Kindschaft – Die Gabe der Frömmigkeit

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Eine Katechese zur Firmung

Die Gabe der Frömmigkeit, die wir heute zu besprechen haben, ist mir von den sieben die liebste geworden. Warum, das erzähle ich Dir deswegen natürlich besonders gern. Um das aber tun zu können, müssen wir uns anschauen, was mit Frömmigkeit überhaupt gemeint ist, bzw. was die Lehre unserer Kirche damit meint.
Wenn wir bei den Leuten fragen, was sie unter einem frommen Menschen verstehen, dann meinen sie sicher einen, der die Regeln seiner Religion einhält und ihre Bräuche pflegt. Ein frommer Jude ist dann einer, der in die Synagoge geht, jüdisch betet und koscher isst. Ein frommer Moslem geht freitags in die Moschee, verzichtet auf Schweinefleisch und pilgert nach Mekka. Im gleichen Sinn lesen die frommen Protestanten fleißig und betend die Bibel, ein frommer Katholik geht beichten und Sonntags in die Kirche. Alles schön und gut, aber das beschreibt erst einmal überhaupt nicht, was die Lehre der Kirche unter Frömmigkeit versteht.

Das lateinische Wort für Frömmigkeit lautet „pietas“. Die Namen Pia und Pius leiten sich davon ab. Ein Mädchen, das Pia heißt trägt einen Namen, der von ihr sagt, sie sei fromm, und fromm versteht sich zunächst einmal gar nicht religiös. Wer fromm war, der hat erst einmal nicht die Götter geehrt, sondern seine Eltern. Die Tugend der Frömmigkeit wurde zunächst verstanden als eine Neigung, mit Freuden das vierte Gebot zu halten, das sagt, man solle Vater und Mutter die Ehre geben. Dabei ist Wert auf die Freude zu legen.
Wer zähneknirschend und mit innerem Widerstand seine Eltern ehrt, erfüllt zwar das Gebot. Er tut es aber nicht spontan, nicht unbedingt gern und nicht mit einer aus tiefer Einsicht kommenden Leichtigkeit. Weißt Du, wenn ich Dir etwas schenke, weil Dein Vater mich bittet, dann muss ich das nicht gern tun. Wenn ich Dir aber ein Geschenk mache, einfach nur, weil ich Dich mag, dann ist das etwas ganz anderes, und erst dann wirklich schön für Dich.
Der heilige Thomas von Aquin, der die Lehre unserer Kirche am besten erklären konnte, schrieb deshalb, die Tugend der Frömmigkeit setze uns in den Stand, unseren Eltern freudig und leicht die ihnen zugkommende Ehre zuteil werden zu lassen. Wenn die Frömmigkeit aber als eine Gabe des Heiligen Geistes zu verstehen sei, dann ermutige sie uns, Gott als unseren Vater mit einer solchen Leichtigkeit zu ehren.

Ein kurzer Gedanke noch, der nicht ganz unwichtig ist. In Deiner Vorbereitung auf die Firmung hat man Euch gebeten, einen Paten zu suchen. Deine Wahl fiel auf mich und so bin ich jetzt Dein Firmpate geworden. Wenn Du mit jemandem über mich sprichst, dann musst Du das aber gar nicht unter dieser Hinsicht tun. Du kannst auch über mich sprechen, insofern ich ein alter Freund Deines Vaters bin. Du kannst über mich sprechen insofern ich ein Theologe oder Sozialarbeiter bin. Du kannst über mich reden, weil ich ein Westfale bin oder unter vielen Hinsichten noch. Du kannst zum Beispiel sagen, als Freund meines Vaters schätzt Du meine Person, mit den Westfalen aber stehst Du innerlich ein bisschen auf dem Kriegsfuß. Du kannst sagen, als Sozialarbeiter weißt Du nicht, wie Dein Patenonkel einzuschätzen ist, als Theologe aber magst Du vielleicht, dass er Dir ein Buch schreibt. Du sprichst immer über den selben, einen Menschen, seine einzelnen Facetten aber magst Du vielleicht ganz verschieden einschätzen.
Mit Gott ist es etwas ähnlich. Die Juden denken am Sabbath nicht einfach nur an Gott. Sie denken an Gott, der sie durch das Rote Meer geführt hat, dafür lieben sie ihn – als sein Volk – ganz besonders. Die Muslime beginnen jede Sure, die sie im Koran lesen (bis auf eine) mit der Information, dass Gott barmherzig ist. Diese Seite betonen sie am meisten.
Die Christen verehren Gott durchaus als Gott und mächtigen Schöpfer. Thomas sagt, das tun sie in der Tugend der sogenannten „religio“. Sie verehren ihn als Schöpfer und ebefalls als den Barmherzigen. Was sie aber besonders lieben, schätzen und verehren, das ist seine Vaterschaft. Jene Vaterschaft, in der wir unser höchstes und tägliches Gebet mit den Worten „Vater unser“ beginnen. 
Was die einzelnen Religionen am meisten verehren, das meinen sie als ihr „mehr geht nicht“, als das Höchste. Der Zug des Volkes, den Gott ermöglicht hat, ist für die Juden so etwas wie das Größte. Man wählt kein Nebenbei, wenn man an jedem Sabbath zusammen kommt, um der Familie die Großtaten Gottes ins Gedächtnis zu rufen. Das Gott der Allbarmherzige ist, bedeutet für die Muslime das größte. Warum sollte fast jede Sure sonst mit dieser Auskunft beginnen. Für uns Christen ist das größte und höchste, das man von Gott aussagen kann, dass er unser Vater, nicht nur unser Schöpfer, sondern unser väterlicher, treuer Freund ist. Und es ist die Gabe der Frömmigkeit die uns ermutigt, das in Liebe zu ehren, nach dem wir es in den anderen Gaben hinreichend erkennen konnten.

Die gelehrte Frömmigkeit und die Spiegel des heilige Thomas

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,61: “Gott ist die reinste Wahrheit.”

Mein verworrener Lebenslauf hat mich gleich an mehrere Orte gespült, an denen ich die Theologie zu studieren hatte. Wie verschieden die in ihren Mentalitäten waren, konnte man an ihrem jeweiligen Verhältnis zu Maria, der Mutter Jesu, ablesen. An der westdeutschen, ziemlich großen Universität im Ruhrgebiet schien es immer etwas peinlich, von Maria zu sprechen. „Gottesmutter“ hätte nie jemand gesagt und allein sie erwähnen zu müssen, machte auf mich immer den Eindruck wie wenn ein Hochadeliger den Namen eines unehelichen, bürgerlichen Gliedes im Stammbaum nicht aussprechen kann, ohne zu husten. Von Maria sprachen nur die Frommen gern, und fromm sein bedeutete so viel wie nicht intelligent sein. Ich weiß nicht auf welchem Zweig der Torheit die These gewachsen war, sie stand aber wie der Geruch von Putzmitteln in allen Räumen: Eine große Frömmigkeit zeigt ein kleines Gehirn. Wer als intellektuell gelten wollte (was sehr wichtig war), der entzündete seine frommen Kerzen nur, wenn er sicher war, nicht beobachtet zu werden. Wenn die Professoren die marianischen Dogmen abhandelten, beeilten sie sich, gleich immer dasselbe zu sagen: Die Frage nach Maria wurde nur beleuchtet, um Licht auf ihren Sohn zu werfen.
Irgendwann später ging es für ein paar Jahre in den Wiener Raum, an eine kleine Hochschule, die für sich schon viel frömmer war. Man betete ungeniert vor den Vorlesungen und besaß die Schamlosigkeit, ein eigenes Fach mir dem Namen „Mariologie“ einzurichten. Hier hatte man eher den umgekehrten Eindruck: Wer nicht fromm war, fiel leichter durch.
Komischwerweise schien mir Rom die goldene Mitte zu sein. Es wurde nicht gefrömmelt und wohl auch gesagt, dass die Muttergottes theologisch vor allem ihren Sohn spiegelt. Aber bei allen offiziell, kirchlichen Ansprachen war verlässlich von Maria die Rede, nämlich immer im letzten Abschnitt. Wer in einer Predigt eingenickt war und das Wort Maria vernahm, der wusste, dass er sich seine Sachen schon mal wieder zurechtzupfen konnte. Maria kam immer, und zwar kurz vor dem Credo.
Irgendwann, es war in der Zwischenphase im Wiener Raum, erkundigte sich jemand bei mir nach meiner Vorliebe für den heiligen Pfarrer von Ars, wo ich doch immer vorzog, mich in den Büchern des Thomas zu verkriechen. (In Klammern gesagt muss man wissen, dass Thomas und der heilige Pfarrer als die größten Gegensätze galten. Der eine hatte meterweise dicke Bücher in Latein geschrieben, der andere hatte dermaßene Ladehemmungen beim Lernen, dass er nicht mal richtig Latein lernen konnte.) Ich erinnere mich, geantwortet zu haben, dass es doch eigentlich gut sei, den Kopf des heiligen Thomas und das Herz des heiligen Pfarrers zu haben. Heute denke ich etwas anders: Der fromme, heilige Priester hatte zwar nicht das Gehirn des Thomas. Der aber hatte durchaus das Herz des frommen Pfarrers.
Die guten Antworten fallen einem immer ein, wenn die Gespräche längst beendet sind. Wenn ich heute noch mal in Bochum studieren müsste, würde ich gern noch mal irgendwo loswerden wollen, dass wirklich Gebildete sich ein frommes Herz durchaus leisten können. Man kann ohne kindliche Frömmigkeit ganz sicher ein Gelehrter sein, nicht aber ein guter Hirte und Lehrer des Katholischen. Die Professoren hatten allerdings Recht: Thomas spiegelt in der Lehre zu Maria die Theologie des Herrn und Heilandes. Das liegt aber nicht daran, dass er nicht gern über die Mutter schrieb, sondern eher daran, dass bei ihm überhaupt stets das eine das andere spiegelt, wo immer gespiegelt werden kann. Die Lehre von den Engeln bei Thomas ist zugleich eine Lehre von der Schöpfung. Wer das eine kapiert, der versteht das andere gleich mit. Die Gegend der Summe, in der wir uns bewegen, ist auch ein gutes Beispiel. Thomas erklärt höchst genau und fein verästelt, wie man sich das mit dem Erkennen in Gott erklären kann. Zugleich aber hat jeder, der die Texte einigermaßen verstanden hat, zugleich gelernt, wie das Erkennen beim Menschen funktioniert. Thomas hatte im letzten Kapitel dargelegt, dass Gott Wahrheit ist. Nachdem es nun schon ziemlich oft geheißen hat, dass er alles, was er ist, ganz und gar ist, könnte man meinen, es wäre fast überflüssig, jetzt noch zu erwähnen, dass Gott die reine Wahrheit ist und dass kein Irrtum in ihm sein kann. Thomas nimmt sich aber Zeit und erklärt das noch einmal mit vielen Argumenten. Wie wenn er als guter Hirte seinen Schülern doch zugleich erklären muss, wie das mit der Erkenntnis des Menschen beschrieben werden kann.

Kapitel 61 bei Thomas.