Islam und Christentum, Teil 14

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Mahmoud und der Urhrmacher.

Unser Freund ist in eine Falle geraten, auf die er nicht vorbereitet war. Er hat sie sich aber selber gelegt. Sein Gedanke war naheliegend. Alles, was irgendwo ist, muss irgendwo her sein. Wenn irgendwo eine Musik zu hören ist, dann muss irgendwo entweder ein Orchester, eine Band oder eine Musikanlage stehen. Musik kommt aus Instrumenten, und wir gehen davon aus, dass sie von jemandem gespielt wird. Ganz und gar ungespielte Musik gibt es nicht.Auch jedes Wort ist irgendwann gesprochen worden, und jede Schrift wurde geschrieben. So etwa muss Mahmoud gedacht haben: Die Welt ist die Handschrift eines Gottes. Woher soll sie sonst kommen? Alles kommt aus irgendwas, also muss die Welt einen Gott haben.
Dann aber kam die legitime Gegenfrage: „Wenn alles einen Ursprung hat, woher kommt Gott dann? Wo hat er seinen Ursprung und sein Herkommen?“ Hier schnappte die Falle zu, auf die unser Freund nicht vorbereitet war. Er wusste keine Antwort.

Es ist nun so, dass nicht jeder für solche Fragen gerüstet sein muss. Die Religion sollte eigentlich eine Sache für jedermann sein. Jeder Mensch muss alles Wichtige leicht verstehen können. Nicht jeder, der ein Auto fährt, muss wissen, wie sein Getriebe aufgebaut ist, wer es erfunden und entwickelt hat und was die Fertigung gekostet hat. Es reicht, wenn man eine Erlaubnis zum Fahren hat, wenn man weiß, wie das geht und wo die Leute sind, die es reparieren können.
Wenn sich nun aber ein Fahrer zum Diskutieren in die Werkstatt begibt, wo die Spezialisten arbeiten, dann sollte er gerüstet sein und Bescheid wissen. Das hatte Mahmoud nicht hinreichend getan, als er mit dem Atheisten zu streiten begann, allerdings ohne sich vorzubereiten.

Unser Meister Thomas hat seine berühmte „Summe gegen die Heiden“ übrigens aus diesem Grund geschrieben: Die Leute, die sich mit andersgläubigen zu unterhalten hatten, sollten ausreichend ausgerüstet sein und möglichst allen schwieriegen Fragen in Sachen Glaube und Religion mit Argumenten begegnen können. Die Missionare sollten den Aufbau des Glaubens kennen und mit den Einwänden, die kommen könnten, hinreichend vertraut sein. Ein Blick in Gedanken des heiligen Thomas kann also von großem Wert sein, wenn man sich auf schwierige Gespräche einlässt.

Wir haben in unserer Sache die Antwort übrigens ansatzweise schon gegeben, als wir sagten, Gott sei der Erfinder der Welt und selbst nicht in ihr zu finden. Er müsse als ihr Schöpfer irgendwie ein ganz anderer sein. Unser Beispiel war der Uhrmacher, der selber auch nicht in seinen Uhren steckt.

Als Mahmoud das nicht bedachte, konnte sein Gegner es sich leicht machen und den Gott, den Mahmoud ins Spiel warf, mit in die lange Reihe stellen. Wenn „alles“ einen Ursprung haben muss, und Gott zu diesem „Alles“ gehört, dann muss er, wie alles eben, auch irgendwo her sein. Mahmoud hatte nicht bedacht, dass der Uhrmacher nicht in der Uhr ist und nicht mit zu ihren Einzelteilen gerechnet werden kann. Gott muss seiner Schöpfung so über sein, wie der Uhrmacher seinen Erfindungen über ist, als der ganz andere. Gott zählt nicht zu „allem“, er ist vielmehr allem über. Wie man das verstehen kann, dazu morgen mehr.

 

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Kann man die Welt erklären?

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Richtigmacher sind schwer zu ertragen. Weißt du, was Richtigmacher sind? Richtigmacher sind Leute, die nicht nur alles richtig machen wollen. Sie sind Zeitgenossen, die auch von allen anderen verlangen, sie sollten alles richtig machen. Die Richtigmacher gehören meistens zu den sogenannten Tipgebern. Tipgeber geben dauernd Tips und die Richtigmacher unter ihnen sagen dir den lieben langen Tag, wie alles zu funktionieren hat. Das Tipgeben geht nicht nur mit Worten, es geht auch im Alltag. Richtigmacher fahren mit siebzig vor dir her, wo man nur siebzig fahren darf. Sie fahren nicht nur siebzig, weil schneller nicht erlaubt ist. Sie fahren so, um dir beizubringen, wie man hier zu fahren hat. Es gibt Richtigmacher unter den Autofahrern und es gibt Richtigmacher, die kein Auto betreten, weil es nicht richtig ist, Auto zu fahren.

Du siehst schon, es ist schwer, ein richtiger Richtigmacher zu sein, und ich würde meinen, es ist eigentlich gar nicht möglich. Um etwas richtig machen zu können, muss man wissen was man tut und man muss genau wissen, womit. Darin liegt aber eine oft vergessene Hürde, die kaum oder eigentlich gar nicht zu nehmen ist: Wir wissen nicht, was die Dinge sind, ich meine an sich, im ganzen und in ihren Zusammenhängen.

Wir füttern Enten im Park, weil wir sie gern in unserer Nähe haben, weil es sie satt macht und weil es ihnen gut tut. Wir wissen aber schon nicht, wie gut das für den Teich ist, auf dem sie schwimmen. Enten sind nun nicht besonders geheimnisvolle Tiere, würde man meinen. Der heilige Thomas aber ist da ganz anderer Ansicht. Er sagt, unser Geist ist so schwach, dass unsere besten Philosophen nicht in der Lage sind, die Natur einer einzigen Mücke zu durchschauen. Ein Philosoph, hieß es damals, habe dreißig Jahre damit verbracht, das Wesen einer Biene zu studieren.

Du siehst, um alles richtig zu machen, müsste man die Natur der Dinge kennen. Das bleibt uns aber verwehrt, und wir stehen vor einer Grenze wie vor Schriftzeichen einer Sprache, die wir nicht entziffern können. Die Zeichen machen natürlich Sinn. Aber um sie zu verstehen, müsste man entweder den Code der Sprache kennen oder die Gedanken dessen, der niederschrieb, was das steht.
Christlich gesprochen kann man sagen, um das Wesen einer Mücke zu verstehen müsste man die Gedanken dessen kennen, der sie schuf. Mein atheistischer Kollege würde sagen, wenn wir die Natur der Mücke kennen würden, dann wüssten wir, dass sie niemand geschaffen hat.
Wie immer auch, wir können uns jetzt lange streiten, aber unsere notorischen Richtigmacher, die haben es nicht leicht. Wenn sie alles richtig machen wollen, um irgendwie gute Menschen in ihrer Umwelt zu sein, dann könnte ihnen ein Gedanke unseres Professoren Ruhe verschaffen. Der meinte nämlich, gut mache den Menschen nicht, was er tut, sondern was er will. Der gute Wille, sagt er, macht den Menschen schlechthin gut. Das beruhigt angesichts einer Welt, die mehr geheimnisvoll als bekannt ist.

Kennst du einen Unterschied zwischen beschreiben und erklären? Wenn du den Weg eines Menschen beschreibst, der Fisch kaufen geht, dann dauert das vielleicht, es könnte aber möglich sein. Aber auch wenn du ihn haarklein beschrieben hast, dann hast du ihn damit noch lange nicht erklärt. Zur Erklärung würde nämlich auch gehören, warum der Kerl ausgerechnet Fisch mag.
Die Beschreibung einer Tat reicht nicht zu ihrer Erklärung. Ein mittelmäßiger Detektiv, der einem Diamantendieb auf der Spur ist, mag sich mit einer guten Beschreibung der Tat zufrieden geben. Ein guter versucht eine Erklärung zu finden, was der Dieb an Diamanten findet und warum er ausgerechnet diese stahl. Zu einer Erklärung würde gehören, in welcher Beziehung der Dieb zum Besitzer stand und warum er gerade ihm eins auswischen wollte.

Nun liegt der große Unterschied zwischen der Meinung meines ungläubigen Freundes und mir darin: Wir beide glauben, in einer Welt zu leben, die zu guten Teilen beschrieiben, aber niemals erklärt werden kann. Unsere Welt ist beschreibbar und für Menschen unerklärlich zugleich. Als Gläubiger freue ich mich wie ein Kind darauf, eines Tages der Erklärung der Welt inne zu werden, wenn ich bei ihrem Schöpfer Aufnahme finde. Mein Freund dagegen meint, dass es da nichts zu erklären gibt, weil da kein Schöpfer sei und somit auch überhaupt keine Erklärung.

Kurze Klärung

 

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Sth I-II, 1, 1.

Der Plan ist also angekündigt: Der Gelehrte will nun vom Menschen reden, und er schreibt, wie vorzugehen ist: Man muss mit dem el hatel beginnen, wenn man etwas untersuchen will, was ein solches hat. Das ist einigermaßen ungewöhnlich, es behauptet nämlich, das menschliche Leben sei grundsätzlich auf etwas hinaus. Mit dieser Behauptung grätscht der Heilige in einen modernen Streit, den er im Mittelalter nicht hatte erahnen können. Als Thomas lebte konnte man sich trefflich darüber streiten, ob der Mensch den Himmel der Christen oder das Paradies der Moslems als Ziel habe. Wenn aber einer mit der Meinung um die Ecke gekommen wäre, es gebe kein Ziel für das Leben, er wäre vermutlich nicht sonderlich ernst genommen worden. Heute geht das, und ein guter Teil der Gelehrten vertreten diese Meinung.
Die Frage, ob der Mensch ein Ziel hat oder nicht, mündet in einer Folgefrage. Wenn ein Ding ein Ziel hat, dann muss es dieses irgendwo her bekommen haben.
Innerhalb des Lebens können wir uns jede Menge Ziele setzen. Wir haben zum Beispiel das Ziel, etwas zu essen zu bekommen, wenn wir einkaufen. Wir haben das Ziel zu feiern, wenn wir uns mit Freunden treffen und wir haben das Ziel, unsere Steuern erledigt zu haben, wenn wir uns endlich daran begeben. Wer Vernunft hat, der kann sich was vornehmen, wohl aber nur innerhalb seines Lebens. Ob das Leben im Himmel, im Paradies oder im Nichts landet, das kann der Mensch nicht bestimmen, er kann es höchstens erkennen, wenn er einen Wink bekommt. Kein Schiff kann sich seinen Heimathafen aussuchen, den hatte es schon, bevor es fertig gebaut war.

Wenn also Thomas mit gewohnter Selbstverständlichkeit vom Ziel des Menschen spricht, dann geht er, an dieser Stelle unausgesprochen davon aus, dass es eine sozusagen höhere Vernunft gibt, die ihm dieses Ziel verpasst hat. Gerade in dieser Frage gehen die Meinungen der modernen Gelehrten auseinander. Wenn nämlich der Mensch nichts mehr ist als ein Produkt des Universums, das sich ohne Plan entwickelt, dann hat auch der Mensch keinen solchen, und wer keinen Plan hat, der hat kein Ziel.
Ich sage das alles hier jetzt nicht, um die Frage zu diskutieren, sondern eher, um anzukündigen, dass eine übernatürliche Macht sozusagen immer mit gedacht wird. Das könnte manchen veranlassen, nicht unbedingt weiter zu lesen. Wäre ich ein Naturalist, also einer, der über der Natur keine höhere Vernunft annimmt, dann würde ich mir vorbehalten, das Gefährt an der übernächsten Haltestelle zu verlassen und nicht weiter mit zu fahren.
Ich glaube nicht an UFOs. Warum sollte ich mich lang und breit mit Leuten unterhalten, die sich mit deren Antrieb und ihrer Reiseroute aufhalten? Ich glaube so ziemlich nichts von dem, was die Zeugen Jehovas glauben. Deshalb bin ich auch meistens nicht bereit, mich länger mit ihnen über ihre Lehre zu unterhalten. Wenn ich überhaupt nicht an einen Schöpfer glauben würde, ich würde mich vielleicht eher mit Büchern befassen, die mir erklären, wie man den Menschen ohne Schöpfer erklären kann. Thomas schreibt aber als ein Professor, der sich daran machte, den Menschen ausdrücklich als solchen zu erklären, der ein Ziel besitzt, weil eine höhere Macht ihm das mit auf die Reise gegeben hat.
Aber, wie gesagt, hatte der heilige Thomas eine deutliche Neigung, dicke Bücher zu schreiben, und wer dicke Bücher schreibt, der hat Zeit, langsam vorzugehen. Im Folgenden geht es also erst einmal um die Frage, ob der Mensch als solcher überhaupt einer ist, der Ziele hat.

Die Wurzel des guten Benehmens

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Ich habe schon zu vielen Anlässen gesagt und geschrieben, dass ich nicht weiß, wie es ist, ein Atheist zu sein. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt und ich weiß nicht, was in meinem Fall alles anders wäre. Das Religiöse nämlich, wie ich es verstehe, ist nicht nur etwas, was man hat, wie ein Auto oder ein Stück Garten. Es trägt und prägt das Dasein, und hier weiß ich nicht, was mich prägen würde, wenn ich ein Atheist wäre.
Keiner kann sich in ein anderes Wesen hinein denken und seine Empfindungen haben. Thomas Nagel hat in diesem Sinn sicher Recht: Keiner weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.
Wenn wir müde sind, haben wir das Bedürfnis zu schlafen. Hängt sich eine Fledermaus in ihrer Höhle neben ihre Kameraden, dann denken wir vermutlich, sie hat das gleiche, wie das, was wir haben, wenn wir müde sind. Wir können aber nicht empfinden, was sie empfindet. Wir wissen, wie es ist, zu Bett zu gehen, aber keiner von uns weiß, wie es sich anfühlt, die Nacht lang kopfüber in einer Höhle zu baumeln und Fledermausaugen zu schließen.

Ich will auf etwas hinaus. Nämlich auf die Behauptung, dass man für die Frage nach dem guten Leben die Religion erst einmal nicht braucht. Sokrates hat ohne nennenswerten, religiösen Glauben die Frage gestellt, für die er berühmt wurde und die ihn zum Vater der Philosophen machte: „Was ist das Gute und wie wird man ein guter Kerl?“ Das heißt, man braucht den Glauben offenbar nicht, um auf die Frage zu kommen. Man braucht den Glauben auch nicht, um den Wunsch zu haben, irgendwie anders gut zu werden, als wie ein Schachspieler ein guter Schachspieler oder ein Bankräuber ein guter Bankräuber wird.
Wenn man am Grab über den Verstorbenen sagt, er war ein guter Mensch, dann meint man mehr als nur eine Sache. Man meint irgendwie alles an ihm. Selbst wenn er ein schlechter Geschäftsmann und kein besonders guter Fußballer war, kann er doch ein einfach nur guter Mensch gewesen sein. Um dieses Gutsein, das ein gewisses Gutsein schlechthin bedeutet, hat Sokrates sich als erster in der Philosophie Gedanken gemacht, und das aus dem Naturwuchs heraus, als Heide eben.
Ein paar Jahrhunderte später kam der Glaube in die Welt und wieder ein paar Jahrhunderte darauf war er allen bekannt, allerdings oft nur äußerlich. Das Christentum war wohl bekannt, aber nicht alle waren Christen. Ich will jetzt nicht das tiefe Fass mit der Frage aufmachen, in wie weit alle Welt christlich sein sollte. Die Diskussion darum gleitet heutzutage zu schnell ins Blöde ab. Die Dummköpfe aus den Reihen der Atheisten sagen, die Welt würde besser, wenn man die Religionen abschaffte. Das macht ihre Gegner mit ihrer nicht weniger törichten Ansicht nervös, einzig die Religion sei heilsam für die Belange der Welt. Dummheit und Nervosität aber machen Gespräche nicht gerade besser.

Der heilige Thomas, und lange vor ihm die aufgeklärten unter den Glaubensvätern diskutieren die Frage des Gut- oder weniger Gutseins nicht über ihre Religion und schon gar nicht über deren Abschaffung. Um hier weiter zu kommen begaben sie sich vielmehr in die Schule von Athen, um den Philosophen zu lauschen. Hier fanden sie dann auch die Antworten, nach denen sie suchten. Sie setzten sich sogar dem Verdacht der Fundamentalisten aus, hier eigentlich gar nicht mehr christlich zu sein. Hatte Christus dem jungen Manne doch gesagt, er solle die Gebote halten. Bleibt man dabei und nur dabei, dann kommt man aus der Schleife nicht heraus: Wer überhaupt gut sein will, der muss zuerst die Religion annehmen.
Die Alten machten es umgekehrt: Eigentlich muss man irgendwie erst ein guter Kerl im Sinn des Sokrates sein, um sich die Religion irgendwie überhaupt erst wünschen zu können. Auf den Punkt gebracht: Die Lehre vom Menschen und was sein Gutsein angeht, ist beim heiligen Thomas keine Lehre von Geboten und deren Einhaltung, sondern eine Tugendlehre, die der alte Cicero zur Zeit Cäsars bereits formuliert hatte. Das hat für jemanden, der sich in den Atheismus nicht hinein denken kann einen entscheidenden Vorteil: Er muss es gar nicht können, um mit Leuten, die weniger verbohrt sind als die neuen Atheisten und ihre gegnerischen Raufbolde ein Gespräch über das Gute führen zu können.

Zur Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft

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In der Auseinandersetzung mit dem Atheismus hat meine Kirche offenbar einen geordneten Rückzug angetreten, es ist still geworden an der Front. Das ist die geeignete Zeit, sich in aller Stille auf dem Schlachtfeld nach Schlagworten umzusehen, die da noch herumliegen. Eines davon lautet: „Religion und Wissenschaft sind unvereinbar“. Beim zweiten Blick fällt auf, dass viel zur Religion und viel zur Wissenschaft gesagt wird. Aber man lässt es offenbar aus, den Leuten zu erklären, was mit der Unvereinbarkeit des Näheren gemeint sein könnte.
Es gibt Dinge, die man nicht versöhnen kann, obwohl man es will oder eigentlich müsste. Wenn in einer Familie oder in einer Arbeitsgemeinschaft unversöhnliche Streitpunkte auftauchen, wird man versuchen, sie beizulegen. Es gibt da ein handfestes Interesse.
Pazifismus und Waffenbesitz sind auch unvereinbar, es würde aber merkwürdig aussehen, wenn sich ein Pazifist nach einer Kanone umsieht. Pazifisten werden sich nicht für Waffen interessieren und keine haben wollen. Da besteht kein solches Interesse. Es gibt also zwei verschiedene Weisen der Unvereinbarkeit. Die eine stört und die andere ist egal. Die Unvereinbarkeit zwischen Wissenschaft und Religion scheint mir von der zweiten Sorte zu sein. Es gibt jede Menge gläubige Wissenschaftler, aber keine gläubige Wissenschaft. Wissenschaft und Glaube schließen sich in der Tat aus, das macht aber nichts.  Ich habe jedenfalls noch keinen Wissenschaftler getroffen, der sein Bedauern darüber ausgesprochen hat.
Kein Richter sperrt seinen Delinquenten ein, weil er an dessen Schuld nur glaubt, und kein Architekt wird eine Brücke in Auftrag geben, weil er glaubt, dass sie halten wird. Lise Meitner hat die Kernspaltung nicht entdeckt, weil sie Otto Hahn so lieb hatte, sondern weil der ihr zwingende Messergebnisse vorbrachte. Dass Meitner Jüdin war, spielte dabei nicht die geringste Rolle.
Natürlich sind Religion und Wissenschaft unvereinbar, sie sind verschiedene Welten. Das macht aber gar nichts. Ich verstehe deshalb nicht, warum man das unter den Thesen der Atheisten findet, die dastehen wie die Tafeln der Köche vor ihren Läden. Wenn auf denen „Dorade mit Kartoffeln steht“, weiß jeder, was er bestellen kann. Keinem ist damit gedient, wenn man ihm dort „Morgen ist Freitag“ zu lesen gibt.
Wenn über der Auskunft der Atheisten ein Bekenntnis wie „wir schenken nur dem unser Vertrauen, was uns die Wissenschaft sagt“ stünde, dann würde es Sinn machen. Dann könnten sie sagen, für sie mache das religiöse Glauben keinen Sinn, und die Gläubigen bräuchten ihnen gar nicht erst zu kommen.
Nur, wenn ich kurz darüber nachdenke, dann halte ich eine solche Meinung nicht für überlebensfähig im praktischen Dasein. Man kann einer Person, die einem ihre Liebe gesteht nicht gut sagen, das müsse über die Hirnströme erst bewiesen werden. Das persönliche Glauben scheint mir eine Art Wagnis zu beinhalten, von dem man in den Wissenschaften befreit ist. Fakten zur Kenntnis nehmen ist keine solche Leistung an Vertrauen. Genau die aber verlangt die Religion, jedenfalls, wie ich sie verstehe.
Der Name des Christentums leitet sich von Christus her, und der trat mit dem Anspruch auf, dass man ihm glaube. Als die Frauen vom leeren Grab kamen, erhoben auch sowohl sie, als auch die Botschaft von der Auferstehung den Anspruch, dass man ihnen Glauben schenke. Das ist, wie gesagt, in keiner Weise wissenschaftlich, das will es jedoch auch gar nicht sein.
Es gibt also Unvereinbarkeiten, die schlicht existieren und die sich weder einander ausschließen, noch bekämpfen, und ich habe diese zugegebenermaßen etwas längere Einleitung geschrieben, um auf eine ganz andere Unvereinbarkeit zu kommen, nämlich auf die zwischen dem Sakrament des Altares und der Welt.

Neuer Atheismus ?

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Ich bin gefragt worden, ob ich nicht einmal etwas über die sogenannten „neuen Atheisten“ schreiben könnte und habe dankend abgelehnt. Dabei unterließ ich es tunlichst zu gestehen, wofür ich dankbar bin oder wäre, nämlich mit dem Thema in Ruhe gelassen zu werden. Es gibt allerdings gute Gründe, warum ich nicht gern gegen die neuen Atheisten schreibe, von denen der erste ist, dass ich sie nicht kenne. Ich habe kein Buch von Dan Dennet, keins von Christopfer Hitchens, nicht eines von Dawkins und auch sonst keins aus dieser Liga gelesen. Das müsste ich alles nachholen, dazu fehlt mir sowohl Zeit wie Lust.

Allerdings: Was ich gesagt habe, stimmt nicht ganz. Es ist wohl richtig, dass ich kein Buch von Dawkins gelesen habe. Das heißt aber nicht, dass ich noch nicht in eins geschaut hätte. Im Gegenteil, ich habe einen längeren Blick in den „Gotteswahn“ getan. Dieser Blick wurde zu meinem zweiten Grund: Ich möchte nicht gern gegen Dawkins schreiben, weil er auch nicht gegen mich schreibt. Er schreibt zwar gegen Religion, aber nicht gegen die, die ich habe. Er schreibt gegen das Glauben, aber nicht mit einem Wort gegen das, was ich mit Glauben meine. Nach einem Prinzip des heiligen Thomas von Aquin sollte man seinen Gegner  so gut es geht verstehen, um dessen Thesen neutralisieren zu können. Was immer ich aber von den neuen Atheisten höre, verfestigt meine Ahnung, dass sie überhaupt nicht wissen, was ich meine, wenn ich von Religion oder Glauben spreche. Deshalb lese ich ja nichts weiter bei ihnen. Schrieben sie wirklich gegen mich, ich würde sie gut studieren und eine Antwort versuchen. Da sie meine Religion nicht kennen, und ich ihre Bücher nicht lese, können wir uns also weiterhin gegenseitig in Ruhe lassen.

Mein dritter Grund entsprießt keiner falschen Bescheidenheit. Ich fürchte allerdings, nichts Wesentliches mehr sagen zu können, was nicht schon längst gesagt worden ist. Wenn ich richtig sehe, ist der neue Atheismus eine ziemlich laute, öffentliche Kampfansage. Solche werden in aller Regel dankbar angenommen, und so haben sicher schon viele Leute viel klügere Dinge geäußert, als ich sie zu Stande bringe.

Um aber nicht nichts zu machen, habe ich mir ein paar Punkte angesehen, von denen es heißt, die neuen Atheisten kämen in ihnen überein. Auf der Suche nach ihnen dachte ich, so etwas wie Überschriften zu finden, die meinen Prinzipien widersprechen. Zu meiner größten Überraschung musste ich aber feststellen, dass sie mir zu guten Teilen gar nichts sagten. Aber wo ich aus ihnen Aussagen ableiten konnte, waren es solche, denen ich mit Freuden beipflichten würde.

Einer der angesprochenen Punkte lautet: Wissenschaft und Religion seien unvereinbar. Das zum Beispiel finde ich auch. Stehen und liegen sind auch unvereinbar, entweder man liegt oder man steht. Das bedeutet aber nicht, stehen gegen liegen spricht oder dass sich beide nicht verstehen. Folge wir weiter dem heiligen Thomas, dann sind sowohl die Vernunft, als auch der Glaube Geschenke, die der Schöpfer uns gab. Wenn das so ist, dann werden sich Wissenschaft und Glaube so lange nicht widersprechen, wie sie vernünftig sind.

Ein verbotenes Argument des Atheismus

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Mit meinem letzten Kapitel habe ich das Fass mit dem „neuen Atheismus“ für einen neuen Leser noch einmal aufgemacht, wobei eigentlich zu sagen wäre, dass der „neue Atheismus“ gar nichts Neues zu bieten hat. Er wird nur neu genannt, weil seine Leute seit neuerer Zeit das Trommeln wieder angefangen haben. Eigentlich wollte ich die Sache vornehm übergehen. Dass ich mich aber doch geäußert habe, hat neben dem neuen Leser seinen Grund in meinem Temperament. Ich kann nicht gut an mich halten, wenn ich mit verbotenen Argumenten auf die Palme getrieben werde. Der Leser gestatte mir, kurz zu erklären, was ich mit „verbotenen Argumenten“ meine.

Wenn jemand ein Thermometer besitzt, und nur das, dann kann er damit keinen Luftdruck feststellen, weil Thermometer nur Temperaturen messen. Für das Messen von Luftdruck braucht man ein Luftdruckmessgerät. Ein Thermometer ist ungeeignet.
Wenn nun jemand hingeht und in die Halle ruft, sein Thermometer habe nicht den geringsten Luftdruck gemessen, und damit sei bewiesen, dass es überhaupt keinen gibt, dann ist das Argument verboten. Es behauptet etwas, was man nicht behaupten kann, und jeder, der sich auch nur ein bisschen auskennt, wird über den Beweis lachen.
Jeder weiß, es gibt Radioaktivität. Es gibt radioaktive Strahlen, und zwar sehr konkret. Das sieht man daran, dass sie ernsthaft der Gesundheit schaden. Wenn nun jemand mit seinem Thermometer kommt und sie nicht messen kann, dann ist er einigermaßen töricht mit seiner Behauptung, Radioaktivität könne es nicht geben, sein Gerät messe sie nicht.

So etwa ist es mit der Behauptung, die Herr Schmidt Salomon in einem seiner Gespräche posaunt. Die Wissenschaft habe längst bewiesen, dass die Welt keinen Schöpfer haben könne. Gott gebe es nicht, das sei jetzt klar. Es ist zu fragen: Wer hat das gemessen? Wo wurde es festgestellt, und womit? Aber niemand fragt das. Im Allgemeinen erstarren die Leute vor Ehrfurcht, sobald jemand sagt, er habe einen Doktortitel und die Wissenschaft auf seiner Seite. Was aber ist das? In diesem Fall nur Luft, sonst nichts. Es geht aber darum, möglichst viele Leute mit ihren Stimmen hinter sich zu bringen, und wenn genug mitlaufen, glaubt das brave Volk, was es glauben soll. Wer die Sache aber nur ein wenig durchschauen kann, der lacht oder erschrickt, je nach dem.
Es gibt nun Leute, die möchten uns glauben machen möchten, alles, was es überhaupt geben könne, müsse in irgendeiner Weise zu messen oder zu zählen sein. Eins der vielen Messgeräte der Wissenschaft müsse ausschlagen, wenn der Allmächtige existiert. Da aber nirgends ein Ausschlag zu messen sei, könne es Gott nicht geben. Also auch keine Engel, keine reinen Seelen, und was die Religionen sonst noch so behaupten. Jetzt sei endlich klar, das alles verdanke sich der Phantasie der Menschen und sei damit hinfällig. Das ganze Argument ist, wie gesagt, nicht gestattet, weil man die Behauptung, alles müsse messbar sein, nicht aufstellen darf.
Wenn jemand schwarze Schwäne sammelt und weltweit zwanzig findet, dann kann er wohl sagen, er habe alle gefangen, die er fangen konnte. Er kann aber nicht behaupten, es könne nirgendwo einen elften geben. Warum soll sich nicht irgendwo einer versteckt haben?
Keine Wissenschaft kann je behaupten, alles gefunden zu haben oder alles sei irgendwann zu finden. Damit kann sie auch nicht behaupten, man könne überhaupt jemals alles finden. Niemand kann sagen, alles, was er nicht findet, kann es nicht geben. Man kann sagen, alle möglichen chemischen Elemente seien entdeckt, und es könne keine weiteren geben. Man kann aber nicht sagen, alles, was es gibt, müsse chemisch sein.

Unser Argument mit dem Film und dem Projektor hilft wieder. Wenn ein Film an eine Leinwand geworfen wird, können die Figuren im Film alles mögliche anstellen. Sie können Cowboys sein und Indianer. Sie können einen Saloon betreiben und Postkutschen fahren. Sie können schießen, tot umfallen und lebendig wieder aufstehen. Innerhalb des Films können sie aber nicht entdecken, dass ihr Film ein Film ist. Nirgends im Film taucht der Projektor auf und nichts im Film lässt zwingend auf ihn schließen. Der Projektor ist ganz und gar außerhalb und wirft doch den kompletten Film an die Leinwand.
Die Jungs im Saloon können verschiedener Meinung sein. Die einen glauben an den Projektor und behaupten das mit dem Film zu. Die anderen bestehen darauf, der Film habe keinen Anfang und kein Ende. Er sei aus sich selbst irgendwie entstanden und gehe endlos weiter, als Schleife sozusagen. Die Parteien mögen sich schlagen, treten und beißen, beweisen können sie nichts, weil es prinzipiell ausgeschlossen ist. Die Mittel fehlen.
Nun gibt es bei der ganzen Sache noch den Faktor der Begeisterung. Alle Menschen ihrer Zeit sind gern begeistert und ganz hin von den letzten Entdeckungen, die sie gemacht haben. Sie sind besonders gern begeistert, wenn sie sich einbilden können, irgendwie alles verstanden zu haben. Das haben sie aber nie. Als man den elektrischen Strom entdeckte, glaubte man, endlich alles gefunden zu haben. Als die Mechanik des Newton auftauchte, glaubte man, endlich die ganze Welt berechnen zu können. Einstein ließ den Glauben lächerlich erscheinen.
Als der berühmte Physiker Max Planck mit dem Studium loslegen wollte, riet ihm sein Professor ab: In der Physik sei bis auf kleine Feinheiten schon alles erledigt. Man habe alles gefunden, es sei mit nichts Neuem zu rechnen. Max solle sich ein anderes Fach suchen, eins, auf dem noch Schätze zu heben seien. Planck ließ sich nicht abbringen und sprengte das Fach, in dem angeblich nichts mehr zu holen war, mit seiner Entdeckung wie mit einer Bombe in die Luft. Es gibt gute Gründe, gerade denen, die sich begeistert als große Entdecker feiern lassen, gründlich zu misstrauen.

 

 Als nächstes wird zu sehen sein, in wie weit es Dinge gibt, die an der Wissenschaft vorbei laufen und die dennoch höchst wirklich sind.

Wäre die Welt ohne Religion besser?

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Was meinen Geschmack angeht, hat mein Vorhaben einen großen Vorteil: Wer an der Hand des heiligen Thomas von Aquin über die Sakramente schreiben will, der braucht nicht viel zur Moral und zur Disziplin zu sagen, weil Thomas das auch nicht macht.
Der Meister schreibt ausführlich über die Ehe, aber so gut wie nichts über unsere Ehefragen. Er schreibt freilich in höchsten Tönen über den Stand der Ehelosigkeit um der Heiligkeit willen, aber so gut wie nichts zum Zölibat. Thomas empfiehlt, häufig zur Kommunion zu gehen, aber über die Sonntagspflicht lässt er sich nicht aus.
Wenn man mir am Ende vorwirft, ich hätte zu diesen Dingen viel zu wenig gesagt, dann kann ich mich hinter den breiten Schultern meines Riesen verstecken.
Der heilige Thomas ist überhaupt kein moralischer Typ, aber wir leben in einer hochmoralischen Zeit. Das gefällt mir nicht besonders, es ist aber so, und wenn ich es recht bedenke, bewahrt mich wohl nur meine spezielle Religion davor, ins Moralinsaure herab zu gleiten.
In der Vorbereitung auf ein Schreiben, das ich zu liefern hatte, musste ich mich vor Tagen einer nicht sonderlich angenehmen Mühe unterziehen. Ich musste mir ein paar Reden von Leuten aus der Giordano Bruno Gesellschaft anhören und in ein Buch von Richard Dawkins schauen. Ich bitte, mir nicht gram zu sein, aber ich halte das für Zeitverschwendung. Die öffentlichen Reden eines Dr. Schmidt Salomon gegen die Religionen haben leider keine Argumente und kein höheres Niveau als ein Stimmenfang auf dem Kirmesplatz. Er posaunt den lieben langen Tag, die Wissenschaft habe den religiösen Glauben doch längst überholt und kann offenbar nicht erklären, wie genau und wo. Man kann trefflich mit ihm streiten, ich fürchte aber, man kann nicht gut mit ihm reden.
Die Bücher von Richard Dawkins mögen sehr gut sein, so lange er sein Fach, die Biologie betreibt und ich ihn vermutlich nicht verstehe. Sobald er aber in das Becken der Philosophie und Religion springt, stößt er sich den Kopf, weil er bei den Nichtschwimmern landet. Seine egoistischen Gene und Meme sind so wissenschaftlich wie die Marsmenschen eines Erich von Däniken.

Die Forderung steht aber im Raum: Die Religionen gehören abgeschafft, damit endlich der Boden für den Frieden in der Welt bereitet werden kann. Die Herrschaften schreiben das in dicken Büchern nieder, versäumen aber zu erklären, wie das alles nach der Abschaffung gestaltet werden soll. Offenbar wollen sie uns alle glauben machen, die Welt würde schon mal ein Stück friedlicher, wenn die Menschen sich nicht mehr um des Glaubens willen umbringen. Ich vermisse dabei allerdings eine Erklärung für die Annahme, man könne den Frieden wie Flickenteppiche aus einzelnen Stücken zusammen nähen. Es soll Leute geben, die meinen, die Welt würde friedlicher, wenn keiner mehr Fleisch isst, wenn alle nur noch Fahrrad fahren oder wenn man das Geld abschafft. Ich habe allerdings wenig Lust, ihre Bücher zu lesen oder länger mit ihnen zu sprechen. Der Mensch, der heute aufhört sich wegen seines Glaubens zu streiten, der schlägt sich morgen für Öl, Macht und Kohle.

Ich persönlich bin mir alles andere als sicher in der Frage, ob es in den sogenannten Religionskriegen je überhaupt um Religion ging. Über Worte kann man streiten. Aber Religion und Politik sind zwei Sachen, die man nicht vermischen kann. Wie Land und Stadt zwei Sachen sind. Ich glaube zum Beispiel nicht an schöne Großstädte. Es gibt wohl schöne, große Städte, aber alles, was ich an ihnen schön finde, ist genau das, was sie aufhören lässt, Städte zu sein. Münster ist eine schöne, große Stadt, weil sie auf’s Ganze gesehen schön grün ist. Ihr Grün ist aber das Grün vom Land. Eine Stadt mag schön sein, wenn sie geräumig ist. Besonders viel Raum hatten wir aber als Kinder in unserem Dorf. Vielleicht würde man eine Wohnung in der Stadt schön finden, wenn es nicht so laut in ihr wäre. Das würde aber bedeuten, dass sie in einem Stadtteil läge, der unserer Dorfstraße gleicht.
Was ich sagen will, die Dinge greifen ineinander, es sind aber zwei verschiedene. So ist es auch mit der Religion und der Politik. Als Christ darf ich mir gestatten zu erklären, dass eine Religion aufhört, religiös zu sein, wenn sie anfängt, sich um politische Wahlen oder um Zolltarife zu kümmern. Christus hat seinem Richter das entscheidende Wort gesagt. Sein Königreich hat seine Fundamente nicht auf Erden, und auch König Herodes hätte sich nach Weihnachten nicht fürchten brauchen.

Wenn ich mir nun vorstelle, ich könnte meine Religion nicht haben, dann glaube ich, könnte ich vor der Moral nicht davon laufen. In meiner Jugend war das so. Die Grünen kamen auf, und wir stritten uns ohne Ende mit den Alten in Fragen der Umwelt. Wir warfen keinen Müll in den Wald, weil man es mit der Erde richtig machen musste. Wir aßen kein Fleisch, weil es aus den verschiedensten Gründen nicht recht zu sein schien. Ich finde es bis heute einigermaßen edel, solche Motive zu haben, ich habe sie allerdings nicht mehr. Ich finde es immer noch widerlich, seinen Dreck in den Wald zu entsorgen. Ich lasse das aber nicht, weil ich glaube, für den Wald verantwortlich zu sein. Ich schätze den Wald vielmehr, weil der Schöpfer ihn lieb hat. „Du sollst nicht stehlen“ steht auch im bürgerlichen Gesetzbuch. Ich unterlasse das Klauen allerdings vor allem deshalb, weil ich vor Gott nicht als Dieb dastehen will.
Ich renne nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil ich etwas richtig zu machen habe, sondern weil ich in meiner Gemeinde bei der Messe zugegen sein will und die Nahrung für meine Seele möchte, die ihr gut tut.
Gott wünscht sich, wir mögen den Nächsten lieben wie uns selbst. Den Übernächsten aber dürfen wir ihm überlassen. Ich finde es herrlich, wenn die Menschen sich in der Gemeinde engagieren, damit das nächste Pfarrfest gelingt. Aber wenn sie es tun, weil sie sich für die Gestaltung der Weltkirche verantwortlich fühlen, dann werden sie mir verdächtig.
Wenn ich heute Freitags kein Fleisch esse, dann sicher wohl auch, weil mir ein Gebot dazu rät. Ich halte aber kein einziges der Gebote, um vor Gott fein da zu stehen oder gar, um in den Himmel zu kommen. Ich halte die Gebote, weil ich Lust habe, dem, der mich wie ein Vater liebt, die Ehre zugeben und weil ich die Eintrittskarte schon in der Tasche habe. Gott hat nichts davon, wenn ich Fisch an Stelle von Fleisch wähle. Aber ich habe sehr viel davon, ihm ans Herz zu wachsen und er mir. Die Welt ist voller Moral, aber meine Religion ist nicht moralisch, und der heilige Thomas ist es schon gar nicht. Wer die Religion abschaffen will, der muss nicht nur etwas besser erklären, warum überhaupt. Er müsste mir auch die Kirche ersetzen, in der ich ohne dauernde Richtigmacherei das Kind meines Schöpfers sein kann.

Letztes Kapitel über die Hoffnung – Hoffnung und Vorherbestimmung

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Exkurs über die Hoffnung, Teil 11″.

Was die Gottheit und die Hoffnung angeht, haben wir wirklich großes Glück gehabt. Wir haben Glück gehabt, weil wir Gutes hoffen können. Ich meine hoffen in dem Sinn, wie wir es hier beschrieben haben.
Der muslimische Kollege, mit dem ich über diese Dinge sprach, ist nicht so gut dran. Er hoffte zwar auch, dass Gott ihn, wie er sagte, recht leiten würde. In seinem Glauben konnte es jedoch auch sein, dass er das nicht tue. Es konnte sein, dass Gott ihn nicht recht leiten würde. Im Koran steht, Gott leitet recht, wen er recht leiten will und er leitet in die Irre, wen er will. Das heißt, wenn Gott jemanden auswählt, um ihn in die Irre zu leiten, dann hat dieser Mensch keine Hoffnung auf das glückliche Gegenteil.
Mich erinnert das an den Glauben der strengen Calvinisten. Die glauben, Gott habe einen Teil der Menschen dazu bestimmt, in die Hölle zu fahren, ob die das wollen oder nicht. Wer für die Hölle bestimmt ist, der ist für die Hölle bestimmt, Schicksal. Mein muslimischer Freund glaubte ganz ähnlich. Gott ist der allbarmherzige Erbarmer, das wohl, aber das ist nur die eine Seite. Gott ist auch der absolute Souverän, der tun und lassen kann, was er will. Es kann also sein, dass Gott meinen Freund nicht leitet, wie er es erhoffen würde. Dann muss er seine sieben Sachen packen und in die ewige Verdammnis ziehen, Schicksal. Ein solcher Glaube nennt sich doppelte Vorherbestimmung. Die eine ist die Bestimmung zum ewigen Glück, die andere die Bestimmung ins ewige Unglück. Entscheidend ist, dass wir das nicht entscheiden, sondern Gott allein.
Der Gott der katholischen Verkündigung ist Gott sei Dank ganz anders. Hier gibt es die doppelte Vorherbestimmung nicht, sondern nur eine, die für alle gilt. Jeder Mensch ist dazu vorgesehen, im ewigen Glück zu landen. Wenn sein Weg dennoch in die Irre geht, dann nicht, weil Gott es bestimmt, sondern, weil der Mensch es wählt. Von Gott her gibt es nur eine Bestimmung. Das heißt, es gibt für alle Hoffnung, und das ist für alle die gleiche.
Deshalb haben wir Glück gehabt, dass Gott so ist, wie er ist, und nicht anders.
Mein atheistischer Widersacher und Leser wird mich hier kaum verstehen können. Er sagt, er lehne den Glauben ab, weil die Gottheit trotz allem grausam sei. Ein Gott der zulasse, dass Menschen die Hölle wählen und letztlich in ihr landen, ist für ihn schon ein grausamer Gott. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie er das sagen kann. Seine Eltern haben ihn auch ziehen lassen, als er erwachsen wurde. Hätte er die Hölle harter Drogen und seinen Untergang gewählt, hätte das ihn vielleicht, nicht aber seine Eltern grausam gemacht. Aber mein Atheist besteht drauf, und wenn er das will, dann soll er das tun.
Im Glauben geht es um die Wahrheit der Welt und die Wahrheit der Dinge. Wenn es wahr wäre, dass die Welt den Gott des Islam hätte, dann hätte ich Pech gehabt und Gott bliebe mir immer irgendwie unheimlich. Entspräche es der Wahrheit, dann wäre das aber eben so und ich würde sicher ein Muslim. Wäre wahr, dass die Welt keinen Schöpfer hätte, und die Atheisten hätten Recht, dann hätte ich auch da Pech, es wäre aber so. Mir missfällt die Vorstellung, ein lebendiges Wesen zu sein, dass aus einer leblosen Natur zusammengeschustert ist. Aber wäre es so, dann müsste ich ins Lager der Atheisten wechseln. Nun ist es aber so, dass wir wie gesagt großes Glück gehabt haben. Es gibt einen Gott, der sich gezeigt hat, und der ist liebevoll, väterlich und unwandelbar gütig. Das mit der großen Hoffnung für alle hat sich als die Wahrheit der Welt gezeigt. Das bedeutet ein großes Glück, nicht aber, weil wird uns sa was aussuchen, sondern weil die Dinge sich so verhalten.
Was ich an der atheistischen Haltung meines Freundes nicht verstehe, ist die Meinung, angesichts der Wahrheit wählen zu können. Alle hätten viel lieber, wenn es keine bösen Onkel geben würde, die die Kinder verführen, um ihnen weh zu tun. Deshalb können wir nicht beschließen, an die Welt, wie sie ist, nicht zu glauben. Wir können unseren Kindern nicht erzählen, alle seien ganz lieb, weil wir entschlossen haben, in einer lieben Welt zu leben.
Wie immer auch. Exkurs heißt Ausflug, und mein Ausflug in die Gefilde der Hoffnung endet hier vorläufig, und zwar mir der herrlichen Auskunft: Es gibt die große Hoffnung für alle, nämlich, dass am Ende alles gut gehen kann und dass wir es in der Hand haben.

Einwände auf mein Kapitel

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Exkurs über die Hoffnung, Teil 4″

Es gab Einwände gegen meine Gedanken zur atheistischen Trostlosigkeit. Einer davon gibt mir Recht und zugleich eine Erklärung, die es wert ist, bedacht zu werden. Ich hatte gesagt, im Gegensatz zum Glauben gebe der Atheismus keinen Beistand. Mein Kritiker hätte sich auch gewundert, wenn er das täte. Beim Glauben ist es so: Er nimmt nicht nur an, dass es Gott gibt. Er weiß auch darum, dass Gott zum Gläubigen spricht. Die Christen nennen die dritte Person der göttlichen Dreifaltigkeit seit Christi Zeiten den Tröster. Er ist der, der unserem Herzen zuflüstert, dass wir Gottes Kinder sind. So jedenfalls steht es im Römerbrief.
Das alles kann der Unglaube natürlich nicht bieten. Mein Kritiker erwartet das allerdings auch gar nicht. Er hat Recht: Der Atheismus ist nicht mehr als eine geradezu kleine Auskunft, nämlich die, dass es Gott nicht gibt. Alles andere, die Weltanschauung, die politischen, sozialen Meinungen, alle moralischen Werte und Vorstellungen müssen von woanders kommen. Hier bringt der Glaube vieles gleich mit, was gewisse Richtungen einschlägt.
Eine interessante Frage ist allerdings die nach dem angesprochenen Sinn. Ich hatte eine steile These vertreten, der eine kurze Erklärung nicht schaden wird. Wenn Kinder spielen, dann errichten sie sich eine kleine Welt, und alle Regeln werden neu aufgestellt. Drachen können reden, Autos fliegen, Tiere haben einen scharfen Verstand und Bäume können sich selbst entwurzeln und davon laufen, wenn es sein muss. Solange das Spiel gilt, gelten die Regeln. Im Spiel fließen Tränen, da wird gelacht, gefeiert und getrauert. Es gibt Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten, und alles hat seine eigenen Wirklichkeiten.
Sobald das Spiel beendet wird, lösen sich die Dinge auf. Die Wolldecke ist keine Steinzeithöhle mehr, sondern nur noch eine Decke, die gefaltet auf das Sofa gehört. Der Stuhl ist kein Königsthron, sondern ein Stuhl in der Küche. Die eigentliche Wirklichkeit ist die äußere, stabile Welt, die lediglich Räume freihält, dass wieder gespielt werden kann.
Ich würde meinen, das Bild kann man für unsere Frage verwenden. Für den Gläubigen meiner Sortierung ist die Welt und das Geschehen des Lebens insofern vergleichbar mit der Welt des Spieles, als dass sie eine Außenwelt hat, der sie sich verdankt. Die eigentliche, wirklichere Wirklichkeit ist die außer- oder übernatürliche. Die Außer- oder Übernatur hält den Raum frei für das Spiel des Lebens, wenn man so möchte. Innerhalb des Lebens gibt es zwar, Hoffnungen und Enttäuschungen. Auch hier fließen Tränen und Freudenfeste werden gefeiert. Das Leben hat jede Menge Ziele, Zwecke und Gehalte an Bedeutung. Es ist, für den Gläubigen, nur eben so, dass der eigentliche Grund aller Gründe und das eigentliche Ziel aller Ziele außerhalb der Lebenswelt zu finden sind. Grund und Ziel fallen hier in eins und aller Sinn kommt letztlich von hier und ist auf hier hin ausgerichtet. Von hier aus kommt auch aller Bestand. Der Gläubige kann sagen, nichts hat Bestand, nichts überlebt, wenn das Spiel abgerissen wird, außer das, was seinen Grund im Außen hat. Wie auch im Spiel der Kinder alles dahin ist, wenn die Eltern zum Essen rufen und das Spiel beenden. Was wir Sinn nennen, hat mit dem Bestand zu tun. Wirklich Grund und Sinn kann nur haben, was seinen bleibenden Bestand aus der übernatürlichen Wirklichkeit hat. Aber der Glaube und der hier gemeinte Unglaube sprechen aus zwei verschiedenen Welten.