Die Liebe kann man nicht fühlen

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Briefe an meinen Doktor

Heute werde ich mich wohl wieder mal dem Verdacht der Ketzerei aussetzen. Das habe ich schon öfter getan, nämlich immer dann, wenn ich behauptet habe, es existiere kein Gott. Solcherlei Behauptung führt in frommen Kreisen ganz gern zu Aufschreien, die sich nicht beruhigen lassen. Wie bei dieser bestimmten Sorte Moslems, wenn sie das Gefühl haben, die Ehre ihres Propheten würde angetastet. Dann wird immer erst getötet, und danach diskutiert. Der Keim dieses Wahnsinns steckt auch bei manchen unserer Frommen durchaus im Blute. Nur dass die Christen nicht mehr töten, was natürlich ein wesentlicher Fortschritt in der Sache ist.

Bei meiner These von der Nichtexistenz Gottes hatte ich mit dem Areopagiten natürlich immer einen bedeutenden Zeugen zu nennen. Meine Thesen sind ja nie von mir, sondern immer irgendwo her. Dionysius hatte schlicht gesagt, Gott gebe es natürlich wohl, er sei aber eben doch über alle Existenz erhaben. So lautet denn auch die These, Gott ist, er kann aber seiner Gottheit nach nicht in die engen Grenzen unseres Existierens gezwängt werden. Wir teilen uns mit Gott eben keine Grenze, und wer immer an ihn glaubt und eine vernünftige Dogmatik verteidigen kann, der muss das sagen. Der Satz: „Alles, was es gibt, das existiert auch“, stimmt eben nicht, nicht jedenfalls für Gottgläubige Leute, die vernünftig über ihren Glauben nachdenken.

Natürlich heißt existieren, da sein, selbst sein und bestehen. Das „Ex“ im Wort sollte aber nicht unterschlagen werden. Existieren heißt immer auch aus etwas sein, sein Sein von irgendwo her haben. Da scheidet die Gottheit sofort aus. Die alten Griechen haben schon gedacht und geschrieben, wenn wir eine wirkliche Gottheit denken wollen, dann gehört zu ihrer Definition, nicht aus etwas heraus zu sein, sondern dasjenige zu sein, aus dem alles andere ist. Gestern zufällig hat mir noch ein Polemiker die Frage vorgelegt, wer Gott denn gemacht habe. Das war wieder mal die Frage eines Fragenden, den die Antwort nicht interessierte. Die lautet ja, es gehört zur Definition des Göttlichen, aus sich selbst zu sein und sich nichts und niemandem zu verdanken. Das hätte ich auch meinem Kugelschreiber erzählen können. So ist es aber. Ansonsten wäre der Liebe Gott nicht mehr als Zeus und Poseidon.

Nun aber zu meiner ketzerischen Behauptung: Die Liebe ist nicht nur kein Gefühl, sie ist auch überhaupt nicht spürbar. Jedenfalls nicht, wenn sie das ist, was ich unter ihr verstehe, und meine Behauptung schließt sich der von der Nichtexistenz Gottes an.
Ich zitiere den heiligen Johannes nicht sonderlich gern, wenn er „Gott ist Liebe“ sagt. Der Satz kann nämlich unmöglich eine symmetrische Gleichung sein. Gott ist Liebe, aber lange nicht alles, was Liebe ist, ist Gott.
Prospero hatte gut reden, wenn er sein „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“ daher sagte. Keiner würde nach einem starken Traum sagen, er habe in der letzten Nacht den Prospero und seine Leute im Kopf gehabt. Keiner wird je wissen, aus welchem Zeug die Träume wirklich sind, und niemand sieht Träume, sondern nur die Sachen und Wesen, die in ihnen auftauchen. Ganz ähnlich wird niemals jemand wissen, woraus die Liebe ist und sie selbst entzieht sich sowohl jedem Sehen, Tasten und somit allem Fühlen. Nicht die Liebe wird gespürt, sehr wohl aber alles mögliche, was sie tut. Wäre ich ein Schreiber mit Reichweite, dann gingen jetzt vermutlich kleine Stürme der Entrüstung und Diskussionen los, aus denen sich kein Honig saugen lässt.

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Was die Liebe tut

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Briefe an meinen Doktor

Wenn die Liebe ein Gefühl ist, dann wohl eins, das sich sehr verschieden anfühlt. Deshalb würde ich mich gern über den bleibenden, gefühlten Kern in in ihr belehren lassen. Bis das geschieht, bleibe ich lieber bei meiner Annahme, nach der die Liebe eher so etwas wie eine entschlossene Haltung genannt werden kann. Vielleicht ist sie auch eine Kraft der Vereinigung, wie Dionysius Areopagita zitiert wird.
Ich merke aber, dass ich mir durch mein Versteifen auf die ontologische Frage selbst ein Bein gestellt habe. Niemand kann sagen, was die Liebe ist. Die Bibel verschiebt das Problem lediglich einen Schritt weiter, wenn im Johannesbrief zu lesen steht, Gott sei Liebe. Es ist, wie wenn wir sagen, Gott sei Reichtum, Macht und Barmherzigkeit. Es erklärt uns Gott ein wenig, nicht aber die Eigenschaften selbst.

Man kann nicht sagen, was die Liebe ist, man muss aber sagen, was sie tut. Damit öffnet sich wieder das Feld ins Unendliche. Wenn wir etwas aus Liebe tun, dann tut das ja wohl auch die Liebe selbst. Romano Gurardini stand in seinem tiefen Denken oft staunend und sprachlos vor der Tatsache, dass der Gott der Himmel sich für die Menschen hingibt. Je länger man darüber nachzudenken sich traut, desto unglaublicher wird es. Die Muslime meiner Umgebung, die sich überhaupt weigern, Gedanken über Gott anzustellen, sagen schlicht, das Opfer aus Liebe sei nicht wahr, ihr Prophet habe das klargestellt. Denen reicht das. Eine Tatsache, mit der ich übrigens mit dem gleichen Staunen stehe, wie Guardini vor der Menschwerdung.

Guardini redete also mit einem Freund darüber und als er das Unglaubliche, das doch zu glauben ist, aussprach, sagte dieser: „Es ist die Liebe, die solches tut.“

Nicht nur hier, im ganz Großen, tut die Liebe Unglaubliches. Auch im Kleinen, auch in unserer täglichen Welt der halben Meter. Die Liebe macht Professoren zu Spielkindern und aus Kindern werden Helden der Tapferkeit. Maria Goretti hat sich ihrem Vergewaltiger nicht aus Prüderie verweigert, sondern aus kindlicher Liebe. Sie wollte ihren Herrn, den sie so lieb hatte, nicht traurig machen. Die Liebe macht wichtig und schenkt allem Bedeutung. Sie lässt einen einzigen, vielleicht ganz kleinen Menschen hören, er sei unter allen sonst, die je lebten und gelebt haben, der einzige und wichtigste.

Die Liebe ist also der große Möglichmacher und das Ende aller Erklärungen. Es lässt sich fragen, warum man lernen muss. Man kann fragen, warum überhaupt Essen und trinken. Warum zum Teufel, man aber lieben soll, ist schon keine Frage mehr. Die Liebe hat keine Zwecke, aber allen Sinn in sich, um noch mal einem Gedanken Guardinis die Ehre zu geben. Man muss also kein Christ sein, um dem heiligen Paulus zuzustimmen: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“

Gottes Emotion

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Briefe an meinen Doktor

Gestatten Sie mir, Ihren Teilvorschlag erst einmal in Worte zu fassen. Ich würde ihn: „Ein Gedanke zur Liebe des Schöpfers in emotionaler Hinsicht“ nennen. Damit berühren Sie glatt eine absolute Grenze, wie ich meine, die Grenze zum Unmöglichen nämlich. Es gibt ein paar Themen im theologischen Lager, bei denen die Brüche unseres Rechnenkönnens einfach nicht aufgehen. Es bleibt immer ein Rest sozusagen und spannende Fragen offen, auf deren Auflösung im Jenseits ich wirklich gespannt bin.

Eine berühmte solche Frage ist die vom alten Gnadenstreit, den die Jesuiten mit den Dominikanern seinerzeit ausgefochten haben. Es ging letztlich um göttliche Vorsehung im Zusammenhang mit der menschlichen. Die Streithähne fochten und exkommunizierten sich gegenseitig, bis Paul V. gebeten wurde, Stellung zu nehmen. Der entschied brillant: Wer zukünftig seinen Gegner für exkommuniziert erklärt, ist exkommuniziert, und die Lösung des Problems wird später entschieden. Sie ist nie entschieden worden und wird nie entschieden werden. Beides gibt es, beides gibt es ganz und jedes lässt sich als gegensätzlich zum anderen beschreiben.

Es gibt eben Fragen, die nicht lösbar sind, und das nicht nur in der Wissenschaft vom Heiligen. Als ich einem befreundeten Astrophysiker einmal die naive Frage vorlegte, wo hinein sich das Universum denn ausdehnt, lehnte er nicht nur die Antwort, sondern auch die Frage ab, und das ganz zu Recht. Sie ist nicht lösbar und schon gar nicht für einen Physiker. Der beschäftigt sich notorisch nur mit den Gegebenheiten diesseits der Grenze. Das Drüben geht ihn nichts an. Die Antwort meines Freundes war dann auch die eines Gläubigen, nicht die des Wissenschaftlers: Wir warten, bis Gott es uns eines schönen Tages zeigt, und das wird der Tag sein, der nie in einer Nacht zu Ende geht.

Ganz ähnlich ist es mit unserer aktuellen Frage: Wie können wir die emotionale Seite in der vollkommenen Liebe Gottes denken? Unsere Antwort muss lauten: Gar nicht, und würden wir eine präsentieren, dann setzten wir uns dem Verdacht aus, die beide Seiten des Terms noch nicht hinreichend bedacht zu haben: Die göttliche Art zu sein (allein zu sagen, dass er ist, geht nur in ungenauer Sprache) muss derart sein, dass in ihm keine Bewegung behauptet werden kann. Bewegung heißt Endliches haben, beginnen und enden. Beides geht nicht; das Ewige wäre nicht ewig. Emotional sein bedeutet aber vor allem von etwas bewegt werden können.
Nun sagt Christus, wer ihn gesehen habe, der habe vor allem den Vater geschaut, und wenn Christus eines war, dann bewegt; bewegt von der Aussichtslosigkeit unseres unerlösten Schicksals, bewegt von der Tiefe unserer Verstricktheit und bewegt von der Freude zu erlösen, die übergroß genug war, das Kreuz zu ertragen. Wenn wir das bedenken und die Wurzel hinauf klettern, dann ist auch der ewige Beschluss der Menschwerdung im Ewigen von diesen Zusammenhängen motiviert, und motiviert sein heißt nunmal bewegt.

Die mittelalterlichen Meister haben, wohl auch im Hinblick auf die über die Barmherzigkeit nicht hinaus kommende, sarazenische Häresie betont, zwei Regungen müsse man in Gott behaupten: Die Liebe und die Freude. Die Behauptung ist stur und bibelfest, nicht aber des näheren belegbar. Demnach hat Gott die Welt nicht nur so sehr geliebt, dass er seinen Sohn für sie dahin gab, sondern sich auch über die Maßen gefreut, dass die Erlösung am Ende so geschehen sein würde.

Die Unerklärbarkeit unserer Sache hat allerdings noch eine zweite, zu Herzen gehende Seite, nämlich, wenn wir unser privates Schicksal mit in die Rechnung schreiben: Wie kann es sein, dass diese, ewige, göttliche Vorsehung uns so lieb hat? Ich wiederhole meine alte Behauptung: Wer beichtet, lernt sich besser kennen. Das gilt für die Sonnen- wie für die Schattenseiten und nährt meinen stillen Verdacht: Nicht zu wenige suchen wegen des Blickes auf das Dunkle lieber das weite als die schwarze Kammer in den Kirchen. In Ihrem Kontext gesprochen würden sie einer Darmspiegelung einer guten Beichte gegenüber jederzeit den Zuschlag geben. Aber davon ab: Wer immer sich traut, vor seinen Schatten nicht davon zu laufen, der hat in der nicht endenden, treuen Liebe Gottes für sein gesamtes Leben eine unlösbare Denkaufgabe, eine Nuss, die sich nicht knacken lässt. Und mir scheint, je länger es währt, desto deutlicher wird es einem.

Barmherzigkeit ist nicht genug

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Briefe an meinen Doktor, 3

Sie haben wohl Recht, mit dem, was sie sagen: „Es gibt kaum einen Begriff, der vielschichtiger und missverständlicher ist als ‚Liebe’ (…) Gottesliebe und Gottes Liebe. Liebe als Willensakt. Leidenschaftliche Liebe. Nächstenliebe. Selbstliebe. Erotische Liebe.“
Wir können das ganze noch komplizierter erscheinen lassen. Die deutsche Sprache, die sicher mit Gründen eine Philosophensprache genannt wird, hat für unsere vielschichtige Sache, nur ein Wort: Liebe eben. Die Lateiner sagen „amor“, „dilectio“, „caritas“. Sie leihen sich das griechische „agape“, und gleich gleich haben sie einen ganzen Strauß an Begriffen in der Hand, die allesamt die Liebe meinen und ihr doch ganz verschiedene Richtungen und Farben geben können. Sie haben in Ihrer Aufzählung ja auch nie nur Liebe gesagt, sondern immer mit einem weiteren Wort eine Erläuterung anhängen müssen. Da hatten es unsere Väter und Großväter viel leichter. Es gab, wenn ich richtig liege, im Plattdeutschen nämlich überhaupt keinen Begriff für die Liebe. Das Wort „Liebe“ stand in der Bibel. Er war ein Begriff, der für die Priester reserviert war und etwas Großes bedeutete, das mit Gott zu tun hatte. Für uns vielleicht ein guter Grund, noch mal mit dem Ersten zu beginnen.

„Liebe“ ist in der Tat ein priesterliches Wort. Der Hohepriester trug es vom Himmel herab und führte es ein, um den himmlischen Vater zu beschreiben. Man müsste mal nach Asien fahren, um dort zu erfahren, in wie weit die dortigen, vom Christlichen nicht mit gefärbten Philosophien das Wort von der Liebe zum Thema haben.
Aber vielleicht erwähnen wir in diesem Zusammenhang einmal eine unterschlagene Tatsache. Es war Christus, höchst persönlich und allein, der so vom Vater sprechen konnte. Er wusste, dass ihm auf die Dauer der Tod sicher war, als er im Namen des Erhabenen den Leuten sagte, ihre Sünden seien ihnen vergeben. Das kann keiner tun und auch nicht sagen, außer Gott, und nur er allein hat diese Macht. Wenn der Priester uns im Beichtstuhl diese Worte wiederholt, dann kann auch er das nur tun, indem er Worte spricht, die nicht seine sind, und nur, wenn er eine exklusive Weisung dazu hat. Jeden anderen, der in des Herren Namen solche Sachen sagt, sollte man sofort des Hauses verweisen oder ihm zumindest den nächsten Vogel zeigen.
Als Christus sagte, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben; als er sagte, er sei der Weinstock, seine Jünger die Reben, da war er entweder Gott oder wahnsinnig. Allein, dass die Getreuen nicht gleich davon liefen, bezeugte ihre Vorentscheidung für das erste: Dieser war Gottes Sohn!

In genau dieser Autorität nun verkündete Christus das größte Glaubensgeheimnis, das zudem am schwersten zu kapieren ist: „Gott hat die Menschen wirklich lieb.“ Gehen Sie mal hinaus in die Welt und verkünden Sie das den Leuten der anderen Religionen. Die Reaktionen werden sehr verschieden sein. Das ist es aber, das wir von der Kanzel erfahren. Das ist es, das auch die Priester der alten Zeiten zu verkünden hatten. Die Liebe Gottes zu uns ist diejenige Sache, über die wir unser Leben lang nachzudenken haben und in allen möglichen Verfassungen unseres Gemütes nachdenken sollten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es desto schwieriger wird, je philosophisch tiefer von der Gottheit gesprochen wird.

Und reden wir uns nicht mit der viel gepriesenen Barmherzigkeit heraus. Barmherzigkeit reicht nicht, nicht jedenfalls da, wo die Liebe ins Boot steigt. Das Verhältnis Gottes zu seinem Volk wird in Israel von je her als ein Bund beschrieben, und zwar als ein Bund, der nicht einfach nur den Charakter und die Farbe eines Vertrages hätte. Dieser Bund wird schon immer beschrieben wie eine Ehe, wie das Verhältnis eines treuen Ehemannes zu seiner viel weniger treuen Braut. Die Kirche Jesu setzt das fort: Der Herr ist der Bräutigam und die Kirche seine Vielgeliebte. Und wann hat je ein Bräutigam seine Braut aus Barmherzigkeit heim geführt? Nein, bei uns muss es schon die Liebe sein, und  die im vollen Umfang beim Wort genommen. Das haben wir wohl im Sinn des heiligen Bernhard wiederzukäuen, wie das Vieh im Stall, von dem er in seiner Predigt sprach. Wie schwer das sein kann, das wusste schon der Apostel: Es muss heilige Geist vom Himmel sein, der unserem Geiste leise nahe legt, dass wir doch Kinder Gottes sind. Bedenken wir das also.

Der Grund des Liebens

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Brief an einen Doktor 1

Der Liebe ist einfach nicht auf den Grund zu kommen. Man kann auch sagen, sie ist unergründlich. Kierkegaard hat sie, wenn ich mich recht erinnere, mit einem Gewässer verglichen, in dessen Tiefen ein Taucher nie die Quelle erreichen kann, weil sie sich mit jedem Meter vermeintlicher Näherung stets weiter von ihm entfernt. Wie wenn ein Grund vor dem Forschenden davon läuft.

Das ist auch meine erste These: Die Liebe verliert sich ins Unendliche, und doch: Sie verliert sich und vor allem uns nie. Sie umgibt uns vielmehr und birgt uns in sich. Sie trägt unser Dasein, sie lässt es uns spüren und so gibt es kein einziges Geschöpf im weiten All, das ihr nicht bis zur totalen Erschöpfung nachliefe.

Ein allzu schneller Blick könnte meinen, was man hat, das braucht man nicht suchen. Dem ist aber nicht so, nicht in diesem Fall. Wir suchen mit Lust und unter Tränen, was wir haben und wollen irgendwie immer mehr davon. Nicht wie ein Forschender, der am Schreibtisch über seinen Formeln nachsinnt. Vielmehr wie ein Hungernder, der das Gefühl einer Sättigung sucht, ohne je ganz satt werden zu wollen.

Sie haben die Gottheit angesprochen. Sie ist der Grund, der die Grundlosigkeit der Liebe ausmacht, denn nur eine Gottheit kann überhaupt und ohne jede Ermüdung wirklich unendlich sein. Wir sollten an dieser Stelle ein wenig aufpassen. Ist von Unendlichkeiten die Rede, dann schleicht sich ein Gefühl von wachsender Oberflächlichkeit ein. Ein Hirte mit nur zwei Schafen kann beiden seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Ein Hirte mit hundert muss seine Kräfte so lange teilen, bis auf jedes seiner Tiere kaum etwas abfällt. Das kann und muss bei der Gottheit anders sein. Ihre Unendlichkeit bedeutet kein Ende in der Betrachtung und Behandlung des einzelnen. Für eine unendliche Mächtigkeit ist es nicht schwerer, mit einem Mal ein ganzes Universum zu schaffen und zu tragen, wie ein einziges, einsames Körnchen. Eine unendliche Macht kennt keine Mühe. Schwitzen tun wir, weil wir an unsere Grenzen kommen. Wer keine Grenzen hat, schwitzt nie. Wir können es auf eine kurze Formel bringen. Die Gottheit kann jeden Herzschlag einzeln genehmigen, und weil sie liebevoll ist, tut sie das auch in einer Haltung, die Zuneigung heißt. Die Liebe ist den Dingen zugeneigt, und sobald wir sie in ihrer Unendlichkeit denken, können wir sagen, sie sagt zu allen Dingen du, und sie sagt, zu allem, was ist, dass es sein soll.

Wenn ein Kind geboren wird; sprechen die entzückten Eltern da nicht in jeder Geste und mit jedem Wort ein „wie schön, dass du da bist“? Bezeugt nicht jedes gute Werk, das sie ihren Kindern angedeihen lassen, diese Freude, allein, dass sie auf der Welt sind? Ist es umgekehrt nicht genau so? Spricht nicht aus dem Lächeln des Kindes, das noch um nichts mit Bewusstsein weiß, ebenso das „wie schön, dass ihr da seid, und wie schön, dass gerade ihr es seid“? Es ist genau das gleiche Wort, das der Schöpfer immerzu zu allem sagt. Die Gottheit, die unmerklich zwar, aber mit ungeteilter Aufmerksamkeit ein jedes Ding im All über dem Nichts im Dasein hält, spricht die Worte leise mit. Aber leise heißt nicht ohne Macht.

Das dauernde betroffen sein

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Islam und Christentum 51

Jetzt ist die Liebe an der Reihe. Und bevor ich mit ihr loslege, würde ich gern eine kleine Meditation über eine Sache einschieben, über die hin und wieder nachzudenken ich lohnenswert finde. Es ist die Sache mit dem herausgefordert werden des Menschen. Wir können mit einer Formel beginnen:

Wer von etwas getroffen wird,
der muss irgendwie reagieren.

Du kennst das Spiel  noch aus unserer Zeit in der Schule. Dauernd kamen die Kinder (und auch die schon etwas älteren) zu mir mit der Beschwerde, irgendwie von ihren Mitschülern beleidigt worden zu sein. Es ging dann immer um die Frage, wie man angemessen reagiert. Wer beleidigt wird, hat das Recht, die Pflicht oder ganz allgemein gesagt, die Möglichkeit, zu reagieren. Gar nicht reagieren geht gar nicht. Eine Beleidigung, die uns nicht trifft, ist keine. Ein getroffenes Tier aber reagiert immer, und wenn es im Lauf auch nur kurz zuckt. Eine Beleidigung ist also immer eine Herausforderung, und damit spielt derjenige, der uns beleidigt. Er weiß, dass er uns treffen kann und erwartet, dass wir mit unserer Reaktion einen Fehler machen.

Man kann das menschliche Leben jetzt auch einmal betrachten, wie eine Sache, die uns dauernd mit etwas herausfordert. Wenn plötzlich ein Kind entsteht, dann ist das für das Leben auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Eltern müssen darauf reagieren, und was wir die Ethik nennen, stellt uns immer ganze Kataloge auf, wie man mehr oder weniger falsch reagieren kann.

Nicht umsonst haben die alten Geschichten die Liebe schon mal als einen kleinen, dicken Engel dargestellt, der mit einem kleinen Bogen spitze Pfeile auf die Menschen abschießt. Das Verliebtsein trifft uns wie ein Pfeil. Wir haben vielleicht lange Zeit in ziemlicher Ruhe vor uns hin gelebt; plötzlich tritt da ein Mensch in unser Leben, der alles in Wallung bringt und uns nicht in Ruhe lässt. Man ist plötzlich ganz außer sich, heißt es im Volksmund und bei den Philosophen. Es ist aber wie mit dem Tier auf der Wiese. Wenn es getroffen wird, dann kann es gar nicht anders, als reagieren.

Um den Gedanken etwas vollständiger zu machen: Es gibt auch Dinge, die uns  ganz grundsätzlich und immer herausfordern. Für sie braucht es keine Pfeile und keine Ereignisse oder Begegnungen, die auf uns abgeschossen werden. Das Gute, das Böse und die Wahrheit sind Dinge, von denen wir immer herausgefordert werden und von denen jeder ganz allgemein und automatisch sagt, dass es ein richtig und falsch gibt. Solche Dinge sind etwa das Gute, das Böse und die Wahrheit. Wir brauchen hier jetzt gar nicht über diese Dinge zu philosophieren. Es reicht, wenn wir sagen, jeder normale Mensch weiß, das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen, und der Wahrheit ist immer die Ehre zu geben. Diese drei Dinge sind immer irgendwie in allem, was uns anspricht und trifft. Wir sehen jemanden einen Raubmord begehen, und alle sagen, das ist böse und verboten.

Jeder Dieb beschwert sich,
wenn er beklaut wird.

Dass der heilige Martin dem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gab, weil diesem so kalt war, wird von allen als große und gute Tat gepriesen. Viele würden das nicht machen und lieber schweigend weiter ziehen, bevor sie ihren Luxus teilen. Aber keiner sagt, das sei besser. Der Satz „du sollst nicht lügen“ hätte bei den Zehn Geboten fast gar nicht dabei sein müssen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Jeder Mensch  weiß eigentlich, es gehört sich nicht, die Wahrheit zu verbiegen.
Der Philosoph Nietzsche hat schon mal gewagt, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Als ich Gedanken wie „warum soll ich keine Frau vergewaltigen?“ zu lesen hatte, war ich in meiner Unschuld tief getroffen und entsetzt. Allein die Frage zu stellen, um ernsthaft über sie nachzudenken, kam mir wie ein Verrat am Gefüge des ganzen Universums vor. Aber Philosophen dürfen und müssen das: Sich in verbotene Zimmer wagen und Pfade beschreiten, die nicht ausgetreten werden dürfen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, gute oder schlechte Antworten zu geben.

Wie immer auch, wenn wir von der Liebe sprechen, dann meinen wir im alltäglichen Denken so etwas, wie ein positives getroffen werden. Die Summe fängt auch mit diesem Gedanken an: „Die Liebe ist eine passio, eine Leidenschaft“, also etwas, was uns trifft. Dann aber kommt der eigentliche Gedanke: Gott aber kann in seiner Gottheit von nichts getroffen und erschüttert werden. Also können wir nicht sagen, in Gott sei Liebe. Thomas widerspricht dem natürlich nicht. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Es gibt aber nicht nur leidenschaftliche Liebe. Der Meister setzt tiefer an: Bei allem, was man will, ist immer irgendeine Liebe der eigentliche Motor. Darüber sollten wir noch mal ein Wort verlieren.

Macht und Güte

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Islam und Christentum, Teil 36

Ich glaube, ich muss jetzt etwas Beruhigendes sagen. Es könnte nämlich sein, dass sich nach unserem letzten Kapitel der eine oder andere aufregt. Wenn man einfach so daher sagt, Gott habe zu seiner Schöpfung kein Verhältnis, dann kann das schon mal in den falschen Hals geraten.
Ein Kopf, der leicht zu verwirren ist, kann davon schon mal aus seiner ruhigen Bahn schleudern. „Gott hat kein Verhältnis zu uns“, spielt unter Umständen unseren Feinden günstig in die Karten. Ungläubige Leute hört man schon mal sagen, wenn es Gott geben würde, dann müsse er ein Sadist sein, den das Elend seiner Kinder entweder nicht interessiere, oder, was noch schlimmer wäre, er sieht es sich an ohne etwas ändern zu wollen.
Es könnte auch jenen Leuten ein Argument geben, die wohl an Gott glauben, die sich aber nicht für ihn interessieren, weil er offenbar auch für sie kein sonderliches Interesse zeigt. Was interessiert mich ein Gott, dem ich egal bin?

Das alles ist aber gar nicht gemeint. Es gibt nämlich, wie bei jeder Münze, auch hier wieder die berühmten zwei Seiten, die wir schon hatten. Dass Gott sich sehr wohl für die Welt interessiert und dass ihn das Schicksal seiner Kinder wirklich zu Herzen geht, das hat er uns gezeigt. In eurem, muslimischen Glauben in der Tatsache, dass er uns sein Wort und Gebot gesandt hat. Ein Gott, der sich nicht interessiert, wird das nicht tun. 
In meinem christlichen Glauben wird das noch viel dramatischer deutlich, nämlich im Opfertod Jesu, den er im Namen des Vaters für uns alle starb. Auch das dürfte ein Gott ohne Interesse wohl kaum veranlassen. Also interessiert sich der Mächtige sehr wohl für alles, bis ins Kleinste sogar, und er wird sich beeilen, zum besten aller Zeitpunkte alles in seine Ordnung zu bringen. Zum Erstaunen aller Schlaumeier, die es immer so genau wussten. Am Ende werden sich alle gerecht behandelt wissen und auf alle Fälle über die Maßen erstaunt sein. Der Allmächtige scheint nämlich einer zu sein, der es liebt, seine Kinder aufs herzlichste zu überraschen. Wir sind nur gerade in der Phase, in der die Eltern ihr Kleines noch im Glauben lassen, es bekomme gar kein Feuerwehrauto zu Weihnachten.

Die andere Seite gibt es aber auch: Gott wird von nichts in der Welt und von der Welt als ganze nicht im geringsten berührt. Nichts kann ihn seiner Substanz nach in Mitleidenschaft ziehen. Hiervon sprechen wir gerade. Auch das ist wichtig zu sagen.

Wer in unserem Sinn an Gott glaubt, der glaubt, das zwei Dinge zusammen kommen und eins sind: Die absolute Macht und die absolute Güte. Auf der Welt sind wir gewohnt, dass beides kaum zusammen wohnt. Was gütig ist, hat häufig keine Macht und das Mächtige ist zu oft nicht gütig. Bei Gott ist das anders. Das macht die attraktive Seite des Glaubens aus: Wer sich auf die Seite Gottes schlägt, der hat beides zum Freund. Er braucht nur die Geduld und den langen Atem seines Meisters. 
Beides braucht es absolut: Die Güte muss total sein und die Macht auch. Erst ein Streiter, der mit allen Gegnern fertig wird, ist wirklich gefragt. Ein Mann mit tausend Euro hört auf groß zu sein, wenn ihm einer mit einem mehr die Firma übernimmt. Wenn wir nun sagen wollten, Gott werde von seiner Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen, dann steht er immer in Gefahr feindlich übernommen zu werden. Oder er ist gar einer, der es braucht, an seiner Schöpfung zu wachsen und erwachsen zu werden. Das alles klingt ungereimt und man braucht nicht viel Ahnung zu haben, um zu ahnen, dass da etwas nicht stimmt. Nein, Gott braucht diese unberührbare Seite, und das ist eben die Seite des Göttlichen an ihm. Diese Position müssen wir halten, und bei Thomas kommt das nicht daher, weil er sich das wünscht und weil er es so haben will. Im Gegenteil, auch wenn es allen Wünschen und Vorstellungen zuwider liefe. Es müsste behauptet werden, weil die Logik der Sache es verbietet. Ein Dreieck hat nunmal drei ecken, das gehört zu seiner Definition. Auch ein Wesen vom anderen Stern, das sich ganz anders ausdrückte, würde irgendwie bis drei zählen. Zur Definition des Göttlichen gehört nunmal, dass sie allen Dingen, die es gibt, ihr Dasein schenkt. Das kann nur ein Wesen, das über alles Dasein erhaben ist. Dass dieses Wesen sich – auf andere Weise – von Herzen sozusagen von unseren Tränen anrühren lässt, das steht auf einem anderen Blatt, allerdings im selben Buch.

Feindesliebe

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Die Frage lautet, ob man nicht mal stöbern könne, was der Meisterdenker zur Feindesliebe zu sagen hatte.

Er spricht gleich an mehreren Stellen drüber und gerne mal unter verschiedenen Perspektiven. Der prominenteste Ort ist natürlich die große Summe, das reifste seiner Werke. Da müssen wir uns jetzt mitten hinein begeben. In den zweiten Teil des zweiten Buches nämlich. Ins fünfundzwanzigste Oberkapitel, wo von der caritas gesprochen wird, also von der Liebe Gottes zu uns und unserer zu ihm. Die Kapitel acht und neun von zwölf behandeln die besondere Liebe zu den Feinden. Das zweite der beiden bespricht die innere Haltung, und das erste sollten wir uns ansehen.

Es tut mir leid, wenn ich enttäuschen muss, anders ist es hier nicht zu kriegen. Es geht nur so, wir müssen von Gott sprechen. Thomas sagt nämlich, ohne könne überhaupt nicht im eigentlichsen Sinn von der Feindesliebe gesprochen werden. Thomas ist übrigens kein Friemelfranz. Er duselt nicht gefühlig darum, sondern kommt zur Sache, und das immer in der Erwartung, wer es besser weiß, der soll es besser sagen.

Ohne Gott also keine Liebe zu den Feinden. Deshalb steht das Kapitel zur Feindesliebe ja auch im Kapitel über das Verhältnis mit Gott. Aber warum gleich so religiös? Der Grund ist ganz einfach, wenn man den Thomas einmal kennt.

Zunächst sagt er in seiner Antwort, den Feind zu lieben, insofern er ein Feind ist, sei verkehrt. Das ist leicht zu erklären, eine Mutter, die an ihrem verkommenen Sohn hängt, lieb ihn nicht, weil er Drogen nimmt. Die sollte sie eher hassen, also vernichtet wissen wollen, sie machen ihn ja schließlich kaputt. Sie liebt ihren Sohn, weil er ihr Sohn ist, basta. Feindschaft im Sinn des Thomas ist eben etwas, was den anderen kaputt machen will. Deshalb wäre es verkehrt und sicher eher komisch, auch das meinen lieben zu müssen.

Dann sagt der Meister, die Feinde lieben, weil sie ein Teil der menschlichen Gemeinschaft sind, das gehöre freilich zur heiligen Liebe dazu. Die Feindesliebe sei hier ja als eine Unterart der Liebe zum Nächsten einzustufen. Mag der Feind sich daneben benehmen wie er will, er ist einer von den Nächsten.

Jetzt wird es interessant: Thomas schreibt, die heilige Liebe schließe nicht unbedingt mit ein, dass man dem konkreten Feind etwas konkretes Gutes tun müsse. Das allgemeine Gebot zur Nächstenliebe bleibt allgemein. Es schreibe nicht vor, dass man sich zu jedem konkret hingezogen fühlen müsse, um ihm Gutes zu tun. Das ginge schließlich gar nicht. Es müsse allerdings jeder in seinem Herzen die Bereitwilligkeit mitbringen, derart Gutes zu tun, wenn die Situation es fordere.

Thomas macht sich nichts vor. Was hier gesagt sei, gehöre bereits zur Vollkommenheit der Liebe. Und jetzt kommt der Punkt: Je mehr einer nämlich Gott liebe, desto mehr liebe er in dieser Liebe auch in seinem eigenen Feind. Auch die feindlichen Akte würden ihn von dieser Liebe, die eigentlich eine Liebe zu Gott ist, nicht abbringen lassen. Dann schreibt er, jemand, der seinen Freund liebt, der liebt auch dessen Kinder, mögen sie ihm auch feindlich gesinnt sein. Nicht viele, aber große Worte, würde ich meinen.

 

Anm:
Die Stelle in der Summe:  Sth II-II,25,8.
Bei näherem Interesse: Im Sentenzenkommentar: Sent 3,30. In der Summe interessant wäre auch die Frage, ob man für seine Feinde beten soll: Sth II-II,83,8. In der Abhandlung zu den Tugenden steht zur Frage, in wie weit sie zu den eigentlichen Geboten zu rechnen sei: De virt 2,8.

 

Was unsere Religionen unterscheidet

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 26

Ich komme zu einem Kapitel, bei dem ich die Muslime zum ersten Mal bitte, mir zu widersprechen, wenn ich falsch liege. Genau genommen will ich das immer, aber hier sind wir an einem Punkt angekommen, wo ich zum ersten Mal einen grundsätzlichen Unterschied zwischen unseren Lagern entdecke. Es ist eigentlich ein Unterschied in den Mentalitäten, sozusagen in der grundsätzlichen Atemluft, die beide Religionen jeweils ausmacht.

Ein Vergleich beider Glaubensbekenntnisse macht schon ziemlich deutlich, worauf ich hinaus will. Das christliche Glaubensbekenntnis geht so:

„Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches
und das ewige Leben.“

Die Schahāda, das Bekenntnis des Islam ist von ganz anderer Art und lautet:

„Ich bezeuge:
Es gibt keinen Gott außer Allah,
Er ist Einzig und nichts ist Ihm gleich,
und ich bezeuge,
dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.“

Auf den ersten Blick liegt der Unterschied natürlich in der Länge. Das ist aber nicht das Entscheidende. Das christliche Glaubensbekenntnis muss so lang sein, weil es sozusagen die einzelnen Sätze, die geglaubt werden, gleich vollständig öffnet. Alles, was zu glauben ist, liegt sozusagen offen da.
Das islamische Glaubensbekenntnis beginnt mit einem negativen Satz. Es weißt erst einmal zurück, was nicht in Frage kommt. Niemand, außer der eine Gott hat das Recht, angebetet zu werden. Wenn das gesagt ist, wird die Sache, positiv, an den Propheten weiter gereicht. Wer jetzt noch wissen will, was im einzelnen geglaubt werden soll, der muss sich an den Gesandten wenden.
Wenn ich gebeten würde, das christliche Glaubensbekenntnis ähnlich zu gestalten, dann müsste ich sagen:

„Es gibt keinen Gott, außer den einen,
und die Kirche sagt alles weitere.“

Was im einzelnen zu glauben ist das bleibt, wenn man so möchte, für die Ungläubigen zunächst geschlossen. Man muss sich sozusagen nochmal woanders erkundigen. Wer wissen will, was denn die Muslime glauben, der muss sich erkundigen, was der Gesandte gesagt hat. Das Glaubensbekenntnis selbst offenbart das nicht.
Das gängige Glaubensbekenntnis der Christen ist dagegen wie eine geöffnete Tür ins Innere. Man kann und sollte auf die Dauer zwar des Näheren die Kirche befragen, natürlich, aber was zu glauben ist, steht schon da, in allen, wichtigen Punkten.

Hier liegt ein Keim unseres ersten Unterschiedes. Es ist nach christlichem Empfinden nämlich nicht nur das Glaubensbekenntnis, was offen steht, es ist ebenso die Gottheit selbst, die sich sozusagen geöffnet hat. (Der Vernunft ein wenig, dem Glauben ganz, möchte ich etwas geheimnisvoll hinzufügen) Dass das Glaubensbekenntnis offen steht, ist wie ein Zeichen für die Offenheit Gottes, von der noch zu reden ist.

Ich spreche hier, wie gesagt, von einem grundsätzlichen Empfinden beim Klang des Namens Gott. Gestatte mir, das mit zwei Gedanken noch etwas zu beschreiben. Auf meine Frage, was „Allahu akbar“ genauer heißt, sagte mir einmal ein Gelehrter, es heiße eigentlich nicht, wie oft gemeint, „Gott ist groß“. Das sei zu wenig. Es bedeute, Gott sei am größten und immer der Größere. „Gott ist größer“, wäre richtiger übersetzt. Das erst drücke nämlich seine Erhabenheit aus. Also: Was immer jemand von Gott sagen kann, es muss immer dazu gesagt werden, dass er eine Nummer zu groß für uns ist. Wenn wir ihn fassen wollen, flutscht er uns aus den Fingern. Auch der Prophet kann uns mehr nicht sagen. Auch er steht, wie jede vernunftbeschenkte Kreatur, staunend vor dem ewig größeren Geheimnis. Das ist dem christlichen Empfinden nach anders. Deshalb reden die Christen so offen über Gott und die Muslime hüsteln schon mal und meinen, es gehe etwas zu weit damit.

Es ist nur ein kleiner Unterschied, der am Ende doch alles anders aussehen lässt. Erlaube mir noch einen kurzen Ausflug in die Welt der Sprache. Unser christliches Glaubensbekenntnis steht eigentlich in Latein da, wie das Eure in Arabisch. Das Übersetzen von der einen Sprache in die andere ist immer so eine Sache. Man kann versuchen, so genau zu sein, wie man möchte; Wörter eins zu eins sind oft zu wenig.

Das Wort Glauben zum Beispiel hat mehrere Bedeutungen. Jemand kann sagen, er glaubt an Gott. Damit glaubt er vielleicht nur, dass es einen gibt. Es kann aber sein, dass er nichts weiter von ihm wissen will.
Ein zweites ist, man glaubt jemandem, was er sagt. Dass es ihn gibt, ist vorausgesetzt. In diesem Sinn glaubt zum Beispiel ein Muslim, was der Prophet verkündet hat. Dass es den Propheten überhaupt gab, ist kein Thema mehr, das ist vorausgesetzt. Wenn man so möchte, baut das eine Glauben auf das andere auf. Zuerst glaubt man an den Propheten, und dann glaubt man, was er sagte.
Jetzt gibt es noch ein drittes Glauben, und das wird oft vergessen wird, ist aber für das Zusammenleben sehr wichtig. Indem ich Dir glaube, was Du sagst, komme ich Dir näher. Das setzt aber ein Verhältnis des Vertrauens voraus. Wenn wir Freunde sind, ich meine jetzt wirklich, dann glaube ich Dir alles, was Du mir im Ernst sagst. Das kann auch etwas sein, was ich sonst niemandem abnehmen würde. Genau das macht die Freundschaft aus, und darin sind sich Freunde näher gekommen als irgendwelche Leute sonst. Das bedeutet, der freundschaftliche Glaube bringt uns näher zusammen. Wirkliche Freunde lernen einander kennen, wie nur wirkliche Freunde es können. Das heißt, ich glaube sozusagen in die Kammer Deines Herzens hinein. Da dürfen nur Freunde wohnen.
Man es auch anders herum sagen. Wenn ein Richter einen Schurken vor sich hat, dem eigentlich nicht über den Weg zu trauen ist, und wenn dieser etwas bezeugt, was offensichtlich stimmt, dann glaubt der Richter ihm, er traut ihm aber noch lange nicht. Das heißt, er kauft es ihm ab, aber widerwillig. Das ist kein wirklicher Glaube. Der Halunke kommt dem Richter nicht näher und der Richter will wohl auch eher Abstand wahren. Wirklicher Glaube ist eine Sache zwischen Personen, die mit einander zu tun haben wollen, die Lust haben, einander ihre Welt und ihr Leben zu öffnen.

Jetzt kommt, was für Muslime eher fremd sein dürfte. Gott ist der Erhabene, das bleibt er auch, und ich versuche hier, diese Erhabenheit mit vielen Worten zu erklären, wie Meister Thomas sie mit noch viel mehr Wörtern und viel besser erklären konnte. Es hat aber eine Zeit gegeben, in der Gott der Welt durch seine Propheten seinen Beschluss mitteilen ließ, nämlich dass er vorhat, uns wie Freunde zu behandeln und uns in seine Welt schauen zu lassen. Das ist ein tiefes Geheimnis.

Sent III,23,2, cq2, co: „Ex hoc enim quod intellectus terminatur ad unum, actus fidei est credere Deum, quia objectum fidei est Deus secundum quod in se consideratur, vel aliquid circa ipsum, vel ab ipso. Ex hoc vero quod intellectus determinatur a voluntate, secundum hoc actus fidei est credere in Deum, idest amando in eum tendere.“
– „Insofern der Intellekt vom Erfassen des Einen her bestimmt wird, bedeutet Glauben ‚an Gott glauben‘, denn das Objekt des Glaubens ist Gott, insofern bedacht wird, was er ist, was ihn betrifft oder was von ihm ausgeht. Wenn der Glaube aber vom Willen her gesehen wird, bedeutet der Glaubensakt ein ‚Glauben in Gott‘, das heißt, sich liebend auf ihn hin ausstrecken.“

Thomas beschreibt hier sozusagen den natürlichen Vorgang des Glaubens, wie Menschen ihn einander entgegenbringen. Das Erstaunliche der christlichen Botschaft ist nun, dass Gott beschlossen hat, diesen natürlichen Akt Gott gegenüber nicht ins Leere laufen zu lassen, sondern ihm im gnädigen Akt der Menschwerdung sozusagen entgegen zu kommen.

Islam und Christentum, Teil 8

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Erkenntnis und Liebe
Bisher habe ich versucht zu erklären, dass in Gott ein Erkennen ist und ein Erkanntes. Gott erkennt und kennt sich selbst. Er erkennt sich und weiß um sich. Wir hatten das mit der menschlichen Person verglichen. Auch sie ist nur eine. Du bist Ali, ich bin Johannes. Dennoch können wir, wenn wir uns selbst erkennen, kritisieren und beurteilen, ohne zwei zu sein. Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir etwas getan haben, was wir falsch finden. Wir finden uns eher gut, wenn wir getan haben, was richtig war.

Die Bibel sagt, Gott hat ein Wort in sich, das „der Sohn“ wurde, als er auf die Welt kam. Das sind zwei Komponenten in Gott. Unsere Offenbarung spricht aber von drei Personen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Neben dem Sohn spricht die Bibel auch vom Heiligen Geist, der ebenfalls Gott ist. Jesus ist da sehr deutlich. Für ihn als das Wort, das gekommen ist, war vorgesehen, dass er ein Menschenleben lang auf der Erde sein und bleiben würde. Sein Tod war vorgesehen und vorgesehen war auch, dass er in diesem Tod die Welt wieder verlassen würde. Vorgesehen war also, dass der Sohn kommen und wieder gehen sollte. Weil das aber für die, die ihn kennen- und lieben gelernt hatten, eine eher traurige Angelegenheit sein musste, sprach er von „einem anderen Beistand“, den der himmlische Vater an seiner statt senden würde. Dieser sei der Tröster, der Heilige Geist, der in ihre Herzen sich ergießen wolle. Der heilige Paulus hat später in seinem Römerbrief diesen Trost für alle beschrieben, nicht nur für seine Jünger. Der heilige Geist ist „ausgegossen in unsere Herzen“, schreibt er. An anderer Stelle schreibt er, der Geist Gottes bezeuge unserem Geist in unseren Herzen, dass wir Kinder Gottes sind. Dem Zeugnis der Bibel nach wollte Gott also nicht nur kommen und wieder gehen, um unser Verhältnis mit ihm zu reparieren. Er wollte mit seinem Trost auch bleiben, und das geht nur im Geist. Der führt seine Kinder und die Kirche. Aber wie sich das alles beschreiben lässt, darauf können wir noch des näheren kommen, wenn Du möchtest.

Unsere Bibel spricht in dieser Sache also von drei Komponenten in Gott, und Jesus gibt kurz vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern die Anweisung, die Menschen „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen, um aus den Kindern Adams Kinder Gottes zu machen.

Wir müssen also die dritte Person, die Gott uns geoffenbart hat, in Gott denken können, und jetzt beginnt wieder die Arbeit des heiligen Professors Thomas zur Erklärung. Für ihn ist die Sache klar: Erkennen allein reicht nicht! Erkennen allein macht noch kein wirkliches Verhältnis. Wenn Du erkennst, dass falsch und schlecht war, was Du getan hast, dann reicht das noch nicht für ein schlechtes Gewissen. Wirklich schlecht ist ein Gewissen erst, wenn einem auch schlecht dabei zu Mute ist. Wenn Du erkennst, dass Du mutig warst und etwas gut gemacht hast, dann reicht auch da die reine Erkenntnis nicht. Du musst Dich auch gut finden können und dürfen. Was wir ein gutes oder schlechtes Gewissen nennen, das hat nämlich auch eine emotionale Seite. Ein Mensch, der weiß, dass mies war, was er  Dir angetan hat und Dir dabei ins Gesicht lacht, der hat kein schlechtes Gewissen, sondern ist ein schlechter Kerl. Erkennen reicht nicht. Man erkennt nicht nur, wer man ist oder was man tut und will. Man findet es auch gut oder schlecht, traurig oder klasse. Das ist viel mehr als reines Erkennen, es ist Lieben.

Ein Mensch, der nicht lieben kann, ist kein Mensch. Er wäre eher ein Roboter. Es gibt keine Menschen, die nur erkennen. Menschen leiden auch unter ihrer Erkenntnis und freuen sich drüber. Thomas sagt nun, so etwas muss man auch in Gott annehmen. Er erkennt sich nicht nur. Er hat auch Lust an dieser Erkenntnis. In der Sprache des heiligen Thomas bedeutet das, er will auch etwas. Gott wollte die Menschwerdung, er wollte uns den Tröster senden und er will, dass es mit uns gut ausgeht. Erst in dieser Kombination können wir die Liebe behaupten. Lieben bedeutet nämlich immer, dass man, erstens, gut findet, dass es das Geliebte gibt, und zweitens, dass das Geliebte immer irgendwie im Liebenden ist. Wenn Du einen Menschen liebst, dann hast Du ihn immer irgendwie im Herzen. Du hast ihn immer im Herzen und das im Willen, dass es ihm gut ergehe.

In diesem Sinn beschreibt unser Professor auch die Liebe in Gott, die wir annehmen müssen.

Zweimal hat zu Jesu Zeiten eine Stimme vom Himmel gesprochen. Das eine Mal, zur Taufe bei Lukas sagt sie: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ Ein zweite Mal ruft sie zur sogenannten Verklärung Jesu den Jüngern zu: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Das ist mehr als die Sprache reiner Erkenntnis. Es ist die Sprache des Vaters, der seinen Sohn auf Erden liebt, und der schon immer voller Liebe war, weil er ganz Liebe ist.