Die Wertungen in Glaubenssachen

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Briefe an unseren Bufdi

Es gibt das Glauben so und es gibt das Glauben so. Ein Richter, der einem unsympathischen Zeugen seine Story abnimmt, ist sozusagen gezwungen sie zu glauben. Sein Glaube geht wohl aber nicht auf die Person, die mag er nicht. Er glaubt nicht dem Zeugen, sondern er nimmt die Wahrheit seiner Geschichte an und ihm seine Version ab. Richter und Zeuge haben keine Gemeinschaft, auch wenn sie gemeinsam im selben Raum sind. Was wir Gemeinschaft nennen, ist vom räumlichen Zusammensein nicht unbedingt abhängig. Knastbrüder können lebenslang auf der gleichen Zelle hocken und doch trennt sie womöglich alles, was Menschen trennen kann. Auf der anderen Seite können echte Freunde ihr halbes Leben lang getrennt sein. Treffen sie sich, dann empfinden sie ihre Freundschaft, wie sie immer war, weil sie nie aufgehört hat.
Das sich glauben unter Freunden hat eine Lust bei sich, nämlich die Lust der Freunde an ihrer Gemeinschaft. Das Glauben geht gar nicht nur auf das, was sie sagen, sondern immer auch auf die Person, der geglaubt wird. Man ehrt seinen Freund, wenn man ihm seinen Glauben schenkt, und die Freude dreht sich um die Ehre und das Ehren.

Der Volksmund ist gewohnt, die Dinge zu bewerten, man spricht auch gern von Werten überhaupt. Manchmal hört man auf hohen Geburtstagen die Leute sagen, das wichtigste sei doch die Gesundheit. „Hauptsache gesund“, heißt es in Kurzform. Das sind hübsche Sprüche, sie sind aber falsch. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“, schreibt Schiller dagegen, und ich finde, er hat Recht. Die Gesundheit ist ein hoher Wert, aber sie ist eher nur wie ein Werkzeug, das man hat. Man ist gesund genug, irgendetwas zu tun. Man lebt nicht einfach um zu leben, sondern man lebt um höhere Dinge zu verwirklichen. Mein Opa wollte nicht lange leben, damit sein Leben lang sei. Er wollte lange leben, um lange etwas von seinen Kindern und Enkeln zu haben. Nicht das Leben war die Hauptsache, sondern die Kinder. Professor Splett pflegt das in die Worte zu kleiden: „Das Leben ist uns nichts mehr wert, wenn wir nichts haben, was uns mehr wert ist als das Leben.“ Ich finde, dem kann man nicht gut widersprechen, und die höchsten Dinge dürften die sein, die man liebt und für die man sogar zu sterben bereit wäre.
Wenn man jetzt sagt, da liebt jemand aber sein Fahrrad, dann würde wohl jeder sagen, eine solche Liebe reiche nicht. Wer geht für einen Drahtesel in den Tod? Es müssten schon so Sachen sein wie Familie, Heimat, Freunde oder eine Religion.

Nebenbei bemerkt: Das zuletzt genannte macht das ganze noch einmal besonders.
Einzig die Religionen sprechen davon, dass und wie das Leben nach dem Sterben weiter geht. Ein Märtyrer, der fest und freudig im Glauben an sein Paradies zum Sterben geht, hat der Qualität nach ein ganz anderes Motiv für seine Hingabe. Jemand, der glaubt, mit dem letzten Atemzug werden einfach die Stecker gezogen und aus ist’s mit dem Dasein, der hat weniger auf der Habenseite, was seine Hingabe angeht.
Werten können wir auch das mit dem Glauben. Der am höchsten wertige, der reichere Glaube dürfte der zwischen Personen sein, also zwischen Wesen, die von allen bekannten als höchste eingestuft werden. Nun sind natürlich sowohl Richter, also auch Bankräuber Personen. Als höher werden hier allerdings solche geschätzt, die im klassischen Sprachgebraucht die tugendhaften genannt wurden. Tugenden sind, Aristoteles nach, ausgebaute Fähigkeiten, die Menschen zu guten Menschen machen. Schlechte Menschen führen deshalb schon mal das Etikett von herabgekommenen Wesen. Im Evangelium heißt es, Gott lasse seine Sonne über Gute und Böse scheinen, er ist also auch mit den Bankräubern. Dazu wäre allerdings zu sagen, die Guten sind dann die, die sich in Richtung Licht entwickeln suchen und die bösen sind die, welche die Dunkelheit von Spelunken vorziehen. Wie gesagt, der Volksmund macht das so, und ich muss sagen, ich halte viel von ihm, bei allem Widerspruch, der schon mal dahin gehört.

Keiner weiß, was Leben ist

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Islam und Christentum, 44

Es gibt Leute in der Zunft der Schreiber, die können immer schreiben, und es gibt solche, die müssen auf ihre Eingebung warten, sonst wird das nichts. Ich gehöre zur zweiten Sorte, die schlechter dran ist. Wer auf den Zug warten muss, hat es weit weniger komfortabel als wer ein Fahrzeug sein eigen nennt, in der er nur einsteigen braucht. Aber was soll’s, es nützt nicht viel, seine schlechte Laune zu pflegen. Schließlich hört es auch nicht auf zu regnen, wenn man ihn nicht mag und schimpft. Ich sollte noch ein paar Gedanken zur Erläuterung einschieben, was das Innenleben Gottes angeht, und beginnen würde ich mit dem Leben selbst.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Vortrag eines Professors aus der Biologie angehört. Ich finde das Thema „Leben“ als solches interessant, und auch ohne selber von der Biologie sonderlich viel zu kennen, dachte es in mir:

„Oh, der Herr Professor nimmt sich viel heraus,
er lehnt sich vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster.“

Er hatte nämlich gesagt, wenn er eins wisse, dann, was Leben heiße. 
Wie gesagt, ich kenne nicht viel von der Biologie, ich weiß aber, dass man das nicht sagen kann. Keiner kann sagen, was das Leben ist und bedeutet, das Leben ist nämlich ein Mysterium.
Weißt Du schon, was ein Mysterium ist? Ein Mysterium ist  wie ein Geheimnis. Man kennt es nicht. Nur hat ist das Geheimnis etwas, das sich auflösen lässt. Hat man es gelöst, dann ist es kein Geheimnis mehr, weil man die Lösung kennt.
Es ist ein bisschen wir mit dem Unterschied zwischen einem Problem und einer Schwierigkeit. Hat jemand das Problem der Armut, dann ist die grundsätzlich lösbar. Wenn ihm ein anderer genügend Geld gibt, dann existiert das Problem nicht mehr. Es ist gelöst. Hat jemand die Schwierigkeit einer Behinderung, dann kann er nichts daran ändern. Schwierigkeiten sind nicht lösbar, man hat sie und sollte sich mit ihnen arrangieren, so weit es geht.
Mit dem Mysterium verhält sich das auch so. Es hat ein Geheimnis, hinter das man nicht kommen kann, jedenfalls nicht zu Lebzeiten auf der Erde. Mit Mysterien sollte man sich anfreunden. Man steht staunend davor, und wer an den Himmel der Christen glaubt, der kann sich auf seine feierliche Auflösung dort freuen. Im Himmel öffnen die Mysterien nämlich ihre Tore, und man kann schauend hinein marschieren. Wer nicht an den Himmel glaubt, der hat in dieser Sache Pech gehabt. Ihm geht es wie Gottfried Benn mit seinen letzten, berühmten Zeilen aus seinem Gedicht „Menschen getroffen“:

„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

Für den Christen besteht die Freude auf den Himmel gerade in der Auflösung und Begehbarkeit der Mysterien. Wenn man so möchte: Gott öffnet für seine Kinder sein Herz und lässt sie hinein schauen und hinein wandern sozusagen. Sie dürfen sein Innerstes betreten und erleben. Genau darin wird der große Genuss des Himmels bestehen. Aber davon mehr gegen Ende unseres Vorhabens, wenn wir den Himmel mit dem Paradies vergleichen.
Das Leben als solches ist also ein Mysterium. Es ist da, wir stehen staunend davor und können nicht sagen, was es ist. Wir können nicht sagen, wann genau es anfängt, wir können nicht sagen, wann genau es endet und schon gar nicht wie. Wir können wohl sagen, der Opa lebt, dann lebt er eben. Wir können auch sagen, ein Tier ist verendet, dann lebt es eben nicht mehr. Wie aber genau das Ableben geschah, das können wir nicht sagen, wir können auch nicht sagen, aus welchem Stoff es gewoben ist. Was lebt, das lebt eben, und auch der große Gelehrte Thomas kann nicht mehr sagen. Das Leben bedeutet, dass das Lebende sich aus sich selbst heraus bewegen kann. Das macht das Leben aus.
Ein kleiner Gedanke, bevor wir auf das Innenleben Gottes kommen: Der Anwalt des Thomas, Aristoteles, hatte einen Gedanken geäußert, der so schlicht, wie interessant ist und den sein Schüler Thomas öfter nennt:

„Das Leben ist das Sein des Lebewesens.“

Das heißt, ein Lebewesen hat sein Leben nicht, wie ein Schlosser seinen Schraubenschlüssel hat. Den kann er zur Seite legen und hört dabei nicht auf, ein Schlosser zu sein. Das Lebewesen hat nicht sein Leben, es ist sein Leben, oder besser gesagt, das Leben macht das Sein des Lebewesens aus. Wenn ein Hund etwa stirbt, dann ist er am Ende kein Hund mehr, denn ein Hund kann nur ein Hund sein, wenn er lebt. Ein Hund, der tot ist, ist ein ehemaliger Hund. So jedenfalls Aristoteles und mit ihm der heilige Thomas.
Das selbe sagen die Christen von Gott, auch wenn er über alles völlig erhaben ist. Auch für ihn muss eigentlich gelten, sein Leben ist seine Weise zu sein, und Leben bedeutet so etwas wie Bewegung von innen her und aus sich selbst, ohne etwas von außen dazu zu brauchen. Aber wie gesagt, wir stehen hier vor einem Mysterium.

Anm:
Sent. De anima 1,14,11: „Unde et vivere dupliciter accipitur. Uno modo accipitur vivere, quod est esse viventis, sicut dicit philosophus, quod vivere est esse viventibus. Alio modo vivere est operatio.“

– „Von daher versteht man unter Leben zweierlei. Zum einen das Leben selbst, das das Sein des Lebewesens bedeutet, wie der Philosoph sagt: Leben heißt Sein für das Lebendige.
Aristoteles schreibt sein Zitat in seinen zweiten Kapitel des Buches Über die Seele.

Sth I, 18,1,co: „Primo autem dicimus animal vivere, quando incipit ex se motum habere.“
– „Zunächst sagen wir ein Tier lebt, wenn es anfängt aus sich selbst heraus eine Bewegung zu entwickeln.“

 

„Gut“ – Ein kleines Wort ganz groß

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Islam und Christentum, Teil 28, hoffentlich jetzt besser…

Wir kommen auf ein Wort, das jeder Mensch vermutlich jeden Tag gleich mehrmals sagt. Das Wort „gut“ gehört zu den am allermeisten ausgesprochenen Wörtern. Wir sagen tausend mal „Ja“ und tausend mal „nein“ am Tag. „Gut“ wird sicher den dritten Platz belegen, Redewendungen wie „nicht gut“,  „schön und gut“, „na gut“ und „lass gut sein“ mitgerechnet, oder nicht.
Aber Wörter, die besonders besonders oft im Munde geführt werden, haben etwas an sich: Man sind besonders schwer zu fassen und lassen sich nicht gut erklären. Tausend Leute  sagen tausend mal, dass etwas gut oder nicht gut ist. Damit können sie auch tausend mal tausend ganz verschiedene Dinge meinen. Links sagt einer, es sei gut, dass Real Madrid gerade keinen guten Lauf hat. „Gar nicht gut!“, sagt der von Rechts und hätte lieber, Barcelona Punkte liegen lässt.
Für den Bauern ist es gut, wenn es nächste Woche regnet. Sein Nachbar hat Urlaub und fände es besonders gut, wenn es trocken bliebe. Man sagt, es sei für niemanden gut, eine Lungenentzündung zu erleiden. Aber wenn ein Bankräuber am Morgen seines nächsten Beutezuges eine bekommt, finden die Leute von der Bank das gar nicht schlecht.
„Gut“ ist ein großes Wort und jedem ist bekannt, was es bedeutet, aber wer kann fassen, was es genauer meint? Was ist wirklich gut? Was ist wirklich schlecht?

Für große Wörter braucht es große Denker, sie zu fassen und in den Griff zu bekommen. Ein solcher Denker war der Philosoph Aristoteles, dessen Bücher zur Zeit des Meisters Thomas bereits tausendfünfhundert Jahre alt waren. Diesen Denker lernte man damals in der westlichen Welt erst richtig kennen. Die Muslime hatten ihn übersetzt und man war auch bei den Christen plötzlich über die Maßen begeistert. Aristoteles  war ein Superstar wie Albert Einstein heute, und Thomas nennt ihn hochachtungsvoll nur „den Philosophen“. Aristoteles hatte vermutlich auch lange über das Wort „gut“ nach zu denken. Dann aber zeigte sich das Genie und sagte mit wenigen Worten alles:

„Gut ist das, was alle Welt will.“

Na, darauf muss man erst mal kommen! Wir wissen natürlich nicht im einzelnen, was die Menschen alles wollen. Wer wollte es aufzählen und wo beginnen? Allein, wenn ich kurz nachdenke und anfange, meine eigenen Wünsche auf eine Liste zu bringen, sie würde kein Ende nehmen und ich wüsste nicht einmal, was ganz oben zu stehen hätte. Der heilige Paulus bemerkt das und schreibt in der Bibel, „wir wissen nicht, worum wir beten sollen“ und beruhigt seine Leute mit den Worten, der Heilige Geist aber tritt für uns ein mit Seufzen.

Aristoteles denkt schwer nach und macht es dann leicht: Was man nicht im Einzelnen sagen kann, das muss man ganz allgemein nehmen. „Gut, das ist ein allgemeines Wort!“ Es ist so allgemein, dass gemeinhin alle es für das brauchen, was sie wollen. Der Superreiche findet es gut, wenn er superreich bleibt. Der Arme würde es gut finden, wenn er nicht immer der Arme bliebe. Der Mittelreiche findet gut, wenn alles bleibt, wie es ist. Die Pflanzen scheinen es gut zu finden, der Sonne entgegen wachsen zu können. Große und kleine Tiere finden es gut, sich satt zu fressen und sogar die kleinsten, die Einzeller ohne Hirn schwimmen offenbar gern Richtung Licht und Nahrung.

Hier hakt nun unser Genie Thomas ein und setzt noch einmal einen drauf: Er findet diejenigen Begriffe, die sind so allgemein sind, wie der des Guten allgemein ist: Das Gute, das Sein, das Eine und das Wahre.  Aber er findet sie nicht einfach nur, was schon obergenial ist. Er findet auch heraus, dass sie so allgemein sind, dass man sie „der Sache nach“ als gleich behandeln muss, so gleich, dass man ihre Wörter vertauschen kann. „Gut und Sein sind der Sache nach das gleiche“, sagt er genau so lapidar daher, wie der Philosoph gerade oben seinen schlichten Satz.
Ich weiß, lieber Freund, einem Haus- und Hofverstand, wie wir ihn haben, wird hier schwindelig, wenn er so schnell mit soll. Wenn wir aber langsam nachkommen, wird doch manches klarer.

Anm:
Sth I,5,1,co: „Bonum est quod omnia appetunt.“ – „Gut ist das, wonach alles strebt.“ Thomas zitiert diesen kleinen Satz an die hundert mal in seinen Büchern.

Röm 8,26: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“

Sth I,5,1,co: „Bonum et ens sunt idem secundum rem.“
-„Gut und Sein sind das gleiche, der Sache nach“

Die Maschine des Verstehens

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Gestern berichtete unsere Nichte ganz begeistert, wie ihre kleine Tochter, sie ist jetzt ein süßes Jahr alt, zum ersten Mal den passenden Deckel auf eine Flasche gesteckt hat. Sie hat ihn natürlich erst einmal in den Mund gesteckt und genüsslich auf ihm herum gekaut. Aber dann hat sie ihn mit dem Ernst eines Professoren genommen und an seinen Platz gesetzt. Alle sind ganz entzückt, dass sie das schon kann. Noch vor Wochen hätte sie den Deckel noch nicht als Deckel erkannt und nach dem Beißvergnügen auf den Boden fallen lassen. Jetzt hat sie sich bereits so weit entwickelt, dass sie weiß, dass ein Deckel ein Deckel ist.

Für unser Thema könnte folgender Gedanke von Interesse sein: Kinder lernen manche Dinge ganz von selbst, und man braucht sie nicht erklären. Sie schauen sich einfach das Verhalten der Großen ab und kombinieren die Dinge ganz von allein.
Das brachte mich gestern auf die Idee, von einer Sache zu sprechen, die unser Lehrer häufig erwähnt und als eine Selbsterständlichkeit annimmt, von der wir aber reden sollten, um ihn zu verstehen. Wann immer Thomas vom allgemeinen Erkennen des Menschen spricht, erwähnt er sogenannte „erste Grundlagen“, die der Mensch nicht lernen braucht, sondern irgendwie von Natur aus hat.
Unser Baby hat sich natürlich am Verhalten der Großen abgeschaut, dass ein Deckel auf seine Flasche gehört. Hätten die Eltern sie nicht immer so platziert, hätte das Kleine sich sicher noch nicht ausgedacht, dass Flaschen Deckel brauchen und das genau das Ding dazu geeignet gewesen sei. Um das zu können, hätte das Kind schon ein kleiner Erfinder sein müssen.

Die Sache mit den Deckeln war also keine natürliche Anlage, sie musste abgeschaut werden. Wir können aber auch ein Stockwerk tiefer gehen und Fragen stellen. Hat das Baby auch lernen müssen, dass man sich grundsätzlich das Verhalten der Großen abschauen muss? Niemand hat ihm gesagt, es solle das Verhalten der Alten nachahmen, um mit dem Verstand wachsen zu können. Das Kind kann noch gar nicht sprechen.

Vielleicht ein weiteres Beispiel. Wenn man Babys Milch und Möhren anbietet, dann sagen sie nicht nein, wenn sie Hunger haben, sondern speisen genüsslich. Gibt man ihnen Senf oder Essig, gruseln sie sich und wehren ab. Sie sagen auf ihre Weise nein. Dass Möhren süß sind und dass Kinder Süßes lieber mögen als bittere Speisen, brauchen wir nicht besprechen. Aber woher sie haben, dass das Nein nein bedeutet und das Gegenteil davon Ja, gehört irgendwie zur Maschine des Verstehens überhaupt, die bereits gewachsen ist, bevor man verstehen kann.

Das am meisten gebrauchte Beispiel ist das mit dem Ganzen und seinen Teilen. Der Mensch wird sicher lernen, was ein Kuchen ist. Aber dass ein Stück einer Torte kleiner ist, als die ganze, das grundsätzlich zu wissen, gehört zum Apparat des Begreifens. Es geht jetzt nicht um Torten oder Pflastersteine. Es geht um die Mechanik des Wissens, dass Teile Teile sind und das Ganze das Ganze. Wenn jemandes Apparat nicht richtig gewachsen ist und hier Fehler im System hat, mit dem kann man in keiner Sprache von mehr oder weniger sprechen, ganz gleich, was es ist. Dass weniger weniger als mehr ist, dass muss bei allen Menschen irgendwie feststehen, sonst können sie gar nicht miteinander reden und gar nicht anfangen zu lernen. Bevor man angeln lernen kann, muss es irgendwo Wasser und Fische geben.
Wie schon mal gesagt, wir können beide kein Chinesisch, und ein Chinese wird nicht verstehen, wenn Du ihm von einem Eimer Wasser erzählst. Er wird nicht wissen, was Du meinst, wenn Du „zehn Liter“ zu ihm sagst. Er weiß aber, dass zwanzig doppelt so schwer sind.
Thomas spricht also oft von allerersten Prinzipien des menschlichen Verstehens, die der Mensch nicht lernt, sondern kennen muss, um irgendetwas kennen zu können.

Thomas übernimmt seine Lehre übrigens von seinem großen Lehrer Aristoteles. Den hatte die ganze Epoche bewundert, weil er sich tausendfünfhundert Jahre zuvor schon solche präzisen und grundsätzlichen Gedanken gemacht hatte: Es gibt Grundlagen zum Verstehen, die man nicht lernen kann, weil man sie als Fundament braucht, um überhaupt etwas lernen zu können. Alle Menschen aller Zeiten, die in ihren ersten Lebensjahren Gelegenheit hatten, ohne tragische Störungen zu wachsen, haben diesen Verstandesapparat mit seinen „ersten Prinzipien“. Aristoteles und Thomas sind jedenfalls der Meinung, das müsse alles irgendwie so sein.
Ich kann Dir sagen, warum ich das alles schreibe: Thomas erwähnt es, wo er von den tragischen Schmerzen jener Engel spricht, die sich gegen Gott entschieden haben. Davon im nächsten Kapitel.

Quelle:
Sth I, 64, 2, co: „Differt autem apprehensio Angeli ab apprehensione hominis in hoc, quod Angelus apprehendit immobiliter per intellectum, sicut et nos immobiliter apprehendimus prima principia…“ – „Das Begreifen des Engels unterscheidet sich vom menschlichen Begreifen dadurch, dass der Engel unbewegt durch seinen Intellekt begreift, wie wir ohne Denkbewegung der ersten Prinzipien inne sind…“

Zeus war kein Gott

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Mit den Göttern der Alten Griechen war es ein bisschen wie mit den Engeln. Zeus, Apollo, Minerva und Diana, um nur einige zu nennen, lebten auf dem Götterberg Olymp. Das heißt, sie gehörten als Bestandteile zum Ganzen der Welt. Es gab Pflanzen, Tiere, Menschen und die Götter eben auch. Göttlich hießen sie nur, weil sie Zauberkräfte hatten und nicht sterben konnten. Wegen ihrer Macht zählten sie nicht zur Menschenwelt. Sie standen drüber, auch wenn sie sie betreten und gleichsam mit ihr spielen konnten. In ihrer Unsterblichkeit und ihren Zauberkräften hoben sie sich ab.

Auch die Engel sind unsterblich. Auch sie gehören zum Ganzen der Schöpfung. Sie gehören wegen ihrer Körperlosigkeit nicht zur Menschenwelt und eigentlich auch nicht zum Universum der Planeten. Waffen können sie nicht verletzen und auch wenn ganze Galaxien in die Luft fliegen, macht ihnen das nichts. Dennoch gehören sie zum Ganzen der Schöpfung, und das ganz einfach, weil es sie gibt. Wir können die Engel freilich nicht göttlich nennen, weil wir diesen Namen für den, der absolut nicht zur Welt gehört und über aller Schöpfung steht, reserviert haben.

Engel sind in weit höherem Maße übernatürlich als wir. Bei uns sind es die Gedanken, Wünsche und Ideen. Wir können mit ihnen die Natur zwar gestalten und ändern, die Bindung an sie bleibt aber. Wir können die Natur zwar in Teilen überlisten, indem wir Geräte bauen, die unsere Körper schneller machen und fliegen lassen. Wir können sie aber nicht überwinden und loswerden, die Grenze ist der Körper, der uns bleibt und bindet.

Die Engel haben, wie gesagt, keine Körper, und man könnte meinen, sie sind dadurch völlig ungebunden. Aber auch sie können ihre Natur nicht loswerden, auch wenn die ganz anders ist. Alles, was es gibt, hat seine unüberwindbare Natur, und wenn man so möchte, gehört alles, was es gibt zum Gesamten der Weltnatur. Die Menschen besiedeln ihren Planeten, die Götter der Griechen konnten von ihrem Olymp nicht herunter und die Engel können aus sich selbst nicht heraus.

Es gab unter den Denkern der Alten Griechen, also lange vor Christus, bereits Leute, die sich Gedanken über die Herkunft und Bewegung der Welt gemacht haben. Einer von ihnen war der oft genannte Philosoph Aristoteles. Er meinte bereits, es müsse bei aller Vielfalt der Welt eigentlich doch noch eine Kraft und Macht geben, die sozusagen den ganzen Laden in Schwung hält; etwas, worauf alles aus ist und dem sich alles verdankt. Mit solchen Gedanken haben die Griechen in Ansätzen geahnt, was die Juden von ihrem Gott bereits wussten und was Christus mit seinen Informationen später bestätigt hat: Es gibt dieses Wesen, das einzig den Namen Gott tragen kann. Dieses Wesen ist allein in dem Maß übernatürlich, dass es in überhaupt keiner Weise ein Bestandteil der Welt sein kann. Vielmehr ist er ihr Schöpfer und Beweger aller Dinge. Dieser Schöpfer ist so anders als alles, was wir kennen, dass wir nicht einmal sagen können, wir würden uns eine Grenze mit ihm teilen.

In Sachen Engeln hatten wir gesehen, dass sie eine Explosion des Weltalls nicht berühren könnte. Von Gott können wir sagen, dass er für sich gesehen von überhaupt nichts beeinträchtigt werden kann. Wir wissen zwar, dass er sich berühren lässt, weil er uns das gesagt und gezeigt hat. Wir bleiben aber dabei, dass seine Erhabenheit unantastbar ist. Auch wenn es tausende, noch ganz andere Welten geben würde, was ja sei kann, auch über diesen allen würde er stehen, als der absolut eine, immer noch mal ganz andere. Gestatte mir, dass ich das im nächsten Kapitel kurz erkläre. Wir sollten nämlich noch einen weiteren Gedanken zur Natur und Übernatur betrachten, um besser darlegen zu können, was die Menschen und Engel brauchen, um am Ende vollendet werden zu können.

Über die Unsichtbarkeit der Engel

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14 Wenn man schlauen Leuten widerspricht, setzt man sich dem Verdacht aus, dass man sie nicht verstanden hat. Das Risiko gehe ich ein. Ludwig Wittgensteins berühmtester Satz lautet: „Worüber man nicht reden könne, darüber solle man schweigen.“ Ich widerspreche und gebe gleich zu, dass ich Wittgenstein nie ganz verstanden konnte, und wann immer ich in seinen Büchern gelesen habe, wurde ich den Zweifel nie ganz los, dass er sich am Ende selbst so wenig verstand, wie ich ihn von Beginn an.
Dem letzten Teil des genannten Zitates würde ich von Herzen zustimmen. Was für eine herrliche Welt, auf der viel weniger geredet würde! Aber dass man vor allem von den Dingen schweigen soll, von denen man nicht viel sagen kann, dagegen habe ich mich immer schon aufgelehnt. Solcherlei Ratschläge hört man immer dort, wo ich mich am liebsten unauffällig aus dem Staub mache. Wo immer mir der Islam zum Problem wird, da herrscht dieses unsägliche Verbot, sich über den Propheten und über die Entstehung des Koran Gedanken zu machen.
Dem Luther war ich eigentlich noch nie wirklich böse. Hätte er die Kirche nicht in die Krise gestürzt, es hätte sich ein anderer gefunden. Auch die katholischste aller Kirchen bekommt die Krisen, die sie verdient. Aber als ich bei ihm lesen musste, Aristoteles sei ein ranziger Philosophen und Thomas ein Quatschkopf, da wollte ich gleich auf die Palme und mit Nüssen werfen. Ich werde wild, wenn ich mit Christen diskutieren soll, die nicht bereit sind, sich mit mir über Dinge Gedanken zu machen, die mal nicht in ihrer Bibelübersetzung stehen. Sie dürften sich im Klassenzimmer der Thomisten auch sichtlich unwohl fühlen. Da wird nämlich den lieben langen Tag über gerade die Sachen nachgedacht, die nicht in der Bibel stehen, und von denen auch keine Aussicht besteht, dass sie auf Erden je ganz verstanden werden. Was die Engel angeht, heißt es gleich erst mal, in diesem Leben könnten wir nicht wissen, was sie wirklich sind. Das haben wir nicht gern. Es lässt sich aber nicht anders sagen, und das hat aber mit der Tatsache zu tun, nach der wir unsere Augen brauchen, um sehen zu können. Auch im Dunklen übrigens. Auch da brauchen in gewisser Weise unsere Augen, um weiter mit reden zu können. Wenn wir nicht sehen können, dann lassen wir uns beschreiben, wie die Dinge sind; und zwar von denen, die sehen. Wir sind dann darauf angewiesen, uns die Dinge für die geistigen Augen beschreiben zu lassen. Auch blinde Leute machen sich Bilder. Der Mensch ist nunmal ein Sinnenwesen.
Thomas sagt es tausende Male: Menschen begreifen alles über ihre fünf Sinne. Das bedeutet mehr, als das wir gerade nur mit unseren Augen sehen, mit der Nase riechen und mit den Ohren hören. Auch wenn wir die Beethovens Fünfte gerade nicht hören, können wir über sie reden. Wir reden dann aber über etwas, was wir sozusagen als gehörte Bilder im Kopf haben. Hat jemand die Fünfte noch nie gehört, können wir sie beschreiben. Er mag sie sich dann vorstellen, aber aus Hörbildern, die er irgendwo her hat. Wenn wir über das versunkene Atlantis reden, also über ein Land, das von noch niemand von uns gesehen hat, dann arbeiten wir im Kopf mit Bildern, die wir sehen, ohne sie wirklich zu sehen. Wir sehen aber etwas, wenn auch nur im Kopf. Wir können reden, weil Atlantis ein sichtbares Land war, und weil wir andere Länder schon kennen. Wir können uns also mit Fug und Recht ein Bild von der versunkenen Stadt machen.
Wenn einer von uns verlangen würde, über ein „Land“ zu reden, das in Wirklichkeit aber kein Land ist, wir würden ihm den nächst besten Vogel zeigen. So ähnlich ist es aber mit den Engeln. Wenn sie nicht zufällig gerade erscheinen, dann liefern sie keine Bilder. Engel sind unsichtbar, und zwar schlechthin. Der Engel Gabriel erschien der Maria sichtbar als junger Mann, wie man allgemein annimmt. Näheres wissen wir natürlich nicht. Was wir aber wissen ist: Er kam als Bote Gottes. Das ist sein Amt und alles, was fest steht. Es ging um die Botschaft, und Maria konnte im Nachhinein nicht darauf bestehen, dass Gabriel blonde Haare oder schwarze hat. Gabriel hat in Wirklichkeit keine Haare! Er hat auch keinen Kopf. Aber er ist ein Botschafter Gottes, der als solcher kurz sichtbar wurde. Mehr gibt es nicht zu sagen. Wenn er als blonder Jüngling erschien, dann eher nur, weil „unsere“ Jünglinge alle Köpfe haben, aus denen in aller Regel irgendwelche Haare sprießen. Der Körper des jungen Boten Gabriel gehörte nicht so zu ihm, wie unsere Körper zu uns gehören. Es war nicht seiner, sondern einer, den er nur kurz annahm, damit Maria überhaupt etwas sehen und hören konnte. Wie immer auch, wir reden in Sachen Engel von Dingen, über die Wittgensteins Freunde ohnehin immer schweigen. Wir können reden.

Quellen: Quol, III, 3, 2, co: „Modus autem naturae angelicae est nobis ignotus secundum quod in se est: non enim in hac vita scire possumus de eis quid sunt.“ – „Die Art der Natur, die die Engel besitzen ist uns ihrer Sache nach unbekannt. In diesem Leben können wir von ihnen nicht wissen, was sie sind.“

Sth I, 51, 2, ad 2: Ad secundum dicendum quod corpus assumptum unitur Angelo, non quidem ut formae, neque solum ut motori; sed sicut motori repraesentato per corpus mobile assumptum. Sicut enim in sacra Scriptura proprietates rerum intelligibilium sub similitudinibus rerum sensibilium describuntur, ita corpora sensibilia divina virtute sic formantur ab Angelis, ut congruant ad repraesentandum Angeli intelligibiles proprietates. – Der angenommene Körper des Engels gehört nicht zu ihm als seine Form, ebensowenig braucht er ihn zur Bewegung seiner selbst. In der heiligen Schrift werden die Dinge für das Verstehen mit Bildern aus der sinnlichen Welt dargelegt. So werden die Körper von den Engeln in der Kraft Gottes auch derart geformt, dass sie mit dem übereinstimmen, was wir Verstehbares von ihnen wissen müssen.  

Die Logik der Alten und der Hunger des Lebens

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Das Hauptargument im vorliegenden Artikel ist streng logisch, so wie alles von strenger Logik ist, was Thomas schreibt. Ich weiß natürlich, man kann das heutzutage nicht sagen, ohne sich Widerspruch einzuhandeln.
Irgendwann muss ich wohl mal so etwas wie „zwei und zwei sind nunmal vier“ gesagt haben, als mich ein moderner Zeitgenosse mit höherer Bildung auf einen Umstand aufmerksam machte: So könne man das heute nicht mehr sagen. In der gehobenen Mathematik seinen solche Grenzen nicht mehr zu halten. Nun habe ich bis heute von der höheren Mathematik nicht die geringste Ahnung, zumal ich mich mit meiner niederen schon immer viel zu schwer getan habe.

In der Physik aber weiß ich wohl, dass man nicht mehr ohne weiteres sagen kann, Materie sei nunmal Materie, also ein hartes Faktum, auf das man sich immer verlassen könne. Seit Einstein, Bohr, Heisenberg und Co. wissen die Gelehrten, die Materie ist lange nicht mehr nur das, was man immer von ihr geglaubt hat. Unten am Grunde wabert alles und man kann das harte Zeug durchaus in Energie umwandeln, und dann hört es auf, ein hartes Faktum zu sein.
Die Atome sind nicht unteilbar und zwischen ihren Kernen und Elektronen ist, wie man hört, so viel leerer Raum, dass sie eigentlich irgendwie eher gar nichts sind als etwas. Dennoch möchte ich mir bis heute und sicher auch bis übermorgen nicht ausreden lassen, dass sich durchaus die Knochen bricht, wer vor die Atome einer Hauswand donnert und dass es immer noch doppelt so weh tut, wenn einem zwei mal zwei Steine an den Kopf fliegen.
Ich melde keinen Widerstand an, wenn man meine Logik hinterwäldlerisch nennt. Es ist aber die Logik meiner Großeltern, nach der man für vier Mark doppelt so viele Kohlen kaufen konnte, wie für zwei. So ist auch die Logik des heiligen Thomas die des Aristoteles, nach der man nicht sagen durfte, ein Stück Kuchen sei größer als die ganze Torte.
Wenn  man so möchte, bleibt auch der heilige Thomas immer in den Grenzen der Logik seines Großvaters Aristoteles. Wenn er von Materie spricht, dann meint er immer etwas, an dem man sich den Kopf stoßen kann und wenn er von der Mathematik spricht, dann meint er immer, zwei und zwei könne nichts anderes als vier sein. Es mag sein, es gibt Leute, die das alles spätestens ab hier nicht mehr ernst nehmen. Ich kann da nichts zu sagen, weil mir die Ahnung von der höheren Bildung abgeht. Ich kann aber sagen, dass wer da nicht mitkommt, meinem Opa auch keinen Schinken hätte abkaufen können, und der war wirklich schmackhaft.

Das Argument des Aquinaten sagt, wenn es um Ziele geht, könne man sich eigentlich nie ins Unendliche verlieren, man müsse immer einen klaren Anfang und ein ebenso klares Ende behaupten. Etwas zweites könne quasi nicht ohne ein erstes bestehen. Wenn ein Huhn zwei Eier legt, dann liegt am Ende jedes Ei für sich da. Aber wenn das eine ein zweites ist, dann muss das andere ein erstes sein. Großvater Aristoteles habe, so Thomas, gesagt, in Sachen der Bewegung könne man auch nicht ins Unendliche laufen. Wenn man einen ersten Beweger annehme, würde sich nichts bewegen, wenn es ihn nicht gebe. Ein Ball bewegt sich nicht, wenn er nicht getreten wird, einer muss den Anstoß machen, wenn ein Spiel beginnen soll.

Was nun aber die Ziele von Handlungen angehe, so müsse man zwei Dinge annehmen, nämlich eine Absicht und eine Ausführung. In beiden Dingen müsse man einen Anfang annehmen. Die Absicht ist das, was man vorhat und die Ausführung beginnt mit den ersten Schritten. Wer die Absicht hat, mit dem Bus in die Stadt zu fahren um sich etwas zum Essen zu besorgen, der wird sich ein Ticket kaufen. Diesen ersten Schritt wird er nicht tun, wenn ihn nicht seine Absicht leitet. Beides sind Anfänge, das eigentliche Vorhaben und der erste, konkrete Schritt. Jetzt sagt der Gelehrte, das eigentliche Prinzip jeder Handlung sei deren abschließendes Ziel. Wenn man so möchte, ist der Hunger die eigentlich Treibende Kraft und das abschließende Ziel ist das Essen. Thomas ist hier wichtig zu betonen, man müsse immer Anfang und Ende annehmen, eben auch beim Wollen und Leben des Menschen.

Ein kluger Biologielehrer hat uns beigebracht, ein Gepard sei sein ganzes Leben lang eigentlich immer vom Hunger getrieben. Vom Anfang bis zum Ende seines Daseins könne er eigentlich nie aufhören, hinter seinen Kalorien her zu rennen, wie unsereiner hinter den dauernd knappen Kohlen.
Wenn wir das Kapitel jetzt im Sinn des heiligen Thomas zum Abschluss bringen wollen, dann können wir sagen, der Gepard rennt eigentlich immer dem selben, allerdings unerreichbaren Ziel hinterher, nämlich irgendwann mal gesättigt da zu sitzen und nicht mehr loslaufen zu müssen. Auch der Mensch müsse ein solches, letztes Ziel, eine Art Hunger haben, das hinter allen anderen stehe. Irgendwie käme der Mensch gar nicht in Schwung, wenn er nicht auch irgendwie einen solchen Appetit hätte. Man kann sich allerdings denken, dass Thomas sich den Menschen etwas anders vorstellt, als die Raubkatze, die verurteilt ist, irgendwann einmal, sicher nicht ganz ohne Hunger, zu verenden.

Quelle: Sth I-II, 1, 4, co.

Ende und Unendliches

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Heute mag man keine dicken Bücher. Bücher brauchen oft nur schwer zu sein, und sie werden wieder ins Regal geschoben, wie ein Paket, das man dem Postboten ungeöffnet wieder in die Hand drückt. Wenn man aber den heiligen Thomas in Buchform bekommt, dann hat man aber immer irgendwie gleich ein dickes Buch von einem dicken Philosophen in der Hand. Das führt wohl nicht selten dazu, dass man sich mit ihm gar nicht erst beschäftigen möchte.
Der Grundsatz ist aber nicht logisch, weil die dicken Bücher des Thomas aus vielen kleinen zusammengebaut sind. Man liest also immer in kleinen Werken, wenn man die großen in der Hand hält. Wir können sogar noch feiner hinsehen, denn die kleinen Kapitel sind noch mal in viele, noch kleinere Gedanken einteilbar. Auch nur kurz in seine dicken Bücher schauen lohnt sich und gibt einem schon das Vergnügen, das man vielleicht sucht, wie wenn ein kleines Stück Kuchen bereits den Geschmack einer ganzen Torte hat. Vertiefen wir uns also in ein solches Stück.

Als ich noch überhaupt keine Ahnung hatte, lernte ich im Studium den Stoff, den wir brauchten, zusammen mit einem netten Freund. Das heißt, er war so freundlich und brachte ihn mir bei, denn er wusste schon etwas mehr als ich. Es ging damals um die Vorstellungen des Philosophen Aristoteles. Heute, muss ich sagen, habe ich immer noch fast keine Ahnung, und er, da bin ich mir sicher, ziemlich viel davon.
Auf jeden Fall erklärte er mir damals, der Philosoph habe von der Bewegung insgesamt eine ganz andere Meinung gehabt als wir heute. Für uns heißt Bewegung erst dann Bewegung, wenn sich wirklich was bewegt. Bewegt sich nichts, gibt es keine Bewegung, und basta.
Das habe der alte Denker ganz anders gesehen. Ein Stein, der oben liegt, wolle immer nach unten. Er liegt aber oben, also würden wir heute sagen, da bewegt sich nichts. Aristoteles, so mein Freund damals, würde aber dem „nach unten Wollen“ schon eine Bewegung da zuerkennen. Es sei irgendwie schon eine Bewegung im Stein, auch wenn noch nichts wirklich in Schwung geraten sei.
Mir schien das damals schon etwas fremd. Aber wenn ich heute drüber nachdenke und mal nicht vom Stein, sondern von Lebewesen spreche, dann leuchtet mir das schon etwas besser ein. Ein Tier, das Hunger hat, isst zwar (noch) nicht, es will aber schon, und es könnte doch sein, dass mit dem Essenwollen vom Essen insgesamt schon irgendwie etwas in ihm angefangen hat, selbst, wenn es verhungert.
Etwas besser erklärt das ein Mensch, der Lust hat, sich zu verlieben. Vielleicht kennt er seine Zukünftige noch gar nicht, und nach einem alten Grundsatz kann man sicher sagen, man kann sich nicht in jemanden verlieben, den man noch gar nicht kennt. Aber genauer bedacht, ist die Liebe doch schon im Herzen, wenn man Lust hat zu lieben. Man kann ja nach dem selben Grundsatz auch die Liebe nicht wollen, ohne sie irgendwie schon in sich zu haben.

Ich sage das alles, weil es beim Lesen des nächsten Kapitels bei Thomas nützlich sein könnte, wenn man es im Kopf hat. Thomas will beweisen, dass das menschliche Tun ein letztes und endgültiges Ziel hat. Er beginnt mit einen Grundsatz, der vom Klang her dem Gesagten ähnlich ist: Dem Guten sei es eigen, dass es sich verbreite und vermehre. Thomas zitiert das sehr oft als durchaus seine Meinung. Er sagt aber immer dazu, Dionysius Areopagita sei auf den Gedanken gekommen. Wie immer auch, es ist hier ein Grundsatz angesprochen, der damals ungefähr so geläufig und von allen akzeptiert war, wie heute, dass die Liebe Gutes tun möchte.
Jetzt stellt Thomas eine Behauptung auf, die er später als nicht ganz richtig widerlegt. Sie sagt, wenn es dem Guten eigen ist, sich zu vermehren, dann kommt beim Ergebnis ja immer wieder Gutes heraus. Wenn dieses neue Gute gut ist, dann hat auch dieses Lust, sich wieder zu verbreiten und so müsse es eigentlich immer weiter gehen, ohne Ende. Wenn es aber kein Ende gibt, dann kann man nicht vom letzten Ziel sprechen, der ja ein Stop bedeuten würde.
Im zweiten Einwand geht es ähnlich zu, und er kommt aus der Mathematik. Man könne einer Zahl immer eine weitere hinzufügen. Eine Summe kann ja noch so groß sein, man kann immer „plus eins“ rechnen. Auch in den vernünftigen Überlegungen. Also könne man nicht sagen, es komme an ein letztes Ende.
Um das zu widerlegen, zieht Thomas wieder den Aristoteles heran, den er bestens kannte. Der hatte gesagt, das Gute verliere den Charakter des Guten, wenn es in einer Reihe ohne Ende stünde. Auch da leuchtet etwas ein. Wer ein gutes Glas Wein zu schätzen weiß, der liebt immer Wein und möchte am liebsten immer welchen haben. Wirklich gut aber wird es dann erst, wenn ein konkreter Schluck die Kehle herunterläuft. Damit kommen die Lust und der Durst immer zum Stehen und an ein Ende.
Auch mit den Zahlen wäre das zu denken: Man kann zwar endlos zählen, dann zählt man allerdings nur und kommt an kein Ergebnis. Wer für den Führerschein spart, der sollte aufhören zu sparen, wenn er genügend zusammen hat.
Wenn ich über all das jetzt nachdenke, dann scheint mir, als ob sowohl in den ersten Behauptungen, als auch in deren Widerlegung manch Bleibendes zu finden ist, und das erinnert ich eben immer an die Bewegung, die mein Freund mir erklären wollte.

Was ist eigentlich ein Fremdwort?

Ok, auf Wunsch noch einmal hochgeholt:

„Was ist ein Fremdwort?“

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Der heilige Thomas meinte, man solle so sprechen, dass einen möglichst alle verstehen. Um das tun zu können, muss man die Wörter gebrauchen, wie sie von allen gebraucht werden. Die Idee ist von Aristoteles. Sie durchzusetzen ist aber nicht immer möglich. Wer zum Beispiel in den Büchern des Aquinaten stöbert, ohne zuvor schon mal etwas Philosophie gelernt zu haben, der wird meinen, dass der Gelehrte sich nicht an seine eigenen Vorgaben gehalten hat.
Ein befreundeter Polizist rief mich eines Tages an und berichtete, er habe in einer Arbeitspause an mich gedacht und im Laden in einem Büchlein über den heiligen Thomas gestöbert. Dort sei er zufällig auf die Frage gestoßen, ob die göttliche Substanz auch Akzidenzien kenne. „Ich habe es dann gleich wieder zugeschlagen“, lautete das Ende der kurzen Begebenheit.
Thomas war Professor an den großen Universitäten seiner Zeit. Zudem hatte er in der Ausbildung von Priestern und Ordensleuten zu tun. Seine Schüler hatten die Philosophie schon gelernt, als sie zu ihm kamen und konnten mit den Wörtern arbeiten.
Wenn wir ihn verstehen wollen, müssen wir in gewisser Hinsicht wie seine Schüler werden und wahrscheinlich vorher einige Grundbegriffe für uns geklärt haben, damit die Fremdwörter aufhören fremd zu sein.
Fremdwörter werden für gewöhnlich als besonders schwere Wörter angesehen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Fremdwörter sind gerade leichte Wörter, die einem die Arbeit schlanker machen. Es sind allerdings solche, die nur in bestimmten beruflichen Räumen verwendet werden und dort für alle immer das Gleiche meinen.

Wenn ein Klempnermeister seinem Lehrling sagt, er soll ihm die Wasserpumenzange reichen, dann wird dieser ihm etwas in die Hand drücken, was ein Unkundiger als dickes, rotes Metallteil mit etwas wie einem großen Maul beschreiben wird. Die beiden Arbeiter machen es sich leicht und meinen aber etwas ganz Präzises mit dem einen Wort, auf das sie sich geeinigt haben.
Wasserpumpenzange ist kein schweres, aber ein fremdes Wort. Auf der Straße müssen die Handwerker von dem dicken, roten Eisending sprechen, wenn sie verstanden werden wollen.
Fremdwörter haben noch etwas an sich: Sie sind unromantisch. Das Wort Wasser zum Beispiel ist kein Fremdwort. Wenn man es einem Dichter sagt, fängt er an, die märchenhaften Weiten des Meeres zu besingen. Sagt man es einem Durstigen, fängt er an, von der Großartigkeit dieses bescheidenen Geschenkes zu reden, wenn es die Kehle herabrollt. Ein Feuerwehrmann erzählt vielleicht in abenteuerlichen Geschichten, wie er Menschen aus brennenden Häusern gerettet hat.
Ein einfaches Wort wie Wasser steckt voller Poesie und Romantik. Wenn aber ein Chemiker von Wasser spricht, nennt er es H2O und aus ist es mit der Romantik. Große, rote Eisendinger sind romantisch. Kinder brauchen sie zum Spielen, und da können sie plötzlich fliegen wie riesige Insekten und sprechen dabei. Die Klempner drehen damit nur Schrauben auf und zu.

Wir, Gott und die Wahrheit

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Exkurs über die Wahrheit, Teil zwei.

Vor Zeiten hat mir jemand auf meine Bitte hin von den Errungenschaften der modernen Physik erzählt. Besonders stutzig gemacht hat mich dabei die Behauptung, dass sich das Licht anders verhält, sobald wir es beobachten und weil wir es beobachten. Schauen wir weg, macht es was Bestimmtes, sehen wir hin, macht es was anderes.
Das Töchterchen meines Freundes führt ihren Purzelbaum auch nur auf, wenn wir hinsehen und ihr Publikum sind. Ist die Kleine allein, übt sie oder spielt etwas anderes. Die Menschen tun also auch ganz verschiedene Dinge, wenn sie wissen, dass andere sie beobachten. Die Lichtphotonen aber sind keine Menschen, und sie haben keinen Verstand. Photonen schämen sich nicht und üben keine Purzelbäume. Vielmehr muss es anders sein: Entweder es lenkt sie jemand, der sie lenken kann und weiß, dass sie gesehen werden, oder aber unser Hinschauen übt irgendeine Wirkung aus, was ich eher vermute.
Die erste Lösgung ist ziemlich phantastisch. Wenn jemand sagen würde Gott sorgt persönlich dafür, dass das Licht sich so oder so verhält, würde man ihn in der Welt der Wissenschaft zu Recht nicht mehr ganz ernst nehmen können.
Denkbar ist die Lösung aber für einen Gläubigen wie mich, nur eben nicht wahr. Gott hat jedes Lichtteilchen genau so aufmerksam im Blick wie die Flugzeugträger auf den Weltmeeren und die Stürme der Antarktis. Er könnte jederzeit und überall, die Lichtphotonen tanzen lassen, wie es ihm gefällt. Als Thomist meiner Sortierung halte ich den Schöpfer auch für humorvoll genug, für das Publikum seiner Kinder nicht nur richtige Wunder, sondern auch kleine Spielereien aufzuführen. Im Ernst gesprochen würde ich aber sagen: An einen Gott, der die Photonen bewegt, glaube ich nicht. Nicht, weil er das nicht könnte, sondern weil ich glaube, dass Gott in der konkreten Welt keine festen Jobs übernimmt.
Newton hatte noch gedacht, die seltsamen Bahnen der Sterne könnten von Menschen nicht berechnet werden und eigentlich gar nicht so funktionieren, wie man sie sehen kann. Gott würde persönlich für sie sorgen. Wenn das so wäre, dann hätte Gott eine unverzichtbare Aufgabe im Universum. Das glaube ich nicht, und heute kann man ja auch ziemlich gut sagen, warum sich die Sterne bewegen, wie sie sich bewegen.
Viele bibeltreuen Christen aus den protestantischen Lagern sagen, die Natur könne die einzelnen Arten der Tiere nicht allein hervorgebracht haben, das sei vielmehr Chefsache: Der Schöpfer habe sie persönlich gemacht und die Bibel hätte wieder in allen Punkten Recht. Auch da hat Gott Aufgaben in der konkreten Welt übernommen. Aber an einen Gott, der irgendwelche Lücken in der Welt füllen muss, weil sie selbst nicht genug zu Wege bringt, möchte ich nicht glauben müssen.
Die schon angedeutete falsche Deutung des Gottesbeweises mit der Bewegung nimmt übrigens auch eine Art Lückenfüllergottheit an. Auch da muss Gott persönlich die erste aller Bewegungen anstoßen, dass die Kette in Gang kommt. So hatten aber weder Thomas, noch Aristoteles ihren Beweis gemeint. Gott muss nicht selbst den Stock in die Hand nehmen und dem ersten Teilchen einen Schubs verpassen oder einen Urknall anwerfen. Er hat schon dafür gesorgt, dass die Schöpfung selbst kann, was sie können muss.
Gut thomistisch kann man wohl sagen, dass keine Bewegung ohne Gott geschieht, weil alles in seiner Schöpferkraft steht und von daher alles seine Energie zum sein braucht und bekommt, um es einmal so zu sagen.
Thomas hat, was die Wahrheit der Dinge angeht, allerdings eine ziemlich eindeutige Position: Wir sehen die Wahrheiten, oder sagen wir die Formen der Dinge, weil die von unserem Verstand sozusagen gescannt und als Bilder in unser Gehirn befördert werden. Wir greifen die Wahrheiten also ab, die uns vorgegeben werden, unser Sehen verändert diese Wahrheiten aber nicht. Keine Kamera knetet den Teich, den sie filmt, sie filmt nur, was man ihr vor die Linse schiebt. Bei Gott ist das anders. Er sieht die Dinge nicht, indem er ihre Wahrheit scannt. Er sieht die Dinge, indem er ihnen ihre Wahrheiten gibt. Wenn man so möchte, steht der Rechner, auf dem ich gerade tippe irgendwie zwischen Gott und mir. Ich sehe ihn und fotografiere sozusagen die Wahrheiten seines Daseins ab. Er ist so und so groß, er hat seine bestimmte Farbe und seine Temperaturen. Die Bilder und Eindrücke landen dann in meinem Gehirn und können gedeutet werden. Gott aber schaut von der anderen Seite der Wahrheit, wenn man so möchte. Er sieht den Rechner, allerdings nicht als einer der die Wahrheiten wie eine Kamera zur Kenntnis nimmt. Vielmehr sieht er ihn, in dem er ihm seine allererste Wahrheit gibt, nämlich, die Möglichkeit, überhaupt da zu sein. Den Mond gibt es auch, ohne dass ein Mensch ihn sieht. Es gäbe ihn aber nicht, wenn Gott ihn nicht immer schon gesehen hätte.