Die Ungläubigen

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Briefe an unseren Bufdi

Seit diese ausgeflippten Muslime überall dieses mörderische Theater veranstalten, hat ein Wort nebeliges Wort „Unglauben“ Konjunktur, über das ich schon lange mit Dir reden wollte. Das Wort ist nebelig, weil man es in einer präzisen Rede eigentlich gar nicht benutzen kann, ohne jedesmal erklären zu müssen, was man jetzt gerade meint.
Jeder, der zehn Sekunden nachdenkt, eine seltene Investition übrigens, kann sehen, dass Unglaube nicht gleich Unglaube ist.
Mir scheint, jeder der andere Leute Ungläubige nennt, meint immer die, von denen er gerade am wenigsten hält. Wenn ich von Ungläubigen rede, dann meine ich in aller Regel Atheisten, also Leute, die behaupten, die Welt und vor allem sie selbst hätten keinen Schöpfer. Dass ich vom Atheismus nicht viel halte, weißt Du bereits, und dass mir Spaß macht, mich an dieser Front abzuarbeiten und den einen oder anderen Witz zu reißen, das weißt Du auch. Als Kind der westlichen Welt, deren Atemluft nunmal christlich ist, habe ich den Grundsatz des alten Augustinus mit der Muttermilch getrunken, man solle den Sünder lieben, seine Sünde dagegen nicht. Das bedeutet, die liebenswertesten Menschen können den verrücktesten Ideen nachlaufen und was immer einer glaubt oder denkt, ein gutes Gespräch, ein gutes Essen und einen guten Schluck Wein muss jeder bekommen.

Wenn die Terroristen von den Ungläubigen sprechen, dann meinen sie alle, die man ohne schlechtes Gewissen umbringen darf. Eine Variante, die man nach weit weniger als zehn Sekunden Investition für einigermaßen dumm halten wird. Allein schon: Wer einen Ungläubigen umbringt, und das im Namen einer Gottheit, der raubt genau dem gemeinten Gotte die Zeit, aus dem Ungläubigen einen Gläubigen zu machen. Aber genug davon. Es gibt Sachen, die sind so blöd, dass man irgendwie gar nicht drüber schreiben kann. Karl Kraus fällt mir ein, der zu allem was zu sagen wusste. In Sachen Adolf Hitler konnte er nur anmerken, da falle ihm nichts mehr ein. Aristoteles schreibt in seiner Topik, wer nicht sehe, dass der Schnee weiß ist, der brauche bessere Augen und wer nicht wisse, dass man die Götter verehren soll, der bräuchte Zurechtweisung. In beiden Fällen wären Diskussionen jedenfalls nicht zielführend. Menschen, die nicht lesen können, schreibt man keine Briefe, und wie will man Leute, die nicht denken können oder wollen, zum Nachdenken anregen?

Übrigens, die Muslime, mit denen wir es in unserem Job täglich zu tun haben, die meinen mit den Ungläubigen in aller Regel auch die Atheisten. Alle Muslime, mit denen ich bisher sprechen konnten, respektierten mich besonders, weil ich einen Glauben habe, den ich beschreiben kann und lebe. Sie haben ein Glaubensbekenntnis, das zwar nur einen Satz lang ist, aber sie haben eins. Der christliche Glaube gibt mehr zu denken und braucht ein ganzes Glaubensbekenntnis. Aber der Glaube ist beschreibbar und das macht ihn aus.
Mit allen Andersgläubigen, bei denen ich Gelegenheit hatte, etwas tiefer gehend zu sprechen, konnte ich mich auf die Formel einigen, unser Glaube ist verschieden und Gott wird am Ende sagen, wer sich wo geirrt hat. Aber dass jemand annimmt, am Ende sei da nichts und niemand, der die offenen Fragen klärt, das hat noch kein Gläubiger verstehen können.

Kennst Du den Spaemannschen Gottesbeweis? Er geht so: Dass ich jetzt gerade schreibe, ist wahr. Morgen ist wahr, dass ich gestern hier geschrieben habe. In fünftausend Jahren ist das selbe wahr, ebenso in unausdenklichen Zeiten. Gewesene Tatsachen vergehen nicht. Was ist aber, wenn eines letzten Tages die Welt vergeht? Ist die Tatsache, dass ich hier geschrieben habe, dann nirgends aufgehoben, nirgends bewahrt? Wir stoßen an die Grenze des Undenkbaren. Dass mit der Welt die Wahrheit vergeht, kann ich nicht denken. Aussprechen kann ich es, aber nicht denken. Ich kann sagen, dass ein Kreis vier Ecken hat, denken kann ich es nicht. Viel leichter fällt mir da mit zu gehen, wenn da einer sagte, er selbst sei die Wahrheit und das Leben. Mit anderen Worten, es gibt eine Gottheit einen Ort, an dem alles Wahre wahr bleibt und aufgehoben ist.
Ich liebe Gottesbeweise. Sie beweisen nichts, aber sie legen nahe. Und wenn ich mich mit meinen gläubigen Freunden zu einigen hätte, was ein Ungläubiger sei, dann würde ich einen ersten Vorschlag machen. Ein Ungläubiger ist vielleicht einer, der nicht bereit oder imstande ist, das Naheliegende auf die Weise des Glaubens auszuprobieren.

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Das dauernde betroffen sein

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Islam und Christentum 51

Jetzt ist die Liebe an der Reihe. Und bevor ich mit ihr loslege, würde ich gern eine kleine Meditation über eine Sache einschieben, über die hin und wieder nachzudenken ich lohnenswert finde. Es ist die Sache mit dem herausgefordert werden des Menschen. Wir können mit einer Formel beginnen:

Wer von etwas getroffen wird,
der muss irgendwie reagieren.

Du kennst das Spiel  noch aus unserer Zeit in der Schule. Dauernd kamen die Kinder (und auch die schon etwas älteren) zu mir mit der Beschwerde, irgendwie von ihren Mitschülern beleidigt worden zu sein. Es ging dann immer um die Frage, wie man angemessen reagiert. Wer beleidigt wird, hat das Recht, die Pflicht oder ganz allgemein gesagt, die Möglichkeit, zu reagieren. Gar nicht reagieren geht gar nicht. Eine Beleidigung, die uns nicht trifft, ist keine. Ein getroffenes Tier aber reagiert immer, und wenn es im Lauf auch nur kurz zuckt. Eine Beleidigung ist also immer eine Herausforderung, und damit spielt derjenige, der uns beleidigt. Er weiß, dass er uns treffen kann und erwartet, dass wir mit unserer Reaktion einen Fehler machen.

Man kann das menschliche Leben jetzt auch einmal betrachten, wie eine Sache, die uns dauernd mit etwas herausfordert. Wenn plötzlich ein Kind entsteht, dann ist das für das Leben auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Eltern müssen darauf reagieren, und was wir die Ethik nennen, stellt uns immer ganze Kataloge auf, wie man mehr oder weniger falsch reagieren kann.

Nicht umsonst haben die alten Geschichten die Liebe schon mal als einen kleinen, dicken Engel dargestellt, der mit einem kleinen Bogen spitze Pfeile auf die Menschen abschießt. Das Verliebtsein trifft uns wie ein Pfeil. Wir haben vielleicht lange Zeit in ziemlicher Ruhe vor uns hin gelebt; plötzlich tritt da ein Mensch in unser Leben, der alles in Wallung bringt und uns nicht in Ruhe lässt. Man ist plötzlich ganz außer sich, heißt es im Volksmund und bei den Philosophen. Es ist aber wie mit dem Tier auf der Wiese. Wenn es getroffen wird, dann kann es gar nicht anders, als reagieren.

Um den Gedanken etwas vollständiger zu machen: Es gibt auch Dinge, die uns  ganz grundsätzlich und immer herausfordern. Für sie braucht es keine Pfeile und keine Ereignisse oder Begegnungen, die auf uns abgeschossen werden. Das Gute, das Böse und die Wahrheit sind Dinge, von denen wir immer herausgefordert werden und von denen jeder ganz allgemein und automatisch sagt, dass es ein richtig und falsch gibt. Solche Dinge sind etwa das Gute, das Böse und die Wahrheit. Wir brauchen hier jetzt gar nicht über diese Dinge zu philosophieren. Es reicht, wenn wir sagen, jeder normale Mensch weiß, das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen, und der Wahrheit ist immer die Ehre zu geben. Diese drei Dinge sind immer irgendwie in allem, was uns anspricht und trifft. Wir sehen jemanden einen Raubmord begehen, und alle sagen, das ist böse und verboten.

Jeder Dieb beschwert sich,
wenn er beklaut wird.

Dass der heilige Martin dem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gab, weil diesem so kalt war, wird von allen als große und gute Tat gepriesen. Viele würden das nicht machen und lieber schweigend weiter ziehen, bevor sie ihren Luxus teilen. Aber keiner sagt, das sei besser. Der Satz „du sollst nicht lügen“ hätte bei den Zehn Geboten fast gar nicht dabei sein müssen, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Jeder Mensch  weiß eigentlich, es gehört sich nicht, die Wahrheit zu verbiegen.
Der Philosoph Nietzsche hat schon mal gewagt, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Als ich Gedanken wie „warum soll ich keine Frau vergewaltigen?“ zu lesen hatte, war ich in meiner Unschuld tief getroffen und entsetzt. Allein die Frage zu stellen, um ernsthaft über sie nachzudenken, kam mir wie ein Verrat am Gefüge des ganzen Universums vor. Aber Philosophen dürfen und müssen das: Sich in verbotene Zimmer wagen und Pfade beschreiten, die nicht ausgetreten werden dürfen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, gute oder schlechte Antworten zu geben.

Wie immer auch, wenn wir von der Liebe sprechen, dann meinen wir im alltäglichen Denken so etwas, wie ein positives getroffen werden. Die Summe fängt auch mit diesem Gedanken an: „Die Liebe ist eine passio, eine Leidenschaft“, also etwas, was uns trifft. Dann aber kommt der eigentliche Gedanke: Gott aber kann in seiner Gottheit von nichts getroffen und erschüttert werden. Also können wir nicht sagen, in Gott sei Liebe. Thomas widerspricht dem natürlich nicht. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Es gibt aber nicht nur leidenschaftliche Liebe. Der Meister setzt tiefer an: Bei allem, was man will, ist immer irgendeine Liebe der eigentliche Motor. Darüber sollten wir noch mal ein Wort verlieren.

Der Wille und die große Seligkeit

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Islam und Christentum, 50

Zur Methode der Scholastik gehört das Diskutieren, der Dialog, würde man heute sagen. Zwei Schülern wird ein Thema gegeben, eine Frage vorgelegt. Beide sollen sich eine Lösung ausdenken und die mit Worten möglichst gut vertreten. Dabei sollen sie sich auf die Gedanken stützen, die große Denker vor ihnen bereits genannt haben. Einer fängt an und legt seine Meinung dar. Der andere merkt sich alles so gut er kann und stellt Fragen, nicht um das Gesagte zu widerlegen, sondern um sicher zu gehen, dass er ihn richtig verstanden hat.
Dann ist sein Gegner an der Reihe. Er legt seine gegenteilige Meinung dar, und auch er möglichst gut und möglichst gebildet. Dann tauschen die beiden Kontrahenten die Position. Jeder muss jetzt, so gut er kann, diejenige Meinung vertreten und sichern, die vorher seine gegnerische war. Beide Meinungen stehen nun da, und der Lehrer gibt am nächsten Tag die Lösung in einer kurzen Ansprache bekannt. Am Schluss werden die einzelnen Argumente, jedes für sich, kurz widerlegt, und die Frage ist so gut es geht geklärt. 
So etwa sah zur Zeit der Hochscholastik ein Dialog an der Universität damals aus, und zu besonderen Anlässen und Festen wurden besondere Fragen ausgewählt. 
Du siehst schon, es wurde gründlich gearbeitet und vor allem wurde das Denken und Argumentieren geübt und geschult. Am Ende sollten gelehrte Leute die Universität verlassen, die in ihrem Fach möglichst gut gebildet waren. Mit diesem Rüstzeug sollten sie sich dann den Gegnern anderer Glaubensrichtungen und Meinungen stellen. Man war der Überzeugung, die besten Antworten zu den wichtigen Fragen kämen so am besten ans Licht. Heute würde man sagen, jeder kann sich am Ende möglichst gut für seine Positionen entscheiden.
Zur Zeit der Scholastik waren es allerdings nicht nur die Christen, die auf diese Weise diskutierten. Bei den Juden und Muslimen gab es ebenso gelehrte Leute, die sich die tiefen Fragen der Religion und Weltanschauungen vorlegten. Große Themen taten sich in der Frage auf, wer den alten Meister Aristoteles am besten und richtig zu erklären und kommentieren verstand. Hier hat auch unser Meister Thomas sich besonders hervorgetan und die Werkzeuge der Philosophie für seine christliche Welterklärung zu benutzen.
Aber bleiben wir bei unserem Beispiel. Ich habe Mohammed gefragt, ob er glaube, dass Gott etwas wolle. Wenn vom Willen und Wollen die Rede ist, dann geht das auf zweierlei Weisen. Man kann vom Willen selbst reden und von den Dingen, die gewollt werden. Ein Beispiel. Der Friede ist etwas, was alle wollen. Man sagt, der Friede gehört zum Willen. Ein anderes Beispiel ist das Essen. Alle wollen satt werden, so gehört das Essen und Trinken in den Bereich des Willens. Das sind Sachen, die gewollt werden, also die Gegenstände des Willens. 
Man kann nun auch zu der anderen Seite der Frage kommen und sagen, dadurch, dass jemand Himbeereis mit Sahne will können wir sagen, er gehört zu denjenigen Wesen auf der Welt, die überhaupt einen Willen haben. Ob er dies oder das will, er kann wollen.
Der eine will in ein Dorf gehen, der andere in eine Stadt. Das heißt, beide können Laufen. Sie haben die nötigen Apparate, die menschliche Wesen laufen machen.

Ähnlich habe ich bei Mohammed angesetzt. Ich sagte, Gott ist barmherzig. Das bedeutet, er will unser Bestes. Dadurch, dass er unser Bestes will, zeigt er, dass er grundsätzlich etwas wollen kann. Er ist also nicht wie ein Stein etwa, dem die Werkzeuge dazu fehlen. Hier steigen wir mit Thomas ein. Er sagt, in Gott ist Wollen, also ist in ihm auch so etwas wie Vernunft, denn dem Willen muss eine Art vernünftiges Erkennen vorausgehen. Wir können nichts wollen, wenn wir zuvor nicht etwas für würdig erachtet und erkannt haben. Das Erkennen erledigen ist eine Aufgabe der Vernunft. Also ist der etwas wollende Gott ein erkennender Gott.

Wollen heißt immer Gutes wollen. Wir können nichts wollen, wenn wir in dem Gewollten nicht irgendwie etwas Gutes entdeckt haben. Thomas sagt, der Gegenstand des Willens ist immer das Gute, und ob einer gute Bücher will oder gute Autos will, er will hinter allem immer das Gute als solches. Gott ist die Quelle und Fülle des Guten. Also ist Gott das, was am meisten gewollt werden kann und wird. Wenn man das alles beim Wort nimmt, dann will Gott zunächst und am meisten sich selbst, und alles Gute, wird eigentlich um seinetwillen gewollt, ob man darum weiß oder nicht. So kommen wir zu dem fast absurd klingenden Schluss. Jeder Wille will hinter allem, was er will, bei Gott sein, und Gott selber will auch am tiefsten und meisten sich selbst. Darin aufgehen, das nennen wir die große Seligkeit.

Mohammed und die Scholastiker

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Islam und Christentum 49

Am Beginn des folgenden Kapitels möchte ich Dir erzählen, was ich schon länger Silvia erzählen will, und zwar, was ich unter einem Scholastiker verstehe. Als ich Mohammed nach seiner Ansicht über Gottes Innenleben fragte, schaute er mich mit großen Augen an und sagte etwas wie: „So kann man von Gott doch nicht sprechen“, und das „kann“ in seinem Satz meinte nicht dass man es nicht kann, wie man ohne Flügel nicht zu fliegen vermag. Es meinte, dass man es nicht soll. Das Wörtchen „können“ hat ja zwei Bedeutungen. Einmal meint es etwas, was nicht geht. Der Mensch kann keine Stunde unter Wasser bleiben, geht nicht. Die zweite Bedeutung meint, man darf nicht, was man kann. Jeder kann stehlen, aber keiner darf es. Wer es tut, bekommt Ärger und alle sagen zu Recht. Als Mohammed mir sagte, so könne man nicht über Gott reden, meinte er, klar kann man, es ist aber nicht gestattet. Genau das aber nehmen sich die Scholastiker heraus.

Aber zunächst zum Wort selbst. „Scholastik“ kommt vom lateinischen Wort für Schule, und so kann man es auch nehmen. Die Scholastik ist eine Epoche in der Geschichte, in der man in den Schulen auf bestimmte Weise über die Dinge nachgedacht hat, die man sich vorstellte. Deshalb ist die Scholastik eigentlich eine Methode, eine bestimmte Weise, wie man denken und die Dinge behandeln kann. Und weil man diese Methode eigentlich nur in einer bestimmten Zeit des Mittelalters gepflegt und ausgebaut hat, nennt man nicht nur die Methode, sondern auch ihre Zeit Scholastik. Unser Meister Thomas war zum Beispiel der große Meister der Scholastiker. Deshalb nennt man die Zeit seines Lebens etwa die Zeit der Hochscholastik. Etwas ausführlicher über die Methode und ihre Epoche zu sprechen, dazu fehlt uns hier die Zeit. Wir werden im Folgenden noch manches darüber sehen. Was ich hier erklären will ist vielmehr das schon genannte: Die Scholastiker nehmen sich heraus, weiter über Gott nachzudenken, als sich viele das trauen. Viele sagen, der Anstand und die religiösen Regeln verbieten es, in das Mysterium Gottes hinein zu spekulieren. Es wird als unanständig empfunden, wie man es unanständig findet, durch die Kleidung eines Menschen hindurch zu spähen. Er hat seine Kleider ja gerade, weil er etwas vor unanständigen Blicken schützen möchte. Der angemessene Umgang mit diesem Wunsch heißt, ihn zu respektieren und sich zurück zu halten. So gilt es als unanständig, im Mysterium Gottes herum zu kramen. Er hat es uns ja als solches vorgestellt, und sein Mysterium hat man zu respektieren.
Die Scholastiker sind aber Christen, und die stehen im Glauben, dass Gott sein Mysterium für seine Kinder eröffnet und zugänglich gemacht hat. Als Jesus am Kreuz seinen Geist aushauchte und in die Hände des Vaters zurück legte, zerriss der feierliche Vorhang im Tempel. Ein Symbol dafür, dass der Allmächtige sein Herz für seine Kinder ab jetzt geöffnet hat. Ein offenes Herz für seine Freunde haben bedeutet, hinein sehen zu dürfen. Liebevoll und anständig natürlich, aber klar und deutlich. Die Scholastiker nehmen sich nichts heraus, was ihre Religion verbietet. Vielmehr tun sie etwas, wozu die Religion ihre Kinder auffordert: Einzutreten ins Allerheiligste, zu betrachten und zu erwägen, was der Erhabene zur Betrachtung zur Verfügung stellt. Vielleicht wie mit einem Museum, das eröffnet wurde und in das jeder mit seinen Gruppen hinein darf und ermutigt ist, über die Kunstwerke an den Wänden zu sprechen, um sie tiefer genießen zu können.
Scholastiker denken also auf bestimmte Weise nach. Sie denken über Gott und die Welt nach und sie denken über die Religion ihrer Kinder nach, und das, so tief sie können. Damit sie es gut machen, dafür üben sie gemeinsam. Meine Frage an Mohammed war also nicht ganz anständig. Er ist kein Scholastiker und als Muslim glaubt er an den Fortbestand des Bilderverbotes. Deshalb ist es nicht ganz anständig, ihn aufzufordern, mit mir über den verbotenen Zaun zu klettern, um Äpfel zu stehlen. Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich eine anständige Abbitte leisten.

Gott ist nicht unberechenbar!

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Islam und Christentum, 48

Mein Namenspatron, ein heiliger Pfarrer aus Frankreich, hat meinen Hauptgedanken zum Bilderverbot einmal in liebe Worte gefasst. Er sagte zu einem seiner Kinder im Beichtstuhl: „Mach dir keine Sorge, alles, was von Gott kommt, kann nicht unheimlich sein.“ Damit ist alles gesagt, und der heilige Pfarrer von Ars, so hieß das kleine Dort, in dem er wirkte, hatte ohnehin die Gabe, mit wenigen, schlichten Sätzen immer irgendwie alles zu sagen. „Gott ist weder unheimlich, noch hat er etwas Unheimliches an sich.“ Der Gedanke tut mir gut, wie mein Sofa am Abend nach einem langen Arbeitstag.

Aber vielleicht sollte ich Dir kurz erklären, was Unheimlich sein mit dem Bilderverbot zu tun hat. Der Gedanke geht so: Alles, was gewaltig ist und man sich nicht erklären kann, das hat das Zeug, unheimlich zu werden, weil es irgendwie unberechenbar bleibt. Bei kleinen Sachen ist das kein Problem. Kleine Sachen haben wir im Griff, weil sie klein sind, und was wir im Griff haben, ist keine sonderliche Bedrohung. Der kleine Bruder meines Nachbarn war nie eine Bedrohung, aber der große, der hinter ihm stand und kräftig dreinhauen konnte, wenn er wollte, der schon. Man machte ihn sich besser nicht zum Feind und beruhigt war man erst, wenn man seiner Freundschaft sicher sein konnte.
Wenn ich richtig sehe, sorgen drei Dinge dafür, dass uns unheimlich wird: Größe, gepaart mit Unberechenbarkeit und die Dunkelheit, wenn die Ecken nicht ausgeleuchtet sind.

Ein Beispiel. Als Isaac Newton die Physik modernisierte, tat er einen wichtigen, ersten Schritt dafür, dass die Welt viel weniger unheimlich war. Er stellte nämlich fest, dass die gleichen Kräfteverhältnisse im gesamten Weltall herrschen, die wir im Zuhause unserer kleinen Erdenwelt kennen. Die gleiche Schwerkraft, die dafür sorgt, dass die Äpfel im Herbst zu Boden fallen und nicht quer durch die Luft, sorgt dafür, dass die Erde nicht der Sonne davon fliegt und ungeschützt ins kalte Weltall fliegt. Die Schwerkraft gilt im ganzen Universum, wissen wir heute. Später stellte sich heraus, dass die Sonne und überhaupt die ganzen anderen Sterne am Himmelszelt alle aus dem gleichen Zeug sind, wie die Sachen, die wir in unserer Lebenswelt tagtäglich in den Händen halten. Thomas und seine Leute haben noch gedacht, die Sterne seien Himmelskörper von ganz anderer, uns immer fremder und unbekannter Art, und sie würden auf unerklärliche Weise in der Sphäre ihrer Bahnen gehalten. Seit den Entdeckungen der modernen Physik wurde das Weltall eher ein großes Dorf, als ein unbekanntes, finsteres Reich, von dem man nicht weiß, was droben ist. Auch wenn unbekannte, intelligente Wesen bei uns landen würden, dann müssten sie viel mit uns gemeinsam haben. Sollte ihre Reise lange gedauert haben, dann müsste man ihnen raten, sich von der Erde möglichst fern zu halten. Sie müssten nämlich friedlicher und unschuldiger sein als wir. Wer über Jahre im gleichen Raumschiff sitzt, muss ziemlich friedlich sein.
Wenn die Menschen ihrer Technik nach lange mit Raumschiffen fliegen könnten, würden sie sicher nicht weit kommen. Beim übernächsten Planeten hätten sie sich sicher schon gegenseitig umgebracht. Aber wie das immer das alles auch sein mag, die Fremden wären uns nicht all zu fremd. Sie wären, wie wir aus den selben Molekülen und Atomen gebaut, wie unsere Leiber.
Je berechenbarer das Universum wird, desto weniger Furcht jagt es uns ein, und die vernünftige Wissenschaft kann wie eine Lampe sein, die uns die dunklen Ecken der Welt ausleuchtet.

Das Evangelium des Neuen Testamentes hat für mich schon immer eine ganz ähnliche Funktion. Es leuchtet mir nämlich, wenn man so will, die Gottheit aus. Im Alten Testament hat Gott angefangen, erste Informationen von sich zu geben. Er hat gezeigt, dass er Lust hat, ein Volk sein Eigen zu nennen. Er hat sein Israel beschützt und unbeschadet durch das berühmte Rote Meer geführt. Er hat versprochen, sich zu kümmern, und langsam aber sicher immer mehr von sich preisgegeben. Zum Schluss hat er in Jesus Christus gezeigt, was und wer er wirklich ist. Nicht nur barmherzig, was wir ja zusammen bekennen, sondern auch liebevoll, väterlich, und bis zum qualvollen Erleiden eines schlimmen Todes bereit, jede Sünde zu verzeihen, wenn der Sünder auch nur ein Fünkchen Reue in sich finden lässt. Das ist in der Religion meiner Väter eine feste Gewissheit und gehört zum Kern aller Botschaften.

Ich muss an dieser Stelle allerdings etwas dazu sagen, was sehr bedeutend ist. Gar nicht lange nach dem Leben unseres hochmittelalterlichen Lehrers zogen nämlich philosophische Tendenzen in die Gotteslehre ein, die in meiner Kirche für ziemliche Verwirrung gesorgt hätten, wenn sie sich nicht auf die Lehre des heiligen Thomas festgelegt hätte. Es gab nämlich Leute, die im Ansatz sagten, Gott könne in seiner Allmacht auch trotz seiner Geschichte mit Jesus letztlich doch noch ganz anders sein. Allmacht bedeute im Grunde, auch noch mal ganz anders zu können. Es sei bei Gott am Ende des Tages nicht unmöglich, dass alles, was wir gut finden, für ihn doch ein Gräuel ist, und wovor wir uns fürchten, sei für ihn vielleicht hübsch anzusehen. Hier haut der heilige Thomas mit der schweren Faust seiner Intelligenz auf den Tisch und gebietet mit lauter Stimme Ruhe.
Ich kann Dir verraten, dass in manchen Köpfen auf evangelischer Seite und auch bei Katholiken, die ihre Lehrer nicht kennen, sich solche Gedanken nicht verbieten und immer noch ganz gut halten. Bei Thomas kann das nicht sein und er weiß seine Meinung wie kein zweiter zu vertreten. „Gott ist nicht unberechenbar!“, steht in riesigen, in Stein gehauenen Lettern über der Türe seiner Schule. Ein Grund für mich, ihn zu lieben und ein Grund, für die Kirche meiner Väter, seine Bücher auf ihren Altären liegen zu haben.

Kein Bild von Gott?

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Islam und Christentum, 47

Vielleicht war ich in Deinem Alter, vielleicht etwas jünger oder auch schon etwas reicher an Jahren. Jedenfalls gab es eine Zeit, in der ich mit der Religion meiner Väter nichts mehr am Hut haben wollte. Im Nachhinein kann ich aber sagen, das lag nicht an der Religion sondern eher daran, dass es die meiner Väter war. Wäre meine Familie eine alteingesessene Muslimfamilie gewesen, ich hätte diese mit der gleichen Abscheu von mir gewiesen. Es war eben so eine Zeit, in der wir glaubten, uns emanzipieren zu müssen. Emanzipation war überhaupt das Stichwort meiner Generation damals. Emanzipation heißt sich befreien, und zwar von den Bedingungen, aus denen man kommt. Wenn mein Vater der CDU nahestand, war es für uns wichtig, kräftig links zu sein. Wenn unsere Eltern die anständige Musik ihrer Generation hörten, war es für uns gerade wichtig, besonders laute aufzulegen. Die Vögel wollten selber fliegen lernen und sich nicht mehr sagen lassen, wie das geht. Emanzipation hieß also, aus den Nest springen und alles anders machen, anders wollen, als die Alten. Wir haben uns beim Sprung aus dem Nest natürlich manche gebogene Nase geholt und es brauchte einen guten Schutzengel, dass bei unseren Versuchen der Befreiung am Ende nicht all zu viel Schlimmes passiert ist. Heute, also viele Jahre später, ist das alles wieder ganz anders. Die Vögel fliegen längst und sind schon dabei, das Gefieder der älteren Tiere anzulegen. Was mich selbst angeht, fällt auf, dass ich nach vielen Rundflügen, Versuchen und Abenteuern wieder genau dort gelandet bin, wo ich her kam, und das gefällt mir heute ausgenommen gut, muss ich sagen.

Jedenfalls, was die Religion angeht, habe ich kräftig rebelliert, weil meine Familie immer schon religiös war. Ich habe viel versucht, ausprobiert und geschnuppert. Heute bin ich wieder in der Religion meiner Väter gelandet und finde gerade das sehr gut, oder besser, es erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Einen Grund für diese Dankbarkeit möchte ich hier besprechen. Er hat nämlich mit etwas zu tun, von dem ich weiß, dass Du an ihm festhältst und was ich immer schon abgelehnt habe. Es heißt Bilderverbot. Ich glaube es war Bennie, mit dem ich vor Tagen kurz gesprochen habe, und der sagte, man dürfe sich kein Bild von Gott machen. Ich habe zugestimmt, aber nicht alles gesagt, was ich in dem Moment dachte. Es wäre eine zu lange Diskussion geworden, und es war, wie immer zu wenig Zeit. Die Sache mit dem Bilderverbot ist nämlich eine Sache, die das Christentum sehr grundsätzlich von der jüdischen und muslimischen unterscheidet. In allen drei Religionen wird natürlich gesagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Ich sage das, wie Du weißt, wohl auch. Es macht keinen Sinn, das Unmögliche möglich machen zu wollen. Kein Mensch kann sich ein Bild von Gott machen, es würde sofort eine künstliche und irgendwie selbstgemachte Religion dabei heraus kommen, und da kann was nicht richtig sein, wie wir beide finden werden. Deshalb ist das „du sollst dir kein Bild von Gott machen“, eins der frühen Gebote aller drei Religionen.

Nun kommt aber der Unterschied. Um es einmal so zu sagen: Bei Juden und Muslimen bleibt es dabei, die Christen allein behaupten, das Bilderverbot hat in Christus ein Ende gefunden. Jesus löste es nämlich persönlich auf, als er sagte: Wer mich sieht, der sieht den Vater.
Verstehst Du? In allen drei Religionen ist gesagt, der Mensch solle sich kein Bild von Gott machen. Bei Juden und Muslimen scheint das in alle Ewigkeit so stehen zu bleiben, einzig in der christlichen können wir sozusagen eine Verlängerung des Gebotes aussprechen: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, weil ich dir bald selber eins vorstellen werde.“ Bei uns ist Jesus in der Tat das große Abbild des Vaters in der Welt. Seit ich in meinem Glauben darum weiß, hat die Religion ganz und gar aufgehört, mir irgendwie unheimlich zu sein. Das ist ein starker Grund für die Dankbarkeit, die mich trägt, seit ich wieder im Nest meiner Väter gelandet bin.

Anm:
Joh 12, 44 ff: „Jesus aber rief aus: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt. Wer meine Worte nur hört und sie nicht befolgt, den richte nicht ich; denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.“

Joh 14, 9 ff: „Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.“

Alle wissen, was Leben heißt

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Islam und Christentum, 46

Die Menschen sind manchmal schwer zu ertragen. Zu diesen zählen solche, in denen ein deutlicher Drang zu herrschen scheint, die Welt um sie auf den besten Stand zu bringen. Um ihnen einen Namen zu geben, nenne ich sie Richtigmacher. Richtigmacher machen alles richtig, zumindest sind sie nicht von ihrer Überzeugung abzubringen, dass das stimmt. Ich nenne jetzt keinen Namen, weil man das nicht macht. Aber gestern war ich wieder mit einer Richtigmacherin in meinem Auto unterwegs, oder besser gesagt, ich war mit ihr für die Zeit einer Fahrt in meinem Auto eingesperrt. Sie wusste natürlich nicht, dass sie in den Schränken meines Kopfes in der Schublade der Richtigmacher abgelegt worden war. Aber kaum waren wir losgefahren, machte sie ihrem Namen alle Ehre. Ich sagte einen beiläufigen Satz, in dem mein Auto vorkam, und ich machte meinen Fehler: Ich sagte in der Gewohnheit meiner Heimat ich müsste dieses und jenes „wegen meinem Auto“ machen. Die Korrektur kam sofort! Es wurde in der Gegenwart dieser Person ein Fehler gemacht, und wenn alles richtig sein soll, dann gehört der ausgemerzt. Verbesserung der Welt durch Vernichten ihrer Fehler. „Sei mir bitte nicht böse, aber es heißt ‚wegen meines Autos‘, nicht ‚wegen meinem Auto‘“ Ich war ihr aber böse, „und wenn mir nicht heute noch einer eine Millionen schenkt, dann werde ich dir bis ans Ende unseres Lebens böse sein.“

Das war gestern, und ich bin überhaupt nicht mehr zornig, obwohl es kein Geld gab. Aber was heißt überhaupt „richtig“? Nach der Auffassung meiner Begleiterin von gestern heißt richtig sprechen, so reden, wie der Duden das sagt. Richtig wird gesprochen, wenn alle nach dem Duden reden. Dieser Meinung muss man gar nicht sein. Für den Meister des Denkens hieß richtig sprechen, durchaus sprechen, wie die Menschen es tun, und vor alle, so, dass die Menschen ihn verstehen.

Es stimme wohl, was der Philosoph vom Leben sagt, dass es nämlich das Sein der lebendigen Wesen bedeute. Dann sagt er seinen schönen Satz: Bisweilen aber versteht man unter Leben im weniger eigentlichen Sinn seine Tätigkeit. Ganz im Sinn meines guten Freundes, der sagt, Leben heißt den Grill anwerfen und den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Wir müssen davon reden

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Islam und Christentum, 45

Kurz nochmal zur nachgeschobenen Erklärung. Es gibt Sachen, die man weglassen kann und es gibt Sachen, auf die kann man nicht verzichten. Wenn ein Wagen kein Nummernschild hat, dann bleibt er doch ein Wagen. Hat er keine Räder, wie soll man ihn dann noch Wagen nennen? Ich meine mit „keinen Rädern“ nicht, dass welche vorgesehen sind, die ihm nur gestohlen wurden. Ich meine keine geplanten, wie wenn man an einer Kuh keine Flügel planen würde. Kühe haben keine Flügel, aber Wagen haben Räder. Türen und Schilder kann man weglassen, aber die Räder machen aus einem Ding erst einen Wagen. So verstehen wir das mit dem Leben der Lebewesen. Man kann ihr Leben nicht wegnehmen, ohne aus ihnen „keine Lebewesen“ zu machen.
Wir reden hier von Gott. Nun ist es so, dass er aus seinem Himmel heraus einen Schritt auf uns zu getan hat, um mit uns in Kontakt zu kommen. Dabei hat er uns mitgeteilt, dass er lebt. Und nicht nur das. Er hat uns auch sagen lassen, wie genauer sein Leben innerlich ausschaut. Er hat seine Mitteilung nicht einfach in ein Buch schreiben lassen, was man zuerst denken würde und was man sich als Mensch wohl würde einfallen lassen. Nein, er hat ein menschliches Leben gelebt. Eine Idee, auf die ganz sicher nie ein Mensch gekommen wäre. Erstens ist die Idee zu weit weg sozusagen, zweitens hätte jeder, der mit ihr um die Ecke gekommen wäre, sich sofort entweder lächerlich gemacht oder er hätte sein Leben riskiert. Denn Du weißt selbst am besten: Wer in einer Religion ohne Menschwerdung Gottes die Menschwerdung behauptet, der lebt gefährlich. 
Nun ist es aber so, dass wir genau diese Behauptung behaupten müssen, selbst auf das große Risiko hin, jede Menge Ärger zu bekommen. Wir müssen behaupten, dass Gott den Weg eines Menschenlebens gewählt hat, weil wir es genau von diesem Menschen wissen. Dieser Mensch heißt Jesus. Am Ende seines Daseins auf Erden gab er den Leuten, die ihm glaubten, die Anweisung, sie sollten alle Geschöpfe über ihn belehren und die Menschen auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes taufen. Seit dem er das gesagt hat, werden jeden Tag die Menschen auf ihren eigenen Entschluss und seine Anordnung genau so zu Christen.

Der Allerhöchste hat uns also mitteilen lassen, dass er lebt, dass er das Leben ist und dass er Leben schenkt. Behalten wir aber im Kopf, wie das gemeint ist. Gott lebt, und auch von ihm können, oder besser gesagt, müssen wir sagen, dass man sich sein Leben nicht wegdenken kann. Würde er nicht leben, dann wäre er nicht da. Er kann also nicht aufhören zu leben, weil es nicht sein kann, dass es ihn nicht gibt. Wenn wir also von der Dreifaltigkeit sprechen, dann sprechen wir von etwas, was er schon immer war, was in ihm noch nie anders war und was somit nie begonnen hat und nie aufhören wird. Es kann sich an seinem inneren Dasein auch nichts geändert haben, als er beschloss, in der Geschichte seiner Welt einzugreifen. Ein Drucker bleibt der selbe Drucker, ob er ein liniertes oder ein kariertes Blatt ausdruckt. Sein inneres Dasein ist und bleibt das des selben Druckers.

Nun zu Thomas. Er schreibt, in Gott gibt es einen Hervorgang, denn Leben heißt lebendig sein und immer so etwas wie ein inneres Hervorgehen aus sich selbst. Gott kennt sich selbst. Also gibt es in ihm ein Kennendes Element und ein gekanntes. Das Erkennen seiner selbst und das erkannt werden seiner selbst ist ein und dasselbe, und vor allem, es ist in ihm. In uns gibt es so etwas auch. Auch wir kennen uns und wir erkennen uns. Wäre das nicht so, dann würden wir uns nicht gut, schlecht, groß oder klein finden. Und obwohl es diese beiden in uns gibt, sind wir doch nur eine Person. So haben wir das auch von Gott zu denken. Aber wie gesagt, das soll nicht als Anmaßung unsererseits gesehen werden, sondern beruht auf den Informationen, die er uns von sich gegeben hat. Das haben wir zu verkünden, ob es uns gefällt oder nicht.

Keiner weiß, was Leben ist

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Islam und Christentum, 44

Es gibt Leute in der Zunft der Schreiber, die können immer schreiben, und es gibt solche, die müssen auf ihre Eingebung warten, sonst wird das nichts. Ich gehöre zur zweiten Sorte, die schlechter dran ist. Wer auf den Zug warten muss, hat es weit weniger komfortabel als wer ein Fahrzeug sein eigen nennt, in der er nur einsteigen braucht. Aber was soll’s, es nützt nicht viel, seine schlechte Laune zu pflegen. Schließlich hört es auch nicht auf zu regnen, wenn man ihn nicht mag und schimpft. Ich sollte noch ein paar Gedanken zur Erläuterung einschieben, was das Innenleben Gottes angeht, und beginnen würde ich mit dem Leben selbst.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Vortrag eines Professors aus der Biologie angehört. Ich finde das Thema „Leben“ als solches interessant, und auch ohne selber von der Biologie sonderlich viel zu kennen, dachte es in mir:

„Oh, der Herr Professor nimmt sich viel heraus,
er lehnt sich vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster.“

Er hatte nämlich gesagt, wenn er eins wisse, dann, was Leben heiße. 
Wie gesagt, ich kenne nicht viel von der Biologie, ich weiß aber, dass man das nicht sagen kann. Keiner kann sagen, was das Leben ist und bedeutet, das Leben ist nämlich ein Mysterium.
Weißt Du schon, was ein Mysterium ist? Ein Mysterium ist  wie ein Geheimnis. Man kennt es nicht. Nur hat ist das Geheimnis etwas, das sich auflösen lässt. Hat man es gelöst, dann ist es kein Geheimnis mehr, weil man die Lösung kennt.
Es ist ein bisschen wir mit dem Unterschied zwischen einem Problem und einer Schwierigkeit. Hat jemand das Problem der Armut, dann ist die grundsätzlich lösbar. Wenn ihm ein anderer genügend Geld gibt, dann existiert das Problem nicht mehr. Es ist gelöst. Hat jemand die Schwierigkeit einer Behinderung, dann kann er nichts daran ändern. Schwierigkeiten sind nicht lösbar, man hat sie und sollte sich mit ihnen arrangieren, so weit es geht.
Mit dem Mysterium verhält sich das auch so. Es hat ein Geheimnis, hinter das man nicht kommen kann, jedenfalls nicht zu Lebzeiten auf der Erde. Mit Mysterien sollte man sich anfreunden. Man steht staunend davor, und wer an den Himmel der Christen glaubt, der kann sich auf seine feierliche Auflösung dort freuen. Im Himmel öffnen die Mysterien nämlich ihre Tore, und man kann schauend hinein marschieren. Wer nicht an den Himmel glaubt, der hat in dieser Sache Pech gehabt. Ihm geht es wie Gottfried Benn mit seinen letzten, berühmten Zeilen aus seinem Gedicht „Menschen getroffen“:

„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

Für den Christen besteht die Freude auf den Himmel gerade in der Auflösung und Begehbarkeit der Mysterien. Wenn man so möchte: Gott öffnet für seine Kinder sein Herz und lässt sie hinein schauen und hinein wandern sozusagen. Sie dürfen sein Innerstes betreten und erleben. Genau darin wird der große Genuss des Himmels bestehen. Aber davon mehr gegen Ende unseres Vorhabens, wenn wir den Himmel mit dem Paradies vergleichen.
Das Leben als solches ist also ein Mysterium. Es ist da, wir stehen staunend davor und können nicht sagen, was es ist. Wir können nicht sagen, wann genau es anfängt, wir können nicht sagen, wann genau es endet und schon gar nicht wie. Wir können wohl sagen, der Opa lebt, dann lebt er eben. Wir können auch sagen, ein Tier ist verendet, dann lebt es eben nicht mehr. Wie aber genau das Ableben geschah, das können wir nicht sagen, wir können auch nicht sagen, aus welchem Stoff es gewoben ist. Was lebt, das lebt eben, und auch der große Gelehrte Thomas kann nicht mehr sagen. Das Leben bedeutet, dass das Lebende sich aus sich selbst heraus bewegen kann. Das macht das Leben aus.
Ein kleiner Gedanke, bevor wir auf das Innenleben Gottes kommen: Der Anwalt des Thomas, Aristoteles, hatte einen Gedanken geäußert, der so schlicht, wie interessant ist und den sein Schüler Thomas öfter nennt:

„Das Leben ist das Sein des Lebewesens.“

Das heißt, ein Lebewesen hat sein Leben nicht, wie ein Schlosser seinen Schraubenschlüssel hat. Den kann er zur Seite legen und hört dabei nicht auf, ein Schlosser zu sein. Das Lebewesen hat nicht sein Leben, es ist sein Leben, oder besser gesagt, das Leben macht das Sein des Lebewesens aus. Wenn ein Hund etwa stirbt, dann ist er am Ende kein Hund mehr, denn ein Hund kann nur ein Hund sein, wenn er lebt. Ein Hund, der tot ist, ist ein ehemaliger Hund. So jedenfalls Aristoteles und mit ihm der heilige Thomas.
Das selbe sagen die Christen von Gott, auch wenn er über alles völlig erhaben ist. Auch für ihn muss eigentlich gelten, sein Leben ist seine Weise zu sein, und Leben bedeutet so etwas wie Bewegung von innen her und aus sich selbst, ohne etwas von außen dazu zu brauchen. Aber wie gesagt, wir stehen hier vor einem Mysterium.

Anm:
Sent. De anima 1,14,11: „Unde et vivere dupliciter accipitur. Uno modo accipitur vivere, quod est esse viventis, sicut dicit philosophus, quod vivere est esse viventibus. Alio modo vivere est operatio.“

– „Von daher versteht man unter Leben zweierlei. Zum einen das Leben selbst, das das Sein des Lebewesens bedeutet, wie der Philosoph sagt: Leben heißt Sein für das Lebendige.
Aristoteles schreibt sein Zitat in seinen zweiten Kapitel des Buches Über die Seele.

Sth I, 18,1,co: „Primo autem dicimus animal vivere, quando incipit ex se motum habere.“
– „Zunächst sagen wir ein Tier lebt, wenn es anfängt aus sich selbst heraus eine Bewegung zu entwickeln.“

 

Nur ein Prophet ist schwierig

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Islam und Christentum 43

Als wir vor Zeiten über die Annahme der Religion gesprochen haben, habe ich Dir aus Zeitgründen etwas verschwiegen. Als junger Bursche stand ich nämlich allen Ernstes vor der Frage, den Islam vielleicht anzunehmen oder nicht. Es war aber schon damals eigentlich unmöglich, und das aus einem Grund, der mit meinem Alter zu tun hatte. Es war nämlich die Zeit im Leben, in der man geneigt ist, sich für klüger zu halten, als man ist. Und als ich mir die Religion Deiner Väter angesehen habe, da konnte ich sie auf keinen Fall annehmen, weil ich mich selber für schlauer hielt als deren Gründer. Wenn man als junger Mensch eine Religion annehmen soll, dann muss man sie für schlauer als sich selbst halten. Junge Schüler wollen weise werden und schließen sich keinem Lehrer an, den sie für schwächer als sich selbst halten.

Der Stein des Anstoßes war ein Grund, den ich auch jetzt noch für problematisch halte. Nun weiß ich heute allerdings, dass ich nicht so schlau bin, wie ich damals dachte und lasse mich deshalb gern eines besseren belehren. Aber der Grund war das Alleinsein Mohammeds.

Unsere Bibel ist von vielen Leuten geschrieben worden. Allein die Berichte über das Leben und Sterben Jesu stammen aus mehreren Federn von verschiedenen Verfassern. Das hat den Vorteil eines Fahrzeuges mit vier Rädern. Geht eins verloren, dann landet der Karren noch lange nicht im Graben. Es lässt sich mit einem Rad weniger und einiger Vorsicht immer noch ganz passabel von A nach B kommen. Platzt einem aber das einzige Rad, auf dem man fährt, dann ist die ganze Tour zu Ende. Deshalb habe ich es für nicht sonderlich schlau gehalten, eine Religion, in deren Hände ich mein Schicksal legen sollte, auf ein solch unsicheres Bein eines einzigen Menschen zu stellen.

Ich verstand mit einem Mal die Aufregung, die in islamischen Gegenden hochkocht, wenn es um die Ehre des Propheten geht. Sollte es jemandem gelingen, seine Person unmöglich zu machen, so steht mit einem Mal die gesamte Religion in Gefahr ihrer völligen Auflösung. Plötzlich wurde mir klar, warum manchen Muslimen, mit denen ich sprach, so wichtig war, dass Mohammed ohne Sünde sein musste. Wer sündigt, der kann sich irren, und wer sich einmal irren kann, der kann zwei mal daneben liegen. Was ist die Religion wert, die ein einzelner Mann garantiert, der sich von uns nicht unterscheidet? Mohammed musste also ohne Sünde sein, um die Reinheit der Religion zu garantieren, die durch ihn in die Welt kommen sollte. Die Reinheit der göttlichen Schrift darf nicht mit einer einzigen, unreinen Feder geschrieben sein.

So wurden mir gleich meine heimischen Vorstellungen wieder warm und wie neu. Dort waren es wohl auch sündige Menschen, die geschrieben hatten. Es waren aber viele, die alle das gleiche erlebt, gesehen und gehört hatten. Es wird Dich wundern, aber die unzähligen Berichte in der Bibel über Jesus hier und da widersprüchlich sind. Es gibt leichte Unstimmigkeiten. Die Gegner unserer Religion greifen solche Widersprüche gern auf, um die Glaubwürdigkeit unserer Religion anzugreifen. Sie wissen nicht, dass die Macken im Evangelium die Glaubwürdigkeit überhaupt nicht berühren.

Wenn ein Mann berichtet, die Sonne habe an einem bestimmten Tag am Himmel getanzt, dann mag man ihm glauben oder nicht. Stellt sich heraus, der Mann war ein Spinner, dann geht man ungerührt zum nächsten Punkt der Tagesordnung weiter. Berichten aber zwanzig Leute von der gleichen Sache, dann macht einen das schon eher stutzig. Ist ein Spinner darunter, fällt das kaum ins Gewicht. Selbst wenn alle spinnen und unabhängig voneinander einigermaßen verschiedene Versionen vom tanzenden Stern erzählen, dann wird doch etwas mit der Sonne an diesem Tage nicht gestimmt haben. Grund genug jedenfalls, mal dort hin zu fahren, um genauer nach zu sehen. Ich würde einem Gott, der seine Botschaft in die Hände von zwanzig Spinnern legt, eher nachreisen, als einem, der sich einen einzigen Mann anvertraut, wer immer das auch sei. Es geht ja um die Sache selbst. Es geht nicht um die Boten, schon gar nicht um die Frage, ob sie das Spinnen nicht lassen können. Es geht auch nicht um die Schrift. Mag sie noch so heilig sein, sie ist es nur in dem Maß, wie das, wovon sie berichtet, heilig ist. Ein Rezept von gewöhnlichen Pflaumenkuchen braucht nichts Heiliges an sich haben. Pflaumenkuchen ist Pflaumenkuchen und nichts weiter. Eine Beschreibung aber, die mir den Weg zum Himmel zeigt, ist so heilig, wie der Himmel, den es mir weißt, mag sie auch voller Rechtschreibfehler sein.