Der Mensch in seiner Welt

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Wenn wir vom Zustand des Menschen sprechen, dann sagen wir öfter, er leide an etwas, wie wenn er etwas besitzt. In Wirklichkeit ist es aber umgekehrt, ihm fehlt etwas, was er eigentlich bräuchte. Wenn einer an einer Immunschwäche leidet, dann hat er diese Krankheit zwar. Die besteht aber in der Tatsache, dass etwas nicht da ist, was ihn normalerweise schützen sollte. Fehlt einem Menschen sein Partner, dann hat er das als Problem zwar. In Wirklichkeit hat er aber etwas nicht, was er bräuchte. Armut haben bedeutet, dass Mittel fehlen. Mit dem, was wir Sünde nennen, ist es ganz ähnlich, und das macht sie so geheimnisvoll und undurchschaubar.

Da ist jemand, der über Monate mit schlechter Laune seine Umwelt nervt. Immer hat er was zu meckern, kein Witz ist mehr lustig, die Farben sind nicht mehr bunt genug und sogar die liebsten Leute gehen ihm auf den Wecker. Alle Welt weiß, schlechte Launen sind, was der Name sagt, sie sind schlecht. Schlechte Launen machen uns zu schlechten Leuten. So auch unseren Zeitgenosse. Eigentlich hätte er einen um die Ohren verdient. Seine Leute wissen aber, er ist einigermaßen entschuldigt, weil er so unter dem Verlust seiner Familie leidet. Natürlich dürfte er nicht so nerven. Wenn er den Verlust nicht hätte, würde man ihm seine Eskapaden nicht durchgehen lassen. Seine Gründe aber fallen ins Gewicht der Beurteilung und machen seine Schuld leichter. Wenn wir jetzt noch wüssten, warum ihm seine Leute fehlen, dann würde die Beurteilung seiner Lage klarer und das Urteil noch genauer. Vielleicht war es der Krieg, oder eine Verschuldung irgendwo, vielleicht eine dumme Entscheidung; die Gründe verlaufen sich im Wurzelwerk der Geschichte. Erbsünde heißt, die Welt erleidet einen Zustand von Zusammenhängen, die sie launig macht, und wir sind schon immer darin eingewoben.

Jesus sagt mit großer Deutlichkeit, uns stehe über die Fehler unserer Nächsten kein Urteil zu. Mit größter Strenge verbietet er, dass wir einander als Richter auftreten: Wer meint, seine Mitmenschen verurteilen zu müssen, der muss damit rechnen, verurteilt zu werden! Der Meister kennt da kein Pardon.
Je länger ich über dieses Verbot nachdenke, desto klarer will mir werden, dass hier etwas verboten wird, was wir niemals könnten. Es ist wie mit dem Verbot der alten Zeit, sich ein Bild von Gott zu machen. Wir dürfen hier nicht, was wir nie konnten, und weil wir es keiner kann. Wie will man den Grenzenlosen malen, wo er doch keine Umrisse hat? Jedes gemalte Bild von Gott kann nur ganz und gar ein falsches Bild sein. Gott höchstpersönlich hat das Bilderverbot aufgehoben, als er uns in seinem Sohn und in seinem Geist sein Antlitz zeigte. Mehr gibt es bis zur großen Auflösung nicht zu sehen.
Auch jede Beurteilung des menschlichen Herzens seitens der Menschen kann nur daneben gehen. Wir können das Wesen der berühmten Mücke nicht beurteilen. Wir müssen dazu nämlich die Gedanken dessen kennen, der sie schuf. Das ist der Grund, der uns hindert, den Zustand der Welt zu beschreiben: Wir müssten den Überblick über alles auf einmal haben, und den hat nur einer. Wir wissen wohl, dass etwas ganz gewaltig fehlt, und dass die Welt in Geburtswehen liegt und leidet, wie der Apostel schreibt.

Dass die Welt unter ihrem Zustand stöhnt und leidet, das kann jeder sehen. Ein Ziegel fällt vom Gerüst und verletzt uns am Kopf. Niemand kann etwas dazu. Die Frage ist nun aber doch: War da jemand auf dem Gerüst, um dafür zu sorgen, dass der Stein genau richtig fällt? Steht hinter dem Unglück eine böse Entscheidung? Keiner wird die Erdplatten vor Gericht ziehen wollen, weil sie sich gegeneinander verschieben und Erdbeben auslösen. Es gibt aber Zusammenhänge, hinter denen Entscheidungen stehen, weil es Wesen gibt, die Entscheidungen treffen können. Das Dogma von der Erbschuld meint nun, dass unser geistiges Immunsystem einen Hieb abbekommen hat. Was uns da fehlt, sitzt wie eine Laus im Fell und reizt uns in die Launen. Der allein die Zusammenhänge kennt, hat uns ausrichten lassen, dass da irgendwo ganz am Anfang eine freie Entscheidung stand: Zuerst die eines Engels, dann die eines Menschen. Die Entscheidung eines Engels kann keine Welt durcheinander bringen, die Engel haben keine Welt. Menschliche Entscheidungen dagegen verbreiten sich, sie wirken sich aus, gut wie schlecht. Deshalb wählte der Schöpfer den Weg der Heilung des Ganzen wieder über die Entscheidung; über seine und die eines Menschen. Die Engel konnten dieses Mal nur zusehen.

Die Mystik und das Schweigen der Gelehrten

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ein Thomist kann über die Erbsünde eigentlich nur die Hälfte sagen. Sie spricht vom Verlust und vom Wiedergewinnen der Gnade. Damit ist das Ganze automatisch eine Sache der Mystik, und was die angeht, schweigt der Gelehrte zwangsläufig. Vielleicht sollte ich kurz erklären, was ich hier unter Mystik verstehe.

Auf dem Feld der Religion gibt es zwei Gebiete. Das eine ist die Wissenschaft über sie und das andere ist das Erleben von ihr. Die Theologen beschreiben die Religion, die Mystiker erleben sie. Das heißt natürlich nicht, dass die Mystiker keine Theologen sein können und umgekehrt. Ich nenne nur die beiden Gebiete, die es übrigens so ziemlich überall gibt.
Im theoretischen Unterricht hören die Elektriker, wie unangenehm es ist, einen mittelschweren Stromschlag zu bekommen. Was die Lehrer nicht vermitteln können, das kann der Strom selbst den Schülern am besten beibringen, nämlich, wenn er durch sie durch fährt und sie einen gewischt bekommen. Das Wissen über eine Sache und das Erleben derselben sind zwei verschiedene Dinge. Ein Durstiger hat nicht viel davon, wenn er weiß, wie gut ein Glas Wasser schmeckt.
Die Sache ist nun die: Die Theologie kann man weitergeben, die Mystik nicht. Die hat jeder selber und ganz für sich, im trauten Zusammensein mit Gott, wenn man so will.

Wie gesagt, unser Glaube informiert uns über die Annahme, Maria, die Mutter Jesu, sei der einzige Mensch gewesen, den die Erbsünde nicht verletzt habe. Gott brauchte noch mal einen vom Elend der Welt unbeeinflussten Menschen, der seinem Plan in unverletzter Freiheit zustimmen konnte. Deshalb hat der Schöpfer sich eine Person bewahrt und zur Freude der Damenwelt ein Mädchen erwählt. Das kann man weiter sagen, man kann es diskutieren, ablehnen oder annehmen. Niemand aber kann wissen, wie es sich angefühlt haben muss, so ganz anders über diese Welt zu gehen. Niemand weiß, wie es ist, in der gleichen Weise wie die Mutter Jesu „voll der Gnade“ gewesen zu sein.
Es weiß übrigens auch niemand, wie es ist, wenn unser Nachbar auf seine Weise voll der Gnade ist. Wir haben die Gnade schon mal ein persönliches Betroffen Sein von der Anwesenheit Gottes im eigenen Leben genannt. Das eigene Leben ist aber eben immer nur das eigene Leben. Wer weiß, wie es ist, sich zu verlieben, der kann davon erzählen. Aber es kann sich für niemanden genau gleich wie für einen anderen angefühlt haben. Man sehnt sich ja in der Liebe auf geheimnisvolle Weise nach einer ganz bestimmten Person, und die ist es schließlich, die dieser einen Liebe eine innere Form gibt. Immer ist die Liebe am Werk, aber es ist dennoch etwas anderes, ob sich eine junge Dame in George Clooney oder in den Sohn des Bürgermeisters verliebt. Der eine liebt es, angeln zu gehen, der andere klettert lieber in den Bergen herum. Das sind zwei ganz verschiedene Vorlieben, und jede der beiden hat ihre innere Form, ihren ganz eigenen Geschmack.
Ein Spruch aus meiner christlichen Heimat lautet:

„Wer Gott sucht,
den hat er schon gefunden.“ 

Es klingt einigermaßen paradox, entspricht aber genau dem, was die Gläubigen schon immer wussten: Man kann sich nicht auf den Weg machen, den Herrn zu suchen, wenn der nicht zuvor unsere Nase schon auf eine seiner Spuren gestoßen hat. Man kann sich nicht in eine Person verlieben, die man in keiner Weise kennt. Man muss sie schon gesehen oder wenigstens genug von ihr gehört haben. Unsere Vorliebe braucht sozusagen immer einen Köder, und den muss jemand ausgelegt haben. Mit der Liebe insgesamt ist es immer irgendwie so, dass wir nicht mit ihr anfangen.
Nun könnte jemand sagen, es sei aber doch immer der gleiche Gott, der die Gnade schenkt. Ein Thomist der alten Schule wird mit dem klassischen Grundsatz erwidern: Es ist zwar der gleiche Gott, es ist aber immer ein jeweils anderer Mensch mit seiner ganz eigenen Veranlagung und Geschichte, und Thomas sagt, die Gnade wird immer im Maß dessen gegeben, der sie bekommt.
In der Theologie sagen wir, Christus hat am Kreuz das Problem mit der Erbschuld für uns erledigt, wenigstens, was ihre Folgen angeht. Wenn man so möchte, hat er sich damit selbst das Tor geöffnet, wieder ganz neu mit seiner Gnade bei uns einzusteigen; bei jedem  einzeln und auf die je eigene Weise. Wie er das macht, ist seine Seine Sache, und wie das jeder erlebt auch. Hier schweigt, wie gesagt, der Thomasleser.

Quelle:
Sth I, 75,5,co: Das gilt, übrigens gar nicht nur für die Gnade. Es gilt immer: „Manifestum est enim quod omne quod recipitur in aliquo, recipitur in eo per modum recipientis.“
– „Es ist offenbar, alles, was irgendwo angenommen wird, das wird auf die Weise dessen angenommen, der es nimmt.

Erbsünde: Dem Menschen fehlt sein bester Freund

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Der Mensch ist kein geschlossenes System. Unsere Heizung im Haus schon eher. Die Rohre laufen durch das ganze Gebäude, durch die Wände, die Leitungen im Keller, wo das Wasser in ihnen erhitzt wird, damit es über die Heizkörper die Räume wärmt. Dann kommt das selbe Wasser wieder unten an. Es bleibt im System und wird wieder verwendet. Alles, was das Ganze braucht, ist bereits in ihm enthalten. Das Wasser bleibt in ihm und kommt nicht heraus. Es braucht nicht dauernd neues. Geschlossene Systeme funktionieren aus dem, was sie haben.

Beim Menschen ist das ganz anders. Er braucht dauernd von außen neue Nahrung, die er verwertet, im Köper umbaut, um die Reste wieder der Welt zu hinterlassen. Der Mensch braucht dauernd neue Luft, die er atmet und über die Augen und Ohren braucht er stets neue Informationen und diplomatischen Austausch zum Leben. Immer besteht Bedarf nach neuem Geld, das zum Leben ausgegeben werden kann. Der Mensch ist das glatte Gegenteil von einem geschlossenen System. Er ist nach allen Seiten offen und braucht überall den Austausch zum Leben.

Mein Opa brauchte meine Oma zum Leben. Nach langer Ehe hätte man durchaus sagen können, er funktionierte ohne seine liebevolle Partnerin an seiner Seite gar nicht richtig. Als sie dann von ihm ging, dauerte es auch nicht all zu lange, bis er ihr folgte, um wieder zusammen sein zu können.
Wenn wir nun fragen, wozu so ein alter Ehemann seine alte Ehefrau brauchte, dann lässt sich viel aufzählen. Er brauchte sie für die vielen, täglichen Kleinigkeiten, die um ihn erledigt werden mussten und für die er als mein Opa irgendwie nicht geschaffen war. Er brauchte sie, dass sie das Essen zubereitete, das er mit seiner Arbeit ins Haus verdient hatte. Er brauchte sie für viele äußere Dinge und sie ihn natürlich nicht weniger. Sie brauchten wirklich einander, und auf das erste, das man hätte nennen müssen, kommt man zuletzt: Sie brauchten einander für die innere Harmonie.

Es beruhigt ein schlafendes Kind eben, wenn die Mutter in der Wohnung ist und wenn man unbewusst ihren Atem hören oder das Geklapper im Haus vernehmen kann. Die Mutter muss gar nichts Nützliches tun, sie muss einfach nur in der Nähe sein. Auch das ist wichtig für die innere Harmonie. Wehe, das Kind ist auch nur kurz allein zu Haus. Auch wenn dadurch alles gar nicht bedrohlicher wird und alles an seinem Ort bleibt und in Ordnung ist: Das Kind wird unruhig und gerät aus dem inneren Gleichgewicht. Es fängt an zu weinen.

Unsere Behauptung mit der Erbsünde sagt nun, jedem Menschen auf Erden fehlt etwas, wie unserem Opa damals seine bessere Hälfte. Der Mensch ist unruhig wie ein Kind, dessen Mutter nicht in der Nähe ist, und wie jemand, dessen bester Freund nicht mehr lebt. Dieses etwas, was fehlt bräuchte er für eine viel größere, als er je kennen gelernt hat. So wie er ist, neigt er zu Süchten und allerlei Dummheiten. Er neigt zum Geiz, zur Eifersucht, zu Ängsten und Exzessen, und das tut er, weil ihm etwas fehlt. Das ist die Behauptung. Man kann durchaus sagen, der Mensch hat seinen besten Freund verloren und weiß nicht einmal richtig, wen er noch suchen soll. Aber dass dem Menschen immer etwas auf geheimnisvolle Weise fehlt, das hat der alte Sokrates Jahrhunderte vor Christus schon gesehen.

Die Behauptung sagt nun, dass Gott den Menschen ursprünglich zwar so geschaffen hatte, wie er heute ist, dass jedoch die direkte Freundschaft mit ihm als zusätzliches Geschenk für alle vorgesehen war. Hier ist irgendwie ein Türchen zugeschlagen, und der Freund vermisst seinen Freund und erkennt ihn nicht mal mehr richtig. Das lebendige, innerliche Zusammensein mit dem liebevollen Schöpfer hatte und hätte dem Menschen jene liebevolle Nähe gegeben, die es ihm erlaubt hätte, sich ganz anders zu fühlen. Und wie das so ist, wenn Freunde sich zerstreiten und unversöhnt auseinander leben, sie verlieren einander ganz. Diesen Zusammenhang in seinen Folgen zu beenden ist Christus, der Messias gekommen.

Bleibt Gott gut, wenn er das Böse mit ansieht?

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Es hat eine kritische Frage gegeben, auf die ich kurz eingehen möchte. Denn wenn einer eine Frage hat, dann sollte man davon ausgehen, dass diese Frage viele haben oder haben würden. Sie lautet so: Wenn der Mensch einen Fehler im Getriebe hat, ohne ihn selbst verschuldet zu haben, dann sagt das nichts besonders Gutes über Gott aus. Es spricht nicht gerade für einen Autobauer, wenn er fehlerhafte Modelle vom Stapel laufen und auf der Straßen fahren lässt. Wenn Gott allmächtig ist, dann müsste er das verhindern können. Tut er es nicht, dann stellt ihn das in ein schwaches Licht. Ein guter Schöpfer, der alles kann dürfte eigentlich nicht erlauben, dass seine Kinder mit einer Behinderung geboren werden.

Ich habe die Frage einmal mit einer Gruppe Jugendlicher diskutiert und ein kleines Rollenspiel organisiert. Einer der jungen Leute spielte die Menschheit, die Wünsche äußern sollte, ich würde die Rolle Gottes übernehmen. Der erste Wunsch war, Gott solle verhindern, dass den unschuldigen Kindern in der Welt ein Leid angetan werde. Ok, sagte Gott, ab heute kein Missbrauch mehr. Als nächstes sollte überhaupt die Vergewaltigung abgestellt werden. Auch das geschah prompt. Dann war da noch die ungerechte Verteilung der Güter in der Welt. Gott stellte auch das ab und verteilte die Dinge in Gerechtigkeit. Gegen Ende kamen die Lügen, die Betrügereien und Diebstähle an die Reihe. Gott verhinderte sogar, dass geklaut wurde. Als die Bitten durch waren, bat Gott, das Wort ergreifen zu dürfen. Da sei eine letzte Sache. Er habe den Menschen gehindert, Böses zu tun und die Ungerechtigkeiten abgestellt. Sein Problem sei nun aber, dass sein Geschöpf nun nicht mehr tun könne, was es aber immer noch wolle. Der Mensch steckte jetzt wie in einem Gefängnis. Er könne nicht lügen, er wolle aber. Er könne nicht töten, er wolle aber. Er könne seine Nachbarn nicht übervorteilen, er würde es aber immer noch so gern tun. Wenn er jetzt das Wollen ändere, dann müsse er ihm die Freiheit sich zu entscheiden nehmen. Dann wäre der Mensch nicht mehr der, der er war. Dann wären am Ende auch die geäußerten Wünsche nicht mehr die wirklichen Wünsche der Jugendlichen. Es eröffnete sich ein Dilemma. Dilemma bedeutet, dass zwei Dinge, die man gern hätte, nicht zugleich wahr werden können. Entweder wir bekommen das Übel bei den Menschen oder deren Möglichkeit, freie Entscheidungen zu treffen nicht aus der Welt. Als mein Freund seine Frau heiratete pries er die Größe seines Schöpfers. Als sie ihm davon lief, klagte er ihn an und nannte ihn böse. Wenn ein Vater seinem Sohn ein schönes Haus baut und der beschließt, es zu verwüsten und sich selbst in ihm zugrunde zu richten, dann spricht das nicht gegen den Vater. Die Beschwerden, er hätte seinen Sohn nicht zur Welt bringen oder ihm kein schönes Haus bauen sollen, sind irgendwie nicht richtig. So kommen wir nicht weiter. Dennoch bekommt Gott weiterhin schlechte Noten im Betragen, das muss er wohl aushalten.

Der heilige Thomas geht die Sache anders an. In seiner Schule zeigt sich die Größe und Güte Gottes nicht an unserer moralischen Beurteilung. Sie zeigt sich eher in der Darstellung der Größe seines Vermögens. Als ich früher Leichtathletik im Fernsehen schaute, da gefiel mir der Zehnkampf immer am besten. Die Zehnkämpfer konnten nicht nur eine Sache gut, sondern irgendwie alles. Sie konnten nicht nur gut laufen, sondern auch hoch und weit springen. Sie konnten Kugelstoßen und Diskuswerfen, eben so ziemlich alles. Die besten sind nicht die, die eine Sache gut können, sondern die, die alles am besten vermögen. Ähnlich zeigt sich die Größe und Güte Gottes am besten darin, dass er alles am besten kann. Wenn es das Übel in der Welt gibt, dann stellt gerade das eine große Herausforderung dar, nämlich die, aus ihm Gutes zu machen. Das Schwerste dürfte sein, aus dem allergrößten Elend die aller größte Freude etwa zu machen. Es wird am Ende vielleicht immer alles noch makaber klingen, aber wenn ein Mechaniker zeigen will, was er kann, dann braucht er kaputte Autos, und der beste Mechaniker ist der, der die schlimmsten Schrotthaufen in die schönsten Karossen verwandelt.

Robert Spaemann hat in einem seiner Vorträge einmal ein hübsches Bild gebraucht. Da ist ein Künstler, der unendlich schöne Bilder malen kann. Es kommt ein Feind und schleudert einen Eimer schwarze Farbe auf das Werk. Alle denken, das kann nicht gut gehen. Der Künstler überlegt einen Moment und malt drauf los. Das Bild wird mit dem Flecken noch schöner als zuvor. Der Feind wirft wieder und wieder entsteht ein noch schöneres Bild. Wenn der Künstler unendliche Fähigkeiten hat, dann kann das in alle Ewigkeit so weiter gehen. Der Feind kann nicht verhindern, dass am Ende das schönst mögliche Bild entsteht. Der Künstler hat den Feind aber weder gebraucht, noch gewollt. Am Ende wird sich zeigen, dass der Schöpfer viel mehr drauf hat, als alle Welt je gedacht hatte. Das ist seine Chance, im Ansehen seiner Kinder wieder an die Spitze zu klettern.

Von der Richtung der Aufgabe

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Achtung, bitte um Geduld mit mir. Heute gleich drei Kapitel. Nachdem eine ganze Weile Schweigen war, hatte ich heute Zeit und Laune, gleich etwas mehr zu Papier zu bringen. Und wenn ich nicht gleich veröffentliche, wird das wieder nichts. 

Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Ich glaube, wir müssen doch noch mal etwas genauer von der Sünde im Allgemeinen reden, damit nicht wieder alles in die falschen Hälse gerät. Das ist nämlich sehr oft der Fall. Die einen regen sich auf, wenn das Wort Sünde fällt, wie Kinder, denen man die Spielzeuge wegnehmen will. Andere machen den Eindruck, Sünde sei alles was Spaß macht, und man kann kaum über eine Blumenwiese laufen, ohne gleich den Beigeschmack des schlechten Gewissens haben zu müssen. Dann gibt es noch die Dummköpfe, die die Welt in ein Kloster verwandeln wollen, wo sogar das schlichte Musikhören als verboten gilt. Die nennen das „haram“, einfach verboten, um nicht erklären zu müssen, was man nicht erklären kann. Allen gemeinsam ist das Moralische, der erhobene Zeigefinger und das Lied der Anklage, allerdings einigermaßen wenig bei sich selbst, das wäre so schwer auszuhalten.

Thomas macht das ganz anders. Er redet völlig unaufgeregt von der Sünde, gern allgemein, sachlich und vor allem ohne diese dauernden Emotionen, die unschuldig daher kommen, aber immer für Streit sorgen.

Sünde gibt es auch ohne Schuld, aber es gibt keine Schuld ohne Sünde. Sünde ohne Schuld ist zum Beispiel die Erbsünde, die wir haben, für die wir aber nichts können. Sie ist uns zu einer Aufgabe geworden, die wir uns nicht selbst gegeben haben, die uns aber das Leben aufgibt. Wer zum Zorn neigt und als Morgenmuffel die Küche betritt, der hat die Aufgabe sich am Riemen zu reißen, um seine Leute nicht dauernd zu nerven und ihnen die Welt zu verleiden. Jesus hat uns mit seinem „seid vollkommen!“ eine Aufgabe gegeben, die wir auf Erden nie ganz erledigen können. Wir sollten sie aber auch nie ganz aus den Augen verlieren.

Um es gleich zu sagen: Wir sind hier in der Schule des heiligen Thomas, und hier kann man einen Grundsatz formulieren. Die Sünde loszuwerden ist wohl eine Aufgabe. Aber die kleinsten Schritte in die Richtung schenkt immer Freiheit und jeweils größte Freude. Wir sind gewohnt, es anders herum zu betrachten und glauben nicht immer an die Schönheit unserer Ziele. Wie ein Drogenabhängiger, der vor dem Entzug nur die Schmerzen sieht. Besser und viel motivierender wäre, er würde die Freude, die Freiheit und das lohnenswerte Leben danach vor Augen haben. Bei Thomas ist der Kampf gegen die Sünde immer zugleich das Erlangen der sogenannten Tugenden, und die zu erwerben und zu haben macht leichtfüßig, freudevoll und frei. Das ist die Richtung und offenbart den Irrtum der oben genannten Dummköpfe. Die Welt in ein Schweigekloster zu verwandeln macht nicht nur am Anfang schon keine Freude. Das Ergebnis ist ebenso Grauen erregend. Auch die Welt, die irgendwelche moralischen Betschwestern errichten wollen, dürfte am Ende in keiner Weise erstrebenswert sein. Ich will weder die Medizin, noch den Zustand, den sie Gesundheit nennen. Thomas, der immer über die Betrachtung der Ziele an die Dinge geht, hat eine freudevolle Lehre, weil die Ziele in der Arbeit an ihnen schon anfangen, sich zu verwirklichen.

Ich habe den so oft daher geleierten Satz vom Weg, der das Ziel ist, lange nicht verstanden. Wie kann ein Weg erstrebenswert sein, der ohne Ziel sein kann? Ich habe das immer für die Parole eines bemitleidenswerten Atheismus gehalten, der traurig auf den Himmel verzichten muss und sich deshalb den Weg schön redet. Anfreunden kann ich mich erst in der Schule des Meisters: Wer zum Beispiel anfängt, sich die guten Eigenschaften, die Tugenden genannt werden, aufzuspielen, der beginnt sie gleich vom ersten Tag an zu haben, noch nicht fertig, aber schon wirklich. Das heißt, das Ziel schiebt sich beim Gehen und vom ersten Schritt an bereits unter die Füße. Ein bekannter Therapeut hat mir einmal nicht ohne Stolz erzählt, er arbeite so: Gleich auf das leuchtende Ergebnis und auf die vorhandenen Ressourcen blickend, freudevoller anfangen. Das sei viel besser, als immer in der Vergangenheit zu graben und sich damit die Energie zu nehmen. Auch nicht ganz ohne Stolz konnte ich auf mein Bücherregal zeigen, wo das alles schon in achthundert Jahre alten Schinken zu lesen steht.

An der Sünde arbeiten bedeutet nach diesem Schema also eher, sich guten Mutes und an die Fehler im eigenen Getriebe machen. Das also vorab nochmal.

Die Riesenmacke in der Welt

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche.

Was die Erbsünde angeht, haben wir über den Standard gesprochen. Mit unserem Standard, also mit der Grundausstattung des Menschen stimmt etwas nicht, so die Behauptung. Ich würde das gern noch um einen Gedanken erweitern und sagen, mit der Grundausstattung der ganzen Welt stimmt eine Menge nicht. Was wir Erbsünde nennen, das geht gar nicht nur die Menschen an, es betrifft die ganze Welt und ihre Standards. Es ist eine steile Behauptung, aber sie meint wirklich, die ganze Welt ist irgendwann aus ihren eigenen Fugen geraten und hat Fehler im Getriebe. Gestatte mir zur Erklärung einen Gedanken.

Wenn sich bei uns Besuch aus dem Freundeskreis anmeldet, dann wird in der Wohnung vorher kurz durchgewischt, dass alles einigermaßen in Ordnung ist. Wenn sich der Papst einladen würde, dann würde ein kurzes Durchwischen nicht reichen. Es würde die ganze Stadt erfahren, die ganze Straße würde Maßnahmen ergreifen und sicher wäre alles in heller Aufregung. Meine Schwester würde wahrscheinlich sogar die Socken vor dem Bett sehen dürfen. Was für ein Aufsehen betrieben wird, das liegt daran, wie hochgestellt die Person kommt, die erwartet wird. Für die Staatsoper in Wien zieht man einen feinen Anzug an, für die Disco um die Ecke die nächst beste Hose.
Wenn wir vom Standard der Welt uns unseres Lebens sprechen, dann müssen wir uns auch über den allgemeinen Maßstab Gedanken machen, mit dem gemessen und an den alles angelegt wird. Wenn nach den Standards von Räuberbanden gemessen wird, dann ist es ganz normal und alles in Ordnung, wenn sich die Menschen beklauen und belügen. Wenn der Maßstab einer hoch zivilisierten Gesellschaft gemessen wird, dann gilt der gleiche Standard als empörend. Man findet es widerlich und abstoßend, wenn alle sich bestehlen und Betrügereien an der Tagesordnung sind. Die Christen haben von Gott einen Maßstab in die Hand bekommen, der sie alle heillos überfordert, den sie aber nicht mehr aus der Hand geben können, es ist der Maßstab ihres Herrn und Meisters, gegen den der Papst ein ungewaschener Gassenjunge wäre. Es ist der Maßstab der absoluten Reinheit und Heiligkeit. Wie gesagt, es ist ein Maßstab, der alle überfordert und der uns sozusagen mit  Gewalt aufgedrückt wurde. Wie wenn jemand einen riesigen Pflock in die Erde geschlagen hätte, den die Welt nicht mehr los wird.

So etwas nervt natürlich. Die Menschen haben es sich in der Gosse ganz gut eingerichtet, und sie reden sich immer genau die Welt schön, in der sie leben. Ist Dir das schon mal aufgefallen? Jede Generation findet gerade sich als die beste. Wir Heutigen sind besonders menschlich, wir spenden am meisten, sind in der Menschlichkeit so weit, wie die armen Generationen vor uns noch nicht sein konnten und im Namen der Wissenschaft, die keine ist, wird tagaus tagein trompetet, man sei den wichtigen Rätseln so gut wie auf der Spur. Alle bewundern die Kleider unserer Könige, und das Kind, dem einzig auffällt, dass er gar keine anhat, soll gefälligst den Mund halten, wenn Erwachsene reden. Dem Erdinder der Welt allerdings sind unsere Maßstäbe wurscht. Er hat den seinen in die Welt geschlagen, und wer sich an ihm reibt, der mag sich an ihm reiben.

Nun ist es so, dass der Meister einmal auf die Welt kam, den Maßstab verkündete und eine Kirche ins Leben rief, der er sein ganzes Werk und seine Meinung zur Verwaltung anvertraute. Diese Kirche gibt es seit dem und sie hat leider den Fehler, dass sie sich auf der einen Seite in ihrem Verhalten all zu gern den Maßstäben der Welt angleicht, um auf der anderen Seite den großen Maßstab der Reinheit verkündet. Die Kirche Christi bekommt stets doppelten Ärger, zu Recht und zu Unrecht. Auf der einen Seite wirft man ihr mit Recht vor, sie lebe selbst nicht, was sie verkünde. Auf der anderen Seite wird sie zum Ärgernis, wenn sie in der Gosse das Reinemachen predigt. Ihr Standard aber ist die unantastbare Heiligkeit Gottes, daran sollte niemand rütteln wollen. Wer das will, und das wollen immer viele, stehen in direkter Verantwortung, nicht vor dem Papst, sondern vor dem Herrn der Heere.
Ich will es gleich sagen: Christus hat „seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ in die Welt gerufen. Wir haben uns zu bemühen, aber niemand wird am Ende ausrufen, er habe es geschafft. Geschafft hat es nur die Mutter Jesu und er selbst natürlich. Er aus göttlicher Fähigkeit, sie nur weil sie von außen bewahrt und behütet wurde. Der Standard steht aber, und an dem gemessen hat die Menschheit, jeder einzelne in ihr und unsere gesamte Welt eine Riesenmacke.

Verschiedene Standards

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Was alle haben, das wird zum Standard, und über Standards wird in der Regel nicht viel gesprochen. Dass alle Menschen zwei Beine haben ist Standard. Über die Zahl unserer Gliedmaßen für immer nur dann gesprochen, wenn jemand eins zu viel hat oder wenn einem eins fehlt. Wohin man geht oder nicht gehen will, darüber wird natürlich immer geredet. Aber dass man überhaupt geht, oder warum gerade mit zwei und nicht mit vier Beinen, wird kaum ein Thema.
Wenn irgendwo ein Mensch mit Flügeln zur Welt kommt, dann fragen sich plötzlich alle, wie es sein kann, dass jemand mit dem Erbgut der Menschen Flügel bekommen konnte. Irgendwo muss da etwas von außen eingedrungen sein. Normalerweise hat der Mensch ja nichts, um abzuheben. Der Standard wird also interessant, wenn er irgendwo durchbrochen wurde.
Wir haben angedeutet, dass es einmal zwei Menschen gegeben hat, die keine Sünde kannten, was immer das auch sein mag. Vielleicht hat der Schöpfer deshalb mit dem Sohn und seiner Mutter eine Ausnahme in die Welt gestellt, damit wir über den Standard reden. Wenn jemand keine Sünde kennt, dann ist das eine Ausnahme, die mehr auffällt, wie wenn jemand plötzlich fliegen kann.
Unser Fall mit der Mutter hat allerdings eine besondere Wendung. Hier sollte gezeigt werden, dass der Standard eigentlich nie als Standard vorgesehen war. Irgendwo ist jemand mit Flügeln geboren, um uns auszurichten, dass wir alle eigentlich Flügel hätten haben sollen. Der Mensch ohne war immer ein Notbehelf, der auf einem Mangel beruht, den eigentlich niemand hätte haben sollen.

Hier muss ein Gedanke hinzu kommen. Wir haben die Neigung, den Standard nicht nur für normal, sondern auch für das Beste zu halten. In einem Volk, in dem alle gewohnt sind, sich mit Schimpfwörtern anzuschreien, wird Dir ohne weiteres an allen Ecken erklärt, was für eine Errungenschaft das sei. Wenn Du dann sagst, wie schrecklich Du das findest, dann wird Dir ein Besuch beim Arzt empfohlen.
Dir wird mit der Zeit auffallen, je schlimmer es in der Welt zugeht, desto lauter werden die Stimmen, wie wunderbar wir gerade dabei sind, sie endgültig zu verschönern. Der Mensch hat offenbar eine starke Tendenz, sich seine Sachen schön zu reden, vielleicht, um es überhaupt mit sich und ihr auszuhalten. Wenn dann einer auftaucht, der wie von Zauberhand mit dem ganzen Elend nichts zu tun hat, der ist entweder ein Störenfried oder ein Langweiler. Im Fall von Christus wissen wir sehr wohl, dass er ziemlich gestört hat, im Fall seiner Mutter habe ich den Verdacht, sie galt als notorische Langweilerin. Wer gar nicht klaut, der stiehlt auch keine Pferde. Auf jeden Fall waren beide nicht das, was man gern „einer von uns“ nennt, bis heute nicht. Es heißt immer, Christus musste sterben, weil er sagte, er sei Gottes Sohn. Das stimmt wohl, die Anklage lautete so. Wir werden aber dazu sagen können, das Feuer wurde nicht nur wegen dieses Anspruchs gelegt, sondern besonders auch wegen der Sachen, die er als der Sohn sagte, nämlich, dass die ganze Generation auf dem Holzweg war. Er sagte seinen Schülern, sie seien das Licht für die Welt. Es wurde aber von Beginn an ein Licht, das schrecklich blenden sollte und den Leuten die Augen verbrennen würde. Wer heute mit der Rede von der Erbsünde daher kommt, der muss damit rechnen, dass ihm bei uns die Torten ins Gesicht fliegen und an anderen Orten noch ganz andere Dinge.
Der Auftrag des Predigers ist also ein doppelter. Wenn er auch nur halbwegs dem Anspruch seines Herrn gerecht werden will, dann muss er verkünden, dass die Standards so gut gar nicht sind, wie wir sie uns malen möchten. Zum zweiten muss er eine Einladung im Namen dessen aussprechen, der gerade ausgeladen wurde.
In den Kirchen hört man gern, Gott habe uns alle sehr lieb und er würde uns immer da abholen, wo wir stehen. Da ist sicher nichts gegen zu sagen. Nur ist zu bedenken, dass man jemanden wohl immer nur dann abholen möchte, um ihn an einen anderen Ort zu führen. Seit den Zeiten des Petrus ist vom Brückenbauer die Rede. Brücken sind wohl aber nicht dazu da, dass man auf ihnen wohnt, sondern dass man auf ihnen an ein neues Ufer gelange. Der Prediger im Sinne seines Herrn hat kein leichtes Los. Aber das gehört zum Handwerk, auch dessen, der schreibt.

Das Dilemma und sein Ursprung

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Früher machte ein Scherz die Runde. Wenn jemand auf die Frage, ob er schon fortgeschritten sei, Ja sagte, dann lachte man bei den Worten, er sei weg getreten. Fort schreiten und weg treten beschreiben eigentlich das gleiche: Von hier nach da gehen oder gegangen sein. In unserer umgänglichen Sprache meint ein Fortgeschrittener allerdings jemanden, der etwas gelernt hat und kann. Ein Weggetretener dagegen ist verrückt. Man meint mit einem Wort schon mal sehr verschiedene Dinge. Es wäre ungerecht und würde jeden Sinn verfehlen, wenn man zu einem Fortgeschrittenen, der etwas schon viel besser kann als andere, sagen würde er sei der Verrückte.
Wenn eine Gesellschaft den positiven Sinn des Wortes verisst, dann wird immer mit Verrücktheit gerechnet, wenn von Fortgeschrittenen die Rede ist. So etwas ist mit dem Wort „peccatum“ gemeint, das Thomas oft verwendet und bei uns immer mit „Sünde“ übersetzt wird.
Ein „peccatum“ geschieht in der Natur, wenn zum Beispiel irgendwo eine Kuh mit zwei Kuhschwänzen zur Welt kommt. Ein Schwanz ist normal, zwei sind ein Missgeschick der Natur, wer weiß, warum genau.
Ein „peccatum“ geschieht in der Kunst, wobei mit Kunst früher nicht nur die heutige Kunst gemeint ist, die so teuer ist, weil sie keiner fürs praktische Leben brauchen kann. Kunst meinte auch die Kunst der Zimmerleute, der Schlosser, Fliesenleger und Maurer. Wenn da unbeabsichtigte Fehler passieren, spricht man in der Sprache des Thomas auch von einem „peccatum“.
Ein „peccatum“ passiert auch, wenn jemand etwas kann, nicht soll, aber tut. Wer weiß, dass er nicht stehlen darf und stiehlt, der begeht ein „peccatum“, und dieser Fall, also wenn jemand absichtlich Fehler macht, ist der einzige, den man heute noch mit Sünde meint.

Wir werden von etwas reden, was in der Sprache des Thomas „peccatum originale“ heißt. Übersetzt heißt es das „peccatum von seinem Ursprung her“ und wird ins Deutsche immer mit „Erbsünde“ übersetzt. Damit ist ein Pech gemeint, das wir haben, weil irgendwann jemand eine fatale Dummheit begangen hat. Wir haben ein Problem, für das wir nichts können, das aber da ist, und sehr offensichtlich.
Irgendwann in einer Krise haben die Leute des Volkes Israel gemerkt, mit ihnen, untereinander, mit sich selbst und im Verhältnis zu ihrem Gott stimmt etwas nicht. Schon der Normalzustand könnte oder müsste eigentlich viel besser sein. Irgendetwas muss irgendwann aus dem Ruder gelaufen sein und mit den Folgen haben wir immer noch zu tun. Die Juden fragten sich, was das sein könnte und reagierten mit einem Buch, das sie vorstellten. Dieses versuchte, die Angelegenheit in Bildern zu beschreiben. Die Leute sollten sehen können, so ungefähr könnte oder muss es gewesen sein, und zwar irgendwann ganz konkret, aber wie das genau ausgesehen hat, konnte niemand schildern. Es gab keine Bilder.
Die Folgen aber, die man spürte, waren offensichtlich. Wer eine Narbe hat, der geht davon aus, dass er sich irgendwann einmal konkret verletzt hat. Auch wenn er sich in keiner Weise erinnern kann, es muss irgendwann mal wirklich gewesen sein.
Die von den Juden aufgeschriebene Geschichte ist das schon erwähnte, vorderste Buch der Bibel. Die Schreiber konnten nicht mit dem Anspruch antreten, dass sie die Darsteller gesehen haben und dass es sie wirklich wie geschildert gegeben hat. Eva, die erste beschriebene Frau, hat in der Sprache der Hebräher keinen Namen. Eva heißt übersetzt so etwas wie „Mutter aller Menschen“, wie mir eine Jüdin sagte. Gemeint ist, die Mutter und der Vater aller Menschen haben die Genetik der Menschheit zum Negativen hin verändert. Seit dem ist der Mensch wie er ist: Er hat alles in sich, das Zeug zum Heiligen, der leuchtet wie ein Engel und das Zeug zum Scheusal, das außer Böses kaum noch was im Sinn hat. Diese starke Neigung zum Negativen, die wir bis heute in uns entdecken können, die ist der Gegenstand der Überlegungen und Streitigkeiten. Aber dass es ihn gibt, das scheint einigermaßen einleuchtend, ganz von selbst sozusagen.

Die Sünde der Bogenschützen

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Kurz gesagt: Grundsätzlich kann ich nicht gut mit Büchern leben, die mir sagen wollen, was Leute jetzt sagen würden, die nicht da sind. Ich mag Bücher nicht, die mir erzählen wollen, was Jesus tun und sagen würde, wenn er heute wieder käme, ich mag auch keine Bücher, die mir sagen wollen, was Thomas heute alles sagen würde, wenn man ihn fragen könnte. Wir wissen nicht, was Shakespeare heute schriebe und wir wissen nicht, was Mozart für Opern zu Papier brächte.
Wenn Christus wieder kommt, was ich genau so glaube, wie dass er schon da war, dann wird er uns alle überraschen, so viel dürfte sicher sein. Und wer meint, er wüsste eingentlich schon, was zu tun ist, der Herr müsste nur noch einige Details wie die Frage nach dem Taxi oder der U-Bahn klären, dürfte sich am meisten wundern. Kein Mensch ist berechenbar und der Gottmensch schon mal gar nicht.
Deshalb mag ich den mittelalterlichen Thomas auch nicht in die Neuzeit hinein sprechen lassen. Antworten mit „Thomas würde heute sagen“ zu beginnen ist kein guter Stil. Es war auch nie der Stil des Meisters, in die tagespolitische Welt sprechen zu wollen. Dieser Schuster blieb bei seinem Leisten, und das hieß, den christlichen Glauben zu beschreiben. Thomas ist nicht der Typ eines Günther Grass, von dem ich immer den Eindruck hatte, die Welt würde ihm leid tun, wenn er einmal nicht mehr da wäre, um ihr Ratschläge zu geben.
Wenn ich aber heute lese, was ich vorgestern geschrieben habe, dann habe ich doch das Gefühl, ich hätte einen kleinen Mann mit Namen Thomas im Ohr, der mich ein bisschen zurecht rücken muss. Ich schrieb, bei Thomas sei die Sünde zunächst eine Sache gegen die Freiheit, die Schönheit, Würde und Klugheit des Menschen, und mir ist, als sagte mir der Meister: „Alles richtig, insofern es sich dabei um Ziele handelt.“
Ich fürchte, liebe Mantha, dass ich damit jetzt endgültig unverständlich werde. Von hundert Leuten auf der Straße, die zwei Sätze zum Wort Sünde sagen sollen, wird kaum einer dabei sein, in dem das Wort Ziel vorkommt. Bei unserem Lehrer Thomas aus dem Mittellter ist das anders. Da wird man eher bei hundert Sätzen zur Sünde kaum zwei finden, in dem der Begriff Ziel nicht dabei ist.
Auf unseren Straßen wird man am meisten vermutlich hören, Sünde sei was man nicht darf. Bei Thomas kann man lesen, Sünde sei alles, was schief läuft. Das sind ganz andere Töne und liegt daran, dass der komplette Begriff „Sünde bei Thomas“ viel weiter gefasst ist. Natürlich würde Thomas sagen, man darf nicht morden, wer mordet, der sündigt. Er würde allerdings auch sagen, ein Fliesenleger sündigt, wenn er seine Fliesen nicht richtig legen kann, und daran muss er nicht mal schuld sein.

Der Begriff der Sünde in unserer Neuzeit ist ein ganz anderer, und mit Neuzeit meine ich besonders die Zeit nach der Reformation, die vor fünfhundert Jahren von Martin Luther angestoßen wurde. Ich sage das jetzt in Richtung meines evangelischen Freundes mit einem Augenzwinkern, aber die Reformation und alles, was danach kam, hat zu meinem größten Bedauern den Thomas nicht gelesen. Die Katholiken eingeschlossen.
In diesem Sinn sind übrigens die Italiener bis heute in ihrer Sprache sozusagen mittelalterlich katholisch geblieben. Das italienische Wort für Sünde heißt „peccato“. Das entspricht ganz dem lateinischen „peccatum“ das Thomas gebraucht. Aber wenn Italiener auf der Straße „che peccato!“ sagen, dann meinen sie nicht, „was für eine Sünde!“, sondern „was für ein Pech!“ Das ist genau, was Thomas auch oft meint. Wenn ein Bogenschütze daneben schießt, dann hat er Pech gehabt und es kann tausend Gründe geben. Der katholische Italiener Thomas nennt das ein peccatum. Wenn wir das mit unserem Wort Sünde übersetzen, gerät alles durcheinander und wir machen den armen Bogenschützen gleich zum Übeltäter.
Weißt Du, mein evangelischer Freund ist schon ganz gesprannt, was wir zu einer Sache sagen, die bei den Fachleuten Erbsünde genannt wird. Ich bin selbst gespannt, aber ich glaube, wir können darüber nicht vernünftig reden, wenn wir nicht genauer vom Pech sprechen, das wir damit haben.

Über das Lesen, und warum wir über Maria reden sollten

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Unser Büchlein wird dicker, und wenn wir nicht aufpassen wird ein ausgewachsenes Buch draus. Viele Leute fürchten sich vor dicken Büchern, wenn sie überhaupt welche lesen sollen. Bei großen Torten oder üppigen Schweinebraten ist das nicht so. Da haut man gerade rein, wenn die Protionen groß sind. Aber bei Büchern ist das anders. Schweinebraten kann man halb gegessen liegen lassen und hatte doch den vollen Genuss. Bei Büchern geht das oft nicht. Die muss man meistens ganz und bis zum Ende lesen, um an den vollen Genuss zu kommen.
Mit dem Lesen ist es überhaupt anders als mit dem Essen und dem Trinken. Lesen ist immer auch ein Stück Arbeit, da gibt es keinen Zweifel. Man muss eben Lesen, um am Ende gelesen zu haben. Der Genuss ist geistig, und geistige Genüsse hat man immer über Umwege. Den Genuss beim Essen hat man sofort, wie wenn man sich am Arm kratzt, wenn er juckt. Der Effekt liegt schon im Kratzen selbst und beim Essen gleich, wenn man kaut und schluckt. Geistige Genüsse stellen sich immer über einen Umweg ein, den man nehmen muss, und dieser Umweg geht mindestens über den Geist. Wenn ein Kind einen Purzelbaum übt und endlich vorführt, dann ist der Salto vermutlich schon für sich ein Vergnügen. Aber das Wissen, die Eltern sehen zu und erfreuen sich an der Leistung, das ist die tiefere, die geistige Freude. Die nimmt dem Umweg über das Üben und das Wissen, das verarbeitet wird.

„Geistige Freude ist die tiefere Freude“, da sind sich alle Menschen einig, die ihre Freude an geistigen Freuden gefunden haben.

Das Lesen selbst ist kein Vergnügen, sondern eine Art notwendige Arbeit. Aber von Leuten, die gern und viel lesen, kann man lernen, das Vergnügen ist immer größer, als die Arbeit, die man aufwendet: Lesen lohnt sich, sagen alle wirklichen Leser, und alle wirklichen Leser empfehlen das Lesen und können am Ende nicht verstehen, wie man sein Leben ohne Lesen leben kann. Mit „wirklichen“ Lesern meine ich „literarische Menschen“, nämlich solche, die wissen, wovon sie reden, wenn sie vom Lesen reden. Literarische Menschen sind Leute, die schlicht und einfach das Lesen für sich entdeckt haben, dabei ist egal, ob sie eher preiswerte Krimis am Bahnhof kaufen, ob sie sich in die Abenteuer der großen Klassiker stürzen oder gar in der Philosophie beheimatet sind. Jeder lese, was er gerne liest, aber wer es lässt, der verschenkt am Ende geradezu ein Stück möglicher Lebensqualität. Das sagen jedenfalls die Leser dieser Welt.

Du hast Recht, unser Buch wird dicker, vor allem aber, weil ich immer so lange einleite und spät zur eigentlichen Sache komme. In diesem Fall wird es allerdings auch dicker, weil wir eine Art Buch im Buch schreiben müssen. Wir müssen nämlich etwas ausführlicher über die Sünde reden, damit nicht alles am Ende missverstanden wird. Das Wort Sünde kennt jeder und jeder hat gleich eine ganze Vorstellungswelt, wenn er es hört. Ich würde aber eine Wette machen, dass kaum einer weiß, was unser Lehrer Thomas dabei denkt, und weil unser Buch vom Denken des Thomas handeln soll, müssen wir das Kapitel wohl oder übel einschieben.

Ich fange meine Überlegungen zur Sünde mit dem einzigen Exemplar der Menschheitsgeschichte an, das sie überhaupt nicht kannte, mit Maria, der Mutter Jesu nämlich. Du bist Protestantin und dazu eine, die, wie sie selber sagt, ihren Glauben kaum kennt. Deshalb wirst Du vermutlich nicht wissen, dass bei meiner Behauptung, Maria hätte die Sünde nicht gekannt, in der protestantischen Welt schon mal die Wogen hochschlagen. Dass Maria von jeder Sünde völlig unberührt war, das ist eine Behauptung der sogenannten großen, alten Kirchen. Die orthodoxen Kirchen des Ostens behaupten das und die westliche, römisch katholische auch. In der evangelischen Glaubenswelt glauben das, wenn ich richtig sehe, nur wenige, die meisten eher nicht. Aber hier sollten wir die Protestanten lieber selbst zu sprechen hören. Es ist kein guter Stil, über anderer Leute Glauben zu sprechen, wenn sie es viel besser selber könnten. Ich möchte nur dass Du es schon mal gehört hast: Die Sündenlosigkeit Mariens ist innerhalb der christlichen Welt ein umstrittener Satz, und weil das so ist, möchte ich ihn kurz erklären. Es gibt, genauer genommen also drei Gründe, warum ich dieses Fass aufmache: Weil man sich drüber steritet, weil er für uns sehr wichtig ist und besonders, weil er mit dem Teufel zu tun hat, der am Ende ja doch ein Engel war.