Zwei Gelehrte

Thomas und Bonaventura. Beide Bettelmönche, beide Professoren in Paris und Kollegen, beide heilig gesprochen, beide zu Kirchenlehrern ernannt, beide im selben Jahr gestorben, und doch sehr unterschiedlich in ihrer Meinung und verschieden in dem, was sie jeweils lehrten.

Thomas und Bonaventura

Bild von Luis de Carvajal. Ich hab’s leider nicht schärfer gefunden.

Der heilige Thomas als Dichter

Meditation zum Hymnus adoro te devote von Thomas von Aquin.
Der heilige Thomas als Dichter

Der Hymnus adoro te ist eine Auftragsarbeit, wie viele Werke des heiligen Thomas. Dieser Auftrag war der frommen Überlieferung nach allerdings ein Auftrag besonderer Art, weil er ein Wettbewerb war. Der Papst gedachte seinerzeit, das neue Fronleichnamsfest für die ganze Kirche zu gestatten und damit einen ganz besonders hohen Feiertag in der Kirche einzuführen. Ein besonderes Fest braucht besonders gute Texte. Deshalb beauftragte seine Heiligkeit die beiden besten bekannten Theologen seiner Zeit mit dem Schreiben der Gebete und Lieder, die gebraucht wurden: Den heiligen Thomas und seinen Freund und Kollegen Bonaventura.
Bonaventura war, wie Thomas, ein Bettelmönch, nur, dass er vom Orden der Franziskaner kam, während Thomas in die Fußstapfen des heiligen Dominikus getreten war. Bonaventura war ebenfalls Priester und Professor und später Kardinal. Nach seinem Tod wurde er, wie Thomas, ein heiliger und anerkannter, offizieller Kirchenlehrer.
Beide schrieben also ihren Text, und die Legende sagt, Bonaventura habe Thomas gebeten, ihm seinen Entwurf zu zeigen. Beim Lesen des adoro  te habe er sofort aufgegeben und seinen Text gleich den Flammen übergeben.

Was fromme Legenden angeht, gibt es grundsätzlich zwei Typen von Zuhörern. Die einen sind geneigt ihnen erst einmal alles zu glauben, die anderen glauben erst einmal gar nichts. Ich weiß nicht mehr wie und wobei das war, aber irgendwann in meinem Studium, zu einem Zeitpunkt, den nur Gott kennt, habe ich mich ziemlich eindeutig auf die Seite der Leichtgläubigen geschlagen, was das Katholische angeht. Seit dem schenke ich jedenfalls allen möglichen frommen Legenden, die sich um das Heilige ranken, mit der gleichen Freude meinen Glauben, wie ich als Kind meinen Eltern alle phantastischen Geschichten in bahrer Münze abgekauft habe. Das ist bis heute so, und dass der heilige Franziskus nicht mit Vögeln sprechen konnte, muss man mir eher beweisen als das Gegenteil.
Ich glaube, dass die Großeltern Jesu Joachim und Anna hießen. Ich glaube, dass der heilige Johannes das Johannesevangelium geschrieben hat, und ich glaube, dass Maria im Tempel erzogen wurde und dort irgendwann aus kindlicher Liebe zu Gott das Versprechen der Jungfräulichkeit ablegte.
Ich sehe auch keinen Grund, mir das alles Ausreden zu lassen. Die meisten Vorschläge, die ich mitbekomme, liefern keine Alternativen. Niemand sagt mir, wer das Johannesevangelium geschrieben hat. Aber alle glauben sagen zu können, dass es auf keinen Fall der heilige Johannes war.
Eigentlich war meine Entscheidung, die zu jenem nebeligen Zeitpunkt fiel, keine Entscheidung für oder gegen alle möglichen Märchen. Es war auch keine Entscheidung gegen die Wissenschaft. Es war vielmehr eine Entscheidung, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen katholisch zu sein. Wer etwas mit dem Herzen wird, der öffnet sich für die phantastischsten Geschichten, wenn sie nur seine Liebe untermauern. Wer einmal mit dem Herzen ein Kommunist geworden ist, der ist jederzeit bereit zu glauben, dass Karl Marx schon als Baby über die kleinsten Ungerechtigkeiten geweint hat. Die Muslime in aller Welt sind bereit in Mohammed, von dem ich gar nichts halte, einen Heiligen zu sehen. Dieser Glaube ehrt sie in meinen Augen eher, als dass er sie disqualifizieren würde; auch wenn ich den Glauben an Mohammed, mit dem heiligen Thomas, etwas zu verwegen und leichtfertig finde.
Diejenigen aber, die meinen, allen Legenden eine Art wissenschaftlichen Rücken kehren zu müssen, werden eines Tages ihre Not haben, wenn sie ihrer Braut ihre Liebe wirklich beweisen sollen.
Wie immer auch, ich glaube an die fromme Legende um das adoro te, wobei in diesem Fall für sie spricht, dass der Hymnus des heiligen Thomas ohne Zweifel als eines der größten Werke der theologischen Dichtung gelten dürfte. Es dürfte sowohl erleuchteten Dichtern, als auch brillanten Theologen schwer fallen, eine Alternative zu Papier zu bringen, die besser und runder gelingt. Sie müssten nämlich beides in einer Person sein: Dichter und Theologen, und diese Kombination ist höchst selten. Thomas war hier beides in ziemlich vollkommener Weise. Die Größe seiner Dichtung mag allerdings eher darin ihren Grund haben, dass er trotz aller spekulativen Tiefe seiner Werke vor allem mit seinem Herzen ein kindlich glaubender Katholik war.