Die Provokation der Verwandlung

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Ich habe ja schon angedeutet, dass ich die Bücher jener Leute, die ich zugegebenermaßen etwas verächtlich die „nervösen Atheisten“ nenne, nicht lese. Wenn mir eins unterkommt, schaue ich kurz hinein, in der Hoffnung, etwas von Wert zu finden. Bislang hielt ich das Weiterlesen aber immer für Zeitverschwendung. Nun vermute ich, dass die angesprochenen Gegner meine Bücher unter Angabe der gleichen Gründe auch nicht lesen. Sollte sich am Ende aber doch einer bis hierher verirrt haben, dann muss er jetzt sehr stark sein, wenn er weiter lesen will. Von den Leuten zur Zeit Jesu in der Bibel wurde das auch verlangt. Als der Heiland für viele Leute Brote gezaubert hatte, strömten die Massen zu ihm, um ein weiteres Wunder zu erleben. Christus kritisierte das als oberflächlich, wohl weil sie ein oberflächliches Geschehen suchten. Dann kündigt er ein Wunder an, das ganz anders, nämlich überhaupt nicht oberflächlich sein würde. Er sagte, er werde seinen Leib zur Speise und sein Blut zum Trank anbieten. Daraufhin gingen die Leute mit Entsetzen weg und fragten sich, wie das denn funktionieren solle.

Mit den Wundern und dem Glauben an sie ist es so eine Sache. Nicht alle, die an Wunder glauben, halten alle Wunder für möglich. Auch in den Reihen der Katholiken lassen sich jede Menge Leute finden, die die Auferstehung Christi von den Toten mit der gleichen Selbstverständlichkeit hinnehmen wie wenn ein Freund mit Bier aus dem Keller kommt. Sie glauben an Engel zu Weihnachten und an die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana. Aber dass eine Jungfrau schwanger wird, das geht zu weit. Die Leute glauben daran, dass Jona von Gott berufen wurde, in Ninive zu predigen. Sie glauben, dass dem Armen ein Rizinusstrauch über den Kopf wuchs. Aber dass der Schöpfer einen Wal schaffen kann, in den der Jona passt, da kann was nicht stimmen.
Das Jesus Brot aus dem Nichts schaffte, konnten die Leute schlucken, dass er aber Brot nimmt, um aus ihm seinen Leib zu schaffen, das wurde eher zur Kröte, die nicht hinunter wollte.
Eine Erschaffung aus dem Nichts scheint dem Empfinden näher zu liegen, als eine Verwandlung von Etwas in etwas ganz Anderes. Man sagt wohl zu Recht, das Brot der Welt ist in keiner Weise darauf vorbereitet etwas anderes zu werden, als trocken oder schimmelig. Darauf könnte man antworten, das, was wir hier das Nichts nennen, ist eigentlich noch viel weniger vorbereitet, ein ganzes Universum zu werden. Aber diese Antwort ist für Philosophen und stillt nicht gerade den Diskussionsbedarf der Laufkundschaft Jesu. Verwandlung ist einfach schwerer zu denken, als die Schöpfung aus dem Nichts, auch wenn sie in keiner Weise schwerer ist. Thomas antwortet übrigens ziemlich lapidar, die Verwandlung der Eucharistie komme auch gar nicht aus dem, was aus Brot werden könne. Sie komme ganz einfach aus der Mächtigkeit Gottes, und der ist bekanntlich keine Grenze gesetzt.

Thomas sieht aber die Schwierigkeit, die das Wunder der Eucharistie darstellt. Er treibt sie sogar auf die Spitze des Zumutbaren, und er schreibt das schwierigste Kapitel in der Summe mit der Behauptung, Christus sei nicht auf bewegliche Weise in diesem Sakrament.
Vielleicht erst der natürliche Einwand: Aristoteles hatte gesagt, wenn wir uns bewegen, dann bewegen wir uns ganz und sozusagen alles, was an uns ist. Wenn Christus in diesem Sakrament ist, dann bewegen wir also auch ihn, wenn wir es bewegen. Dem wird wohl niemand widersprechen können. Wenn unsere Priester den Kranken das Sakrament bringen, dann tragen sie den Herrn in ihr Haus, und er kommt zu ihnen wie damals zum Zöllner Zachäus. Thomas tritt hier natürlich nicht an, zu leugnen, dass man Christus in die Häuser bringen kann. Darum geht es ja gerade. Er gibt aber in seinem Einwand zu bedenken, der Leib Christi residiere aber doch „im Himmel in Ruhe“, und am Ende seiner Antwort sagt er, streng genommen müsse man also sagen Christus sei auf unbewegliche Weise bei uns.

Die Sache ist nun die: Christus ist im Sakrament weder so bei uns, wie er jetzt im Himmel ist, noch so, wie er damals bei Zachäus an die Tür klopfte. Die sakramentale Weise da zu sein ist eine ganz neue und ganz andere, als jede sonst. Man beachte die Behauptung: In der Wandlung auf dem Altar ändert sich die Substanz von Brot und Wein in die von Christi Leib und Blut. Alles äußere bleibt. Es riecht wie Brot, schmeckt wie Brot und ist so schwer wie Brot. Das Wunderliche ist, nach dem, was die Luft verdrängt, was der Schwerkraft unterworfen ist und was wir in Händen halten, ist es wirklich brotmäßig. Der Substanz, also der eigentlichen Wirklichkeit nach ist es aber Christus, und wer das glaubt, wird mit allem Nachdruck sagen, es handelt sich genau so tief um den Herrn, wie bei ihm selbst um einen ganz normalen Menschen. Den örtlichen Bedingungen nach aber eben nicht,und genau darin liegt das Besondere dieser einzigartigen Weise, da zu sein. Wenn man nicht lange drüber nachdenkt, klingt es eigentümlich, aber der Sache nach kann man sagen, der Priester trägt Christus zu den Bedürftigen, dennoch wird er, den örtlichen und äußeren Bedingungen nach nicht bewegt.

Die Stellung der Priester

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Das Bild mit dem Kirchenraum hat etwas Feierliches. Mir geht es jedenfalls so, wann immer ich drüber nachdenke, rede oder schreibe: Die Worte werden pompöser, die Wendungen möchten offizieller klingen und die Stimmung eher wie wenn man an hohen Höfen zu sprechen hat. In der Schule des heiligen Thomas würde man wahrscheinlich hören, das sei etwas ganz Selbstverständliches. Die Feierlichkeit eines Ortes richtet sich danach, wer ihn bewohnt. Im Palast eines Königs geht es eben feierlicher zu, als in den Wohnungen seiner Bediensteten. Und wenn man den Raum der Kirche beschreibt, dann hat alles auf der höchsten Stufe der Feierlichkeit zu geschehen. Schließlich ist der Kirchenraum der einzige Ort, in dem die große Begegnung, nämlich die zwischen Gott und Welt vorgesehen und möglich ist.
In der Messe kommt wirklich alles zusammen. In der Messe steigt, um im Bild zu bleiben, Gott höchstpersönlich zu uns hernieder. Wenn der Priester die verwandelte Hostie in die Höhe streckt und dem Volk zeigt, dann hält er im wahrsten und konkretesten Sinn der Worte Gott selbst in den Händen. Für Muslime und Juden dürfte das wie eine anmaßende Gotteslästerei klingen. Die Atheisten dieser neuen, nervösen Bewegung würden das als den Gipfel der Spinnerei einschätzen, und doch, die Katholiken und orthodoxen Christen aller Zeiten bleiben dabei: Gott gibt sich täglich in die Hände seiner Kinder.

Das zweite, das hier zugegen ist, das ist das Opfer Christi. Was wir in den Händen halten ist nicht einfach verzaubert. Wenn wir einen Lichtschalter bedienen, machen wir es hell und aus einem dunklen Raum einen hellen. Das Lichtanzünden kann allerdings mit Lust und Laune, es kann im Zorn oder aus Liebe geschehen. Der Vorgang selbst bleibt neutral. Würde Gott die Gaben auf dem Altar nur so verwandeln, dann könnte das auch ein Akt ziemlich kalter Gleichgültigkeit sein. Das ist er aber nicht. Die Messe steht immer im Zeichen der Hingabewilligkeit des Wortes Gottes an den Vater und des liebevollen Gehorsams ihm gegenüber. Sie steht immer unter dem Stern, den Christus vor dem letzten Abendmahl ausgesprochen hat: „Wie sehr habe ich mich danach gesehnt“. Jede freiwillige Hingabe aus Liebe bezeichnen wir als Opfer, und ein solches war Jesu ganzes Leben, sein Sterben und sein sich Hingeben in der Messe.

Die Theologen sprechen hier von einer dritten Sache, nämlich von einer Bewegung nach oben und einer nach unten. Die Kirche, die die Messe feiert, gibt (und opfert) ihr Beten, ihr Sehnen, ihren Ritus und die Zeit, die man schenkt, die Priester und Ordensleute geben ihr Leben in gewisser Weise. Das ist die Bewegung nach oben. In der nach unten erreichen uns die Wohltaten, die der Schöpfer seiner Kirche und durch sie der Welt zukommen lassen möchte: Sich selbst und die Hilfe, die wir Gnade nennen.

Um das alles herum ist die Kirche gebaut, sowohl geistig, als auch konkret aus Stein. Das ist gemeint, wenn gessagt wird, alles in der Kirche drehe sich um die Messe.
Hier hinein müssen wir auch die Priester gestellt wissen. Sie nennt der Aquinate die „Diener dieses Sakramentes“, und wenn Thomas das sagt, dann kann man wieder sowohl das „Wie“, als auch das „Wo“ seines Satzes beim Wort nehmen. Das erste, was er im Traktat über die Eucharistie über die Priester sagt ist dieses: Sie sind zunächst und immer zuerst die Diener der Eucharistie und der Messe.
Man nennt das größte immer zuerst, wenn man jemanden bezeichnet. Wer den Nobelpreis bekommt, der kann alles mögliche sein, er wird aber immer der Nobelpreisträger genannt werden. Wer den Präsidenten fährt, der ist, was immer er sonst tut, zuerst der Fahrer des Staatsoberhauptes. Deshalb ist auch eine Mutter, was immer sonst zu tun hat, zuerst die Mutter ihres Kindes. In diesem Sinn ist der Priester, wenn man ihn durch die Brille des heiligen Thomas anschaut, immer zuerst der Diener der Eucharistie und der, der an die feierliche Schnittstelle zwischen Himmel und Erde und direkt am Brandherd des großen Opfers gestellt ist.

Müssen wir wie Jesus sein?

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Das Kapitel über Jesu Priestertum ist mir mit der Zeit sehr lieb geworden und ans Herz gewachsen. Oder vielmehr sind es die Gedanken, die das Kapitel enthält und einem eröffnet. Die Worte des Professoren selbst, wie er schreibt und die Dinge ausdrückt, sind hier nicht weniger nüchtern und schlicht, wie überall. Der Stil des Thomas hat nunmal die Romantik einer Steuererklärung, da kann man nichts machen. Es sind also wie immer die Gedanken, und da gibt es etwas, was man nie ganz vergessen sollte: Nicht nur die Kapitel selbst, sondern auch die Orte, wo sie stehen.
Was unser Interesse hier angeht, schreibt Thomas in seiner Summe zweimal über das Priestertum. Er trennt aber fein säuberlich und platziert die beiden Male einigermaßen weit auseinander. Es zeigt nämlich, dass das Priestertum der katholischen Kirche keine Sache der Nachahmung ist, und das halte ich für sehr bedeutsam.

Als ich in Bochum lebte, hatte ich eine Bekanntschaft zu machen, die mir nie ganz geheuer wurde. Es handelte sich um einen freikirchlichen Prediger, der zugleich den Beruf des Heilpraktikers ausübte. Ich weiß jetzt nicht, ob ihm der Beruf beim Predigen helfen, oder ob das Predigen ihm seine Praxis füllen sollte. Jedenfalls verband er den Beruf des Heilers mit dem Evangelium, das er predigte. Der Prediger sah aus wie Jesus, und das nicht aus Versehen, was bei Umweltschützern schon mal der Fall ist. Manche Alternativen möchten aussehen wie John Lennon oder Rasputin und treffen zufällig derart, dass alle sagen, sie ähnelten dem Herrn Jesus in seinen Wanderlatschen. Nein, dieser Jünger sah aus wie Jesus, weil er wie Jesus aussehen wollte. Bei dem katholischen Priester, mit dem er befreundet war, sah das ganz anders aus. Der hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seinem Herrn, sondern hätte dem Äußeren nach viel eher den Pontius Pilatus spielen können, vorausgesetzt man stellt sich diesen wie einen feisten Senatoren im Alten Rom mit einem gehörigen, dicken Bauch vor. Die Freundschaft hielt nicht lange, weil der Jesusähnliche Prediger vom Senatoren immer verlangte, er habe als Jünger Jesu gefälligst zu leben und zu sein wie er. Der Dicke sah das alles gar nicht ein, und so verflog die Liebe dann auch recht schnell, was am Ende wohl niemanden besonders traurig machte.
Im Nachhinein bin ich der Ansicht, dass der große Unterschied in der Tat darin bestand, dass der eine ein Freikirchler war, in dem Sinn, dass er frei war, zu glauben, was er wollte. Der Dicke dagegen war ein Katholik reinsten Wassers. Bitte nicht falsch verstehen, ich glaube natürlich nicht, dass alle katholischen Priester dick zu sein haben, ich glaube aber nicht, dass ihr Bauch sie zu weniger guten Priestern macht, und das begründe ich gern mit dem Aquinaten.

Thomas schreibt über das Priestertum Jesu dort, wo er über Jesus, und nicht über uns spricht. Er sagt dort zum Beispiel, Jesus sei zugleich der Priester und das Opferlamm. Wenn man jetzt dem heilenden Prediger folgen würde, dann müsse man sich als Jünger Jesu auch die Gesinnung eines Opferlammes geben. Das ist mit Verlaub gesagt, nicht die katholische Weise, jedenfalls nicht, wenn man die Schule des heiligen Thomas besucht. Thomas schreibt zu Jesu Priestertum, es habe nicht erst im Abendmahl begonnen. Christus sei vielmehr im ganzen Leben sozusagen ganz Gott geweiht gewesen. Wenn wir unser Priestertum als Nachahmung verstehen müssten, dann sollten wir als Jünger auch so ganz und gar dem Herrn ein Opfer sein. Das ist aber überhaupt nicht gemeint.
Thomas schreibt über Jesu Priestertum nur dort, wo er nur über Jesus schreibt. Im Kapitel über die Sakramente schreibt er wohl auch über die Priester. Dort beantwortet er aber Fragen, wie: Ob nur Priester die Messe zelebrieren dürfen, ob mehrere zugleich, ob die Kommunion eines schlechten Priesters weniger wert ist und solche Dinge. Das sind alles Gedanken, die lediglich sicherstellen, dass bei der Messe alles mit rechten Dingen zugeht.
Worauf ich gern hinaus wäre ist folgendes: Das Christentum thomanischer Prägung ist insgesamt keine Veranstaltung zur Nachahmung irgendwelcher Vollkommenheiten, die, nebenbei bemerkt, ohnehin niemand erreicht. Es ging schon immer schief, wenn die jungen Priester leben wollten, wie der heilige Pfarrer von Ars. Es wird immer komisch, wenn die Nonnen in den Klöstern unbedingt leben und aussehen wollen, wie die heilige Theresia, und mit einem Seitenblick nach draußen scheint mir eine ganze Religion immer dort in der Katastrophe zu enden, wo Muslime glauben, wie Mohammed leben zu müssen.

 

Anmerkungen und Quellen:
Die erste Abhandlung zum Priestertum steht in der Christologie und wird in gewisser Weise als eine Folge der hypotaktischen Union bezeichnet. Das Priestertum Jesu wird also dort beschrieben, wo behandelt wird, was und wer Christus überhaupt war und ist. Sth III,22,pr.
Die zweite Abhandlung steht in der Abhandlung der Sakramente, und da speziell im Kapitel über die Eucharistie. Sth III,82.

Mit „Freikirche“ sind im eigentlichen Sinn keine Gemeinschaften dogmatischer Willkürlichkeit gemeint. Freikirche meint eigentlich eine Kirche, die nicht an den Staat gebunden, also in diesem Sinn frei ist. Die Bemerkung „frei“ als frei zu glauben, was man will, trifft nicht die freien Kirchen und deren Mitglieder, sondern lediglich diese eine Person.

Sth III,22,2,co: „So war Christus, insofern er Mensch war, nicht nur Priester, sondern auch ein vollkommenes Opfer. Er war zugleich das Opfer für die Sünde, das Opfer, das Frieden stiftete und das Brand- und Ganzopfer.
„Et ideo ipse Christus, inquantum homo, non solum fuit sacerdos, sed etiam hostia perfecta, simul existens hostia pro peccato, et hostia pacificorum, et holocaustum.“

Die Ordnung des Melchisedek

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Das Priestertum kam mit dem Priester in die Welt. Bevor Christus da war, gab es sein Priestertum nicht und keine Vorläufer darauf. Dadurch aber, dass er die Erde betrat, war es da, und seit es da ist, verlässt es uns nie wieder.
Nachdem im Kapitel über das Priestertum dessen Wohltaten aufgezählt wurden, steht dort zu lesen: Das alles kommt zu uns durch die Menschheit Christi. Das ist bedeutsam. Christus wurde nicht erst der Priester, als er die erste Messe feierte. Er wurde auch nicht Priester, als er getauft wurde, Wunder tat oder sonst etwas vollbrachte und sagte. Christus war immer schon der Priester, wie ein Mensch immer schon ein Mensch ist.
Kein Wesen kann sich zum Menschen entwickeln, es kann immer nur ein Mensch, der immer schon einer ist, weiterkommen. Es gibt kein Ding, kein „das da“, das sich zu einer Person, zu einem Menschen entwickelt. Menschen sind, sofern sie Menschen sind, immer schon ganz fertig. So war auch der Mensch Christus immer schon der Priester Christus, und er kam seinem Priestertum nach ohne Abstammung.
Die Summe unterstreicht das, indem sie eine Wendung aus dem Brief an die Hebräer zitiert, in der wiederum auf eine geheimnisvolle Gestalt aus der jüdischen Urzeit zurück gegriffen wird.

In der Abrahamsgeschichte, wo alles anhebt und beginnt, taucht plötzlich ein Mann mit Namen Melchisedek auf, der „König von Salem“ und „Priester des höchsten Gottes“ genannt wird. Er ist plötzlich da wie aus dem Nichts und bringt Brot und Wein heraus. Er segnet Abraham. Der gibt ihm darauf den berühmten Zehnten von allem, und die Geschichte ist beendet.
Diese Gestalt des Melchisedek wird hier eine „Figura“, ein Vorausbild auf das besondere Priestertum Christi genannt.
Das Geschehen steht in der Summe allerdings in den Einwänden, das bedeutet, das Gesagte entspricht noch nicht der Meinung des Meisters oder bedarf einer Korrektur. Es heißt dort, Melchisedek werde im Hebräerbrief als ein Mann ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum gezeichnet, und als einer, dessen Tage keinen Anfang und kein Ende hätten. Das aber könne nicht sein, es treffe  nur auf Christus zu.
Thomas antwortet in seiner Erwiderung am Schluss, wenn das im Hebräer stehe, dann bedeute das nicht, Melchisedek habe in Wirklichkeit keine Eltern keinen Stammbaum und weder Anfang noch Ende gehabt. In der alten Schrift  sei von ihnen lediglich nicht die Rede gewesen. Genau darin allerdings, schildere der Apostel diese Ähnlichkeit mit dem Sohn Gottes, der in der Tat das alles nicht hatte. Dann kommt eine hübsche Wendung: Christus sei auf Erden ohne Vater, im Himmel ohne Mutter und insgesamt ohne Stammbaum.
Es ist also klar, was gesagt werden soll: Christi Priestertum ist ohne Abstammung zur Welt gekommen, und die Schrift bildet das sozusagen im Voraus ab. Die uralte Gründungsurkunde also bietet schon mal ein Vorausbild auf das einst kommende Priestertum Christi. Das kann folglich erst nach seinem Erscheinen endgültig ausgedeutet werden. Im Wissen um die Vollendung in Christus bekommt die Schrift ihre eigentliche Deutung. Das ist überhaupt so und wird häufiger gesagt: Die Priestertümer des Alten Bundes sind „Figuren“, Vorausbilder, die in ihrer Verschiedenheit und in vielen Zeichnungen auf den kommenden Priester Christus hinweisen und im Nachhinein auf ihn hin ausgedeutet werden können.

 

Quellen:
Sth III,22,2,co: Haec autem per humanitatem Christi nobis provenerunt.

Sth III,22,6,3: Heb. VII dicitur, quod est rex pacis; sine patre sine matre sine genealogia; neque initium dierum neque finem vitae habens, quae quidem conveniunt soli filio Dei.

Sth III,22,6,ad3: Ad tertium dicendum quod Melchisedech dictus est sine patre et sine matre et sine genealogia, et quod non habet initium dierum neque finem non quia ista non habuit, sed quia in Scriptura sacra ista de eo non leguntur. Et per hoc ipsum, ut apostolus ibidem dicit, assimilatus est filio Dei, qui in terris est sine patre, et in caelis sine matre et sine genealogia…

Hebr 7: Hic enim Melchisedech, rex Salem, sacerdos Dei summi, qui ob viavit Abrahae regresso a caede regum et benedixit ei, cui et decimam omnium divisit Abraham, primum quidem, qui interpretatur rex iustitiae, deinde autem et rex Salem, quod est rex Pacis, sine patre, sine matre, sine genealogia, neque initium dierum neque finem vitae habens, assimilatus autem Filio Dei, manet sacerdos in perpetuum.

Das Priestertum ohne Wurzeln

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Das Priestertum Jesu ist nicht ableitbar. Das heißt, man kann nicht sagen, es komme hier her oder da her. Man kann nicht sagen, das Priestertum Jesu habe seine Wurzeln hierin oder darin. Das Priestertum hat nämlich überhaupt keine Wurzeln. Es kam und kommt aus dem Nichts. Es ist einfach da und bleibt auf ewig in der Welt, unausrottbar.
Auf diese Behauptung wird es sicher Einsprüche geben, auf die einzugehen sich lohnt. Manche werden sagen, das Priestertum Jesu leite sich vom Priestertum des Alten Testamentes ab. Jesus war und ist ein Jude. Die Juden hatten eine uralte Priestertradition, das sieht man zum Beispiel an seinem Titel im Hebräerbrief. Dort wird er der Hohepriester genannt. Die Hohepriester waren die obersten Priester der alten Tradition. Deshalb scheint klar: Das Priestertum Jesu hat seine Wurzeln im Priestertum des Alten Bundes. Das Volk Israel mit seiner ehrwürdigen Geschichte ist sozusagen der Humus, das Erdreich. Die Wurzel mit der Blüte ist das Priestertum selbst und die Frucht ist das, was man bekommt, wiederum Jesus, der Christus. So wird es in der Regel gesehen. Das ist auch alles einigermaßen richtig, aber eben nur einigermaßen. Dazu also ein Gedanke.

Als Kind mochte ich besonders die Seerosen, die in jedem Jahr auf einem der nahe gelegenen Tümpel schwammen. Mit kräftigen Farben und in prächtigen Blüten saßen sie auf ihren grün schimmernden, fetten Blättern und lachten uns fröhlich entgegen. Ich hatte immer vermutet, sie saßen dort, wie schwimmende Linsen, frei im Wasser treibend. Als mich aber mein großer Bruder aufklärte, staunte ich nicht schlecht: Jede dieser herrlichen Pflanzen hatte eine Wurzel, die hinab ragte, unten im Boden steckte und den ganzen Tümpel in ihrer Tiefe durchmaßen. Die Wurzeln lagen im Dunkeln und reichten wie kräftige Tentakeln hinab. Nur oben, auf dem Wasserspiegel entwickelten sie diese schöne, gewohnte und doch immer neue Farbenpracht.
Vom Priestertum Jesu wird ähnliches angenommen. Man meint, es habe dicke Wurzeln, die sich tief hinein in die Geschichte des Volkes Gottes bohren. Seine Wurzelstränge reichen bis hinab in die ersten Regungen der Priesterlichkeit, so dass sie oben ihr eigentümliches Aussehen annehmen. Oben, in der jeweiligen Gegenwart entfaltet sich die neue Blüte, die sich dem Betrachten und Pflücken darbietet. 
Alles hat den Anschein, als sei es so, das stimmt aber nicht. Das Priestertum Jesu liegt eher wie die Seerosen meiner alten Vorstellung, ohne Wurzeln in der Welt. Es hat keine Tentakeln, denen man folgen könnte, um dessen Ursprungsgrund kennen zu lernen.
Das alles ist so, weil das Priestertum sozusagen wurzelfrei vom Himmel herabgestiegen ist. Weil es außer Gott keinen Ursprung hat, ist es etwas ganz Neues, und es sei schon mal gesagt: Die Priester der Kirche haben alle lebendig Anteil an genau diesem Priestertum.

Die ganze Sache erfordert eine Klärung. Es wurde ja schon angesprochen: Das Priestertum hat Ähnlichkeiten, die Wurzeln vermuten lassen. Das Priestertum der Juden opferte, das Jesu opferte, das der Kirche opfert auch. Man wird also schließen, das eine stamme vom anderen. So muss es aber gar nicht sein.
Ich gestatte mir einen hinkenden Vergleich. Jemand sieht im Wald eine Gruppe Pilze mit einem ganz bestimmten Rot. In vergangenen Zeiten standen da schon mal welche mit der selben, eigentümlichen Farbe. Man wird schließen, die Farbe der neuen stamme von der Farbe der alten ab, die einen kämen aus den anderen. Was aber, wenn des nachts jemand daher gekommen ist, der ganz neue herbeizaubern konnte und es vermochte, ihnen täuschend echt die selbe Farbe zu verpassen? Das ist unwahrscheinlich, aber keineswegs unmöglich. Sicher sein kann man sich also nicht, es kann so oder so sein. Einer Sache wirklich sicher sein kann man sich aber nur, wenn alles andere ausgeschlossen, also völlig unmöglich ist.
Die Behauptung ist nun, das Priestertum hat viele Ähnlichkeiten übernommen. Es opfert, wie die alten Priester des jüdischen Gesetzes und trägt Gewänder wie die römischen Senatoren der alten Zeit. Also stammt es auch von beiden ab. Vom einen der Wurzel nach, vom anderen wegen der Nachahmungen, die man sehen kann.
Genau das stimmt aber eben nicht. Das Priestertum stammt seinem Dasein nach von nichts und niemandem ab, sondern ist ganz neu von Gott her und eine ganz neue Schöpfung. Wenn man auf Erden jetzt also einen Priester berührt, dann berührt man einen Menschen, der von der Erde und aus einer Familie ist. Man berührt aber zugleich etwas, das ganz frisch und ganz neu und unverbraucht ist; ganz nach der Art Gottes, der zugleich unendlich alt und unendlich jung ist.
Eine Anmerkung, die später mal ans Ende kommt, sofern ein Buch draus wird (kann übergangen werden): Es gibt übrigens in der Wissenschaft einen bekannten Streit. Wenn eins vom anderen stammt und nicht anders sein kann, dann nennt sich das Ursache mit notwendiger Wirkung. Weil Wirkung im Lateinischen „Causa“ heißt, nennt man solche Verbindungen „notwendig kausal“. In der Entwicklung der neueren Wissenschaften hat man entdeckt, dass man in der Welt nicht immer von notwendigen Kausalitäten ausgehen kann. Wenn man nicht immer sagen kann, dass die Dinge notwendigerweise voneinander abhängen, dann kann man nie mit Sicherheit sagen, dass sie es tun. Man will aber mit Sicherheiten arbeiten, mit Unsicherheiten ist die Wisenaüschaft nicht zufrieden. Deshalb verzichten die modernen Wissenschaften ganz darauf, überhaupt irgendwelche Kausalitäten zu behaupten.
Dagegen gibt es Widerstände von Seiten derer, die an den alten Formen der Wissenschaft hängen. Aristoteles und Thomas hatten zum Beispiel ihre Gottesbeweise, die davon lebten, notwendige Kausalitäten zu behaupten. Wenn man irgendwo Bewegungen sähe, dann müsse man annehmen, es gebe irgendwo jemanden, der mit den ersten Bewegungen anfing. Der sei Gott. Verzichtet Man auf Kausalität, kann man diesen Beweis nicht mehr gebrauchen, weil nichts notwendig sein muss, wie vermutet wird. Manche Freunde der modernen Wissenschaften behaupten nun, Gott könne es also nicht geben. Was man nicht behaupten könne, das könne auch nicht sein. Dieser Schluss ist allerdings genau so töricht, wie der, dort auf Kausalität zu bestehen, wo es keine geben muss. Aber wie gesagt, es gibt einen ziemlichen Streit zur Frage, ob es Kausalitäten in der Welt gibt, und in jedem ernst zu nehmendem Streit kann man getrost einer Meinung sein. 

Der Mythos und das Opfer

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Ich bin nicht ganz sicher, ob man in einem Buch ohne Fremdwörter von Mythen reden kann, ohne zuerst den Begriff zu klären. Was Märchen sind, weiß jeder, was Sagen sind, sicher auch. Mythen haben mit beidem zu tun. Wie Märchen und Sagen erzählen auch die Mythen von alten Bildern, Vorstellungen, Fragen und Sehnsüchten, die im Menschen sind. Es gibt alte Bilder vom Durchgang durch den Tod zu neuem Leben. Es gibt alte Motive, die vom Verlorengehen und Wiedergewinnen der Liebe handeln. Es gibt solche, die vom Vertreiben aus dem Paradies erzählen und viele andere Bilder, die immer wieder ihre Geschichten finden. Solche Mythen finden sich immer schon bei den Menschen und ihren Erzählungen.

Als ich mit dem Studieren anfing, ging gerade eine Zeit zu Ende, in der sich bedeutende Gelehrte heftig gegen alles Mythische gewehrt hatten. Man hatte die mythischen Bilder aus dem Glauben entfernen wollen. Die Mythen standen vermutlich im Ruf, etwas an sich zu haben, was man nicht sicher genug ergreifen konnte. Der Glauben sollte wohl wieder mal in einer Art Aufklärungsbad gereinigt und nüchtern gemacht werden.
Mein Erinnern ist gerade nicht sonderlich präzise, aber ich glaube damals schon irgendwie gewusst zu haben, dass die Leute etwas Unmögliches versuchten. Man kann wohl die Mythen aus der Bibel schneiden oder unbeachtet lassen. Damit hat man sie aber nicht aus den Menschen genommen. Oberflächliche Leute denken schon mal, die Menschen würden an die Mythen glauben, weil sie in der Bibel stehen. Ich würde eher meinen, sie stehen in der Bibel, weil die Menschen schon immer an sie geglaubt haben. Mythen gehören zum Menschen und sind älter als die Geschichten, die sie erzählen. Wenn die Alten den Jungen erzählen, dann geben sie urmenschlichen Bildern Ausdruck.
Man kann einem Pferd das Zaumzeug vom Kopf nehmen. Dadurch wird es irgendwie ein freieres Pferd ohne die Last, die es vorher trug. Man kann ihm aber nicht den Kopf abschrauben, ohne dass es aufhört ein Pferd zu sein. Man könnte die Menschen nur dann von ihren Mythen befreien, wenn diese nicht zum Menschen gehören würden, wie ihre Natur und das lachen Können zum Beispiel. Die Menschen lachen nicht nur, weil sie Witze hören. Sie lachen auch, weil sie lachen möchten, und das aus ihrer tieferen Natur heraus. Man mag dem Menschen das Lustige und die Witze nehmen. Seinen Humor aber wird er behalten. So werden die Leute immer die selben Mythen haben, ganz gleich, ob man sie pflegt oder verachtet.

Wir stehen mit unseren Gedanken beim religiösen Opfern, und ich leite hier so lange ein, weil dem Opfergedanken etwas tief Mythisches anhaftet, das zum Menschen gehört.
Vermutlich gibt es grundsätzlich zwei Weisen des Opferns. Das eine geschieht, um ein Gegenüber gnädig zu stimmen, um ein Verhältnis mit ihm in Ordnung zu bringen, oder weil um eine Gabe gebeten werden soll. Der berühmte Sündenbock, der geopfert wurde, sollte die Gottheit zur Verzeihung veranlassen. Man brachte schon immer Opfer, um irgendwelchen Göttern zu schmeicheln oder um gute Ernten zu erbitten. Es ist an dieser Stelle nicht relevant, in wie weit es die Götter genauer gibt oder gab, oder auch nicht. Hier geht es um den mythischen Antrieb des Menschen.
Die zweite Weise der Opfer kommt aus einem ganz anderen Motiv. Sie geschieht aus Freude oder einer Art Dankbarkeit. Verliebte haben eine herrliche Lust, einander Geschenke zu machen, die irgendwie was kosten. Für einen frischen Bräutigam kann der Blumenstrauß nicht groß genug sein, den er seiner Angebeteten bringt. Als der heilige Thomas von einer Krankheit genesen war, lud er zum Dank an die heilige Agnes seine Studenten zum Essen ein. Auch das kann als eine Art Dankopfer angesehen werden.

Im Mythos vom heilen Paradies nun konnte es die erste Weise des Opferns nicht gegeben haben. Alles war noch in Ordnung, die Menschen wussten, die Zuneigung der Gottheit war ihnen sicher. Sie brauchten nichts herbei opfern. Keine Sünde trübte das Verhältnis zum Schöpfer, so war auch kein Sündenbock vonnöten. Alles war reine Gabe im Überfluss, es brauchte keine Opfer für gute Gaben und reiche Ernten. Einzig der reine Dank und der Baum der Erkenntnis waren Möglichkeiten, dem Herrn seine Zuneigung zu zeigen. Mit dem Baum der Erkenntnis war eine Art Gebot ausgesprochen: Es durfte nicht von ihm gegessen werden. Es war eine Ehrensache und eine Möglichkeit, hier zu tun und zu lassen, was der schöpferische, liebe Vater angeordnet hatte. Wie es auch eine Lust für kleine Kinder ist, zu tun, was die Eltern gesagt haben, nur weil sie es gesagt haben.
Später, nach der Sünde und der mythischen Vertreibung aus dem Paradies, eröffnete sich erst die andere Weise, Opfer darbringen zu können. Mit ihr ergab sich zugleich dieses Wechselspiel von „weiß nicht recht“ und „es muss sein“. Hier eröffnete sich mit dem Opfer die bange Ahnung, dass Gott solcherlei Opfer doch gar nicht nötig hatte, und dass man aber doch ein Bedürfnis danach verspürte. Mit dem Opferkult entstand also auch seine Krise und Kritik an ihm.
An dieser Stelle beendete das Opfer Christi ein für alle mal alles bittende Opfern. Mit seiner Tat eröffnete er wieder die Grundlagen des alten Paradieses. In diesem neuen Zustand gibt es keinen Grund mehr, sich die Gottheit gnädig zu stimmen, denn „nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“, wie Paulus schreibt. Die Verzeihung ist ein für alle Mal erledigt und das Himmelreich ist ebenfalls eröffnet. Es bleibt, wie im Paradies damals, einzig das Opfer des Lobes und des Dankes. So heißt denn auch das Opfer des Altares nurmehr „Eucharistia“, Danksagung.

Der Opferkult, Ahnen und Wissen

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Offensichtlich ist der Mensch ein Wesen, das grundsätzlich wissen kann, woran es ist. Wenn die Alten Recht haben, dann kommt aus dieser Fähigkeit, wissen zu können irgendwie automatisch ein Wunsch, auch möglichst alles wissen zu wollen.
Kleine Kinder fragen ihren Eltern Löcher in den Bauch, weil sie ihre kleine Welt erklärt haben möchten. Sie würden nicht fragen, wenn in ihnen nicht eine Ahnung schlummerte, dass sie die Antworten auch verstehen können.
Otto Liliental baute seine ersten Fluggeräte nicht nur, weil er unbedingt fliegen wollte. Er baute sie auch, weil in ihm eine Ahnung war, dass er es irgendwann einmal können würde.
Heute basteln wir an der Idee, ins Weltall zu rasen und die Grenzen der Geschwindigkeit zu überwinden. Wir würden diesen Aufwand gar nicht erst treiben, wenn sie keine Ahnung befeuerte, dass da später mal was möglich wird. Die Ahnung kann sich täuschen, sie ist ja nur eine Ahnung. Aber wie realistisch sie auch sein mag, sie ist eine enorme Triebkraft, die ganze Batterien voll laufen lässt zum Aufstehen nach jedem Fall. Der Mensch ist also nicht nur einer, der aus Wissen handelt. Er tut es auch aus seinen Ahnungen heraus, und die sind immer irgendwie dunkel.

Ich schreibe das alles, weil ich im Zusammenhang mit dem religiösen Opfer auf etwas hinaus will, was selten bedacht wird. Die alten Lehrer der Christenheit aber haben es sehr deutlich gesehen, und es ist nicht ganz unwichtig, es zu erwägen. Die ganze Sache der Menschen mit den religiösen Opfern scheint mir nämlich ein Treffen von Wissen und Ahnen, vom Gehen auf guten Pfaden und auf gewaltigen Holzwegen zu sein.
Die Ahnungen sind von anderer Art als das Wissen. Ahnungen sind weniger konkret und noch weniger sicher, was zum Beispiel Einzelheiten angeht. Man kommt nach Hause, irgendwas ist gewesen, man weiß aber noch nicht was, ahnt aber mit Sicherheit: Hier stimmt was nicht. Man erkundigt sich aus der Sicherheit der noch unsicheren Ahnung. Diese treibt zum konkreten Handeln, und weil die Ahnung unsicher ist, kann das Handeln einen auf den Holzweg führen. Das Ahnen geht dem Wissen voraus. Vorsichtige Leute würden vermutlich vom Handeln abraten, man ist ja noch nicht sicher.

Ein Blick in die Funde der Wissenschaft zeigt, die Menschen haben in Sachen religiösen Opfern schon immer was geahnt. Die ältesten Funde zeigen Beilagen in Gräbern. Man gibt den Toten nichts zu Essen auf dem Weg, wenn man nicht zumindestens ahnt, dass sie auch nach dem Ableben noch etwas damit anfangen können. Kritiker werden sagen, das waren die großen, frühen Holzwege, auf denen die Menschen sich tummelten. Dass da aber so etwas wie eine sichere Ahnung war, lässt sich kaum leugnen.
Auch später haben die Menschen immer irgendwelche Altäre gehabt, sie hatten wohl immer auch so etwas wie Priester, die zwischen einer sichtbaren und unsichtbaren Welt zu vermitteln suchten. Ich will hier jetzt gar nicht sagen, ob und wie weit das alles richtig war oder daneben lag. Vermutlich war immer von beidem etwas dabei, und so ging es den Leuten offenbar immer.

Übrigens: Die primitive Religionskritik, der wir in diesem neuen, nervösen Atheismus begegnen, macht den Leuten weis, die Religionen verlangten immer ein kritikloses Hinnehmen der Opferkulte. Der Glaube sei blind, ohne Kritik und ohne Widerspruch. Den verlangten die Religionen. Sie unterschlagen eine Seite der Wirklichkeit, nämlich die Kritik, die lange vor ihnen da war. Und das ist die Kritik aus den Religionen selbst. Sie müssen diese Unterschlagungen machen. Schließlich haben sie sich herabgelassen, eine Art Kriegspropaganda für ihre Sache zu machen. Kriegspropaganda muss den Gegner schlechter lügen, als er ist. Das Fußvolk kämpft schließlich ja nicht gern gegen Feinde, die es irgendwie noch in Ordnung findet.
Die Wirklichkeit schaut aber stehts anders aus als die Propaganda, und die große Kritik an den Opfern kam schon immer aus den Religionen selbst. Es war schon immer ein tastendes Hin und Her. Auf der einen Seite stand der große Opferkult, der sich aus der Ahnung entwickelt hatte. Auf der anderen Seite sprach der große Strang der Kritik, und es waren die großen Propheten und Denker, die in die Kulte riefen, Gott habe kein Gefallen an Schlacht- und Brandopfern.
Eigentümlich ist, dass die innerreligiöse Aufklärung offenbar dafür gesorgt hat, dass die großen Kulte des Opferns ein allgemeines Ende gefunden hat. Weder bei den Juden, noch bei den Christen werden noch Tiere geschlachtet und der Gottheit Gaben aus den Ernten dargebracht.

Hier setzt der heilige Thomas an, wenn er das Opfer Christi zum Thema macht. Er sieht in den Opfern der Vorzeit wohl das Ahnen, und in den Kulten Zeichen, die aus der Dunkelheit der Ahnung wohl wirkliche Zeichen für etwas gewesen war, was man noch nicht hatte wissen können. Erst mit Christus sei das letzte und endgültige Wissen auf die Welt gekommen, nämlich dadurch, dass Gott selbst seine Kinder aufgeklärt hat. Die Kulte waren nie ganz richtig und nie ganz falsch. Die christliche Gelehrsamkeit nannte sie sogar in gewisser Weise „Sakramente“, sofern sie nämlich äußere Zeichen für innere, heilige Zusammenhänge waren. Die Sündenböcke konnten zwar nicht wirklich Sünden wegnehmen. Sie konnten aber Zeichen für das sein, was einst würde wahr werden können. Gott hat immer schon mit Freuden verziehen, aber erst das Lamm Gottes, auf das Johannes, der letzte der Propheten zeigte, trug wirklich aus der Welt, was in ihr nie etwas zu suchen hatte.

Quellen:

Sth III, 8, 3 arg 3: „Praeterea, sacramenta veteris legis comparantur ad Christum sicut umbra ad corpus.“

Sth III 61, 4, co: „Respondeo dicendum quod, sicut antiqui patres salvati sunt per fidem Christi venturi, ita et nos salvamur per fidem Christi iam nati et passi. Sunt autem sacramenta quaedam signa protestantia fidem qua homo iustificatur. Oportet autem aliis signis significari futura, praeterita seu praesentia, ut enim Augustinus dicit, XIX contra Faust., eadem res aliter annuntiatur facienda, aliter facta, sicut ipsa verba passurus et passus non similiter sonant. Et ideo oportet quaedam alia sacramenta in nova lege esse, quibus significentur ea quae praecesserunt in Christo, praeter sacramenta veteris legis, quibus praenuntiabantur futura.“

Das Phänomen des ganz Neuen

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Es gibt also Probleme, wenn der Schuster nicht bei seinem Leisten bleibt. Ich würde jetzt aber gern eine Sache ansprechen, über die man im täglichen Geschäft eher weniger nachdenkt. Es ist die Sache mit dem ganz Neuen. Natürlich sind uns ganz neue Sachen nicht unbekannt. Jemand kauft sich ein Auto oder ein anderer macht aus Leder einen Stiefel. Beides war vor seiner Herstellung nicht da.
Dennoch: Das „ganz neu“ bekommt hier eine Einschränkung. Natürlich ist das Auto neu, wenn es vom Band läuft und der Stiefel, wenn der Schuster ihn fertig stellt. Für beide, neue Sachen wurden aber alte, gebrauchte Stoffe verwendet.
Der Kunstoff und das Eisen wurden beide irgendwie zusammen gebaut. Die Dinge, aus denen sie sind, waren aber zuvor Bestandteile von etwas anderem. Wenn nicht sie selbst, dann waren ihre Grundstoffe alt.

Eisen besteht aus Atomen, um einmal mit unseren alten Bildern zu sprechen, und Leder auch. Das Tier, von dem das Leder stammt, hat gefressen und getrunken, um aus der Nahrung Leder zu produzieren. Das Eisen im Auto war früher einmal in den Felsen großer Berge eingeschlossen und Bestandteil von Erz. Es musste mühsam von alle möglichen Elementen gereinigt werden. Die Grundstoffe der Grundstoffe sind also alt, wenn man so möchte. Selbst die Moleküle, aus denen wir zusammengesetzt sind, haben unzählige Jahre auf dem Buckel, und irgendwann waren wir mal Sternenstaub. Wirklich neu sind die Dinge also alle nicht, wenn man ihre Grundbestandteile nimmt (die wir übrigens noch gar nicht richtig kennen).
Ein klassisches Beispiel für das nicht ganz Neue, ist das Wasser. Jeder weiß, Wasser besteht aus  Wasserstoff und Sauerstoff. Beide Elemente sind, für sich genommen, nicht nass, aber wenn man sie in einer bestimmten Form zusammensetzt, bilden sie gemeinsam ganz neu das nasse Element Wasser. Was heraus kommt, ist neu, die Bestandteile gab es vorher schon.

Die alte Geschichte, in der das Auftauchen von etwas völlig Neuem beschrieben wird, findet sich bei Christus im Neuen Testament. Jesus zaubert mit Hilfe seiner Wunderkraft Brötchen für viele Leute. Diese waren der Geschichte nach plötzlich da und ganz neu. Das heißt, sie waren nie im Backofen, kein Becker hatte das Mehl für sie bereitgestellt. Es gab dort keine Öfen und keine Wartezeiten. Die Brötchen samt ihren kleinsten Bestandteilen waren nicht dem Molekülemagazin der Welt entnommen worden und nirgends hatte irgendjemand etwas herbeigetragen. Diese Brote waren einfach da und fertig, und die Leute staunten nicht schlecht.

Der Leser wird sich denken, dass es hier Einspruch und Mecker gibt, und zwar von Kritiker mit der Überzeugung, so etwas könne und dürfe nicht sein. Es gibt Leute, die das Universum für eine Art geschlossenes System halten, in dem alles schon vorhanden ist und in das nichts mehr hinein kommt. Unsere Heizung ist auch ein geschlossenes System. In ihm fließt immer das selbe Wasser. Es wird an der einen Seite erhitzt, auf der anderen Seite fließt es durch die Heizkörper und wird wieder kalt. Das System ist zu. Nichts braucht von außen zugeführt werden, außer Energie und hin und wieder der Teil an Wasser, der verdunstet. Beim in sich geschlossenen Universum braucht und kann von außen nichts hinzugefügt werden. Alles ist irgendwie schon da und alles funktioniert in Ursachen, die Wirkungen hervorbringen und die selbst wieder zur Ursache werden. Innerhalb des Systems gibt es eine gewisse Menge Energie, Materie und was sonst noch so existiert, und alles geschieht ohne Eingreifen von Außen, denn ein Außen gibt es gar nicht. Also gibt es nichts wirklich ganz Neues.
Es ist wohl die Rede von relativ neuen Sachen, wie das Wasser aus den Stoffen. Wirklich ganz Neues aber kann nicht erklärt werden.

Anders bei den Gläubigen. Sie sagen, die Welt mag noch so reibungslos funktionieren und geschlossen aussehen, es gibt jede Menge ganz Neues, das in die Welt geschenkt wird, wie die Brote Jesu. Wann immer ein Mensch entstanden ist, wurde mit ihm eine ganz neue Seele in die Welt geschaffen, für die der Schöpfer aus keiner Reserve etwas basteln brauchte. Alles ist frisch an ihr und sie hat mit allem, was sie ist, einen wirklichen Anfang. Jeder Mensch ist eine ganz neue Schöpfung, so der Glaube mit seinen atemberaubenden Gedanken.
Das ganz Neue kann es, wohlgemerkt nur geben, wenn es einen Schöpfer gibt, der es sich ausdenkt und hinein erschafft, und das macht er einigermaßen heimlich. Die neuen Dinge sind einfach neu da, ohne laute Ankündigung, ohne Nachrichten und Sirenen. Es ist einfach da und entwickelt sich mit der Natur, in der es sich plötzlich findet.

Hier gibt es Kritiker, die sagen, das könne nicht sein, die Wunder würden den Naturgesetzen widersprechen. Hier kann ich allerdings nicht ganz mit, weil ich nicht sehen kann, gegen welche. Ich kenne kein Naturgesetz, das die Ankunft von etwas Neuem verbietet, abgesehen davon, dass ich überhaupt kein Gesetz kenne, das etwas verbieten kann. Nehmen wir an, ein Brötchen liegt plötzlich vor unserer Nase, einfach so und aus dem Nichts. Das Ding ist mit seinem Auftauchen wie jedes andere auch in die Gesetze der Natur eingebunden. Es trocknet, wie alle Brötchen, es wird schimmelig, wie alle. Es macht satt oder sorgt für Verdauungsschwierigkeiten, je nachdem. Ich höre bei seinem Auftauchen keinen Widerstand der Natur. Nirgends gibt es eine Anzeige, nirgendwo ein Stöhnen oder eine Beschwerde. Die Natur mit samt seinen Gesetzen steht parat, unzählige Teile sofort in sich aufzunehmen, und ich sehe kein Gesetz, das dem Widerstand leistet.
Die Teilchen der Welt sind nicht abgezählt, und das Universum ist kein Einweckglas, in das nur bestimmte Mengen passen, bis es platzt.
Man verzeihe mir, wenn ich mich weit aus dem Fenster lehne, weil ich nicht viel Ahnung von diesen Dingen habe. Sollte ich mich in allem irren, werde ich alles zurück ziehen. Bis dahin aber sehe ich nicht, wie die Natur das wunderbare Erscheinen ganz neuen Lebens verhindern soll.

Was die Eucharistie kann und was nicht

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Wir sind bei der Frage, was man am Altar denn eigentlich bekommt. Dass viel mehr zu holen ist, als bei gewöhnlichen Speisen, das dürfte klar geworden sein. Wenn man zum Chinesen geht, dann gibt es chinesisches Essen. Man bekommt das Vergnügen für den Gaumen, den Geschmack und für den Körper die Vitamine. Im besten Fall gibt es das Vergnügen einer guten Gesellschaft dazu und auch sonst alles, was man erhofft. Der große Unterschied aber ist: Die Speise macht sonst nichts mit uns, wie denn auch? Reis und Fisch kann nur geben, was Reis und Fisch zu geben haben.
Mit der Gabe des Altares ist das anders. Sie tut etwas, sie gibt etwas und kann aus dem, der sie bekommt, etwas machen. In ihr wirken nämlich Kräfte, die sonst keine Speise haben kann. Das liegt daran, dass sie etwas ganz anderes ist, als man ihr ansieht. Auf dem Altar verwandelt der Heilige Geist Gottes die Speise in Christus persönlich. Das bedeutet, die Speise kann, was Christus wirken kann. Die Speise wirkt, was Christus wirken will. Er hat sie überhaupt erst eingesetzt und der Welt geschenkt, wegen dieser Wirkungen. Das wird in den Kirchen schon mal vergessen, weil vom Wichtigsten oft nicht mehr gesprochen wird. Wenn die Menschen das mit Christus und seinem wirken Wollen nicht wissen können, dann sehen sie in der Messe nicht viel mehr, als essen zu gehen. Dann geht man eben nicht zum Chinesen, sondern zum Nazarener.

Christus ist aber als der Gnadenspender schlechthin zur Erde gekommen. Weil er sterben und die Welt verlassen musste, hat er sich etwas einfallen lassen, damit die Nachkommen nach seinem Tod die gleichen Gaben würden bekommen können, wie seine Zeitgenossen. Also setzte er die Kirche ein, um in ihr die Messe zu installieren. In der Messe sollte es die Gaben geben, die sonst nur die Jünger bekommen hätten. Die hatten nun den Auftrag, alles an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. Also vermittelt diese Speise die Gnade Jesu, und wir sind gerade dabei zu sehen, welche das denn sein könnten. Die erste war die „Glorie“, wie das Lateinische sagt, ein Anteil an der Herrlichkeit des Herrn und des ganzen Himmels.

Als nächstes nennt Thomas eine Gabe, über die wir genauer reden müssen. Christus hätte am liebsten alle Menschen an seinem Tisch. Er hat seinen Glauben innerhalb seines Volkes vorbereitet, damit über die Jahrhunderte hindurch alles langsam verstehbar wurde. Als er aber endgültig auf die Welt sollte, öffnete er das ganze für die ganze Welt. Seit dem gibt es keine Unterschiede mehr. Es kann aber Umstände geben, unter denen man zwar eingeladen ist, unter denen man aber nicht hin darf und die Herrlichkeit nicht empfangen kann. Ein Gedanke dazu.

Am Tisch einer Familie meines Kulturkreises musste man sich vorher die Hände waschen. Wir gehörten selbstverständlich zur Tischgemeinschaft, auch wenn wir Dummheiten gemacht hatten. Aber mit schmutzigen Pfoten kam nicht in Frage, genau so wenig wie mit unbekleidetem Oberkörper. Man mochte das spießig finden, aber irgendwie stand alles unter der Idee, der Tisch einer Familie habe etwas Heiliges. Das verlangt nach einem Mindestmaß an Kultur, ansonsten ist irgendwie alles nichts mehr wert. Es gab also einen kleinen, äußeren Kodex. Der verlangte nicht viel, er verlangte aber auch nicht nichts.
Ein sonntägliches, gemeinsames Essen machte irgendwie die Familie aus und war eine herrliche Freude. Es konnte aber sein, dass man am Tisch saß und doch gerade mit irgendwas nicht einverstanden war. Wegen irgendetwas mochte man sich noch böse sein und gar nicht so harmonisch. So ist das bei den Menschen. Ganz genau genommen wären auch kleinere Widerstände groß genug, um „klärt das erst einmal und dann kommt wieder“ sagen zu können. Auf der anderen Seite waren solche Sachen zu gering, und sie lösten sich oft schon beim Essen wieder auf, und am Ende war wieder alles gut.

Etwas Ähnliches schildert Thomas in der Frage, ob zu den Wirkungen der Eucharistie die Nachlassung jener Sünden gehört, die das geistige Leben beenden. Auf der einen Seite sagt er Ja. Christus kann alles wieder gut machen. So kann er auch alle Hindernisse am Tisch wieder hinbekommen.
Auf der anderen Seite heiß es nun aber: Es gibt Gründe, die einem verbieten, die Füße überhaupt unter den Tisch zu stellen. Wieder etwas banal gesagt: Wer seine schmutzigen Pfoten behalten will, der kann gar nicht erscheinen. Also kann er auch nicht die Segnungen bekommen, die es an der Tafel gibt. Die Eucharistie kann das nicht heilen, was einem verbietet, überhaupt zur Eucharistie zu kommen. Dazu sind andere Sakramente da, die einen eben für die Tafel bereiten.

Quelle: Sth III,79,3.

Gibt es eine unsichtbare Welt?

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Das nächste Kapitel sieht unscheinbar aus. Aber Thomas macht hier ein Fass auf, über dessen kostbaren Inhalt man mal ein eigenes, kleines Büchlein schreiben sollte: Er ist aber umstritten. Die Materialisten müssen ihn vermutlich rundweg ablehnen, wenn sie Materialisten bleiben wollen. Die Gläubigen nennen ihn ein bis zwei Mal im Jahr im sogenannten „großen Glaubensbekenntnis“, aber ich würde vermuten, sie rechnen im Leben nicht wirklich damit. Die Rede ist von der sogenannten „unsichtbaren Welt“.
Es wird überraschen, aber ich meine jetzt einmal nicht die fernen Welten des Jenseits, auf die die religiösen Menschen hoffen. Damit ist jetzt nicht der ferne Himmel gemeint und die zukünftigen Blumenwiesen des Paradieses. Vielmehr ist jetzt mal eine Seite unserer Welt gemeint, die dem menschlichen Auge für gewöhnlich verschlossen bleibt.

Um davon anfangen zu können, sei zunächst kurz angesprochen, wovon Thomas eigentlich spricht. Er stellt sich die Frage, ob man mit dem Empfang der Eucharistie Anteil an der himmlischen Herrlichkeit bekommt. Thomas sagt natürlich Ja, und nach den Einwänden meint er schlicht: Versprochen ist der Empfang des ewigen Lebens, und das sei nunmal ein Leben in Herrlichkeit.
Es sieht also so aus, als sei nun doch nur vom fernen Jenseits die Rede. Das muss so aber gar nicht gemeint sein. Er sagt natürlich, hier auf Erden könne nur ein Unterpfand, ein Anfang gegeben sein. Die wirkliche, vollendete Herrlichkeit, die gibt es als ganzes natürlich erst da, wo alles glänzt. Aber was ist ein Anfang wert, der nicht schon anfängt?
Die Frage wäre nun also, ob der Glanz hier auf Erden nur aufs Jenseits verschoben wird, oder ob er nicht doch schon hier beginnt, ohne, dass wir ihn sehen können.
Wir kennen das Phänomen längst aus dem Leben. Da ist jemand, der fährt mit glänzenden Autos durch die Gegend. Er wohnt in prächtigen Schlössern und umgibt sich mit Pomp und Seide. Im Dorf aber weiß jeder, in Wirklichkeit ist er ein Schurke und schmutziger Kerl. Niemand sieht das und niemand rechnet je damit, dass es gesehen wird. Aber ist das auch so?

Ein Gedanke dazu. Der heilige Josefmaria soll seine Freunde einmal auf den hohen Turm einer Kathedrale geführt haben, um ihnen zu zeigen, wie man im Mittelalter gearbeitet hat. Man sah mit Staunen, dass die feinen Verzierungen am Stein dort oben mit der gleichen Sorgfalt ausgeführt worden waren, wie am Boden. Unten konnte sie jeder betrachten. Damals aber hatte nie einer damit gerechnet, dass je ein Menschenauge so weit hinauf sehen konnte. Es hätte also gereicht, dort oben, wo ohnehin niemals jemand hinsehen kann, gröber zu arbeiten und die Sorgfalt etwas fahren zu lassen, um Energie zu sparen.
Aber nein, die Menschen hatten mittelalterliche Augen. Sie glaubten an Engel und Geister. Die Kirchen waren gar nicht nur für die Menschen und deren beschränkte Augen gemacht! Sie sollten ebenso ein Schauspiel für die Engel sein, die dort oben herrlich würden spielen können.

Als Kind der Neuzeit mit mittelalterlichen Tendenzen glaube ich nicht an Geister, wohl aber an Engel. So glaube ich zum Beispiel, die Beichtstühle unserer Kirchen werden von uns eher als Holzkisten wahrgenommen, die dunkel sind, wenn wir hinein kriechen und dunkel bleiben, wenn wir hinaus klettern. Wenn aber wahr ist, was ich glaube, und wenn stimmt, was ich vermute, dann werden genau in dieser Kiste aus Sündern in einem Augenblick Heilige und die für die Augen unserer Schutzengel sind sie lichte Orte größten Entzückens, die samstags heller Leuchten als das große Feuerwerk zu Sylvester.
Wenn es so ist, wie ich vermute, dann fängt der Glanz der himmlischen Herrlichkeit in Wirklichkeit erst gar nicht dort an, wo ohnehin alles im Licht steht. Vielmehr laufen die Menschen vom Altar und aus dem Beichtstuhl eher wie entzückende Glühwürmchen durch den Winterabend nach Hause. Das klingt natürlich jetzt alles etwas versponnen. Aber ich glaube so gern daran, wie der heilige Josefmaria an das Spiel der Engel.
Das muss jetzt gar nicht unbedingt alles auf das religiöse Schauspiel hinauslaufen. Ich würde meinen, es wäre ein Akt der Gerechtigkeit, wenn es schon jetzt auf Erden Engelsaugen gäbe, in denen der Drecksack auch wie einer aussieht, ganz gleich, mit welchem Pomp er sich umgibt. Ich würde mir auch wünschen, dass der arme, gute Mensch, der nie irgendwo auffällt, schon jetzt in Freude glänzt, und dass sein Glanz nie verloren geht. Ich würde mir wünschen, dass die heimlichen Tränen geschaut und nicht vergessen werden, und dass sich der unsichtbare, aber wirkliche Teil der Welt irgendwo abbildet. Ein Wunsch, auf den der Materialismus verzichten muss, an den aber jeder irgendwie glauben kann, der von einer spirituellen Seite der Wirklichkeit überzeugt ist.

Quelle: Sth III,79,2.