eingreifen kann, dann sinkt der Stein nicht mit der gleichen Notwendigkeit. Wäre alles andere gleich möglich, dann sänke er zufällig.
Thomas sagt nun, man könne durchaus auf die Idee kommen, Gott würde die Geschöpfe mit der gleichen Notwendigkeit wollen, wie sich selbst. Er will sie ja in sich selbst, und weil sie da sind und er alles will, was ist, könnte man das meinen. Hier aber sagt Thomas, wer richtig nachdenke, der müsse auf einen anderen, richtigeren Schluss kommen. Er brauchte das Beispiel eines Arztes. Wenn der die Gesundheit seines Patienten will, dann muss er nicht notwendig ein ganz bestimmtes Mittel einsetzen, er könnte auch ein anderes nehmen. Weil Gott also auch ganz andere Dinge wollen kann, deshalb will er die, die er will, nicht mit Notwendigkeit.

Die Dogmen des Atheismus

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,78: “Das Wollen Gottes erstreckt sich auch auf die einzelnen Güter.”

Thomas bespricht hier also, dass Gott alle Dinge sowohl im Ganzen, als auch im Allerkleinsten und Einzelnen erkennt und will. Bevor er am Ende seines Kapitels üblicherweise eine passende Bibelstelle zitiert, wiederholt er kurz, was er schon ausführlicher besprochen hat: Was als gut erkannt wird, das wird auch gewollt. Wenigstens bei Gott ist das so. Einmal geklärt, steht es jetzt mit der gleichen Selbstverständlichkeit da, wie wenn einer sagt, wer stehen kann, der kann auch sitzen.
Aus dem Vermögen Gottes, die Dinge zu erkennen folgt sein Vermögen, sie zu wollen.
Bevor Thomas das sagt, äußert er einen Gedanken, den es zu betrachten lohnt. Wenn der Schöpfer die einzelnen Dinge nicht wollte, dann würde sich daraus eine zufällige Ordnung des Universums ergeben, oder etwas wörtlicher gesagt: Die Güte der Ordnung des Alls wäre dann zufällig. Das kommt für den heiligen Thomas überhaupt nicht in Frage. Was sich aber hier für den Lehrer verbietet, das ist genau die Meinung vieler Leute unserer Tage: Dass nämlich die Anordnungen und Zusammenfügungen im Universum nur zufällig entstanden sind.
Ich hatte einen Arbeitskollegen in der Schule, der es mochte, mit mir über solche Sachen zu sprechen und der genau diese Ansicht vertrat, die viele Leute mit ihm teilen. Alles sei „einfach so“, also ohne etwas oder jemanden entstanden, der alles irgendwie im Blick und im Griff hat.
Thomas tritt hier übrigens überhaupt nicht an, diese Meinung zu widerlegen. Er sagt nur, die Güte der Ordnung wäre eben zufällig, wenn Gott nicht auch alle Dinge bis in die kleinsten Teile irgendwie wollte. Dabei erklärt er eigentlich nur seine eigene Position. Wenn es so ist, dass alles Gute des Universums zu einer guten Ordnung zusammengefasst wurde, dann kann dieses Zusammenführen nicht von Teilen des Universums her geleistet werden. Dann muss es einen Schöpfer geben, der alle Dinge kennt und will.
Ich habe mich in den letzten Tagen etwas eingehender mit römischer Geschichte befasst und mir die Schlacht des Karthagers Hannibal in Canae angeschaut. Der geniale Feldherr bescherte den Römern im eigenen Land eine ihrer schwersten Niederlagen. Das Geniale war die Planung der Schlacht und ihre Anordnung. Hanibal schaffte es durch geschickte Verlagerung der verschiedenen Truppenteile die römische Übermacht unbemerkt einzukesseln und auf kleinsten Raum zusammen zu treiben. Für diese Anordnung  und Regie hätte im Geschehen selbst kein Truppenteil sorgen können. Es brauchte jemanden, der den Überblick, die Schau des Ganzen hatte und überlegene Fähigkeiten. Wenn man das Ganze ordnen will, braucht man einen, der das Ganze im Blick hat, das geht nur von außen. Ein in dieser Weise Erhabener ist der Schöpfer, sagt Thomas.
Aber wie gesagt, Thomas tritt hier keinen Beweis an, die Meinung, alles sei zufällig, zu widerlegen. Die kommt für ihn einfach nicht in Frage. Thomas ist gläubig und sagt auch öfter, er habe die besseren Argumente. Argumente sind hier aber keine Beweise, sie polstern lediglich einen Standpunkt und legen ihn nahe.
Manchmal hört man von besonders gut meinenden Leuten, diese thomanische Haltung, der atheistische Gedanke komme nicht in Frage, der sei dogmatisch, und das Dogmatische müsse doch gerade abgeschafft werden. „Keine Dogmen!“, hört man da. Es tut mir leid, wenn ich da was nicht verstehe. Man kann wohl alle möglichen Dogmen über Bord werfen, um Ballast loszuwerden. Der Korb aber, in dem man sitzt, der gehört nicht zum Ballast. Den kann man nicht von sich werfen, ohne selbst herunter zu fallen. Der Korb ist ein Dogma, nämlich das, keine Dogmen zu wollen. 
Wenn ich richtig sehe, gehen unsere atheistischen Gegner gar nicht gegen das Dogmatische als solches vor. Sie wollen nur jene Dogmen nicht, die sich aus unserem Gottesglauben ergeben, wohl aber ihre eigenen. Das Gebäude auf ihrem Standpunkt steht steif und starr von Dogmen, man muss sie nur sehen können. Wie immer auch, für Thomas kommt nicht in Frage, dass es keinen Gott der Ordnung gibt, für die Atheisten kommt seine Existenz nicht in die Tüte. Beides sind Behauptungen, mehr nicht.

PS: Ich spreche von den Atheisten und meine damit nur die, die ich meine und beschreibe. Dass es Atheisten gibt, die ganz anders denken, ist mir bekannt, und die sind nicht gemeint. Ich weiß auch, dass es solche gibt, die durch das, was ich sage, nicht vertreten werden. Mir ist hinreichend bekannt, dass Leute sich melden und sagen, man dürfe das ganze so gar nicht sagen, weil es Menschen über einen Kamm schert. Würde ich auf sie hören, dann führte das dazu, dass ich gar nichts mehr schriebe, denn das geht gar nicht ohne Kamm und ohne Scheren.

Kapitel 78 in Latein.

Wenn Gott alles will, ist er dann auch verantwortlich für alles?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,78: “Das Wollen Gottes erstreckt sich auch auf die einzelnen Güter.”

Gott ist nicht wie wir. Wer meinen Kommentar hin und wieder verfolgt oder Thomas selbst gelesen hat, was weit lohnenswerter ist, dem wird aufgefallen sein, dass der Meister nicht aufhört zu betonen, wie anders Gott doch ist als alles, was er nicht ist. Thomas nennt in dieser Gegend seiner Summe die Schöpfung „das andere“. Er sagt, Gott erkennt „das andere“, und er meint damit alles, was nicht er selbst ist. Man könnte für „das andere“ mit gewissem Recht also auch „Schöpfung“ sagen, denn alles, was nicht Gott ist, das ist im weitesten Sinn aus ihm, und somit Schöpfung. Es gibt allerdings auch Dinge in ihr, die aus ihm sind, für die er sich jedoch nicht verantworten muss.
Wenn junge Eltern ihrem Kind ein Zimmer einrichten, es hübsch gestalten und in Ordnung bringen, dann sind sie nicht verantwortlich, wenn das Kleine es verwüstet.
Der Vater hat das Haus zwar gebaut, die Mutter hat es eingerichtet und beide haben ihre Vorstellungen einfließen lassen. Das verwüstete Zimmer hat allerdings auch Teile, die zwar alle zum Haus gehören, die sich aber anders entwickelt haben, als vorgestellt. Wenn der Wachtmeister „Ist das ihr Haus?!“ fragt, dann steht der Vater mit seiner Unterschrift gerade. Er wird auch für alles haften und verantwortlich sein. Aber er wird Einwände machen dürfen.
Wir sind an einer Stelle angelangt, wo man beim Vortragen sieht, dass manche Hörer unruhig werden. Wenn man sagt, Gott will alles, was ist und er will alles einzeln, was ist, dann scharren die Leute mit den Füßen und meistens erhebt sich einer und fragt, ob Gott denn auch das Elend einzeln will. Das gibt es schließlich auch, und zwar in seinem Haus, in seiner Welt, die er verantwortet. Aber auch er wird Einwände machen können.
Die Sache wird ungefähr dann zur endgültigen Provokation, wo man mit Fug sagen kann, Gott will sogar das Dasein des Satans, denn wenn er ihn ganz und gar nicht wollte, dann gäbe es ihn nicht.
Wir werden die Sache hier nicht befriedigend behandeln können, allein schon, weil man sie nie befrieden kann. Die einzige befriedende Antwort auf die Trauer einer Mutter um ihr Kind, ist, es ihr wieder zu geben, und zwar jetzt. Die einzige befriedende Antwort auf den Schmerz ist, ihn sofort zu beenden. Wer unter Schmerzen leidet, dem nützt es gar nichts, wenn man sein Wehe von der theoretischen Seite her betrachtet oder sonst irgendwie drüber redet.
Leiden kann man im Leiden nicht gut besprechen. „Gehabte Schmerzen, die hab ich gern“, hat Wilhelm Busch geschrieben. Man kann Schmerzen nur vorher und nachher wollen, wenn überhaupt. Und der Punkt in der Klage gegen Gott liegt eigentlich immer dort, wo Gott unser Leiden erkennt und wo er es entweder nicht sofort beendet oder nicht verhindert hat. Thomas hat an vielen Stellen seines Werkes viele Antworten, und wenn überhaupt einer so eingehend geantwortet hat, wie man eingehend antworten kann, dann er. Seine Antworten sind allerdings theoretisch. Sie stellen natürlich das Ende des Leidens all derer in Aussicht, die nicht mehr leiden wollen, aber sie beenden es nicht jetzt, und deshalb sind sie nicht befriedend.
Er stellt beispielsweise in der großen Summe die These auf, wenn Gott nicht sozusagen die Gelegenheit bekäme, aus dem größten Elend die höchste Freude machen zu können, dann fehle ein Gebiet, auf dem er zeigen kann, was er drauf hat. Sehen können, was er alles kann, gehört aber irgendwie zur vollkommenen Gottesschau, wenn ich mal so sagen darf.
„Weit weg!“, „von zu weit her geholt“ und „zu nichts nütze“ werfen die Kritiker regelmäßig gegen solche Argumente ein, und ihr „kreuzige ihn!“ gilt dem beharrlichen Glauben an die Güte Gottes.
Wer aber Thomas liest, der liest eben nur Thomas. Er kann sich auf die intelligentesten Gedanken freuen, die man sich zu allen möglichen Themen machen kann. Aber auch Thomas kann nicht so weit gehen, dass seine Argumente den Lieben Gott vor der Anklagebank bewahren. Der Mensch der Neuzeit ist so frei, ihn dort hin zu zitieren. Es ist Gottes eigene Sache, seine Unschuld und seine Güte zu beweisen, seine Anwälte können das nicht.
Ich vermute stark, Gott wird uns zuerst das für die modernen Menschen völlig unbegreifliche Kreuz seines Sohnes unter die Nase halten und gründlich erklären. Ich fürchte auch mit Bangen, dass er den Theologen und Predigern seiner Sache vorwerfen wird, dass sie das nicht getan haben. Ich glaube aber zudem, dass die Antwort Gottes vor allem nicht theoretischer Natur sein, sondern höchst praktisch ausfallen wird. Thomas hat jedenfalls getan, was die Prediger unserer Tage nicht mehr tun: Er hat den Glauben erklärt. Er hat das mit dem Leiden allerdings nicht dort erläutert, wo wir jetzt in der Summe stehen. Hier erklärt er allerdings, dass Gott nicht nur die ganze Welt, sondern auch alle ihre Teile will. Wenn man so möchte, gibt er damit den Anklägern das Werkzeug in die Hände. Der aristotelische, blinde Gott wäre nicht verantwortlich. Aber nach den Ausführungen des Thomas wird Gott zugeben müssen, dass er alles gewusst und gute Teile davon gewollt hat. Das erst macht es wirklich spannend.

Kapitel 78 in Latein.