Sachen, die nicht nötig sind

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Briefe an unseren Bufdi

Ich weiß jetzt nicht, ob Du es schon wusstest, aber in unseren Kulturkreisen das Wort „Opfer“ im Munde zu führen macht einen nicht gerade populär. Wer etwas gelten will, der sollte vom Opferbegriff nur in der Absicht sprechen, ihn abzuschaffen. Wenn ich Dir hier aber etwas Sinnvolles über die Religion meiner Väter sagen will, dann muss ich diese Kröte schlucken. Ein Katolik, der nicht vom Opfer redet, ist wie ein Tierschützer, der Tiere nicht erwähnen will. Aber ich will eins klarstellen. Das Opfer Jesu hat weh getan, und so wird oft vom Schmerz geredet. Das ist keine schöne Sache. Das Eigentliche aber, was das Ganze ausmacht, ist nicht das, sondern die Hingabe und die Liebe, die sie motiviert. Wenn ein Verliebter zu Fuß über die Alpen geht, nur um seiner Geliebten in den Armen liegen zu können, dann ist die Freude am Ende sein Motiv, und wenn Sie ihn dann bewundert, dann nicht, weil er Blasen an den Füßen hat, sondern, weil er sie so bereitwillig in Kauf genommen hat. Natürlich sind die Schmerzen die Währung, in der zu zahlen war. Die Christen sprechen auch vom Preis der Schmerzen Jesu, die er geschultert hat. Sie bleiben aber etwas Unangenehmes und vor allem in Kauf genommenes. Bei jeder Reise geht es um ihr Ende, und „der Weg ist das Ziel“ wird hier völlig unverständlich. Epochen, die nichts zu bieten haben, feiern ein Jubiläum nach dem anderen, und das Preisen des Weges an sich hat nötig, wer kein Ziel vor Augen hat. Wer bringt schon sein Auto in die Werkstatt, nur dass mal jemand daran herum schraubt? Aber seis drum Wandern an sich ist schön, und es gibt schon jede Menge Dinge, die ihren Sinn in sich selber haben. Beim Opfer aber kann man so nicht sprechen. Opfer sind teleologisch, sie gibt es nur um ihrer Ziele willen.
Ich sage das übrigens alles hier als Kritik in meine eigenen Reihen. Es gibt eine Sorte Katholiken, die sich gern in Reden vom Schmerz und seinem Wert ergehen. Ich werde da immer den Verdacht nicht los, dass sie selber noch nicht wirklich welchen hatten.

Aber lassen wir das alles jetzt. Die wirksamste Kritik am Opfer ist die, dass es unnötig ist. Man geht nur zu Fuß über die Alpen, wenn man nicht fliegen oder fahren kann. Opfer werden nur gebracht, wenn sie sich nicht vermeiden lassen. Unumgänglich müssen sie sein, und hier setzt die Kritik nun an. Die Muslime beispielsweise haben keine Priester, weil sie sagen, die Menschen bräuchten keine. Jeder Mensch, so sagen sie, steht unmittelbar und allein vor Gott. Da muss nichts zwischen gebaut werden. Die Menschen, die nicht beichten wollen, sagen oft, sie bräuchten kein priesterliches Ohr, in das sie ihre Missetaten sagen müsste. Gott sei ihnen nahe genug. Nach den Maßstäben der modernen Praktikabilität wird dem kaum zu widersprechen sein. In der Moderne haben Erklärungen möglichst smart und effizient zugleich zu sein. Möglichst schlank, möglichst günstig und wirksam lautet die Kombination. In der Antike und im Mittelalter, den Epoche also, denen wir unser Model hier verdanken, galt das nicht. Da trug das Ideal des Üppigen. Früher wären eher dicke Damen über den Laufsteg gelaufen.
Das Ideal der Üppigkeit kommt aus den Bildern der Bibel. Als eine Frau des Herren Füße salbte, fragte Judas aus der zweiten Reihe, ob es nicht auch weniger vom Öl getan hätte. Er hatte nicht verstanden, wer Jesus war. In ihm wohnte die Gottheit, für die ein ganzes Universum zu schaffen genau so keine Mühe macht, wie ein einziges Senfkorn. Dreitausend Brote zaubern kostet ihn nicht mehr als eins. Wir sind das nicht gewohnt, weil wir immer sparen und einteilen müssen. Mit einer Börse aber, die nie leer wird, lässt sich ganz anders denken.

Ein Gott der alles kann, könnte sich die Instanz der Priester in der Tat ersparen. Das Prinzip, es soll nicht sein, was nicht sein muss, gilt hier aber nicht. Es geht hier nicht um die Frage, was Gott alles kann. Es geht einzig um die Frage, was er will, und da ist der Befund ziemlich eindeutig. Er will den Priester, und er wollte in seinem Sohn selbst der Priester sein. Wir sollten uns also an den Gedanken gewöhnen, dass Gott auch wollen kann, was gar nicht nötig wäre. Aber wenn er es wünscht, dann wünscht er es nunmal. Wir müssen uns überhaupt mit dem Gadanken vertraut machen, dass wir von Dingen reden, auf die nie ein Mensch gekommen wäre. Kein Menschenhirn hätte sich die Menschwerdung der Gottheit einfallen lassen oder je gewagt, sie zu verkünden. „Völlig undenkbar!“ hätte alle Welt gesagt, ind sie wäre sicherlich nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Es ist sehr verständlich, dass wir unsere muslimischen Vettern und Cousinen damit skandalisieren. Wir stehen aber hier und können nicht anders. Deshalb heißt das erste der Gebote im Gespräch verschiedener Meinungen das Schaffen und Erhalten eines aufrichtigen Freundschaftswillens auf beiden Seiten der Gräben, die uns nunmal trennen.

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Was unsere Religionen unterscheidet

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Islam und Christentum im Vergleich, Teil 26

Ich komme zu einem Kapitel, bei dem ich die Muslime zum ersten Mal bitte, mir zu widersprechen, wenn ich falsch liege. Genau genommen will ich das immer, aber hier sind wir an einem Punkt angekommen, wo ich zum ersten Mal einen grundsätzlichen Unterschied zwischen unseren Lagern entdecke. Es ist eigentlich ein Unterschied in den Mentalitäten, sozusagen in der grundsätzlichen Atemluft, die beide Religionen jeweils ausmacht.

Ein Vergleich beider Glaubensbekenntnisse macht schon ziemlich deutlich, worauf ich hinaus will. Das christliche Glaubensbekenntnis geht so:

„Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches
und das ewige Leben.“

Die Schahāda, das Bekenntnis des Islam ist von ganz anderer Art und lautet:

„Ich bezeuge:
Es gibt keinen Gott außer Allah,
Er ist Einzig und nichts ist Ihm gleich,
und ich bezeuge,
dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.“

Auf den ersten Blick liegt der Unterschied natürlich in der Länge. Das ist aber nicht das Entscheidende. Das christliche Glaubensbekenntnis muss so lang sein, weil es sozusagen die einzelnen Sätze, die geglaubt werden, gleich vollständig öffnet. Alles, was zu glauben ist, liegt sozusagen offen da.
Das islamische Glaubensbekenntnis beginnt mit einem negativen Satz. Es weißt erst einmal zurück, was nicht in Frage kommt. Niemand, außer der eine Gott hat das Recht, angebetet zu werden. Wenn das gesagt ist, wird die Sache, positiv, an den Propheten weiter gereicht. Wer jetzt noch wissen will, was im einzelnen geglaubt werden soll, der muss sich an den Gesandten wenden.
Wenn ich gebeten würde, das christliche Glaubensbekenntnis ähnlich zu gestalten, dann müsste ich sagen:

„Es gibt keinen Gott, außer den einen,
und die Kirche sagt alles weitere.“

Was im einzelnen zu glauben ist das bleibt, wenn man so möchte, für die Ungläubigen zunächst geschlossen. Man muss sich sozusagen nochmal woanders erkundigen. Wer wissen will, was denn die Muslime glauben, der muss sich erkundigen, was der Gesandte gesagt hat. Das Glaubensbekenntnis selbst offenbart das nicht.
Das gängige Glaubensbekenntnis der Christen ist dagegen wie eine geöffnete Tür ins Innere. Man kann und sollte auf die Dauer zwar des Näheren die Kirche befragen, natürlich, aber was zu glauben ist, steht schon da, in allen, wichtigen Punkten.

Hier liegt ein Keim unseres ersten Unterschiedes. Es ist nach christlichem Empfinden nämlich nicht nur das Glaubensbekenntnis, was offen steht, es ist ebenso die Gottheit selbst, die sich sozusagen geöffnet hat. (Der Vernunft ein wenig, dem Glauben ganz, möchte ich etwas geheimnisvoll hinzufügen) Dass das Glaubensbekenntnis offen steht, ist wie ein Zeichen für die Offenheit Gottes, von der noch zu reden ist.

Ich spreche hier, wie gesagt, von einem grundsätzlichen Empfinden beim Klang des Namens Gott. Gestatte mir, das mit zwei Gedanken noch etwas zu beschreiben. Auf meine Frage, was „Allahu akbar“ genauer heißt, sagte mir einmal ein Gelehrter, es heiße eigentlich nicht, wie oft gemeint, „Gott ist groß“. Das sei zu wenig. Es bedeute, Gott sei am größten und immer der Größere. „Gott ist größer“, wäre richtiger übersetzt. Das erst drücke nämlich seine Erhabenheit aus. Also: Was immer jemand von Gott sagen kann, es muss immer dazu gesagt werden, dass er eine Nummer zu groß für uns ist. Wenn wir ihn fassen wollen, flutscht er uns aus den Fingern. Auch der Prophet kann uns mehr nicht sagen. Auch er steht, wie jede vernunftbeschenkte Kreatur, staunend vor dem ewig größeren Geheimnis. Das ist dem christlichen Empfinden nach anders. Deshalb reden die Christen so offen über Gott und die Muslime hüsteln schon mal und meinen, es gehe etwas zu weit damit.

Es ist nur ein kleiner Unterschied, der am Ende doch alles anders aussehen lässt. Erlaube mir noch einen kurzen Ausflug in die Welt der Sprache. Unser christliches Glaubensbekenntnis steht eigentlich in Latein da, wie das Eure in Arabisch. Das Übersetzen von der einen Sprache in die andere ist immer so eine Sache. Man kann versuchen, so genau zu sein, wie man möchte; Wörter eins zu eins sind oft zu wenig.

Das Wort Glauben zum Beispiel hat mehrere Bedeutungen. Jemand kann sagen, er glaubt an Gott. Damit glaubt er vielleicht nur, dass es einen gibt. Es kann aber sein, dass er nichts weiter von ihm wissen will.
Ein zweites ist, man glaubt jemandem, was er sagt. Dass es ihn gibt, ist vorausgesetzt. In diesem Sinn glaubt zum Beispiel ein Muslim, was der Prophet verkündet hat. Dass es den Propheten überhaupt gab, ist kein Thema mehr, das ist vorausgesetzt. Wenn man so möchte, baut das eine Glauben auf das andere auf. Zuerst glaubt man an den Propheten, und dann glaubt man, was er sagte.
Jetzt gibt es noch ein drittes Glauben, und das wird oft vergessen wird, ist aber für das Zusammenleben sehr wichtig. Indem ich Dir glaube, was Du sagst, komme ich Dir näher. Das setzt aber ein Verhältnis des Vertrauens voraus. Wenn wir Freunde sind, ich meine jetzt wirklich, dann glaube ich Dir alles, was Du mir im Ernst sagst. Das kann auch etwas sein, was ich sonst niemandem abnehmen würde. Genau das macht die Freundschaft aus, und darin sind sich Freunde näher gekommen als irgendwelche Leute sonst. Das bedeutet, der freundschaftliche Glaube bringt uns näher zusammen. Wirkliche Freunde lernen einander kennen, wie nur wirkliche Freunde es können. Das heißt, ich glaube sozusagen in die Kammer Deines Herzens hinein. Da dürfen nur Freunde wohnen.
Man es auch anders herum sagen. Wenn ein Richter einen Schurken vor sich hat, dem eigentlich nicht über den Weg zu trauen ist, und wenn dieser etwas bezeugt, was offensichtlich stimmt, dann glaubt der Richter ihm, er traut ihm aber noch lange nicht. Das heißt, er kauft es ihm ab, aber widerwillig. Das ist kein wirklicher Glaube. Der Halunke kommt dem Richter nicht näher und der Richter will wohl auch eher Abstand wahren. Wirklicher Glaube ist eine Sache zwischen Personen, die mit einander zu tun haben wollen, die Lust haben, einander ihre Welt und ihr Leben zu öffnen.

Jetzt kommt, was für Muslime eher fremd sein dürfte. Gott ist der Erhabene, das bleibt er auch, und ich versuche hier, diese Erhabenheit mit vielen Worten zu erklären, wie Meister Thomas sie mit noch viel mehr Wörtern und viel besser erklären konnte. Es hat aber eine Zeit gegeben, in der Gott der Welt durch seine Propheten seinen Beschluss mitteilen ließ, nämlich dass er vorhat, uns wie Freunde zu behandeln und uns in seine Welt schauen zu lassen. Das ist ein tiefes Geheimnis.

Sent III,23,2, cq2, co: „Ex hoc enim quod intellectus terminatur ad unum, actus fidei est credere Deum, quia objectum fidei est Deus secundum quod in se consideratur, vel aliquid circa ipsum, vel ab ipso. Ex hoc vero quod intellectus determinatur a voluntate, secundum hoc actus fidei est credere in Deum, idest amando in eum tendere.“
– „Insofern der Intellekt vom Erfassen des Einen her bestimmt wird, bedeutet Glauben ‚an Gott glauben‘, denn das Objekt des Glaubens ist Gott, insofern bedacht wird, was er ist, was ihn betrifft oder was von ihm ausgeht. Wenn der Glaube aber vom Willen her gesehen wird, bedeutet der Glaubensakt ein ‚Glauben in Gott‘, das heißt, sich liebend auf ihn hin ausstrecken.“

Thomas beschreibt hier sozusagen den natürlichen Vorgang des Glaubens, wie Menschen ihn einander entgegenbringen. Das Erstaunliche der christlichen Botschaft ist nun, dass Gott beschlossen hat, diesen natürlichen Akt Gott gegenüber nicht ins Leere laufen zu lassen, sondern ihm im gnädigen Akt der Menschwerdung sozusagen entgegen zu kommen.

Islam und Christentum, Teil 10

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Gedanken zur Menschwerdung

Was wir bisher betrachtet haben, war alles sehr kurz und schnell dahin gesagt. Ich bin auch noch nicht ganz sicher. Vielleicht sollten wir am Ende noch einmal alles durchgehen und das eine oder andere, kleine Kapitel zur näheren Erläuterung dazwischen packen. Jetzt würde ich aber gern erst einmal im gleichen Tempo weiter gehen und mit dem nächsten, großen Kapitel anfangen, nämlich der Menschwerdung des ewigen Wortes. Die Sprache der Christen nennt das die Fleischwerdung des Wortes oder dessen Menschwerdung in Christus, dem Sohn des Vaters.

Bleiben wir bei unserem Meister Thomas. In seinen Werken und seinem Denken ist die Menschwerdung das zweite, große und strikte Glaubensgeheimnis. Das bedeutet das gleiche wie wir im Fall der Dreifaltigkeit in Gott gesehen haben: Wir reden von etwas, das den Verstand des Menschen übersteigt, nämlich von Gott und seinen Entschlüssen. Auf Erden können wir sagen, wenn ein Autofahrer so weiter aufs Gas drückt und nicht langsam bremst, dann wird er aus der nächsten Kurve fliegen. Wir können das einschätzen und, wenn nötig am Schreibtisch sogar ausrechnen. Die Daten liegen vor, die Wahrscheinlichkeiten lassen sich einigermaßen bestimmen und in der Welt laufen die Dinge stabil genug, um Vorhersagen machen zu können. In der Welt geht es so zu.

Wir reden aber von Gott, und für Gott gilt immer eins: Wir können unsere Berechnungen auf ihn nicht zwingend anwenden. Gott ist kein Teil dieser Welt, und er ist an unsere Wahrscheinlichkeiten nicht gebunden. Das islamische ‚Allahu akbar‘ hat hier, wenn man so möchte, eine allgemeine Bedeutung: „Gott ist größer!“. Der Mensch hat ihn nicht in seiner Hand und kann ihn nicht in seine Tasche packen. Das höchste Wissen, schreibt Thomas, das wir von Gott haben können, ist, dass wir ihn nicht wissen. Wir wissen zwar, dass er gut ist. Wir wissen, dass er Erkenntnis hat und wir wissen gemeinsam, dass er barmherzig ist und nichts Unbarmherziges an ihm sein kann. Wir wissen auch, dass wir ruhig denken dürfen, seine Güte ist von der Art, wie wir Güte empfinden. Wir wissen ebenso, dass seine Barmherzigkeit uns niemals unbarmherzig vorkommt, solange wir das Herz am rechten Fleck haben. Wir wissen aber auch, was er uns in der Bibel hat sagen lassen: „Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege.“

In diesem Sinn hatte Thomas gesagt, die Dreifaltigkeit übersteige den Verstand aller Geschöpfe. Nun sagt er, für das Geheimnis der Menschwerdung gelte das noch viel mehr. Diese Sache übersteige den Verstand des Menschen sogar am meisten. Es kommt hier nämlich noch ein Gedanke hinzu, den ein Gläubiger immer irgendwie im Hinterkopf haben sollte. In der Bibel des Alten Testamentes gibt es hundertfünfzig Lieder und Gebete, Psalmen genannt werden. Die Priester, Nonnen und Mönche, und viele Christen sonst beten täglich mehrmals am Tag aus diesem Schatz. Ein zentraler Satz lautet: „Was ist der Mensch, o Gott, dass Du seiner gedenkst?“ Dem Sinn nach lautet der Gedanke: „Wie geht es überhaupt an, dass Du großer Gott Dich herablässt, um Dich um mich wirklich zu kümmern?“ Zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen liegt eine ganze Unendlichkeit. Auch jeder Muslim und alle Juden werden angesichts ihres Glaubens immer wieder mal zu dem Punkt kommen, wo sie nur noch staunen und sich fragen, wie kann sich der Allmächtige, der das Universum in einem Blick und alles zugleich in seiner Hand hat, es nötig haben, unser Einzelschicksal überhaupt einer gerichtlichen Betrachtung unterziehen? Wir zerdrücken eine Laus und würdigen sie keiner näheren Anschauung, und der Schöpfer soll sich einen Kopf um mein kleines Schicksal machen?

Was die Dreifaltigkeit angeht, ist es schon eine unglaubliche Würde, dass der Schöpfer den Vorhang etwas anhebt und uns ahnend in sein Innenleben schauen lässt. Jetzt kommt der noch viel unglaublichere Gedanke hinzu, dass er sich gewürdigt hat um unseretwillen als Mensch die Erde zu betreten. Das ist schier unglaublich.

Aber in der christlichen Glaubenswelt muss man sich an das Unglaubliche gewöhnen und beginnen, es glaubend anzunehmen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie dahin gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht und das ewige Leben hat.“ Der Christ glaubt an Gott, er glaubt, was seine Heiligen und die Überlieferung über ihn sagen und er glaubt Gott, dass er durch all das immer noch zu uns spricht. Reden wir also über die Menschwerdung.

Was hilft einer Kirche, die außer Moral nichts mehr hat?

Bildschirmfoto 2013-12-27 um 11.58.40Ein Kommentar zu einigen Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie, eine polemische Einleitung.

Was ich vorlegen möchte, verdankt sich einem alten Versprechen. Jemand bat mich vor einigen Jahren, eine Abhandlung zum Sakrament der Eucharistie zu schreiben. Die sollte theologisch hoch qualifiziert und doch für jedermann verständlich sein.
Mit der hohen Qualität habe ich eigentlich keine Bedenken. Theologisch hoch Qualifiziertes kann ich liefern, sobald ich nicht viel Eigenes schreibe und mich hinter dem breiten Kreuz des heiligen Thomas verstecke. Der heilige Thomas hat stets höchste Qualität geliefert. Wer ihn präsentiert, begibt sich auf eine sichere Bank.
Mit dem Verständlichsein für jedermann habe ich schon eher mein Bedenken. Für Theologen ist es einigermaßen einfach, Bücher zu schreiben, die theologisch klingen. Die Theologie aber in die Sprache des Alltags zu gießen, ist viel schwieriger. Ebenso, wie es weitaus schwerer ist, dünne, als dicke Bücher zu fabrizieren.
Fremdwörter sind Wörter, die in bestimmten Werkstätten benutzt werden und die dort alle kennen. In einer Autowerkstatt weiß vom Obermeister bis zum Lehrling jeder, was ein Drehmomentschlüssel ist. Das Wort erleichtert die Arbeit. Man muss sich nicht immer „den Schlüssel“ anreichen lassen, „der Schrauben genau so fest anzieht, wie man es einstellen kann.“ Sobald man aber die Werkstatt verlässt, muss man es genau so, mit der langen Erklärung sagen. Lange Erklärungen aber sind lange Erklärungen. Wer will die schon lesen? Thomas selbst hat im Vorwort seiner großen Summe geschrieben, man müsse auf lange Erklärungen und Wiederholungen verzichten, wenn man den Überdruss der Leser vermeiden wolle. Eine Erklärung der Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie in schlichter Sprache ist also eine geradezu pikante Herausforderung, und mir wäre lieb, wenn viele Theologen ihren Reiz entdecken würden, um Thomas oder andere Kirchenlehrer unters Volk zu bringen.
Ich glaube nämlich, es mangelt gerade daran in der Kirche unserer Tage: Vor etwa einem halben Jahrhundert hat man so ziemlich alles umgestellt, was man umstellen konnte. Die einen schlugen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, die anderen jubelten. Bis heute streitet man wie die Kesselflicker an den Grenzen und arbeitet sich ab an tagespolitischen Äußerlichkeiten. Heerscharen von Journalisten verdienen damit ihr täglich Brot. Dabei fällt offenbar keinem auf, dass der weitaus größte Schaden an einer ganz und gar verlassenen Baustelle zu finden ist: Man hat vor lauter Streit und Organisation, vor lauter Neu und Alt die Unterweisung der Leute im Kleinen Einmaleins der schlichten Glaubensdinge unterlassen und ersatzlos gestrichen.
Das zweite Vatikanische Konzil erklärte noch feierlich, die Kirche wachse und gedeihe ganz aus dem Sakrament der heiligen Eucharistie. Öffentlich verlesen hat das niemand. Vielmehr stritt und streitet man sich bis heute um die Formen, die Gewänder und die Orgel. Das ist wie wenn man feierlich zur Krippe pilgert, sich über den Ochsen und den Esel unterhält und das Kind aus den Augen verliert.
Die Kirche ist in ihrer Predigt rein äußerlich und oberflächlich geworden, und alles Oberflächliche wird zwangsläufig moralisch. Man tritt aus der Kirche aus, weil die Bischöfe nicht brav sind. Wären sie das, dann könnten sie Schnitzel konsekrieren, niemand im gläubigen Volk würde das stören. Man geht zur Kirche, wenn die Priester es Woche für Woche schaffen, spannende Sachen vom gelingenden Leben zu erzählen. Ob sie dabei die heilige Messe zelebrieren oder nicht, ist unerheblich.
Unser Professor für Kirchengeschichte erzählte uns, im dritten Jahrhundert hätten die Marktweiber sich mit ihrem Fisch und Gemüse geprügelt, weil sie im Streit um die Frage, wer Jesus Christus wirklich war, uneinig waren. Der Kaiser musste das erste Konzil einberufen, damit öffentlich erklärt werden konnte, Jesus sei eines Wesens mit dem göttlichen Vater. In einer Kirche, die außer Moral nichts mehr zu predigen versteht, ist das völlig unerheblich. Es ist egal, wer oder was Jesus in seiner personellen Tiefe war, wenn er nur zu allen lieb gewesen ist.
In den Zeiten vor der Vernachlässigung der Lehre lernten alle katholischen Kinder, der Sinn des Lebens sei, Gott lieben zu lernen, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen. Ein oberflächlicher Glaube sieht das mit den Gottesdiensten noch irgendwie ein, in den Himmel kommen, wäre auch nicht schlecht. Aber wen man da lieben soll, kann nicht mehr geklärt werden. Für eine Kirche des guten Benehmens ist das auch unerheblich.
Einer in der Moral verarmten Kirche ist auf die Dauer nur zu helfen, wenn sie die verborgenen Schätze wieder entdeckt und den Staub von ihnen wienert. Dabei wird der Mensch, der auf der einen Seite posaunt, wie gut er sich entwickelt und auf der anderen Seite nichts mehr von sich hält, entdecken, dass er mal ein Prinz am Hof eines großen Königs war und dass er sein eigenes Krönchen putzt.
Ich werde also jetzt versuchen, einige Gedanken des heiligen Thomas von Aquin zum Sakrament der Eucharistie zu beschreiben. Es wäre zu begrüßen, wenn das einer besser macht oder es vielleicht sogar mit dem heiligen Augustinus oder Chrysostomus versucht. Die Tagespolitik von heute ist morgen verflogen. Die Schönheit der Lehre aber steht wurzeltief im Humus unseres geistigen Lebens. Schweigen wir nicht länger von ihr.