Nicht ewig und nicht zeitlich

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 5

Können wir uns auf zwei Sätze einigen? Erstens: Wenn es eine Gottheit gibt, dann ist sie ewig. Zweitens: Ewig sein heißt keinen Anfang und kein Ende haben. Die Meister meiner Schule sahen das auch so und bekamen es gleich mit einem Problem zu tun: Wie geht das dann mit dem Leben im Himmel oder mit dem Dasein der Engel? Wir nennen das Leben im Himmel ja ewiges Leben und nehmen an, es hat kein Ende nach hinten. Wirklich ewig kann es nicht sein, denn ewig heißt ja nicht nur kein Ende haben, sondern auch keinen Anfang. Sowohl die Heiligen, als auch die Engel haben aber einen Anfang. Was nicht ewig ist, das kann nicht ewig werden. Man kann einem menschlichen Leben seinen Beginn nicht nehmen.

Wenn wahr ist, dass die Engel und Heiligen ein Leben ohne Ende haben, dann ist ihr Dasein eine Art Zwischending. An die Zeit gebunden heißt, Anfang und Ende haben, Ewigkeit heißt weder noch. Einen Anfang und kein Ende liegt irgendwie dazwischen. Weil alles einen Namen braucht, wurde diese Daseinsweise der Zeit das Aevum genannt. Manche nennen es auch die „Zeit der Engel.“ Sie hat in gewisser Weise teil an der Ewigkeit Gottes, ist aber nicht ewig, wie er, weil nur er keinen Anfang hat.

Die Stabilität des Ewigen

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 4

An dieser Stelle müssen wir unbedingt einem gängigen Irrtum entgegentreten, einem Irrtum, der häufig gemacht wird und der den gesamten Glauben verhagelt. Es ist der Irrtum, der sagt, auf den Schöpfer sei unter Umständen kein Verlass. Den Keim für diesen Irrtum habe ich im letzten Kapitel selbst gelegt. Deshalb machte es mich ganz unruhig, wenn ich jetzt nicht kurz drüber reden könnte.
Ich habe gesagt, Gott sei groß, seine Größe sei aber irgendwie ganz anders, nämlich ohne Grenze, wie ein Berg ohne Gipfel oder eine Fahnenstange ohne Ende. Dieses „ganz anders“ möchte ich gern besprechen, um deutlich zu machen, dass das anders nur einerseits ganz anders ist, andererseits aber ganz gleich.

Es hat in der Geschichte der Philosophie einen Mann gegeben, der zum ersten Mal das Zweifeln zur Methode gemacht hat. Er war auf der Suche nach einem Wissen, das unumstößlich sei, ein Wissen, an dem man nicht zweifeln könne. Dazu hat er alles, was sicher schien, mit dem Licht seines Zweifels beleuchtet. Wenn ich jetzt zum Beispiel sage, es sei sicher, dass ich hier auf meinem Stuhl sitze, dann könnte er mit der Frage „Und du bist sicher, dass du nicht träumst?“ alles in Frage stellen. Am Ende der Unternehmung blieb nur die berühmte Sicherheit: „Ich denke, also bin ich“. Dass er sich gerade die Gedanken machte und dass genau er es sei, der das tat, das konnte er nicht bezweifeln. Die Geschichte ist berühmt, und ein Argument konnte die Güte Gottes sein. Die Behauptung, Gott verantworte doch die Welt, Gott sei gut und das sei sicher, antwortete der Zweifel: „Und was ist, wenn bei Gott am Ende das Gute, das wir für gut halten, so gut gar nicht ist?“ Was wird sein, wenn Gott am Abend grün nennt, was wir als blau erkennen? Die Vorstellung ist schrecklich, sagt sie doch, dass nichts wirklich sicher sein kann.

Wir leben von der Stabilität unserer Welt und brauchen sie dringend. Es wäre schlimm, wenn die Sonne sich überlegen könnte, eines Morgens einfach nicht mehr aufzugehen. Es wäre schrecklich, wenn die Autos plötzlich vor uns davon führen und wenn unsere Oma, die immer so lieb war, plötzlich ganz böse zu uns ist und das gut findet. Wir brauchen die Verlässlichkeit unserer Welt unbedingt, um nicht in Angst und Schrecken zu versinken. Menschen, auf deren Laune man sich nie verlassen kann, sind schier unerträglich. Niemand will sich täglich fragen müssen, wie sein Partner denn heute gestimmt ist, wenn man nach Hause kommt. Die Frage „erwartet er uns mit der Schrotflinte oder mit einem Kuchen?“ ist schlimm.

Wenn die Gläubigen von der Güte Gottes sprechen,
dann meinen sie nicht nur die Qualität der Güte,
sondern auch ihre Verlässlichkeit.

Unsere Ansprache von der Andersartigkeit Gottes muss also dieses Anderssein nur in der Größe, nicht in der Qualität meinen. Sprechen wir von der Größe eines Berges, der einen Gipfel hat oder nicht, dann muss Größe immer Größe meinen. Reden wir von der Güte des Schöpfers, dann muss Güte immer Güte bedeuten. Es kann nicht angehen, dass das Böse plötzlich den Namen Güte bekommt.
Beim heiligen Thomas wird der Gedanke mit der Unveränderlichkeit und Einheit des Ewigen abgesichert. Wenn das Ewige wirklich ewig ist, dann kann es in sich keine Veränderungen haben. Verändern heißt etwas Neues beginnen und etwas altes zu Ende bringen. Wenn aber etwas ewig ist, dann kann das nicht sein, es wäre ja nicht ewig. Ewig heißt ja ohne Ende und was ewig ist, das ist ganz ewig oder gar nicht. Wenn wir vom ewigen Gott sprechen, dann kann in ihm nie etwas anders werden. Auf das Ewige ist absolut Verlass. Wenn Gott den Namen Güte trägt, dann ist alles an ihm Güte und alles an ihm ist immer gleich gütig. Der Gedanke der Ewigkeit des Ewigen ist also wichtig für die gesamte Religion einschließlich ihres Lebensgefühls.

Gott existiert in Anführungsstrichen

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 3

Dass mein Satz provozieren würde, wusste ich. Ich wusste ebenso im Vorhinein, dass er Widersprüche lostritt. Gläubige aller Sortierungen steigen auf die Palme, wenn man ihnen sagt, ihr Gott existiere nicht. Normalerweise kommt ein solcher Satz aus den Lagern der Atheisten, und dass die das sagen, ist klar. Wer nicht glaubt, dass die Welt einen Schöpfer hat, der wird sagen, Gott existiere nicht. Aber dass ein Christ das sagt, lässt aufhorchen, und genau das wollte ich. Man könnte zur Erklärung annehmen, dass da in meiner Person wieder mal einer durchdreht, wie wenn er plötzlich sagt, er sei Napoleon. Dem ist aber nicht so. Ich kann mich mit meiner Behauptung auf die größten Autoritäten meiner Zunft berufen. Der Satz, dass Gott nicht existiert, steht in der Summe des heiligen Thomas, und der wiederum hat ihn von einer der größten Autoritäten seiner Zeit, von einem Mann namens Dionysius Areopagita. Der Behauptung wird auch nicht widersprochen, was ja oft der Fall ist. In allen Fragen, die Thomas in der Summe angeht, bringt er Meinungen, die diskutiert werden und die seiner Meinung widersprechen. Er erklärt dann am Ende immer warum sie falsch sind. Hier ist es anders. Er widerspricht nicht, sondern erklärt, was an dem Satz stimmt.

Die Auflösung geht so: Dionysius und Thomas sagen, Gott existiert in sofern nicht, als er über alles existieren hinaus ist. Wörtlich heißt es in der Summe: Es ist zu sagen, dass Gott nicht so nicht existiert, wie wenn er auf keine Weise existierte, sondern weil er über alle Existenz erhaben ist. Der Gedanke ist für unser Thema sehr wichtig, deshalb habe ich es sozusagen herbei provoziert. Wenn ich auf der Straße gefragt würde, ob ich an die Existenz Gottes glaube, werde ich vermutlich „aber natürlich!“ aus der Pistole schießen und nicht mit den Spitzfindigkeiten der Philosophen um die Ecke kommen. Aber dass Gott so ganz anders ist als alles sonst, das ist ein bedeutender Gedanke, wenn wir über Schöpfung nachdenken wollen. Dass genau dieser Gedanke zu kurz kommt, führt zu vielen lähmenden und unsinnigen Diskussionen, besonders mit den sogenannten „Neuen Atheisten“, die im Übrigen alles andere als neu sind. Wären sie das, dann hätte ich große Lust, mich mit ihnen anzulegen.

Wir können unser Problem auch in anderen Worten schildern: Die Bibel nennt Schöpfer den Gott des Lebens. Somit lebt er. In der etwas genaueren Sprache müssten wir gleich, „natürlich lebt er, er lebt aber nicht ganz so, wie wir leben.“ Gott wird „der Große“ genannt. Seine Größe ist aber eine andere als jede unserer Größen. Jede Größe, die wir kennen, hat irgendwo ein Ende, wie jeder Berg irgendwann seinen Gipfel hat. Gottes Größe ist ohne Ende und Grenze. Deshalb können wir ihn uns nicht denken, ebensowenig wie wir uns einen Berg ohne Gipfel vorstellen können. Genau über diese Grenzenlosigkeit Gottes müssen wir uns unterhalten, wenn wir überhaupt sinnvoll über die Schöpfung nachdenken wollen.
Quelle:
Sth I, 12, 1, ad 3: Ad tertium dicendum quod Deus non sic dicitur non existens, quasi nullo modo sit existens, sed quia est supra omne existens….

Gott existiert nicht

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 2

Gestatte mir, mit dem Schwierigsten zu beginnen: Mit der Eingrenzung von etwas, was sich nicht eingrenzen lässt. Weißt Du, was immer Streit gibt? Wenn Glaube und Unglaube das Diskutieren anfangen. Ich habe nun schon eine Menge Jahre an Gesprächen durch, hier aber gibt es immer nervöse Reaktionen. Man kann mit meinen muslimischen Freunden zum Beispiel alles mögliche anstellen, aber wenn der Unglaube mit der Ansicht auf sie zukommt, ihre komplette Religio sei Einbildung und so unwirklich wie der Weihnachtsmann, dann gehen sie innerlich an die Decke. Umgekehrt gibt es eine Form von Ungläubigkeit, die der Glaube der anderen nicht weniger nervös macht. Irgendwie kann der Mensch nicht gut schlafen, wenn der Nachbar sich einen Bart stehen lässt.

Was also dieser Art Diskussionen angeht, habe ich irgendwann beschlossen, wohl zuzuhören, aber nicht mehr mit zu debattieren. Mir tut auf Seiten der Gläubigen dann allerdings oft leid, dass ihnen ein Argument nicht einfällt, was sie dringend bräuchten. Nämlich, dass es zur Definition Gottes gehört, dass man ihn nicht definieren kann. Das müssten sie jedesmal länger erklären, und dazu ist fast nie die Zeit. Lass es uns versuchen.

Die Diskussionen gehen häufig so: Der Gläubige fragt, wenn es keinen Schöpfer gibt, woher soll dann die Schöpfung sein? Irgendwo raus muss doch alles sein. Wenn dann der Unglaube „und woher kommt Gott dann?“ fragt, ist oft das peinliche Ende der Fahnenstange erreicht und es fehlt genau hier das Argument, das man erklären müsste und auch kann, wie ich meine. Die These lautet:

Gott gibt es,
er existiert aber nicht. 

Da ist ein kleines Volk im Wald, das über viele Generationen Angst vor Drachen hat, aber so lange man sich erinnern kann, hat nie jemand einen gesehen. Die Furcht ist da, aber irgendwie beruhigt. Plötzlich kommt ein Späher aus dem Dickicht und behauptet, einem Drachen begegnet zu sein. Alles ist beunruhigt, bis er das Tier beschreibt: Es sei ganz klein gewesen, habe lieb drein geschaut und von Feuer keine Spur. Was werden die Dorfbewohner sagen? Der Kundschafter habe keinen Drachen gesehen, sondern sei einem Meerschweinchen begegnet. Drachen sind groß und Furcht einflößend. Sie haben gepanzerte Haut, können fliegen und Ihr Atem ist feurig. Wenn von Drachen überhaupt die Rede sein soll, dann muss das alles mit gemeint sein.

So ist es mit dem Schöpfer. Wenn überhaupt von ihm geredet werden soll, dann muss auch von Leuten, die nicht an ihn glauben, vor allem mit gemeint und klar sein, dass er nicht existiert. Ansonsten reden wir von einem Geschöpf, nicht aber vom Schöpfer.

Wenn nun einer sagt, es könne nichts geben, was nicht existiert, dann hat er uns entweder noch nicht verstanden, oder er ist ein Atheist. Ich mache mich jetzt an die Arbeit, das alles ein wenig zu erklären, möchte mein Projekt über die Engel aber nicht aus dem Auge verlieren. Das soll, was den Text angeht, bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Ein neues Vorhaben

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Über den Schöpfer und alles, was er nicht ist.
Briefe an eine Studentin, Teil 1

Es ist schon eine Ehre, dass Du wegen Deines Studium auf mich zugekommen bist. Aber Dein „du hast doch Ahnung davon“ lässt mich dennoch etwas schüchtern einen kleinen Schritt zurück treten. Ein Fach studiert zu haben heißt noch lange nicht das von ihm zu haben, was alle Ahnung nennen. Wenn Dir reicht, etwas mehr als keine zu haben, dann soll es mir Recht sein.
Am Beginn Deines Studiums musst Du Dich darauf einstellen, dass die Lehrer mit fremden Begriffen um sich werfen, wie Karnevalsprinzen mit Caramellbonbons. An der Universität können die Gelehrten verlangen, dass sich die Studenten auf den Weg machen und nachschauen, wovon die Rede ist. Wir sollten es anders machen und die Begriffe klären, wenn wir sie einführen.
Eine Einschränkung möchte ich machen. Du solltest für unser Unternehmen eine gewisse Freude an ungewöhnlichen Gedanken haben und eine Lust am Detektivspiel mitbringen. Philosophie betreiben, wie wir es hier tun, heißt versuchen, den Dingen auf den Grund und dem Schöpfer auf die Schliche zu kommen.

Fangen wir oben an. Unsere vorläufige Überschrift könnte etwas großspurig klingen. Eine Ankündigung, „über alles“ zu schreiben verspricht entweder etwas Unmögliches oder es muss irgendwie ungewohnt gemeint sein. Kein Pferdekenner kann über alle Pferde schreiben. Selbst wenn er sich eine halbe Ewigkeit Zeit nähme und über alle schriebe, die über die Erde laufen, es könnte am Ende immer noch eins um die Ecke biegen, das er nicht auf dem Zettel hatte. Niemand kann über alle Pferde schreiben und alle einzeln meinen. Es ist bestenfalls möglich, wenn allen Pferden etwas gemeinsam ist. Alle Pferde haben Pferdeohren. Wer über Pferdeohren schreibt, der schreibt mit einem Buch über alle Pferde zugleich.
So etwa ist es mit unserer Annahme, die Welt sei eine Schöpfung. Wenn die Welt eine Schöpfung ist, dann wird sie einen Schöpfer haben. Ist die Welt eine Schöpfung, dann alles in ihr. Wäre die Welt ein Spielfilm, dann wäre auch der Baum hinter dem Haus des Helden im Film ein Stück vom Film. Alle Gegenstände, alle Akteure, alle Diebe, Polizisten und Gegenstände im Film hätten bei aller Verschiedenheit eins gemeinsam, dass sie zum selben Film gehören.
So ist es mit der Schöpfung gemeint: Ist die Welt eine Schöpfung, dann gehört alles in der Welt dazu. Dann können sowohl der König, als auch der Bettelmann von einander sagen sie seien „auch nur“ Schöpfung. Das bedeutet, es gibt nur zwei: Den Schöpfer und die Schöpfung. Dazwischen ist nichts und es gibt kein drittes.

Mein atheistischer Freund dagegen meinte immer, das sei alles Humbug. Es gebe nicht zwei, sondern nur eins: Nur die Welt. „Alles, was es gibt, gehört zur Welt und die Welt sei alles, was es gibt“, pflegte er zu sagen. Das mit dem Schöpfer sei eine Erfindung der Gelehrten. Wir haben uns so lange darüber unterhalten, bis jeder die Meinung des anderen kannte. Dann haben wir uns anderen Themen gewidmet. Überzeugen konnten wir einander nicht. Ich glaube auch nicht an solcher Art Überzeugungen. Man kann sehr wohl von etwas überzeugt sein, man kann auch von etwas überzeugt werden. Niemand aber wird durch Überreden überzeugt. Unser all zu gewohntes „Sieh es doch endlich ein!“, führt nie zu wirklichen Einsichten. Wirkliche Einsichten haben immer eine gute Portion innere Freiwilligkeit an sich, eine gewisse Lust etwas zu glauben. Die kann man nicht herbei zwingen.

Deshalb kann es zum Beispiel auch keine wirklichen Zwangstaufen geben. Man kann einen Menschen wohl äußerlich zwingen, eine Taufe durchzuführen. Man kann einen Menschen auch äußerlich zwingen, sich den Ritus der Taufe gefallen zu lassen. Wenn es Taufe aber überhaupt gibt, dann ist immer Gott höchstpersönlich der, der tauft. Der Mensch erledigt nur das Äußere. Nur Gott kann aus einem Kind Adams ein Kind Gottes machen. Gott tauft allerdings nicht, wenn der Täufling nicht wirklich möchte. Eine Taufe im Zwang bleibt eine äußere Hülle und nie eine wirkliche Taufe.

So ist es mit dem, was wir hier angehen wollen. Wir können darlegen, was wir glauben und zeigen, dass es nicht unvernünftig ist. Wir können auch hoffen, dass es zu einer Grundlage für eine Überzeugung wird. Herbei reden können wir nichts. Mein Freund und ich blieben aufrichtig freundschaftlich verbunden, Glaubensbrüder wurden wir nie.