Die Wertungen in Glaubenssachen

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Briefe an unseren Bufdi

Es gibt das Glauben so und es gibt das Glauben so. Ein Richter, der einem unsympathischen Zeugen seine Story abnimmt, ist sozusagen gezwungen sie zu glauben. Sein Glaube geht wohl aber nicht auf die Person, die mag er nicht. Er glaubt nicht dem Zeugen, sondern er nimmt die Wahrheit seiner Geschichte an und ihm seine Version ab. Richter und Zeuge haben keine Gemeinschaft, auch wenn sie gemeinsam im selben Raum sind. Was wir Gemeinschaft nennen, ist vom räumlichen Zusammensein nicht unbedingt abhängig. Knastbrüder können lebenslang auf der gleichen Zelle hocken und doch trennt sie womöglich alles, was Menschen trennen kann. Auf der anderen Seite können echte Freunde ihr halbes Leben lang getrennt sein. Treffen sie sich, dann empfinden sie ihre Freundschaft, wie sie immer war, weil sie nie aufgehört hat.
Das sich glauben unter Freunden hat eine Lust bei sich, nämlich die Lust der Freunde an ihrer Gemeinschaft. Das Glauben geht gar nicht nur auf das, was sie sagen, sondern immer auch auf die Person, der geglaubt wird. Man ehrt seinen Freund, wenn man ihm seinen Glauben schenkt, und die Freude dreht sich um die Ehre und das Ehren.

Der Volksmund ist gewohnt, die Dinge zu bewerten, man spricht auch gern von Werten überhaupt. Manchmal hört man auf hohen Geburtstagen die Leute sagen, das wichtigste sei doch die Gesundheit. „Hauptsache gesund“, heißt es in Kurzform. Das sind hübsche Sprüche, sie sind aber falsch. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“, schreibt Schiller dagegen, und ich finde, er hat Recht. Die Gesundheit ist ein hoher Wert, aber sie ist eher nur wie ein Werkzeug, das man hat. Man ist gesund genug, irgendetwas zu tun. Man lebt nicht einfach um zu leben, sondern man lebt um höhere Dinge zu verwirklichen. Mein Opa wollte nicht lange leben, damit sein Leben lang sei. Er wollte lange leben, um lange etwas von seinen Kindern und Enkeln zu haben. Nicht das Leben war die Hauptsache, sondern die Kinder. Professor Splett pflegt das in die Worte zu kleiden: „Das Leben ist uns nichts mehr wert, wenn wir nichts haben, was uns mehr wert ist als das Leben.“ Ich finde, dem kann man nicht gut widersprechen, und die höchsten Dinge dürften die sein, die man liebt und für die man sogar zu sterben bereit wäre.
Wenn man jetzt sagt, da liebt jemand aber sein Fahrrad, dann würde wohl jeder sagen, eine solche Liebe reiche nicht. Wer geht für einen Drahtesel in den Tod? Es müssten schon so Sachen sein wie Familie, Heimat, Freunde oder eine Religion.

Nebenbei bemerkt: Das zuletzt genannte macht das ganze noch einmal besonders.
Einzig die Religionen sprechen davon, dass und wie das Leben nach dem Sterben weiter geht. Ein Märtyrer, der fest und freudig im Glauben an sein Paradies zum Sterben geht, hat der Qualität nach ein ganz anderes Motiv für seine Hingabe. Jemand, der glaubt, mit dem letzten Atemzug werden einfach die Stecker gezogen und aus ist’s mit dem Dasein, der hat weniger auf der Habenseite, was seine Hingabe angeht.
Werten können wir auch das mit dem Glauben. Der am höchsten wertige, der reichere Glaube dürfte der zwischen Personen sein, also zwischen Wesen, die von allen bekannten als höchste eingestuft werden. Nun sind natürlich sowohl Richter, also auch Bankräuber Personen. Als höher werden hier allerdings solche geschätzt, die im klassischen Sprachgebraucht die tugendhaften genannt wurden. Tugenden sind, Aristoteles nach, ausgebaute Fähigkeiten, die Menschen zu guten Menschen machen. Schlechte Menschen führen deshalb schon mal das Etikett von herabgekommenen Wesen. Im Evangelium heißt es, Gott lasse seine Sonne über Gute und Böse scheinen, er ist also auch mit den Bankräubern. Dazu wäre allerdings zu sagen, die Guten sind dann die, die sich in Richtung Licht entwickeln suchen und die bösen sind die, welche die Dunkelheit von Spelunken vorziehen. Wie gesagt, der Volksmund macht das so, und ich muss sagen, ich halte viel von ihm, bei allem Widerspruch, der schon mal dahin gehört.

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Glauben und Glauben sind zweierlei

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Briefe an unseren Bufdi

Glaub mir, ich habe mich schon oft mit Gläubigen und Ungläubigen aller Sorten  mit Worten und Argumenten herumgeschlagen, weil mich diese Grenze schon immer interessiert hat und weil ich Lust am Streiten habe. Um nicht in falsches Licht zu geraten, der Streit gehört ebenso kultiviert, wie das ganze Leben kultiviert gehört, und die Lust geht nicht auf den Schaden des Gegners, sondern auf das Darstellen der eigenen Fähigkeiten.

Fußball zum Beispiel ist ein Streit, ein Kampfsport sozusagen. Man legt sich gegen seinen Gegner ins Zeug und hat Lust mit ihm und gegen ihn zu spielen. Dabei hat die Lust nicht auf den Schaden des Gegners zu gehen, sondern auf den Spaß am eigenen Spiel. Fabian spielt unbändig gern. Er spielt aber, damit seine Eltern, Freunde und am besten die ganze Welt sieht, wie er spielen kann. Wenn er seinen Spaß darin suchen würde, den Gegner verletzt am Boden liegen zu sehen, dann müsste man wohl das Gespräch mit ihm suchen.

In jedem kultivierten Streit sind die Waffen genau definiert. Im Fußball ist es verboten, mit Armen und Händen zu spielen. Beim Streit mit Worten ist es verboten, Keulen und andere, marzialische Waffen einzusetzen. Lediglich Worte und Gedanken sind erlaubt.

Es gibt eine weitere Lust am spielerischen Kampf, und die liegt darin, einer Sache zu dienen. In den Wirtschaftsunternehmen unserer Gegenden gilt jemand als guter Arbeiter, wenn er bei seiner Arbeit nicht nur an seine eigenen Taschen, sondern auch an die Sache der Firma denkt. Um das zu ermöglichen teilen geschickte Unternehmer mit ihren Arbeitern. Sie zahlen gewisse Beteiligungen an Gewinnen, um ihre eigene Firma ein bisschen zur Firma ihrer Mitarbeiter zu machen. Was einem gehört, dafür arbeitet man gern, lautet die Devise. Es macht einfach Spaß, seine eigene Mannschaft nach vorn zu spielen. Es macht den Missionaren Spaß, ihrer Kirche Raum auf der Welt zu verschaffen, weil sie sie für eine gute Sache halten, und hier können wir einsetzen.

Wenn man jetzt den Begriff der Ungläubigen in unsere Bilder übertragen wollte, dann wären für einen Fan des EfZe die Ungläubigen die Fans der anderen Mannschaften. Die wären zu bekehren oder zu bekämpfen. Für die verrückten sunnitischen Muslime sind die Ungläubigen die Muslime der Shia, für die Shiiten sind die Ungläubigen die Gläubigen der Sunna. Alle Menschen die nicht dem Propheten folgen, zählen bei beiden natürlich dazu.

Als die christlichen Konfessionen noch stritten, rutschten vor allem die Gläubigen der jeweils anderen Kirche in die Schublade der Ungläubigen, auch hier alle Nichtchristen natürlich mit. Vor allem aber kämpfte man über die Gräben der Konfessionen hinweg, und auch das mit Lust für die eigene Sache. Heute kämpft man nicht mehr, oder besser gesagt, nur noch wenig. Aus kultivierten Kämpfen sind all zu oft unkultivierte geworden, die sich zu Raubzügen und Kriegen ausgewachsen haben, und um das zu verhindern hat man den Streitenden die Waffen abgenommen. Die Waffenkammern lagen und liegen auf Seiten des Staates. Je klarer und besser die Religionen und die Belange der Staaten von einander getrennt sind, desto besser wird garantiert, dass niemand mehr für die Religion zu Felde zieht. Der Streit wird dahin zurück geführt, wo er hin gehört, ins rein Geistliche.

Ein Einwand. Unsere Wörter Glaube und Unglaube zu definieren, wie wir es bisher getan haben, ist einseitig, weil das eien ganz bestimmte Weise des Glaubens meint. Es gibt auch andere. Denk Dir mal einen Menschen vor die Augen, den Du nicht leiden kannst. Stell Dir weiter vor, er liegt mit einem anderen im Streit und Du wirst zum Schiedsrichter gerufen. Der, den Du nicht magst, erzählt Dir seine Version der Geschichte und es stellt sich heraus, er erzählt die Wahrheit und Du glaubst sie ihm. Du glaubst also dem, den Du nicht leiden kannst. Hier gibt es aber Unterschiede. Würde ich Dich fragen, ob Du bereit bist, diesem Menschen überhaupt Deinen Glauben zu schenken, dann würdest Du sicher ablehnen. Wenn wir jemanden nicht mögen, dann schenken wir ihm gar nichts, schon gar nicht unseren Glauben, was mit Vertrauen zu tun hat. Die Geschichte aber, die er erzählt hat, die nimmst Du ihm ab, wie man sagt. Glaube ist nicht Glaube.

Stell Dir ein zweites Bild vor. Dein allerbester Freund erzählt Dir eine Geschichte, die sehr unwahrscheinlich und richtig schwer zu glauben ist. An der Geschichte wirst Du zweifeln wollen, Deinem Freund aber glaubst Du im Prinzip alles, weil er Dein Freund ist. Freunden glaubt man, weil man Freunden vertraut. Wollte man hier von einem Ungläubigen sprechen, dann wäre es einer, der nicht der Freundschaft fähig ist, weil er dort keinen Glauben aufbringt, wo er ihn dringend bräuchte.

Das Eine oder ein Gott, der seinen Namen verdient

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Briefe an unseren Bufdi, Teil 3

Wir steuern auf die Frage zu, ob die Gottheit ein Jemand oder ein Etwas sei. Plotins philosophisches „erstes Prinzip“ ist nur ein Etwas, was immer es sonst noch sei. Die Logik sagt den Neuplatonikern lediglich, es muss eigentlich etwas geben, aus dem erst einmal das Geistige irgendwie, und dann alles andere, Verschiedene hervorgeht oder herausfließt. Das fließt dann mehrere Stufen nach unten, mit immer weniger Geist, bis hinunter zu den Steinen, die außer herumliegen nichts können. Und schon hat man die Welt erklärt.

Es gilt aber zu bedenken: Ein erstes Etwas, das Plotin an Stelle von Gott annimmt, kann man nicht anreden, es lohnt so wenig, wie wenn Kinder oder verrückte Erwachsene mit Bäumen sprechen. Was uns nicht anschaut, das brauchen wir nicht ansprechen, und, nebenbei bemerkt, anschauen ist mehr sehen oder gar glotzen. Kühe glotzen, mit ihnen lässt sich nicht verhandeln. Kühe brauchen eigentlich nur Impulse, dass sie nach links oder rechts auf die Wiese gehen. Fressen tun sie dann von selbst. Höher entwickelte Tiere haben schon eher was vom Sehen, wie Hunde etwa. Sie sehen die Fleischwurst und rennen hin, weil mit ihrem Blick eine Erkenntnis verbunden ist. Noch höher entwickelte Affen haben noch mehr Ähnlichkeit mit dem, was wir im Gegensatz zum Glotzen und Sehen das Schauen nennen. Gorillas lieben ihre Gorillafrauen und weinen um sie, wenn sie gejagt wurden.

Es gibt übrigens Leute, die der Ansicht sind, die höher entwickelten Primaten, wie Gorillas oder Orang Utans würden sich irgendwann auf die Stufe menschlichen Bewusstseins hangeln. Ich glaube das nicht, weil ich wirkliches Bewusstsein nicht für etwas halte, das sich einer Evolution verdanken kann. Aber hier beginnen die Streitereien und Grabenkämpfe, die wir hier nicht ausfechten brauchen. Wenn ein Affe vom Baum steigt und einen Urlaub plant, dann glaube ich mit Gilbert Chesterton eher an einen verzauberten Menschen mit Fell, als an einen ehemaligen Affen. Die Viecher haben außerdem Millionen Jahre Zeit gehabt, sich an unserer Seite mit Geist auszustatten.

Aber wie gesagt, auch Plotins Eine von ganz oben kann weder glotzen, noch sehen noch schauen. Es ist ein bisschen wie die Gottheit der sogenannten Deisten heute. Die glauben zwar, dass es ein höheres Wesen, von mir aus auch Gott genannt gibt. Sie glauben aber nicht, dass es lohnt, mit ihm Verhandlungen einzuleiten. Bei den Deisten gibt es entweder eine Gottheit, die sich nicht interessieren will, oder eine, die sich nicht interessieren kann. Mit beidem lässt sich nichts anfangen. Mein Stolz würde mir auch verbieten, überhaupt in diese Richtung zu sprechen. Eine Gottheit, die sich nicht um mich sorgt, kann mir gestohlen bleiben.

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem so etwas wie Glauben oder nicht angezeigt ist. Plotin und seine Leute glaubten wirklich an das Eine, sie lebten in Zeiten, in den man sich von der Logik noch wirklich etwas sagen ließ. Seit der Epoche der Romantik hat man sich bei uns eher angewöhnt, das Gefühl entscheiden zu lassen. Du gesagt hast, Du würdest dem Verstande nach eher an was Höheres glauben. Und noch mehr, also an Gott glauben zu können, wäre vorteilhaft. Das hat mich beeindruckt, um ehrlich zu sein.

Um ehrlich zu bleiben, wir haben hier hier, wie gesagt, die Bühne des Glaubens betreten. Plotin glaubte. Er hatte aber nicht das Problem, sich für die Gottheit als Etwas oder Jemand entscheiden zu müssen. Wenn man so möchte, verbot ihm sein Glaube das Glauben an einen Gott, der seinen Namen verdient, einen mit Verstand und Willen also. Wenn es wissen willst und Du mich als Gläubigen fragst, dann empfehle ich, was ich immer empfehle: Den ersten Schuss ins Blaue. Zimmer kurz abschließen, auf den Boden knien und sagen: „Wenn Du Augen hast, dann sieh mich an, wenn Du Ohren hast, dann hör mir zu, wenn Du etwas tun kannst, dann mach etwas und wenn Du mich überzeugst, dann bin ich dabei.“ Wenn Du das ein einziges Mal mit der Kraft Deiner aufrichtigen Person aussprichst, dann liegt der Ball im Spielfeld des Gegners und er muss ihn treten. Wenn da kein Spielfeld ist, dann verpufft Dein Spruch ins Eine oder Nichts und Du hast nichts verloren. Du aber hast, um mit Karl May zu sprechen, getan, was ein Mann tun muss. Ein Philosoph kann Dir da nicht weiter helfen. Er kann aber weiter drüber reden. Wenn Du Lust hast, tun wir das, obgleich ich sagen muss, dass ich eigentlich gar kein Philosoph bin, kein ganzer jedenfalls.

Islam und Christentum, Teil 18

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Das große Desinteresse und ein verhängnisvoller Irrtum

Ich gebe übrigens nicht nur Dir meine Kapitel zu lesen. Als ich vorgestern jemand anderen bat, sich das letzte von mir vorlesen zu lassen, da war ich am Ende wie immer froh, grünes Licht zur Veröffentlichung zu bekommen. Das „Grüne Licht“ heißt, was ich schreibe, ist nicht unverständlich. Die Probe ist  mir wichtig. In Sachen Thomas lesen, ist das Schwere manchmal, ihn zu verstehen. In Sachen „über Thomas schreiben“ ist das Schwierigere, verständlich zu machen, was man verstanden hat.
Wenn zwei Ärzte sich über die Probleme ihres Patienten austauschen, dann tun sie das schnell, bequem und vor allem in ihren Worten, die für uns zum größten Teil Fremdwörter sind. Wenn man sie dann bittet, das gleiche einer Frau vom Markt zu erläutern, und zwar, so, das sie alles kapiert, dann fangen sie an zu stammeln. Verständliche Bücher zu schreiben ist schwerer als unverständliche. Noch schwerer scheint mir zu sein, dünne Bücher an Stelle von dicken zu verfassen. Aber darüber können wir ein anderes Mal reden.

Ich hatte gestern also meinen Text vorgelesen und meine Landeerlaubnis im Netz erteilt bekommen. Meine bescheidene Freude darüber wurde zur unverschämten Enttäuschung, als meine geduldige Zuhörerin sagte, verstehen könne sie alles, aber interessant sei es weniger. „Sie müssen mich mit jemandem verwechseln, den das interessiert“, ist keine schöne Ansage. Sie aber ist das Schicksal der Interessierten. Fußballfans wie ich können nicht immer verstehen, warum ihren Frauen ihre überschwengliche Liebe nicht teilen. Die hingegen bekommen ihre Gatten nicht dazu, für ihre so wichtigen Themen zu brennen.

Wenn Dich das Thema „Gott und alles“ des weiteren interessiert ohne dass es fade wird, dann kann ich nur sagen: „Willkommen im Club! Der ist aber nicht besonders groß.“
Das ganze ist allerdings ein bisschen paradox. Ich habe vor Tagen einmal einen etwas bösen Spruch getan, in einer Laune, in der man besser schweigt.
Eine Dame sprach mich freundlich an. Sie kannte von mir, dass ich dauernd schreibe oder lese, wenn man mich lässt. Ich wusste von ihr, dass sie dauernd alles um sich herum wissen will und jeden anredet, der nicht vor ihr davon läuft. Sie war von jener Sorte Menschen, die in Deiner Gegenwart nichts besseres zu tun haben, als ihr Denken auf laut zu stellen.
Wenn man gerade zu tun und nur kurz Zeit hat, dann ist es schwer zu ertragen, von Gedanken aufgehalten zu werden, die man eigentlich gar nicht hören will. Wie immer auch, die Dame wollte etwas Liebes zu mir sagen und fragte, woran ich gerade arbeite. Ich sagte: „Ich fürchte, das interessiert sie nicht nicht besonders. Es ist nur die wichtigste Sache der Welt.“ Wie gesagt, es war meine Laune, die so sprach, oder besser gesagt, es war die Laune, die den Spruch freigab und heraus donnerte. Ich schob auch gleich etwas Nettes hinterher, um nun nicht doch allzu lieblos daher zu kommen. Ich glaube aber, es stimmt bis heute, was ich damals sagte. Sollte es Gott geben, dann ist die Frage nach ihm die wichtigste der Welt. Es ist ein großes Geheimnis, aber was wir da die Welt nennen, interessiert sich für alles und entbrennt für alle möglichen Themen, außer für die wirklich wichtigen. Wir regeln bis aufs Sterbebett unser Vermögen, wir sparen, bis wir sterben und unsere größte Sorge ist, dass die Maschine bis zum Schluss hin möglichst reibungsfrei läuft. Aber wie man das Konto im Himmel pflegt, von dem Christus spricht, oder ernsthaft zu klären sucht, ob es ein solches überhaupt existiert, das scheint nicht wichtiger als das Wetter der kommenden Woche.
Solltest Du Dich hier und da umsehen, dann wundere Dich nicht: Die Prediger in den Ländern, in denen es den Menschen gut geht, unterliegen oft der Versuchung, müde zu werden und vernachlässigen ihre Pflicht, ihren Leuten charmant und sanft, aber gezielt auf den Geist zu gehen; mit dem Hinweis, sich auch um das zu kümmern, was nicht vergeht.

Nun wird die Zuhörerin von gestern zu Recht sagen, was wir hier gerade besprechen, ist fürs ewige Leben nur begrenzt wichtig. Wir haben ja schon davon gesprochen: Zum Autofahren reicht zu wissen, wie man fährt. Hier drängt sich dem Thomasleser allerdings ein Satz auf, den der heilige Thomas in seiner Summe gegen die Heiden zum Thema macht: Eine fehlerhafte Meinung von den Geschöpfen führe zu einer falschen Meinung von ihrem Schöpfer. Diese schade wiederum einem gesunden Glauben.  Ich würde meinen, das ist einsichtig. Reden wir also ein bisschen über Gott und seine Beziehung zu uns, seinen Geschöpfen – und umgekehrt.

 

Anm: 
ScG II,3,1: „Est etiam necessaria creaturarum consideratio non solum ad veritatis instructionem, sed etiam ad errores excludendos. Errores namque qui circa creaturam sunt, interdum a fidei veritate abducunt, secundum quod verae Dei cognitioni repugnant.“
– „Wir müssen über die Geschöpfe nachdenken. Nicht nur, um in die Wahrheit einzuführen, sondern auch, um Irrtümer auszuschließen. Die Geschöpfe betreffenden Irrtümer führen nämlich zu Irrtümern in den Glaubenswahrheiten, insofern sie ein rechtes Denken von Gott behindern.“

Islam und Christentum, Teil 13

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Die Religion und ihre dumme Seite.

Unser Gespräch gestern erinnerte mich an eine Unterhaltung, die Mahmoud mit einem Atheisten hatte. Mahmoud regt sich immer herrlich auf, wenn er dem offenen Atheismus begegnet. Man sieht seine innere Erregung, die er nach außen nicht verbergen kann, was manchmal besser für ihn wäre. Mahmoud hasst den Atheismus geradezu, und damit ist er nicht der einzige, wie Du weißt, und wie ich mit einem Augenzwinkern bemerken möchte. Erlaube mir dazu einen Gedanken zu schreiben.

Ich weiß, Du magst die Leute nicht, die jetzt überall Salafisten genannt werden. Meine Meinung dazu kennst Du auch. Ich will jetzt hier nichts über irgendwelche Leute sagen, aber es gibt viel Dummheit in der Welt, hier wie da. Und dumm wird man im Sinn meines Lehrers Thomas, wenn man die Dinge, die einen berühren müssten, nicht an sich heran kommen lässt, wenn man sozusagen geistige Springerstiefel an hat und über die feinen Nuancen im Leben hinweg trampelt. Dumm wird man, wenn man sich Dingen gegenüber verweigert, denen man sich nicht verweigern sollte. Wenn man Berührungen und Begegnungen gegenüber die Augen und Ohren verschließt, die man wahrnehmen sollte.

Ein Blick in flehende Kinderaugen sollte unser Herz berühren und dazu führen, dass wir uns benehmen, wie man sich wehrlosen Geschöpfen gegenüber gefälligst zu benehmen hat. Wer eine solche Berührung verweigert, der wird stumpf und grob. Die Dummheit ist eine Art Stumpfheit des Herzens und der Sinne, und das Dumme an der Dummheit ist wohl, dass sie sich in der Welt so viel zu sagen hat.
Wenn wir das alles jetzt so nehmen, dann ist das Gegenmittel zur Dummheit nicht unbedingt irgendwelche Bildung und das Lesen von Büchern. Wer viele Bücher liest, der wird schlau. Es gibt aber Leute, die sind schlau und dumm zugleich. Die Medizin gegen die Dummheit läge in der Bereitschaft, sensibel zu werden für die Dinge, die uns begegnen. Das Leben wieder lesen lernen, das wäre das Mittel der Wahl. Intelligente Fußballspieler ballern nicht drauf los. Intelligente Spieler lesen das Spiel, sagt man heute ja auch.
Gott hat die Welt nicht nur gemacht, dass wir in ihre essen, trinken und uns in ihr austoben. Er hat sie  uns auch geschenkt, dass wir sie verstehen lernen. Dazu braucht es eine Bereitschaft anzuerkennen, dass Er auch durch die Welt und das Leben zu uns sprechen möchte.

Aber es gibt nichts Blödes auf der Welt,
das nicht am Ende dem Guten zu dienen hat.

Der Vorteil an der offenkundigen Dummheit ist schon mal, dass sie ihre viel zu grobe Meinung platt ausspricht, in diesem Sinn posaunt der sogenannte Salafismus schon mal daher, alle Atheisten würden für immer in die ewige Hölle fahren. Ich würde meinen, wer so spricht, der wird sich eines schönen Tages einem großen Irrtum gegenüber sehen. Der liegt der Meinung, ihr Gott sei so stumpf wie sie, oder gar, Gott habe die Stumpfheit der Sinne befohlen. Dagegen hängt uns der Prophet einen goldenen Satz übers Bett, an dem wir nicht vorbei kommen werden:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege,
Spruch des Herrn.“ (Jesaja 55,8)

Die dumme Seite der Religion prustet in die Welt, man müsse die Ungläubigen bekämpfen, um den Unglauben zu besiegen. Mahmoud sollte sich dadurch nicht leiten lassen. Wenn er aus seinen edlen Motiven heraus meint, den Unglauben bekämpfen zu müssen, dann sollte er unterscheiden. Man kann man das nicht, in dem man gegen die Ungläubigen Abneigungen hegt und gegen sie vorrückt. Das ist dumm und nicht hilfreich.

Bärte hören nicht auf zu sprießen, wenn man sie rasiert und ein Rasen hört nicht auf zu wachsen, wenn man ihn mäht, im Gegenteil. Ein Rasen hört auf, ein Rasen zu sein, wenn man an seiner Statt etwas Neues pflanzt und Bärte muss man pflegen, wenn sie gut aussehen sollen. Wenn Du gegen den Unglauben vorrücken möchtest, dann muss Du die Ungläubigen gewinnen, und das geht nur auf der Basis aufrichtiger Freundschaft. Oder hast Du schon mal einen Menschen von irgendetwas überzeugt, der Dein Feind war? Für Christen sollte das alles eigentlich klar sein. Ihnen hängt ihr Glaube ja diese Schilder übers Bett, und auf einem steht der Satz Jesu:

„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15)

Christus ist nicht gekommen um einen Krieg anzuzetteln, sondern um die Herzen für seine Liebe und damit für die Liebe Gottes zu gewinnen. Wir können uns ja mal über die Frage unterhalten, ob die Religion Deiner Väter nicht auch die eine oder andere Quelle sprudeln lässt, aus der heraus solche Gedanken entwickelt werden können. Nun aber zum Thema, über das Mahmoud sich damals gestritten hat, ob es Gott eigentlich geben müsse oder nicht.

Anm:
Thomas hat in Sth II-II ein eigenes kleines Kapitel über die Dummheit geschrieben, um ein der Weisheit entgegengesetztes Laster zu beschreiben. Hier vielleicht der für uns gerade prägnanteste Satz daraus: „Wie gesagt, sofern die Dummheit Sünde ist, kommt sie daher, dass der geistige Sinn stumpf und nicht in der Lage ist, sich an geistigen Dingen zu erfreuen.“
– „Sicut iam dictum est, stultitia, secundum quod est peccatum, provenit ex hoc quod sensus spiritualis hebetatus est, ut non sit aptus ad spiritualia diiudicanda.“
Sth, II-II,46,3,co.

Es kann nur einen geben!

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Achtung, Text geändert.


Briefe an einen muslimischen Freund

Legen wir also los. Unsere Frage lautet: „Wie kann es für die Christen nur einen Gott geben, wenn sie Jesus als seinen Sohn anbeten?“

Als Du die Frage gestellt hast, war zu wenig Zeit, das geht nicht mal kurz in der Sporthalle. Deshalb nehme ich mir jetzt die Zeit und werde sie so gut ich kann beantworten.

Eins vorab: Alles, was ich schreibe, erhebt nie den Anspruch, gelesen oder beantwortet zu werden. Niemand muss lesen, was ich fabriziere. Wenn Du möchtest, reden wir über das, was ich hier vorlege, jederzeit und gern. Wenn Du aber irgendwann keine Zeit oder keine Lust mehr hast, dann lass es einfach sein. Ich schreibe sowieso, weil das Schreiben meine Weise ist, über die Dinge nachzudenken, die mich interessieren. Außerdem: Wenn Du die Frage gestellt hast, dann können wir davon ausgehen, dass es noch viele Leute gibt, die sie im Kopf haben. Irgendwen wird schon interessieren, was wir hier tun, und wenn nicht, dann ist nicht mal das von Bedeutung.

Also zur Frage gleich mal eine Antwort auf die Schnelle. Ich glaube auch, es gibt nur einen Gott, und ich glaube, dass es auch gar nicht anders sein kann. Wenn wir den Begriff Gott ernst und in unserem Sinne beim Wort nehmen, dann kann es gar nicht sein, dass es zwei oder mehrere gibt.

Es gibt allerdings Leute, die sehen das ganz anders und sagen, es könne mehrere Götter geben, manche sagen, es gebe sogar sehr viele. Es gab ganze Kulturen, in denen man glaubte, der Himmel und die Welt seien voller Götter. Die Römer hatten Götter, die Griechen hatten welche, und die Hindus glauben bis heute an viele Gottheiten. Die Buddhisten haben auch ihre Gottheiten, je nach dem, wo man hinkommt. Wenn wir, ich meine Du und ich, das Wort Gott sagen, dann meinen wir ganz offensichtlich etwas ganz anderes, als jene, die viele Gottheiten annehmen.

Wir müssen uns also auf einen Gebrauch des Wortes Gott einigen, sonst reden wir aneinander vorbei. Wenn mich jemand fragt, wer oder was Gott ist, dann antworte ich christlich:

„Ich glaube an den einen Gott,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

Damit ist zweierlei gesagt. Erstens, dass es den einen gibt. Den einen bedeutet, es gibt keinen zweiten. Zweitens sagt der Begriff Schöpfer des Himmels und der Erde, alles, was nicht Gott ist, das gehört zur Schöpfung. Es gibt also nur zweierlei: Den einen Gott und seine Schöpfung, dazwischen ist nichts und es gibt kein drittes. Ich würde meinen, auf diesen Gebrauch des Wortes Gott können wir beiden uns einigen.

Geister und Götter?

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Gestern habe ich mir eine Reportage über die Kunst der Stadt Florenz im fünfzehnten Jahrhundert angesehen, und ganz beiläufig meinte der Sprecher in irgendeinem unwichtigen Zusammenhang, damals habe man noch an Geister und Dämonen geglaubt. Ich mag solche Sätze nicht, oder bei allem Respekt gesagt: Ich mag Leute nicht, die solche Sachen sagen. Von Zeitgenossen, die glauben, sie seien heute viel schlauer als alle armen Menschen vor ihnen, ist meist nicht viel zu halten.

Außerdem: Wer war „man“ damals, und wer ist „man“ heute? Sind es „die Leute“ von damals, die an Geister glauben? Mag sein, aber die Leute von heute glauben nicht weniger Schund, und der Geisterzauberglaube ist verbreitet wie noch nie. Die Summe des Aberglaubens ist heute kein bisschen geringer als im Mittelalter und in der Steinzeit.

Manchmal wird uns mitgeteilt, die Kirche sei zu allen Zeiten diejenige gewesen, die den Glauben an Geister und Zauberkram hervorgebracht habe. Ihre Lehre von den Engeln und Dämonen habe den Glauben an irgendwelchen Zauber genährt und aufrecht erhalten. Ich würde meinen, es gibt gute Gründe, das glatte Gegenteil für wahr zu halten.

Wenn ich nicht irre, war es der heilige Pfarrer von Ars, der gesagt hat: „Nimm dem Menschen den Glauben und sie werden das liebe Vieh anbeten.“ Als Priester der Kirche meinte er freilich den Glauben seiner Gemeinschaft, und er hatte sicher Recht: Seine Kirche ist eher immer diejenige gewesen, die den Glauben an Geister und Spukereien nicht hervor gebracht, sondern in seine Schranken gewiesen hat.

Die Geisterseher im alten Rom haben die Kirche nicht gebraucht, um auf die Idee zu kommen, in den Eingeweiden von Ochsen und in den Flugbahnen der Vögel die Zukunft vorauszusagen. Dass man irgendwelchen obskuren Göttern Opfer bringen musste, damit es regnet, ist keine Erfindung der Botschaft Jesu. Sie war es vielmehr, die dem Sonnengott den Kampf ansagte und dem Stern am Himmel seine Göttlichkeit absprach.

Gestern zappte ich zufällig in eine Fernsehsendung, in der gekocht wurde. Da stand eine bedauernswerte junge Frau am Herd, die sagte, sie spreche beim Kochen nicht gern mit Menschen. Sie spreche vorzugsweise mit dem Essen, um ihm dadurch positive Energien mit zu geben. Auch so ein Glaube ist keine Erfindung der Kirche, das denken sich Leute aus, die nicht mehr wissen, dass einzig der Schöpfer alle Dinge segnet oder nicht. Auch auf die Idee mit dem Hexenglauben aller Art kann nur kommen, wer die mittelalterliche Lehre des heilige Thomas nicht gelesen hat, nach der kein Geschöpf der lenkenden Hand Gottes Konkurrenz machen kann.

Vielleicht ein kurzes Wort zur Magie und ihre kirchliche Beendigung. Wenn unsere Priester Kerzen oder Medaillen segnen, dann werden diese dadurch nicht im geringsten verändert. Die Kerzen bleiben Kerzen aus schlichtem Wachs, und die Medaillen bleiben gestanztes Metall mit Bildchen drauf. Die Dinge bekommen keinen Zauber und keine Zusatzenergien, noch werden ihnen irgendwelche, außernatürlichen Kräfte zugesprochen. Der Segen will nichts anderes, als den Schöpfer bitten, er möge den Menschen, die diese Dinge besitzen und betrachten, etwas Gutes tun. Kein Segen verzaubert etwas in der Welt. Er bittet aber die Güte Gottes für die Menschen herab, die gesegnet werden möchten. Unser Essen braucht keine positiven Energien, aber unsere Kinder brauchen den Schutz des Allmächtigen und die Begleitung ihrer Engel.

Der Glaube entzaubert die Welt, er lädt sie nicht auf. Die einzigen, großen sieben Ausnahmen sind die Sakramente der Kirche. In der Eucharistie ist das Brot am Ende wirklich kein Brot mehr und der Wein kein Wein. In der Taufe werden aus Adams Söhnen und Evas Töchtern wirkliche Gotteskinder, und die Beichtstühle können wir wirklich ohne Sünden verlassen. Das ist keine Zauberei, sondern Gottes Wirken auf Ansage, nach der die Welt außer diesen sieben Gaben keine weiteren braucht.

Auch die Engel sind keine Zaubergeister, sondern schlichte, vernünftige Wesen wie wir. Der Teufel ist keine boshafte, sabbernde Konkurrenz Gottes, sondern ein Geschöpf, das in schlichter Freiheit so böse wurde, wie es böse werden konnte. Auch die Menschen können böse werden, und auch das ist kein Hexenwerk.

Ein neues Vorhaben

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 1

Es ist schon eine Ehre, dass Du wegen Deines Studium auf mich zugekommen bist. Aber Dein „du hast doch Ahnung davon“ lässt mich dennoch etwas schüchtern einen kleinen Schritt zurück treten. Ein Fach studiert zu haben heißt noch lange nicht das von ihm zu haben, was alle Ahnung nennen. Wenn Dir reicht, etwas mehr als keine zu haben, dann soll es mir Recht sein.
Am Beginn Deines Studiums musst Du Dich darauf einstellen, dass die Lehrer mit fremden Begriffen um sich werfen, wie Karnevalsprinzen mit Caramellbonbons. An der Universität können die Gelehrten verlangen, dass sich die Studenten auf den Weg machen und nachschauen, wovon die Rede ist. Wir sollten es anders machen und die Begriffe klären, wenn wir sie einführen.
Eine Einschränkung möchte ich machen. Du solltest für unser Unternehmen eine gewisse Freude an ungewöhnlichen Gedanken haben und eine Lust am Detektivspiel mitbringen. Philosophie betreiben, wie wir es hier tun, heißt versuchen, den Dingen auf den Grund und dem Schöpfer auf die Schliche zu kommen.

Fangen wir oben an. Unsere vorläufige Überschrift könnte etwas großspurig klingen. Eine Ankündigung, „über alles“ zu schreiben verspricht entweder etwas Unmögliches oder es muss irgendwie ungewohnt gemeint sein. Kein Pferdekenner kann über alle Pferde schreiben. Selbst wenn er sich eine halbe Ewigkeit Zeit nähme und über alle schriebe, die über die Erde laufen, es könnte am Ende immer noch eins um die Ecke biegen, das er nicht auf dem Zettel hatte. Niemand kann über alle Pferde schreiben und alle einzeln meinen. Es ist bestenfalls möglich, wenn allen Pferden etwas gemeinsam ist. Alle Pferde haben Pferdeohren. Wer über Pferdeohren schreibt, der schreibt mit einem Buch über alle Pferde zugleich.
So etwa ist es mit unserer Annahme, die Welt sei eine Schöpfung. Wenn die Welt eine Schöpfung ist, dann wird sie einen Schöpfer haben. Ist die Welt eine Schöpfung, dann alles in ihr. Wäre die Welt ein Spielfilm, dann wäre auch der Baum hinter dem Haus des Helden im Film ein Stück vom Film. Alle Gegenstände, alle Akteure, alle Diebe, Polizisten und Gegenstände im Film hätten bei aller Verschiedenheit eins gemeinsam, dass sie zum selben Film gehören.
So ist es mit der Schöpfung gemeint: Ist die Welt eine Schöpfung, dann gehört alles in der Welt dazu. Dann können sowohl der König, als auch der Bettelmann von einander sagen sie seien „auch nur“ Schöpfung. Das bedeutet, es gibt nur zwei: Den Schöpfer und die Schöpfung. Dazwischen ist nichts und es gibt kein drittes.

Mein atheistischer Freund dagegen meinte immer, das sei alles Humbug. Es gebe nicht zwei, sondern nur eins: Nur die Welt. „Alles, was es gibt, gehört zur Welt und die Welt sei alles, was es gibt“, pflegte er zu sagen. Das mit dem Schöpfer sei eine Erfindung der Gelehrten. Wir haben uns so lange darüber unterhalten, bis jeder die Meinung des anderen kannte. Dann haben wir uns anderen Themen gewidmet. Überzeugen konnten wir einander nicht. Ich glaube auch nicht an solcher Art Überzeugungen. Man kann sehr wohl von etwas überzeugt sein, man kann auch von etwas überzeugt werden. Niemand aber wird durch Überreden überzeugt. Unser all zu gewohntes „Sieh es doch endlich ein!“, führt nie zu wirklichen Einsichten. Wirkliche Einsichten haben immer eine gute Portion innere Freiwilligkeit an sich, eine gewisse Lust etwas zu glauben. Die kann man nicht herbei zwingen.

Deshalb kann es zum Beispiel auch keine wirklichen Zwangstaufen geben. Man kann einen Menschen wohl äußerlich zwingen, eine Taufe durchzuführen. Man kann einen Menschen auch äußerlich zwingen, sich den Ritus der Taufe gefallen zu lassen. Wenn es Taufe aber überhaupt gibt, dann ist immer Gott höchstpersönlich der, der tauft. Der Mensch erledigt nur das Äußere. Nur Gott kann aus einem Kind Adams ein Kind Gottes machen. Gott tauft allerdings nicht, wenn der Täufling nicht wirklich möchte. Eine Taufe im Zwang bleibt eine äußere Hülle und nie eine wirkliche Taufe.

So ist es mit dem, was wir hier angehen wollen. Wir können darlegen, was wir glauben und zeigen, dass es nicht unvernünftig ist. Wir können auch hoffen, dass es zu einer Grundlage für eine Überzeugung wird. Herbei reden können wir nichts. Mein Freund und ich blieben aufrichtig freundschaftlich verbunden, Glaubensbrüder wurden wir nie.

Kann man die Welt erklären?

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Richtigmacher sind schwer zu ertragen. Weißt du, was Richtigmacher sind? Richtigmacher sind Leute, die nicht nur alles richtig machen wollen. Sie sind Zeitgenossen, die auch von allen anderen verlangen, sie sollten alles richtig machen. Die Richtigmacher gehören meistens zu den sogenannten Tipgebern. Tipgeber geben dauernd Tips und die Richtigmacher unter ihnen sagen dir den lieben langen Tag, wie alles zu funktionieren hat. Das Tipgeben geht nicht nur mit Worten, es geht auch im Alltag. Richtigmacher fahren mit siebzig vor dir her, wo man nur siebzig fahren darf. Sie fahren nicht nur siebzig, weil schneller nicht erlaubt ist. Sie fahren so, um dir beizubringen, wie man hier zu fahren hat. Es gibt Richtigmacher unter den Autofahrern und es gibt Richtigmacher, die kein Auto betreten, weil es nicht richtig ist, Auto zu fahren.

Du siehst schon, es ist schwer, ein richtiger Richtigmacher zu sein, und ich würde meinen, es ist eigentlich gar nicht möglich. Um etwas richtig machen zu können, muss man wissen was man tut und man muss genau wissen, womit. Darin liegt aber eine oft vergessene Hürde, die kaum oder eigentlich gar nicht zu nehmen ist: Wir wissen nicht, was die Dinge sind, ich meine an sich, im ganzen und in ihren Zusammenhängen.

Wir füttern Enten im Park, weil wir sie gern in unserer Nähe haben, weil es sie satt macht und weil es ihnen gut tut. Wir wissen aber schon nicht, wie gut das für den Teich ist, auf dem sie schwimmen. Enten sind nun nicht besonders geheimnisvolle Tiere, würde man meinen. Der heilige Thomas aber ist da ganz anderer Ansicht. Er sagt, unser Geist ist so schwach, dass unsere besten Philosophen nicht in der Lage sind, die Natur einer einzigen Mücke zu durchschauen. Ein Philosoph, hieß es damals, habe dreißig Jahre damit verbracht, das Wesen einer Biene zu studieren.

Du siehst, um alles richtig zu machen, müsste man die Natur der Dinge kennen. Das bleibt uns aber verwehrt, und wir stehen vor einer Grenze wie vor Schriftzeichen einer Sprache, die wir nicht entziffern können. Die Zeichen machen natürlich Sinn. Aber um sie zu verstehen, müsste man entweder den Code der Sprache kennen oder die Gedanken dessen, der niederschrieb, was das steht.
Christlich gesprochen kann man sagen, um das Wesen einer Mücke zu verstehen müsste man die Gedanken dessen kennen, der sie schuf. Mein atheistischer Kollege würde sagen, wenn wir die Natur der Mücke kennen würden, dann wüssten wir, dass sie niemand geschaffen hat.
Wie immer auch, wir können uns jetzt lange streiten, aber unsere notorischen Richtigmacher, die haben es nicht leicht. Wenn sie alles richtig machen wollen, um irgendwie gute Menschen in ihrer Umwelt zu sein, dann könnte ihnen ein Gedanke unseres Professoren Ruhe verschaffen. Der meinte nämlich, gut mache den Menschen nicht, was er tut, sondern was er will. Der gute Wille, sagt er, macht den Menschen schlechthin gut. Das beruhigt angesichts einer Welt, die mehr geheimnisvoll als bekannt ist.

Kennst du einen Unterschied zwischen beschreiben und erklären? Wenn du den Weg eines Menschen beschreibst, der Fisch kaufen geht, dann dauert das vielleicht, es könnte aber möglich sein. Aber auch wenn du ihn haarklein beschrieben hast, dann hast du ihn damit noch lange nicht erklärt. Zur Erklärung würde nämlich auch gehören, warum der Kerl ausgerechnet Fisch mag.
Die Beschreibung einer Tat reicht nicht zu ihrer Erklärung. Ein mittelmäßiger Detektiv, der einem Diamantendieb auf der Spur ist, mag sich mit einer guten Beschreibung der Tat zufrieden geben. Ein guter versucht eine Erklärung zu finden, was der Dieb an Diamanten findet und warum er ausgerechnet diese stahl. Zu einer Erklärung würde gehören, in welcher Beziehung der Dieb zum Besitzer stand und warum er gerade ihm eins auswischen wollte.

Nun liegt der große Unterschied zwischen der Meinung meines ungläubigen Freundes und mir darin: Wir beide glauben, in einer Welt zu leben, die zu guten Teilen beschrieiben, aber niemals erklärt werden kann. Unsere Welt ist beschreibbar und für Menschen unerklärlich zugleich. Als Gläubiger freue ich mich wie ein Kind darauf, eines Tages der Erklärung der Welt inne zu werden, wenn ich bei ihrem Schöpfer Aufnahme finde. Mein Freund dagegen meint, dass es da nichts zu erklären gibt, weil da kein Schöpfer sei und somit auch überhaupt keine Erklärung.

Was zum Verstand gehört

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Erinnerst Du Dich? Ich hatte das mit der Leinwand gesagt, die der Mensch im Verstand haben muss, um die Welt zu erkennen. Ich versuche gerade, mich an einen Wohnwagen zu erinnern, der gestern gegenüber an der Straße gestanden hat. Er war ziemlich groß und hatte einen marineblauen Streifen ganz herum, der etwa einen Unterarm breit war. Seine Reifen waren etwas platt, so dass es aussah, wie wenn er sich kurz setzen musste, um auszuruhen. Heute morgen steht er nicht mehr da. Der Platz ist leer und ohne jede Spur, die der Wanderer hinterlassen hätte. Vielleicht ist er nach Usedom aufgebrochen, vielleicht zum nächsten Halteplatz irgendwo. Ich sehe ihn aber noch ganz genau vor meinen geistigen Augen. Das bedeutet, es muss eine Vorstellung im Verstand geben, die mir das Bild von gestern an die Wand wirft. Und es muss etwas in mir geben, was das Bild sieht. Natürlich steht da keine Leinwand im Kopf. Im Rechner meines Computers stapeln sich auch keine wirklichen Papiere, wenn ich Dokumente in ihm speichere. Er produziert sie mir aber doch auf den Bildschirm, und ich kann jede „Seite“ lesen.

Es muss im Verstand also irgendwie eine Art Projektion der Welt stattfinden. Der Wohnwagen ist nicht selbst in meinem Kopf, sondern ein Bild von ihm. Die Leinwand ist nicht da, aber doch eine Vorstellung. Das alles ist sehr geheimnisvoll, aber es muss in jedem Verstand funktionieren, der sich etwas vorstellen kann. Auch der Wolf sieht das Lamm in seinem Kopf und reagiert darauf.
Wir versuchen, den Engeln auf die Spur zu kommen. Die brauchen nun, wie wir angenommen haben, keine Körper zum Leben. Sie sind aber Verstand, und zwar jeder seinen. Davon gehen wir aus. Wenn das so ist, dann brauchen sie keine Augen zum Verstehen, wie wir, sie brauchen aber Bilder in ihrem Verstand, weil, irgendwas müssen sie ja sehen.
Wenn sie nun verstehen wollen, dann brauchen sie ein zweites, worauf wir ansatzweise gesprochen haben: Sie brauchen, wie wir und wie jeder Verstand, eine Vorstellung von Gut und Schlecht.
Ich will versuchen, das zu erklären. Jeder Mensch findet sich. Der eine findet sich zu groß, der andere zu dick. Der nächste möchte etwas schlauer sein und findet sich zu dumm. Wieder andere finden sich immer ganz prima, und sind damit nicht immer gut zu ertragen. Wie immer auch, wir sehen uns nicht nur vor den geistigen Augen, wir finden uns auch so und so. Dieses sich finden bedeutet mehr als nur sehen, es bedeutet immer auch Beurteilen.
Ich fand den Wohnwagen gestern gut aussehend. Das setzte eine Vorstellung von schön und weniger schön voraus, irgendeinen Vergleich eben, weiß Gott mit was allem, es war aber eine Beurteilung. Das bedeutet, ich habe nicht nur Bilder, sondern auch Maßstäbe im Kopf.

Man braucht einen Baby keine Vorträge über Gerechtigkeit zu halten, damit es verstehen lernt, was ihm gefällt oder nicht. Ganz kleine Kinder kapieren schon, wenn man ihnen etwas wegnimmt und sie das gar nicht gut finden. Sie finden es prima, wenn man ihnen etwas gibt, was einfach nur schmeckt. Wie gesagt, es ist alles ganz geheimnisvoll, sie verstehen schon, ohne dass ihnen jemand etwas beigebracht hat. Sie wissen noch nicht, dass der Brei süß schmeckt, schon gar nicht, dass es Brei ist. Sie wissen aber was gut und nicht gut tut, und das mit messerscharfer Sicherheit. Der Wolf versteht auch, dass ihm das Lamm gut tut, wenn er es kriegt, und rennt hinterher.
Worauf ich hinaus will ist folgendes: Frag mich nicht woher und wie das kommt, aber der Mensch hat immer schon einen Maßstab für gut und nicht gut in sich, einen Vergleich der Dinge mit sich und seinem Befinden und er hat ist immer schon für das Gute entschieden. Babys wollen nicht, was ihnen nicht schmeckt und sie wollen, was ihnen gut tut.
Menschen wachsen heran, sie entwickeln sich, bilden und ändern ihre Geschmäcker und alles mögliche. Sie wissen aber immer und in jedem Augenblick, dass sie sich etwas wünschen. Ganz gleich was es ist und ganz gleich, ob sie sich irren oder sehr richtig liegen, sie wünschen sich immer etwas und möchten immer etwas lieber nicht haben.  Das alles gehört schlichtweg zum Verstand, den wir wahrscheinlich nie verstehen werden, wie ein Automechaniker die Mechanik eines Autos versteht. Wir können aber sagen, wenn ein Verstand überhaupt Verstand genannt werden soll, dann muss er etwas in sich haben, was versteht und was die Dinge beurteilt. Das muss für den Engel genau so gelten, wie für den Menschen.