Dumm und intelligent zugleich

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Wir sollten noch einmal kurz über Vernunft und Unvernunft sprechen. Wir nennen zum Beispiel niemanden unvernünftig, der nicht eigentlich vernünftig sein könnte oder sollte. Wir würden ein Tier nicht unvernünftig nennen, das seinem Schlachter entgegen läuft. Manche Tiere sind so dumm. Wir nennen aber einen Schüler unvernünftig, wenn er nicht zur Schule geht und dadurch seinen so wichtigen Abschluss versäumt. Wir nennen ihn unvernünftig, weil er es eigentlich besser wissen müsste. Unvernünftig ist einer, der genügend Vernunft hat, die er aber nicht an den Tag legt. Hagelkörner sind nicht unvernünftig, wenn sie auf ein Autodach fallen. Aber wenn einer auf sein eigenes springt und es zerbeult, der hat den Verstand verloren. Verloren haben kann man nur, was man eigentlich haben sollte.

Wann immer der heilige Thomas über die Sünde spricht, dann meint er so etwas: Jemand ist unvernünftig, wo er seinem Können nach eigentlich leicht vernünftig sein könnte. Nebenbei gesagt habe ich in meinem Leben schon viel von Sünde und nicht Sünde gehört. Es hat aber noch nie jemand so von ihr gesprochen, wie Thomas. Er hört nicht auf zu betonen, die Sünde sei vor allem unvernünftig, und zwar im oben besprochenen Sinn: Man macht nicht, was man seinem Vermögen nach eigentlich leicht könnte und was viel klüger wäre. Man könnte durchaus sagen, die Sünde ist eigentlich immer eine ausgesprochen dumme Angelegenheit.

Nun heißt es bei Thomas über den Teufel, bei ihm sei es überhaupt nicht anders, als bei allen Geschöpfen, die etwas wollen können: Auch der Teufel liebt Gott über alle Maßen. Wir erinnern uns: Wer einen Menschen liebt, der liebt auch die Liebe als solche. Eigentlich lieben wir unsere Leute nur, weil wir überhaupt und insgesamt von vorn herein auf die Liebe aus sind und die Liebe immer schon lieben. Nur wer überhaupt gern läuft, der läuft gern einen bestimmten Berg herunter. Das bedeutet, hinter jeder konkreten Liebe steht ein allgemeines Lieben der Liebe. Wenn Gott die Liebe schlechthin und ihr Maßstab ist, was der Glaube behauptet, dann steht hinter jeder konkreten Liebe eine sozusagen Grundliebe zu Gott. Dazu muss man ihn nicht einmal kennen.

Das alles ist auch beim Teufel so. Auch er liebt seinen Schöpfer über alle Maßen und möchte vor allem immer eins: Mit ihm in der vollendeten Liebe zu Hause und geborgen sein. Das ist das eine. Auf der anderen Seite heißt es aus der selben Feder des selben Gelehrten, alles, absolut alles, was der Teufel tue, sei absolute Todsünde. Er ist vollendet böse, das heißt, er ist so böse, wie er überhaupt sein kann. Nichts Gutes ist in seinem Sinnen und Wirken. Das wiederum hängt mit dem Verlust der Güte zusammen, die der Schöpfer persönlich ist.
Was mir nun diese großen Schwierigkeiten macht, ist, die Dinge zusammen zu denken und unverletzt stehen zu lassen. Die absolute Liebe zu Gott und das absolute Gegenteil in allem, was er will und tut. Aber so steht es da. Thomas behauptet beides und ist nicht bereit, auch nur einen Handbreit Platz zu machen für Kompromisse, die das eine oder andere kleiner machen würden. Und wenn wir „das geht doch nicht!“ sagen wollen, antwortet er „doch, das geht“ in größter Gelassenheit.

Je länger ich über diese Dinge nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass es keinen Sinn macht, einen Sinn zu suchen, wo man prinzipiell keinen finden kann. Wenn sich ein schon erkälteter Kerl beim Eisregen im dünnen Hemd vor die Tür stellt, dann mag er seine Gründe haben. Wenn er sie lange und plausibel genug darlegt, dann mag man einen Sinn darin sehen. Wenn es aber pure Dummheit ist, dann ist es pure Dummheit, und Dummheit hat keinen Sinn. Sie ist leider wirksam, sie hat aber keinen Sinn, und es macht auch keinen, einen in ihr zu suchen.

Nach allem, was der heilige Thomas sagt, hatte der Teufel es mit einer Sache zu tun, die uns allen bestens bekannt ist: Wer etwas will, der sollte die Bedingungen akzeptieren, unter denen man sie bekommen kann. Der Teufel will die Liebe Gottes. Er akzeptiert aber nicht, sie geschenkt zu bekommen. Weil er das verweigert, bekommt er sie nicht, und zwar überhaupt nicht. Das macht ihn so wütend und führt ihn dazu, alles verkehrt zu machen, was überhaupt verkehrt gemacht werden kann. Bei aller überragenden Intelligenz, die er hat, merkt er nicht einmal, dass er sündigt. Man kann sagen, der Neid macht ihn so blind, wie uns die Wut, wenn wir toben. Im Moment, wo wir es tun, merken wir nicht, auf welchem Holzweg wir uns befinden. Wir finden richtig, was wir machen, auch wenn es himmelschreiend falsch ist. Ein sicheres Zeichen, dass Intelligenz sehr dumm sein kann und der Teufel ist dumm, sehr dumm sogar.

Geister und Götter?

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Gestern habe ich mir eine Reportage über die Kunst der Stadt Florenz im fünfzehnten Jahrhundert angesehen, und ganz beiläufig meinte der Sprecher in irgendeinem unwichtigen Zusammenhang, damals habe man noch an Geister und Dämonen geglaubt. Ich mag solche Sätze nicht, oder bei allem Respekt gesagt: Ich mag Leute nicht, die solche Sachen sagen. Von Zeitgenossen, die glauben, sie seien heute viel schlauer als alle armen Menschen vor ihnen, ist meist nicht viel zu halten.

Außerdem: Wer war „man“ damals, und wer ist „man“ heute? Sind es „die Leute“ von damals, die an Geister glauben? Mag sein, aber die Leute von heute glauben nicht weniger Schund, und der Geisterzauberglaube ist verbreitet wie noch nie. Die Summe des Aberglaubens ist heute kein bisschen geringer als im Mittelalter und in der Steinzeit.

Manchmal wird uns mitgeteilt, die Kirche sei zu allen Zeiten diejenige gewesen, die den Glauben an Geister und Zauberkram hervorgebracht habe. Ihre Lehre von den Engeln und Dämonen habe den Glauben an irgendwelchen Zauber genährt und aufrecht erhalten. Ich würde meinen, es gibt gute Gründe, das glatte Gegenteil für wahr zu halten.

Wenn ich nicht irre, war es der heilige Pfarrer von Ars, der gesagt hat: „Nimm dem Menschen den Glauben und sie werden das liebe Vieh anbeten.“ Als Priester der Kirche meinte er freilich den Glauben seiner Gemeinschaft, und er hatte sicher Recht: Seine Kirche ist eher immer diejenige gewesen, die den Glauben an Geister und Spukereien nicht hervor gebracht, sondern in seine Schranken gewiesen hat.

Die Geisterseher im alten Rom haben die Kirche nicht gebraucht, um auf die Idee zu kommen, in den Eingeweiden von Ochsen und in den Flugbahnen der Vögel die Zukunft vorauszusagen. Dass man irgendwelchen obskuren Göttern Opfer bringen musste, damit es regnet, ist keine Erfindung der Botschaft Jesu. Sie war es vielmehr, die dem Sonnengott den Kampf ansagte und dem Stern am Himmel seine Göttlichkeit absprach.

Gestern zappte ich zufällig in eine Fernsehsendung, in der gekocht wurde. Da stand eine bedauernswerte junge Frau am Herd, die sagte, sie spreche beim Kochen nicht gern mit Menschen. Sie spreche vorzugsweise mit dem Essen, um ihm dadurch positive Energien mit zu geben. Auch so ein Glaube ist keine Erfindung der Kirche, das denken sich Leute aus, die nicht mehr wissen, dass einzig der Schöpfer alle Dinge segnet oder nicht. Auch auf die Idee mit dem Hexenglauben aller Art kann nur kommen, wer die mittelalterliche Lehre des heilige Thomas nicht gelesen hat, nach der kein Geschöpf der lenkenden Hand Gottes Konkurrenz machen kann.

Vielleicht ein kurzes Wort zur Magie und ihre kirchliche Beendigung. Wenn unsere Priester Kerzen oder Medaillen segnen, dann werden diese dadurch nicht im geringsten verändert. Die Kerzen bleiben Kerzen aus schlichtem Wachs, und die Medaillen bleiben gestanztes Metall mit Bildchen drauf. Die Dinge bekommen keinen Zauber und keine Zusatzenergien, noch werden ihnen irgendwelche, außernatürlichen Kräfte zugesprochen. Der Segen will nichts anderes, als den Schöpfer bitten, er möge den Menschen, die diese Dinge besitzen und betrachten, etwas Gutes tun. Kein Segen verzaubert etwas in der Welt. Er bittet aber die Güte Gottes für die Menschen herab, die gesegnet werden möchten. Unser Essen braucht keine positiven Energien, aber unsere Kinder brauchen den Schutz des Allmächtigen und die Begleitung ihrer Engel.

Der Glaube entzaubert die Welt, er lädt sie nicht auf. Die einzigen, großen sieben Ausnahmen sind die Sakramente der Kirche. In der Eucharistie ist das Brot am Ende wirklich kein Brot mehr und der Wein kein Wein. In der Taufe werden aus Adams Söhnen und Evas Töchtern wirkliche Gotteskinder, und die Beichtstühle können wir wirklich ohne Sünden verlassen. Das ist keine Zauberei, sondern Gottes Wirken auf Ansage, nach der die Welt außer diesen sieben Gaben keine weiteren braucht.

Auch die Engel sind keine Zaubergeister, sondern schlichte, vernünftige Wesen wie wir. Der Teufel ist keine boshafte, sabbernde Konkurrenz Gottes, sondern ein Geschöpf, das in schlichter Freiheit so böse wurde, wie es böse werden konnte. Auch die Menschen können böse werden, und auch das ist kein Hexenwerk.

Die Versuchungen und der Herr im Hause

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Über Engel, Dämonen und alles Mögliche und Unmögliche

Als mein Freund mich bat, über den Teufel zu schreiben, wusste ich, es würde etwas herauskommen, was nicht ganz seinen Vorstellungen entsprechen kann. Er mag es nämlich, wenn lange über den großen Verlierer gesprochen wird, wobei ich am liebsten gar nichts bis wenig über ihn sage. Es gibt in den christlichen Gemeinschaften eine Sorte Denken und Empfinden, auf die ich mich nicht gern einlasse.

Ein Beispiel. Auf der Kirmes gibt es verschiedene Typen, die alle gern über den Platz laufen, die aber an verschiedenen Geschäften jeweils ihre größere Freude haben. Manche rennen gleich zu den Achterbahnen mit den haarsträubenden Kurven, Loopings, Umdrehungen und Schockmomenten. Andere suchen eher den Grusel in den Geisterbahnen und haben einen Hang, mystische und magische Zeiten zu erleben. Ein dritter Teil schlendert lieber eher als Zuschauer über die Plätze, um an der Freude der anderen seinen Spaß zu haben. Diese Leute ziehen es vor, mit einem Bier, mit Wurst oder süßen Sachen in der Hand zwischen den Geschäften zu spazieren.

Mein Freund, der mich bat, über den Widersacher zu schreiben, ist ein ausgesprochener Geisterbahntyp. Das Dumme an unserer gemeinsamen Sache ist, ich spaziere lieber, und ich glaube, das habe ich von meinem Lehrer Thomas. Der sagt zum Beispiel, es gebe drei Faktoren, die den Menschen durcheinander bringen und aus der Bahn werfen. Das eine sei das Angebot der Welt, das zweite sei man selbst, das dritte sei der Teufel. Natürlich hängen die drei Dinge zusammen, aber ich würde sagen, meistens sind wir es doch selber.
Was mich an den Freunden der Geisterbahn schon mal stört, das ist ihre Annahme, die drei Quellen unterscheiden, zu trennen und klar ausmachen zu können, was jetzt von was kommt. Da würde ich für meinen Teil eher eine gewisse Zurückhaltung, Demut und Vorsicht anmahnen.

Als vor Tagen über diese Terroranschläge in Europas Städten geklagt wurde, kletterte wieder ein Geisterbahnfreund auf den Plan und äußerte sein Wissen, der Teufel habe die Leute verführt, und er nutzte die Gelegenheit, das schreckliche Wirken des Satans auf Gottes Erde zu beklagen. Ich will gar nicht auftreten und Gegenteile behaupten oder Rundumverneinungen aussprechen. Wie gesagt, ich schlendere lieber, würde aber doch kurz anmerken wollen, die Geisterbahnen auf der Kirmes sind fest umgrenzte Häuser, Mauern haben, über die kein Geist zu klettern hat. Die Kirmes als ganze und als solche ist keine Geisterbahn.
Der Geisterseher unterlag der gleichen Versuchung wie seine schlimmsten Feinde. Die Taliban wollen aus ihrem ganzen Land ein Schweigekloster machen, in dem keine Musik läuft und alle streng fasten und beten. Dabei sind Klöster doch feste, umgrenzte Räume, in die ja eintreten kann, wer möchte und vor allem nicht jeder muss.

So sind auch die Geisterbahnen streng definierte Gebiete, von denen sich die Umwelt mit bestem Heimrecht absetzt. Der Teufel und die Taliban mögen von mir aus ihre Häuser haben. Solange meine Entscheidung nicht hinein führt, können sie mir gestohlen bleiben. Ich mag es also nicht, überall gleich den Widersacher am Werk zu sehen und halte das manchmal auch schlicht für eine verehrte Deutung der Welt, die aus dem Drang zum Geistersehen kommt. Ich mag auch keine Beichtstühle betreten, in denen viel von Teufels- und Engelszauber geredet wird.

Vielleicht lohnt noch ein kurzer Blick auf die drei Komponenten der Versuchung, von denen Thomas spricht: Der Teufel, die Welt und wir selber. Wichtig ist dabei nämlich zu wissen, wie das ganze gemeint ist. Das zuletzt genannte, wir selbst, sollte nicht als Instanz der Entscheidung außer Acht gelassen werden. Wer nicht in die Geisterbahn will, dem kann kein Geist etwas. Der macht mit seinen Werbeschildern zwar seine Angebote in der Welt lesbar, es ist aber jedem seine Sache, wie er seinen Kirmesgang gestaltet. Auch das „Welt“ genannte mit seinen Kiosks, seinen Geschäften und schmackhaften Spelunken und Bars steht als Angebot ins Haus. Aber auch da obliegt die Entscheidung dem Hausherrn, welche Stimmung in seinem Inneren zu herrschen hat. Die eigenen Erfahrungen, Gewohnheiten und Neigungen sind auch mehr oder weniger Angebote, zwischen denen man wählen kann. Thomas sagt einmal, mögen die Himmelskörper, wir würden sagen der Mond, auch seine Auswirkungen auf uns haben. Das entbinde uns dennoch nicht, verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Thomas hat ein eigenes, kleines Kapitel, in dem er seine Meinung kundtut, in wie fern und ob überhaupt der Gehörnte Herr über uns sein kann. Das sollten wir uns bei Zeiten ansehen.

Des Teufels Unruhe

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Kennst Du den Ausdruck, „den Spruch könnte ich mir übers Bett hängen?“ Ich weiß, Du bist ein Fan des Bayern München, reden wir nicht drüber. Aber ich habe einen Bekannten hier in der Stadt, der ist ein derartiger Dortmundfan, dass man glauben könnte, der Mann lebt eigentlich für den Fußball und seinen Verein. Von ihm würde ich sagen, über seinem Bett hängt eine Dortmundfahne.
Der Ausdruck „über dem Bett hängen“ meint, dass da nur ein Platz frei ist und dass da mit einem kurzen Satz oder einem Bild zu erkennen ist, was diesem Menschen irgendwie das wichtigste ist. Das kann man natürlich nicht all zu wörtlich nehmen. Wenn man meinen Bekannten genauer fragt, wird er schon sagen, das Leben seiner Mutter sei ihm wichtiger als seine Mannschaft, und wenn er einen Sohn oder eine Tochter bekommt, wird die Dortmundfahne natürlich sofort gegen ein Bild von seinem Kind ausgetauscht. Aber der Ausdruck meint doch einen für das Leben wichtigen Spruch.
Es ist eine interessante Beschäftigung, sich hier und da kurz die Frage zu stellen, was denn gerade bei einem selbst über dem Bett hängt. Das habe ich heute morgen getan, und wenn man so möchte, habe ich kein neues Schild aufgehängt, sondern ein schon ziemlich altes mit einem Lächeln blank geputzt. Es lautet: „Keine natürliche Sehnsucht ist sinnlos.“
Wenn ein Kind beim Zahnarzt sitzt, dann findet es das schrecklich. Viel lieber würde es in die freie Welt seiner Spiele springen können. Das stärkste Argument der Mutter lautet dann: „Hab noch ein bisschen Geduld, es ist gleich vorbei“, was ja auch stimmt. Das mit dem Zahnarzt soll bald vorüber sein, das vergnügliche Spiel könnte von ihm aus immer weiter gehen.
Das alles ist nicht nur bei Kindern so. Bei den Erwachsenen ist es genau das gleiche. „So ein Tag, der dürfte nie vergehen“, singen die betrunkenen Großen, wenn sie sich in den Armen liegen.

Alle wollen ewig leben, das Ewige muss vor allem aber schön und unverletzbar sein. Das hat immer auch mit Ruhe zu tun. Es reicht nicht, wenn man das, was man haben möchte, bekommt. Man will auch, dass die Sehnsucht darin zur Ruhe kommen kann. Ruhe meint hier nicht unbedingt so etwas wie schlafen oder langsam werden. Zur Ruhe gekommen sein kann auch heißen, dass man bei egal was man tut, in Ruhe gelassen, dass es nicht gestört, dass es nicht gefährdet wird.
Wenn man nun gläubige Muslime fragt, was ihr letztes Ziel ist, so werden sie in aller Regel ihre Vorstellung vom Paradies nennen. Christen werden auf die Frage im Allgemeinen mit dem Himmel als der großen Heimat antworten. Der heilige Thomas sagt das natürlich auch. Für ihn reicht das aber nicht nicht. Bei ihm ist der Mensch vor allem ein Forscher. Auch im schönsten Paradies und im herrlichsten Himmel würde er alles gut, schön und prächtig finden. Es würde ihn aber immer noch die große Frage beunruhigen: Wo kommt das alles her, wie ist das alles zusammen gebaut und gehalten. Wie wir als Kinder die großen Radiokästen unserer Eltern auseinandernehmen und untersuchen mussten, so will der Mensch wissen, woran er ist, wo er lebt und woher im Letzten alles kommt. Thomas ist fest überzeugt, erst wenn diese große und letzte Frage zur Ruhe kommt, ist alles erreicht. Es bedeutet Gott schauen oder ihn in gewisser Weise sogar durchschauen! Das geht am Ende aber nur, wenn wir dazu auf eine ganz neue, höhere Ebene des Verstehens gehoben werden. Für unsere gewohnten Augen wäre das alles viel zu viel Licht. Aber darin besteht beim Aquinaten die eigentliche, letzte, natürliche Sehnsucht des Menschen.
Aber: Über dem Bett steht ja „Kein“ natürliches Sehnen. Es sind also auch die kleinen Wünsche gemeint, die mit am Ziel zur Ruhe kommen. Wie bei einem Multimillionär, der sich mit seinem Geld alle materiellen Wünsche erfüllen kann. Seine Lage ist nur eine, aber seine Wünsche sind alle gestillt.
Wenn nun ein Engel sich derart prinzipiell gegen die Bedingungen stemmt, wie das alles zu kriegen ist, dass er „lieber gar nicht als so!“ sagt, dann hat er ein Problem mit seiner Ruhe. Er will alles und bekommt nichts, weil er auf seine Weise besteht. Deshalb darf man vermuten, dass der Teufel sehr nervös ist. Er gestattet sich selbst nicht, dass er auch er zur Ruhe kommt.

Quellen:
ScG 2, 55, 13: „Impossibile est naturale desiderium esse inane.“ – „Ein natürliches Verlangen kann unmöglich sinnlos sein.“

Sth I, 19, 2, co: „Res enim naturalis non solum habet naturalem inclinationem respectu proprii boni, ut acquirat ipsum cum non habet, vel ut quiescat in illo cum habet.“ – „Ein jedes natürliche Ding nämlich hat nicht nur eine Hinneigung zum ihm eigentümlichen Gut, das es haben will, so lange es seiner noch nicht inne ist, sondern auch, dass es in ihm ruht.“

Können Bäume weinen?

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Manche sagen Bäume weinen, etwa, wenn man ihre Rinde verletzt und Harz tropft. Das sieht dann schon mal so aus, wie wenn Augen tränen. Leute, die etwas näher am Wasser gebaut sind und sich insgesamt eher vom Bauch her gesteuert werden, sagen schon mal, man dürfe Bäume nicht verletzen, sie zeigten uns das mit ihren Tränen, die sie weinen.
Dann gibt es die eher trockeneren Typen, die ihre Welt über die Logik berechnen. Die sagen, das sei Unsinn, Bäume könnten nicht weinen, weil sie zum Beispiel kein Gehirn hätten.
Du kennst mich nun schon lange genug um zu wissen, dass mir das Logische viel bedeutet und sagen würde, dass weinende Bäume eher nur aussehen, als weinten sie. Zum Weinen muss man trauern können, zum Trauern gehört ein gewisses Bewusstsein, und ich würde mich nicht trauen zu behaupten, Wesen aus Holz, Rinde und Blättern könnten das.

Aber so zu denken ist nicht ganz ungefährlich. Noch vor drei- vierhundert Jahren veranstalteten Forscher aus gewissen Schulen mit gutem Gewissen die grausamsten Tierversuche, weil sie glaubten, das Klagen der gequälten Tiere sei, wie das Weinen der Bäume, nur mechanisch. Tiere seien nicht genügend ausgestattet, um wirklich Schmerz zu empfinden, und so legten sie los und ließen sich nicht stören.

Tränen sollen aber stören. Das ist genau eine ihrer Aufgaben, um es einmal so zu sagen. Augenärzte werden natürlich vielleicht ins Spiel bringen, Tränen spülten in erster Linie die Augen, um Verunreinigungen auszuscheiden oder sonst irgendetwas, wovon mir die Ahnung fehlt. Geschenkt. Ich würde aber auch meinen, Tränen sollen stören. Oft fließen sie, damit wir aufhören, grausam zu sein oder damit wir überhaupt merken, dass gemein ist, was wir tun. Tränen können uns auch in unserem bequem dahin fließenden Leben stören. Die Tränen eines Menschen bitten uns, aufzustehen und zu helfen, etwa um das unnötige Elend unseres Nachbarn in Freude zu verwandeln. Auch dann stören sie.

Wir Leute aus der Logik sind eher geneigt als die Leute vom Bauch her, manche Zeichen nicht anzuerkennen, die die anderen für solche halten. „Siehst du nicht, dass der Baum weint?“, lautet der Appell der Bauchleute. „Unsinn, der weint nicht, das sieht nur so aus“, lautet dann die Antwort.
In der Welt der Logik gehört zum wirklichen Weinen so etwas wie ein Wille oder wenigstens eine Art Vorform davon. Kinder weinen schon mal, um Süßigkeiten zu bekommen. Babys weinen, weil sie bei ihren Eltern sein wollen. Irgendetwas muss da so etwas wie „ich weine jetzt los, vielleicht hilft das“ gedacht haben. Denken gehört also dazu.
Wenn Bäume weinen, dann sagen die einen, Mutter Natur hat es so eingerichtet, dass die Bäume uns Zeichen geben, vielleicht anders mit ihnen umzugehen. Ich zähle mich nun nicht gern zu den Leuten, die von der Mutter Natur reden, weil sie schon mal zu vergessen scheinen, dass hinter einer Mutter, logisch gesehen, eigentlich noch eine Instanz stehen müsste, aus der sie selber kommt. Es würde jetzt etwas zu weit gehen, der Frage genauer nachzugehen, wie man erklären kann, ob man eigentlich eine allerletzte Instanz hinter allem annehmen muss, die wir Gott nennen. Ich habe vor, ein kleines Buch darüber zu schreiben. Für jetzt, reicht es anzudeuten, dass ich geneigt bin, eine ähnliche Meinung zu haben wie die Naturleute. Ich glaube nicht, dass es die Natur als Mutter gibt. Ich glaube aber, die Natur hat einen Schöpfer, der durchaus in der Lage ist, Zeichen von seiner Meinung auszulegen. Es kann sein, dass jemand, der glaubt die Mutter Natur würde ihm mit Baumtränen Zeichen geben, sich irrt, was den Zeichengeber angeht. Es kann aber sein, dass er in der Sache, dass die Tränen Zeichen sind, nicht ganz falsch liegt.

Der heilige Thomas scheint übrigens auch von dieser Art zu sein. Er sagt zum Beispiel, das Wesen, also die tieferen Gründe der Dinge bleibe den menschlichen Augen verschlossen. Damit widerspricht er den Leuten, die meinen, eines Tages die Geheimnisse der Natur ganz durchschauen zu können. Die Welt des Thomas hat immer ein tieferes Geheimnis als wir durchschauen können. Wie bei einem See, in den man springt und nie den Grund erreicht, weil er vor einem immer tiefer wird.

Wir sind eigentlich bei den Engeln, und versprochen war ein Blick auf die Frage, ob Engel Schmerzen haben können. Das Problem ist hier geradezu umgekehrt: Bei den Bäumen und Tieren war die Frage, ob sie Schmerzen leiden können, weil wir die Zeichen sehen. Bei den Engeln lautet die Frage, ob sie Schmerzen haben können, obwohl es keine Zeichen gibt. Engel haben keine Stämme, keine Rinde, keine Augen und keine Flüssigkeit. Dennoch erklärt der heilige Thomas, sie können sehr wohl Schmerzen haben. Denn zum Schmerz reicht es, dass man ein Bewusstsein hat, in dem man weiß, dass man etwas haben möchte, was man nicht hat und nicht haben kann. Schmerzen kann man auch haben, wenn man sich vor etwas Zukünftigen fürchtet. Das alles ist bei Engeln möglich, das sagt jedenfalls der Lehrer in unserer Schule.

Verit 10, 1, co: „Rerum essentiae sunt nobis ignotae, virtutes autem earum innotescunt nobis per actus, utimur frequenter nominibus virtutum vel potentiarum ad essentias significandas. – „Die Wesenheiten der Dinge sind uns unbekannt. Ihr Vermögen aber wird uns durch ihre Tätigkeiten bekannt. So gebrauchen wir oft die Namen ihrer Vermögen und Möglichkeiten, um ihre Wesenheiten zu umschreiben.“

Stufen der Übernatur

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Als mein Freund Clean noch lebte, gab es für ihn nichts, was ihn mehr begeistern konnte, als das Fliegen. Als Kind bastelte er Flugzeuge und schaute alle möglichen Filme, in denen die Menschen den Boden von sich stießen. Als Erwachsener zog es ihn auf die Flugplätze, und die größte aller Freuden hätten man ihm mit einem spendierten Flug machen können. Er sprach immer von einem Gefühl der Freiheit, das mit der Fliegerei einher gehe. Das sagen alle, die seine Begeisterung teilen, ob sie es sich leisten können oder eher nicht, wie mein Kumpel.

Diesen Wunsch nach Freiheit sprechen nicht nur die Freunde der Fliegerei aus. Auch schnelle Motorradfahrer hört man sowas sagen, und ich würde meinen, hinter all dem steht ein Wunsch danach, die Grenzen seiner eigenen Natur zu überwinden.

Wenn wir schnelle Maschinen bauen oder fliegende Geräte, dann überlisten wir die Natur, wie man sagt. Von sich aus kann der Mensch weder fliegen, noch so schneller laufen, wie sein Schäferhund. Diese Natur zu überwinden, dennoch zu siegen und der Schnellere zu sein, das hat da einen ganz besonderen Reiz.

Ein anderes Beispiel ist die angestrebte Unsterblichkeit des Körpers, für die schon immer gesponnen, gemixt und gebastelt wurde. Die ganze Geschichte der Chemie hat eine Wurzel in der Suche nach dem Stein der Weisen, der ewiges Leben verspricht. Das Gerede vom heiligen Gral macht heute noch die Runde. Auch da suchen die Menschen nach einem Jungbrunnen, der den Tod des Körpers überwindet.

Nebenbei gesagt: Die Suche nach der körperlichen Unsterblichkeit macht mich eher skeptisch. Genau, wie mich die Suche nach dem großen Reichtum skeptisch macht. Meine Skepsis würde schwinden, wenn man neben dem Stein der Weisen mit gleichem Eifer danach trachten würde, ein guter Kerl zu werden, auf katholisch gesagt, wenn neben dem Stein der Weisen auch ein Stein der Tugenden liegen würde. Aber danach scheint kaum jemand zu suchen.

Der Schurke möchte ewig leben, um ewig ein Schurke sein zu können, und unbegrenzter Reichtum würde für einen guten Teil der Menschheit nicht mehr bedeuten, als viel leichter Schurken sein zu können.

Unser Problem hat zwei Seiten. Die eine ist: Reichtum und Unsterblichkeit machen nur reich und unsterblich. Geld und Jahre lassen weder Hirn vom Himmel regnen, noch machen sie vernünftig. Das zweite, weit größere Problem ist: Die Menschen halten sich in aller Regel für feine Kerle, obwohl sie jederzeit imstande wären, ihren Nachbarn zu beklauen und für Geld ihren Freund zu verkaufen; man müsste ihnen nur genug bieten.

Drei Gründe gibt es, der Beichte fern zu bleiben. Die einen wissen nicht, wie sie es anfangen sollen oder wissen nicht, dass es sie bei den Priestern gibt. Die zweiten glauben nicht, dass ihnen auf diesem Weg wirklich verziehen wird und den Leute der dritten Gruppe würde nichts einfallen, weil sie ihre eigenen Holzwege nicht sehen.

Den meisten Menschen würde weder ein Schrank voll Geld, noch ein Kalender ohne Jahresende wirklich weiter helfen. Und soll ich dir was verraten? Als das komischste Volk der Welt gelten die Heiligen. Sie sind die einzigen, die sich selbst nicht über den Weg trauen, weil sie sich verstanden haben. Für komisch gelten sie, weil sie eine größere Heiligkeit allem Reichtum und jeder Fristverlängerung vorziehen.

Die Grenzen der Natur machen Lust, sie zu überwinden. Das gilt auch für die Heiligen, auch wenn sie die einzigen sind, die am liebsten zuerst die Grenzen ihrer eigenen, angeschlagenen Natur überwänden.

Ich hege den Verdacht, dass wir unsere Grenzen so gern hinter uns lassen würden, weil wir es mit unserem Geist längst können, In unserer Phantasie können wir längst Zeitreisen veranstalten, fliegen und ewig leben. Die Ferien der Kinderphantasie haben kein Ende, und unsere Pläne wären grenzenlos, wenn wir wüssten, dass unser Körper mitkämen. Unser Verstand ist längst übernatürlich. Wenn ein Meteorit auf die Erde zu rasen würde, um uns alle umzubringen, wie die Dinosaurier, dann würde das unsere Pläne und Träume wohl beenden, sie blieben dennoch unverletzt. Wie ein Film, der nicht endet, sondern in der Mitte ausgeschaltet wird. Träume sind im besten Sinn des Wortes übernatürlich. Wirklich übernatürlich aber sind nur die Engel, die über die Meteoren lachen können; auch wenn auch sie – im weitesten Sinn des Wortes – immer noch zur Natur der Welt gehören.

Wenn der Wille festmacht

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Wenn man mit Leuten zu tun hat, die etwas genauer nachdenken können, dann sollte man versuchen, auch möglichst etwas genauer schreiben, und etwas genauer bedacht ist Freiheit nicht gleich Freiheit.
Wer im Knast sitzt, kann sich wohl frei für eine Reise auf die Malediven entscheiden. Er ist aber nicht frei genug, die Reise auch anzutreten. Knast heißt eben Freiheitsentzug. Es gibt also eine Freiheit, die man entziehen kann und eine, die man behält. Die Freiheit der Entscheidung, nämlich reisen zu wollen, die bleibt. Unsere Demonstrationen für die Freiheit auf den Straßen fordern immer die, die man erstatten und verweigern kann. Entscheidungsfreiheit kann man nicht fordern, die hat jeder.
Es gibt auch Möglichkeiten in der Freiheit, die man wohl hat, aber nicht nutzt. Mein Onkel Herman ist frei, sich Drogen zu besorgen, er ist aber nicht so dumm, es zu tun. Die reichen Leute in ihren Palästen sind frei, in die Elendsviertel ihrer Städte zu ziehen. Sie verzichten in der Regel aber auf diese Möglichkeit ihrer Freiheit.
Damit sind wir schon beim Thema, das die alte Lehre die „Festigkeit des Willens“ im Guten oder auch im Bösen nennt. Im Reichtum ist kaum jemand so dumm, ihn zu verlassen, wenn er nicht gezwungen wird. So lange er kann bleibt der Reiche bei seinem Reichtum und sein Wille festigt sich ganz in dieser Richtung. Die Festigkeit des Willens ist von dieser Art: Man kann, was man nie tun wird.

Zugestanden, auf Erden gibt es Verrückte und es gibt Kluge, die verrückt aussehen. Deshalb scheinen uns die Dinge nicht immer so eindeutig. Unsere Heiligen findet man schon mal in ziemlich elendigen Vierteln, für die sich die Meisten der Welt nie entscheiden würden. Die Heiligen hausen bei den Armen, um bei ihnen zu sein und ihnen zu helfen. Wer ihnen Millionen in die Hand drückt, muss mit ansehen, wie sie die mit einem Lächeln weiter verschenken. In den Augen der Welt ist das total verrückt und sieht nach einer Befestigung des Willens in der Dummheit aus.
Aber wenn man mit den Heiligen spricht, dann sind sie alles andere als dumm und finden bei ihren Armen eine Freiheit und einen Reichtum, den man sehr ernst nehmen sollte. Man kann über die Heiligen viel schreiben und sagen, und in einer Welt, die verschweigt, was sie nicht kapiert, kann man das wohl nicht genug tun. Um die Heiligen aber zu verstehen, geht man sie am besten besuchen.

Wir sind bei den Engeln. Thomas schreibt, sie hätten eine Art endgültige Festigkeit im Guten, und das bei bleibender, voller Freiheit. Man kann das ähnlich verstehen wie das mit den Wohlhabenden in der Welt. Sie sind in aller Regel nicht so dumm, um ihr angenehmes Leben aufzugeben. Die Umstände können sich allerdings ändern. Ein Sohn der Familie erkennt einen neuen, spirituellen Weg und ist bereit, dafür alles zu verlassen. Ein anderer gibt einen Teil den Armen und findet darin sein Glück. Wieder anderen wird genommen, was sie gern behalten würden. Im Leben auf Erden gibt es nichts, was es nicht gibt, und es gibt viel Freiheit und wenig Sicherheit. Das liegt daran, dass die Umstände der Welt sich ständig ändern können.
Mit den Engeln und Heiligen im Himmel sieht das anders aus. Die Heiligen haben die unbeständige Welt hinter sich gelassen und die Engel waren ihr nie unterworfen. Beide sind nun da, wo die Umstände gleich bleiben, wo die Dinge nicht in Gefahr sind und wo es keine Armen gibt, die gern reicher wären. Gott ist der selbe, ihre Welt bleibt die selbe und sie sind die selben. Sie haben alles, was sie sich wünschen und wünschen sich nichts was sie nicht bekommen könnten. Ihre grundsätzliche Freiheit aber ging nie verloren.
In ihrer Freiheit haben sie immer irgendwie ihr Glück gesucht. Jetzt haben sie es und können gar nicht anders, als in ihm bleiben wollen. Der Wille steht fest in dem, was sie haben. Das Himmelstor kann sperrangelweit aufstehen, niemand wird gehen.
Das legendäre Tor zur Hölle steht übrigens auch weit auf, und auch da kommt niemand heraus. Es gibt auch da keinen anderen Zwang außer den des eigenen Wollens. Wer will, kann gehen, es will aber niemand. Weder hier noch dort. Es gibt eine Festigkeit des Willens im Guten. Es wird allerdings auch eine im Bösen geben, und über die wird zu reden sein.

Der Apparat des Denkens

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Heute muss ich meine Esel über eine andere Brücke treiben. Meine Rede wird etwas ungenau, wenn ich dabei bleibe zu sagen, Engel seien wie Gedanken. Das stimmt wohl, in der Summe sagt der Riese plötzlich allerdings, Engel seien genau das gerade nicht, nämlich dann, wenn man unser Denken als Maßstab ansetzt. Ich glaube, das muss kurz erklärt werden: Die Eselsbrücke wird beim genaueren Hinsehen löchrig.
Zur Erklärung hilft ein Schwenk in das Buch des Thomas über die Wahrheit, ins erste, große Kapitel dort. Da steht ein interessanter Gedanke. Mein Lehrer hat über ihn übrigens immer gesagt, wer überhaupt den heiligen Thomas verstehen wolle, der müsse diesen Grundgedanken verstehen.

Wenn wir einen Film schauen, dann sehen wir das, was uns der Projektor auf die Leinwand wirft. Es mag ein Wildwestfilm oder einer aus den siebenundzwanzigsten Jahrhundert sein, das hängt von uns nicht ab. Ob die Geschichte am Schluss ein frohes Ende nimmt oder in die Katastrophe fährt, können wir wünschen, aber nicht entscheiden, der Film gibt es vor. Wenn man so möchte, schauen wir den Film und unser Verstand nimmt Maß an ihm. Einen langen Film sehen wir lange, einen kurzen kurz. Während wir ihn betrachten, bedenken wir ihn zugleich. Freuen wir uns mit dem Helden, dann kommt das daher, dass unser Denken die Handlung zur eigenen Freude verarbeitet. Fahren wir zusammen, dann auch, weil der Film das irgendwie mit dem Denken in unserem Inneren veranstaltet.
Gehen wir vom Projektor aus, dann können wir wohl sagen, er denkt den Film auch, aber er ist, der der ihn sich ausdenkt und auswirft. Der Projektor hat, wie wir, sein Objektiv auf die Leinwand gerichtet, nur gibt es hier den entscheidenden Unterschied: Der Projektor fabriziert die Handlung. Aus ihm kommen die Figuren, die Landschaften und das Geschehen. Entscheidend ist: Wir sehen den Film und nehmen Maß an ihm, der Projektor sieht den Film und gibt ihm das Seine. Wenn wir den Film sehen, dann denken wir nach, was der Projektor uns vorgibt. Er ist maßgebend, wir maßnehmend. Das ist der Grundgedanke des heiligen Thomas, und um ein Detail aus ihm muss es uns gerade zu tun sein. Es geht um den Vorgang im inneren dessen, der sich den Film anschaut.
Thomas würde sagen, auch der Zuschauer hat eine Art Leinwand in seinem inneren, die steht zur Verfügung und kann im Prinzip jeden Film auch sich empfangen. Auch ihr ist egal, ob über die Augen ein langer oder kurzer Streifen hinein kommt. Auf der Leinwand draußen entsteht ein Film, im Inneren des Betrachters entsteht der selbe. Er muss ihn über seine Augen empfangen und in sich noch mal entstehen lassen, um drüber nachdenken zu können. Hier sagten die Alten, das menschliche Verstehen könne also zweierlei: Es kann vom Film draußen eine Kopie anfertigen und ihn in sich noch mal zustande bringen. Die Leinwand selbst kann ihn entgegen nehmen und sozusagen zulassen, dass er gespielt wird.

Das ist jetzt alles etwas hölzern, holprig und auch ein bisschen falsch mit den Bildern zur Erklärung. Irgendwie aber muss es so sein, sagt die klassische Lehre. Im menschlichen Verstand, so heißt es, gibt es ein aktives Moment, das von den Dingen draußen Bilder macht und ein passives Element, das sie im Verstand empfängt.
Wo Thomas  nun über die Engel nachdenkt, sagt er, genau das alles, also die Apparatur im Inneren müsse man ihn ihnen nicht annehmen. In den Engeln sind wohl die Endprodukte, nicht aber das ganze Geschehen das die Menschen brauchen. Wenn man so will: Der Engel sieht wohl den Film, er braucht aber kein Objektiv, keine Leinwand und vor allem kein Umrechnen von draußen nach innen.
Wenn man über die Engel etwas genauer nachdenkt, dann muss man annehmen, dass sie wegen ihrer Körperlosigkeit die Filme fertig geliefert bekommen und man muss annehmen, dass sie einfach in ihnen geschaut werden können. Engels sehen, aber viel schneller und ganz unmittelbar. Woher die Lieferung kommt und wie das alles sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Die neue Eselsbrücke würde also lauten, die Engel seien eher Schauende als Denkende. Eher Blicke als Gedanken.

Vernünftig sein

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Wir müssen über den Verstand reden. Wenn stimmt, dass die Engel als eigenständige Wesen keine Körper haben, was können sie sein, außer jeweils ein Stück reiner Verstand sozusagen? Meine kleine Eselsbrücke dürfte mittlerweile bekannt sein: Um mir die Engel überhaupt irgendwie vorstellen zu können, nehme ich an, sie seien wie Gedanken, die irgendwo sind, die aber kein Gehirn brauchen, um gedacht zu werden. Auch in diesem Bild müssen wir über den Verstand sprechen, um in unserer Frage nach den Engeln weiter zu kommen. Gedanken, die nicht gedacht werden, sind ja keine Gedanken, und zum Denken braucht es Verstand.
Eins dürfte feststehen: Denken ist eine Tätigkeit. Wer denkt, der tut was. In der Schulklasse des Lehrers aus Aquin darf man übrigens fragen, ob es überhaupt Dinge oder Sachen geben kann, die gar nichts tun. Ein Stein kann nichts. Er kann sich nicht bewegen, er kann nicht essen, nicht trinken und sicher nicht nachdenken. Er kann aber herumliegen, und das tut er. Aber das sind Spitzfindigkeiten, und was nebenher läuft, das brauchen wir jetzt nicht bedenken.

„Eisbär sein ist anstrengend“, pflegte unser Biologielehrer zu sagen und meinte damit, dass die Tiere ihr ganzes Leben damit beschäftigt sind, hinter ihrer Nahrung her zu laufen. Ein Eisbär, der das kurz sein lässt, hat das Nachsehen und wird nicht lange leben. Ein Eisbär sein bedeutet, ein Leben lang gegen das Verhungern kämpfen.

Eisbär werden ist nicht schwer,
Eisbär bleiben aber sehr,

Engel sind keine Eisbären. Sie haben keine Körper, sie brauchen also keinen Kalorien nachrennen, sie müssen nicht schlafen und werden nicht müde. Aber wenn sie Gedanken sind, dann bedeutet ihr Engelsein Denken. Sie denken, solange sie sind und sind, so lange sie denken. Aber was ist das überhaupt?
Denken heißt vor allem Nachdenken. Kein Tier kann fressen, wenn es nichts bekommen hat, und was es bekam, das wurde ihm irgendwie von der Welt vorgesetzt. Ganz ähnlich wird man sagen können, wer denken will, der muss etwas zum Bedenken vorgesetzt bekommen haben. Der Denkende braucht also eine Art Empfänger, er braucht im weitesten Sinn also eine Welt, die ihm die Bilder oder Eindrücke liefert. Für Thomas steht übrigens fest, dass man sich selbst erst begegnen kann, wenn man schon mal etwas anderem begegnet ist. Aber ohne Begegnung geht gar nichts, und zum Denken braucht es Stoff, braucht es Bilder. Wie gesagt, alles im weitesten Sinn.
Menschen haben ihre Sinne. Sie sehen Bilder, sie hören Geräusche, sie haben Eindrücke vom Riechen, Tasten und Schmecken. Engel ohne Körper können das alles nicht. Deshalb müssen sie ihre Bilder auf eine andere Art bekommen, aber bekommen müssen sie sie. Es gibt also einen Teil, der die Eindrücke bekommt und einen Teil, der sie irgendwie in sich verarbeitet. Aktiv und Passiv gehören hier beieinander und bilden insgesamt ein Denkekönnen.
Nun hat der heilige Thomas sich die feinsten Gedanken gemach, wie die Engel an ihre Eindrücke kommen. Um es hier aber kurz zu machen, können wir sagen, dass sie sie, um im Bild zu bleiben, eingedrückt bekommen.

Aber ein zweites. Als man Harry Carstensen seinerzeit seine Trägheit bei der Arbeit vorwarf, erwiderte er nicht ohne Witz: Es seien die Faulen gewesen, die das Rad erfunden hätten. Stimmt, wem das Laufen leid ist, dem fällt als erstes ein, dass man vielleicht auch gefahren werden kann. So ist das Rad wohl eine frühe Erfindung zur Erleichterung des Lebens. Das eigentliche Geniale war aber nicht das erste Paar Räder, die aus einem Brett eine Karre werden ließen. Das Geniale lag in einem Wissen dahinter: Was hier geht, das geht auch woanders! Man muss nur immer Räder haben, dann kann man jedes Brett in eine Karre verwandeln.
Das erste Mammut braten war noch nicht das Geniale und noch keine wirkliche Entdeckung des Feuers. Das selbe Feuer auch dem zweiten Tier unter halten und andere Viecher vertreiben, das machte es aus. Die Entdeckung des Feuers hieß nicht, ein erstes sehen und nutzen, sondern Feuer als solches erkennen. Nicht das erste Rad war die Erfindung, sondern das Rad an sich. „Vernünftig sein heißt Allgemeines denken können“. Darauf zielt die Lehre ab. Wenn die Engel also vernünftig sind, dann können sie einzelne Sachen erkennen und auf allgemeine hin ihre Schlüsse ziehen.

Was ist in was enthalten?

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„Die Wahrheit kann man nicht haben. Man kann aber irgendwie in ihr sein.“ Ich glaube, der Gedanke stammt von Teddy Adorno. Jedenfalls habe ich ihn aus der Zeit meiner Beschäftigung mit ihm. Große Männer haben nicht unbedingt große Philosophien, sie haben aber große Gedanken.
Die Wahrheit bleibt immer eine Nummer zu groß für uns, als dass wir sie in die Tasche stecken könnten. Selbst die Tatsache, dass man sie in der heiligen Messe im vollsten Sinn des Wortes und höchstpersönlich berühren und zu sich nehmen kann, ändert nichts an den Verhältnissen: Sie passt einfach nicht in unsere Gefäße, es muss, wie gesagt, eher umgekehrt sein. Somit kann man sich wohl irgendwie auch außerhalb ihrer begeben.
Wie immer auch. Die Erinnerung schlich sich mir in den Kopf, als ich in Kapitel zweiundfünfzig las. Dort geht der Meister einen Schritt weiter und widmet sich der Frage, wie die Anwesenheit der Engel in der Welt gedacht werden kann.
Wenn sie Wesen ohne Körper sind, dann verdrängen sie keine Luft. Sie berühren nichts wirklich, sie brauchen keine Türen öffnen. Keine Waage schlägt aus, kein Thermometer und kein Bewegungsmelder. Da wird man doch mal fragen dürfen, in wie weit sie überhaupt wirklich in unseren Zimmern sein können. Die Bücher vor mir sind wirklich da. Sie nehmen Raum in Anspruch, das Regal ist voll, und wo schon ein Buch steht, da kann sich kein anderes befinden. Fällt eins heraus, gibt es einen Knall und der lästige Staub kann sich auf sie legen. Das alles heißt doch, die Dinge, die im Zimmer sind, nehmen irgendwie am Zimmer teil und alles in ihm bildet seine Welt. Ein Engel ohne Körper kann das nicht, also kann er auch nicht in gleicher Weise im Zimmer sein und an seiner Welt bauen, wie alle Dinge sonst in ihm.
Thomas gibt aber zu bedenken, dass noch eine weitere Weise der Anwesenheit möglich ist, und das ist die der Wirkung. Zur kurzen Beschreibung reicht ein Gedanke an die Sonne. Wenn ein Kiesel vor dem Haus „in der Sonne“ warm wird, dann ist da keine Sonne in ihm, wohl aber ihre Wirkung. Die Sonne selbst bleibt, wo sie ist, ihre Wirkung aber ist im Stein. Thomas sagt das übrigens auch von Gott. Der Schöpfer ist nicht in der Welt, wie die Pflanzen und die Tiere. Er ist überhaupt nicht in der Welt, wohl aber ist er seiner Wirkung nach da. Alles verdankt sich ihm, und hier gilt das oft bemühte Bild: Der Projektor ist nicht im Film, wenn dieser läuft.
Über die Engel sagt die Summe etwas Ähnliches. Sie sind wohl im Raum, fassbar wohl aber nur ihrer Wirkung nach, die anfangen und aufhören kann. Der Raum nimmt die Engel nicht in sich auf, wie man Milch in eine Kanne gießt. Vielmehr muss es irgendwie anders herum sein. Die Sonne ist nicht im Stein, der Stein liegt in der Sonne, obgleich man auch das nicht all zu wörtlich nehmen wird.

Es bleiben große Fragezeichen, aber die sind wir auch ohne Engel gewohnt. Niemand auf der Welt kann wissen und erklären, was wirklich ein Gedanke ist oder aus welchem Zeug die Träume sind. Keiner kann sagen, wie sich Gedanken in die Tat umsetzen. Unsere Augen schließen sich, wenn wir es wollen, und wenn unsere Gedanken Wünsche sind, dann sorgen sie irgendwie dafür, dass die Faust sich in der Tasche schließt oder auf den Tisch knallt. Niemand aber kann uns erklären, wie Gedanken, die doch ohne jede Materie sind, auf die Materie zugreifen, so dass die sich wirklich bewegt. Sie tut es aber, es funktioniert, wenn auch nur in Grenzen. Das eine also ist im anderen, aber nicht immer so, wie man es zunächst denken möchte. Die Seele, sagt Thomas schließlich, ist ja auch im Körper. Nicht aber so, dass er sie habe, vielmehr enthalte sie ihn in sich.

Quelle:
Sth I, 52, 1, co: Respondeo dicendum quod Angelo convenit esse in loco, aequivoce tamen dicitur Angelus esse in loco, et corpus. Corpus enim est in loco per hoc, quod applicatur loco secundum contactum dimensivae quantitatis. Quae quidem in Angelis non est; sed est in eis quantitas virtualis. Per applicationem igitur virtutis angelicae ad aliquem locum qualitercumque, dicitur Angelus esse in loco corporeo. Et secundum hoc patet quod non oportet dicere quod Angelus commensuretur loco; vel quod habeat situm in continuo. Haec enim conveniunt corpori locato, prout est quantum quantitate dimensiva. Similiter etiam non oportet propter hoc, quod contineatur a loco. Nam substantia incorporea sua virtute contingens rem corpoream, continet ipsam, et non continetur ab ea, anima enim est in corpore ut continens, et non ut contenta. Et similiter Angelus dicitur esse in loco corporeo, non ut contentum, sed ut continens aliquo modo.