Erbsünde: Dem Menschen fehlt sein bester Freund

bildschirmfoto-2015-03-29-um-12-44-14

Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Der Mensch ist kein geschlossenes System. Unsere Heizung im Haus schon eher. Die Rohre laufen durch das ganze Gebäude, durch die Wände, die Leitungen im Keller, wo das Wasser in ihnen erhitzt wird, damit es über die Heizkörper die Räume wärmt. Dann kommt das selbe Wasser wieder unten an. Es bleibt im System und wird wieder verwendet. Alles, was das Ganze braucht, ist bereits in ihm enthalten. Das Wasser bleibt in ihm und kommt nicht heraus. Es braucht nicht dauernd neues. Geschlossene Systeme funktionieren aus dem, was sie haben.

Beim Menschen ist das ganz anders. Er braucht dauernd von außen neue Nahrung, die er verwertet, im Köper umbaut, um die Reste wieder der Welt zu hinterlassen. Der Mensch braucht dauernd neue Luft, die er atmet und über die Augen und Ohren braucht er stets neue Informationen und diplomatischen Austausch zum Leben. Immer besteht Bedarf nach neuem Geld, das zum Leben ausgegeben werden kann. Der Mensch ist das glatte Gegenteil von einem geschlossenen System. Er ist nach allen Seiten offen und braucht überall den Austausch zum Leben.

Mein Opa brauchte meine Oma zum Leben. Nach langer Ehe hätte man durchaus sagen können, er funktionierte ohne seine liebevolle Partnerin an seiner Seite gar nicht richtig. Als sie dann von ihm ging, dauerte es auch nicht all zu lange, bis er ihr folgte, um wieder zusammen sein zu können.
Wenn wir nun fragen, wozu so ein alter Ehemann seine alte Ehefrau brauchte, dann lässt sich viel aufzählen. Er brauchte sie für die vielen, täglichen Kleinigkeiten, die um ihn erledigt werden mussten und für die er als mein Opa irgendwie nicht geschaffen war. Er brauchte sie, dass sie das Essen zubereitete, das er mit seiner Arbeit ins Haus verdient hatte. Er brauchte sie für viele äußere Dinge und sie ihn natürlich nicht weniger. Sie brauchten wirklich einander, und auf das erste, das man hätte nennen müssen, kommt man zuletzt: Sie brauchten einander für die innere Harmonie.

Es beruhigt ein schlafendes Kind eben, wenn die Mutter in der Wohnung ist und wenn man unbewusst ihren Atem hören oder das Geklapper im Haus vernehmen kann. Die Mutter muss gar nichts Nützliches tun, sie muss einfach nur in der Nähe sein. Auch das ist wichtig für die innere Harmonie. Wehe, das Kind ist auch nur kurz allein zu Haus. Auch wenn dadurch alles gar nicht bedrohlicher wird und alles an seinem Ort bleibt und in Ordnung ist: Das Kind wird unruhig und gerät aus dem inneren Gleichgewicht. Es fängt an zu weinen.

Unsere Behauptung mit der Erbsünde sagt nun, jedem Menschen auf Erden fehlt etwas, wie unserem Opa damals seine bessere Hälfte. Der Mensch ist unruhig wie ein Kind, dessen Mutter nicht in der Nähe ist, und wie jemand, dessen bester Freund nicht mehr lebt. Dieses etwas, was fehlt bräuchte er für eine viel größere, als er je kennen gelernt hat. So wie er ist, neigt er zu Süchten und allerlei Dummheiten. Er neigt zum Geiz, zur Eifersucht, zu Ängsten und Exzessen, und das tut er, weil ihm etwas fehlt. Das ist die Behauptung. Man kann durchaus sagen, der Mensch hat seinen besten Freund verloren und weiß nicht einmal richtig, wen er noch suchen soll. Aber dass dem Menschen immer etwas auf geheimnisvolle Weise fehlt, das hat der alte Sokrates Jahrhunderte vor Christus schon gesehen.

Die Behauptung sagt nun, dass Gott den Menschen ursprünglich zwar so geschaffen hatte, wie er heute ist, dass jedoch die direkte Freundschaft mit ihm als zusätzliches Geschenk für alle vorgesehen war. Hier ist irgendwie ein Türchen zugeschlagen, und der Freund vermisst seinen Freund und erkennt ihn nicht mal mehr richtig. Das lebendige, innerliche Zusammensein mit dem liebevollen Schöpfer hatte und hätte dem Menschen jene liebevolle Nähe gegeben, die es ihm erlaubt hätte, sich ganz anders zu fühlen. Und wie das so ist, wenn Freunde sich zerstreiten und unversöhnt auseinander leben, sie verlieren einander ganz. Diesen Zusammenhang in seinen Folgen zu beenden ist Christus, der Messias gekommen.

Die Herrlichkeit und die Versuchung, sie zu vergessen

bildschirmfoto-2015-03-29-um-12-44-14

Achtung, läuft gerade. Heute drei Texte.

Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Jetzt können wir das mit dem Verlust des Gefühls für die Herrlichkeit in unseren Kirchen auch noch einmal neu betrachten. Wenn wir Gott sagen, dann meinen wir die Ewigkeit. Das reine Wort „Ewigkeit“ ist allerdings nur eine Bezeichnung für, sagen wir, zeitlos, grenzenlos und solche Sachen. Wenn wir vom „Lieben, ewigen Gott“ sprechen, dann füllen wir das. Der grenzenlose Gott bekommt in unserem Denken und Wissen einen Geschmack und eine Richtung.

Er ist lieb, damit ist er anders lieb, als wir es gewohnt sind. Wenn auf Erden jemand lieb ist, dann ist nie nur das. Wir sagen, der Mensch hat Gutes und Böses in sich, was zweifelsohne stimmt. Wenn wir von Gott die Auskunft empfangen haben, dass er Liebe ist, dann ist er ewig lieb, verlässlich, und ganz und gar und durch und durch.
Das mit Gott als Liebe hat sich erst in Christus endgültig manifestiert und erst bei ihm noch mal seine letzte Versicherung gefunden. Im Volk der Juden war die Liebe zu Gott freilich schon immer vorhanden. Gott hatte immer schon liebevoll in seinem Volk gewirkt. Auch die Auskunft mit der Väterlichkeit haben wir nicht erst von Christus. Aber erst in ihm, in dem, was er sagte, was er tat und sich vor allem gefallen ließ, hat sich alles noch mal ganz neu bestätigt. Wenn man so möchte: Die Juden haben die Bestätigung vorbereitet und in ihren Bildern vorweggenommen, Christus hat sie sichtbar vollendet und Mohammed hat sie wieder verunsichert, indem er Christus seinen hohen Rang als Gottmensch absprach.

Die Christen hüten den Schatz der endgültigen, ewigen Liebenswürdigkeit Gottes. Aber leider verblasst er in unseren eigenen Reihen schon mal, weil wir einer Versuchung nachgehen, die wir stehen lassen sollten.

Die erste Auskunft über Gott ist weniger die Liebe, als vielmehr seine Herrlichkeit. „Was für ein furchtgebietender Ort“ hatte Abraham gesagt, nachdem er einen Blick in die Weite Herrlichkeit Gottes tun durfte. Wenn der Ewige in unser Leben bricht, dann ist das erst einmal eine Nummer zu groß für uns. Die Herrlichkeit braucht die Beruhigung der Liebe und Güte (im Islam übernimmt das die Auskunft der Barmherzigkeit), damit wir uns überhaupt beruhigen können. Das „Fürchtet euch nicht“ der Engel hat schon seinen Grund.

Wir sind nun der Versuchung der Verkürzung erlegen. Wer Gott denkt, der muss eigentlich seine Macht und seine Güte zusammen denken. Denn in der Herrlichkeit Gottes kann beides kein Widerspruch sein, und doch muss beides ganz gedacht werden. Aber jetzt, da wir so sicher wissen, wie lieb der Vater ist, machen wir es uns gern bequem in der Auskunft und seine herrliche Mächtigkeit fällt da schon mal herunter. So machen wir aus dem gewaltigen, allmächtigen Vater schon mal den Märchenonkel, der uns auf den Schoß nimmt und eigentlich nur spielen will. Wir sind geneigt, „der meint das alles gar nicht so mit seiner Macht“ zu sagen.

Es ist eine Kunst, beides zu denken. Das Kreuz Jesu war keine göttliche Ohnmacht! Freilich, es war ein sich gefallen Lassen Jesu aus seiner Liebe heraus. Aber nur auf der einen Seite. Es war zugleich der schreckliche Kampf und Sieg gegen die Folgen der gesamten Sünde der Welt, der in seine Herrlichkeit einmündete. Wenn der Meister wieder kommt, dann erscheint er in seiner Herrlichkeit und niemand, kein Mensch und kein Engel wird ihm ein Haar krümmen. Das Gericht wird hereinbrechen, und die Gerechtigkeit wird die Liebe sein, die alles wieder in Ordnung bringt. Die Barmherzigkeit wird die Liebe sein, die verzeiht, wo nach Verzeihung gehungert wird. Die Güte wird die Liebe sein, die die Kinder beschenkt, aber alles wird herrlich und herrlich wird sein, was die Welt erwartet.

Das alles ist jetzt durchaus biblisch und im Buch der Bücher nieder geschrieben. Das eine als das, was schon war, das andere als das, was noch kommen wird. Aber wenn man es als Thomist betrachtet, ist das auch eine Sache der logischen Betrachtung. Man braucht nur die Ewigkeit mit der Auskunft Liebe und Herrlichkeit bedenken, und schon ist alles da. Das Amt und die Aufgabe der Kirche ist es nun, das alles in seiner ganzen Spannung zusammen zu halten und ohne Verkürzungen zu verkünden. Nun ist es aber so, dass in den verschiedenen Ländern und Gegenden verschiedene Zustände herrschen. In Gegenden, in der der Hunger nach Gerechtigkeit brennt, ruft man nach dem starken Retter. In Regionen des Wohlstandes braucht man eher nur noch den lieben Onkel. Eins allein ist immer zu wenig. Erst in einer Kirche, die in dem Sinn katholisch ist, dass sie alles sieht und zusammen hält, wird das ganze gepredigt.

Wo fängt die Hilfe an?

bildschirmfoto-2015-03-29-um-12-44-14 Du hast sicher schon gehört, dass es für das Schwören in unseren Gerichten eine Formel gibt, die „so wahr mir Gott helfe“ lautet. Wer schwört, der hält seine Hand auf die Bibel. Er verspricht, die Wahrheit zu sagen oder etwas bestimmtes zu tun und ruft Gott zum Zeugen und zur Hilfe an.
Als vor Jahren die Leute einer neuen Regierung ausgerufen wurden, schworen auch sie ihren Eid. Dabei ließen einige von ihnen die Formel einfach weg. Man war überrascht und ich erinnere mich, was Jürgen Trittin auf die Frage, warum er sie weg gelassen hat, damals zur Antwort gab: Es habe ihm noch nie ein Gott geholfen. Er wüsste nicht, warum er jetzt einen anrufen sollte.
Ich fand das alles am Anfang etwas seltsam, wie immer, wenn alte Gewohnheiten durchbrochen werden. Es hätte mir allerdings auch immer schon seltsam hätte vorkommen können, dass zuvor alle Welt genau auf dasjenige Buch ihren Schwur ablegten, in dem steht, man solle überhaupt nicht schwören. Jesus höchstpersönlich riet seinen Jüngern darin, ihr Ja sei ein Ja, ein Nein sei ein Nein. Schwüre auf Gott oder sonst auf etwas seien für ehrliche Leute überflüssig. Aber sei’s drum, der Spruch von Minister Trittin machte nachdenklich.
Sowas gefällt mir, ich habe häufiger drüber nachgedacht, besonders über die Frage, ob er denn Recht habe. Natürlich, ich glaube ihm, wenn er meint, es habe ihm noch nie ein Gott geholfen. Die Frage lautet aber: Hat ihm wirklich noch nie ein Gott geholfen, oder hat er es nur nicht gemerkt? Wenn man dem heiligen Thomas Glauben schenkt, dann war Trittin jedenfalls im Irrtum. In der Summe gibt es ein Kapitel, wo es um die Gnade geht. Darin findet übrigens unsere Definition eine Bestätigung, nach der Gnade ein persönliches Betroffensein von Gottes Anwesenheit ist.

Thomas nennt die Gnade eine Wirkung von Gottes Willen im Leben. die umsonst ist, die man sich also vorher nicht verdient hat. Er sagt allerdings auch, die Gnade, die aus Gott komme, die komme immer aus Liebe und aus Wohlwollen. Dazu gehöre wohl aber auch schon das Dasein selbst und das Leben schlechthin und für sich genommen. Als Kinder unserer Zeit müssen wir wahrscheinlich umdenken. Der Trend unseres Denkens über das Dasein geht Richtung Zufall. Im allgemeinen glauben die Leute, sie seien zufällig auf der Erde gelandet. Als ihre Eltern ein Kind zeugten, hätte es auch ein ganz anderes sein können, sie seien zufällig in ihrem Land geboren und nicht nur sie selbst hätten sich ihre Kultur, ihre Ansichten und ihr Leben nicht ausgesucht. Hinter ihrem gesamten Dasein stehe auch kein bestimmter Wille, sondern nur der Genosse Zufall.
Es war Zufall, dass ausgerechnet die Erde in der Milchstraße entstanden sei, es sei Zufall, dass dort Säugetiere leben könnten und Zufall sei es auch, dass gerade wir Menschen uns entwickelt haben. Beim Zufall bedankt sich keiner und bitten kann man ihn auch nicht.

In der Schule des heiligen Thomas gibt es den Zufall auch, er regiert aber nicht. Das Regieren macht wohl jemand, der ist aber ein lieber König, der alles im Griff und im Auge hat. Deshalb zählt allein schon das reine Existieren, allein die Tatsache, dass wir da sind und an uns herunter sehen können zu den Wirkungen eines Hirten, der seine Schafe einzeln zählt. Gott kennt den Zufall, er überlässt ihm aber nichts.

Im Kapitel mit der Gnade heißt es ganz am Anfang, die Gnade mache erst einmal grundsätzlich etwas, sie stellt etwas an sozusagen. Dann kommt es zur Frage, ob sie das Herz dessen, der sie bekommt, auch verändere. Ob also der, der die Gnade bekomme, nachher nicht mehr ganz der gleiche sei, wie vorher. Hier unterscheidet Thomas: Die Tatsache, dass man da ist, verändert natürlich nichts. Allein, dass Du da bist, macht dich nicht blond oder schwarzhaarig. Dann aber heißt es, dazu aber, dass Du dein glückliches Ziel auch erreichst, dazu müsse der Gütige Dich doch noch präparieren, und auch das höchstpersönlich. Thomas erwähnt dann noch eine seiner Lieblingsstellen aus der Bibel, nach der der Schöpfer alles mit milder Hand leitet und führt.
Wenn die christliche Sehweise auf die Dinge also richtig liegt, dann befand sich Minister Trittin auf dem Holzweg. Allein das Dasein und Leben waren ausgesuchte Gnaden aus der Hand Gottes, um dessen milde Anwesenheit er nur nicht wusste. Auch die Hilfen waren unzählig, nur eben nicht spürbar für jemanden, dem der Sinn dafür abgeht.

Anmerkungen:
I-II, 110,2 co: „Respondeo dicendum quod, sicut iam dictum est, in eo qui dicitur gratiam Dei habere, significatur esse quidam effectus gratuitae Dei voluntatis.“ – „Wie bereits gesagt, in dem, der die Gnade Gottes hat, wird eine Wirkung von Gottes unverdientem Willen bezeichnet.“

„Et sic motus quibus a Deo moventur, fiunt creaturis connaturales et faciles; secundum illud Sap. VIII, et disponit omnia suaviter.“ – Die Bewegung, die von Gott ausgeht, wirkt in Zusammenarbeit mit der Natur und leichtfüßig, gemäß Weisheit 8: „Er ordnet alles auf milde Weise.“

„Multo igitur magis illis quos movet ad consequendum bonum supernaturale aeternum, infundit aliquas formas seu qualitates supernaturales, secundum quas suaviter et prompte ab ipso moveantur ad bonum aeternum consequendum. Et sic donum gratiae qualitas quaedam est.“ – Vielmehr noch bewegt er zur Erreichen des übernatürlichen Gutes. Er gießt gewisse Formen und Qualitäten ein, mit das ewige Gut leicht und milde erreicht werden kann.

Was könnte die Gnade sein?

bildschirmfoto-2015-03-29-um-12-44-14

Jetzt können wir langsam über die Gnade reden. Auch wenn Du nicht so ein ausdrücklicher Christ bist, dessen Glaube das Leben verändert, so hast Du das Wort sicher schon öfter gehört. Es ist zugleich alt und schön, wie ich finde, aber sein Klang meint nicht immer schöne Sachen. Es wird gebraucht, wenn es Mächtige und weniger mächtige Leute gibt. Gnädig sein geht nämlich fast immer von oben nach unten. Einer ist der Gnädige, und der, der die Gnade bekommt, hat meistens nicht viel zu melden. Könige sind gnädig, Aufseher sind gnädig und Oberschurken von irgendwelchen kriminellen Gesellschaften sind gnädig.
Es gibt allerdings eine Ausnahme, wo Gnade nicht von oben nach unten gespendet wird, und das ist das menschliche Verzeihen. Verzeihen ist immer ein Akt der Gnade, denn der, der verzeihen kann (wenn er es denn kann), ist nie gezwungen. Es gibt keine Verzeihung, die nicht freien Willens geschieht, und der dem verziehen werden soll, der kann nur darum bitten. Ein König mag seinem Untertan den Kopf abschneiden lassen können. Aber dass ihm verziehen werde, darum kann auch er nur untertänig bitten.

Ich finde das Wort Gnade schön, weil ich gewohnt bin, es in schönen Zusammenhängen zu gebrauchen und zu hören. Es ist ein Wort aus meiner religiösen Überlieferung, und da ist das Oben weder böse, noch unheimlich, und schon gar nicht zum Fürchten. Es ist ein Oben, das nicht widerwillig verzeiht. In den Religionen hat man manchmal den Eindruck, als stehe man mit seiner Dummheit vor einem Kartenverkäufer, der seine Karten nicht rausrücken will. Nach christlicher Auskunft ist der Schöpfer jedoch wie einer, der uns über die Straße nachläuft, um sie uns in die Taschen zu schieben.

Vielleicht eine kurze, und wie ich meine, fast perfekte Definition der Gnade, die mein Lehrer mir einmal gegeben hat:

Gnade ist die persönliche Betroffenheit
von der Anwesenheit Gottes im eigenen Leben.

Eine kurze Definition, über die man allerdings länger reden muss. Wir müssen nämlich hinzu bedenken, was wir im Kapitel über das islamische Paradies gesagt haben: Die Gnade in der christlichen Bedeutung ist nicht nur etwas, was wir geschenkt bekommen, wie ein Essensgutschein, etwas Geld oder der Führerschein. All das ist hübsch, es verändert uns aber nicht. Wenn wir von der Gnade sprechen, dann müssen wir immer mit bedenken: Es ist etwas, das uns, meistens ganz sanft und meistens nur etwas, verändert. Die Gnade macht etwas für uns, und sie macht etwas mit uns.

Wir haben kurz über die Tugenden geredet. Was dabei noch kaum angeschnitten wurde, aber sehr wichtig ist: Es gibt nicht nur die vier aus der alten Philosophie: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und das weise Maßhalten, sondern es gibt sieben. Es kommen drei religiöse hinzu, die der heilige Paulus im ersten Brief an die Korinther erwähnt, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe. Von diesen letzten dreien sagen die christlichen Bücher, sie würden uns ins Herz „gegossen“, sie seien ihrer Wurzel nach also reine Geschenke, Gnaden eben. Der glaube macht uns gläubig, die Hoffnun hoffnungsfroh und die Liebe macht uns lieb und liebenswert. Der christliche Realismus aber weiß, diese Dinge kann man sich irgendwie nicht selbst geben. Man kann sie auch nicht gut einüben. Es bedarf einer Gabe dazu und einer gewissen, inneren Bereitschaft, diese Gaben bekommen zu wollen.

Wie immer auch. Als ich beim heiligen Thomas begann, diese Dinge zu studieren, fiel mir auf, dass er das mit der Notwendigkeit, Geschenke zu bekommen, auch von den vier klassischen, menschlichen Eigenschaften annahm. Die klassiche, alte Philosophie hat nicht mit Gott gerechnet. Deshalb hieß es immer, wer ein guter Mensch sein wolle, der müsse sich diese Eigenschaften aneignen. Thomas widerspricht dem nicht. Er schieb allerdings einen Gedanken ein: Die Fähigkeit, auf Erden ein kluger Mensch zu sein, die kann man wohl einüben. Ganz besonders klug ist man aber erst, wenn man nicht aus den Augen verliert, dass man ganz am Ende einen hübschen Platz im Himmel bekommt. Deshalb gibt es auch eine Klugheit, die man nicht ohne den Glauben bekommen kann, und der ist ein Geschenk. Also müssen auch die Tugenden, wenn sie denn – im christlichen Sinn – wahrhafte Tugenden sein sollen, ihrer Wurzel nach Geschenke sein.

Jesus sagt im Johannesevangelium am Schluss, wo seine Jünger ein letztes Mal bei ihm sind, einen eigentümlichen Satz: Dieses Gebot gebe ich euch: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“ Seit ich ein Thomasleser bin, glaube ich, das kann niemand, wenn er nicht mit der besonderen Liebe Gottes beschenkt wird. Wie er lieben heißt nämlich nicht nur, so wie wir, nur irgendwie fester oder intensiver. „Wie er“ meint auch irgendwie anders als wir es, rein menschlich sozusagen gewohnt sind, eben wie er, der Gott und Mensch zugleich war und ist.
Ich meine, Liebe ist Liebe, aber wenn der Geist des Lieben Gottes uns, auf seinen Wunsch und unser Einverständnis hin, ein bisschen von seiner Liebe unter unsere spült, dann wird sie, um es einmal so zu sagen, irgendwie reiner.

Intelligenz reicht nicht

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14

„Egal, ob Koran oder Bibel, Junge, sowas kannst du doch nicht wollen“, lautete der Satz, der mich gestern stutzig machte. Vier junge Leute stritten. Einer war Katholik mit einer großen, tätowierten, nicht besonders schönen Marienfigur auf der Brust. Einer war Muslim, der sich die muslimischen Gesetze wünschte. Einer war Muslim, der mit der Scharia nichts am Hut haben wollte und einer war Atheist aus moslemischem Haus. Ich wusste das alles später, weil mich der oben genannte Satz stutzig machte und ich zu ihnen ging. Ich stand kaum bei ihnen, da fragte mich der Muslim mit der Scharia: „Warum gehen auch gebildete Leute zum IS?“ Du musst wissen, die vier waren sehr verschiedener Meinung, aber die Ablehnung der Gewalt des IS verband sie wieder.
„Intelligenz reicht nicht“, lautete meine Antwort. „Hitler und Stalin waren auch intelligent und haben trotzdem alles falsch gemacht“. Ich wollte es kurz und einfach machen, wohl wissend allerdings, dass man diesen Vergleich normalerweise nicht so einfach bringen dar. Ich glaubte, etwas Provozierendes sagen zu müssen, um weiter reden zu können und um über etwas sprechen zu können, was mir wichtig schien und was alle verband.
Es ist nämlich so: Wenn du zu Leuten sprechen willst, die verschiedene Meinungen haben, dann brauchst du eine Grundlage, auf der alle zusammen stehen, wo alle zu einer Sache zustimmen können. Wenn du nur zu Christen sprichst, dann kannst du deine Sachen mit Hilfe der Bibel erläutern, denn an die Bibel glauben alle Christen. Wenn aber Atheisten dabei sind, nützt dir die Bibel nichts. Atheisten glauben der Bibel nicht, und du kannst nichts mit Argumenten beweisen, die dein Gegenüber nicht anerkennt. Wenn Atheisten dabei sind, musst du sozusagen einen Gang herunter schalten und auf die bloße Vernunf zurück gehen. Denn an die glauben sowohl Atheisten, als auch gläubige Leute. Man braucht zum gemeinsamen Sprechen immer eine gemeinsame Grundlage.
Es wurde plötzlich stiller, als ich das mit der Intelligenz gesagt hatte, und es stand die Frage im Raum, was es denn meiner Meinung nach dann noch geben müsse, wenn schlau sein allein nicht reicht. „Die Intelligenz muss von der richtigen Seite her beleuchtet werden, damit man das Richtige auch erkennen kann.“
Das Gespräch verlief dann in der Richtung weiter, die ich mir wünschte, was nicht immer der Fall ist. Aber es lief gut und ich wollte über etwas reden, was auch der heilige Thomas öfter erwähnt, unter anderem in seiner Lehre von den Engeln: Dieses geheimnisvolle Licht, das die Intelligenz braucht, um nicht daneben zu liegen und verkehrte Wege zu gehen.

Als Alfred Nobel das Dynamit erfand, wollte er damit einer guten Sache dienen. Er wünschte sich, die Arbeit der Menschen zu erleichtern und ihnen zu helfen. Ein Stoff, der mit gewaltiger Kraft explodiert, wäre nützlich. Nobel war klug genug, um sehen zu können, dass man seine Erfindung auch zu Zwecken missbrauchen konnte, die er gar nicht wünschte. Nobel erfand das Dynamit, und siehe da, wen wundert’s?, es wurde zu beidem benutzt, für den Krieg und für den Frieden.
Eins sollten wir aber sehen: Die Leute, die es für den Krieg einsetzten, die waren nicht weniger intelligent als jene, die es friedlich einsetzten. Die Intelligenz allein ist neutral. Ob man jemanden verfolgt oder ob man davon läuft, beides braucht die gleiche Kraft. Das Laufen ist neutral. So auch die Intelligenz. Deshalb spricht man schon mal von einer Intelligenz, die erleuchtet ist und von einer, der das Licht fehlt.

Im Kapitel über die Engel heißt es, auch sie bräuchten eine Erleuchtung, um ihr eigentliches Ziel erreichen zu können. Über dieses Licht selbst und was es bedeutet, werden wir bald sprechen. Jetzt aber fürchte ich, muss ich etwas sagen, was vielen meiner Glaubensbrüdern nicht gefällt. Das gemeinte Licht kommt wohl von Gott, es ist aber nicht nur für die reserviert, die an ihn glauben. Jesus sagt einmal, die Sonne scheine über Gute und Böse. Das ist die Kröte, die nicht allen die Kehle herunter will: Gott ist auch den Bankräubern nahe, und In diesem Sinne gibt es ein Licht des Schöpfers, das sogar denen leuchtet, die nichts mit ihm zu tun haben wollen. Es leuchtet auch denen, die nicht einmal glauben, dass es ein solches Licht gibt, weil sie gar nicht an Gott glauben. Aber:
Das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet,
kam in die Welt,
schreibt Johannes und „jeden“ meint jeden. Das müssen wir erklären.

Quellen und Anmerkungen sind in Arbeit.

Warum dürfen die Bösen weiterleben?

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14

Achtung, heute zwei Texte.

Es gibt, wie gesagt, diesen alten Streit um die Frage des Willens in der Natur. Wir haben entdeckt, dass es den elektrischen Strom in der Welt gibt, und als wir heraus gefunden haben, wie er funktioniert, haben wir gleich begonnen, ihn zu nutzen.
Wir haben entdeckt, dass es elektrische Felder und Strömungen in der Welt gibt, und gleich haben wir den Kompass eingesetzt und mehr draus gemacht. Elektrischer Strom und irgendwelche Stromfelder aber sind etwas ganz anderes als Ziele. Der Strom gehört zur Welt wie Wasser, Wind und Wolken. Elektrische Felder auch, sie sind Bestandteile des Universums und Sache der Physik. Es lohnt nicht zu fragen, wie der Strom in die Welt kommt. Er war schon immer da. Bei den Zielen ist es aber ganz anders. Wenn ein Ding ein Ziel hat, dann kommt dieses Ziel nämlich nicht aus ihm selbst und nicht in ihm vor.

Wenn mein Opa ins Dorf marschierte, konnte man ihm nicht ansehen, ob es in die Kirche, in die Kneipe oder in beides ging. Wir können einem Kamm auch nur ansehen, was man mit ihm macht, weil wir Haare haben. Ein Auto ist zum Fahren da, aber das Auto selbst ist da nicht drauf gekommen. Jemand anderes hat es gebaut, weil er fahren und Geld verdienen wollte. Zwecke kommen von außen. Es hat nicht der erste Computer zum Menschen gesagt:

„Ich habe mich kurz selbst erfunden,
damit du besser schreiben kannst.“

Wie hätte er sich selbst ausdenken können, als es ihn noch gar nicht gab? Der Zweck einer Sache kommt aus einem Stockwerk über ihm. „Gott ist der Schöpfer“ sagen alle, die an Gott glauben. Aber dass Gott Liebe ist, das sagen nur die Christen und damit sagen sie, dass Gott sozusagen aus Liebe gemacht ist, dass er nur Liebe ist und dass er alles, was er tut, letztlich nur aus Liebe tun kann.
Dazu muss ein zweiter Gedanke treten. Wer christlich an Gott glaubt, der glaubt nicht nur, dass er lieb ist. Er glaubt auch, dass er alles kann. Allmacht und Liebe sind in der christlichen Verkündigung eins. Im Gegensatz zu dem, was wir in der Welt tagtäglich treffen, ist die Liebe bei Gott mächtig und die Güte voller Macht. Bei uns treffen wir dauernd diese unfähige, müde machende Einseitigkeit. Die Gütigen sind machtlos und die Mächtigen nicht gütig. Erst die kräftige Einheit von beidem macht den christlichen Glauben so kraftvoll, lebendig und trostreich, und aller Zweifel wird eine Frage der Zeit. Es steht nicht mehr zur Debatte, ob Gott alles gut macht, sondern nur noch wann.

Das alles hat Auswirkungen auf unser Thema. Wenn Engel oder Menschen sich entscheiden, die Wege ihres Schöpfers abzulehnen, dann nennen wir sie insofern böse, als der Schöpfer gut ist. Wenn das aber zutrifft, dann müssten die Bösen dem Guten doch nicht mehr in den Kram passen. Sie müssten doch eigentlich getötet werden, bevor sie Eier legen! Genau das geschieht aber nicht, wie wir täglich sehen. Die negativen Truppen der Welt rücken gegen das Leben vor, ohne müde zu werden.

Dauernd nervt uns was,
so gut wir es auch meinen.

Genau darin liegt das Problem des traurigen Zweifels: Wie kann der Gütige gütig sein, wenn er das ungute gewähren lässt? Die Antwort ist gut, aber unbefriedigend, denn sie ist, was wir schon sagten, eine Frage der Zeit. Christus sagt, der Bauer lässt das Unkraut bis zur Ernte wachsen, allein schon, um die guten Wurzeln nicht zu beschädigen. Der heilige Thomas sieht für die Feinschmecker allerdings noch eine weitere Antwort, denn die eine reicht im nicht. Er sagt, das Schlechte kann durch und durch schlecht gar nicht sein. Denn wenn die Liebe wirklich nur liebt, dann liebt sie alles, was ist und alles, was ist, ist liebenswert. Der Schöpfer wird uns am Ende noch jede Menge Fragen beantworten müssen, aber eigentlich kann es gar nicht anders sein. Am Ende muss es sich sogar zeigen, dass es gut war, dass es das Schlechte gab. Ansonsten kippt das ganze Gebäude in sich zusammen und nichts ist mehr da.
Um das ganze nicht falsch zu verstehen: Das Schlechte ist schlecht und bleibt schlecht. Ich mag Leute nicht, die Krankheiten verherrlichen, die vom tollen Leiden sprechen und das Sterben preisen. Leid ist Leid und Leid ist leidvoll. Dass man in Christus die Unschuld der Welt getötet hat, hatte nichts Gutes in sich. Es war böse, schmutzig, frevelhaft und ein schrecklicher Spiegel, den sich die Menschen da aufgestellt haben. Am Ende aber wird es sich doch als gut herausstellen, dass Christus für uns gestorben ist. „Gehabte Schmerzen hat man gern“, heißt es. Das meint aber, dass sie vorbei sind. Ich gehe nicht gern beichten, aber ich habe gern gebeichtet. Wir brauchen die Bösen nicht lieb zu finden. Aber der Grund der Welt, der die Liebe ist, findet genügend an ihnen um sagen zu können, dass auch sie existieren dürfen.

Quellen und Anmerkungen:

Mt 13,24 – 30: Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.  Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.  Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.  Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?  Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.  Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.

Sth I, 20, 2 co. Respondeo dicendum quod Deus omnia existentia amat. Nam omnia existentia, inquantum sunt, bona sunt, ipsum enim esse cuiuslibet rei quoddam bonum est, et similiter quaelibet perfectio ipsius.
– Gott liebt alles, was existiert. Denn alles, was existiert, ist gut. Das Sein eines jeden Existierenden ist gut, und jegliche Vollendung seiner selbst auch.

Kann man der Liebe auf den Grund gehen?

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14

Wann immer wir etwas tun, dann wollen wir etwas. Wenn wir essen, wollen wir satt werden oder etwas Köstliches schmecken. Trinken wir, dann möchten wir unseren Durst stillen. Wenn wir laufen, dann wollen wir uns austoben, wir möchten schnell irgendwo hin, wir wollen weniger wiegen oder auch einfach nur laufen. Aber wir wollen etwas. Ohne einen solchen Willen würden wir gar nichts tun. Wir stehen nicht auf, wenn wir gar nichts vorhaben, und sei es nur das Aufstehen.
In der Welt draußen ist es oft anders. Wenn ein Ziegel vom Dach fällt, dann sagen wir zwar, er will zu Boden, wir meinen das aber nicht ganz wörtlich. Ziegel haben keinen Willen. Sie fallen wegen der Schwerkraft, nicht, weil sie möchten. Ein Baum wächst nicht, weil er Lust dazu hat, sondern, weil die Sonne scheint und weil es Regen gab.
Bei Tieren ist das schon komplizierter. Eine Qualle schwimmt nicht, weil ihr danach ist, sondern weil sie eher den Pflanzen ähnelt, die nichts wirklich wollen können. Höher entwickelte Tiere aber haben offenbar schon so etwas wie einen Apparat, der Launen haben kann. Hunde freuen sich wirklich, wenn ein ganz bestimmter Mensch kommt und sie ziehen bei einem anderen den Schwanz ein und sind gar nicht begeistert. Gorillas werden traurig, wenn ihr Weibchen stirbt und Delphine spielen aus Laune miteinander.

Ich verrate dir etwas. In der Fachwelt der Wissenschaftler gibt es einen alten Streit in der Frage, ob es in der Natur so etwas wie freien Willen gibt oder nicht. Können die Tiere sich wirklich Ziele vornehmen? Kann die Natur als solche nach Zielvorgaben handeln, oder sieht das alles nur so aus? Hat die Welt Ziele? Wenn ja, hat die Welt als ganzes sogar einen Zustand, auf den sie hin will? Wenn ja, will das dann jemand?
Wenn wir das Wollen wirklich beim Wort nehmen, dann kommen wir zu dem Problem, dass es zum wirklichen wollen so etwas wie Personen geben muss. Eine Gazelle entscheidet sich zum Weglaufen, wenn sie einen Löwen sieht. Aber wirklich klar entscheiden würde sie sich nur, wenn sie auch entscheiden könnte, Selbstmord begehen und mit dem Löwen über einen milden Tod verhandeln könnte. Für Wesen, die wirklich klar und frei entscheiden können, haben wir ein Wort reserviert, das heißt Person. Was Person ist, das ist kein Etwas, sondern ein Jemand. „Das da“ sagen wir zu etwas. Bei Personen ist das unwürdig. Unsere Oma ist nicht „das da“, was auf der Couch liegt. Der alte Streit läuft auf die Frage hinaus, ob auch hinter der Welt eigentlich ein Wille steht. Wenn ja, dann läuft die Frage auf Gott hinaus. Diese Frage können wir uns hier sparen. Es ist nur vielleicht ganz gut, wenn du schon mal darum weißt.

Wir sind Menschen und haben das Privileg, Personen zu sein. Wir wollen wirklich etwas, wenn wir etwas wirklich wollen. Aber wenn wir lieben, dann wollen wir unter Umständen verschiedene Dinge. Ich liebe Muscheln und gebe ihnen auf der Speisekarte den Vorzug. Das heißt, ich möchte sie haben, schmecken und genießen. Wenn ich dich als meine Freundin „will“, dann muss das alles etwas anders gesagt werden, denn zur Liebe unter Freunden kommt neben dem Genuss auch etwas, was Wohlwollen genannt wird. Ein Freund will seinem Freunde wohltun, um bei dem alten Wort zu bleiben. Den Muscheln will ich nichts Gutes, das wäre komisch. Ein Freund aber, der seinem Freund nicht immer Gutes will, der ist kein Freund.
Aber es gibt die Verschiedenheiten der Liebe. Es gibt eine Liebe, in der ich etwas für mich ersehne. Das ist eine Art Begehren. Es gibt eine Liebe, die sich eher hingeben möchte. In diese Richtung geht die Liebe der Freunde. Es gibt eine Liebe, die verteilt Ehre und Privilegien. Die sagt: „Du bist unter allen etwas ganz besonderes.“, diese Liebe sucht aus und hebt hervor. So gibt eine Liebe, die will Wohltaten verteilen und so weiter.

Ich bin, wie du weißt, ein gläubiger Mensch. In diesem Glauben glaube ich, es gibt in Sachen Liebe eine Königin. Eine Königin, aus der zugleich alle Liebe kommt und die alle Liebe in sich hat. Diese Liebe trägt den schönen Namen caritas. Diese Liebe ist ein Motor wie oben der Wille. Wer nichts will, der tut nichts. Wenn die caritas nie etwas gewollt hätte, dann wäre keine Liebe in der Welt, und wenn es die caritas nicht gebe, dann existierte auch das ganze Universum nicht. „Gott ist Liebe“, steht in der Bibel und nur sie kann so weit gehen, das zu sagen. Das steht nicht im Koran, das steht in keinem alten Buch, jedenfalls nicht in dieser Deutlichkeit.
Dass Gott etwas lieb hat, das sagen viele. Aber oft ist es nur so bildlich gemeint, wie wenn wir sagen, der Ziegel will zur Erde. Mein kurdischer Freund Jimi lehrte mich, dass Gott wirklich liebt, das dürfe man nicht sagen, schon gar nicht, dass er Liebe sei., Man würde den Erhabenen dadurch kleiner machen; das spräche ihm seine absolute Erhabenheit ab. Absolut erhaben sein heißt auch über das erhaben sein, was wir mit der Liebe meinen. Mein Freund Jimi meinte, Gott stehe auch über der Liebe,  und eigentlich müssten alle Muslime das so sagen. Ob das so ist, das fragst du am besten die Muslime. Sie reden in aller Regel gern mit dir darüber. Absolute Erhabenheit meint jedenfalls, sogar über der Liebe sein, und hier besitzen allein die Christen die Kühnheit zu sagen, dass sogar Gott nicht größer ist: Gott ist Liebe und die Liebe ist göttlich.

Jetzt können wir zurück zum Thema: Wer oder was kann lieben? Ich meine wirklich, frei, klar und im höchsten Sinn: Das kann Gott, das können die Engel, und die Menschen, die können das auch. So jedenfalls sagt es die alte Schule, in der wir gerade die Bank drücken. Und um kurz auf die Frage von oben zurück zu kommen: Wenn Gott die Liebe ist, dann geht ihr niemand auf den Grund, denn Gott ist unergründlich. Aber, und das ist die Antwort des Christlichen, er ist und bleibt dennoch Liebe, und nichts, was drüber stünde. Ein anderer Gott wäre mir auch immer etwas unheimlich.

Quellen und Anmerkungen:
Sth II-II, 23, 1, co:
„Non quilibet amor habet rationem amicitiae, sed amor qui est cum benevolentia, quando scilicet sic amamus aliquem ut ei bonum velimus.“
– „Nicht jede Liebe ist Freundschaft, sondern erst die mit Wohlwollen, insofern wir jemanden lieben, wie wir ihm Gutes wünschen.“

„Ridiculum enim est dicere quod aliquis habeat amicitiam ad vinum vel ad equum.“
– „Es wäre komisch zu sagen, jemand pflege Freundschaft mit Wein oder einem Pferd.“

1 Joh 4, 16: „Deus caritas est; et, qui manet in caritate, in Deo manet, et Deus in eo manet.“
– „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“

Der Esel will kein Pferd sein

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14

Als die Menschen an die Herrschaft von Göttern und Geistern glaubten, war einmal ein Schiff in schweres Unwetter geraten. Der Sturm dauerte und dauerte und kein Ende war in Sicht. An Bord war ein stiller Fremder, der seine eigenen, fremden Götter verehrte. Als man keine Ursache für den Sturm und sein Unheil fand, richteten sich die Augen langsam aber sicher auf den stillen Passagier. Konnte er nicht Schuld an der Misere sein? Vielleicht waren die Götter zornig, weil die Seeleute ihm erlaubt hatten mit zu fahren. Man wurde sich mehr und mehr einig: Am Ende konnte es gar nicht anders sein, der Fremde war schuld, er musste weg und alles würde gut. Er tat manchen Leuten leid, aber was wollte man machen? Um alle zu retten, musste man sich seiner entledigen. Also warf man ihn ins Meer und ließ ihn ersaufen. Was passierte? Der Mann war tot und der Sturm tobte munter weiter.

Es gibt viele Geschichten, hinter denen man ein solches Muster sehen kann und es braucht wache Augen, die Dinge zu durchschauen. Ich will aber auf etwas hinaus, was den Faden wieder aufnimmt, den wir gesponnen haben. Die Seeleute waren grausam. Sie dachten böse und taten Böses. Was aber wollten sie wirklich? Sie wollten, dass der Sturm zu Ende gehe und dass Frieden herrsche auf dem Boot. Sie dachten, sie müssten töten, um den Frieden möglich zu machen. Sie wollten aber Frieden, das war das Fatale. Wer unter den Tätern nicht zu blöd zum Denken war, hätte vermutlich auch gesagt, dass sie dem Fremden eigentlich ja gar nichts Böses wollten. Mit etwas naivem Optimismus könnte jemand sagen, alle wollten ja eigentlich nur das Gute und alle hätten es irgendwie doch gut gemeint. Hier beginnen die Umstände Formen anzunehmen, die manches erklären, aber nichts entschuldigen. Es geht so zu bei uns. Der Mensch ist nicht unbedingt ein guter Nachbar.

Wie ist das nun mit den Engeln? Sie haben einen Kern wie wir, denn auch sie wollen etwas und wer wollen kann, der will Gutes. Beim Menschen ist es so, dass er manchmal etwas Böses anstrebt obwohl er eigentlich das Gute im tieferen Sinne will. Menschen können irren, wie wir gesehen haben. Die Welt, in der wir leben, hält viele Möglichkeiten bereit, in denen wir uns verlaufen können. Hätten wir die Welt nicht, dann fielen die weltlichen Möglichkeiten weg. Das ist beim Engel der Fall.
Nun wäre aber zu fragen, ob nicht auch er Möglichkeiten zum Verirren hat, und hier belehrt uns der heilige Thomas, dass es genau eine einzige geben kann und gibt.
Auch der Engel strebt nach seinem Glück und er weiß viel klarer als wir, dass es das nur bei Gott, dem Schöpfer und der eigentlichen Quelle allen Glücks gibt. Jeder Engel will die Liebe Gottes!  Es gibt aber nur eine einzige Möglichkeit, sie auch zu erreichen: Man muss es sich schenken lassen. Genau hier hat der Weg seine einzige Gabelung.
Es kommt ein Angebot auf ihn zu. Das anzunehmen kostet nichts, es bereitet keine Probleme und führt ins größte Vergnügen. Was man aber annehmen kann, das kann auch abgelehnt werden. Hier kommt eine einzige Sache ins Spiel, die sogar Engel haben können. Diese nennt sich in der Sprache der alten Schule Hochmut. Wir kennen das aus dem Leben. Jemand bräuchte sich in einer Gefahr nur kurz helfen lassen. Er bräuchte nur die rettende Hand ergreifen und alles käme in Ordnung. Alle Welt sieht, aus eigener Kraft schafft er es nicht und die Hilfe hält ihre Hand auf. Da ist aber einer trotzig und zu stolz: „Wenn ich es nicht selbst kann, dann gehe ich lieber unter.“ Das ist dumm, aber möglich, und was möglich ist, das passiert schon mal.

Thomas schreibt einen eigentümlichen Gedanken. Die Engel sind wunderschön und kräftig, und in der Betrachtung ihrer eigenen Schönheit und Stärke können sie dem Gedanken verfallen, selbst besorgen zu wollen, was sie ersehnen. So kann es zur trotzigen Verweigerung des einzig möglichen Weges kommen, der darin besteht, sich von Gott her beschenken zu lassen. Mehr ist nicht nötig. Es ist das wenigste, was verlangt werden kann, aber ganz ohne geht es nicht. Auch der Schönste und Höchste muss anerkennen, dass es über ihm noch einen gibt, der mehr kann und aus dem alles kommt.
Hier müssen wir kurz einem alten Irrtum entgegentreten. Es heißt, die Engel der Verweigerung wollten sein wie Gott. Das stimmt wohl. Es stimmt aber nicht, dass sie selbst wirklich Gott sein und an seine Stelle treten wollten. Kein Geschöpf möchte ein anderes sein. Es möchte wohl glücklich und vollendet werden, aber eben als das, was es ist. „Der Esel will kein Pferd sein“, schreibt Thomas und meint damit, jedes Geschöpf sucht seine Vollendung in sich selbst, nicht in einem anderen. Wenn der Engel wirklich Gott sein wollte, dann wollte er seine eigene Vernichtung, um ein ganz anderer werden zu können. Das will aber eigentlich keiner wirklich. Wenn du glücklich werden möchtest, dann als der, der du bist. So wollen die Engel auch Engel bleiben, aber mit den Möglichkeiten Gottes, und vielleicht auf seinem Thron. Das gibt es aber nicht; seine Hilfe wohl, nicht aber seine Allmacht. Da kann es nur einen geben.

Quellen:

Sth I, 60, 4, ad 3: Dilectio naturalis dicitur esse ipsius finis, non tanquam cui aliquis velit bonum; sed tanquam bonum quod quis vult sibi, et per consequens alii, inquantum est unum sibi. Nec ista dilectio naturalis removeri potest etiam ab Angelis malis.

Sent I, 2, 5, 1, 3 co: Tertio modo dicitur superbia inordinatus appetitus propriae excellentiae, et praecipue in dignitate vel honore; et sic est speciale peccatum, unum de septem capitalibus vitiis; et sic primum peccatum Angeli superbia fuit: quod patet tum ex desiderato, quia eminentiam dignitatis appetiit: tum etiam ex motivo, quia ex consideratione propriae pulchritudinis in peccatum ruit.

Sth I, 63, 3, co: Unde nulla res quae est in inferiori gradu naturae, potest appetere superioris naturae gradum, sicut asinus non appetit esse equus, quia si transferretur in gradum superioris naturae, iam ipsum non esset.

Der gute Kern jeder Liebe

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14

Die Frage: „Kann denn Liebe Sünde sein“, war dem Klang der Worte nach einmal ziemlich populär. Sie ist der Titel eines Schlagers, der zur Zeit deiner Großeltern das Publikum von der Straße geholt hat. Jeder kannte das Lied, und jeder kannte die Frage. Ich muss aber ein Geständnis machen: Ich spreche nicht gern von Sünde. Sicher, man muss es irgendwann tun, allein schon, weil alle Welt das Wort im Munde führt. Alle sprechen es so selbstverständlich aus, wie wenn sie Kaffee, Milch und Zucker sagen. Man versündigt sich gegen die Umwelt, man sündigt, wenn man zu viel Kuchen ist. Man spricht von süßen, sündigen Verführungen, wenn es um das Spiel der Liebe geht. Wenn ich nun sage, dass ich nicht gern darüber rede, dann liege ich wohl eher neben dem Trend.

Ich muss genauer werden. Kennst Du den Unterschied zwischen reden und plaudern? Beides sind Formen des Sprechens. Plaudern ist schön, aber was man plaudert, ist nicht wichtig. Wenn man es lässt, fehlt der Welt nichts und wenn man vergisst, was geplaudert wurde, hat es keine Folgen. Es ist wie mit einem Hobby. Man hat es und man sollte vielleicht eins haben, aber wenn deine Mannschaft am Wochenende verliert oder wenn dir die Puzzleteile ausgehen, beides räumt dir nicht das Geld vom Konto. Plaudern gehört zu den schönen, aber unwichtigen Dingen des Lebens.
Wenn man dagegen richtig redet, dann bleibt etwas über. Wirkliche Gespräche sind nicht oberflächlich, sondern bewirken Nachhaltigkeiten. Gute Gespräche vergisst man so schnell nicht und tiefe Gespräche können ein ganzes Leben verändern.

Plaudern ist schön und wertvoll, ebenso wie das Spiel. Beides hat nach außen keinen Sinn, aber nach innen großen Wert. Die einzigen, die nicht plaudern, sind die Mönche und Nonnen in den Schweigeorden. Mönche reden wenig und plaudern nie, und Menschen mit Verstand wollen weder die Klöster abschaffen, noch wollen sie die Welt in ein Kloster verwandeln. Es hat schon seinen Sinn, wenn eine Speise sehr wohl Salz, aber nicht zu viel hat.
Nun lässt sich leicht beobachten, dass über die Sünde in unserer Lebenswelt viel gesprochen, aber immer nur geplaudert wird. Die gewohnte Rede von der Sünde macht nichts, sie richtet nichts aus und es soll auch nichts zurück bleiben. Wenn ich sagte, ich spreche nicht gern von der Sünde, dann meinte ich wirkliches Reden. Das tu ich nicht sonderlich gern und man mag es in der Welt auch nicht. Wer will schon an seine wirklichen Schwächen erinnert oder mit der Nase auf seine Fehler gestoßen werden? Wir reden nicht gern über Steuererklärungen, solange wir sie unfertig auf dem Schreibtisch liegen haben und noch erledigen müssen. Sind sie endlich fertig und abgeschickt, plaudert es sich ganz gut über sie.

Der heilige Thomas war ein Professor und Ordensmann. Tief gehende Reden zu führen gehörte zu seinem Beruf und vom Typ her lag ihm das Plaudern nicht sonderlich. Wenn in der Schule des Thomas also vom Menschen die Rede ist, dann geht es immer gleich zur Sache. Die Frage: „Kann den Liebe Sünde sein?“, kommt aus der Plauderei der Schlagerwelt. Die Antwort des Thomas: Liebe selbst könne nie Sünde sein, wohl aber ihre Weise und die Weise, sie zu bekommen, meint den wirklichen Menschen und beleuchtet sein Fundament.
In der Liebe selbst kann nichts verkehrt sein, in der Freude an und für sich genommen auch nicht. Was soll falsch an der Freude sein, einen Ferrari zu fahren? Einen zu stehlen aber nimmt dem Paket die Unschuld. Die Freude selbst hat immer irgendwie einen unschuldigen Kern. Beim Drumherum aber gibt es immer irgendwelche Vorgaben.

Um noch kurz auf die Engel zu kommen: Sie alle lieben, was sie lieben und sie lieben die Liebe. Darin kann nichts Falsches sein. Mag der eine oder andere Engel auch böse genannt werden. Innen hat er immer diesen Kern, einfach lieben zu wollen und geliebt zu werden.
Ich weiß wohl, manchmal heißt es von Menschen oder Engeln, sie seien durch und durch böse. Thomas kann da nicht mit und wird das nicht sagen. In seiner Schule kommt auch alles Böse immer noch aus dem Guten. Auch das Sinnlose verdankt sich dem Sinnvollen, nicht anders und schon gar nicht umgekehrt.

Sth I, 63, 2, co.: In spiritualibus autem bonis non potest esse peccatum dum aliquis ad ea afficitur, nisi per hoc quod in tali affectu superioris regula non servatur.

Caritas ist Freundschaft

Bildschirmfoto 2014-11-11 um 10.59.26

Das Dasein hat mit so etwas wie geistlichem Leben zu tun, und geistliches Leben ist im Wesentlichen eine Sache der Gewöhnung. Die Gelehrten informieren nur. Im geistlichen Leben erst sickern die Informationen ins Herz, um sich dort zu verankern, bis sie einen Grund bilden, auf dem das Tägliche geht.
Besonders deutlich wird das, wenn uns Menschen ins Leben treten oder aus dem Leben scheiden. Dass die Eltern plötzlich nicht mehr da sind, kann sehr schnell gehen. Sich dann an das Leben ohne sie zu gewöhnen und sich neu einrichten, das kann dauern. Auch dass uns ein Mensch ins Leben tritt, kann schnell eintreffen. Aber dass er jetzt für immer da ist, daran müssen wir uns gewöhnen.
Mit der Religion ist das nicht anders. Gott stand dem Abraham so plötzlich im Leben, wie wenn man irgendwo angerempelt wird. Plötzlich steht in der Genesis, Gott sprach mit Abraham und eröffnete ihm, noch jede Menge mit ihm vor zu haben.
Das Leben muss solche Dinge erst einmal in sich einordnen. Auch das neue, jüdische Volk hatte sich über lange Zeiten an den Gedanken zu gewöhnen, dass es nur den einen Gott gibt und dass der sehr konkrete Dinge wünschte.
Christus hat der Menschheit die letzten, wichtigen Informationen über Gott und die Welt mitgeteilt. Diejenigen, die die Botschaft erreicht und die sie annehmen, müssen sie ins Ganze ihres Daseins integrieren. Es ist eben ein Unterschied ob man einen Schöpfer hat oder nicht. Es macht auch einen Unterschied, ob der um uns weiß oder nicht. Es ist nicht dasselbe, ob der Herr des Heerscharen es gut mit uns meint oder nicht. Die Informationen sind für das geistliche Leben von größter Wichtigkeit, ebenso allerdings auch, dass sie dort zum Fundament werden.

Der heilige Thomas gibt eine solche Information bezüglich des Schöpfers, die wir in Sachen Christus bereits der Bibel entnehmen können. Es ist die Informtion, dass Gott uns ein Freund ist, und das ist eine Sensation.
Bei der Erklärung dieser Angelegenheit geht es dem Meister um die Liebe, genauer um die Caritas.
Zur kurzen Erklärung: Die deutsche Sprache hat für die Liebe nur ein Wort, Liebe eben. Den lateinischen Klassikern stehen da mehr zur Verfügung und sie können die Liebe besser in ihren Feinheiten betrachten. Liebe ist ja nicht gleich Liebe. Es ist nicht ganz das selbe, ob jemand sein schnelles Auto liebt, seinen Fußballclub oder seine Großmutter. Es gibt einen Unterschied zwischen der Liebe zweier Kumpel und der zwischen Eheleuten und Kindern. Die lateinische Sprache hat verschiedene Wörter für die verschiedenen Nuancen. Für die ganz besondere Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen und umgekehrt ist das Wort Caritas reserviert. Sie ist die Königin und die Quelle, von der alles ausgeht. Über diese Liebe schreibt Thomas in seiner Summe, sie habe die Form der Freundschaft, und das muss er erklären.
Nicht jede Liebe, sagt er mit dem Philosophen Aristoteles, sei Freundschaft. Lediglich die Liebe, in der man dem Geliebten das Gute wünscht, können Freundschaft genannt werden. Es gibt ja auch eine Form der Liebe, in der man für sich selbst nur das wünscht, was das Geliebte zu geben hat. Liebt jemand einen guten Wein, dann hat der Wein nichts davon, wohl aber der, der ihn genießt. Auf einem solchen Verhältnis kann keine Freunschaft entstehen. Ein Glas Wein zum Freund haben wäre ein eher lustiger Gedanke. Es muss also eine Gegenliebe geben, die gegenseitiges Wohlwollen und eine Gemeinschaft möglich macht.
Mit Gott nun bestehe eine solche Gemeinschaft, nämlich insofern er uns sein Glück schenke. Das begründe eine Freundschaft. Der eigentliche Grund nun, auf der diese Freundschaft stehe, ist die Caritas, also die Liebe, in der Gott uns und wir ihn lieb haben. Also sei die Caritas Freundschaft sagt Thomas. Das ist die Information: Gott ist unser Freund. Man sollte meinen, wenn man das hört und ins Herz sickern lässt, bis es zum Lebensgefühl wird, dann behält die Auskunft immer noch eine Art: Sie ist umwerfend.

 

Quellen: 

Gen 12,1f: Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.

II-II,23,1,co.  Respondeo dicendum quod, secundum philosophum, in VIII Ethic., non quilibet amor habet rationem amicitiae, sed amor qui est cum benevolentia, quando scilicet sic amamus aliquem ut ei bonum velimus. Si autem rebus amatis non bonum velimus, sed ipsum eorum bonum velimus nobis, sicut dicimur amare vinum aut equum aut aliquid huiusmodi, non est amor amicitiae, sed cuiusdam concupiscentiae, ridiculum enim est dicere quod aliquis habeat amicitiam ad vinum vel ad equum. Sed nec benevolentia sufficit ad rationem amicitiae, sed requiritur quaedam mutua amatio, quia amicus est amico amicus. Talis autem mutua benevolentia fundatur super aliqua communicatione. Cum igitur sit aliqua communicatio hominis ad Deum secundum quod nobis suam beatitudinem communicat, super hac communicatione oportet aliquam amicitiam fundari. De qua quidem communicatione dicitur I ad Cor. I, fidelis Deus, per quem vocati estis in societatem filii eius. Amor autem super hac communicatione fundatus est caritas. Unde manifestum est quod caritas amicitia quaedam est hominis ad Deum.