Die Freiheit der Engel, Teil 1

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Wer über den Teufel sprechen will, der muss über die Engel reden. Wer sich die Engel vornimmt, der muss irgendwann auf deren Freiheit zu sprechen kommen, und da sind wir gleich schon bei einem Punkt angelangt, wo sich das Unternehmen im Unendlichen verlieren kann. Freiheit ist eines von diesen großen Wörtern, bei denen man immer richtig liegt, wenn man sie fordert, jeder will schließlich Freiheit. Aber einfach das Wort in die Menge rufen ist ebenso nichts sagend, wie wenn einer „Grün!“ oder „Donnerstag!“ hinaus ruft.
Westernhagen hat im passenden Augenblick ein Lied mit dem Titel „Freiheit“ geschrieben, mit dem er vermutlich genau so viel verdient, wie er wenig gesagt hat. Aber Künstler seiner Art müssen ja nichts vorweisen. Es reicht, wenn sie Gefühle treffen, um dabei groß im Sinne ihrer Käufer zu werden. Und das ist schließlich auch eine Kunst, wenn auch keine besonders redliche.
Der Meister von Aquin hat auch über die Freiheit nachgedacht, allerdings auf seine Art, nicht also, um Gefühle anzufiedeln, sondern das Gehirn. Erst wenn man den Verstand anspricht, wird zur Herausforderung, was man tut.
Das Reden von der Freiheit verliert sich ins Unendliche, wenn man etwas lässt, was Thomas immer tut: Er fordert sich heraus. Er fragt nach und wird dabei genau. Westernhagen ist nicht präzise. Er singt einfach nur von Freiheit und sagt dabei nicht, ob er von der Freiheit spricht, überall hin fahren zu können oder von der Freiheit, die jemand hat, wenn er seine Schulden endlich los ist. Er sagt nicht, ob er die Freiheit meint, in der man in der Zeitung schreiben kann, was man will oder die Freiheit von Pickeln, nach der sich die Tochter des Nachbarn so sehr sehnt. So von Freiheit sprechen kann jeder, solange er sicher sein kann, dass ihn niemand mit einer Frage herausfordert. Aber wie gesagt, die Kleinkunst verlangt das alles gar nicht. Sie muss nur zum lachen oder weinen bringen, und mehr fordert ja keiner.
Beim Aquinaten sind wir an einen Denker geraten, der sich die schwersten Fragen gleich immer selber stellt. Thomas macht es sich so schwer wie möglich, um so tief es geht zu dem Kern der Dinge vorstoßen zu können, und vor allem: Um seinen Leuten etwas beizubringen. Er hat diese wohltuende Redlichkeit eines Lehrers, der sich nichts auf eigene Konten spielt und dem es überhaupt nicht um sich selbst geht. Er will einfach, was er hat und kann, seinen Schülern übermitteln und zur Diskussion bieten. Er ist also präzise. Das bedeutet, er spricht eigentlich nie einfach so von Freiheit. Er sagt immer gleich dazu, welche er genauer meint.
Für den interessierten Leser des Aquinaten ist der Umstand allerdings ein bisschen schwierig, dass Thomas kein eigenes Buch über die Freiheit geschrieben hat. Man muss also stöbern und sich seine Sachen im ganzen Werk zusammensuchen. Ein Klassiker ist da natürlich das dreiundachtzigste Kapitel im ersten Teil der philosophischen Summe, wo es schlicht um die grundsätzliche Freiheit des menschlichen Willens geht.
Wenn man so möchte, haut der Heilige hier einmal mit seiner Riesenfaust auf den Tisch und ruft: Der Mensch ist frei und basta! Man liest das zwar nicht, wenn man sich an die Lektüre begibt. Aber wenn man weiß, dass Thomas die menschliche Willensfreiheit vor acht Jahrhunderten genau so zu verteidigen hatte, wie heute, dann dämmert es einem. Heute gibt es, wie damals auch, Gelehrte und Stimmungen, die die grundsätzliche, menschliche Freiheit in Frage stellen. Früher glaubte man, die Sterne würden uns bestimmen und leiten, heute sind es die Gene oder gewisse Seitenarme des Materialismus. Zu allen Zeiten wird von jeweils höchst moderner Weise bestritten, dass der Mensch wirklich Verantwortung hat. Was früher die mittelalterlichen Himmelskörper waren, ist heute der Vollmond oder die persönliche Veranlagung. Früher war es die Philosophie, nach der alle Menschen sich einen einzigen Verstand teilen müssen, heute ist es die schwere Kindheit. Zu allen Zeiten zieht der Mensch sich den Kopf aus der Schlinge und sagt, er könne nichts dafür, wie Adam, der sagte, die Frau habe ihn verführt, bis sie behauptet, dass es die Schlange war. Der Gentleman Thomas lässt das alles natürlich gelten. Er sagt allerdings zu alledem stets, dem Menschen sei zu allen Umständen aber immer noch die grundsätzliche Fähigkeit gegeben, vernünftige Entscheidungen zu fällen. Wenn es nun um die Freiheit der Engel gehen soll, dann reicht es, wenn wir hier eine Parallele behaupten: Menschen und Engel sind beides Wesen, die das Geschenk der Freiheit haben. Das heißt, sie können wirklich wählen. Damit ist gesagt, beide sind wirklich ihres Glückes oder Unglückes Schmied.

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Über die Oberflächlichkeit der Welt

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Zu den großen Stars unserer Kindheit gehörte der Chemiebaukasten. Eine riesige, pralle Schatzkiste, darinnen allerlei Gläser, scharfe Werkzeuge, bunte Pulver und ganz neuartige Geräte. Tausend Möglichkeiten, unsere kleine Welt zu sezieren, es knallen und stinken zu lassen und alles zu untersuchen. Ein praktisches Instrument in Zeiten, in denen alles praktisch zu sein hatte. Man hatte das Gefühl, einen Schmetterling erst dann wirklich verstehen zu können, wenn man ihn auseinander nahm, und das alte Radio im Haus war irgendwann nicht mehr sicher vor uns.
Die Welt schien so: Eine praktische Welt für Praktiker, das heißt für Leute, die mit ihr was anfangen konnten. Die Berge waren Lieferanten für Eisenerz, die Meere hatten ihre Fische herzugeben, die Wiesen ließen das Gras für die Viecher sprießen. Alles gehörte untersucht und die Welt war ein Chemiebaukasten!

Später kam ein kleiner Kulturschock, oder, wenn man so will, eine Bremse im schnellen Lauf, und zwar in der Welt der Theologie. Die betrat ich nämlich durch die Türe, die in die Schulen längst vergangener Zeiten führten. Im Mittelalter war diese praktische Haltung überhaupt noch nicht zur Entfaltung gekommen, und die theologische Welt war theoretisch, das vor allem im alten Sinn des Wortes. Theorie kommt von anschauen und beobachten, nicht vom auseinander Nehmen.
Der Schmetterling sollte in Ruhe weiter fliegen, dass man ihn dabei beobachten und sich möglichst tiefe Gedanken machen könne, ohne frech zuzufassen. Die Welt der Theorie war dadurch voller Poesie. Für den Dichter ist Wasser eine Wohltat. Es rinnt die Kehle herunter, und das Licht der Sonne bricht sich bunt in seinem Glanz. Das H2O der Praktiker ist ohne jede Poesie, nur ein Zeug, das zu dienen hat. Die Welt der Theorie stellte der praktischen, beherrschenden die demütige Haltung als Bereicherung entgegen. Wir werden beschenkt, wenn wir die Welt auch mal in Ruhe lassen. Das vollkommenste Leben im Denken des heiligen Thomas aus dem Mittelalter konnte man in den Klöstern verbringen. Ein Leben, das vor Gott und seiner Welt steht, sie schaut, den Schöpfer preist, bewundert, betrachtet und besingt.
Dann schien das Praktische das Theoretische irgendwie zu erobern. Die Theologie wurde zur praktischen und politischen Theologie. Sie wurde pädagogisch und stand vor allem unter der Frage, was sie dem Leben und den Menschen nützt. Man pochte an die Klostertüren und warf den Mönchen vor, sie seien zu nichts nütze.
Wenn ich richtig sehe, bleiben die Leute den Kirchen fern, weil das alles irgendwie nichts bringt. Die Welt der Engel und unsichtbaren Geister ist wie die legendären zehn Taler, die man sich nur denken kann und die nicht praktisch in der Tasche stecken. Der „Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt“ steht immer noch im Glaubensbekenntnis. Aber er scheint sich ein Privatvergnügen errichtet zu haben, aus dem wir wenig Honig saugen können.

Es gibt tausende Bücher über Engel. Alle unter dem Gesichtspunkt, wie sie uns dienen, wie sie uns helfen und uns das Herz beruhigen. Wir erlauben den Engeln aber nur dann zu existieren, wenn sie uns Gutes tun. Genau damit aber nehmen wir ihnen das Größte und Erschütterndste, was sie haben, nämlich ihre Freiheit. In der Welt der großen Betrachtung sind sie frei wie wir und viel vollkommener darin. Sie können gut und schlecht werden wie wir, und auch das in viel höheren Dimensionen. Sie können strahlen in einem Glanz und einer Größe, in der das Licht allein unsere Augen überfordert. Im gleichen Maß können sie verfinstern und sich von allem Glanz entfernen, auch das gleich in der tiefsten Tiefe, die ihre Natur ihnen gestattet.
Aber wie gesagt, das alles wird in einer Welt geschrieben, die weiter und größer ist als die praktische. Sie ist abenteuerlicher und birgt unbeschreiblichen Glanz und wirkliche Risiken. In diesem Sinn habe ich das berühmte, kleine Büchlein, das „Abschied vom Teufel“ hieß, immer als einen Versuch gewertet, die Welt verkleinern zu wollen, und mit der Praktisierung kam die Oberflächlichkeit. Der heilige Thomas hatte so große Sätze gesprochen, nach dem es den Philosophen aller Zeiten nicht gelingen könnte, das Wesen auch nur einer einzigen Mücke zu erfassen. Dazu müssen man die Gedanken dessen kennen, der sie schuf. Eine Welt aber, in der die Insekten nichts anderes als Vogelfutter sind, ist oberflächlich. In ihr hat auch der Schöpfer gefälligst nur schöne und praktische Dinge zu erschaffen, die vor allem, wie er selbst auch, für uns da sind. So etwa habe ich das empfunden und werde das Gefühl nicht los, in meiner Haltung irgendwie ein ewig Gestriger zu sein. Aber ewig ist schon gar nicht schlecht.

In symb apost, prol: „Cognitio nostra est adeo debilis quod nullus philosophus potuit unquam perfecte investigare naturam unius muscae.“

Fragen zum Teufel, Teil 1

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Es soll also um den Teufel gehen, und der Anstoß war die Frage, was der heilige Thomas von Aquin eigentlich von ihm gesagt hat. Nun sind die Bücher des Thomas acht Jahrhunderte alt und im Hochmittelalter geschrieben. Im Gegensatz zur Jetztzeit musste der Professor sich in Sachen Teufel mit einer Frage kaum herumschlagen, die heute aber immer als erstes gestellt wird: Nämlich, ob es ihn überhaupt gibt.
Wir werden auf die Frage kommen müssen, beim Aquinaten habe ich sie bislang noch nicht gefunden. Für ihn ist die Existenz des Gehörnten offenbar so selbstverständlich, wie Bäume an der Straße stehen. Deshalb klärt er immer auch gleich das was und wie an stelle des ob.

Ein Thomasleser ist immer ganz froh, wenn er etwas Ausführliches in der Summe, dem letzten, dicken Buch seines Meisters findet. Das letzte Werk eines Denkers ist in der Regel das am meisten ausgereifte, und für die Summe gilt das auch. Ihre Theologie ist am besten abgehangen und vom vielen Denken am meisten geklärt. Ein kleiner Nachteil: Sie ist auch die mit den wenigsten Worten. Thomas schreibt im Vorwort, er wolle jetzt das Gerede vermeiden, um seine Studenten nicht müde zu machen oder mit vielen Wiederholungen zu vergraulen. Dieses Vorhaben hält er mit bewundernswerter Konsequenz durch. Das bedeutet für den Interessenten allerdings, für etwas mehr Ausführlichkeit und für einen Blick auf die Seitenarme der Sache braucht es schon mal einen Schwenk in andere Bücher.
In Sachen Teufel empfiehlt sich hier zum Beispiel ein Blick in das Buch mit dem geheimnisvollen Titel „Über das Übel“. Nebenbei bemerkt ist nur der Titel geheimnisvoll. Beim ersten Aufschlagen sieht auch dieses Werk eher wie ein preußischer Aktenschrank, als ein abenteuerliches Buch aus.
Überhaupt bleibt Thomas auch wenn es um den Teufel geht, so nüchtern wie ein Fahrkartenschaffner, der einen Kunden nach dem anderen durcharbeitet, und wenn ich richtig sehe, hat es um den Teufel zu seiner Zeit eher keine Diskussionen gegeben. Herumschlagen musste Thomas sich mit ganz anderen Themen, die viel interessanter waren und heute wären, wie die Einzigartigkeit des menschlichen Verstandes und die Frage nach der Ewigkeit der Welt.
Der Teufel war kein Thema, weil er einen nicht mehr beunruhigen brauchte. Christus hatte ihn an die Kette gelegt und gründlich über ihn aufgeklärt. Das sind übrigens die beiden Umstände, die der Gehörnte am wenigsten mag: Dass man über ihn Bescheid weiß und dass man ihn links liegen lässt, weil er einem nicht das Geringste zu sagen hat. Das zuletzt Gesagte bitte ich, möglichs wörtlich zu nehmen. 
Wie der geneigte Leser sich denken kann, zähle ich mich zu der Sorte Christen, bei denen der Fürst der Dummheit ein Teil ihres Weltbildes ist, über den man nüchtern sprechen kann. Auf die Frage jedoch, ob ich an den Teufel glaube, sage ich in der Regel eher nein. Ich glaube wohl, dass es ihn gibt, so wie ich auch glaube, dass es die Engel gibt und den See Genezareth. Aber an jemanden glauben ist bereits etwas, was ich dem Teufel nicht zugestehe. Im Übrigen versuche ich mich an den Grundsatz zu halten, dass ich über ihn möglichst wenig und mit ihm überhaupt nicht spreche. Man muss über ihn reden, das möglichst aber im Stil des heiligen Thomas: Kurz erklären, worum es sich handelt und dann von amysanteren Sachen sprechen. Christus nennt den Teufel den „Vater der Lüge“ und im gleichen Atemzug den „Mörder von Anfang an“. Wie soll man mit solchen Leuten umgehen? Man erzählt seinen Kindern pflichtgemäß, dass sie sich auf der Erde herumtreiben und rät ihnen dann, sich in besseren Gesellschaften aufzuhalten. Manche sagen, das Leben ist zu kurz, um offene Weine zu trinken. Ich würde meinen, das Leben ist auf jeden Fall zu kurz, sich allzu ausfühlich mit Sachen aufzuhalten, die ihm entgegentreten.

Der letzte Sinn im menschlichen Tun

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Warum zog Columbus sich morgens die Hosen an? Weil er nicht ohne Beinkleider auf Deck wollte, oder weil es ihn nach Indien zog? Wer sich auf seinem Fußweg zum Essen Kaufen die Schuhe bindet, tut er das dann, weil er einkaufen will, oder weil offene Schuhe unbequem sind? Natürlich wollte Kolumbus seine Hosen tragen und der Einkäufer will, dass seine Schuhe sitzen, aber beide sind unterwegs zu einem Ziel, das hinter ihren kleinen Anliegen steht.
Hätte Columbus nicht nach Indien gewollt, er wäre erst gar nicht an Bord gegangen und er hätte niemals diesen Grund gehabt, in seine Hosen zu steigen. Der Einkäufer hätte die Straße gar nicht betreten, wenn ihn nicht irgend ein Hunger in Schwung gebracht hätte. Hinter den gewöhnlichen Zielen, die wir verfolgen, stehen oft weitere, höhere, oder einfach nur entferntere Ziele, um derentwillen wir unterwegs sind.
Man kann die Reihe auch verlängern. Kauft ein Schüler sich beim Hausmeister ein Frühstück, dann macht er das, weil er Hunger hat. Er isst, weil es sich mit knurrendem Magen nicht gut lernen lässt. Er lernt, damit er einen Abschluss bekommt. Den macht er, damit er einen anständigen Beruf erlernen kann. Dieser wiederum soll ihm genügend Geld zum Unterhalt seiner späteren Familie einbringen, und so kann die Reihe weiter geführt werden, bis sie an ein Ende kommt. Über das letzte Ende allerdings, über das streiten sich die Leute. Mein atheistischer Kollege wird sagen, das Ende ist wirklich eins. Kommt es, dann fährt der Stecker aus der Dose und alles ist vorbei.
Der Leser wird sich denken können, dass die Christen das anders sehen. Im Glauben ist das Ende aller irdischen Wünsche der Anfang ihrer großen Erfüllung. Bischof Augustinus schrieb im fünften Jahrhundert die erste bekannte Autobiographie und darin den berühmten Satz: „Du hast uns auf dich hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ Das meint ziemlich genau, was die Christen sagen und der heilige Thomas schreibt: Der Mensch tut alles, was er tut, eigentlich um eines allerletzten Zieles willen, und dabei braucht er dieses nicht mal im Auge haben.

Dieser letzte Gedanke steht einigermaßen lapidar am Ende seiner Frage. Er ist aber von einiger Bedeutung. Columbus brauchte nicht die ganze Zeit an Indien denken, und der Einkäufer muss nicht unentwegt sein Essen im Kopf haben. Beide sind ja unterwegs, und da können sie sich getrost ganz anderen Dingen zuwenden.
Hier sagt Thomas nun, was etwas anders klingt, nämlich, dass die Dinge, so verschieden sie sein mögen, alle etwas haben, was irgendwie gleich ist. Wörtlich sagt er, alles, was der Mensch begehrt, das begehrt er hinsichtlich des Guten.
Das ist ein großes Wort, das dem oberflächlichen Denken nicht gleich die Kehle herunter will. Es gibt ja keinen Zweifel an der Tatsache, dass die Menschen nicht selten Sachen wollen, die ganz und gar nicht gut sind; weder für sie, noch für jemand anderen. Was soll schon gut daran sein, einer Droge hinterher zu laufen oder sich selbst weh tun zu wollen. Was soll gut daran sein, seinem Nachbarn die Pest an den Hals zu wünschen oder seinen Hund zu vergiften?
Thomas braucht das gar nicht diskutieren. Er kann einfach sagen, man kann nichts wünschen, in dem man nicht doch irgendwie etwas Gutes sieht, ganz gleich, ob man sich irrt oder nicht. Wünschen heißt eben, etwas begehren, auf etwas aus sein, und in allem, was man begehrt, muss man irgendetwas Begehrenswertes finden. Zum Wünschen gehört das Gute ebenso, wie die Farben zum Sehen. Man kann nichts sehen, was nicht irgendeine Farbe hat.
Nun sagt der Meister ein zweites: Wenn etwas Begehrtes nicht als letztes Ziel begehrt wird, dann hat es aber doch eine Tendenz hin zu ihm. Columbus will nur in seine Kleidung, und wenn er in die Hose steigt, dann sieht man dem Tun das Ziel seiner Reise in keiner Weise an. Thomas sieht allerdings auch in diesem schlichten Tun die Tendenz, nach Indien zu wollen: Das Ganze geht darauf hinaus, also liegt in allem irgendwie dieser Richtung. Auch das Ankleiden dient der Reise nach Indien, und so sieht der heilige Thomas das menschliche Leben: Als eine Tendenz, hin zu einem letzten, großen Ziel, und das ist das Gute schlechthin,

Sth, I-II,1,6:
„Ad tertium dicendum quod non oportet ut semper aliquis cogitet de ultimo fine, quandocumque aliquid appetit vel operatur…“

Was ist Blasphemie und was fehlt den Zeichnern?

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Pieper hat das erste seiner berühmten Bücher aus einem Staunen heraus begonnen. Er war ein junger Kerl zur Zeit der Nazidiktatur in Deutschland. Eines Tages schlenderte er über den Bahnhof und in den Lautsprechern donnerte die politische Werbung der Diktatur aus allen Rohren. Dabei war viel von der Tapferkeit des deutschen Soldaten die Rede. Pieper war ein Thomasleser, und was tut ein solcher? Wenn er den Dingen auf die Schliche kommen will, dann eilt er zu seinen Büchern und schaut erst einmal, was sein Patron zur Sache zu sagen hat. Das wirft meistens erst ein anderes, ganz neues Licht auf die Dinge, und so war es auch. Thomas hatte zur Tapferkeit ganz andere Dinge zu sagen, als die oberflächliche Propaganda der Tagespolitik.
Beim Aquinaten konnte der junge Leser aus dem Vollen schöpfen und die ganze, alte Philosophie breitete sich vor ihm aus und wurde bewertet. Tapferkeit bedeutete hier etwas ganz anderes. Hier war sie eher ein Standhalten für eine gerechte Sache, kein blindes Loststürmen und sich umbringen Lassen für eine womöglich sehr blöde. Solche Erkenntnisse erstaunen, und es gehen einem die Augen auf.
In Sachen Blasphemie, die heute in aller Munde ist und ratlos macht, loht auch hier ein Blick in die alten Bücher. Es zeigt sich allerdings eine gewisse Verschiebung. Wenn man bei uns Ärger wegen Blasphemie bekommt, dann, weil man womöglich die religiösen Gefühle anderer verletzt. Der Fall liegt dann so: Man beleidigt die Religion und verletzt einen Menschen damit. Wenn man ein Bild zeichnet, das den Propheten beleidigt, dann rufen Muslime, dass man sie damit schmerzlich getroffen hat, nicht den Propheten. Wenn ein Satiremagazin sich über Jesus lustig macht, dann bekommt man Ärger, weil man den Christen damit weh tut, nicht Christus. Der Prophet und Jesus bleiben sozusagen außen vor, wenn es darum geht, wer Ärger gemacht hat und deshalb welchen bekommen soll.

Bei uns wird die Gotteslästerung als ein soziale Frage behandelt, als eine, die sich im Zusammenleben der Menschen untereinander abspielt und abgehandelt werden muss. Das ist im Kapitel der großen Summe über die Blasphemie ganz anders. Es hat vier kurze Unterkapitel, und ich kann gleich sagen, es geht um den Kern der Sache. Es geht nicht um dritte oder vierte, sondern um den, der Gott lästert und die Folgen die es für ihn selbst hat. Bei Gott, nicht bei den Menschen.
Im ersten der vier kurzen Kapitel überrascht der Meister erst einmal mit der Auskunft, die Blasphemie stehe vor allem den Bekenntnis des Glaubens entgegen. Wenn man  bei uns herumfragt, gegen wen sich die provozierenden Bilder richten, dann wird man sagen, sie zielen darauf ab, die Leute zum Nachdenken zu bewegen, vielleicht die Gläubigen zu provozieren oder die Ungläubigen zum Lachen zu bringen. Thomas gibt das in seinen Einwänden auch zu. Es gehe gegen Gott und gegen den Glauben an ihn, es gehe somit aber immer aber auch gegen die Leute, die glauben.
Der Meister will die Sache aber erst einmal auf ihren Kern führen und antwortet: Gott ist die vollkommene Gutheit und Güte. Wer ihn lästert, der nimmt sozusagen immer etwas von ihm weg. Wenn zum Beispiel Nietzsche von Christus sagt, er sei schön dumm gewesen, wenn er sich hat kreuzigen lassen, dann leugnet er die absolute Liebe und vollkommene Güte, aus der heraus das Opfer geschah. Wenn man so möchte, nimmt man ihm damit das Gute.
Thomas sagt: Wenn jemand Gott etwas zuschreibt, was ihm nicht zukommt oder ihm etwas nicht zuschreibt, was zu ihm gehört, der tut das immer irgendwie auf die Minderung seiner Vollkommenheit hin. Wer, wie die Schlange im Paradies sagt, Gott sei gar nicht so gut, der erfüllt den Tatbestand der Blasphemie ebenso, wie jemand der von ihm sagt, er sei schwach, klein oder dumm, oder sonst etwas.
Dann heißt es weiter: Man könne das alles auf zweierlei Weise tun, einmal nur im Herzen und einmal mit dem Abscheu des Willens, der dazu komme. Man kann Gott sozusagen nur im Herzen für dumm halten, einfach nicht an ihn glauben. Man kann aber auch einen Schritt weiter gehen, Abscheu gegen ihn entwickeln aus dieser Abscheu heraus tätig werden. Das erst ist Gotteslästerung und steht dem Bekenntnis des Glaubens direkt entgegen. Man sieht, Thomas kommt schon immer dahin, wo er hin will.
In der Entgegnung auf den zweiten Einwand holt er dann die soziale Sache wieder ein und sagt: Gott wird gelobt in seinen Heiligen, ebenso kann er in seinen Heiligen beleidigt werden. Wenn die Muslime glauben, Mohammed sei der Prophet Gottes, dann preisen sie Gott, wenn sie gut von dem Gesandten sprechen. Wenn die Christen den heiligen Franziskus loben, weil er das Evangelium so vorbildlich verkörpert hat, dann loben sie damit ihre Gottheit, die in ihm wirkte. Thomas will also zunächst einmal festhalten, was die Blasphemie an ihrem eigentlichen Grunde ist. Er ist, wie jeder weiß, wohl aber ein Christ, der Islam und der Prophet kommen in seiner Beschreibung der Blasphemie nicht vor. Für Thomas ist Mohammed kein Prophet. Er ist weder von Gott gesandt, noch spricht er in seinem Namen. Man kann Gott also gar nicht berühren, wenn man gut oder schlecht von Mohammed spricht, weder so, noch so. Man kann Gott nicht loben, indem man Mohammed lobt und man kann Gott nicht lästern, wenn man sagt, er sei ein liederlicher Kerl gewesen.
Wer die guten Manieren meines Bruders lobt, der lobt die gute Kinderstube unserer Eltern. Wer aber über das schlechte Benehmen der Nachbarn herzieht, der berührt meine Familie in keiner Weise. Es hat also seine Konsequenz, wenn der Islam in der Summe nicht erwähnt wird. Wir tun das aber, denn bei uns ist er in aller Munde.

Ich halte Mohammed nun auch nicht für einen Propheten. Der Islam ist nicht die richtige Antwort auf die Frage nach der Religion und der Koran ist kein heiliges Buch in meinen Augen. Das dürfte bei den Zeichnern ähnlich sein, die sich über den Gesandten lustig machen. Uns trennt aber etwas. Wenn ich auch keine Ehrfurcht vor dem Propheten habe, so würde ich doch meinen, ein gehöriges Maß Ehrfurcht vor der Ehrfurcht derer zeigen zu müssen, die an ihn glauben.
Wenn mein Nachbar sein Auto behandelt wie sein Heiligtum, dann werde ich das einigermaßen dämlich finden. Wenn er es aber präsentiert, dann werde ich nicht dagegen treten. Nichts verpflichtet mich, sein Fahrzeug mit Ehrfurcht anzuschauen. Aber seine Ehrfurcht verpflichtet mich, Ehrfurcht zu zeigen, nicht dem Gegenstand, sondern ihm gegenüber. Wenn ein Kind sein Spielzeug liebt, dann haben die Erwachsenen es zu behandeln, wie das, was das Kind in ihm sieht. Andernfalls haben sie kein Benehmen. Deshalb liegt die Schwierigkeit mit den Karikaturen nicht in der Frage, ob ihre Zeichner Glauben haben oder nicht. Was ihnen fehlt, ist gutes Benehmen, und wenn einer keine Manieren hat, dann sollte man ihn deshalb nicht umbringen, sondern ihm eher welche beibringen.

Hier noch die Quelle:
Sth II-II,13

Thomas und Mohammed

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Einem Spruch meiner Heimat gemäß gibt es Bücher, die muss man schreiben und Bücher, die kann man schreiben. Bei den Kannbüchern, heißt es, sollte man nachdenken, ob und wann sie sein müssen. Das kann man als Bild für das Leben nehmen. Es gibt Sachen, die müssen sein und welche, die können sein, müssen aber nicht. Die Kunst besteht darin, die Dinge auf die richtigen Ordner zu verteilen.
Hätte man den Schülern in der Schule gesagt, sie müssten nichts lernen, sie könnten aber, wenn sie wollten, die Erwachsenen hätten die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Die Nachricht, alle müssten gefälligst Samstags in die Fußballstadien laufen, würde für Verwirrung sorgen. Schule muss sein, Fußball nicht. Wie gesagt, es ist eine Frage der Zuordnung, und was nun die Religion angeht, ist es genau diese, die sich in den Völkern der Aufklärung verschoben hat.
Für meine Großeltern war die Taufe von einer Wichtigkeit, die heute nur noch wenige empfinden. Getauft zu sein war die wichtigste Sache des ganzen Lebens. Die Taufe machte nämlich aus Adamssöhnen Kinder Gottes, und weil sie sich als Getaufte als Kinder Gottes fühlen durften, trugen sie auch ihre Kinder so schnell es ging zu den Priestern, damit auch aus ihnen Gotteskinder würden.
Wenn ich richtig sehe, herrschen bei uns in dieser Sache derzeit zwei Meinungen vor. Die einen sagen, es gibt keinen Gott, also ist das mit den Religion nur ein altes Märchen. Man kann es sich erzählen, muss aber nicht. Die anderen sagen, Gott gibt es sehr wohl, man kann allerdings keine wirklichen Probleme mit ihm haben. Die Alten hatten gesagt, Gott gibt es, und er ist auch voller Liebe. Er hat seinen Geschöpfen jedoch offen gelassen, ob sie ausdrücklich seine Kinder sein wollen oder die Kinder Adams, und damit ihres eigenen Bauches. In diesem Sinne hatte ihre Kirche immer verkündet, wie wichtig und erleichternd es ist, die Taufe empfangen zu haben. Sie galt als eine Freundschaft, die seitens des liebevollen Schöpfers unkündbar war. Sie musste aber in einer bewussten Entscheidung seiner Kinder eingegangen werden, wie der alte Bund mit den Vätern Israels. Der Status der Taufe war ein Mussstatus, kein Kannstatus. Darin liegt der Unterschied zwischen dem Lebensgefühl von heute und gestern. Die Taufe war übrigens so wichtig, nicht nur, weil der Herr sie persönlich und ausdrücklich angeordnet, sondern, weil er sein Blut für sie vergossen hatte. Die Sakramente, hieß es, waren eine Frucht des Leidens Jesu am Kreuz. Das alles hat sich bei uns heute gründlich verschoben.
Das ist der Grund, warum uns viele Muslime nicht ernst nehmen können: Weil wir unsere Religion nicht mehr ernst nehmen. Ich habe in unzähligen Gesprächen mit meinen jugendlichen, muslimischen Freunden eins heraus gehört: Sie konnten nicht verstehen, dass den Leuten des Westens scheinbar nichts mehr wirklich heilig ist.

Wenn wir hier von Mohammed und dem heiligen Thomas sprechen, dann sollten wir die Information vorschalten. Beide waren Leute, die ihre Religion mehr als ernst genommen haben. Deshalb konnten sich die Christen und Muslime auch wie die Kesselflicker streiten.  Im Westen sind wir bis zur Erstarrung erschrocken, mit welcher harten Ernsthaftigkeit die Leute der orientalischen Religion schon mal zu Werke gehen. Wir müssen hier jetzt nichts verteidigen, wir sollten aber versuchen, die Dinge zu verstehen.
Der große Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam liegt in der Frage der Erlösung. Im alten Christentum heißt es, Gott hat den Menschen erlöst, und ohne diese Erlösung kann der Mensch den Weg zu Gott, seinem eigentlichen Zuhause nicht finden. Mohammed trat ein halbes Jahrtausend nach der Gründung der Kirche auf, um den Menschen zu sagen, die Erlösung habe nie stattgefunden. Erst wenn man das sieht und um den heiligen Ernst weiß, der hinter den Behauptungen steht, kann man verstehen, dass der Ton selbst bei einem so besonnenen Meister wie dem Aquinaten schon mal etwas ruppig wird. Wenn die Religion nicht wichtiger als die Entscheidung für eine Fußballmannschaft ist, dann wird das unverständlich.
Thomas schreibt in der Heidensumme, Mohammed habe falsche Lehren in die Welt gebracht, die nichts anderes als körperliche Genüsse versprächen. Für einen Christen seiner Zeit war das für eine ordentliche Religion schlichtweg zu primitiv. Die Religion war vor allem und auch in ihrem höchsten Ziel, eine spirituelle, eine geistige und intellektuelle Angelegenheit. Heute würde man sagen, sie war keine Sache des schnellen Spaßes, wie der nächstbeste Geschlechtsakt. Sie war vielmehr eine Sache der Freude, die, eben auch über den Kopf und das Hirn, viel tiefer im Menschen reichte. Das islamische Angebot des Paradieses mit den Jungfrauen und den Weintrauben war in den Augen der Christen viel zu wenig und damit schlichtweg falsch, und wer nur das predige, der würde den Kindern des Lichtes das Licht vorenthalten. Deshalb kommt „Mohametu“, wie Thomas den Propheten nennt, gar nicht gut weg; und die christliche Botschaft bei Mohammed übrigens auch nicht unbedingt.

„Thomas und Mohammed“, noch mal die Einleitung

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Ich bin ja gefragt worden, ob man als Leser des heiligen Thomas „jetzt auch mal was“ zum Islam zu schreiben sollte, und habe, wie gesagt, Gründe, das nicht zu tun. Der erste liegt im genannten „jetzt“. Um es einmal so zu sagen: In der Schule des heiligen Thomas spricht man am liebsten über das Feuer, wenn es gerade nicht brennt. Lodert es, dann herrscht Panik ringsumher und man hat nicht die Ruhe, die es braucht, auch wirklich über das Feuer zu sprechen.
Die Schule des heiligen Thomas ist eine der sogenannten Scholastik. Die Scholastik ist jener Zeitabschnitt unserer Kultur, in der man das systematische Denken begann. Um das nicht falsch zu verstehen, gedacht haben die Menschen schon immer, intelligent nachdenken konnten sie auch zu allen Zeiten. Die Scholastik ist aber die Zeit, in der man das Denken in Systeme packte, und das mit der gleichen Begeisterung, wie man Jahrhunderte später Dampfmaschinen baute. Wer systematisch zu denken versteht, der hat einen klaren Vorteil.
Das Wort „Scholastisch“ kann man vielleicht mit „schulisch“ übersetzen. Das  bedeutet dann ungefähr so etwas wie das Denken in die Schule tragen oder Denkschulen bauen. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Zur Zeit des heiligen Thomas wurden die großen Universitäten in den Städten gebaut und die scholastische Wissenschaft war damals so lebendig und frisch, wie sie heute für langweilig gehalten wird.
Der Philosoph Aristoteles war ein Hit und stand im Ruf, so etwas wie ein lange verschollener Albert Einstein zu sein. Seine Schriften wurden gerade lateinische übersetzt und für die Denkschulen dienstbar gemacht, und man kann sich heute kaum vorstellen, dass der griechische Philosoph das Denken über die Welt damals kaum weniger revolutionierte, wie der jüdische Physiker später das wissenschaftliche Weltbild. Das Denksystem des alten Griechen gab den Philosophen damals so brandneue Werkzeuge an die Hand, wie die Formeln der modernen Physik den heutigen Wissenschaftlern.
Aber zum Denken braucht man Zeit, oder besser gesagt, Muße, besonders, wenn es scholastisch betrieben wird. Das heißt, man spricht an Orten über das Feuer, wo nichts brennen kann. Muße haben bedeutet, mit einer Ruhe über Geld reden können, wie sie nur reiche Leute haben, und über die Grippe nachdenken können ohne verschnupft zu sein.

Ich gehöre nun zur einsamen Sorte Menschen, die sich für die Scholastik begeistern können, und da bietet sich das Sprechen über den Islam nicht gerade in Zeiten an, da sich verwirrte Köpfe auf der ganzen Welt einbilden, sie seien religiös und würden dem Islam einen Gefallen tun, wenn sie den Geschöpfen ihrer Gottheit die Kehlen durchschneiden.
Ein zweiter Grund, nicht gern über den Islam zu sprechen, ist eine Gefahr, in die man sich begibt. Man braucht den Namen des Propheten nur zu nennen und muss damit rechnen, in irgendeiner islamischen Gegend schon als einer zu gelten, den man sofort umbringen sollte. Das ist nun aber nicht die Sorte Gefahr, vor der jemand unbedingt zurück schreckt, solange die Kriegsfront die eigenen Stadtmauern noch nicht überwunden hat. Auch die Gefahr, mit jedem Wort irgendjemanden zu beleidigen, sollte den nicht scheuen, der Wert darauf legt, überhaupt noch frei über etwas zu sprechen.
Die Gefahr, die ich meine ist die, ins Gerede zu geraten oder überhaupt, auch schon kleinere Aufmerksamkeiten auf sich zu ziehen. In den Gesellschaften aller Zeiten grassiert eine Tendenz, die ein Scholastiker nie hätte verstehen können: Das ist der Zug in die Öffentlichkeit. In aller Welt verspricht man sich etwas von dem lästigsten und mühsamsten aller Zustände, nämlich dem, bekannt zu sein. Das hängt vermutlich mit dem Umstand zusammen, dass es bekannten Menschen irgendwie leichter fällt, Geld anzuhäufen, und so unsinnig es auch ist: Seit es Geld gibt, glaubt man allen Ernstes und überall, es verspräche so etwas wie Beruhigung und Sicherheit. Nirgends auf der Welt ist man den ganzen Tag so nervös wie an der Wall Street, die Psychiatrien sind vollgepackt mit wohlhabenden Menschen und in den Städten der Reichen erhängen sich weit mehr Leute, als auf Cuba. Dennoch: Reich und bekannt sein sind Ziele, bei denen einem niemand den Vogel zeigt, wenn man sie hat. In der Schule des heiligen Thomas aber liegen diese Ziele in ihrer Absurdität offen zu Tage, und wer die Stille seiner Schreibstube lieben gelernt hat, der schreibt heutzutage besser nichts zum Islam, es brennt nämlich aller Orten.
Wer des öfteren liest, was ich hier schreibe, der wird bemerken, dass ich mich wiederhole. Neu dagegen wird es sein, wenn wir uns wider alle guten Gründe ansehen, was der Aquinate in seiner Heidensumme zum Propheten Mohammed sagt.

Eins oder vieles am Ende

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Es war schon einigermaßen überraschend zu hören, dass irgendwelche Dinger die nur irgendwo herumstehen etwas tun, etwas machen. Ein Stuhl, dachte ich bis dahin, kann nichts. Er steht nur da und wartet, dass sich jemand drauf setzt. Er selbst kann nichts machen. Er bewertet nicht den, der auf ihm sitzt und hat nicht das Zeug, sich überhaupt für irgendwas zu interessieren. Stühle sind ja nur aus Holz und etwas Leim. Was soll da was können?
Wie gesagt, da war es schon überraschend, jetzt zur Kenntnis zu nehmen, dass Stühle doch etwas wirklich tun sollten. Sie können nämlich Stühle sein. Um die Behauptung in verbotenem Deutsch aufzusagen: Stühle tun etwas, sie tun Stühle sein.
Der Unterschied zwischen meiner alten Meinung und der, die man mir jetzt nahelegen wollte, war der: Der alten Ansicht nach war das reine Dasein eine Sache ohne jede innere Bewegung. Jetzt sollte Dasein ein Geschehen bedeuten, eine Tätigkeit.
Das ist bei der neuen heutigen Behauptung des heiligen Thomas als Nebenbemerkung nicht ganz uninteressant zu sehen. Der Meister legt dar, dass der Mensch nur ein einziges Ziel als sein letztes haben kann und dass es nicht mehrere zugleich sein können.
Am Anfang seiner Darlegung spricht er einen Grundsatz aus, der oft bei ihm zu finden ist: Ein jedes Ding ist auf seine eigene Vollendung aus. Es geht hier zwar eigentlich nur um den Menschen. Man sollte vielleicht aber einen Gedanken zum Grundsätzlichen anstellen. Die Welt zeigt sich als eine, in der viele Dinge auf etwas aus sind. Pantoffeltierchen schwimmen auf ihre Nahrung zu, Pflanzen wollen Richtung Sonne wachsen und Menschen möchten Geld verdienen. Alle Welt will etwas, dieses etwas sind bestimmte Dinge. Geld zum Beispiel ist etwas Bestimmtes, Eierkuchen sind etwas anderes. Weil viele Dinge verschieden sind, können die Geschöpfe auch auf viele Dinge aus sein. Das Schaf will im Sommer geschoren werden, es will zugleich einen Unterschlupf für die Nacht und tagsüber Auslauf haben.
Wenn wir jetzt den Gedanken des heiligen Thomas dazu nehmen, dann können wir sagen, alle Dinge, die gewollt werden, sind eigentlich immer nur Teildinge. Ein Läufer, der das Laufen übt, der tut das, um ein vollkommender Läufer zu sein. Für einen vollkommenen Menschen allerdings reicht das nicht. Zu einem solchen gehört nämlich zum Beispiel auch eine vollkommene Großzügigkeit, vollkommene Geduld, Klugheit und viele andere Dinge. All das kann man nicht erreichen, in dem man durch die Wälder rennt. Man sollte also meinen, es seien mehrere Vollkommenheiten, die wir gerne hätten, aber Thomas widerspricht dem. Er sieht nämlich sehr wohl, dass es mehrere Dinge sind, er sagt dazu aber, die alle fänden sich zusammen in einem einzigen Zustand. Wie er das begründet, das sollte man sich noch etwas näher ansehen. Heute reicht die Zeit dazu leider nicht.

Quelle: Sth I-II, 1,5.

Die Logik der Alten und der Hunger des Lebens

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Das Hauptargument im vorliegenden Artikel ist streng logisch, so wie alles von strenger Logik ist, was Thomas schreibt. Ich weiß natürlich, man kann das heutzutage nicht sagen, ohne sich Widerspruch einzuhandeln.
Irgendwann muss ich wohl mal so etwas wie „zwei und zwei sind nunmal vier“ gesagt haben, als mich ein moderner Zeitgenosse mit höherer Bildung auf einen Umstand aufmerksam machte: So könne man das heute nicht mehr sagen. In der gehobenen Mathematik seinen solche Grenzen nicht mehr zu halten. Nun habe ich bis heute von der höheren Mathematik nicht die geringste Ahnung, zumal ich mich mit meiner niederen schon immer viel zu schwer getan habe.

In der Physik aber weiß ich wohl, dass man nicht mehr ohne weiteres sagen kann, Materie sei nunmal Materie, also ein hartes Faktum, auf das man sich immer verlassen könne. Seit Einstein, Bohr, Heisenberg und Co. wissen die Gelehrten, die Materie ist lange nicht mehr nur das, was man immer von ihr geglaubt hat. Unten am Grunde wabert alles und man kann das harte Zeug durchaus in Energie umwandeln, und dann hört es auf, ein hartes Faktum zu sein.
Die Atome sind nicht unteilbar und zwischen ihren Kernen und Elektronen ist, wie man hört, so viel leerer Raum, dass sie eigentlich irgendwie eher gar nichts sind als etwas. Dennoch möchte ich mir bis heute und sicher auch bis übermorgen nicht ausreden lassen, dass sich durchaus die Knochen bricht, wer vor die Atome einer Hauswand donnert und dass es immer noch doppelt so weh tut, wenn einem zwei mal zwei Steine an den Kopf fliegen.
Ich melde keinen Widerstand an, wenn man meine Logik hinterwäldlerisch nennt. Es ist aber die Logik meiner Großeltern, nach der man für vier Mark doppelt so viele Kohlen kaufen konnte, wie für zwei. So ist auch die Logik des heiligen Thomas die des Aristoteles, nach der man nicht sagen durfte, ein Stück Kuchen sei größer als die ganze Torte.
Wenn  man so möchte, bleibt auch der heilige Thomas immer in den Grenzen der Logik seines Großvaters Aristoteles. Wenn er von Materie spricht, dann meint er immer etwas, an dem man sich den Kopf stoßen kann und wenn er von der Mathematik spricht, dann meint er immer, zwei und zwei könne nichts anderes als vier sein. Es mag sein, es gibt Leute, die das alles spätestens ab hier nicht mehr ernst nehmen. Ich kann da nichts zu sagen, weil mir die Ahnung von der höheren Bildung abgeht. Ich kann aber sagen, dass wer da nicht mitkommt, meinem Opa auch keinen Schinken hätte abkaufen können, und der war wirklich schmackhaft.

Das Argument des Aquinaten sagt, wenn es um Ziele geht, könne man sich eigentlich nie ins Unendliche verlieren, man müsse immer einen klaren Anfang und ein ebenso klares Ende behaupten. Etwas zweites könne quasi nicht ohne ein erstes bestehen. Wenn ein Huhn zwei Eier legt, dann liegt am Ende jedes Ei für sich da. Aber wenn das eine ein zweites ist, dann muss das andere ein erstes sein. Großvater Aristoteles habe, so Thomas, gesagt, in Sachen der Bewegung könne man auch nicht ins Unendliche laufen. Wenn man einen ersten Beweger annehme, würde sich nichts bewegen, wenn es ihn nicht gebe. Ein Ball bewegt sich nicht, wenn er nicht getreten wird, einer muss den Anstoß machen, wenn ein Spiel beginnen soll.

Was nun aber die Ziele von Handlungen angehe, so müsse man zwei Dinge annehmen, nämlich eine Absicht und eine Ausführung. In beiden Dingen müsse man einen Anfang annehmen. Die Absicht ist das, was man vorhat und die Ausführung beginnt mit den ersten Schritten. Wer die Absicht hat, mit dem Bus in die Stadt zu fahren um sich etwas zum Essen zu besorgen, der wird sich ein Ticket kaufen. Diesen ersten Schritt wird er nicht tun, wenn ihn nicht seine Absicht leitet. Beides sind Anfänge, das eigentliche Vorhaben und der erste, konkrete Schritt. Jetzt sagt der Gelehrte, das eigentliche Prinzip jeder Handlung sei deren abschließendes Ziel. Wenn man so möchte, ist der Hunger die eigentlich Treibende Kraft und das abschließende Ziel ist das Essen. Thomas ist hier wichtig zu betonen, man müsse immer Anfang und Ende annehmen, eben auch beim Wollen und Leben des Menschen.

Ein kluger Biologielehrer hat uns beigebracht, ein Gepard sei sein ganzes Leben lang eigentlich immer vom Hunger getrieben. Vom Anfang bis zum Ende seines Daseins könne er eigentlich nie aufhören, hinter seinen Kalorien her zu rennen, wie unsereiner hinter den dauernd knappen Kohlen.
Wenn wir das Kapitel jetzt im Sinn des heiligen Thomas zum Abschluss bringen wollen, dann können wir sagen, der Gepard rennt eigentlich immer dem selben, allerdings unerreichbaren Ziel hinterher, nämlich irgendwann mal gesättigt da zu sitzen und nicht mehr loslaufen zu müssen. Auch der Mensch müsse ein solches, letztes Ziel, eine Art Hunger haben, das hinter allen anderen stehe. Irgendwie käme der Mensch gar nicht in Schwung, wenn er nicht auch irgendwie einen solchen Appetit hätte. Man kann sich allerdings denken, dass Thomas sich den Menschen etwas anders vorstellt, als die Raubkatze, die verurteilt ist, irgendwann einmal, sicher nicht ganz ohne Hunger, zu verenden.

Quelle: Sth I-II, 1, 4, co.

Ende und Unendliches

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Heute mag man keine dicken Bücher. Bücher brauchen oft nur schwer zu sein, und sie werden wieder ins Regal geschoben, wie ein Paket, das man dem Postboten ungeöffnet wieder in die Hand drückt. Wenn man aber den heiligen Thomas in Buchform bekommt, dann hat man aber immer irgendwie gleich ein dickes Buch von einem dicken Philosophen in der Hand. Das führt wohl nicht selten dazu, dass man sich mit ihm gar nicht erst beschäftigen möchte.
Der Grundsatz ist aber nicht logisch, weil die dicken Bücher des Thomas aus vielen kleinen zusammengebaut sind. Man liest also immer in kleinen Werken, wenn man die großen in der Hand hält. Wir können sogar noch feiner hinsehen, denn die kleinen Kapitel sind noch mal in viele, noch kleinere Gedanken einteilbar. Auch nur kurz in seine dicken Bücher schauen lohnt sich und gibt einem schon das Vergnügen, das man vielleicht sucht, wie wenn ein kleines Stück Kuchen bereits den Geschmack einer ganzen Torte hat. Vertiefen wir uns also in ein solches Stück.

Als ich noch überhaupt keine Ahnung hatte, lernte ich im Studium den Stoff, den wir brauchten, zusammen mit einem netten Freund. Das heißt, er war so freundlich und brachte ihn mir bei, denn er wusste schon etwas mehr als ich. Es ging damals um die Vorstellungen des Philosophen Aristoteles. Heute, muss ich sagen, habe ich immer noch fast keine Ahnung, und er, da bin ich mir sicher, ziemlich viel davon.
Auf jeden Fall erklärte er mir damals, der Philosoph habe von der Bewegung insgesamt eine ganz andere Meinung gehabt als wir heute. Für uns heißt Bewegung erst dann Bewegung, wenn sich wirklich was bewegt. Bewegt sich nichts, gibt es keine Bewegung, und basta.
Das habe der alte Denker ganz anders gesehen. Ein Stein, der oben liegt, wolle immer nach unten. Er liegt aber oben, also würden wir heute sagen, da bewegt sich nichts. Aristoteles, so mein Freund damals, würde aber dem „nach unten Wollen“ schon eine Bewegung da zuerkennen. Es sei irgendwie schon eine Bewegung im Stein, auch wenn noch nichts wirklich in Schwung geraten sei.
Mir schien das damals schon etwas fremd. Aber wenn ich heute drüber nachdenke und mal nicht vom Stein, sondern von Lebewesen spreche, dann leuchtet mir das schon etwas besser ein. Ein Tier, das Hunger hat, isst zwar (noch) nicht, es will aber schon, und es könnte doch sein, dass mit dem Essenwollen vom Essen insgesamt schon irgendwie etwas in ihm angefangen hat, selbst, wenn es verhungert.
Etwas besser erklärt das ein Mensch, der Lust hat, sich zu verlieben. Vielleicht kennt er seine Zukünftige noch gar nicht, und nach einem alten Grundsatz kann man sicher sagen, man kann sich nicht in jemanden verlieben, den man noch gar nicht kennt. Aber genauer bedacht, ist die Liebe doch schon im Herzen, wenn man Lust hat zu lieben. Man kann ja nach dem selben Grundsatz auch die Liebe nicht wollen, ohne sie irgendwie schon in sich zu haben.

Ich sage das alles, weil es beim Lesen des nächsten Kapitels bei Thomas nützlich sein könnte, wenn man es im Kopf hat. Thomas will beweisen, dass das menschliche Tun ein letztes und endgültiges Ziel hat. Er beginnt mit einen Grundsatz, der vom Klang her dem Gesagten ähnlich ist: Dem Guten sei es eigen, dass es sich verbreite und vermehre. Thomas zitiert das sehr oft als durchaus seine Meinung. Er sagt aber immer dazu, Dionysius Areopagita sei auf den Gedanken gekommen. Wie immer auch, es ist hier ein Grundsatz angesprochen, der damals ungefähr so geläufig und von allen akzeptiert war, wie heute, dass die Liebe Gutes tun möchte.
Jetzt stellt Thomas eine Behauptung auf, die er später als nicht ganz richtig widerlegt. Sie sagt, wenn es dem Guten eigen ist, sich zu vermehren, dann kommt beim Ergebnis ja immer wieder Gutes heraus. Wenn dieses neue Gute gut ist, dann hat auch dieses Lust, sich wieder zu verbreiten und so müsse es eigentlich immer weiter gehen, ohne Ende. Wenn es aber kein Ende gibt, dann kann man nicht vom letzten Ziel sprechen, der ja ein Stop bedeuten würde.
Im zweiten Einwand geht es ähnlich zu, und er kommt aus der Mathematik. Man könne einer Zahl immer eine weitere hinzufügen. Eine Summe kann ja noch so groß sein, man kann immer „plus eins“ rechnen. Auch in den vernünftigen Überlegungen. Also könne man nicht sagen, es komme an ein letztes Ende.
Um das zu widerlegen, zieht Thomas wieder den Aristoteles heran, den er bestens kannte. Der hatte gesagt, das Gute verliere den Charakter des Guten, wenn es in einer Reihe ohne Ende stünde. Auch da leuchtet etwas ein. Wer ein gutes Glas Wein zu schätzen weiß, der liebt immer Wein und möchte am liebsten immer welchen haben. Wirklich gut aber wird es dann erst, wenn ein konkreter Schluck die Kehle herunterläuft. Damit kommen die Lust und der Durst immer zum Stehen und an ein Ende.
Auch mit den Zahlen wäre das zu denken: Man kann zwar endlos zählen, dann zählt man allerdings nur und kommt an kein Ergebnis. Wer für den Führerschein spart, der sollte aufhören zu sparen, wenn er genügend zusammen hat.
Wenn ich über all das jetzt nachdenke, dann scheint mir, als ob sowohl in den ersten Behauptungen, als auch in deren Widerlegung manch Bleibendes zu finden ist, und das erinnert ich eben immer an die Bewegung, die mein Freund mir erklären wollte.